Wir fuhren so dahin, und ich weiß nicht, was geschah. Ich habe ihn
einfach erwischt. Wir fuhren direkt ins Sonnenlicht, es war jene Zeit im
Jahr, in der die Sonne eine ganze Weile ziemlich tief am Himmel steht.
Einer der ersten warmen Tage.
Auf diesem Teil der Strecke blendete das Licht durch die jungen Blätter.
Wahrscheinlich kam der Vogel aus den Bäumen. Vielleicht hatten ihn
die von der Windschutzscheibe reflektierten Strahlen verwirrt. Ihn genau
in dieser Sekunde geblendet. Der dumpfe Aufprall verursachte sofort
Übelkeit in mir. Ich konnte auf keinen Fall weiterfahren.
Ich trat auf die Bremse, wendete das Auto an einer kleinen Einmündung
und fuhr zurück. Ich sah gleich, dass es ein Bussard war. Dort lag er,
zusammengekrümmt und schwer mitgenommen, sein weit aufgerissenes
Auge starrte mich an. Ich war mir sicher, dass er mich ansah – mich
unmittelbar ansah.
Meine Freundin saß bei mir im Auto, ich sagte: „Du musst weiterfahren.“,
dann stieg ich aus und holte ein altes Hemd vom Rücksitz. Die anderen
Autos fuhren schnell vorbei. Wir hatten den Warnblinker an, meine
Freundin blieb sitzen, und jedes Mal, wenn uns jemand überholte,
schwankte der Wagen wie ein Boot auf dem Wasser.
Als ich ausgestiegen war, versuchte der Bussard gerade, wie ein
Flugdrache die Straße hinunterzugleiten. Er schlug mit ausgebreiteten
Flügeln, aber sie gehorchten ihm nicht. Er sah ziemlich jung aus. Ich
kannte mich mit Vögeln aus, und der hier war noch nicht alt. Als wir
wegen ihm umgekehrt waren, dachten wir jedes Mal, wenn uns ein Auto
passierte, dass er überfahren werde, aber seltsamerweise leerte sich die
Straße nun. Das war genauso merkwürdig, wie dem Vogel in die Augen
zu schauen.
Mit dem Hemd in der Hand ging ich zu ihm hin, während er die Straße auf
den Flügeln hinunterrutschte.
Ich legte das alte Hemd über ihn, hob ihn hoch, er ließ es geschehen. Ich
wusste, es war ein wilder Vogel, aber er war einfach. Ich weiß nicht. Ich
weiß wirklich nicht, wie ich es ausdrücken soll.
Ich ging mit ihm zurück zum Wagen und legte ihn eingewickelt in das
Hemd in eine Kiste. Ein Auto war herangefahren, zu ihrem Glück hatte
die Frau gebremst, den Warnblinker an und ließ mich machen. Als ich
den Bussard zum Wagen trug, fing sie vom Vogelschutzbund an, aber
ich wusste, dass ein Tierarzt oder die Vogelklinik ihn einfach einschläfern
würden. Mehr konnten sie nicht tun.
Ich legte den Vogel behutsam in die Kiste und behielt sie während
der Fahrt auf dem Schoß. Charm fuhr nach Hause. Es gefiel mir nicht,
dass dieses schöne, wilde Geschöpf nichts unternahm. Es lag einfach
fügsam da.
Wir kamen zurück auf den Hof, und ich besah mir den Vogel genauer.
Der Hund trottete heran, beschnüffelte die Kiste, und ich sagte ihm,
er solle sich fernhalten. Er schien froh zu sein, dass die Sonne wieder
kräftig schien, trabte davon und suchte sich ein Plätzchen.
Ich nahm den Bussard aus der Kiste, wickelte ihn aus dem Hemd
und untersuchte seine Gelenke und Knochen, aber es schien nichts
gebrochen zu sein. Nur die Beine hatten ihm den Dienst versagt.
Sie hingen schlaff herab. Ich konnte keine gebrochenen Knochen
ertasten, zumindest nicht in den Flügeln. Ich tastete die Rippen und das
Brustbein ab, aber sie waren in Ordnung, nichts stach daraus hervor,
und der Vogel zeigte keinerlei Schmerzen. Seine Beine hingen jedoch
gerade herunter, so wie die der Fasane und anderen Tiere, die ich nach
der Jagd aufhing; es war kein Leben in den Beinen – kein Druck, kein
Zucken. Nichts geschah, wenn ich sie anfasste. Also sah ich mir das
Rückgrat noch einmal an, fand aber keine Wirbel, die herausragten oder
ausgerenkt waren.
Er hatte ebenso schöne, große, braune Augen wie ich. Das mag
sonderbar klingen; aber sie waren klar, energisch und braun wie meine,
das Einzige, worauf ich stolz bin, mit weiten Pupillen, die in der Mitte
pulsten. In seinen Augen lag keine Furcht.
Charm hatte Handschuhe besorgt, die ich wahrscheinlich brauchen
würde. Ich hatte mal einen Vogel gehalten und kannte die Gefahren.
Also hatte ich sie gebeten, ihre ledernen Gartenhandschuhe zu holen.
Die waren jedoch vertrocknet und ganz hart, damit konnte ich ihn nicht
abtasten. Aber der Vogel und ich schienen uns zu verstehen, und tief
im Inneren wusste ich, dass er mich nicht beißen oder angreifen würde.
Immer noch sah er mich so merkwürdig an. Als ob er sagen wollte,
mach mich wieder heil, das geht schon in Ordnung. Keine große Sache.
Wie ein Auto, das im Schlamm feststeckt und darauf wartet, dass es
jemand wieder auf die Straße schiebt, damit es weiterkann.
Ich legte den Vogel in eine größere Kiste auf den Hof, lief ins Haus und
löste etwas Zucker in Wasser auf. Dann nahm ich die Spritze, mit der
ich mir bei einer Ohrenverstopfung das Schmalz mit warmem Olivenöl
herausspülte, und fütterte den Vogel. Er regte sich. Reckte den Kopf
und sah mich unverwandt an, wie ein Küken die Vogelmutter. Ich
träufelte ihm ein wenig Lösung ein, ließ ihn schlucken und hörte, auf
eine seltsam wissende Weise, dass er die Nahrung tatsächlich aufnahm.
Aber seine Beine wollten sich einfach nicht bewegen. Zwar war er etwas
lebhafter, doch das konnte auch am Zucker liegen.
Ich legte ihn in die Kiste zurück und trug ihn nach oben ins Bad, da,
wo die Sonne nicht hinkam. Ich wollte abwarten, was geschah. Ich
hatte vorher schon Vögel gesehen, die bloß verschreckt waren, dem
Ende nah zu sein schienen und dann plötzlich zu sich kamen und
davonflogen.
Ich ließ den Deckel offen und dachte, selbst wenn er herausflatterte,
konnte man ihn leicht aus dem Bad scheuchen und durch das
Dachfenster in die Freiheit entlassen. Aber ich wusste, dass es nicht
dazu kommen würde. Wusste, dass es vorbei war. Wusste, dass er
erledigt war.
Ich ging wieder nach draußen, als ob ich dachte, dass er sich nicht
erholen könne, wenn ich zuschaute. Es war warm draußen. Man ist die
Sonne hier nicht mehr gewöhnt, aber der Körper scheint sich an sie zu
erinnern, sobald er sie spürt. Die ersten Sonnenstrahlen.
Mit der Sonne kommen die Klänge. Später im Jahr ist es der Klang von
Gras, das gemäht wird, von Maschinen auf dem Feld, von den vielen
Autos auf der Küstenstra.e. Mit der Sonne kommt der Geruch von
Stechginster, der nach Kokos duftet. Mit ihr kommt der unermüdlich
sirrende Gesang der Schwalben. Aber noch nicht jetzt. Jetzt ist sie
voll, fruchtbringend und ruhig wie Charm, wenn sie mich einfach in
sich aufnimmt. Das stille Ineinandersein, wie wenn man einen Schluck
trinkt und ihn eine Weile im Mund behält. Als ob alles die Wärme in sich
strömen ließe.
Ein wenig später ging ich zurück und sah nach, ob der Vogel in der Kiste
herumlief. Oder die Flügel hob. Ich entschied, ihm noch eine Nacht zu
geben, und insgeheim hoffte ich, dass er dann friedlich und von allein in
der Kiste sterben würde.
Als ich kurz darauf wieder nach ihm schaute, ging es ihm schlechter. Er
hatte stinkendes, nasses Gewölle und sehr viel Wasser ausgeschieden,
vermutlich die Lösung, die ich ihm verabreicht hatte, und das Gefieder
war davon durchweicht. Das Wasser und das Erbrochene hatten
ihn beschmutzt und ihm etwas von seiner Würde genommen. Doch
seine Augen waren lebendig. Sahen mich immer noch mit diesem
grundehrlichen Ausdruck an, er dachte wohl, ich könne ihn retten. Das
war mir noch nie mit einem Tier passiert. Normalerweise wissen sie,
wann es vorbei ist.
Ich machte die Kiste sauber und fand heraus, dass das Gewölle kein
Gewölle, sondern eine merkwürdig graue, schlammartige Masse war.
Ich bedeckte den Boden mit Zeitung und legte den Vogel zurück. Dabei
schnalzte ich mit der Zunge, als ob er das verstehen könnte. Er war so
wild und wunderschön. So wunderschön, lebendig und geduldig, von
solcher Geduld und Beherrschung, wie sie nur ein Geschöpf, das wild
sein konnte, wild sein sollte, aufbringen kann. Und ich wusste, dass ich es
nicht konnte. Ich konnte nicht darauf warten, dass er starb.
Etwas überkam mich, und ich atmete tief durch. Nicht aufgesetzt wie ein
Filmschauspieler, sondern wirklich. Die anderen gingen zum Abendbrot
in den Garten. Weil es so sonnig war, hatten wir beschlossen, zum ersten
Mal in diesem Jahr draußen zu essen.
Der Vogel sah mich weiter an. Seit ich zurückgefahren war und er sich
widerstandslos aufheben lassen hatte, ließ er mich nicht aus den Augen.
Ich hatte mich eingemischt, als ich zurückkehrte und verhinderte, dass er
überfahren wurde, ich hatte mich eingemischt. Das wurde mir jetzt klar.
Ich wusste, was zu tun war, und es war ein unglaublicher Verrat.
Ich ging ins Haus, nahm die Schlüssel und schloss den Schrank mit
den Gewehren auf. Ich wollte mit niemandem sprechen. Wollte kein
Aufhebens machen. Die anderen brachten das Abendbrot nach draußen
an das Plätzchen im Garten, wo wir sitzen und über die Felder bis zum
Meer schauen. Ich sagte ihnen nichts. Ich wollte sie nicht damit belasten,
und auch nicht damit, wie ich mich fühlen würde.
Ich atmete immer noch tief, aber sonst ging es mir gut, denn ich wusste,
ich musste der Sache ins Auge schauen, so wie der Bussard mir in die
Augen geschaut hatte. Ich nahm zwei Patronen heraus, holte die Kiste mit
dem Vogel und trug sie ein Stück den kleinen Gartenpfad hinunter.
Ich fragte mich aufrichtig, ob ich das nicht nur tat, weil ich nicht abwarten
konnte, bis er starb, wie die Amsel und die verwundete Saatkrähe und
das kleine Käuzchen, das sich mit Nesseln bedeckt hatte. Alles schon
erlebt. Aber darum ging es nicht, da war ich mir ganz sicher. Ich hätte
gekonnt. Doch ich war wohl zu ihm zurückgekehrt, weil es um Würde
ging, und ich sah am Blut, dem aufgesperrten Schnabel und den
erbrochenen Gedärmen, dass seine Eingeweide zerfetzt waren und er
innerlich verblutete. Und so sollte er nicht in der Nacht sterben, mit weit
aufgerissenen Augen und diesem seltsam zufrieden rasselnden Atem,
der wie das Schnurren einer Katze klang.
Ich legte ihn behutsam in der Sonne ins Gras und ging ein paar Schritte
weg. Er wendete den Blick nicht ab, sah mich immer noch an, nicht
ängstlich, sondern voller Vertrauen. Ich lud das Gewehr mit den zwei
Patronen, ging drei Meter weg und war beunruhigt, denn ich hatte
noch nie ein Lebewesen aus dieser Nähe erschossen, noch nie derart
kaltblütig, nicht so, er im Gras und ich. Ich dachte an Würde. Ich dachte
an SchnelIigkeit. Ich wusste, seit ich mich eingemischt hatte, gab es
kein Zurück, ich musste es tun.
Ich konnte die Sonne im Nacken spüren und dachte daran, dass der
Bussard sie auch fühlen musste. Die warme Sonne. Dann hatte ich
diese merkwürdige Eingebung. Dass die Sonne dieses wilde Geschöpf
ist, das stirbt.
Ich trat einen Schritt zurück, nahm das Gewehr und dachte noch, hier ist
es gut, in der Sonne und im Gras. Sobald ich das Gewehr erhob, konnte
ich dem Vogel nicht mehr in die Augen schauen. Dann legte ich an.
Ich hatte den Bussard auf die Seite gedreht, so dass sein Brustkorb
zu mir zeigte und ich ihn an der richtigen Stelle treffen würde. Aber ich
zielte auf den Kopf.
Durch den Vogel ging ein Ruck, ein wenig Rauch stieg aus ihm auf, und
nach dem Schuss machte er noch einen schrecklichen Satz, so dass ich
glaubte, ich müsse noch einmal schießen.
Aber als ich die drei Meter zu ihm hinlief, ihn hochhob, seine prächtigen
Flügel, war da kein Kopf mehr. Der Schnabel lag noch dort, doch
Unter- und Oberkörper waren zerfetzt und voneinander getrennt, das
Fleckchen Erde dazwischen sah aus wie ein Schlachtfeld. Ein lauter
Knall.
Ich hob den Vogel auf und wusste nicht weiter. Zuerst wollte ich ihn
in die Hecke werfen, damit ein Tier ihn sich holte. Aber das war nicht
richtig, ich konnte nicht einfach gehen. Ich fühlte mich irgendwie mit ihm
verbunden. Als hätte ich ihn im Stich gelassen.
Also hob ich ihn auf, trug ihn zurück und legte ihn wieder in Zeitung
eingewickelt in die Kiste. Er war nun nichts mehr. Wie ein paar Pfund
vom Fleischer. Es hatte alles in seinen Augen gelegen, und die waren
weg. Was sollte ich bloß mit ihm anfangen. Er war einfach nichts. Die
anderen begannen mit dem Abendbrot, und ich musste wohl oder übel
rübergehen und mit ihnen essen. Wie sollte ich mich bloß fühlen.
Wir hatten den alten Grill herausgerollt, darin brannten ein paar
Holzscheite, weil es abends frisch war. Nur das Sonnenlicht wärmte, die
Welt um uns war kühl. Die letzten Strahlen trafen auf den Metalldeckel
des Grills, er warf das Licht zurück. Ich dachte ständig an den Vogel, der
von der Sonne auf meiner Windschutzscheibe geblendet worden war.
Wir saßen lange da und beobachteten den Sonnenuntergang. Die
anderen gingen hinein. Charm wusste, was in mir vorging, und dabei
beließen wir es. Sie sagte nicht viel. So bin ich nicht.
Wir saßen lange da und warteten auf den Grünen Blitz. Ich sah nichts. Ich
weiß gar nicht, ob es ihn wirklich gibt. Nur ein wildes Geschöpf, das stirbt