In meiner Erinnerung wird es immer die Nacht von Mr. Huws und den
Händen sein. Es ist oft schwierig festzustellen, welches Ereignis ein
anderes nach sich zog, aber eines ist gewiss: Ohne Mr. Huws nächtliche
Ruhestörung hätte ich nicht vier Uhr morgens im Garten hinter meinem
Haus Unkraut gezupft. In dem Augenblick, als ein Paar Hände im Erdreich
zum Vorschein kamen, war nur ein tobender Mann in einem blassblauen
Schlafanzug zu hören, der wie verrückt in seinem Auto hupte. Der Lärm
ärgerte mich aus mehreren Gründen, hauptsächlich, weil er in einen
Moment der Klarheit eindrang, den ich unmittelbar zuvor erreicht hatte,
dieses plötzliche Verstehen der kleinen Dinge, die einen Menschen
isolieren. Dieser abgeschnittene Gedanke hinterließ ein Gefühl der Trauer
um etwas, an das ich mich nicht wirklich erinnern konnte, und ein Gefühl
der Abneigung gegen meinen sonst so liebenswerten Nachbarn.
Als ich kurze Zeit später durch das schweißbeschlagene Fenster seines
Autos spähte, sah ich, wie Mr. Huws seinen rosafarbenen, lichter
werdenden Schädel wieder und wieder gegen das Lenkrad schlug – tut!
tut! tut! – dabei raschelte der blassblaue Schlafanzug in den schwarzen
Ledersitzen, und die Schatten der Nacht tanzten um seinen Kopf. Ich
klopfte. Im Fenster verschwammen die Bewegungen; rosa, schwarz,
hellblau, rosa, schwarz, hellblau. Ich klopfte noch einmal. „Klopfen Sie
nur”, durchbrach eine Stimme die Stille der Nacht, „das bringt rein gar
nichts.”
Ich wandte mich um und sah seine Frau, die zusammengesunken in
einem Gartenstuhl saß, ihre Augen glitten über ihre roten, verbrauchten
Wangen. In diesen Augen spiegelten sich die Jahre, die sie damit
verbracht hatte, an Autoscheiben zu klopfen.
Auch ich hatte mich langsam an Mr. Huws Mondbesessenheit gewöhnt.
Einen Monat zuvor, als der Mond beiläufig seinen dunklen Schleier fallen
ließ, hatte ich ihn auf meinem Dach angetroffen, wie er gen Himmel
wetterte, ungestüm fragend, wie man wohl Kontakt aufnehme mit der
sturen, beinlosen Gegenwart des Mondes. Der Mond sei nicht nur am
Himmel, er sei in ihm, so fluchte er, wölbe sich unter seinen Augenlidern,
erhelle seine Träume. Er sei ziemlich lästig geworden, spottete er.
Das war Mr. Huws allerdings auch. Ich beobachte, wie die übliche Flut
der Nachbarn über den Asphalt sickert. Zuerst kommt die einzig intakte
Familie der Straße; Perdita, die Polizistin, die nicht einmal einen Toast isst,
ohne die rechtlichen Folgen zu bedenken, und ihr Wirbelsturm von einem
Haus-Ehe-Mann, dessen Name in Vergessenheit geraten ist zwischen all
den belanglosen Schulfeiern und Elternabenden, und den man meistens
in einem Strudel von familiären Verpflichtungen herumwirbeln sieht,
wobei er Brille, Kinder und Einkäufe fallen lässt. Heute Nacht tragen
sie jeder behutsam ein Kind über der Schulter. Nachdem Perdita den
Tatbestand evaluiert hat, schält sie sich das Kind vom Arm und legt es
über Wirbelsturms Schulter, wohin es perfekt passt, wie ein Legostein. Sie
geht beiläufig doch gezielt zum Auto. Sogar im Morgenmantel ist Perdita
eine ernsthafte Polizistin.
„Mr. Huws, sind Sie sich darüber im Klaren“, fragt sie und wetzt dabei die
Vokale wie ein Messer, „dass Sie gerade eine schwerwiegende Straftat
begehen?”
Als er zum Trotz hupt, sehe ich, wie Marina, eine meiner
Lehrerkolleginnen, plötzlich einer Erscheinung gleich aus einer dunklen
Ecke auftaucht. Marina ist nicht wie die anderen Lehrer. Als ich ihr zum
ersten Mal die Hand gab, konnte ich fühlen, wie meine Haut aufging wie
Teig, um die ihre zu berühren. Ich hoffte, wir würden Freundinnen werden.
Ich hatte mir ausgemalt, was wir wohl alles zusammen aushecken
würden: in der hochsommerlichen Sonne sitzen, selbstgemachten
Tomatenwein trinken, sich über das beschränkte Vokabular unserer
Kollegen lustig machen, anspruchsvolle Menüs verfeinert mit Gemüse
und Kokosmilch zubereiten, und dabei die ganze Zeit herzlich zusammen
zu lachen über die Absurdität der Welt in der wir leben, und genau
zu ergründen, was einen Menschen isoliert. Ich hatte ihr diese Straße
empfohlen, damals, als Mr. Huws noch ein liebenswürdiger alter Mann
war, der mittwochs gärtnerte und rot wie eine Rübe wurde, sobald eine
Frau ihn ansah.
Die zweite Nacht nach Marinas Umzug verbrachten wir jedoch mit dem
Versuch, Mr. Huws aus ihrem Schornstein zu holen. „Reden Sie nicht in
diesem Ton mit mir, junge Frau”, fauchte er sie an, „ich tue Ihnen bloß
einen Gefallen. Sie wollen doch nicht, dass der Mond seinen Hintern die
ganze Nacht an ihrem Fenster reibt, oder?” Seitdem war Marina meinem
Blick stets ausgewichen.
Ich sehe sie jetzt, wie sie in der Mitte der Straße steht, ihr blondes Haar
grellweiß im Mondlicht. Ekelhaft schön, bösartig umwerfend.
„Marina! Wie geht’s?”
„Oh, hi Melissa. Ich hab’ dich gar nicht bemerkt.” Sie trägt einen
cremefarbenen Umhang, ihr Gesicht gepudert vom Mondlicht. Ich sollte
sie mit meinen Fingern streifen, um herauszufinden, ob sie wirklich
existiert.
„Wie läuft’s in der Schule?“, frage ich, wobei ich natürlich weiß, dass
sie absolut gewissenhaft, engagiert und beliebt ist. „Wie findest du die
Kinder?“
„Sie sind schon in Ordnung. Es gibt natürlich immer ein paar Rabauken,
aber niemand, mit dem ich nicht fertig würde. Ganz schön kalt hier, nicht?
Ich denke, ich gehe wieder ins Bett.“
Und mit einer abrupten Bewegung setzt sie einen cricketballgroßen Punkt
unter unsere Unterhaltung.
Die Sensationslust nimmt ab, die Straße leert sich. Mr. Huws schläft
mit dem Kopf auf der Hupe ein, und sein Mondgeheul hallt durch die
ganze Nacht. Mrs. Huws löst sich auf in gelösten Laken, Perdita ereifert
sich über das Unvermögen der Bürgerkomitees im Viertel, während der
Wirbelsturm lüstern über sie fegt, und Marina verbrennt sich die Zunge an
ihrem Erdbeertee.
Ich hingegen vertiefe mich in meine frühmorgendliche Gartenarbeit und
entdecke ein Händepaar im Garten hinter meinem Haus.
Am nächsten Tag kommt Mrs. Huws vorbei. Sie übernimmt es immer,
sich zu entschuldigen. Ihr Mann wacht jeden Morgen auf mit einem reinen
Gewissen und einem unerschütterlichen Gemüt und hat keine Ahnung,
dass er schlafwandelt. Er ist felsenfest überzeugt, so gut geschlafen
zu haben wie seit Jahren nicht, und da er es immer vor Morgengrauen
zurück ins Bett schafft, hat er auch keinen Anlass, etwas Gegenteiliges zu
glauben. Er wacht auf, gähnt und dreht sich zu seiner Frau, ist erstaunt,
die feuchten Spuren der Angst und Verwirrung in ihren Augenwinkeln
zu sehen. Er schreibt sie der allgemeinen Lähmung angesichts eines
weiteren Tages einer zermürbenden Ehe zu, er setzt sich auf, reibt sich
die Augen und sagt: „Es gibt nichts Schöneres, als den Tag mit einem
Frühstücksei zu beginnen.“
Den kalten Blick jedes einzelnen Nachbarn schreibt er genereller
Abneigung zu. „Das war schon immer eine ungesellige Gegend“, dröhnt
seine Stimme hinter der Gartenmauer hervor.
Jetzt steht Mrs. Huws also in meiner Tür mit einem Gesicht wie eine
gesprungene Autoscheibe. „Es tut mir wirklich Leid wegen letzter Nacht“,
sagt sie, und ihr falsches Gebiss schaukelt unsicher auf dem Rücken ihrer
Zunge, „Sie wissen, wie er ist. Er kann sich wirklich an nichts erinnern. Na
ja, und es kommt nur einmal im Monat vor.“
“Aber es wird schlimmer, Mrs. Huws...”
Ich stelle mir plötzlich Mr. und Mrs. Huws als junges Paar auf ihrem ersten
gemeinsamen Ausflug vor, irgendwo an einem verlassenen, windigen
Strand, vor Liebe und Schönheit erschauernd, ihre Haare nass und salzig
an ihren Schultern. In Freud und Leid, echot das Meer. Mein Herz wird
von den Gezeiten hinweggespült.
„Ich verstehe, dass es schwierig ist“, fahre ich fort, „und natürlich gebe
ich Ihnen oder Ihrem Mann keine Schuld ... aber ...“
Sie heimst schnell das Wort „verstehe“ ein. Nur das braucht sie. Ich
sehe, wie sie zum nächsten Haus geht, ihre kalten, glasigen Augen auf
die folgende Aufgabe vorbereitet. Ich bemerke, dass sogar ihr Gang
entwaffnend wirken soll.
Gerade als ich die Tür schließen will, sehe ich Marina. Ich rufe sie.
Ich weiß nicht, warum ich das tue. Die Stimme kommt von einem
geheimnisvollen, unbeschriebenen Ort in meinem Inneren, und zum ersten
Mal spüre ich etwas Fremdes, Distanziertes in mir. Etwas, dass unbedingt
will, dass sie hereinkommt, damit ich mit ihr meinen seltenen, kostbaren
Fund teilen kann.
Sie hebt den Blick. Sie schaut mich einen Moment an, lächelt, und kommt
herüber. Na endlich, denke ich, na endlich. Dann, plötzlich, zerbricht ihr
Lächeln auf dem Asphalt.
„Oh, entschuldige. Ich hab’ dich verwechselt.”
Man findet nicht jede Nacht ein Paar Hände in seinem Garten. Ich hätte in
vielerlei Hinsicht dankbar sein sollen, zuallererst Mr. Huws dafür, dass ich
mit solcher Heftigkeit gegraben habe. Ich entschied mich, das Gesehene
in mich aufzunehmen und die Sache für mich zu behalten. Die Hände
ähnelten Lilien so sehr, dass es mir schien, als gehörten sie hierher, als
ein kleiner Teil einer viel größeren Schöpfung. Es wäre ein Verbrechen,
sie auszureißen. Irgendetwas an ihnen war so vertraut. Etwas, das ich
nicht benennen oder in Worte fassen konnte, sondern das auf meiner
Zungenspitze müßig verharrte, ohne jegliches Verlangen, sich in die Luft
zu erheben.
Langsam, behutsam, bedeckte ich sie wieder.
Es ist Mittagspause im Lehrerzimmer. Ich belausche eine
ausgeschmückte Version der Geschehnisse der letzten Nacht.
„Er ist ein echtes Mondkalb ... verzeiht das Wortspiel ... und er hat so eine
jämmerliche, kleine Frau, die sich immer entschuldigen kommt, einem in
den Hintern kriecht und dann sagt, dass er sich an nichts erinnern könne,
wie praktisch... ”
Ihre Zuhörerschar, drei milchgraue Männer und zwei entengesichtige
Frauen, lacht schallend.
„Das ist Sache der Polizei“, sagt Mathe Molly, während sie vor Phil, dem
Physiker ihre Brüste streichelt. „Glaubst du, dass die eine größer ist als
die andere?“
Phils Augäpfel fallen wie Murmeln zu Boden.
„Im Viertel wohnt eine Polizistin. Ziemlich lästig.“
„Macht das nicht alles einfacher?“, erkundigte sich Gorilla. Keiner wusste,
welches Fach er unterrichtete.
„Sie hat keine wirkliche Handlungsvollmacht. Nicht zu dieser
nachtschlafenden Zeit.“
„Polizistinnen, die ... die beschuldigen einen immer gleich, stimmt’s?“,
bemerkt Cyber Cynthia, während das Gehörte sich einen Weg durch die
leeren Gänge in ihrem Hirn bahnt.
Die Pausenglocke läutet.
An diesem Abend, während ich die Hände hütete, tauchte Mr. Huws
rosafarbener Kopf über der Gartenmauer auf. Es war zu spät, um eine
Ausrede zu erfinden, ich war ertappt worden.
„Melissa“, knurrte er, als ob er einen Blumendieb ausschimpfte, „verraten
Sie mir vielleicht, was hier los ist? Ich habe Sie beobachtet, wissen Sie.
Seit Wochen. Wie Sie da knien. Immer auf diese Stelle starren.“
Ich will etwas sagen, um diesem Augenblick eine andere Wendung zu
geben. Ich suche verzweifelt nach einem einzigen Wort mit dem Gewicht
des ganzen Himmels, um Mr. Huws in den Boden zu versenken.
„Sehen Sie sie denn nicht?“ Der Satz tropft jämmerlich von meinen
Lippen.
„Ich finde Ihr Benehmen sehr verdächtig. Ich werde das wohl melden
müssen.“
Es war daher nur eine Frage der Zeit. Innerhalb weniger Stunden würde
ich gezwungen sein, die Dinge in einem anderen Licht zu sehen; ein
Paar Hände in meinem Garten für unnatürlich zu halten, für etwas, das
Spekulationen und Neugier hervorruft, ironischen und desinteressierten
Diskussionen bei Kartoffelbrei an Donnerstagabenden geweiht ist.
Unterdrücktes Gelächter im Lehrerzimmer herausfordert. Keiner würde
verstehen, dass sie Teil meines Lebens waren. Dass ich sie fühlen konnte,
wie sie mein Haar streichelten zwischen meinen Träumen, wie diese
weißen Handflächen mein Gesicht liebkosten, mich willkommen hießen
an jedem neuen, strahlenden Tag. Dass ich sie hörte, wie sie sich des
Nachts ihren Weg aus der Erde bahnten, im Schatten herumkrochen
wie ein weißes, augenloses Geschöpf. Mich beschützten vor den
schrecklichen Schwestern der schwarzen Nacht, den tödlichen Tänzern
der Dämmerung.
Am nächsten Nachmittag war der Garten voller ungebetener Gäste. Ms.
Huws schenkte Pastinakensuppe über die Gartenmauer hinweg aus,
Perdita verhörte sie in ihrer üblichen, akribischen Art, und Wirbelsturm
und seine Kinder klebten den Nachbarn heimlich Zettel auf den Rücken.
Mr. Huws hatte den Blick auf den Boden gerichtet. Marina sah der
Pantomime stumm von ihrem Fenster im oberen Stock zu.
Das Fehlen der Hände beunruhigte mich.
„Wonach suchen wir hier eigentlich?“, fragte Perdita und stocherte mit
ihrem silbernen Stock in der Erde herum. „Sie wissen, dass es eine
Straftat ist, irreführende Informationen zu geben.“
„Henry hat gesehen, wie sie etwas ausgegraben hat“, sagte Mrs. Huws
selbstgerecht.
„Ich habe gesehen, wie sie etwas ausgegraben hat.“ Mr. Huws Gesicht
brannte vor Zorn.
Wir sahen alle auf den reglosen, unversehrten Boden.
„Es könnte eine Leiche gewesen sein“, sagte der Wirbelsturm-Ehemann.
Alle blicken ihn verblüfft an, als ob „Leiche“ ein Fremdwort wäre. Perdita
lacht.
„Eine Leiche! Ha ha! Was macht man bloß mit diesen Hausmännern, frage
ich Sie? Zu viele Krimiserien am Nachmittag, fürchte ich! Solltest du nicht
einen etwas konstruktiveren Beitrag leisten? Mittagessen kochen, zum
Beispiel?“
Sie gibt seinem Hintern einen schallenden Klaps, bevor sie den Rest ihrer
Familie mit dem silbernen Stock aus dem Haus scheucht.
„Sie führen doch was im Schilde, Fräulein“, schreit Mr. Huws mich an,
„und ich werde herausfinden, was es ist, passen Sie bloß auf. ”
Er knallt anklagend die Tür zu.
Mrs. Huws verlangt ihre Becher zurück; und wieder einmal gehört der
Garten mir allein.
Es war schon dunkel, als Marina kam. Es war aus ihrer unnatürlichen,
gekrümmten Haltung, wie sie da in meiner Tür stand, ersichtlich, dass die
Neugier gesiegt hatte über ihre Abscheu; als ob sie glaubte, dass ihr Hass
in dieser Position weniger sichtbar wäre.
Ich spreche ihren Namen so aus, wie man ihn richtig ausspricht. Als ob
mein Mund voller Salz wäre.
„Also, darf ich reinkommen?“
Der Mond steht am Himmel, der Rasen glänzt silberig. Sie sind wieder da.
So rein wie eh und je. Ich sehe, wie sie zum Licht streben, gefaltet zum
stummen Gebet. Sie kniet vor ihnen nieder. Ich stelle mir vor, dass das der
Anfang ist. Bald wird sie meine Einladung auf ein Tässchen annehmen,
wir werden unsere Sommerschuhe abstreifen, auf dem Rasen sitzen und
über die Missstände im Bildungswesen diskutieren. Und uns fragen, was
einen Menschen isoliert.
Aber meine Träume schmelzen beängstigend, wie Plastikschuhe auf
einem Heizgerät.
„Da ist nichts“, sagt sie und erhebt sich, um meinem Blick zu begegnen.
„Was heißt, da ist nichts?“ Die Schuhe erstarren, werden fest. Wieder
spüre ich das Ziehen an diesem geheimnisvollen, versteckten,
unbeschriebenen Ort in meinem Inneren.
„Das heißt, hier ist nichts. Du hast das erfunden. Damit man dir
Beachtung schenkt. Damit man dich mag.“
Ich trete langsam einen Schritt vor. Aus meinen Augenwinkeln sehe ich
etwas Unglaubliches. Ich sehe, wie die weißen Hände tanzen, lebendig
werden, aus dem Beet hervorschießen. Und nun erschien mir alles
absolut einleuchtend. Endlich wusste ich, wem diese Hände gehörten. Ich
wusste, warum sie existierten, und wie meine Geschichte enden würde.
Ich wusste genau, was einen Menschen isoliert.
In diesem Augenblick sprang Mr. Huws auf die Mauer. Sein Schlafwandeln
hatte wieder den Höhepunkt erreicht. Er hatte einen Lautsprecher in der
Hand und schrie: „Der Tod steht ihr gut! Der Tod steht ihr gut!“, stürzte
dabei von der Betonmauer, während Wirbelsturm auf seiner Frau auf und
ab schwang, während ihre zwei Kinder weiße Schokoladenmäuse beim
Licht einer Taschenlampe knabberten, während Mrs. Huws verträumt und
entrückt in ihrem Wohnzimmersessel liegt. Die ganze Zeit rückte Marina
näher und näher und näher heran an die weißen, zielstrebigen Hände hinter
ihr, so nahe, dass sie ihre Knöchel zu fassen bekommen. Und irgendetwas
in dieser Berührung kam mir viel zu vertraut vor.
Ihr Schrei wurde übertönt von Mr. Huws’ Ankündigung, dass er sich beim
Mond als Küchenhilfe verdingen werde.
„Und dann sagte sie nur, ihr könnt mich alle mal! Ich bleibe hier keine
Minute länger. Ich ertrag’ das nicht. Und weg war sie. Hat noch in
derselben Nacht gepackt, und ging. Das ist ja so aufregend, oder? Heim
und Arbeit zu verlassen nur wegen so eines Mondkalbes – entschuldigt
das Wortspiel. Ich glaube, sie wollte nur beachtet werden, ehrlich. Wollte,
dass man sie mag.”
Meine Zuhörerschar, drei milchgraue Männer und zwei entengesichtige
Frauen, lacht schallend.
„Ich fand sie schon immer ein bisschen komisch“, gestand Mathe Molly
und rieb ihre Beine vor Phil, dem Physiker.
„Sollte ich sie lieber rasieren oder wachsen, Phil?“ Phils Augen schwingen
wie ein Pendel.
„Hat sie gesagt, ob sie wiederkommt?“, fragt Gorilla desinteressiert.
„Sie sagte, das wär’ der schlimmste Ort, an dem sie je gelebt hat. Sie
würde lieber ... woanders wohnen.”
„Nun ja,“, seufzte Cyber Cynthia und verschloss ihr Lächeln in ihrem
Laptop, „kein großer Verlust, oder?“
Die Pausenglocke läutet.
Ich gehe zur Tür des Lehrerzimmers. Als ich meine Hände auf dem
Türgriff sehe, muss ich unwillkürlich an ein anderes Händepaar denken,
jenes, das mein Verbrechen ermöglichte. Diese Hände, die jetzt tief im
Erdreich vergraben sind, für immer von der Außenwelt abgeschnitten.
Endlich vollendet. Die Verschmelzung von Schwarz und Weiß, die perfekte
Mischung. Und wieder einmal überzeuge ich mich, das meine Tat absolut
logisch war. Schließlich waren es ihre Hände. Sie gehörten zu ihr, und sie
gehörte zu ihnen.
In jener Nacht wurde mir alles klar. Dass die Hände vielleicht gar
nicht existiert hatten, bis ich ihre wahre Bestimmung kannte, dass sie
lediglich für etwas anderes standen. Das plötzliche Auftreten von etwas
Ungewohntem im Gewohnten, war das nicht letztendlich das, der
eigentliche Kern dessen, was einen Menschen isoliert? Ich fühlte mich
nicht schuldig. Mr. Huws erinnerte sich am nächsten Morgen an gar nichts
und gab seiner Freude über Marinas plötzliche, wortlose Abreise deutlich
Ausdruck. Ich fühlte mich wie ein Kreuzfahrer der Nacht, der seine Pflicht
tun musste, um das Gleichgewicht im Viertel wiederherzustellen. Marina
hatte nur ihre Bestimmung erfüllt, und sie hatte mir meine verdeutlicht. Es
war eine rein rationale Tat. Alles war absolut einleuchtend.
So einleuchtend wie ein Paar Hände im Garten.