Es gibt eine Gewissheit, die du jetzt festhältst
Und es ist nicht der Engel
Es ist kein Wunder
Es ist nicht die Hand des Herrn
Du bist es, Du
Aus dem Song Cuore di Tenebra der Gruppe BAUSTELLE
Ich habe nichts in der Hand. Wäre ich ein Zauberkünstler, wären das
sechs überraschende Worte, ja, sie wären ein Vorhang, alle Augen lägen
auf mir, glänzend und bereit, das Auftauchen eines Kaninchens oder eines
Blumenstraußes, vielleicht einer Taube zu bestaunen. Mir wären Blumen
am liebsten. Rote, gelbe und weiße, große und robuste, keine Rosen, kein
Grün. Rosen gehen kaputt und Grün wird braun. In den Sträußen der
Zauberkünstler gibt es nie Rosen, auch in denen der Jahrmarktszauberer
nicht. Weil sie kaputt gehen. Verliebte schenken sich Rosen, weil die
Liebe kaputt geht. Sie wissen es, belügen sich und schenken sich ewig
Rosen. Ich möchte so eine Blume nie bekommen. Die eine Warnung ist.
Und dann säuseln, was für ein Duft, was für ein Duft, und ein wenig
gerührt sein und ganz vergessen, dass Rosen verrotten und die Liebe und
die neuen Schuhe und noch manch anderes und dass es Blumen aus
Plastik und aus Stoff gibt, was allerdings auch keine Lösung darstellt.
Schon gar nicht für Stauballergiker. Ich sage, ich habe nichts in der Hand,
und schaue auf meine blanken Handteller, weil ich bei diesem Nichts, das
ich festhalte, nicht einmal ein Geheimnis für mich behalten kann. Kein
einziges Mal, wenn ich mir eine Hand vor den Mund legte, war ich
imstande, den Mund zu halten. Kein einziges Mal, wenn ich als kleines
Mädchen spielte: Rat mal, wo ich das Bonbon habe, rechts oder links,
links oder rechts, hier oder da, konnte ich die Süßigkeit behalten. Verlieren
ist bitter. Ich habe nichts in der Hand und kann kein Geheimnis für mich
behalten. Letzten Monat, an einem Mittwoch, habe ich einen Mann
getroffen, und nach einem Bier und ein wenig unverbindlichem Smalltalk
sind wir im Bett gelandet. Ich habe das erste bezahlt, er das zweite, das
aber auch so eines war. Ein helles Doppelmalzbier in einem Glas, das wie
eine kleine Goldfischkugel aussah und vielleicht auch eine war. Goldfische
wirken oft wie betrunken, sie schwimmen im Kreis herum, bis sie ganz
benommen sind, und manchmal springen sie heraus und landen auf dem
Fußboden. Da kann schon mal einer dahergeschlurft kommen und es
nicht merken. Dass da ein Fisch auf dem Boden liegt. Und drauf
ausrutschen und hinfallen und sterben. Kann schon mal mit dem Kopf
aufschlagen. Übersehen, dass in dem durchscheinenden, vom Fischfutter
getrübten Wasser das rote Gold fehlt. Auf dem Fußboden der eigenen
Wohnung, über den er schon tausendmal gegangen ist. Und die
Nachbarn tuscheln dann: Der war wohl betrunken. Dabei war der Fisch
schuld, aber er kann es niemandem sagen, macht keinen Mucks mehr,
sagt kein Sterbenswort. Die Kugeln machen mit dem Ärgernis der
Trunkenheit gemeinsame Sache, und Geheimnisse sollte man nur den
Toten verraten, aber die haben nichts in der Hand. Vielleicht eine Münze.
Oder unter der Zunge? Wir sind zusammen im Bett gelandet, und das ist
mir noch nie passiert, ein Bier und ein Mann unterm Laken, und alles am
selben Abend. An einem Mittwoch bei mir in der Wohnung und um zehn
vor elf schon alles gelaufen, weil meine Mutter angerufen hat, Gute Nacht,
mein Schatz, schlaf gut, und ich: Dir auch, Mama, und er: Ruft dich deine
Mutter immer um diese Zeit an, und meine Mutter: Wer ist da bei dir? Und
ich: Niemand, Mama, das ist der Fernseher. Er hat gelächelt und sich
langsam die Knöpfe zugemacht, so in der Art wie ein geläuterter Stripper,
sich sonnend in Selbstgefälligkeit und Mitleid, als wäre es demütigend für
eine dreißigjährige Frau, ihrer Mutter gegenüber zuzugeben, sie schaue
sich gerade irgendeinen Fünfziger-Jahre-Film an. Wie viele Männer
fragen: Ruft dich deine Mutter immer um diese Zeit an. Welche Zeit denn?
Müttern gehört alle Zeit. Als Mutter herrscht man über die Zeit. Dann ist er
gegangen, und ich habe ihn nicht einmal zur Tür gebracht, aus Furcht, er
könne an eine Wiederholung denken. Oder vielleicht sind es auch die
Frauen, die denken, die Männer seien eher Sex- als Salonwesen und
folglich an Wiederholungen interessiert. An Reprisen von sicherem und
folgenlosem Sex. Wenn er sicher ist, bleibt er folgenlos. Wenn sie in der
Werbung oder auf den Packungen folgenlos schrieben, würde sich keiner
mehr irgendein Verhütungsmittel kaufen. Folgenlos ist also folgenschwer.
Folgenlos ist folgenschwer. Ich habe aufgeräumt, Ordnung gemacht, bin
mit zärtlichem Blick Stück für Stück die Gegenstände durchgegangen und
habe das Licht gelöscht, um mich auszuruhen. Dann habe ich geschlafen.
Seit einem Monat schlafe ich wie noch nie. Ich habe nichts in der Hand,
ich kann kein Geheimnis für mich behalten und normalerweise kann ich
nicht schlafen. Wir haben uns nochmal in einer Bar getroffen, ich habe
ihm ein Bier ausgegeben, er hat sich verabschiedet mit: Tja dann noch
’nen schönen Fernsehabend. Ich kenne die Männer nicht besonders gut,
aber es wundert mich doch, dass sie sich aufführen wie beleidigte
Prinzessinnen. Oder vielleicht ist nur er eine und ich habe ihn deswegen
zu mir eingeladen, vielleicht gefallen mir beleidigte Prinzessinnen, gleich
welchen Geschlechts. Mir gefallen beleidigte, mit Spitzen behangene
Prinzessinnen, auch wenn diese Spitzen gepflegte Schnurrbärte und
filigrane Koteletten und die Bänder von String-Tangas und zwei Ohrringe
und frisch geschnittene Haare sind. Die nach Feldern und Sense duften.
Ich habe das Licht gelöscht. Den Müttern gehört auch die Zeit des
Schlafs. Sie wachen über den Schlaf der Kinder, sie passen auf, dass sie
ruhig schlafen und von sü.em Honig und verzauberten Wäldern träumen
und dass ihr Kopf nicht nass wird, wenn es regnet, und dass sie nicht in
Schluchten stürzen und sich keine Pusteln aufkratzen, weil dann alles
noch schlimmer wird. Eine gute Mutter würde für ein Wohnzimmer mit
Steinfußboden keinen Goldfisch kaufen. Eine gute Mutter würde mit
einem Kleinkind nie in eine Wohnung mit Steinfußboden ziehen, einem
harten Boden für ein samtenes Köpfchen und ein geschmeidiges
Geschöpf. Ich dachte immer, ich würde nie Kinder haben. Nicht, dass ich
etwas dagegen hätte, aber ich glaubte nicht, dass es so passieren würde,
so plötzlich und gedankenlos, an einem Mittwoch Abend, nach einem
hellen Doppelmalzbier mit einem Unbekannten, der sich gegen jeden
Kontakt sträubt. Ich muss schwanger sein, weil meine Monatsblutung
pünktlicher ist als die Spaziergänge von Kant, und wenn das mit den
Brücken von Königsberg eine Legende ist, das hier ist keine. Seit meinem
vierzehnten Lebensjahr habe ich alle achtundzwanzig Tage meine
Monatsblutung. Und wenn man dann noch bedenkt, dass vierzehn die
Hälfte von achtundzwanzig ist, kann man nur zu dem Schluss kommen,
dass hier eine zeitliche Präzision am Werk ist, die jeden Zeitplan der
deutschen Bahn oder der englischen Post in den Schatten stellt. Auch
jedes Langzeit-EKG. Aber jetzt habe ich eine Verspätung von sieben
Tagen, was die Hälfte von vierzehn und ein Viertel von achtundzwanzig
ist. Ich habe aufgehört, Bier zu trinken, und ich habe mich daran erinnert,
dass ich häkeln kann. Ich habe teures Baumwollgarn gekauft und habe
ein ziemlich kompliziertes Paar Babyschuhe gemacht. Ich bin in ein
Kurzwarengeschäft gegangen, und ich weiß wohl, dass es einfacher
gewesen wäre, eine Decke oder einen Läufer zu häkeln. Ich wollte aber
Schuhe. Ein Paar Babyschuhe für mein Kind. Wenn ich nicht Mutter sein
kann, kann ich wenigstens häkeln. Rote Babyschuhe. Egal, ob der Weg
verrückt oder rebellisch und turbulent ist. Egal, ob er eine Obsession ist,
Hauptsache, er wird vorgezeichnet. Die roten Babyschuhe zeichnen den
Weg meines Kindes vor, das sich durch sieben Tage Verspätung
ankündigt, mit einem Ziehen in der Brust und im Rücken und einem
Aufgeschwollensein wie von überm..igem Trinken und mit Rennerei zur
Toilette. Die Schwangerschaft macht mit dem Ärgernis der Trunkenheit
und mit der Unmöglichkeit, tief durchzuatmen, gemeinsame Sache. Ich
würde gern an die beleidigte Prinzessin mit dem lichten Bart herantreten
und ihr sagen, dass wir ein Kind bekommen, dass ihre erdbeerroten oder
melonenroten oder rosenroten Verhüterli uns eine Verspätung beschert
haben, bei der es nicht um den Zug oder um irgendeinen Anschluss oder
den Kellner am Tisch geht. Eine Verspätung aus rosa Fleisch. Aber ich
kenne ihn nicht und weiß nicht, was ich ihm sagen soll. Mit einer Person
des anderen Geschlechts ein Kind zu bekommen, das kann passieren.
Wäre ich ein Koch, wären diese dreizehn Worte mein großes hors
d’oeuvre, stattdessen stelle ich mir vor, ich säße auf dem Sofa, meinem
Vater und meiner Mutter gegenüber, die sich mit dem Kinderkriegen
auskennen. Aber bei ihnen ist es nicht einfach so passiert. Sie haben jung
geheiratet mit allem Drum und Dran, die Hochzeit Ende der siebziger
Jahre mit halbem Hähnchen und zweistöckiger Mimosentorte und vier
Brautjungfern und Geldumschlägen und Leihwiege, sie mit Hut und
Beuteltasche, er mit knöchellangen, fast glockenweiten Hosen und
Handgelenktasche und Dreizehn-Zoll-Brille mit selbsttönenden Gläsern.
Ich könnte fragen, Mama, wo ist eigentlich meine Wiege abgeblieben, bis
an welche Stelle des Leihrings ist sie gekommen. Bis zu welchem
Verwandtschaftsgrad. Also im Shakespeare-Ton und in Bardenpose
deklamieren: Ach, Mutter, wo ist eingeschlossen meine Wiege?
Umschließet kleine Kinder sie im Gatter der Verwahrung? Wahrt Haltung,
Mutter, und die Wiege haltet nur immer fest und sagt mir, wo sie ist,
bekennt es jetzt, danach wird es zu spät sein, wenn erst ich selbst sie hab
gekauft! Meine Mutter würde lachen oder ich würde schmunzeln können,
ganz einfach an einem Sonntag bei Tisch, denn das sonntägliche
Mittagessen ist ein Schmelztiegel aller Ängste und Erwartungen und
böser Überraschungen im Gewand von Neuigkeiten. Mama, Papa, ich
kriege ein Kind, wie schön. Sehr schön, ohne Frage, sehr schön, na klar,
und eine neue Wiege, denn meine geölte war, das weiß ich noch,
betäubend. Giftiger Anstrich in Creme und Schoko. Stattdessen sitze ich
immer noch hier, still und leise mit einer Woche Verspätung, was die
Hälfte von vierzehn und ein Viertel von achtundzwanzig ist. Ich habe eine
Nacht gebraucht, um die Babyschuhe zu häkeln. Sie haben überall
Knoten, ich rechtfertige das mit Maya-Knoten, um von den ersten
Schritten meines Kindes Rechenschaft zu geben, seine Händchen liegen
in meinen, es macht Schrittchen um Schrittchen und will unbedingt auf
eigenen Fü.en stehen, stellt sich auf die Zehenspitzen, weil es
aufgerichtet weiter sieht. Bis zu der Kugel mit dem Goldfisch, den ich im
Glauben, es sei zu klein zum Ausrutschen und um das Wohnzimmer zu
vermeiden, auf das Flurmöbel verbannt habe. Aber mein Kind weiß, dass
Rot Ablenkung bedeutet, außerdem hat es rote Schuhe und streckt die
Hände zum Knauf, und der Knauf reicht aus, um die Kugel zum Wanken
und den Fisch zu Fall zu bringen. Um in den Kubikdezilitern durchsichtigtrüben
Wassers mit Sturzwellen für Trunkenheit zu sorgen. Die Trübheit
kommt immer vom Fischfutter. Erst nur an der Oberfläche, durch die
Schwerkraft dann aber überall bis ganz unten. Und doch ist es nötig. Die
ersten Schritte, der Fisch am Boden nach Luft schnappend, mein Kind,
das sich hinabbeugt, um nach ihm zu greifen, und mit seinen winzigen
Lippen erst ein kleines o des Erstaunens und dann ein großes O des
Hungers und der Erkenntnis formt. Mein Kind bückt sich, um den
Goldfisch zu essen. Mein Kind erstickt am Fisch, der ihm ums nackte
Zahnfleisch schwänzelt, während ich an den Steckdosen im Bad und im
Wohnzimmer Sicherungen anbringe, ganz beruhigt, dass im Flur keine
Steckdosen sind. Dort sind keine Steckdosen, rufe ich, während mein
Kind eiseskalt auf dem Marmor liegt. Auch damit bin ich sieben Tage zu
spät dran, würde ich es wenigstens heute machen, statt abzuwarten, bis
es geboren wird und erstickt, hätte ich es gestern Abend gemacht an
Stelle der Babyschuhe, die es sowieso nicht am Sterben hindern können,
dann wäre ich eine gute Mutter. Aber es ist noch nicht einmal geboren,
und schon jetzt versage ich. Schon jetzt würde es mir, wenn es ein
Mädchen wäre, Vorhaltungen machen. Mütter haben alle Zeit, sich die
bittersten Vorwürfe zu machen. Wäre ich eine glühende Katholikin, könnte
ich sagen, so ist es, so muss es sein, weil für eine, die den eigenen Sohn
gekreuzigt sah, Millionen andere aus Solidarität das Kreuz auf sich
nehmen müssen. Damit es mit der Zeit zu einem Ausgleich für den da und
für das vergossene oder hingegebene Blut kommt. Für das Herzblut. Sein
Herzblut hingeben bedeutet, sich zu ärgern, sich aufzuregen oder sich
abzumühen, sich anzustrengen, um die Dinge besser zu machen. Mütter
geben ihr Herzblut. Und jetzt auch ich, wie ich nachts im Schein der
Tischlampe darüber nachdenke, dass ich sieben Tage Verspätung habe
und nicht einmal weiß, wie die flandrischen Koteletten heißen. Alfredo
würde mir gefallen, oder Alberto oder Alessandro oder Andrea, ein Name
mit A. Ich weiß nicht warum, aber das würde mir gefallen, und da ich ihn
nie fragen werde und er es mir nie sagen wird, kann ich mir vorstellen,
was ich will, und schon mal anfangen, mich in den Namen zu üben. Von
meinem Kind weiß ich, dass es mich morgen mein Herzblut kosten wird,
aber heute habe ich keine Monatsblutung. Seit sieben Tagen habe ich
keine Monatsblutung. Ich gehe auf Internetseiten, mache Eignungstests,
kaufe Frauenzeitschriften, in Italien kann man sich da unmöglich irren,
denn es gibt kein Neutrum, und ich habe mit dem rohen Fleisch
aufgehört, sei es lebendig oder tot. Ich habe nichts in der Hand, ich kann
kein Geheimnis für mich behalten und ich esse kein rohes Fleisch. Das
habe ich meiner Mutter gesagt, die angerufen hat, um mir eine gute Nacht
zu wünschen, und ich habe erwidert: Ich bin schwanger, und sie: Hast du
den Test gemacht? Meine Mutter hat nicht gefragt, von wem es ist und
weshalb ich zu Hause bin, obwohl ich kein Fieber habe. Auch nicht, ob
ich gegessen habe. Sie hat mich gefragt: Hast du den Test gemacht? Ich
werde bei meinem Kind daran denken müssen, ihm immer Fragen zu
stellen, die es unangebracht findet. Bei einer guten Mutter ist man immer
kalt erwischt. Nein, Mama, ich habe keinen Test gemacht. Und wie willst
du es dann wissen. Mama, ich bin sieben Tage zu spät dran. Na, dann
hätte ich mindestens dreißig Mal im Leben schwanger sein müssen. Gute
Nacht, Mama. Mach den Test. Es ist mitten in der Nacht und ich muss
eine offene Apotheke finden und hoffen, dass sie nicht nur eine
Ausgabestelle für Notfallmedikamente oder Methadon ist, sondern dass
in irgendeinem vergessenen Regal ein Schwangerschaftstest herumliegt.
Das ist schon wieder filmreif, nur dass ich jetzt vom Fünziger-Jahre-
Streifen zu einer Szene à la Sundance- oder Tribeca-Festival
übergegangen bin, oder, schon archivverdächtig, zur Braut im gelben
Overall, die ein knallharter Killer ist, bevor sich der schicksalhafte Strich,
der Reaktionsstreifen des Lebens bemerkbar macht, und dann nur noch
Angst, schreckliche Angst bei der orientalischen Auftragskillerlady, die ihr
mit einer Kanone mitten zwischen die Augen zielt. Ich hasse es, wenn
meine Mutter mich fragt, ob ich schon die Hausarbeiten erledigt habe.
Genau dasselbe. Sie fragt mich das, bevor ich in den Garten laufen und
dem Nachbarn die junge Gans oder den Jungs aus dem Viertel das
Volleyballnetz klauen kann, ich hasse es, dass meine Mutter mich fragt,
ob ich den Test gemacht habe, bevor sie sich freut und mich fragt, wer
der Vater ist und wie ich das angestellt habe und wenn nicht wie, dann
wenigstens wann. Es ist mitten in der Nacht, ich habe nichts in der
Hand, ich kann kein Geheimnis für mich behalten, und ich habe keinen
Schwangerschaftstest gemacht, vielleicht, wenn ich nochmal drei
Wochen gewartet hätte, wenn ich und die Monatsblutung vier Wochen
abgewartet hätten, um uns leibhaftig und in Abwesenheit meiner Mutter
vorzustellen, dann hätte sie uns nicht entgegenhalten können: Hast du
den Test gemacht, jetzt aber hat sie Recht. Es ist mitten in der Nacht
und meine Mutter ist im Recht. Ich fahre mit dem Auto und mit großer
Vorsicht los, weil eine Frau in meiner Verfassung eigentlich einen
persönlichen Beistand in Anspruch nehmen müsste. Ich habe aber
keinen. Ich habe nichts in der Hand, ich kann kein Geheimnis für mich
behalten, und ich habe keinen persönlichen Beistand. Das grüne Kreuz
der Apotheke leuchtet auf und erlischt, leuchtet auf und erlischt und
hypnotisiert mich. Gern würde ich daran lecken wie an einem
Pfefferminzeis im Sommer oder einem Pistazien-Schoko-Lutscher
jederzeit. Ich gehe hinein. Ich klingle, um hineinzukommen, und stehe
gleich vor einer Panzerglasscheibe und dahinter ein Typ, der viel
Ähnlichkeit mit den filigranen Koteletten hat, aber sagt: Ich bin Giacomo,
was kann ich für Sie tun. Sagen Sie mir, ob ich schwanger bin, Giacomo,
schauen Sie mich an und sagen Sie mir, ob ich ein Kind bekomme. Aber
ich sage nichts und mache mir Sorgen, mir klappern die Zähne, ich habe
Ringe unter den Augen und bin blass um die Nase, was, wenn du nicht
in einem Indianerfilm lebst, nichts über deine Identität, aber viel über
deinen, nun ja, ausschweifenden Lebensstil verrät, vielleicht denkt
Giacomo, dass ich Drogen nehme, dass ich gleich mit dem Kopf gegen
die Panzerglasscheibe krachen und ihm auf immer den Schlaf rauben
will. Unrecht ließ handeln er mich gegen mich -- wie ging das noch?
Gegen die Panzerglasscheibe krachen, absolut unrecht. Ich bin es. Ich
bin Giacomo, was kann ich für Sie tun. Ich hätte gern einen
Schwangerschaftstest. Giacomo lächelt, als ob er der Vater wäre, ich
atme schwer, weil ich sieben Tage Verspätung habe, was die
unwahrscheinliche Hälfte von vierzehn Jahren und das ebensolche
Viertel von achtundzwanzig Tagen ist. Giacomo sagt: Das macht elf
Euro. Und er klingt munter, weil der Test Leben ist, so etwas wie
Vitamine. Ein frei verkäuflicher Artikel, proppenvoll mit Hoffnung. Mir fällt
auf, dass elf nicht mal eine gerade Zahl ist. Wieviel kostet ein Kind.
Mutter geizig und tyrannisch. Dabei ist es noch nicht einmal geboren. Ein
Kind kostet mehr als ein Pfund Hackfleisch und wiegt nicht mal soviel wie
ein Krümel. Mehr als frisches Obst, so unreif es noch ist. Zu Giacomo
sage ich nichts, ich sage nie etwas zu irgendjemand, deshalb ist es
überflüssig, dass ich keine Geheimnisse für mich behalten kann und
zwischen den Fingern der rechten Hand die Autoschlüssel und in der
linken einen Schwangerschaftstest halte. Ein leichtes Parallelflach in
vertrauenerweckenden Farben. Am liebsten würde ich den Test im Auto
machen, aber ich kann nicht, ich muss warten, bis ich auf der Toilette bei
mir zu Hause bin. Was weit ist. Ich bin gespannt, voller Unruhe wegen
einer Schwangerschaft, die mich davon abhalten wird, mein bisheriges
Leben weiterzuführen, auch wenn ich mich gern davon abhalten ließe,
denn ich habe nichts in der Hand. Das Handy klingelt, meine Mutter,
endlich zur Vernunft gekommen, wird wissen wollen, von wem ich das
Kind habe, aber ich gehe nicht ran, weil ich eine Toilette finden muss. Ich
habe nichts in der Hand außer dem Lenkrad, ich kann kein Geheimnis für
mich behalten, nur die Gewissheit, dass ich einen Mann bei mir im Bett
hatte und dass ich mich in dieser Gegend nicht auskenne. Aber es gibt
elektrischen Strom, und Neonlichter sind besser als Verkehrszeichen. Ich
bremse, bleibe abrupt stehen, mein Kind wird sich mit den Fü.en
abstützen, bis es einmal selber ein Auto haben wird. Dumm nur, dass
auch dieses Schild erlischt und aufleuchtet, erlischt und aufleuchtet, aber
seinen Sinn nur in Portionen preisgibt und ich zu blöde bin, um ihn
portionsweise aufzunehmen. Ich gehe in die Bar mit dem für mich
unleserlichen Namen. Ich klingle, um hineinzukommen, hinter dem Tresen
steht eine Frau mit einem kegelförmigen Trinkglas. Kein Martini-Glas,
sondern schmaler, darin ist eine milchige Flüssigkeit, vielleicht Kokos-,
vielleicht Kuhmilch, vielleicht noch was anderes, ich frage nach der
Toilette, sie zwinkert mir zu, schaut mir auf die Hände und weist nach
hinten auf die Tür. Mit dem Kinn. Wie dumm, die Toilette liegt hinten. Ich
mache die Schachtel auf, lese die Gebrauchsanweisung, führe alles aus
und warte. Die Toilette ist sauber gefliest, im beleuchteten Spiegel lächle
ich mir zu. Ich sehe aus, als wäre ich unter Wasser. Dies ist das Licht. Ich
betrachte mich im Spiegel und schwimme. Fehlt nur noch eine
Goldfischkugel. Wäre ich zu Hause, brauchte ich nur in den Flur zu gehen,
um sie zu finden. Und sie ausschütten. Wäre ich zu Hause, würde der
Fisch auf dem Fußboden nach Luft schnappen, aber ich würde mich nicht
rühren. Ich habe nichts in der Hand, ich kann kein Geheimnis für mich
behalten, ich bekomme kein Kind, und hier gibt es keinen Goldfisch.
Verspätung ist eine Verspätung ist eine Verspätung ist eine Verspätung.