Ray spielt für sein Leben gern. Manchmal lässt er sich stundenlang mit
dem Bauch nach oben auf dem Wasser treiben und tut so, als wäre er
tot. Den beiden anderen Fischen ist das allerdings egal. Sie schauen
ihn kurz verständnislos an, dann machen sie sich mit einem kräftigen
Flossenschlag davon. Ich habe mich mit der Zeit daran gewöhnt.
Das riesige Aquarium, 30 Liter, thront da, auf einem Tisch neben der
Badewanne. Wenn ich lange unter der Dusche bleibe, beschlagen seine
Wände. Ich frage mich, ob das für die Fische gut ist. Könnten sie nicht
schmelzen?
Saul klopft leise an die Badezimmertür. Er soll mir etwas Zeit lassen. Ich
bin noch nicht bereit. Fünf Jahre sind vergangen, aber ich schaffe es
einfach nicht. Ich öffne das Schränkchen über dem Waschbecken und
nehme die Flasche mit dem Wundalkohol heraus. Als ich sie öffne, spüre
ich ein leichtes Widerstreben. Der erste Schluck ist schwierig. Tränen
schießen mir in die Augen. Ich wische mir mit dem Handrücken den Mund
ab. Saul macht es genauso, wenn er mich geküsst hat. Er umarmt mich
fest und tut es diskret hinter meinem Rücken. Dabei bräuchte er sich gar
nicht zu verstecken. Es stört mich nicht. Es ist ganz normal, nach einem
Kuss sind die Lippen feucht. Ich nehme noch einen Schluck. Wische mir
wieder den Mund ab. Nimmt die Flasche mir das übel? Siehst du, Saul.
Ich schaue auf die Uhr. Bald vier Uhr morgens. Ich stütze mich mit beiden
Händen auf den Waschbeckenrand. Es geht über meine Kräfte. Saul
wartet auf mich, um Thomas zu wecken. Heute nacht wird unser Sohn
fünf Jahre alt. Um Punkt 4 Uhr 7. Seit fünf Jahren müssen wir seinen
Geburtstag im Familienkreis genau zur Uhrzeit seiner Geburt feiern. Das
ist ein Ritual. Saul legt Wert darauf. Ich trinke noch einen Schluck. Für
meinen Mann ist die Politik wichtiger als alles andere. Ihm zufolge sind
Gefühle gut, aber man darf sie nicht in die ernsten Dinge des Lebens
hineinfunken lassen. Dieses Kind ist der krönende Erfolg von Jahren des
Kampfes. Das ist alles. Und deshalb platzt Saul schier vor Freude, wenn
Thomas in dem dämmrigen Zimmer seine Kerzen auspustet, zwischen
uns beiden, Papa und Mama, ohne dass man sagen könnte, wer wer
ist. Er hat gewonnen. Den lebendigen Beweis dafür hat er vor sich, halb
schlafend auf dem Küchenstuhl. Aber ich mache ihm keinen Vorwurf.
Sein politisches Engagement gibt ihm die Kraft zu leben. Wenn er kämpft,
ist er ein Löwe, stolz und unerbittlich. Die meisten Transmenschen sind
so. Es gehört schon eine Menge Mut dazu, sich von der Willkür des
Realen zu befreien.
Ich weiß nicht, ob er schon während seiner Angleichung daran dachte,
ein Kind zu bekommen. Ob er deshalb seine Gebärmutter hat behalten
wollen. Alles andere hat er geändert. Brust-OP, Testosteronspritzen,
Stimme, Bart… Als ich ihn kennengelernt habe, hieß er schon Saul.
Außer in seinem Ausweis. Offiziell lautet sein Vorname immer noch
Marthe. Alias Saul. Mit „alias“ kann der Staat leben. In den Augen
des Gesetzes kann man nicht wirklich Saul heißen, wenn man eine
Gebärmutter hat.
An dem Tag, an dem wir beschlossen haben, ein Kind zu machen,
hat sich die Frage gar nicht erst gestellt. Es war Saul, der schwanger
werden würde. Das war völlig klar. Jeder Mensch, der mit weiblichen
Fortpflanzungsorganen ausgestattet ist, kann ein Baby austragen.
„Kommst du, Johanna?“
Saul wird ungeduldig. Er ist in der Küche. Er wird die fünf kleinen
Kerzen schon auf den Kuchen gesteckt haben und hat nun keine
Lust mehr, ihn zu betrachten. Er hat recht, je schneller wir die Sache
hinter uns bringen, desto früher kommen wir zurück ins Bett. Ich habe
die Wundalkoholflasche schon zur Hälfte geleert. Ich brauche einen
Muntermacher. Normalerweise trinke ich nicht. Keinerlei Rauschmittel.
Aber es ist jedes Jahr dasselbe, ich verdränge den Geburtstag, und
wenn der große Tag dann kommt, erwischt er mich kalt. Die Clownfische
in ihrem Aquarium schlafen den Schlaf der Seligen. Dass Fische keine
Augenlider haben, hindert sie nicht am Schnarchen. Ich beneide sie.
Dieses Badezimmer ist viel zu groß. Von den weißen Fliesen geht
Eiseskälte aus. Im Aquarium muss es schön warm sein. Die Fische
lassen beim Schnarchen Blasen blubbern. Es gibt nichts Besseres als
eine Blubberblase. Die hat keine Ecken, keine Kanten, keine Seite,
die länger ist als eine andere. Sie ist rund, weil die Kräfte gleichmäßig
auf die gesamte Oberfläche einwirken, deshalb ist eine Blubberblase
etwas wirklich Gerechtes. Und mutig dazu. Sie hat keine Angst, an der
Wasseroberfläche zu zerplatzen, oh nein, sie macht plopp und spritzt,
aber nur ein bisschen, sie will niemandem etwas zuleide tun. Es muss
faszinierend sein für die Fische, so zu blubbern. Abgesehen davon
müssen sie sich tödlich langweilen. Ich sehe, wie sie den ganzen Tag
im Kreis herumschwimmen und versuchen, ihren eigenen Schwanz zu
fangen wie Katzenfische. Trotzdem, es gibt auch spannende Momente im
Leben eines Clownfischs. Wenn das Weibchen stirbt, wird das Männchen
immer größer und dicker, und es wechselt das Geschlecht. Das hätten
sie in „Findet Nemo“ ruhig auch erzählen können. Hatten sie Angst, die
Kinder zu schockieren? Dabei wären die begeistert gewesen!
Mit der Fußspitze drücke ich auf das Pedal des Mülleimers. Der
Deckel geht auf. Ich hole die Aluminiumverpackung einer Testosteron-
Einzeldosis heraus. 50 mg von Bayer. Leer. Fast. Ich drücke den Beutel
zwischen Daumen und Zeigefinger aus. Eine winzige Menge Gel
quillt hervor, ich fange es mit dem Zeigefinger auf, um es mir hinters
Ohrläppchen zu streichen. Ein Tröpfchen geruchloses Parfum. Es ist
sicher noch mehr übrig. Mit der Nagelschere schneide ich den Beutel der
Länge nach auf und klatsche die klebrige Innenseite auf meine Schulter,
um die Substanz einziehen zu lassen.
Natürlich hätte ich das Kind auch selbst austragen können. Aber das
wäre nicht so wirkungsvoll gewesen. Es war ja schon so, dass die
meisten Leute sich nicht vorstellen konnten, dass zwar Saul ein Mann
ist, ja, und ich eine Frau, gewiss, aber dass wir deshalb trotzdem kein
heterosexuelles Paar sind. Ich bin lesbisch. Eine Femme mit einem Hang
zum Tuntigen. Und Saul war bis zu seiner Transition eine Butch-Lesbe;
danach ist er schwul geworden. Das kommt bei Transmännern öfter vor.
Auch wenn er biologische Penisse nicht mag. Aber die Homosexualität
hat durchaus ihren Charme. Doch auch wenn man es geschafft hat,
sich vom Gewicht des Konformismus und dem Druck der anderen
freizumachen, drohen sie immer wieder einzubrechen, wenn man sie
am wenigsten erwartet. Ich schwanger und mit Saul am Arm, wie hätten
wir denn ausgesehen? Wie ein Nullachtfuffzehn-Heteropaar. Keine
besonders reizvolle Aussicht.
Ich trete den Mülleimer wieder auf und werfe den Testogel-Beutel
weg. Überlege es mir anders. Fische ihn wieder heraus, wickle ihn
in Klopapier und stecke ihn in die Tasche. Bei seiner Auffassung von
Militantismus werde ich es Saul nie sagen können. Dass ich dieses Kind
aus Liebe haben wollte. Ich weiß, was er denkt, Gefühle sind gut, aber
man darf sie nicht hineinfunken lassen. Er wäre enttäuscht. Wenn ich
ihm tausendmal gehörte Sätze ins Ohr flüstern würde. Diese Worte, die
aber manchmal, wenn man sie ausspricht, alles Blut aus der rechten
Herzkammer in die Lungenarterie jagt, „ich liebe dich“ und die Zirbeldrüse
setzt massenhaft Serotonin frei, „ich liebe dich“ und die Neurotransmitter
spielen verrückt, „ich liebe dich“ und es brennt in den Augen, wie wenn
man am Lagerfeuer plötzlich allen Rauch ins Gesicht bekommt, „ich
liebe dich“ und es wächst mir ein Adamsapfel in der Kehle, ich liebe dich,
verdammt, ich liebe dich! Aber ich weiß schon, klar, einverstanden, die
Liebe, nein nein, die gibt es nicht. Das ist ein kulturelles Konstrukt, ein
Aberglaube, eine psychologische Schwäche, ein Mythos, völlig überholt,
politisch betrachtet vollkommen uninteressant, ein jüdisch-christlicher
Unterdrückungsmechanismus, dem der Kapitalismus erbärmliche
Surrogate in Form von aufblasbaren Puppen, Pornofilmen, Prostituierten,
Psychotherapien und psychotropen Substanzen liefert. Nein, man soll
nicht versuchen, in einer Beziehung zu leben, man muss Abhängigkeit,
Entfremdung, verinnerlichte soziale Schablonen ablehnen, Ehe, trautes
Heim, Kinder, Hund - der Hund ist optional, als Entschuldigung dafür,
dass man nicht Vegetarier ist.
Dabei möchte ich dahinschmelzen
schmelzen
an seinem Hals Brust gegen Brüste in seine Hüfte meine Zähne schlagen
auch wenn lieben hilft, andere Dinge zu ertragen, Dinge, die ohne Liebe
unmöglich zu ertragen wären
lieben, ich meine
was für ein Schlamassel.
Da, ein kleiner Clownfisch ist aufgewacht. Ich werfe ihm ein paar
Plankton-Pailletten zu. Clownfische sind eher harmlos. Es werden jedes
Jahr mehr Menschen durch Schweine, Hunde oder Hirsche verletzt als
durch Clownfische und Haie zusammen.
Ich verziehe das Gesicht. Der Alkohol brennt mir in der Kehle. Der
erste schwangere Mann werden. Das hatte das Zeug, die bestehenden
Kategorien zu sprengen. Ein grandioser Mediencoup. Strategisch und
vom Standpunkt eines militanten Marketings her genial. Nach der
Ablehnung von neun Ärzten, uns zu betreuen - der Empfehlung eines
Ethikrats folgend -, und endlosen psychologischen Untersuchungen
bekamen wir Zugang zu einer Samenspende. Als die Zeitschrift The
Scientist dann das erste Foto des schwangeren Saul veröffentlichte,
ließen die Medien ihm keine Ruhe mehr.
„Die beiden haben sich immer als normales Paar wahrgenommen gefühlt,
bis in ihnen der Wunsch entstand, Eltern zu werden.“ Die Zeitungen
schrieben Blödsinn. Sie waren ratlos. Sie gingen zu unseren Nachbarn
und hielten ihnen das besagte Foto vor die Nase - was sie denn darüber
dächten? Der Nachbar aus dem vierten Stock hat geantwortet: „Ich
könnte nicht beschwören, dass er schwanger ist, Sie sollten mal meinen
Bauch sehen, wenn ich zuviel Bier getrunken habe!“ Von der Fachpresse
bis zu den Boulevardblättern zeigten sie uns alle, zusammen im Bett, in
unserem Wohnzimmer, im Bad beim Zähneputzen, beim Ultraschall bei
der Frauenärztin, gerührt die Wiege des künftigen Babys betrachtend …
Die Fotografen wussten genau, was sie wollten, und immer ihn, Saul, mit
nacktem Bauch. Wir sind sogar ins amerikanische Fernsehen eingeladen
worden, zum Beispiel in die Oprah Winfrey Show. Es war unglaublich.
Diese Frau ist dank ihrer Fernsehproduktionen die reichste Schwarze
der USA, und sie empfängt uns in ihrer Sendung. Danach hat Oprah
Tausende von Zuschauern verloren. Dabei hatte sie die ganze Sendung
über mit ungläubigem Blick auf Sauls Bauch gestarrt.
Es hagelte Beschimpfungsbriefe. Saul wurde als monströser Auswuchs
der gender studies bezeichnet, er sei kein Mann, sondern eine
verstümmelte Frau - leider noch nicht verstümmelt genug, um keine
Kinder mehr bekommen zu können. „Man entscheidet sich nicht dafür, ein
Mann zu werden, um sich dann schwängern zu lassen!“ „Wie soll dieses
Kind das psychologisch verkraften?“ „Und wer ist in der Geschichte die
Mutter?“ Und die Hormone, die SIE (sie meinten Saul) nahm, würden die
dem Baby nicht schaden? Man warf ihm vor, er sei egoistisch, er wolle
nur provozieren, Propaganda machen. Ich hatte Angst, dass ihm etwas
zustoßen könnte. Man ist nie sicher vor irgendwelchen Irren.
Saul frohlockte. Die Transgender-Sache war sichtbarer denn je. Und
wir hatten auch unsere Sympathisanten. Außerdem schien das breite
Publikum bei der Gelegenheit zu entdecken, dass es nicht nur MtF,
Mann-zu-Frau, sondern auch FtM, Frau-zu-Mann-Transsexuelle, gibt.
Das Problem war, dass Sauls Schwangerschaft auch in der Szene keine
allgemeine Zustimmung fand. Man nahm ihm den Medienrummel übel:
Würde der Gesetzgeber in Zukunft nicht die Gebärmutterentfernung
zur Voraussetzung für die Hormonbehandlung machen? Saul betonte
in den Interviews immer wieder, dass er sich deshalb, weil er ein Baby
austrug, nicht weiblicher fühlte. Es musste um jeden Preis vermieden
werden, dass seine männliche Identität in Frage gestellt wurde. Es ist
nämlich so, dass Transsexuelle, damit eine Geschlechtsangleichung
als gelungen anerkannt wird, glaubhaft machen müssen, dass sie alle
Kriterien des neuen Geschlechts erfüllen. Im Fall der Transmänner
also, dass sie Männer sind, echte Männer, viril und hetero. Im vierten
Schwangerschaftsmonat hat Saul an einer Demonstration von
Abtreibungsgegnern teilgenommen. Er wollte herausfinden, ob die
Aktivisten lieber eine schwangere Trans-Schwuchtel hatten oder dann
doch lieber zu Abtreibungsbefürwortern mutieren würden. Am Abend
hat er mich aus der Notaufnahme angerufen: „Mach dir wegen der paar
Stiche keine Sorgen, Johanna, es ist nichts weiter. Unsere Situation deckt
umfassendere rechtliche, politische und soziale Missstände auf. Wir sind
auf dem richtigen Weg.“
Am Tag der Entbindung machte er überall auf der Welt Schlagzeilen.
„Der französische Transsexuelle hat in einem Pariser Krankenhaus
einen gesunden Jungen zur Welt gebracht!“ Ja, sein Baby war gesund.
Nein, es war nicht missgebildet. Ja, es war lebensfähig. Das entkräftete
zum Teil die Thesen seiner Gegner. Ich hatte mich meinerseits einer
Prolaktinbehandlung unterzogen, um die Milchproduktion künstlich in
Gang zu bringen. Ich stillte Thomas. Man hat mir ein Bett in Sauls Zimmer
gestellt, und wir sind eine Woche gemütlich in der Geburtsklinik geblieben,
gewiegt von den Besuchen der Familie, der Freunde, der Kollegen und
dieser verdammten Journalisten und Fotografen, die uns keine Ruhe mehr
ließen.
„Kommst du jetzt endlich, Johanna?“
Ich komme. Ein letzter Schluck. Thomas schläft noch ohne jede böse
Absicht. Er soll es genießen. Ich kann mich nicht dazu durchringen,
ihn aufzuwecken. Ich liebe dieses Kind. Ein Kind, das man liebt, weckt
man nicht auf. Radiowecker sollten für unter Zwölfjährige verbotene
Spielzeuge sein. Es ist doch unglaublich. Man braucht fast einen Doktor
in Meerwasseraquaristik, um drei kleine Fische in einem Aquarium
herumschwimmen zu lassen, die Anemonen, die lebenden Steine,
der Abschäumer, die Strömungspumpe, der Bodengrund, Heizung,
Außenfilter, Messvorrichtungen, elektrische Sicherheit, Überlaufkasten …
Und für Kinder, nichts. Ray beobachtet mich im Schlaf. Das ist wegen der
fehlenden Lider so. Wenn man ein Fisch ist, kann man nie aufhören zu
gucken. Ich weiß nicht, wie er das macht. Man sieht hier überhaupt nichts.
Mitten in der Nacht sollte man nicht in einem Aquarium sein. Noch weniger
in einem Badezimmer. Mitten in der Nacht sollte man seine Kontaktlinsen
suchen. Wo sind meine Kontaktlinsen? Ich öffne das Schränkchen über
dem Waschbecken und der Spiegel zittert. Mir wird plötzlich übel. Im
mittleren Regalfach liegen Sauls Testosteron-Beutel. Daneben sein
Mittel gegen Haarausfall. Er weiß nicht, dass ich sein Innenleben in
mir wirken lasse. Seit sieben Jahren wachsen um seinen Mund herum
Barthaare. Seine Lippen blicken schweigend. Er will sich den Worten
nicht nähern. Er ist stärker als ich. Ich liebe es, wenn er mir einen Arm
hinter den Rücken klemmt. Den zweiten auch. Ich kann mich nicht
wehren. ich. kann. nicht. mehr. atmen. Er reibt seinen Bart an meiner
Wange. Holt mich ins Leben zurück. Seine Behaarung. Ein Wunder. Wie
seine Stimme. Vom Testo erschaffen. Du erregst mich, Baby. Jedes
Haar, jeder Muskel, seine Haut, rauh und etwas uneben durch die
Hormone. Immer wieder lässt er mich in Verzückung geraten. Die Natur
ist aus der Bahn geworfen. Sie kennt den neuen Erfinder: Spritzen. Gel.
Äußerste Sinnlichkeit. Unergründlich. Unmöglichkeit in der Härte dieser
Knochen. Was zählt: Er ist da. Jetzt und hier. Er drückt mich in seinen
unerklärlichen Armen. Drückt fester. Er atmet langsam, damit mein Atem
sich seinem angleicht. Pscht, in die Nacht geflüsterte Worte. Ah, der
Kontaktlinsenbehälter. Ich schraube den blauen Deckel ab und nehme
die linke Linse mit der Kuppe meines Zeigefingers auf. Wäre es möglich,
sie um den Finger kreisen zu lassen wie einen Pizzateig, sie dann in die
Luft zu werfen und mit meinem Auge aufzufangen?
Nicht reden. Nicht reden. Mir die Zunge abschneiden. Ich stelle den
Wundalkohol zurück ins Schränkchen. Wenn man eine Flasche geleert
hat, braucht sie deshalb nicht weniger Platz. Mein Kopf ist voller Nebel.
Auf die beschlagene Innenseite meines Schädels schreibe ich unsere
beiden Namen. Saul und Johanna. Die Liebe ist wie Zauberei. Allein der
Trick ist schon großartig. Dass ein Zauberer sich so viel Mühe macht, die
Illusion zu erschaffen, nur für uns, damit wir in Verzückung geraten, das
ist doch alle Wahrheit der Welt wert.
Johanna!
Nein. Ja.
Ich habe das Baby ersetzt. Deshalb. Jetzt muss ich immerfort und
unablässig Schweigen absondern. Ich kann nichts verfügen. Ich sehe
all diese Dunkelheit, wie denn auch sonst? Ich wünschte, ein Fisch
würde die Wahrheit sagen. Immer nur wahre Dinge erfinden. Heute
Nacht bin ich aus dem Schlaf geschreckt. Ich hatte den Ehrgeiz, meine
Kehle fest zu verriegeln, sonst schotte ich sie nie ab, ich habe Angst,
alles zu verbarrikadieren, die Gewalt stammelt, sobald man sich aus
seinem Zuhause ergießt, die Panik ist hier, im Inneren, in mir drin wie
alle Symptome, deshalb schließe ich in anderen Dingen nichts ab, ich
weigere mich, wohl aufgeräumt in meiner inneren Wohnung zu bleiben.
Unseres war gestorben. Ohne alle Absicht. Drei Tage war seine Geburt
her. Ich habe es so gefunden, nachts, reglos und überhaupt nicht mehr
lebendig. Der plötzliche Kindstod kann jeden Säugling treffen. Aber
in unserem speziellen Fall hätten die Leute und die Zeitungen und
jeder Dahergelaufene gesagt, es sei wegen Saul. Sie hätten es falsch
interpretiert, das lag auf der Hand. Das war gar nicht anders möglich.
Kein Mensch außerhalb durfte davon erfahren. Klar doch kann man
glücklich sein, wenn man trans ist. Das andere greift nur einmal im
Jahr. An den Geburtstagen. Weil, nein. Unser Baby war gesund. Ja.
Es hatte keine Macke. Unmöglich. Ich habe es gegen ein lebendiges
ausgetauscht. In der Neugeborenenabteilung der Klinik waren es zuviel.
Danach bin ich zur Beerdigung des echten Thomas gekrochen. Ich
habe die zwei Eltern weinen sehen. Sie schluchzten, und meine Augen
waren schmutzig. Ich war wie die Scheibe eines Buswartehäuschens.
Auf der einen Seite zersprungen, von der anderen harten Scheibe
gehalten. Völlig zerschmettert, aber aufrecht. Ein Mosaik von senkrechten
Sprüngen. In der Luft hängendes Puzzle. Betrug des Kleisters. Eine
Scheibe, die zusammenkrachen würde, wenn nur ein Sonnenstrahl
hindurchfiele. Ich habe sie aus Liebe halten lassen. Ich betrauere nichts.
Politik ist gut, aber man darf sie nicht in die ernsten Dinge des Lebens
hineinfunken lassen. Das hatte ich gleich gewusst. Als ich ihn, Saul,
berührte. Dass es, was auch passieren mochte, ein Segen sein würde,
unglücklich an seiner Seite zu leben.
„Johanna! Es ist 4 Uhr 6!!“
Ich komme.