Chiara Valerio

Sieben vierzehn achtundzwanzig


Es gibt eine Gewissheit, die du jetzt festhältst

Und es ist nicht der Engel

Es ist kein Wunder

Es ist nicht die Hand des Herrn

Du bist es, Du

Aus dem Song Cuore di Tenebra der Gruppe BAUSTELLE

 

 

Ich habe nichts in der Hand. Wäre ich ein Zauberkünstler, wären das

sechs überraschende Worte, ja, sie wären ein Vorhang, alle Augen lägen

auf mir, glänzend und bereit, das Auftauchen eines Kaninchens oder eines

Blumenstraußes, vielleicht einer Taube zu bestaunen. Mir wären Blumen

am liebsten. Rote, gelbe und weiße, große und robuste, keine Rosen, kein

Grün. Rosen gehen kaputt und Grün wird braun. In den Sträußen der

Zauberkünstler gibt es nie Rosen, auch in denen der Jahrmarktszauberer

nicht. Weil sie kaputt gehen. Verliebte schenken sich Rosen, weil die

Liebe kaputt geht. Sie wissen es, belügen sich und schenken sich ewig

Rosen. Ich möchte so eine Blume nie bekommen. Die eine Warnung ist.

Und dann säuseln, was für ein Duft, was für ein Duft, und ein wenig

gerührt sein und ganz vergessen, dass Rosen verrotten und die Liebe und

die neuen Schuhe und noch manch anderes und dass es Blumen aus

Plastik und aus Stoff gibt, was allerdings auch keine Lösung darstellt.

Schon gar nicht für Stauballergiker. Ich sage, ich habe nichts in der Hand,

und schaue auf meine blanken Handteller, weil ich bei diesem Nichts, das

ich festhalte, nicht einmal ein Geheimnis für mich behalten kann. Kein

einziges Mal, wenn ich mir eine Hand vor den Mund legte, war ich

imstande, den Mund zu halten. Kein einziges Mal, wenn ich als kleines

Mädchen spielte: Rat mal, wo ich das Bonbon habe, rechts oder links,

links oder rechts, hier oder da, konnte ich die Süßigkeit behalten. Verlieren

ist bitter. Ich habe nichts in der Hand und kann kein Geheimnis für mich

behalten. Letzten Monat, an einem Mittwoch, habe ich einen Mann

getroffen, und nach einem Bier und ein wenig unverbindlichem Smalltalk

sind wir im Bett gelandet. Ich habe das erste bezahlt, er das zweite, das

aber auch so eines war. Ein helles Doppelmalzbier in einem Glas, das wie

eine kleine Goldfischkugel aussah und vielleicht auch eine war. Goldfische

wirken oft wie betrunken, sie schwimmen im Kreis herum, bis sie ganz

benommen sind, und manchmal springen sie heraus und landen auf dem

Fußboden. Da kann schon mal einer dahergeschlurft kommen und es

nicht merken. Dass da ein Fisch auf dem Boden liegt. Und drauf

ausrutschen und hinfallen und sterben. Kann schon mal mit dem Kopf

aufschlagen. Übersehen, dass in dem durchscheinenden, vom Fischfutter

getrübten Wasser das rote Gold fehlt. Auf dem Fußboden der eigenen

Wohnung, über den er schon tausendmal gegangen ist. Und die

Nachbarn tuscheln dann: Der war wohl betrunken. Dabei war der Fisch

schuld, aber er kann es niemandem sagen, macht keinen Mucks mehr,

sagt kein Sterbenswort. Die Kugeln machen mit dem Ärgernis der

Trunkenheit gemeinsame Sache, und Geheimnisse sollte man nur den

Toten verraten, aber die haben nichts in der Hand. Vielleicht eine Münze.

Oder unter der Zunge? Wir sind zusammen im Bett gelandet, und das ist

mir noch nie passiert, ein Bier und ein Mann unterm Laken, und alles am

selben Abend. An einem Mittwoch bei mir in der Wohnung und um zehn

vor elf schon alles gelaufen, weil meine Mutter angerufen hat, Gute Nacht,

mein Schatz, schlaf gut, und ich: Dir auch, Mama, und er: Ruft dich deine

Mutter immer um diese Zeit an, und meine Mutter: Wer ist da bei dir? Und

ich: Niemand, Mama, das ist der Fernseher. Er hat gelächelt und sich

langsam die Knöpfe zugemacht, so in der Art wie ein geläuterter Stripper,

sich sonnend in Selbstgefälligkeit und Mitleid, als wäre es demütigend für

eine dreißigjährige Frau, ihrer Mutter gegenüber zuzugeben, sie schaue

sich gerade irgendeinen Fünfziger-Jahre-Film an. Wie viele Männer

fragen: Ruft dich deine Mutter immer um diese Zeit an. Welche Zeit denn?

Müttern gehört alle Zeit. Als Mutter herrscht man über die Zeit. Dann ist er

gegangen, und ich habe ihn nicht einmal zur Tür gebracht, aus Furcht, er

könne an eine Wiederholung denken. Oder vielleicht sind es auch die

Frauen, die denken, die Männer seien eher Sex- als Salonwesen und

folglich an Wiederholungen interessiert. An Reprisen von sicherem und

folgenlosem Sex. Wenn er sicher ist, bleibt er folgenlos. Wenn sie in der

Werbung oder auf den Packungen folgenlos schrieben, würde sich keiner

mehr irgendein Verhütungsmittel kaufen. Folgenlos ist also folgenschwer.

Folgenlos ist folgenschwer. Ich habe aufgeräumt, Ordnung gemacht, bin

mit zärtlichem Blick Stück für Stück die Gegenstände durchgegangen und

habe das Licht gelöscht, um mich auszuruhen. Dann habe ich geschlafen.

Seit einem Monat schlafe ich wie noch nie. Ich habe nichts in der Hand,

ich kann kein Geheimnis für mich behalten und normalerweise kann ich

nicht schlafen. Wir haben uns nochmal in einer Bar getroffen, ich habe

ihm ein Bier ausgegeben, er hat sich verabschiedet mit: Tja dann noch

’nen schönen Fernsehabend. Ich kenne die Männer nicht besonders gut,

aber es wundert mich doch, dass sie sich aufführen wie beleidigte

Prinzessinnen. Oder vielleicht ist nur er eine und ich habe ihn deswegen

zu mir eingeladen, vielleicht gefallen mir beleidigte Prinzessinnen, gleich

welchen Geschlechts. Mir gefallen beleidigte, mit Spitzen behangene

Prinzessinnen, auch wenn diese Spitzen gepflegte Schnurrbärte und

filigrane Koteletten und die Bänder von String-Tangas und zwei Ohrringe

und frisch geschnittene Haare sind. Die nach Feldern und Sense duften.

Ich habe das Licht gelöscht. Den Müttern gehört auch die Zeit des

Schlafs. Sie wachen über den Schlaf der Kinder, sie passen auf, dass sie

ruhig schlafen und von sü.em Honig und verzauberten Wäldern träumen

und dass ihr Kopf nicht nass wird, wenn es regnet, und dass sie nicht in

Schluchten stürzen und sich keine Pusteln aufkratzen, weil dann alles

noch schlimmer wird. Eine gute Mutter würde für ein Wohnzimmer mit

Steinfußboden keinen Goldfisch kaufen. Eine gute Mutter würde mit

einem Kleinkind nie in eine Wohnung mit Steinfußboden ziehen, einem

harten Boden für ein samtenes Köpfchen und ein geschmeidiges

Geschöpf. Ich dachte immer, ich würde nie Kinder haben. Nicht, dass ich

etwas dagegen hätte, aber ich glaubte nicht, dass es so passieren würde,

so plötzlich und gedankenlos, an einem Mittwoch Abend, nach einem

hellen Doppelmalzbier mit einem Unbekannten, der sich gegen jeden

Kontakt sträubt. Ich muss schwanger sein, weil meine Monatsblutung

pünktlicher ist als die Spaziergänge von Kant, und wenn das mit den

Brücken von Königsberg eine Legende ist, das hier ist keine. Seit meinem

vierzehnten Lebensjahr habe ich alle achtundzwanzig Tage meine

Monatsblutung. Und wenn man dann noch bedenkt, dass vierzehn die

Hälfte von achtundzwanzig ist, kann man nur zu dem Schluss kommen,

dass hier eine zeitliche Präzision am Werk ist, die jeden Zeitplan der

deutschen Bahn oder der englischen Post in den Schatten stellt. Auch

jedes Langzeit-EKG. Aber jetzt habe ich eine Verspätung von sieben

Tagen, was die Hälfte von vierzehn und ein Viertel von achtundzwanzig

ist. Ich habe aufgehört, Bier zu trinken, und ich habe mich daran erinnert,

dass ich häkeln kann. Ich habe teures Baumwollgarn gekauft und habe

ein ziemlich kompliziertes Paar Babyschuhe gemacht. Ich bin in ein

Kurzwarengeschäft gegangen, und ich weiß wohl, dass es einfacher

gewesen wäre, eine Decke oder einen Läufer zu häkeln. Ich wollte aber

Schuhe. Ein Paar Babyschuhe für mein Kind. Wenn ich nicht Mutter sein

kann, kann ich wenigstens häkeln. Rote Babyschuhe. Egal, ob der Weg

verrückt oder rebellisch und turbulent ist. Egal, ob er eine Obsession ist,

Hauptsache, er wird vorgezeichnet. Die roten Babyschuhe zeichnen den

Weg meines Kindes vor, das sich durch sieben Tage Verspätung

ankündigt, mit einem Ziehen in der Brust und im Rücken und einem

Aufgeschwollensein wie von überm..igem Trinken und mit Rennerei zur

Toilette. Die Schwangerschaft macht mit dem Ärgernis der Trunkenheit

und mit der Unmöglichkeit, tief durchzuatmen, gemeinsame Sache. Ich

würde gern an die beleidigte Prinzessin mit dem lichten Bart herantreten

und ihr sagen, dass wir ein Kind bekommen, dass ihre erdbeerroten oder

melonenroten oder rosenroten Verhüterli uns eine Verspätung beschert

haben, bei der es nicht um den Zug oder um irgendeinen Anschluss oder

den Kellner am Tisch geht. Eine Verspätung aus rosa Fleisch. Aber ich

kenne ihn nicht und weiß nicht, was ich ihm sagen soll. Mit einer Person

des anderen Geschlechts ein Kind zu bekommen, das kann passieren.

Wäre ich ein Koch, wären diese dreizehn Worte mein großes hors

d’oeuvre, stattdessen stelle ich mir vor, ich säße auf dem Sofa, meinem

Vater und meiner Mutter gegenüber, die sich mit dem Kinderkriegen

auskennen. Aber bei ihnen ist es nicht einfach so passiert. Sie haben jung

geheiratet mit allem Drum und Dran, die Hochzeit Ende der siebziger

Jahre mit halbem Hähnchen und zweistöckiger Mimosentorte und vier

Brautjungfern und Geldumschlägen und Leihwiege, sie mit Hut und

Beuteltasche, er mit knöchellangen, fast glockenweiten Hosen und

Handgelenktasche und Dreizehn-Zoll-Brille mit selbsttönenden Gläsern.

Ich könnte fragen, Mama, wo ist eigentlich meine Wiege abgeblieben, bis

an welche Stelle des Leihrings ist sie gekommen. Bis zu welchem

Verwandtschaftsgrad. Also im Shakespeare-Ton und in Bardenpose

deklamieren: Ach, Mutter, wo ist eingeschlossen meine Wiege?

Umschließet kleine Kinder sie im Gatter der Verwahrung? Wahrt Haltung,

Mutter, und die Wiege haltet nur immer fest und sagt mir, wo sie ist,

bekennt es jetzt, danach wird es zu spät sein, wenn erst ich selbst sie hab

gekauft! Meine Mutter würde lachen oder ich würde schmunzeln können,

ganz einfach an einem Sonntag bei Tisch, denn das sonntägliche

Mittagessen ist ein Schmelztiegel aller Ängste und Erwartungen und

böser Überraschungen im Gewand von Neuigkeiten. Mama, Papa, ich

kriege ein Kind, wie schön. Sehr schön, ohne Frage, sehr schön, na klar,

und eine neue Wiege, denn meine geölte war, das weiß ich noch,

betäubend. Giftiger Anstrich in Creme und Schoko. Stattdessen sitze ich

immer noch hier, still und leise mit einer Woche Verspätung, was die

Hälfte von vierzehn und ein Viertel von achtundzwanzig ist. Ich habe eine

Nacht gebraucht, um die Babyschuhe zu häkeln. Sie haben überall

Knoten, ich rechtfertige das mit Maya-Knoten, um von den ersten

Schritten meines Kindes Rechenschaft zu geben, seine Händchen liegen

in meinen, es macht Schrittchen um Schrittchen und will unbedingt auf

eigenen Fü.en stehen, stellt sich auf die Zehenspitzen, weil es

aufgerichtet weiter sieht. Bis zu der Kugel mit dem Goldfisch, den ich im

Glauben, es sei zu klein zum Ausrutschen und um das Wohnzimmer zu

vermeiden, auf das Flurmöbel verbannt habe. Aber mein Kind weiß, dass

Rot Ablenkung bedeutet, außerdem hat es rote Schuhe und streckt die

Hände zum Knauf, und der Knauf reicht aus, um die Kugel zum Wanken

und den Fisch zu Fall zu bringen. Um in den Kubikdezilitern durchsichtigtrüben

Wassers mit Sturzwellen für Trunkenheit zu sorgen. Die Trübheit

kommt immer vom Fischfutter. Erst nur an der Oberfläche, durch die

Schwerkraft dann aber überall bis ganz unten. Und doch ist es nötig. Die

ersten Schritte, der Fisch am Boden nach Luft schnappend, mein Kind,

das sich hinabbeugt, um nach ihm zu greifen, und mit seinen winzigen

Lippen erst ein kleines o des Erstaunens und dann ein großes O des

Hungers und der Erkenntnis formt. Mein Kind bückt sich, um den

Goldfisch zu essen. Mein Kind erstickt am Fisch, der ihm ums nackte

Zahnfleisch schwänzelt, während ich an den Steckdosen im Bad und im

Wohnzimmer Sicherungen anbringe, ganz beruhigt, dass im Flur keine

Steckdosen sind. Dort sind keine Steckdosen, rufe ich, während mein

Kind eiseskalt auf dem Marmor liegt. Auch damit bin ich sieben Tage zu

spät dran, würde ich es wenigstens heute machen, statt abzuwarten, bis

es geboren wird und erstickt, hätte ich es gestern Abend gemacht an

Stelle der Babyschuhe, die es sowieso nicht am Sterben hindern können,

dann wäre ich eine gute Mutter. Aber es ist noch nicht einmal geboren,

und schon jetzt versage ich. Schon jetzt würde es mir, wenn es ein

Mädchen wäre, Vorhaltungen machen. Mütter haben alle Zeit, sich die

bittersten Vorwürfe zu machen. Wäre ich eine glühende Katholikin, könnte

ich sagen, so ist es, so muss es sein, weil für eine, die den eigenen Sohn

gekreuzigt sah, Millionen andere aus Solidarität das Kreuz auf sich

nehmen müssen. Damit es mit der Zeit zu einem Ausgleich für den da und

für das vergossene oder hingegebene Blut kommt. Für das Herzblut. Sein

Herzblut hingeben bedeutet, sich zu ärgern, sich aufzuregen oder sich

abzumühen, sich anzustrengen, um die Dinge besser zu machen. Mütter

geben ihr Herzblut. Und jetzt auch ich, wie ich nachts im Schein der

Tischlampe darüber nachdenke, dass ich sieben Tage Verspätung habe

und nicht einmal weiß, wie die flandrischen Koteletten heißen. Alfredo

würde mir gefallen, oder Alberto oder Alessandro oder Andrea, ein Name

mit A. Ich weiß nicht warum, aber das würde mir gefallen, und da ich ihn

nie fragen werde und er es mir nie sagen wird, kann ich mir vorstellen,

was ich will, und schon mal anfangen, mich in den Namen zu üben. Von

meinem Kind weiß ich, dass es mich morgen mein Herzblut kosten wird,

aber heute habe ich keine Monatsblutung. Seit sieben Tagen habe ich

keine Monatsblutung. Ich gehe auf Internetseiten, mache Eignungstests,

kaufe Frauenzeitschriften, in Italien kann man sich da unmöglich irren,

denn es gibt kein Neutrum, und ich habe mit dem rohen Fleisch

aufgehört, sei es lebendig oder tot. Ich habe nichts in der Hand, ich kann

kein Geheimnis für mich behalten und ich esse kein rohes Fleisch. Das

habe ich meiner Mutter gesagt, die angerufen hat, um mir eine gute Nacht

zu wünschen, und ich habe erwidert: Ich bin schwanger, und sie: Hast du

den Test gemacht? Meine Mutter hat nicht gefragt, von wem es ist und

weshalb ich zu Hause bin, obwohl ich kein Fieber habe. Auch nicht, ob

ich gegessen habe. Sie hat mich gefragt: Hast du den Test gemacht? Ich

werde bei meinem Kind daran denken müssen, ihm immer Fragen zu

stellen, die es unangebracht findet. Bei einer guten Mutter ist man immer

kalt erwischt. Nein, Mama, ich habe keinen Test gemacht. Und wie willst

du es dann wissen. Mama, ich bin sieben Tage zu spät dran. Na, dann

hätte ich mindestens dreißig Mal im Leben schwanger sein müssen. Gute

Nacht, Mama. Mach den Test. Es ist mitten in der Nacht und ich muss

eine offene Apotheke finden und hoffen, dass sie nicht nur eine

Ausgabestelle für Notfallmedikamente oder Methadon ist, sondern dass

in irgendeinem vergessenen Regal ein Schwangerschaftstest herumliegt.

Das ist schon wieder filmreif, nur dass ich jetzt vom Fünziger-Jahre-

Streifen zu einer Szene à la Sundance- oder Tribeca-Festival

übergegangen bin, oder, schon archivverdächtig, zur Braut im gelben

Overall, die ein knallharter Killer ist, bevor sich der schicksalhafte Strich,

der Reaktionsstreifen des Lebens bemerkbar macht, und dann nur noch

Angst, schreckliche Angst bei der orientalischen Auftragskillerlady, die ihr

mit einer Kanone mitten zwischen die Augen zielt. Ich hasse es, wenn

meine Mutter mich fragt, ob ich schon die Hausarbeiten erledigt habe.

Genau dasselbe. Sie fragt mich das, bevor ich in den Garten laufen und

dem Nachbarn die junge Gans oder den Jungs aus dem Viertel das

Volleyballnetz klauen kann, ich hasse es, dass meine Mutter mich fragt,

ob ich den Test gemacht habe, bevor sie sich freut und mich fragt, wer

der Vater ist und wie ich das angestellt habe und wenn nicht wie, dann

wenigstens wann. Es ist mitten in der Nacht, ich habe nichts in der

Hand, ich kann kein Geheimnis für mich behalten, und ich habe keinen

Schwangerschaftstest gemacht, vielleicht, wenn ich nochmal drei

Wochen gewartet hätte, wenn ich und die Monatsblutung vier Wochen

abgewartet hätten, um uns leibhaftig und in Abwesenheit meiner Mutter

vorzustellen, dann hätte sie uns nicht entgegenhalten können: Hast du

den Test gemacht, jetzt aber hat sie Recht. Es ist mitten in der Nacht

und meine Mutter ist im Recht. Ich fahre mit dem Auto und mit großer

Vorsicht los, weil eine Frau in meiner Verfassung eigentlich einen

persönlichen Beistand in Anspruch nehmen müsste. Ich habe aber

keinen. Ich habe nichts in der Hand, ich kann kein Geheimnis für mich

behalten, und ich habe keinen persönlichen Beistand. Das grüne Kreuz

der Apotheke leuchtet auf und erlischt, leuchtet auf und erlischt und

hypnotisiert mich. Gern würde ich daran lecken wie an einem

Pfefferminzeis im Sommer oder einem Pistazien-Schoko-Lutscher

jederzeit. Ich gehe hinein. Ich klingle, um hineinzukommen, und stehe

gleich vor einer Panzerglasscheibe und dahinter ein Typ, der viel

Ähnlichkeit mit den filigranen Koteletten hat, aber sagt: Ich bin Giacomo,

was kann ich für Sie tun. Sagen Sie mir, ob ich schwanger bin, Giacomo,

schauen Sie mich an und sagen Sie mir, ob ich ein Kind bekomme. Aber

ich sage nichts und mache mir Sorgen, mir klappern die Zähne, ich habe

Ringe unter den Augen und bin blass um die Nase, was, wenn du nicht

in einem Indianerfilm lebst, nichts über deine Identität, aber viel über

deinen, nun ja, ausschweifenden Lebensstil verrät, vielleicht denkt

Giacomo, dass ich Drogen nehme, dass ich gleich mit dem Kopf gegen

die Panzerglasscheibe krachen und ihm auf immer den Schlaf rauben

will. Unrecht ließ handeln er mich gegen mich -- wie ging das noch?

Gegen die Panzerglasscheibe krachen, absolut unrecht. Ich bin es. Ich

bin Giacomo, was kann ich für Sie tun. Ich hätte gern einen

Schwangerschaftstest. Giacomo lächelt, als ob er der Vater wäre, ich

atme schwer, weil ich sieben Tage Verspätung habe, was die

unwahrscheinliche Hälfte von vierzehn Jahren und das ebensolche

Viertel von achtundzwanzig Tagen ist. Giacomo sagt: Das macht elf

Euro. Und er klingt munter, weil der Test Leben ist, so etwas wie

Vitamine. Ein frei verkäuflicher Artikel, proppenvoll mit Hoffnung. Mir fällt

auf, dass elf nicht mal eine gerade Zahl ist. Wieviel kostet ein Kind.

Mutter geizig und tyrannisch. Dabei ist es noch nicht einmal geboren. Ein

Kind kostet mehr als ein Pfund Hackfleisch und wiegt nicht mal soviel wie

ein Krümel. Mehr als frisches Obst, so unreif es noch ist. Zu Giacomo

sage ich nichts, ich sage nie etwas zu irgendjemand, deshalb ist es

überflüssig, dass ich keine Geheimnisse für mich behalten kann und

zwischen den Fingern der rechten Hand die Autoschlüssel und in der

linken einen Schwangerschaftstest halte. Ein leichtes Parallelflach in

vertrauenerweckenden Farben. Am liebsten würde ich den Test im Auto

machen, aber ich kann nicht, ich muss warten, bis ich auf der Toilette bei

mir zu Hause bin. Was weit ist. Ich bin gespannt, voller Unruhe wegen

einer Schwangerschaft, die mich davon abhalten wird, mein bisheriges

Leben weiterzuführen, auch wenn ich mich gern davon abhalten ließe,

denn ich habe nichts in der Hand. Das Handy klingelt, meine Mutter,

endlich zur Vernunft gekommen, wird wissen wollen, von wem ich das

Kind habe, aber ich gehe nicht ran, weil ich eine Toilette finden muss. Ich

habe nichts in der Hand außer dem Lenkrad, ich kann kein Geheimnis für

mich behalten, nur die Gewissheit, dass ich einen Mann bei mir im Bett

hatte und dass ich mich in dieser Gegend nicht auskenne. Aber es gibt

elektrischen Strom, und Neonlichter sind besser als Verkehrszeichen. Ich

bremse, bleibe abrupt stehen, mein Kind wird sich mit den Fü.en

abstützen, bis es einmal selber ein Auto haben wird. Dumm nur, dass

auch dieses Schild erlischt und aufleuchtet, erlischt und aufleuchtet, aber

seinen Sinn nur in Portionen preisgibt und ich zu blöde bin, um ihn

portionsweise aufzunehmen. Ich gehe in die Bar mit dem für mich

unleserlichen Namen. Ich klingle, um hineinzukommen, hinter dem Tresen

steht eine Frau mit einem kegelförmigen Trinkglas. Kein Martini-Glas,

sondern schmaler, darin ist eine milchige Flüssigkeit, vielleicht Kokos-,

vielleicht Kuhmilch, vielleicht noch was anderes, ich frage nach der

Toilette, sie zwinkert mir zu, schaut mir auf die Hände und weist nach

hinten auf die Tür. Mit dem Kinn. Wie dumm, die Toilette liegt hinten. Ich

mache die Schachtel auf, lese die Gebrauchsanweisung, führe alles aus

und warte. Die Toilette ist sauber gefliest, im beleuchteten Spiegel lächle

ich mir zu. Ich sehe aus, als wäre ich unter Wasser. Dies ist das Licht. Ich

betrachte mich im Spiegel und schwimme. Fehlt nur noch eine

Goldfischkugel. Wäre ich zu Hause, brauchte ich nur in den Flur zu gehen,

um sie zu finden. Und sie ausschütten. Wäre ich zu Hause, würde der

Fisch auf dem Fußboden nach Luft schnappen, aber ich würde mich nicht

rühren. Ich habe nichts in der Hand, ich kann kein Geheimnis für mich

behalten, ich bekomme kein Kind, und hier gibt es keinen Goldfisch.

Verspätung ist eine Verspätung ist eine Verspätung ist eine Verspätung.