Fflur Dafydd

Woanders


In meiner Erinnerung wird es immer die Nacht von Mr. Huws und den

Händen sein. Es ist oft schwierig festzustellen, welches Ereignis ein

anderes nach sich zog, aber eines ist gewiss: Ohne Mr. Huws nächtliche

Ruhestörung hätte ich nicht vier Uhr morgens im Garten hinter meinem

Haus Unkraut gezupft. In dem Augenblick, als ein Paar Hände im Erdreich

zum Vorschein kamen, war nur ein tobender Mann in einem blassblauen

Schlafanzug zu hören, der wie verrückt in seinem Auto hupte. Der Lärm

ärgerte mich aus mehreren Gründen, hauptsächlich, weil er in einen

Moment der Klarheit eindrang, den ich unmittelbar zuvor erreicht hatte,

dieses plötzliche Verstehen der kleinen Dinge, die einen Menschen

isolieren. Dieser abgeschnittene Gedanke hinterließ ein Gefühl der Trauer

um etwas, an das ich mich nicht wirklich erinnern konnte, und ein Gefühl

der Abneigung gegen meinen sonst so liebenswerten Nachbarn.

 

Als ich kurze Zeit später durch das schweißbeschlagene Fenster seines

Autos spähte, sah ich, wie Mr. Huws seinen rosafarbenen, lichter

werdenden Schädel wieder und wieder gegen das Lenkrad schlug – tut!

tut! tut! – dabei raschelte der blassblaue Schlafanzug in den schwarzen

Ledersitzen, und die Schatten der Nacht tanzten um seinen Kopf. Ich

klopfte. Im Fenster verschwammen die Bewegungen; rosa, schwarz,

hellblau, rosa, schwarz, hellblau. Ich klopfte noch einmal. „Klopfen Sie

nur”, durchbrach eine Stimme die Stille der Nacht, „das bringt rein gar

nichts.”

 

Ich wandte mich um und sah seine Frau, die zusammengesunken in

einem Gartenstuhl saß, ihre Augen glitten über ihre roten, verbrauchten

Wangen. In diesen Augen spiegelten sich die Jahre, die sie damit

verbracht hatte, an Autoscheiben zu klopfen.

 

Auch ich hatte mich langsam an Mr. Huws Mondbesessenheit gewöhnt.

Einen Monat zuvor, als der Mond beiläufig seinen dunklen Schleier fallen

ließ, hatte ich ihn auf meinem Dach angetroffen, wie er gen Himmel

wetterte, ungestüm fragend, wie man wohl Kontakt aufnehme mit der

sturen, beinlosen Gegenwart des Mondes. Der Mond sei nicht nur am

Himmel, er sei in ihm, so fluchte er, wölbe sich unter seinen Augenlidern,

erhelle seine Träume. Er sei ziemlich lästig geworden, spottete er.

 

Das war Mr. Huws allerdings auch. Ich beobachte, wie die übliche Flut

der Nachbarn über den Asphalt sickert. Zuerst kommt die einzig intakte

Familie der Straße; Perdita, die Polizistin, die nicht einmal einen Toast isst,

ohne die rechtlichen Folgen zu bedenken, und ihr Wirbelsturm von einem

Haus-Ehe-Mann, dessen Name in Vergessenheit geraten ist zwischen all

den belanglosen Schulfeiern und Elternabenden, und den man meistens

in einem Strudel von familiären Verpflichtungen herumwirbeln sieht,

wobei er Brille, Kinder und Einkäufe fallen lässt. Heute Nacht tragen

sie jeder behutsam ein Kind über der Schulter. Nachdem Perdita den

Tatbestand evaluiert hat, schält sie sich das Kind vom Arm und legt es

über Wirbelsturms Schulter, wohin es perfekt passt, wie ein Legostein. Sie

geht beiläufig doch gezielt zum Auto. Sogar im Morgenmantel ist Perdita

eine ernsthafte Polizistin.

 

„Mr. Huws, sind Sie sich darüber im Klaren“, fragt sie und wetzt dabei die

Vokale wie ein Messer, „dass Sie gerade eine schwerwiegende Straftat

begehen?”

 

Als er zum Trotz hupt, sehe ich, wie Marina, eine meiner

Lehrerkolleginnen, plötzlich einer Erscheinung gleich aus einer dunklen

Ecke auftaucht. Marina ist nicht wie die anderen Lehrer. Als ich ihr zum

ersten Mal die Hand gab, konnte ich fühlen, wie meine Haut aufging wie

Teig, um die ihre zu berühren. Ich hoffte, wir würden Freundinnen werden.

Ich hatte mir ausgemalt, was wir wohl alles zusammen aushecken

würden: in der hochsommerlichen Sonne sitzen, selbstgemachten

Tomatenwein trinken, sich über das beschränkte Vokabular unserer

Kollegen lustig machen, anspruchsvolle Menüs verfeinert mit Gemüse

und Kokosmilch zubereiten, und dabei die ganze Zeit herzlich zusammen

zu lachen über die Absurdität der Welt in der wir leben, und genau

zu ergründen, was einen Menschen isoliert. Ich hatte ihr diese Straße

empfohlen, damals, als Mr. Huws noch ein liebenswürdiger alter Mann

war, der mittwochs gärtnerte und rot wie eine Rübe wurde, sobald eine

Frau ihn ansah.

Die zweite Nacht nach Marinas Umzug verbrachten wir jedoch mit dem

Versuch, Mr. Huws aus ihrem Schornstein zu holen. „Reden Sie nicht in

diesem Ton mit mir, junge Frau”, fauchte er sie an, „ich tue Ihnen bloß

einen Gefallen. Sie wollen doch nicht, dass der Mond seinen Hintern die

ganze Nacht an ihrem Fenster reibt, oder?” Seitdem war Marina meinem

Blick stets ausgewichen.

 

Ich sehe sie jetzt, wie sie in der Mitte der Straße steht, ihr blondes Haar

grellweiß im Mondlicht. Ekelhaft schön, bösartig umwerfend.

 

„Marina! Wie geht’s?”

 

„Oh, hi Melissa. Ich hab’ dich gar nicht bemerkt.” Sie trägt einen

cremefarbenen Umhang, ihr Gesicht gepudert vom Mondlicht. Ich sollte

sie mit meinen Fingern streifen, um herauszufinden, ob sie wirklich

existiert.

 

„Wie läuft’s in der Schule?“, frage ich, wobei ich natürlich weiß, dass

sie absolut gewissenhaft, engagiert und beliebt ist. „Wie findest du die

Kinder?“

 

„Sie sind schon in Ordnung. Es gibt natürlich immer ein paar Rabauken,

aber niemand, mit dem ich nicht fertig würde. Ganz schön kalt hier, nicht?

Ich denke, ich gehe wieder ins Bett.“

 

Und mit einer abrupten Bewegung setzt sie einen cricketballgroßen Punkt

unter unsere Unterhaltung.

 

Die Sensationslust nimmt ab, die Straße leert sich. Mr. Huws schläft

mit dem Kopf auf der Hupe ein, und sein Mondgeheul hallt durch die

ganze Nacht. Mrs. Huws löst sich auf in gelösten Laken, Perdita ereifert

sich über das Unvermögen der Bürgerkomitees im Viertel, während der

Wirbelsturm lüstern über sie fegt, und Marina verbrennt sich die Zunge an

ihrem Erdbeertee.

 

Ich hingegen vertiefe mich in meine frühmorgendliche Gartenarbeit und

entdecke ein Händepaar im Garten hinter meinem Haus.

 

Am nächsten Tag kommt Mrs. Huws vorbei. Sie übernimmt es immer,

sich zu entschuldigen. Ihr Mann wacht jeden Morgen auf mit einem reinen

Gewissen und einem unerschütterlichen Gemüt und hat keine Ahnung,

dass er schlafwandelt. Er ist felsenfest überzeugt, so gut geschlafen

zu haben wie seit Jahren nicht, und da er es immer vor Morgengrauen

zurück ins Bett schafft, hat er auch keinen Anlass, etwas Gegenteiliges zu

glauben. Er wacht auf, gähnt und dreht sich zu seiner Frau, ist erstaunt,

die feuchten Spuren der Angst und Verwirrung in ihren Augenwinkeln

zu sehen. Er schreibt sie der allgemeinen Lähmung angesichts eines

weiteren Tages einer zermürbenden Ehe zu, er setzt sich auf, reibt sich

die Augen und sagt: „Es gibt nichts Schöneres, als den Tag mit einem

Frühstücksei zu beginnen.“

 

Den kalten Blick jedes einzelnen Nachbarn schreibt er genereller

Abneigung zu. „Das war schon immer eine ungesellige Gegend“, dröhnt

seine Stimme hinter der Gartenmauer hervor.

 

Jetzt steht Mrs. Huws also in meiner Tür mit einem Gesicht wie eine

gesprungene Autoscheibe. „Es tut mir wirklich Leid wegen letzter Nacht“,

sagt sie, und ihr falsches Gebiss schaukelt unsicher auf dem Rücken ihrer

Zunge, „Sie wissen, wie er ist. Er kann sich wirklich an nichts erinnern. Na

ja, und es kommt nur einmal im Monat vor.“

 

“Aber es wird schlimmer, Mrs. Huws...”

 

Ich stelle mir plötzlich Mr. und Mrs. Huws als junges Paar auf ihrem ersten

gemeinsamen Ausflug vor, irgendwo an einem verlassenen, windigen

Strand, vor Liebe und Schönheit erschauernd, ihre Haare nass und salzig

an ihren Schultern. In Freud und Leid, echot das Meer. Mein Herz wird

von den Gezeiten hinweggespült.

 

„Ich verstehe, dass es schwierig ist“, fahre ich fort, „und natürlich gebe

ich Ihnen oder Ihrem Mann keine Schuld ... aber ...“

 

Sie heimst schnell das Wort „verstehe“ ein. Nur das braucht sie. Ich

sehe, wie sie zum nächsten Haus geht, ihre kalten, glasigen Augen auf

die folgende Aufgabe vorbereitet. Ich bemerke, dass sogar ihr Gang

entwaffnend wirken soll.

 

Gerade als ich die Tür schließen will, sehe ich Marina. Ich rufe sie.

Ich weiß nicht, warum ich das tue. Die Stimme kommt von einem

geheimnisvollen, unbeschriebenen Ort in meinem Inneren, und zum ersten

Mal spüre ich etwas Fremdes, Distanziertes in mir. Etwas, dass unbedingt

will, dass sie hereinkommt, damit ich mit ihr meinen seltenen, kostbaren

Fund teilen kann.

 

Sie hebt den Blick. Sie schaut mich einen Moment an, lächelt, und kommt

herüber. Na endlich, denke ich, na endlich. Dann, plötzlich, zerbricht ihr

Lächeln auf dem Asphalt.

 

„Oh, entschuldige. Ich hab’ dich verwechselt.”

 

Man findet nicht jede Nacht ein Paar Hände in seinem Garten. Ich hätte in

vielerlei Hinsicht dankbar sein sollen, zuallererst Mr. Huws dafür, dass ich

mit solcher Heftigkeit gegraben habe. Ich entschied mich, das Gesehene

in mich aufzunehmen und die Sache für mich zu behalten. Die Hände

ähnelten Lilien so sehr, dass es mir schien, als gehörten sie hierher, als

ein kleiner Teil einer viel größeren Schöpfung. Es wäre ein Verbrechen,

sie auszureißen. Irgendetwas an ihnen war so vertraut. Etwas, das ich

nicht benennen oder in Worte fassen konnte, sondern das auf meiner

Zungenspitze müßig verharrte, ohne jegliches Verlangen, sich in die Luft

zu erheben.

 

Langsam, behutsam, bedeckte ich sie wieder.

 

Es ist Mittagspause im Lehrerzimmer. Ich belausche eine

ausgeschmückte Version der Geschehnisse der letzten Nacht.

 

„Er ist ein echtes Mondkalb ... verzeiht das Wortspiel ... und er hat so eine

jämmerliche, kleine Frau, die sich immer entschuldigen kommt, einem in

den Hintern kriecht und dann sagt, dass er sich an nichts erinnern könne,

wie praktisch... ”

 

Ihre Zuhörerschar, drei milchgraue Männer und zwei entengesichtige

Frauen, lacht schallend.

 

„Das ist Sache der Polizei“, sagt Mathe Molly, während sie vor Phil, dem

Physiker ihre Brüste streichelt. „Glaubst du, dass die eine größer ist als

die andere?“

 

Phils Augäpfel fallen wie Murmeln zu Boden.

 

„Im Viertel wohnt eine Polizistin. Ziemlich lästig.“

 

„Macht das nicht alles einfacher?“, erkundigte sich Gorilla. Keiner wusste,

welches Fach er unterrichtete.

 

„Sie hat keine wirkliche Handlungsvollmacht. Nicht zu dieser

nachtschlafenden Zeit.“

 

„Polizistinnen, die ... die beschuldigen einen immer gleich, stimmt’s?“,

bemerkt Cyber Cynthia, während das Gehörte sich einen Weg durch die

leeren Gänge in ihrem Hirn bahnt.

 

Die Pausenglocke läutet.

 

An diesem Abend, während ich die Hände hütete, tauchte Mr. Huws

rosafarbener Kopf über der Gartenmauer auf. Es war zu spät, um eine

Ausrede zu erfinden, ich war ertappt worden.

 

„Melissa“, knurrte er, als ob er einen Blumendieb ausschimpfte, „verraten

Sie mir vielleicht, was hier los ist? Ich habe Sie beobachtet, wissen Sie.

Seit Wochen. Wie Sie da knien. Immer auf diese Stelle starren.“

 

Ich will etwas sagen, um diesem Augenblick eine andere Wendung zu

geben. Ich suche verzweifelt nach einem einzigen Wort mit dem Gewicht

des ganzen Himmels, um Mr. Huws in den Boden zu versenken.

 

„Sehen Sie sie denn nicht?“ Der Satz tropft jämmerlich von meinen

Lippen.

 

„Ich finde Ihr Benehmen sehr verdächtig. Ich werde das wohl melden

müssen.“

 

Es war daher nur eine Frage der Zeit. Innerhalb weniger Stunden würde

ich gezwungen sein, die Dinge in einem anderen Licht zu sehen; ein

Paar Hände in meinem Garten für unnatürlich zu halten, für etwas, das

Spekulationen und Neugier hervorruft, ironischen und desinteressierten

Diskussionen bei Kartoffelbrei an Donnerstagabenden geweiht ist.

Unterdrücktes Gelächter im Lehrerzimmer herausfordert. Keiner würde

verstehen, dass sie Teil meines Lebens waren. Dass ich sie fühlen konnte,

wie sie mein Haar streichelten zwischen meinen Träumen, wie diese

weißen Handflächen mein Gesicht liebkosten, mich willkommen hießen

an jedem neuen, strahlenden Tag. Dass ich sie hörte, wie sie sich des

Nachts ihren Weg aus der Erde bahnten, im Schatten herumkrochen

wie ein weißes, augenloses Geschöpf. Mich beschützten vor den

schrecklichen Schwestern der schwarzen Nacht, den tödlichen Tänzern

der Dämmerung.

Am nächsten Nachmittag war der Garten voller ungebetener Gäste. Ms.

Huws schenkte Pastinakensuppe über die Gartenmauer hinweg aus,

Perdita verhörte sie in ihrer üblichen, akribischen Art, und Wirbelsturm

und seine Kinder klebten den Nachbarn heimlich Zettel auf den Rücken.

Mr. Huws hatte den Blick auf den Boden gerichtet. Marina sah der

Pantomime stumm von ihrem Fenster im oberen Stock zu.

 

Das Fehlen der Hände beunruhigte mich.

 

„Wonach suchen wir hier eigentlich?“, fragte Perdita und stocherte mit

ihrem silbernen Stock in der Erde herum. „Sie wissen, dass es eine

Straftat ist, irreführende Informationen zu geben.“

 

„Henry hat gesehen, wie sie etwas ausgegraben hat“, sagte Mrs. Huws

selbstgerecht.

 

„Ich habe gesehen, wie sie etwas ausgegraben hat.“ Mr. Huws Gesicht

brannte vor Zorn.

 

Wir sahen alle auf den reglosen, unversehrten Boden.

 

„Es könnte eine Leiche gewesen sein“, sagte der Wirbelsturm-Ehemann.

Alle blicken ihn verblüfft an, als ob „Leiche“ ein Fremdwort wäre. Perdita

lacht.

 

„Eine Leiche! Ha ha! Was macht man bloß mit diesen Hausmännern, frage

ich Sie? Zu viele Krimiserien am Nachmittag, fürchte ich! Solltest du nicht

einen etwas konstruktiveren Beitrag leisten? Mittagessen kochen, zum

Beispiel?“

 

Sie gibt seinem Hintern einen schallenden Klaps, bevor sie den Rest ihrer

Familie mit dem silbernen Stock aus dem Haus scheucht.

 

„Sie führen doch was im Schilde, Fräulein“, schreit Mr. Huws mich an,

„und ich werde herausfinden, was es ist, passen Sie bloß auf. ”

 

Er knallt anklagend die Tür zu.

 

Mrs. Huws verlangt ihre Becher zurück; und wieder einmal gehört der

Garten mir allein.

 

Es war schon dunkel, als Marina kam. Es war aus ihrer unnatürlichen,

gekrümmten Haltung, wie sie da in meiner Tür stand, ersichtlich, dass die

Neugier gesiegt hatte über ihre Abscheu; als ob sie glaubte, dass ihr Hass

in dieser Position weniger sichtbar wäre.

 

Ich spreche ihren Namen so aus, wie man ihn richtig ausspricht. Als ob

mein Mund voller Salz wäre.

 

„Also, darf ich reinkommen?“

 

Der Mond steht am Himmel, der Rasen glänzt silberig. Sie sind wieder da.

So rein wie eh und je. Ich sehe, wie sie zum Licht streben, gefaltet zum

stummen Gebet. Sie kniet vor ihnen nieder. Ich stelle mir vor, dass das der

Anfang ist. Bald wird sie meine Einladung auf ein Tässchen annehmen,

wir werden unsere Sommerschuhe abstreifen, auf dem Rasen sitzen und

über die Missstände im Bildungswesen diskutieren. Und uns fragen, was

einen Menschen isoliert.

 

Aber meine Träume schmelzen beängstigend, wie Plastikschuhe auf

einem Heizgerät.

 

„Da ist nichts“, sagt sie und erhebt sich, um meinem Blick zu begegnen.

 

„Was heißt, da ist nichts?“ Die Schuhe erstarren, werden fest. Wieder

spüre ich das Ziehen an diesem geheimnisvollen, versteckten,

unbeschriebenen Ort in meinem Inneren.

 

„Das heißt, hier ist nichts. Du hast das erfunden. Damit man dir

Beachtung schenkt. Damit man dich mag.“

 

Ich trete langsam einen Schritt vor. Aus meinen Augenwinkeln sehe ich

etwas Unglaubliches. Ich sehe, wie die weißen Hände tanzen, lebendig

werden, aus dem Beet hervorschießen. Und nun erschien mir alles

absolut einleuchtend. Endlich wusste ich, wem diese Hände gehörten. Ich

wusste, warum sie existierten, und wie meine Geschichte enden würde.

Ich wusste genau, was einen Menschen isoliert.

 

In diesem Augenblick sprang Mr. Huws auf die Mauer. Sein Schlafwandeln

hatte wieder den Höhepunkt erreicht. Er hatte einen Lautsprecher in der

Hand und schrie: „Der Tod steht ihr gut! Der Tod steht ihr gut!“, stürzte

dabei von der Betonmauer, während Wirbelsturm auf seiner Frau auf und

ab schwang, während ihre zwei Kinder weiße Schokoladenmäuse beim

Licht einer Taschenlampe knabberten, während Mrs. Huws verträumt und

entrückt in ihrem Wohnzimmersessel liegt. Die ganze Zeit rückte Marina

näher und näher und näher heran an die weißen, zielstrebigen Hände hinter

ihr, so nahe, dass sie ihre Knöchel zu fassen bekommen. Und irgendetwas

in dieser Berührung kam mir viel zu vertraut vor.

 

Ihr Schrei wurde übertönt von Mr. Huws’ Ankündigung, dass er sich beim

Mond als Küchenhilfe verdingen werde.

 

„Und dann sagte sie nur, ihr könnt mich alle mal! Ich bleibe hier keine

Minute länger. Ich ertrag’ das nicht. Und weg war sie. Hat noch in

derselben Nacht gepackt, und ging. Das ist ja so aufregend, oder? Heim

und Arbeit zu verlassen nur wegen so eines Mondkalbes – entschuldigt

das Wortspiel. Ich glaube, sie wollte nur beachtet werden, ehrlich. Wollte,

dass man sie mag.”

 

Meine Zuhörerschar, drei milchgraue Männer und zwei entengesichtige

Frauen, lacht schallend.

 

„Ich fand sie schon immer ein bisschen komisch“, gestand Mathe Molly

und rieb ihre Beine vor Phil, dem Physiker.

 

„Sollte ich sie lieber rasieren oder wachsen, Phil?“ Phils Augen schwingen

wie ein Pendel.

 

„Hat sie gesagt, ob sie wiederkommt?“, fragt Gorilla desinteressiert.

„Sie sagte, das wär’ der schlimmste Ort, an dem sie je gelebt hat. Sie

würde lieber ... woanders wohnen.”

 

„Nun ja,“, seufzte Cyber Cynthia und verschloss ihr Lächeln in ihrem

Laptop, „kein großer Verlust, oder?“

 

Die Pausenglocke läutet.

 

Ich gehe zur Tür des Lehrerzimmers. Als ich meine Hände auf dem

Türgriff sehe, muss ich unwillkürlich an ein anderes Händepaar denken,

jenes, das mein Verbrechen ermöglichte. Diese Hände, die jetzt tief im

Erdreich vergraben sind, für immer von der Außenwelt abgeschnitten.

Endlich vollendet. Die Verschmelzung von Schwarz und Weiß, die perfekte

Mischung. Und wieder einmal überzeuge ich mich, das meine Tat absolut

logisch war. Schließlich waren es ihre Hände. Sie gehörten zu ihr, und sie

gehörte zu ihnen.

In jener Nacht wurde mir alles klar. Dass die Hände vielleicht gar

nicht existiert hatten, bis ich ihre wahre Bestimmung kannte, dass sie

lediglich für etwas anderes standen. Das plötzliche Auftreten von etwas

Ungewohntem im Gewohnten, war das nicht letztendlich das, der

eigentliche Kern dessen, was einen Menschen isoliert? Ich fühlte mich

nicht schuldig. Mr. Huws erinnerte sich am nächsten Morgen an gar nichts

und gab seiner Freude über Marinas plötzliche, wortlose Abreise deutlich

Ausdruck. Ich fühlte mich wie ein Kreuzfahrer der Nacht, der seine Pflicht

tun musste, um das Gleichgewicht im Viertel wiederherzustellen. Marina

hatte nur ihre Bestimmung erfüllt, und sie hatte mir meine verdeutlicht. Es

war eine rein rationale Tat. Alles war absolut einleuchtend.

 

So einleuchtend wie ein Paar Hände im Garten.