Das war in jenen Zeiten, als sich die heutigen Erinnerungen unablässig
begaben. Man fuhr einen Kilometer hinein in die leeren Felder, die im
Sommer vom niedrigen Raps gelb leuchteten. An einer Kreuzung der
Landstraße bog man nach links ab, passierte eine von Borkenkäfern
zerfressene Wirtschaft und mußte zweihundert Meter weiter in Wolken
trockenen Staubes vor einem halb geschlossenen Tor anhalten. Es war
ein reich verziertes Metalltor. Hier wurde man von drei Hunden begrüßt.
Einem großen, schwarzen Wolfshund und zwei kleinen Dachshunden. Die
Hunden waren nicht aggressiv, sie kannten den Besucher. Sie wedelten
mit den Schwänzen und bellten freudig hinter dem Auto her.
Die Wirtschaft eröffnete eine lange Reihen arthritischer Apfelbäume.
Die Bäumchen waren durch unsichtbare Hände geformt worden, die an
den morschen Körpern ihre fragwürdigen Fähigkeiten auf dem Gebiet
des Obstbaumschnittes unter Beweis zu stellen suchten. Die krummen
Ergebnisse waren der sichtbare Beweis dafür, daß die Fähigkeiten dieser
Hände nie über ein fröhliches Laientum hinausgelangt waren, in dem sich
die Überzeugung manifestierte, die Lektüre von ein, zwei Büchern über
den Obstbau genüge, um revolutionäre Ergebnisse zu erzielen, wie etwa
die Kreuzung einer Weichsel mit einem Apfel.
Zwischen den Bäumen liefen Hühner herum. Sie waren weiß, denn
nur solche wurden in den beiden großen Hühnerställen gehalten. Die
Gebäude waren weiß verputzt. Sie standen stattlich auf einer leichten
Erhebung, lang und plump wie Zigarren. Zusammen beherbergten sie
neuntausend Hühner. Ein ungeheures Vermögen, vor allem wenn man das
mit anderen Höfen verglich, in denen zwei Schweine schon viel waren.
Die Hühnerställe bedeuteten nicht nur Reichtum, sondern auch Macht.
Ihr Besitzer war Bronislaw Broda, ein stämmiger, auf seine Art schlauer
Kerl mit einem buschigen Schnurrbart unter der Nase und einer zarten
Frau namens Irena, zerbrechlich wie ein mürber Keks. Er begrüßte den
Besucher überschwenglich, ohne jeden Schimmer von Unehrlichkeit im
Blick, dessen man oft Menschen verdächtigt, die einfach zu reich sind für
das Land, in dem sie leben.
Bronislaw Broda war Landwirt, Ehemann und Vater mit eindeutig
festgelegten Prinzipien. Sein Urteil war unanfechtbar, sein Entschluß
unumstößlich. Alles mußte nach seinem Willen geschehen. Die Frau
mußte gehorsam und ruhig seine Schläge mit dem Gürtel hinnehmen, und
wenn er einen über den Durst getrunken hatte, mußte sie auch seine harte
Faust als zärtliche Berührung empfinden. Die Kinder mußten funktionieren
wie die Uhren, ohne Auflehnung im Denken und Handeln. Warum sollten
sie sich auch auflehnen? Schließlich gab er ihnen alles. Sie hatten zu
essen und einen Platz zum Schlafen.
Bronislaw Broda liebte die Tiere. Daher tötete er sie selber, um sie nicht
zu unnötigen Leiden zu verurteilen, in denen angeblich die Schlachter
schwelgen. Bronislaw Broda liebte auch die Unterhaltung. Manchmal
nahm er die Schrotflinte seines Vaters und schoß damit. Einfach so, in
den Himmel, auf einen Baum oder auf Dosen, um das Auge zu üben,
oder auch in einen Schweinerüssel. Auf Schweine schoß er, statt sie mit
der Hacke zu erschlagen, mit großem Kaliber, mit Wildschweinpatronen,
weil das human war. Daß das Fleisch später möglicherweise nach Pulver
schmeckte, was machte das schon? Es genügte, den Kadaver mit dem
Kopf nach unten aufzuhängen, damit das Pulver mit dem Blut in die Erde
tropfte, so daß dann der Boden und nicht mehr das Fleisch nach Pulver
roch. Nur daß sich der Boden dann rostrot färbte und in ihm ein tierischer
Haß gegen den Mörder erwachte. Über dem Hof ballten sich rächende
Geister zusammen und drohten mit ihren Schweinsklauen. Sie schworen
Rache. Doch Broda machte sich nichts daraus. Er fühlte sich auf seinem
Grund und Boden sicher.
„Ich habe immer schon gerne gejagt“, sagte er zufrieden und nahm
das Luftgewehr, um auf die Spatzen zu schießen, die lärmend auf dem
Scheunendach saßen. Die Spatzen fielen zu Boden wie Hagelkörner.
Einigen gelang es, davonzufliegen, doch nach einer Weile kehrten sie,
verwirrt vom Lärm, zurück auf das Dach, und stürzten sich zwitschernd
in die Löcher, die die Schrotkugeln, dicht wie Graupen, in die Luft
geschossen hatte.
Manchmal schoß Broda auch auf Ratten. In diesem Sommer hatten
sie sich im Schweinestall eingenistet. Vom Sturzboden und den Balken
spritzten die Späne. Die Schweine gerieten in Panik. Sie quiekten laut.
Ratten waren am schwierigsten zu treffen. Klüger als Menschen, huschten
sie wie stumme Blitze dicht unter der Stalldecke dahin. Doch es genügte,
daß sie unbeabsichtigt an ein Strohbündel stießen oder auch nur einen
Halm streiften, und schon feuerte Broda in ihre Richtung. Eine volle
Ladung auf gut Glück. Er schoß nie eine Ratte, dafür durchsiebte er den
ganzen Stall.
Nach der Unterhaltung kehrte Broda ein wenig müde und tief in Gedanken
nach Hause zurück. Er streichelte seine Söhne und versprach, ihnen ein
Videorecorder. Mit dem könnten sie ausländische Trickfilme anschauen.
Es war der erste Videorecorder in der Umgebung. Nicht einmal in der
Stadt hatten sie einen, Broda jedoch besaß schon so ein Gerät. Alle Filme
waren in deutscher Sprache. Donald Duck quatschte deutsch, Micky
Mouse rief: „Pluto, hierher!“ Sogar Bruce Lee hatte deutsch gelernt. Meist
gab es Zeichentrick- oder Karatefilme. Als besonderen Reiz legte Broda
von Zeit zu Zeit einen Pornostreifen ein – auch der war deutsch. Brodas
Hirn füllte sich mit Stöhnen und Low-Budget-Gymnastik. Irena schämte
sich, das anzuschauen. Er verhöhnte sie: „Schande! Schande! Schau nur,
was für Phantasie! Nicht so wie mit dir!“
Dafür bereitete Irena die beste Eierspeise in der Welt. Eierspeise war
die häufigste Mahlzeit. Wenn man so viele Hühner hat, gibt es immer
Brucheier, die von den Läden nicht genommen werden. Man muß sie
entweder essen oder verschenken. Broda lachte in sich hinein. In seinen
Hühnerställen preßten neuntausend Hühner Tausende Eier aus ihren
Ärschen, genügsam und ahnungslos, daß diese Eier nie ausgebrütet
wurden.
Hier lebten alle von Eierspeise. So zum Beispiel Tosiek Sobola. Er wohnte
am Ende des Dorfes in einer zerfallenen Hütte, die er von seinem Vater
geerbt hatte. Sein Grund war steinig und lag ständig brach. Langsam
wurde er von einem dichten Pelz ineinander verfilzter Unkräuter und dürrer
Gräser überwuchert. Hungernd und frierend überlebte Tosiek Sobola mit
Mühe den Winter und klopfte eines Nachts, verzweifelt und abgemagert,
an Brodas Tür.
Der lächelte bloß und gab ihm Arbeit. Seither wohnte Tosiek Sobola
in einem kleinen Verschlag im Hühnerstall. Hier wischte er mit drei,
manchmal vier Nachbarn mit feuchten Fetzen die scheißeverschmierten
Eier ab und legte sie sorgsam in Preßkartons. Die Brucheier legten sie zur
Seite, die waren für die Tiere oder wurden billiger an die Dorfbewohner
verkauft. Tosiek machte sich daraus Eierspeise. Er bereitete sie immer
aus acht, neun Eiern. Keiner sah ihn in dieser Zeit etwas anderes als
Eierspeise und Brot essen. Er trank nicht. Nicht einmal ein Gläschen. Er
war ein guter Arbeiter. Er hatte es warm und bequem in seinem Verschlag.
Er führte Futter und Hühnerdreck und kontrollierte die Temperatur im
Stall: Es mußte warm genug sein, damit die Hühner öfter und mehr legten
als gewöhnlich, aber nicht zu warm, damit sie nicht erstickten. Bronislaw
Broda zahlte ihm wenig, zu wenig. Wenn Tosiek getrunken hätte, hätte er
bei diesem „Lohn“ genauso hungern müssen wie früher, aber er beklagte
sich nicht. Bronislaw Broda hielt ihn für einen Dummkopf, weil er bereit
war, für so wenig Geld zu arbeiten. Tosiek schwieg, denn er war es nicht
gewohnt, etwas zu sagen. Nach drei Jahren sagte er jedoch, er wolle in
die Stadt ziehen. Broda zuckte nur die Achseln: „Sehnst du dich nach
einem anderen Ort? Ich auch manchmal, aber was soll’s….“
Also verließ Tosiek Sobola, gekleidet in seinen Feiertagsanzug, das Haar
nach hinten gekämmt, das vom harten Leben gezeichnete Gesich glatt
rasiert, eines sonnigen Morgens den Hühnerstall und setzte sich auf die
schwarze Maschine der Marke „Ukraina“, die er von einem Säufer gekauft
hatte. Stolz ausgerichtet und ohne ein Wort des Abschieds fuhr er durchs
Tor. Jetzt kehrt er in der Stadt die Straßen, sorgfältig und ohne Eile, wie
er schon bei den Hühnern gearbeitet hat. Er ist zufrieden. Keiner schafft
ihm etwas an. Er muß keinem dankbar sein. Er kann auch etwas anderes
als Eierspeise essen. Er hat sogar eine Frau gefunden, gut fünfzehn
Jahre älter als er, aber brav und praktisch veranlagt. Sie kümmern sich
umeinander und haben einander sogar ein wenig lieb. „Verbrennen sollen
sie“, quittierte Broda, für den Tosiek so etwas wie ein menschliches
Haustier darstellte, diese Kunde.
Doch noch bevor Tosiek wegfuhr, kam in der Hühnerfarm die Zeit, da
die Legehennen geschlachtet wurden. Sie legten schon drei Jahre,
aber zuletzt eindeutig zu wenig, weshalb sie gegen frische, jüngere
ausgetauscht werden sollten. Das Leben hatte sie verbraucht.
Broda nahm ein paar zusätzliche Arbeiter auf, um die „Operation“
möglichst reibungslos ablaufen zu lassen. Er krempelte auch selber
die Ärmel auf. Eine Razzia! Die Masse des dummen Federviehs wußte
nicht, wie ihr geschah. Dicht zusammengedrängt liefen die Hühner in der
Stallmitte zusammen. Von allen Seiten umringte sie der Mensch. Mit einer
Hand packte er gleich drei, vier Hühner. Er drückte kräftig die krampfhaft
flatternden Flügel zusammen und legte die Hühner unter die Hacke,
eigens geschärft für die Hühnerhälse. Die erstaunten Köpfe fielen herab
und rollten dem verschwitzten Broda vor die Füße, der die Exekution
eigenhändig ausführte. Er beobachtete gern die geöffneten Schnäbel, die
sich wunderten, was da mit ihnen passierte. Als wollten sie fragen: „Und
wo ist der übrige Körper?“
Die kopflosen Hälse verspritzten Blut. Die blinden Leiber wackelten mit
den Flügeln und sprangen herum im fröhlichen Totentanz, als freuten
sie sich, daß es ihre abgehackten Köpfe nicht mehr zu den Körnern
herabzog. Manche hüpften rhythmisch von einem Bein aufs andere und
vollführten, harmonisch aufgereiht wie talentierte Ballettänzerinnen,
den „Schwanensee“ von Tschaikowski. Bis sie schließlich gelähmt, mit
zuckenden Muskeln, umfielen und nur mehr mit den Flügeln gegen den
Boden schlugen, den Staub unter sich zusammenscharrend. Am Ende
lagen sie still in weißen Federhaufen, ein Amen für den Hühnergott.
Tosiek Sobola sammelte die Köpfe in einen Sack, denn die Hunde hatten
sich längst überfressen und kotzten. Von Zeit zu Zeit streute er Sand
um den Hackstock, damit Broda nicht im Blut ausglitt, dann holte er die
nächste Partie. Vielleicht begriff ein Teil der Hühner, daß es ihnen an den
Kragen ging. Daß sie eher weniger als mehr wurden und sich ringsum
Leere ausbreitete. Sie zappelten heftiger mit den Beinen. In dümmlicher
Auflehnung wackelten sie hektisch mit den noch nicht abgehackten
Köpfen, rissen die Augen auf und versuchten, unter den Händen
durchzuflutschen.
Manche Hühner spielten Fangen. Sie liefen davon, ungeschickt hin und
her wackelnd. Doch die Menschen jagten sie in einen engen Gang im Stall
und verstellten ihnen den Weg. Auch die Kinder hatten ihre Freude, denn
ihnen fiel die Aufgabe zu, Tosiek Sobola und seine Kollegen die Hühner
zuzutreiben. Die Hände der Männer packten geschickt zu wie Zangen. Die
Frauen rupften die geköpften Leiber. Die Federn und Innereien landeten in
Eimern. Obwohl die Hühner vom jahrelangen Eierlegen ausgelaugt waren
und mager, eigneten sie sich noch für Hühnerbrühe. Außerdem verkaufte
sie Broda zu herabgesetzten Preisen für die Herstellung von Pasteten.
Ein scharfer, stechender Geruch verbreitete sich über dem Hof. Die
Axt blitzte in der Sonne wie ein Spiegel, in dem man das Ende des
Lebens sehen konnte. Die Sonne leuchtete auf den Blutstropfen, die wie
erfrischender Regen auf den verschwitzten Broda niederfielen. Einem
der kopflosen Hühner verliehen postume Nerven überhühnermäßige
Kräfte. Mit steifen Gliedern rannte es auf den Zaun zu. Der in Schwung
versetzte Körper imitierte geschickt das Leben, bis er schließlich gegen
den Drahtzaun stieß. Das Huhn wurde nach hinten geworfen. Der blutige
Hals zuckte und bohrte sich, da er keinen Halt fand, in den Sand wie ein
Strauß. Der schwarze Wolfshund packte ihn vorsichtig und legte seinem
Herren die Leiche zu Füßen. Broda lächelte und streichelte seinen
Schüler. Er versprach ihm eine Extraportion Futter.
Das Schlachten dauerte schon eine Weile, und die Kinder begannen sich
zu langweilen. Alles geriet durcheinander. Die toten Hühner unterschieden
sich von den lebenden nur durch die fehlenden Köpfe. Die Kinder
empfanden die anfängliche Attraktion als monoton. Der Ekel, den ihnen
das Hühnermassaker eingeflößt hatte, bereitete keinen Spaß mehr.
Jeder weitere flatternde Vogel ließ ihr Interesse schwinden. Wenn die
individuelle Agonie erst einmal zum Massenschlachten wird, vermag sie
keinen mehr zu rühren.
Marek und Janek, Brodas Söhne, spielten lieber am Fuß eines Hügels,
wo acht Bretterstapel ordentlich aufgeschichtet lagen. Sie liebten es,
dazwischen herumzujagen. Am schönsten war es, Krieg zu spielen. Sie
vergaßen jedoch, daß zwischen den Brettern Wespen hausten. Große,
gelb-schwarze Bomber mit Stacheln im Hintern. Mit diesen Stacheln
injizierten sie ein Gift, das sich ausbreitete wie Feuer und den Körper in
ein geschwollenes Gefäß verwandelte, in dem subkutaner Eiter den Wurm
der Depression nährte. Vier solche Wespen stachen den kleinen Janek in
den Rücken, als er an ihrem Nest vorbeilief. Sicher wollten sie damit einen
möglichen Angreifer abschrecken. Wie dumm von ihnen! Das Weinen
Janeks beschwor ein viel schlimmeres Übel herauf. Broda befahl Tosiek,
wenn sie mit den Hühnern fertig wären, das Nest zu zerstören und die
Wespen fertig zu machen. Tosiek nickte bloß und sagte, wie immer, kein
Wort.
Am nächsten Tag ging er mit einer Handvoll Reisig und einem kleinen
Gefäß mit Kalkpulver zu den Bretterstapeln. Er entzündete das Reisig, so
daß der Wind den Rauch in Richtung Wespennest wehte. Die Wespen
sollten ersticken, prusten wie Pferde, husten wie Menschen. Inzwischen
näherte sich Tosiek vorsichtig ihrem Nest, ungesehen von den mit Gift
bewehrten Insekten, die verwirrt und betäubt vom Rauch herumsurrten,
und bestreute das Nest in aller Ruhe mit Kalk. Gegen die Stacheln
schützte er sich mit dicken Handschuhen und einem Overall. Drei Tage
später wiederholte er die Operation. Die toten Körper übersäten den
Boden. Das war Tosieks letzte Aufgabe auf Brodas Hof.
Als er wegfuhr, brach ein Gewitter los. Vom Himmel stürzten
Wassermassen. An einen solches Unwetter konnten sich nicht einmal
die ältesten Dorfbewohner erinnern. Es zog über die Gegend und
walzte bleischwer Obstbäume, Hühnerställe und Häuser nieder. Manche
flüsterten, das seien die mächtigen Schatten, die, angelockt durch Mord
und Tierblut, aus der unsichtbaren Welt in die sichtbare eindrängen. Die
Blitze bohrten sich in die Erde und schmolzen sie zu Stein. Der nahe Fluß
trat über die Ufer und ließ eine neue Welt entstehen. Der Orkan riß Bäume
aus mitsamt den Wurzeln. Die verkrüppelten Apfelbäume flogen hoch in
die Lüfte, als erwarte sie dort oben eine Erlösung. Dabei war das bloß
ein Bosheitsakt der Natur, denn was aus der Erde wächst, das soll auch
zerfallen zu Erde.
Der Sturm, der Fluß und die Wolkenbrüche überschwemmten Bronislaw
Brodas Wirtschaft mit Schlamm. Der Donner vermischte sich mit seinen
Flüchen. Seine Welt lag in Trümmern. Vor seinen Augen zerfiel das
Blechdach der Scheune in Stücke, die über seinem Kopf durch die Luft
segelten wie Fetzen verbrannten Papiers. Der Schweinestall, obzwar
gemauert, wurde von aufgewühltem, stinkendem Schlick unterspült.
Nach ein paar Stunden legte sich der Sturm, doch die Wasser strömten
unaufhörlich nieder. Und so wird es gehen vierzig Tage lang. Es wird nicht
genug Zeit sein, um sich in Sicherheit zu bringen.
Als die Wasser nachließen, blieben im Stall aufgedunsene Schweine und
Kühe zurück. Die vollgesogenen Leiber hingen über die Trennwände,
verstopften die Tröge, begannen zu stinken. Sie lockten Wolken von
Fliegen an. Broda schuftete sich ab bei der Beseitigung der Kadaver.
Damit sie nicht in den Leichen herumtraten, schickte er Frau und Kinder
zur Schwiegermutter in die Stadt. Die Stadt war besser gerüstet für
solche Katastrophen. Dort hatte die Natur nicht solche Macht über den
Menschen. Zubetoniert und gerodet schwieg sie, verschüttet von einer
Lawine von Motoren.
Einstweilen hatte Broda jedoch noch die Sintflut vor Augen. Er blieb auf
dem Hof. Er konnte seine Hühner nicht verlassen. Jemand mußte sich
schließlich um seine Habe kümmern, das dumme Federvieh füttern und
zusehen, wie das Wasser die Mauern zerbröckelte. Die Hühnerställe
waren nicht überflutet worden, weil sie auf einer leichten Erhebung
standen. Broda zog in den Verschlag, in dem Tosiek geschlafen hatte.
Neuntausend frische Legehennen gackerten ungeduldig vor sich hin. In
ein paar Tagen würden sie sich an das monotone Rauschen des Regens
gewöhnt haben und unruhig werden, wenn er innehielt.
Broda schaute über das Meer, das kein Ende hatte.. Er schaute nach
oben, nach unten, ringsherum. Er regnete immer noch. Und wie er sich so
umschaute, glaubte er, auf dem Berg Ararat zu stehen und zu wissen, was
die Flut über die Menschen gebracht hatte. Die kleinen Inseln trockenen
Landes waren den Leichen vorbehalten. Sie ragten wie Gewissensbisse
aus der traurigen Politur des Wassers. „Ich möchte wissen, ob es die
ganze Welt überschwemmt hat? Vielleicht gibt es anderswo noch
trockenes Land….“, dachte Broda.
Er fühlte sich einsam. Ihm fehlte das Gerede der Menschen, das ihn
oft in Wut versetzt hatte, das chaotische Lärmen der Tiere, die nun tot
herumschwammen. Zum ersten Mal sehnte er sich nach seiner Frau. Er
wollte seine Söhne umarmen. Er sah über sich einen Vogel fliegen. Noch
nie hatte er sich so gefreut über den Anblick eines fliegenden Vogels. Gott
verdammt, was für ein Vogel! Hauptsache, er war da. Der Vogel wußte,
daß er bei Rückgang der Flut mit Sicherheit auf seine Rechnung kommen
würde. Das Wichtigste war, daß es die Hühnerställe nicht überschwemmt
hatte. Sollen die Leute ruhig sagen, daß dem Reichen der Teufel sogar
noch die Kinder wiegt. Daraus machte sich Broda nichts. Sollen sie
denken, was sie wollen. Nicht jedem ist dasselbe Unglück beschieden.
Der Vogel. Er weckte in ihm neue Tatkraft. In den beiden Hühnerställen
steckte seine ganze Kraft. Wenn nur endlich diese verdammte Flut
aufhörte, würde alles wieder in Ordnung kommen. Jeder neue Tag der
Überschwemmung drückte ihn tiefer zu Boden. Nach einiger Zeit wurde
Broda bucklig. Er stapfte mit der Nase im Schlamm um die Hühnerställe
herum. Es sah aus, als suche er nach Körnern oder einem wertvollen
Erinnerungsstück, das irgendwo hier verschwunden war, und jetzt wollte
er es unbedingt wieder finden. Er war sicher, wenn er es fände, würde
ihm alles vergeben werden, und die Wasser würden abfließen. Wenn er
fände, was er verloren hatte, würde sich sein Gefühl der Überlegenheit
gegenüber anderen verflüchtigen und er von Achtung für alles Leben
erfüllt werden.
Er erhob sich von allen Vieren und trank eine weitere Flasche Wodka
leer. Eine wäßrige Hölle schwappte in seine Kehle, doch das half ihm,
sich aufzurichten. Da nahm Broda, leicht gebeugt, einen Eimer mit
Hühnerfutter und trat unter die kreischenden Tiere. Er fühlte sich so wohl
wie nie zuvor. Gewissermaßen sicher. Zwischen den Hühnern war ihm
warm und wohlig. Er fühlte sich hier besser als in seinem Haus, das mit
dem Wasser weggeschwommen war.
Die Hühner pickten die Körner auf, ehe er sie noch auf den Boden
geschüttet hatte. Sie zupften ihn leicht an den Schuhen und Händen. Er
setzte sich zwischen sie und gab sich ihren seltsamen Liebkosungen hin.
Nur nicht in die Augen! Nur nicht in die Augen! Er lächelte. So könnte er
jahrelang sitzen bleiben, und wenn die Wasser abflössen, erwartete ihn
jede Menge Arbeit. Als erstes mußte er den Tod wegräumen.