Daniel Odija

Den Gutshof erhalten


Das war in jenen Zeiten, als sich die heutigen Erinnerungen unablässig

begaben. Man fuhr einen Kilometer hinein in die leeren Felder, die im

Sommer vom niedrigen Raps gelb leuchteten. An einer Kreuzung der

Landstraße bog man nach links ab, passierte eine von Borkenkäfern

zerfressene Wirtschaft und mußte zweihundert Meter weiter in Wolken

trockenen Staubes vor einem halb geschlossenen Tor anhalten. Es war

ein reich verziertes Metalltor. Hier wurde man von drei Hunden begrüßt.

Einem großen, schwarzen Wolfshund und zwei kleinen Dachshunden. Die

Hunden waren nicht aggressiv, sie kannten den Besucher. Sie wedelten

mit den Schwänzen und bellten freudig hinter dem Auto her.

Die Wirtschaft eröffnete eine lange Reihen arthritischer Apfelbäume.

Die Bäumchen waren durch unsichtbare Hände geformt worden, die an

den morschen Körpern ihre fragwürdigen Fähigkeiten auf dem Gebiet

des Obstbaumschnittes unter Beweis zu stellen suchten. Die krummen

Ergebnisse waren der sichtbare Beweis dafür, daß die Fähigkeiten dieser

Hände nie über ein fröhliches Laientum hinausgelangt waren, in dem sich

die Überzeugung manifestierte, die Lektüre von ein, zwei Büchern über

den Obstbau genüge, um revolutionäre Ergebnisse zu erzielen, wie etwa

die Kreuzung einer Weichsel mit einem Apfel.

Zwischen den Bäumen liefen Hühner herum. Sie waren weiß, denn      

nur solche wurden in den beiden großen Hühnerställen gehalten. Die

Gebäude waren weiß verputzt. Sie standen stattlich auf einer leichten

Erhebung, lang und plump wie Zigarren. Zusammen beherbergten sie

neuntausend Hühner. Ein ungeheures Vermögen, vor allem wenn man das

mit anderen Höfen verglich, in denen zwei Schweine schon viel waren.

Die Hühnerställe bedeuteten nicht nur Reichtum, sondern auch Macht.

Ihr Besitzer war Bronislaw Broda, ein stämmiger, auf seine Art schlauer

Kerl mit einem buschigen Schnurrbart unter der Nase und einer zarten

Frau namens Irena, zerbrechlich wie ein mürber Keks. Er begrüßte den

Besucher überschwenglich, ohne jeden Schimmer von Unehrlichkeit im

Blick, dessen man oft Menschen verdächtigt, die einfach zu reich sind für

das Land, in dem sie leben.

Bronislaw Broda war Landwirt, Ehemann und Vater mit eindeutig

festgelegten Prinzipien. Sein Urteil war unanfechtbar, sein Entschluß

unumstößlich. Alles mußte nach seinem Willen geschehen. Die Frau

mußte gehorsam und ruhig seine Schläge mit dem Gürtel hinnehmen, und

wenn er einen über den Durst getrunken hatte, mußte sie auch seine harte

Faust als zärtliche Berührung empfinden. Die Kinder mußten funktionieren

wie die Uhren, ohne Auflehnung im Denken und Handeln. Warum sollten

sie sich auch auflehnen? Schließlich gab er ihnen alles. Sie hatten zu

essen und einen Platz zum Schlafen.

Bronislaw Broda liebte die Tiere. Daher tötete er sie selber, um sie nicht

zu unnötigen Leiden zu verurteilen, in denen angeblich die Schlachter

schwelgen. Bronislaw Broda liebte auch die Unterhaltung. Manchmal

nahm er die Schrotflinte seines Vaters und schoß damit. Einfach so, in

den Himmel, auf einen Baum oder auf Dosen, um das Auge zu üben,

oder auch in einen Schweinerüssel. Auf Schweine schoß er, statt sie mit

der Hacke zu erschlagen, mit großem Kaliber, mit Wildschweinpatronen,

weil das human war. Daß das Fleisch später möglicherweise nach Pulver

schmeckte, was machte das schon? Es genügte, den Kadaver mit dem

Kopf nach unten aufzuhängen, damit das Pulver mit dem Blut in die Erde

tropfte, so daß dann der Boden und nicht mehr das Fleisch nach Pulver

roch. Nur daß sich der Boden dann rostrot färbte und in ihm ein tierischer

Haß gegen den Mörder erwachte. Über dem Hof ballten sich rächende

Geister zusammen und drohten mit ihren Schweinsklauen. Sie schworen

Rache. Doch Broda machte sich nichts daraus. Er fühlte sich auf seinem

Grund und Boden sicher.

„Ich habe immer schon gerne gejagt“, sagte er zufrieden und nahm

das Luftgewehr, um auf die Spatzen zu schießen, die lärmend auf dem

Scheunendach saßen. Die Spatzen fielen zu Boden wie Hagelkörner.

Einigen gelang es, davonzufliegen, doch nach einer Weile kehrten sie,

verwirrt vom Lärm, zurück auf das Dach, und stürzten sich zwitschernd

in die Löcher, die die Schrotkugeln, dicht wie Graupen, in die Luft

geschossen hatte.

Manchmal schoß Broda auch auf Ratten. In diesem Sommer hatten

sie sich im Schweinestall eingenistet. Vom Sturzboden und den Balken

spritzten die Späne. Die Schweine gerieten in Panik. Sie quiekten laut.

Ratten waren am schwierigsten zu treffen. Klüger als Menschen, huschten

sie wie stumme Blitze dicht unter der Stalldecke dahin. Doch es genügte,

daß sie unbeabsichtigt an ein Strohbündel stießen oder auch nur einen

Halm streiften, und schon feuerte Broda in ihre Richtung. Eine volle

Ladung auf gut Glück. Er schoß nie eine Ratte, dafür durchsiebte er den

ganzen Stall.

Nach der Unterhaltung kehrte Broda ein wenig müde und tief in Gedanken

nach Hause zurück. Er streichelte seine Söhne und versprach, ihnen ein

Videorecorder. Mit dem könnten sie ausländische Trickfilme anschauen.

Es war der erste Videorecorder in der Umgebung. Nicht einmal in der

Stadt hatten sie einen, Broda jedoch besaß schon so ein Gerät. Alle Filme

waren in deutscher Sprache. Donald Duck quatschte deutsch, Micky

Mouse rief: „Pluto, hierher!“ Sogar Bruce Lee hatte deutsch gelernt. Meist

gab es Zeichentrick- oder Karatefilme. Als besonderen Reiz legte Broda

von Zeit zu Zeit einen Pornostreifen ein – auch der war deutsch. Brodas

Hirn füllte sich mit Stöhnen und Low-Budget-Gymnastik. Irena schämte

sich, das anzuschauen. Er verhöhnte sie: „Schande! Schande! Schau nur,

was für Phantasie! Nicht so wie mit dir!“

Dafür bereitete Irena die beste Eierspeise in der Welt. Eierspeise war

die häufigste Mahlzeit. Wenn man so viele Hühner hat, gibt es immer

Brucheier, die von den Läden nicht genommen werden. Man muß sie

entweder essen oder verschenken. Broda lachte in sich hinein. In seinen

Hühnerställen preßten neuntausend Hühner Tausende Eier aus ihren

Ärschen, genügsam und ahnungslos, daß diese Eier nie ausgebrütet

wurden.

Hier lebten alle von Eierspeise. So zum Beispiel Tosiek Sobola. Er wohnte

am Ende des Dorfes in einer zerfallenen Hütte, die er von seinem Vater

geerbt hatte. Sein Grund war steinig und lag ständig brach. Langsam

wurde er von einem dichten Pelz ineinander verfilzter Unkräuter und dürrer

Gräser überwuchert. Hungernd und frierend überlebte Tosiek Sobola mit

Mühe den Winter und klopfte eines Nachts, verzweifelt und abgemagert,

an Brodas Tür.

Der lächelte bloß und gab ihm Arbeit. Seither wohnte Tosiek Sobola

in einem kleinen Verschlag im Hühnerstall. Hier wischte er mit drei,

manchmal vier Nachbarn mit feuchten Fetzen die scheißeverschmierten

Eier ab und legte sie sorgsam in Preßkartons. Die Brucheier legten sie zur

Seite, die waren für die Tiere oder wurden billiger an die Dorfbewohner

verkauft. Tosiek machte sich daraus Eierspeise. Er bereitete sie immer

aus acht, neun Eiern. Keiner sah ihn in dieser Zeit etwas anderes als

Eierspeise und Brot essen. Er trank nicht. Nicht einmal ein Gläschen. Er

war ein guter Arbeiter. Er hatte es warm und bequem in seinem Verschlag.

Er führte Futter und Hühnerdreck und kontrollierte die Temperatur im

Stall: Es mußte warm genug sein, damit die Hühner öfter und mehr legten

als gewöhnlich, aber nicht zu warm, damit sie nicht erstickten. Bronislaw

Broda zahlte ihm wenig, zu wenig. Wenn Tosiek getrunken hätte, hätte er

bei diesem „Lohn“ genauso hungern müssen wie früher, aber er beklagte

sich nicht. Bronislaw Broda hielt ihn für einen Dummkopf, weil er bereit

war, für so wenig Geld zu arbeiten. Tosiek schwieg, denn er war es nicht

gewohnt, etwas zu sagen. Nach drei Jahren sagte er jedoch, er wolle in

die Stadt ziehen. Broda zuckte nur die Achseln: „Sehnst du dich nach

einem anderen Ort? Ich auch manchmal, aber was soll’s….“

Also verließ Tosiek Sobola, gekleidet in seinen Feiertagsanzug, das Haar

nach hinten gekämmt, das vom harten Leben gezeichnete Gesich glatt

rasiert, eines sonnigen Morgens den Hühnerstall und setzte sich auf die

schwarze Maschine der Marke „Ukraina“, die er von einem Säufer gekauft

hatte. Stolz ausgerichtet und ohne ein Wort des Abschieds fuhr er durchs

Tor. Jetzt kehrt er in der Stadt die Straßen, sorgfältig und ohne Eile, wie

er schon bei den Hühnern gearbeitet hat. Er ist zufrieden. Keiner schafft

ihm etwas an. Er muß keinem dankbar sein. Er kann auch etwas anderes

als Eierspeise essen. Er hat sogar eine Frau gefunden, gut fünfzehn

Jahre älter als er, aber brav und praktisch veranlagt. Sie kümmern sich

umeinander und haben einander sogar ein wenig lieb. „Verbrennen sollen

sie“, quittierte Broda, für den Tosiek so etwas wie ein menschliches

Haustier darstellte, diese Kunde.

Doch noch bevor Tosiek wegfuhr, kam in der Hühnerfarm die Zeit, da

die Legehennen geschlachtet wurden. Sie legten schon drei Jahre,

aber zuletzt eindeutig zu wenig, weshalb sie gegen frische, jüngere

ausgetauscht werden sollten. Das Leben hatte sie verbraucht.

Broda nahm ein paar zusätzliche Arbeiter auf, um die „Operation“

möglichst reibungslos ablaufen zu lassen. Er krempelte auch selber

die Ärmel auf. Eine Razzia! Die Masse des dummen Federviehs wußte

nicht, wie ihr geschah. Dicht zusammengedrängt liefen die Hühner in der

Stallmitte zusammen. Von allen Seiten umringte sie der Mensch. Mit einer

Hand packte er gleich drei, vier Hühner. Er drückte kräftig die krampfhaft

flatternden Flügel zusammen und legte die Hühner unter die Hacke,

eigens geschärft für die Hühnerhälse. Die erstaunten Köpfe fielen herab

und rollten dem verschwitzten Broda vor die Füße, der die Exekution

eigenhändig ausführte. Er beobachtete gern die geöffneten Schnäbel, die

sich wunderten, was da mit ihnen passierte. Als wollten sie fragen: „Und

wo ist der übrige Körper?“

Die kopflosen Hälse verspritzten Blut. Die blinden Leiber wackelten mit

den Flügeln und sprangen herum im fröhlichen Totentanz, als freuten

sie sich, daß es ihre abgehackten Köpfe nicht mehr zu den Körnern

herabzog. Manche hüpften rhythmisch von einem Bein aufs andere und

vollführten, harmonisch aufgereiht wie talentierte Ballettänzerinnen,

den „Schwanensee“ von Tschaikowski. Bis sie schließlich gelähmt, mit

zuckenden Muskeln, umfielen und nur mehr mit den Flügeln gegen den

Boden schlugen, den Staub unter sich zusammenscharrend. Am Ende

lagen sie still in weißen Federhaufen, ein Amen für den Hühnergott.

Tosiek Sobola sammelte die Köpfe in einen Sack, denn die Hunde hatten

sich längst überfressen und kotzten. Von Zeit zu Zeit streute er Sand

um den Hackstock, damit Broda nicht im Blut ausglitt, dann holte er die

nächste Partie. Vielleicht begriff ein Teil der Hühner, daß es ihnen an den

Kragen ging. Daß sie eher weniger als mehr wurden und sich ringsum

Leere ausbreitete. Sie zappelten heftiger mit den Beinen. In dümmlicher

Auflehnung wackelten sie hektisch mit den noch nicht abgehackten

Köpfen, rissen die Augen auf und versuchten, unter den Händen

durchzuflutschen.

Manche Hühner spielten Fangen. Sie liefen davon, ungeschickt hin und

her wackelnd. Doch die Menschen jagten sie in einen engen Gang im Stall

und verstellten ihnen den Weg. Auch die Kinder hatten ihre Freude, denn

ihnen fiel die Aufgabe zu, Tosiek Sobola und seine Kollegen die Hühner

zuzutreiben. Die Hände der Männer packten geschickt zu wie Zangen. Die

Frauen rupften die geköpften Leiber. Die Federn und Innereien landeten in

Eimern. Obwohl die Hühner vom jahrelangen Eierlegen ausgelaugt waren

und mager, eigneten sie sich noch für Hühnerbrühe. Außerdem verkaufte

sie Broda zu herabgesetzten Preisen für die Herstellung von Pasteten.

Ein scharfer, stechender Geruch verbreitete sich über dem Hof. Die

Axt blitzte in der Sonne wie ein Spiegel, in dem man das Ende des

Lebens sehen konnte. Die Sonne leuchtete auf den Blutstropfen, die wie

erfrischender Regen auf den verschwitzten Broda niederfielen. Einem

der kopflosen Hühner verliehen postume Nerven überhühnermäßige

Kräfte. Mit steifen Gliedern rannte es auf den Zaun zu. Der in Schwung

versetzte Körper imitierte geschickt das Leben, bis er schließlich gegen

den Drahtzaun stieß. Das Huhn wurde nach hinten geworfen. Der blutige

Hals zuckte und bohrte sich, da er keinen Halt fand, in den Sand wie ein

Strauß. Der schwarze Wolfshund packte ihn vorsichtig und legte seinem

Herren die Leiche zu Füßen. Broda lächelte und streichelte seinen

Schüler. Er versprach ihm eine Extraportion Futter.

Das Schlachten dauerte schon eine Weile, und die Kinder begannen sich

zu langweilen. Alles geriet durcheinander. Die toten Hühner unterschieden

sich von den lebenden nur durch die fehlenden Köpfe. Die Kinder

empfanden die anfängliche Attraktion als monoton. Der Ekel, den ihnen

das Hühnermassaker eingeflößt hatte, bereitete keinen Spaß mehr.

Jeder weitere flatternde Vogel ließ ihr Interesse schwinden. Wenn die

individuelle Agonie erst einmal zum Massenschlachten wird, vermag sie

keinen mehr zu rühren.

Marek und Janek, Brodas Söhne, spielten lieber am Fuß eines Hügels,

wo acht Bretterstapel ordentlich aufgeschichtet lagen. Sie liebten es,

dazwischen herumzujagen. Am schönsten war es, Krieg zu spielen. Sie

vergaßen jedoch, daß zwischen den Brettern Wespen hausten. Große,

gelb-schwarze Bomber mit Stacheln im Hintern. Mit diesen Stacheln

injizierten sie ein Gift, das sich ausbreitete wie Feuer und den Körper in

ein geschwollenes Gefäß verwandelte, in dem subkutaner Eiter den Wurm

der Depression nährte. Vier solche Wespen stachen den kleinen Janek in

den Rücken, als er an ihrem Nest vorbeilief. Sicher wollten sie damit einen

möglichen Angreifer abschrecken. Wie dumm von ihnen! Das Weinen

Janeks beschwor ein viel schlimmeres Übel herauf. Broda befahl Tosiek,

wenn sie mit den Hühnern fertig wären, das Nest zu zerstören und die

Wespen fertig zu machen. Tosiek nickte bloß und sagte, wie immer, kein

Wort.

Am nächsten Tag ging er mit einer Handvoll Reisig und einem kleinen

Gefäß mit Kalkpulver zu den Bretterstapeln. Er entzündete das Reisig, so

daß der Wind den Rauch in Richtung Wespennest wehte. Die Wespen

sollten ersticken, prusten wie Pferde, husten wie Menschen. Inzwischen

näherte sich Tosiek vorsichtig ihrem Nest, ungesehen von den mit Gift

bewehrten Insekten, die verwirrt und betäubt vom Rauch herumsurrten,

und bestreute das Nest in aller Ruhe mit Kalk. Gegen die Stacheln

schützte er sich mit dicken Handschuhen und einem Overall. Drei Tage

später wiederholte er die Operation. Die toten Körper übersäten den

Boden. Das war Tosieks letzte Aufgabe auf Brodas Hof.

Als er wegfuhr, brach ein Gewitter los. Vom Himmel stürzten

Wassermassen. An einen solches Unwetter konnten sich nicht einmal

die ältesten Dorfbewohner erinnern. Es zog über die Gegend und

walzte bleischwer Obstbäume, Hühnerställe und Häuser nieder. Manche

flüsterten, das seien die mächtigen Schatten, die, angelockt durch Mord

und Tierblut, aus der unsichtbaren Welt in die sichtbare eindrängen. Die

Blitze bohrten sich in die Erde und schmolzen sie zu Stein. Der nahe Fluß

trat über die Ufer und ließ eine neue Welt entstehen. Der Orkan riß Bäume

aus mitsamt den Wurzeln. Die verkrüppelten Apfelbäume flogen hoch in

die Lüfte, als erwarte sie dort oben eine Erlösung. Dabei war das bloß

ein Bosheitsakt der Natur, denn was aus der Erde wächst, das soll auch

zerfallen zu Erde.

Der Sturm, der Fluß und die Wolkenbrüche überschwemmten Bronislaw

Brodas Wirtschaft mit Schlamm. Der Donner vermischte sich mit seinen

Flüchen. Seine Welt lag in Trümmern. Vor seinen Augen zerfiel das

Blechdach der Scheune in Stücke, die über seinem Kopf durch die Luft

segelten wie Fetzen verbrannten Papiers. Der Schweinestall, obzwar

gemauert, wurde von aufgewühltem, stinkendem Schlick unterspült.

Nach ein paar Stunden legte sich der Sturm, doch die Wasser strömten

unaufhörlich nieder. Und so wird es gehen vierzig Tage lang. Es wird nicht

genug Zeit sein, um sich in Sicherheit zu bringen.

Als die Wasser nachließen, blieben im Stall aufgedunsene Schweine und

Kühe zurück. Die vollgesogenen Leiber hingen über die Trennwände,

verstopften die Tröge, begannen zu stinken. Sie lockten Wolken von

Fliegen an. Broda schuftete sich ab bei der Beseitigung der Kadaver.

Damit sie nicht in den Leichen herumtraten, schickte er Frau und Kinder

zur Schwiegermutter in die Stadt. Die Stadt war besser gerüstet für

solche Katastrophen. Dort hatte die Natur nicht solche Macht über den

Menschen. Zubetoniert und gerodet schwieg sie, verschüttet von einer

Lawine von Motoren.

Einstweilen hatte Broda jedoch noch die Sintflut vor Augen. Er blieb auf

dem Hof. Er konnte seine Hühner nicht verlassen. Jemand mußte sich

schließlich um seine Habe kümmern, das dumme Federvieh füttern und

zusehen, wie das Wasser die Mauern zerbröckelte. Die Hühnerställe

waren nicht überflutet worden, weil sie auf einer leichten Erhebung

standen. Broda zog in den Verschlag, in dem Tosiek geschlafen hatte.

Neuntausend frische Legehennen gackerten ungeduldig vor sich hin. In

ein paar Tagen würden sie sich an das monotone Rauschen des Regens

gewöhnt haben und unruhig werden, wenn er innehielt.

Broda schaute über das Meer, das kein Ende hatte.. Er schaute nach

oben, nach unten, ringsherum. Er regnete immer noch. Und wie er sich so

umschaute, glaubte er, auf dem Berg Ararat zu stehen und zu wissen, was

die Flut über die Menschen gebracht hatte. Die kleinen Inseln trockenen

Landes waren den Leichen vorbehalten. Sie ragten wie Gewissensbisse

aus der traurigen Politur des Wassers. „Ich möchte wissen, ob es die

ganze Welt überschwemmt hat? Vielleicht gibt es anderswo noch

trockenes Land….“, dachte Broda.

Er fühlte sich einsam. Ihm fehlte das Gerede der Menschen, das ihn

oft in Wut versetzt hatte, das chaotische Lärmen der Tiere, die nun tot

herumschwammen. Zum ersten Mal sehnte er sich nach seiner Frau. Er

wollte seine Söhne umarmen. Er sah über sich einen Vogel fliegen. Noch

nie hatte er sich so gefreut über den Anblick eines fliegenden Vogels. Gott

verdammt, was für ein Vogel! Hauptsache, er war da. Der Vogel wußte,

daß er bei Rückgang der Flut mit Sicherheit auf seine Rechnung kommen

würde. Das Wichtigste war, daß es die Hühnerställe nicht überschwemmt

hatte. Sollen die Leute ruhig sagen, daß dem Reichen der Teufel sogar

noch die Kinder wiegt. Daraus machte sich Broda nichts. Sollen sie

denken, was sie wollen. Nicht jedem ist dasselbe Unglück beschieden.

Der Vogel. Er weckte in ihm neue Tatkraft. In den beiden Hühnerställen

steckte seine ganze Kraft. Wenn nur endlich diese verdammte Flut

aufhörte, würde alles wieder in Ordnung kommen. Jeder neue Tag der

Überschwemmung drückte ihn tiefer zu Boden. Nach einiger Zeit wurde

Broda bucklig. Er stapfte mit der Nase im Schlamm um die Hühnerställe

herum. Es sah aus, als suche er nach Körnern oder einem wertvollen

Erinnerungsstück, das irgendwo hier verschwunden war, und jetzt wollte

er es unbedingt wieder finden. Er war sicher, wenn er es fände, würde

ihm alles vergeben werden, und die Wasser würden abfließen. Wenn er

fände, was er verloren hatte, würde sich sein Gefühl der Überlegenheit

gegenüber anderen verflüchtigen und er von Achtung für alles Leben

erfüllt werden.

Er erhob sich von allen Vieren und trank eine weitere Flasche Wodka

leer. Eine wäßrige Hölle schwappte in seine Kehle, doch das half ihm,

sich aufzurichten. Da nahm Broda, leicht gebeugt, einen Eimer mit

Hühnerfutter und trat unter die kreischenden Tiere. Er fühlte sich so wohl

wie nie zuvor. Gewissermaßen sicher. Zwischen den Hühnern war ihm

warm und wohlig. Er fühlte sich hier besser als in seinem Haus, das mit

dem Wasser weggeschwommen war.

Die Hühner pickten die Körner auf, ehe er sie noch auf den Boden

geschüttet hatte. Sie zupften ihn leicht an den Schuhen und Händen. Er

setzte sich zwischen sie und gab sich ihren seltsamen Liebkosungen hin.

Nur nicht in die Augen! Nur nicht in die Augen! Er lächelte. So könnte er

jahrelang sitzen bleiben, und wenn die Wasser abflössen, erwartete ihn

jede Menge Arbeit. Als erstes mußte er den Tod wegräumen.