Bjarte Breiteig

Fortan


Die Aufnahmeunterlagen kamen im August, als wir schon fast aufgehört

hatten, auf sie zu warten. Elisabet stand am Pflaumenbaum und sortierte

unreife Früchte aus, und sie lächelte mich an, als ich mit der Post durchs

Gartentor hereinkam. Es war ein sonniger Sommer gewesen, wir hatten

die Urlaubstage im Garten verbracht, die meiste Zeit mit einem Buch, und

ihre Sonnenbrille hatte helle Streifen auf der Stirn hinterlassen. Ich reichte

ihr den Brief, den ich bereits geöffnet hatte, und während sie ihn las, hob

ich einen Zweig an und begann, willkürlich ein paar unreife Früchte zu

entfernen. Sie hatten die Größe von Eicheln und hingen dicht gedrängt

unter den weichen Blättern. Sobald ich eine gepflückt hatte, warf ich sie

auf den Kompost. Schon am Montag, sagte Elisabet. Ja, antwortete ich.

Es steht nicht drin, wie lange du bleiben musst, sagte sie. Sie haben von

einer Woche gesprochen, erwiderte ich, aber es kommt wahrscheinlich

ganz darauf an. Als ich mich umdrehte, schaute sie fort, und ich wusste,

dass sie weinen würde. Ich sah ihr nach, als sie über den Rasen zur

Küchentür ging. Sie trug eine enge, alte Hose, in der ich sie schon lange

nicht mehr gesehen hatte, und ihre Taille war nackt. Es versetzte mir einen

Stich, als ich spürte, dass ich Lust bekam.

 

Sonntagabend fuhr sie mich zum Bahnhof. Ich war zeitig dran. Es

dämmerte bereits, und die verstreut hängenden Lampen gingen an,

während wir warteten. Leute gingen mit Rucksäcken und Koffern an uns

vorbei, mit denen sie in die Waggons stiegen. Vorne bei der Lokomotive

waren ein paar Männer in Blaumännern damit beschäftigt, Waren

von einem Gabelstapler durch eine große Luke in den Zug zu laden.

Elisabet hatte die Arme vor der Brust verschränkt, es war ein warmer

Tag gewesen, aber der Abend war kühl. Ich meinte zu ihr, sie solle am

besten so viel schlafen wie möglich. Tor, sagte sie. Ich umarmte sie. Ich

spürte, wie schmal sie war. Ich steige jetzt ein, sagte ich. Sie nickte.

Ich nahm meinen Koffer, stieg in den Zug und ging nach hinten in den

Schlafwagen. Ich hatte einen Platz in einem Zweibettabteil. Als ich es

erreichte, war niemand da, aber eine fremde Zahnbürste stand in einem

Plastikbecher auf der Ablage unter dem Spiegel. Ich schob den Koffer in

das Gepäckfach neben der Tür und trat ans Fenster. Elisabet stand noch

auf dem Bahnsteig. Es dauerte etwas, bis sie mich entdeckte. Sie kam zu

mir und stellte sich dicht vor den Zug, und es schien, dass sie mir etwas

sagen wollte. Ich gestikulierte, dass sich das Fenster nicht öffnen lasse.

Sie nickte. Sie rieb sich die nackten Oberarme. Wir sahen uns vielleicht

eine Minute lang an. Dann senkte sie den Blick, drehte sich um und ging.

 

Ich hing mein Jackett an einen Haken am Fenster, schloss die Tür und

legte mich in die untere Bettkoje. Nach einer Weile lösten die Gedanken

sich allmählich auf, und ich dämmerte ein. Ich konnte nicht lange

geschlafen haben, als ich davon geweckt wurde, dass sich ein fremder

Mann über mich beugte und meinen Arm berührte. Entschuldigung, aber

Sie liegen in meinem Bett, sagte er. Er deutete auf seine Reservierung, die

er mir hinhielt. Ich stand langsam auf, damit mir nicht schwindlig wurde.

Es war dunkler geworden im Abteil, und der Zug hatte sich in Bewegung

gesetzt. Ich war kaum auf den Beinen, als der Mann auch schon breit

grinste und mir auf die Schulter klopfte. Du bist das, Tor!, sagte er. Ich sah

ihn an. Er hatte ein bleiches Doppelkinn, das über den Hemdkragen quoll,

und eine leichte Fahne. Nichts an ihm kam mir bekannt vor. Erinnerst

du dich etwa nicht an mich?, fragte er. Nein, antwortete ich. Ich bin’s,

der Pilz. Er sah mich erwartungsvoll an. Der Pilz?, sagte ich. Er lächelte

schwach. So habt ihr mich doch immer genannt, erwiderte er. Ich sagte,

dass ich mich an keinen Pilz erinnern könne und er mich mit jemandem

verwechseln müsse. Nein, nein, nein. Er tippte mir auf die Brust. Du heißt

Tor, nicht wahr? Stimmt, antwortete ich. Schön, dann kennen wir uns,

sagte er. Damit legte er sich auf das untere Bett, wo ich gerade eben

noch gelegen hatte. Er verschränkte die Arme im Nacken und sah mich

an. Sein Hemd hatte feuchte Flecken unter den Armen. Dann erinnerst

du dich also nicht an den dicken Jungen aus der C?, fragte er. Nein,

sagte ich. Den fetten Jungen, den ihr Pilz genannt habt? Ich antwortete

nicht. Ich sah aus dem Fenster. Ein Wohngebiet glitt vorbei. Jemand

spielte Fußball auf einem flutlichterhellten Platz. Aber ich erinnere mich

noch gut an dich, sagte der Pilz hinter mir. Tor mit den hellen Haaren. Tor

mit dem Crossrad. Tor der seinen Hintern zeigte, als der Bus vorbeifuhr.

Und jetzt geht’s nach Schweden?, fragte er. Ja, sagte ich. Geschäftlich?

Ich schüttelte den Kopf. Ich muss mich operieren lassen, erklärte ich.

Und dafür musst du bis nach Schweden fahren?, fragte er. Ich drehte

mich um. Er lag da und lächelte. Ich sagte, dass er mir schon irgendwie

bekannt vorkomme, ich ihn aber nicht einordnen könne. Er zog einen

Flachmann aus der Hosentasche, trank einen Schluck und reichte ihn mir

anschließend. Da er an seinem Oberschenkel gelegen hatte, war er warm,

und es brannte wie Feuer im Hals, als ich daraus trank. Ich gab ihm den

Flachmann zurück, nahm das Jackett vom Haken und ließ mir reichlich

Zeit dabei, es anzuziehen. Die Hand des Pilzes umfasste den Bügel, der

einen davor bewahren sollte, aus seiner Koje zu fallen. Du gehst?, fragte

er. Ich will noch ein Bier trinken, bevor ich mich hinlege, erwiderte ich. Er

zwinkerte mir zu. Ja klar, sagte er, ja klar.

 

Es war ein modernes Zugmodell, dessen Türen aufglitten, noch ehe ich

dazu kam, sie zu berühren. Die Leute saßen zurückgelehnt auf ihren

Plätzen, ihre Blicke wichen aus, wenn sie meinem begegneten. Der

Speisewagen war menschenleer. Ich bekam mein Bier und setzte mich

an einen Fenstertisch. Während ich trank, starrte ich durch mein eigenes

Spiegelbild hindurch in die hereinbrechende Nacht hinaus. Vielleicht

lag es an der Wärme oder daran, dass ich schon länger nichts mehr

gegessen hatte, ich weiß es nicht, jedenfalls zeigte der Alkohol sofort

Wirkung. Ich trank das Bier aus und holte mir ein neues. Manchmal

schwankte der Zug und gab mir das Gefühl zu schweben, und in den

wenigen Sekunden, die dieser Zustand währte, schloss ich die Augen

und stellte mir vor, in die Landschaft hinaus zu fliegen. Als das dritte

Glas Bier halb leer war, begann das Telefon in der Jackett-Tasche zu

vibrieren. Ich holte es heraus, aber ich war so weit weg von allem, ich

blieb einfach sitzen und betrachtete ihren Namen auf dem Display,

während ich überlegte, dass ein Gespräch uns einander auch nicht näher

bringen würde. Als es aufhörte zu klingeln, schaltete ich das Telefon aus

und steckte es in die Tasche zurück. Willst du nicht dran gehen?, fragte

eine Stimme hinter mir. Es war der Pilz, der hereingekommen war und

sich an den Tresen gestellt hatte. Die Kellnerin warf mir über einen Stapel

plastikverpackter Muffins hinweg einen Blick zu, sie war dabei, ihm ein

Bier zu zapfen. Ich sagte: Man hat nicht immer Lust zu reden. Der Pilz

bekam sein Bier, bezahlte und setzte sich an meinen Tisch. Du möchtest

also nicht mit deiner Frau reden?, fragte er. Du weißt anscheinend eine

ganze Menge über mich, sagte ich. Er zuckte mit den Schultern. Da

gibt es nicht immer so viel zu wissen, meinte er. Ich trank einen Schluck

Bier. Er tat das Gleiche, und im Fenster sah ich unser verschwommenes

Spiegelbild, wir trugen beide ein graues Jackett und hatten die gleiche

Haarfarbe. Er sagte: Im Übrigen ist es ganz normal, dass der Gescheiterte

sich an den Erfolgreichen erinnert und nicht umgekehrt. Ich fragte: Dann

siehst du dich selber als jemanden, der gescheitert ist? Ja, antwortete er.

Er sah mich unverwandt an. Er saß entspannt zurückgelehnt auf seinem

Platz und hatte das Glas auf dem Oberschenkel abgesetzt. Weißt du,

sagte er, früher habe ich dich bewundert. Und warum?, fragte ich. Er

zuckte mit den Schultern: Du warst selbstsicher, die Mädchen mochten

dich, und so weiter. Aber eines Tages hörte ich damit auf, ergänzte er.

Mich zu bewundern?, fragte ich. Er nickte.

 

Es war in dem Jahr, als alle Drachen steigen ließen, erzählte der Pilz.

Erinnerst du dich? Wo man auch hinkam, überall waren Drachen

zu sehen. Beim kleinsten Windhauch stiegen sie von Park- und

Fußballplätzen auf. Ich nickte. Ich erinnerte mich. Es war eine Seuche

gewesen, die sich in unserem Viertel verbreitet hatte und genauso schnell

wieder verschwunden war, wie sie aufgetaucht war. Es gab Leute, die per

Postorder Bausätze in Japan und Korea kauften, große Kastendrachen

mit Flaggen und Wimpeln, während andere im Werkunterricht ihre

eigenen konstruierten. Der Pilz erinnerte sich noch gut an meinen.

Er war der Schönste, den er je gesehen hatte. Er bestand aus echter

Fallschirmseide, der Stoff war tiefschwarz, und er glich einer riesigen

Fledermaus. Ich selber hatte ihn fast vergessen, doch je länger der Pilz

erzählte, desto lebendiger wurden die Erinnerungen. Eines Tages, als ein

frischer Wind ging, hatte mein Drachen einen Satz über den Drehkran

gemacht, der zu jener Zeit auf dem Hang unterhalb des Schulgeländes

stand, und die Leine hatte sich oben verhakt. Der Pilz beschrieb die Gang,

die sich am Fuß des Krans versammelt hatte, und wie gespannt sie dort

gestanden und verfolgt hatten, wie ich über die Absperrung und dann

die schmale Leiter im Innern der Gitterstabsäule hinaufgeklettert war. Ich

war an der Kranführerkabine bis zu dem Punkt hochgestiegen, an dem

die Leiter endete, und sie konnten sehen, wie ich mich dort flach hinlegte

und begann, mich auf den Schwenkarm hinaus zu ziehen, aber ich war

nur ein paar Armzüge weit gekommen, als ich regungslos liegen blieb.

Daraufhin breitete sich Panik auf dem Hügel aus. Sie hatten gedacht, ich

wäre ohnmächtig geworden und würde jeden Moment herunterfallen. Sie

begannen, meinen Namen zu rufen. Tor!, riefen sie. Tor, Tor, wach auf! Sie

starrten mein Gesicht an, das nur ein kleiner weißer Fleck war. Schließlich

lief einer die Geröllhalde hinauf, um den Erwachsenen Bescheid zu sagen.

 

Der Pilz trank einen Schluck Bier. Ich ertappte mich dabei, vor mich hin

zu lächeln. Habt ihr wirklich Angst bekommen?, fragte ich. Na, und ob,

antwortete er. Aber du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich dich

beneidet habe. Man stelle sich vor, dass eine ganze Gang nach einem

ruft! Und was haben wir erst gejubelt, als du herunterkamst, auch wenn

du nicht einmal in die Nähe des Drachens gekommen bist. Er senkte

die Stimme und blickte in das dunkle Fenster. Am nächsten Tag war es

stürmisch, erzählte er. Und daraufhin hatte er seinen Entschluss gefasst:

Er würde schaffen, was ich nicht geschafft hatte. In der Abenddämmerung

stand er wieder an dem Drehkran, diesmal jedoch ganz allein. Es wurde

schon dunkel, aber hoch oben konnte er noch den Drachen erkennen,

der im Wind schlug und so an seiner Leine zerrte, dass der ganze Kran

erzitterte. In der Hosentasche hatte er sein Klappmesser, mit dem er ihn

losschneiden wollte. Er erzählte, dass er sich auf den Weg nach oben

gemacht und fast augenblicklich gespürt hatte, wie der Wind ihn erfasste.

Immerhin war er zu jener Zeit ein fetter Faulpelz, sodass es ganz schön

anstrengend war, und die Hände wurden durch den kalten Stahl schnell

taub. Unter ihm breitete sich das Wohnviertel aus, die Lichter in allen

Häusern, die Brücke, auf der die Busse und Autos in einem gleichmäßigen

Strom fuhren. Der Schulhof wurde von blauweiß leuchtenden Laternen

erhellt, die kleine Flecken auf den Asphalt warfen, und er konnte den

geheimen Zufluchtsort hinter dem Müllcontainer ausmachen, wo er sich

ab und zu versteckt hatte. Das alles kam ihm nun ungeheuer klein und

erbärmlich vor. Als er die Kranführerkabine erreichte, kletterte er hinein,

um sich ein wenig auszuruhen. Eine halb volle Kaffeetasse stand darin,

die er durch die Tür herabfallen ließ und der er nachsah, während sie fiel

und gegen Leitersprossen und Gitterstäbe schlug, bis sie schließlich in

der Dunkelheit verschwand. Dann stieg er das letzte Stück hinauf und

begann sich auf den Schwenkarm hinauszuziehen. Der Wind trieb ihm

kalte Tränen in die Augenwinkel, und er stellte sich vor, dass wir anderen

am Fuße des Krans stünden und verzweifelt wären und ihm zuriefen, er

müsse umkehren. Aber er würde um nichts in der Welt umkehren. Er zog

sich über die großen Freiräume zwischen den Gitterstäben und spürte,

dass der ganze Ausleger immer mehr schwankte, je weiter er hinauskam.

Es war weiter bis zur Spitze als er gedacht hatte, und als er sie endlich

erreichte, waren seine Arme vor lauter Anstrengung ganz benommen. Er

blieb liegen und betrachtete den Drachen. Wie er sich in der Dunkelheit

hin und her warf, während der gespannte Stoff flatterte und schlug, glich

er einer Flugechse. Einer der Flügel hatte einen Riss bekommen, das

machte ihn so unruhig. Es kam mir vor, als hätte er Schmerzen, meinte

der Pilz und trank einen Schluck Bier. Schmerzen?, sagte ich. Er nickte

und zwinkerte ein paar Mal. Er erzählte, wie er zitternd auf die Beine

gekommen war. Seine Füße balancierten auf den Metallstäben, während

er sich mit einer Hand an der oberen Strebe festhielt und mit der anderen

die Leine packte. Doch als er den Drachen zu sich heranziehen wollte,

zeigte sich, dass der Wind zu stark war, und schließlich beugte er sich

über die obere Strebe, wickelte die Leine ein paar Mal um seine Hand

und kappte sie kurz dahinter. Im gleichen Moment spürte er, welche Kraft

der Drachen hatte. Er war stärker als ein Mensch, und er ließ das Messer

fallen und klammerte sich mit beiden Händen an der Leine fest, wohl

wissend, dass er jeden Moment nach hinten geworfen werden konnte.

 

Während der Pilz erzählte, hatte die Kellnerin die Tische abgewischt, und

wollte nun schließen. Um uns zu vertreiben, schaltete sie mehrmals das

Licht aus und an. Der Pilz saß da und starrte in sein leeres Glas hinab.

Und dann, fragte ich, was geschah dann? Es geschah, dass ich anfing,

an Gott zu glauben, antwortete er. Dann bist du also ein Christ?, sagte

ich. Er schüttelte den Kopf. Gott ist nicht Gott, meinte er. Er wollte noch

etwas sagen, bekam aber nichts heraus, und er hob das Glas an den

Mund, entdeckte, dass es leer war und stellte es wieder ab. Und dann

hast du aufgehört mich zu bewundern?, fragte ich. Er nickte. Danach

habe ich nie wieder etwas oder jemanden bewundert, sagte er. Ich

schaute aus dem Fenster. Über uns sprühte die Oberleitung Funken und

tauchte die Landschaft für einen Moment in helles Licht, und ich sah

kurz eine Häckselmaschine, die verlassen auf einem Feld stand und eine

Steineinfriedung, die sich in der Dunkelheit verlor. Ein Schaffner ging

durch den Wagen und blieb vor uns stehen. Heißt einer von Ihnen zufällig

Tor Karlsen?, fragte er. Das ist er hier, antwortete der Pilz und nickte in

meine Richtung. Telefon für Sie, sagte der Schaffner. Ich fragte ihn, ob es

wichtig sei. Er antwortete nicht, sah mich jedoch freundlich an. Kommen

Sie mit, sagte er. Ehe ich ging, schaute ich verstohlen zum Pilz hinüber,

aber er begegnete meinem Blick nicht, sondern saß nur mit gesenktem

Kopf da und kratzte sich an einem rötlichen Ausschlag im Nacken.

 

Ich folgte dem Schaffner Richtung Zuganfang. Er schloss eine Tür mit

einem Schlüssel auf, der an einer herausziehbaren Schnur hing, und

wir gelangten in einen unbeleuchteten Frachtraum. In einem Kabuff mit

Glaswänden saß ein uniformierter Mann und schaute mit trägem Blick

ein Video. Am Ende des Raums stand eine Schiebetür zum Führerstand

halb offen, und neben ihr hing das Telefon. Der Schaffner lächelte und

ging wieder zurück. Ich hob den Hörer ans Ohr und sagte hallo, aber

niemand antwortete. Elisabet, sagte ich, was ist los? Dann war ihre

Stimme da. Es ist die Dunkelheit, war alles, was sie sagte. Fühlst du

dich jetzt wieder so, sagte ich. Sie wollte wissen, warum ich das Telefon

ausgeschaltet hatte. Es war der Akku, antwortete ich. Ich hörte sie in den

Hörer atmen. Im Führerstand saß ein rothaariger Mann zurückgelehnt

in einem Sitz und unterhielt sich mit einer Person, die außerhalb meines

Blickfelds war. Es sah komfortabel aus da drinnen. Vor dem Zug warfen

die Scheinwerfer ein gespenstisches Licht auf die Schienen, die immer

tiefer in die Dunkelheit hinein führten. Plötzlich schwenkten sie zur Seite,

und der Zug ging schaukelnd in eine Kurve, während er aufkreischte. Was

war das?, fragte Elisabet. Nur die Lokomotive, erwiderte ich. Oh, sagte

sie, ich habe gedacht, es wäre eine Sirene gewesen. Ich fragte sie, ob

sie im Wohnzimmer sitze. Das tat sie, und ich wusste, wie sie dort saß:

in dem Ledersessel, in eine Decke gehüllt, während sie die zugezogenen

Vorhänge anstarrte. Ich erzählte ihr, dass ich einen alten Bekannten

getroffen hatte. Sie wollte wissen wen, und ich meinte, es sei der Pilz. Der

Pilz?, fragte sie. So haben wir ihn damals genannt, antwortete ich. Ist das

jemand, den ihr gemobbt habt?, fragte sie. Keine Ahnung, sagte ich, ich

erinnere mich nicht an ihn, er erinnert sich an mich, aber ich mich nicht

an ihn. Elisabet klang verzweifelt: Oh nein, sagte sie, dann ist es wieder

dein Gedächtnis. Ich sagte nichts. Weshalb habt ihr ihn gemobbt?, fragte

sie. Ich wurde allmählich etwas gereizt. Keine Ahnung, wiederholte ich,

ich erinnere mich doch nicht. Oh, Tor, sagte sie. Beruhige dich, erwiderte

ich, es ist ganz normal, dass man die vergisst, die … Die was?, fragte

sie. Nein, sagte ich, schon gut. Ich wechselte das Thema. Ich fragte sie,

wie sie an die Nummer gekommen war, was sie gesagt hatte, um mit mir

reden zu dürfen. Sie antwortete nicht. Irgendwas musst du doch gesagt

haben, meinte ich. Ich habe gesagt, du seist krank, erklärte sie. Ich habe

gesagt, dass wir uns vielleicht nie mehr sehen würden. Aber Elisabet,

sagte ich. Sie begann zu weinen. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte,

erwiderte sie. Schon gut, sagte ich. Das macht nichts. Wir sind doch nicht

abergläubig, oder? Ich versuchte zu lächeln. Es ist so dunkel hier, weinte

sie. Aber nein, sagte ich, nur du siehst das so, das weißt du doch. Dieser

Pilz, meinte sie, du musst ihn um Entschuldigung bitten. Ja, sagte ich.

Versprichst du mir das? Ja, sagte ich. Tor, sagte sie, liebst du mich? Ach

Elisabet, erwiderte ich. Sie lachte kurz auf und zog die Nase im Hörer

hoch. Nach einer Weile meinte ich: Ich lege jetzt auf. Ich liebe dich, sagte

ich. Dann legte ich auf. Ich blieb noch einen Moment neben dem Apparat

stehen, für den Fall, dass sie noch einmal anrufen sollte. Im Führerstand

legte der rothaarige Mann die Hand auf einen Hebel und schob ihn nach

vorn, und der Zug wurde schneller. Er bemerkte meinen Blick und nickte

mir zu. Alles in Ordnung?, fragte er. Das war nur meine Frau, sie ist ein

wenig …, antwortete ich. Er lächelte. Ja, so ist das, wissen Sie, sagte er

und zog die Schiebetür zu.

 

Ich kehrte in den Speisewagen zurück. Das Licht war gelöscht und ein

Gitter vor dem Tresen heruntergezogen worden. Es war niemand mehr da.

Ich ging weiter nach hinten, durch die mittlerweile verdunkelten Waggons

und betrat das Schlafwagenabteil. Der Pilz war nicht da. Sein Flachmann

lag auf dem Kopfkissen, und auf dem Boden vor dem Waschbecken

stand eine rote Sporttasche. Ich setzte mich auf sein Bett, lehnte mich

zurück gegen die Wand und nahm einen Schluck aus dem Flachmann.

So blieb ich sitzen, aber der Pilz kam nicht, und am Ende muss ich

eingeschlafen sein, denn als Nächstes erinnere ich mich, dass es draußen

hell war, ich Kopfschmerzen hatte und die Decke vom Schnaps nass

geworden war. Ich stand auf und wusch mir das Gesicht mit dem Wasser

aus dem schlappen Strahl im Eckwaschbecken. Mein Blick fiel auf die

Zahnbürste des Pilzes. Ihr Schaft war mit Klebeband umwickelt, um

griffiger zu sein. Der Anblick beunruhigte mich, und ich beschloss, eine

Runde durch den Zug zu drehen. Ich ging bis zur Lokomotive, ohne eine

Spur vom Pilz zu entdecken, und auf dem Rückweg kontrollierte ich alle

Toiletten, an denen ich vorbeikam. Ich überprüfte, ob sich die Zugtüren

während der Fahrt öffnen ließen, was jedoch nicht der Fall war, ebenso

wenig wie die Fenster. Die Fahrgäste waren zu neuem Leben erwacht und

begannen sich in den Gängen zu sammeln. Ich gelangte zu meinem Abteil

zurück, und dort blieb ich auf dem Bett des Pilzes sitzen, bis der Zug

angekommen war. Vor dem Fenster strömten die Leute auf den Bahnsteig

hinaus. Ein paar Minuten später klopfte es an der Tür. Es war der

Schaffner, der meinte, er habe nur kontrollieren wollen, ob auch alle wach

seien. Ich fragte ihn, ob er den untersetzten Mann im Jackett gesehen

habe, der sich am Vorabend mit mir unterhalten hatte. Er überlegte,

konnte sich jedoch nicht erinnern, ihn gesehen zu haben. Er ist bestimmt

bei einem Halt im Landesinneren ausgestiegen, meinte er. Ich nickte. So

wird es wohl sein, sagte ich.

 

Es erschien mir richtig, das Gepäck des Pilzes mitzunehmen. Ich legte die

Zahnbürste und den Flachmann in die Tasche, die mit Ausnahme einer

Halskrause aus Plastik und Schaumgummi leer war. Danach nahm ich

die Tasche und meinen eigenen Koffer und ging hinaus. Eine Rolltreppe

brachte mich in die Schalterhalle, wo die Sonne bereits durch die großen

Fensterscheiben hineinschien. Draußen blieb ich auf der Eingangstreppe

stehen und ließ den Blick über die fremden Straßen schweifen, auf denen

die Menschen vorübereilten. Ich ging zu den wartenden Taxis und setzte

mich auf den Rücksitz des vordersten Wagens. Zum Krankenhaus, sagte

ich.