Ingeborg Arvola

Das Geschenk der kleinen Schwester


„Also das ist dein letzter architektonischer Erfolg?“

„Schau her! Wenn wir an den Wohnzimmerfenstern vorbeigehen,

sehen wir uns selbst, nicht?“

„Stimmt …“

„Die Fenster neigen sich nach außen“, sagt er energisch. „Das

ist genial. Wenn du im Wohnzimmer stehst, siehst du förmlich

auf die Welt hinab. Es ist ein Haus für Könige!“

„Miriam und ihre Familie benehmen sich jedenfalls wie Könige.“

„Jetzt sag nicht, dass du sie kennst, Schwester?“

„Miriam kauft Kleider bei mir und Häuser bei dir.“

„Zum gleichen Preis?“

Er lacht stumm und tippt eine Nachricht in sein Telefon.

„Was haben sie gesagt, als du sie Weihnachten zu Hause haben

wolltest?“, fragt sie unvermittelt.

„Wir müssten darauf vorbereitet sein, dass es ihr ziemlich

schlecht geht.“

„Ist sie gefährlich?“

„Nein, gefährlich ist sie nicht. Sie glauben nicht einmal, dass sie

eine Gefahr für sich selbst ist.“

Der Wagen biegt in die Parktasche vor dem Einkaufszentrum.

Die Heizung geht zusammen mit dem Motor aus, und

augenblicklich spürt er die Kälte seiner Schwester.

„Erst dachte ich, es wäre eine Schnapsidee“, sagt sie, „aber

gestern habe ich mich wirklich gefreut, dich zu sehen, und …“

„Nein, sieh doch!“ Der Bruder springt aus dem Wagen. „Das ist

das Ehepaar Olson, meine neuesten Kunden. Geh schon mal vor,

Schwester.“

 

Meine Schwester und mein Bruder. Sie schmücken den

Baum. Sie holen vergoldete Kugeln heraus und hängen sie

an Zweige. Mein Bruder wischt meine Wangen trocken, wenn

ich weine. Meine Schwester sagt, dass Mutter es jetzt sicher

besser hat, aber ich weine gar nicht wegen ihr. Da sind kleine

schleimige Monster in den Christbaumkugeln. Ich weiß nicht,

wie sie dorthin gelangt sind, vielleicht sind sie Engel, die von

Menschen ausgebrütet werden sollen. Eine Form von Geburt

ist jedenfalls beabsichtigt, aber jetzt dürfen die Monster nicht

atmen. Feuchte Mäuler pressen sich gegen die Innenseiten

der Kugeln. Wie Fische schnappen sie nach Luft. Mein Bruder

sollte das verstehen, er, der immer sagt, dass alle Lebewesen

luftige Räume zum Leben benötigen. Luft, sagt er zu meiner

Schwester, während die Monster ersticken. Er hängt Kugeln an

Zweige und lächelt mir flüchtig zu. Ich werfe eine Kugel auf den

Parkettboden. Sie wird zwischen den Weihnachtsgeschenken

zur zerbrochenen Schale eines Eis. Das Monster hinterlässt eine

bleistiftschmale Spur aus Blut und Schleim, als es sich in ein

Geschenkpaket hineinschlängelt. Ich strecke mich nach weiteren

Kugeln, aber meine Schwester hält mich auf. Ihre Hände halten

meine Handgelenke. Sie platziert mich auf einem Stuhl. Meine

Schwester ist so kalt. Sie ist eiskalt. Die Berührung zapft mich an.

Ich bin ein Wasserhahn und die Wärme rinnt heraus. Ich spreche

erklärend über Jesus, der in einem Stall geboren wurde, und ob

der Stall nicht vielleicht eine Schale war, die zerbrochen werden

musste, aber meine Schwester ist kein Mensch, der Leuten

zuhört, die leise sprechen. Sie wischt die Spuren des Monsters

weg und wirft prüfende Blicke auf meine Handgelenke.

Bruder und Schwester sehen einander fragend an, als ihre kleine

Schwester das Geschenkapier vom größten Paket reißt. Der

Karton ist leer, vollkommen leer, aber die kleine Schwester scheint

das nicht zu begreifen.. Ihre knochig dünnen Hände befingern die

Luft im Karton. Der Mund formt glückliche Worte aus Stille.

„Hast du das gewollt?“, fragt der Bruder.

„Nein“, antwortet die Schwester, „aber sieh doch, wie sie sich

freut.“

„Das war mehr als bloß Luft“, flüstert die kleine Schwester,

beinahe erklärend, und ein durchsichtiger Finger zeigt erst hierhin,

dann dorthin. Das Licht des Weihnachtsstern fällt auf die Adern

unter der papierdünnen Gesichtshaut. „Genauso grün wie die

Röcke, die du machst“, flüstert sie der Schwester zu.

Sie nehmen an, sie meint das Geschenkpapier, auch wenn es

gelb ist. Sie sehen sich an und schaudern aus einer Art Liebe

zur kleinen Schwester. Manche Menschen sind Streichhölzer

und Grashalme. Sie können brechen wie zu hohe Töne in einer

strapazierten Stimme. Die kleine Schwester beugt sich über den

leeren Karton und lächelt gespenstisch. Den Bruder beschleicht

das Gefühl, sie könnte sich auflösen, zu Papierschnipseln in

Wasser und Asche in Luft werden. Er schenkt sich noch einen

Brandy ein.

„Nach der Beerdigung zog ich ihren Pullover an“, sagt die

Schwester leise. „Du weiß schon, diesen einen, den sie immer

trug. Ich schlief in ihm, und als ich aufwachte, dachte ich anfangs,

mein Kopf läge in ihrem Schoß.

„Sie war verbraucht“, sagt der Bruder. „Das mit unserer kleinen

Schwester hat ihr alles abverlangt.“

„Ich habe nie jemandem den Kopf in den Schoß gelegt“, fährt die

Schwester fort.

 

Das Monster ist zu doppelter Größe herangewachsen. Es beißt

sich in den Schwanz, presst die Echsenfü.e an den Körper, wenn

ich den Zeigefinger ausstrecke. Es wird eine Avocado, fest und

gleichwohl weich. Warm, sage ich und lege den Finger auf die

hellere Brusthaut. Unter ihr pocht ein Herz. Das Monster schwirrt

vor Lebendigkeit. Mein Bruder und meine Schwester sagen,

ich solle ins Wohnzimmer kommen, es sei schon lange Tag. Sie

sind einsame Birnen in entlaubten Birnbäumen. Das Monster

saust unters Bett. Ich nicke. Mein Bruder und meine Schwester

ertragen es nicht, ohne mich im Wohnzimmer zu sein. Dort ist

zu viel Luft. Der Bruder hat einen Tunnel ins Dach gebaut. Ganz

oben, über dem Weihnachtsbaum ist dort ein Glasdach. Von

einem Menschen zum anderen gesandte Gedanken werden in

den Tunnel hinaufgesaugt und verschwinden. Mein Bruder hat

schon immer Angst vor Nähe gehabt. Wenn wir zu nahe bei

ihm saßen, als wir klein waren, schlug er uns. Ich versuche an

ihnen vorbeizuschleichen. Meine Schwester ist so kalt, und mein

Bruder ist voller Sehnsucht. Er sehnt sich nach allen, von denen

er glaubt, sie vielleicht doch geliebt zu haben. Sie brauchen mich

mehr, als sie glauben. Ihre Arme strecken sich nach mir aus. Sie

denken, sie stützen mich bis zum Sofa, aber im Grunde bin ich

es, der sie stützt. Jetzt, da die Monster erstickt in den Kugeln

liegen, kann ich den Weihnachtsbaum ertragen. Er ist eine schöne

Trauer. Eine geschmückte Leiche. Es gibt nichts, was man noch

für sie tun könnte. Bald sind sie zu Staub und Knochenresten

vertrocknet.

 

Der Bruder schaut die Nachrichten. Er lässt einen Schluck Brandy

über die Zunge rollen, stellt die Uhr. Das Geschenk der Schwester

ist extravagant. Gebäude, die jemand bis zur Unkenntlichkeit

zerbombt hat, flimmern über den Bildschirm. Er ertappt sich bei

der Frage, welchen Sinn das Geschenk hat. Hat er eine derart

teure Uhr verdient? Und wenn ja, hat er sie in seiner Eigenschaft

als Bruder oder in seiner Eigenschaft als erfolgreicher Architekt

verdient? Wenn er an den leeren Geschenkkarton denkt, den sie

der kleinen Schwester geschenkt hat, schneidet ihm das Uhrband

ins Handgelenk. Findet die Schwester ihn habgierig? Die Mutter

nannte ihn habgierig, als er die Weihnachtsfeier der Heilsarmee

nicht unterstützen wollte. Das war letztes Jahr Weihnachten. Er

legt die Uhr auf den Wohnzimmertisch. Nein, die Schwester ist

berechnend. Sie hat ihm die Uhr sicher geschenkt, um sich so

selber zu spiegeln. Er erzählt den Leuen, dass die Uhr von ihr ist,

und sie begreifen, dass ihre Kreationen wertvoll sind. Er hört sich

selber lachen, und die Schwester hebt eine schmale Augenbraue

an. Auf dem Bildschirm liegen Patienten in Krankenhausbetten.

Blut zieht in Verbände ein. Ihre Gesichter sind auf Grund des

neuen Virus nicht mehr wiederzuerkennen.

„Sorry“, sagte er in den Raum hinein.

„Ich bin froh, dass ich nicht in der Branche arbeite, die an den

ganzen neuen Krankheiten schuld ist“, sagt die Schwester und

schneidet sich mit dem Obstmesser eine Scheibe vom Apfel ab.

„Du kleidest die Leute nur ein, die das tun“, sagt er und spürt das

Lächeln im Mundwinkel.

Die Schwester runzelt die Augenbrauen. Das Apfelstück hängt

wie eine Drohung in der Luft. Er hebt beschwichtigend die Arme.

„Ich gebe ihnen die Häuser, die sie haben wollen, und du gibst

ihnen die Kleider …“

Die Schwester isst das Apfelstück. Er wirft einen Blick zur kleinen

Schwester. Sie ist nicht fähig, etwas zu geben, weder Häuser

noch Kleider. Das irritiert ihn. Sie muss niemals Verantwortung

übernehmen, fordert nur die Verantwortung anderer, fordert

und fordert, sie forderte ihre Mutter tagaus, tagein, ohne jemals

zufrieden zu sein, wollte sie nur sterben, so als wäre sie eine

einsame Insel, die im Meer versinken konnte, ohne dass andere

deshalb ertranken, als hätte sie keine Mutter mit dünnen weißen

Haarsträhnen … Die kleine Schwester ist eine flackernde

Anwesenheit in der tiefsten Ecke des Sofas. Ihre Augen sind

auf den Fernseher gerichtet. Sie sind unnatürlich groß. Tränen

strömen die Wangen herab.

„Verdammt“, murmelt er.

„Ich schalte um“, sagt die Schwester sachlich, und die infizierten

Patienten verschwinden zugunsten eines Vogelschwarms, der in

Formation am Himmel fliegt.

Er setzt sich neben die kleine Schwester, hört es in ihrem Hals

glucksen, Schluchzer und Worte, die sie nur selten benutzt. Sein

Ärger schlägt in Fürsorglichkeit um. Er legt einen beschützenden

Arm um die schmächtigen Schultern. Die Fäuste der kleinen

Schwester sind so fest geballt, dass die Fingernägel in die Haut

geschnitten haben.

„Verdammt“, wiederholt er und biegt die Finger vorsichtig hoch.

Blutige Halbmonde tauchen auf, kaum sichtbar in der spärlichen

Beleuchtung. Er legt die Finger auf die Wunden und presst. Selbst

das Blut der kleinen Schwester scheint dünner zu sein als das

anderer Menschen. Der Tropfen, der über die Handfläche läuft,

ist einfach nicht dunkelrot und erinnert eher an die Wasserfarben

eines Kindes. Die Schwester holt etwas zum Desinfizieren und

Pflaster.

Sie sitzen über die Hand der kleinen Schwester gebeugt, und

keiner von ihnen kommt auf die Idee, mehr Licht zu machen, um

besser sehen zu können. Es scheint, als zögen sie es vor, sich

noch tiefer hinunter zu beugen, bis sie schließlich mit der Stirn

aneinanderstoßen und merken, dass sie haargenau die gleiche

Stirnform haben, und aus irgendeinem Grund stimmt sie das

froh. Verlegen lächeln sie den geschlossenen Augen der kleinen

Schwester zu.

 

Das Fenster steht weit offen. Das Monster muss genug

Luft bekommen. Es lebt von Luft. Es wächst wie wilde

Frühlingspflanzen. Die Avocadohaut glüht vor Hitze. Die

Nasenlöcher weiten sich und erinnern an Trichter. Die Lieder sind

auch gewachsen. Das Monster blinzelt, blinzelt nochmals, bevor

es an mir hinaufklettert wie an einem Baumkuchen. Als mein

Bruder hereinkommt, robbt es sich hinunter in eine Pantoffel. Er

schließt das Fenster und setzt sich auf die Bettkante. Er fragt,

ob ich mich wohl fühle, wartet die Antwort jedoch nicht ab. Er

glaubt, er sitzt hier wegen mir, doch es ist das Monster, das ihn

anzieht. Mein Bruder spürt seine Gegenwart als ein Hungergefühl.

Als die Schwester auch in der Tür steht, muss ich wieder weinen.

Ihr Körper ist in eine grau gestrichene Verzweiflung gehüllt, die

mit jedem Lächeln wächst, das sie lächelt. Sie reicht mir ein

Taschentuch und schaut fragend in den leeren Geschenkkarton

hinab. Danach verfrachten sie mich ins Bett. Ihre Hände streifen

einander auf der Decke. Sie werden weggezogen. Meine

Schwester hat blaugefrorene Knöchel. Du musst dich einfach mal

gut ausschlafen, sagen sie und schließen die Tür. Das Monster

steht zusammengekauert auf der Wand und lauscht etwas, das

ich nicht hören kann.

 

Der Bruder fragt die Schwester, ob sie zum Gottesdienst gehen

sollen. Sie einigen sich darauf, dass sie eigentlich nicht wollen.

Für einen Moment stehen sie paralysiert jeder an einem Ende der

Küche. Sie wittern den anderen wie einen Schwindel erregenden

Sog, ehe sie sich losreißen. Der Schwester fällt ein, dass sie ein

Bad nehmen wollte, und der Bruder lehnt sich schwer an die

Gefriertruhe. Er ist sich ganz sicher, dass er eine Gefrierbox mit

frisch eingefrorenem Tintenfisch hat. Er murmelt seinen Händen

Beschriftungen zu, ehe er auf einen Knopf drückt und unsichtbare

Boxen Musik verströmen.

 

Ich baue Türme aus getrockneten Mandarinenschalen. Ich ritze

Herzen in die Lederhaut des Sofas. Ich blase warme Luft in

Briefumschläge und klebe sie zu. Ich presse Fingerspitzen gegen

Trauben. Das Schweigen meines Bruders und meiner Schwester

verspeist das Haus, und es wird dunkel. Sie möchten sich so

gerne unterhalten, aber ich kann ihnen nicht helfen. Ich laufe los.

Ich stoße mir die Knie an den Möbeln. Ich finde keine Türklinke,

und ich finde kein Monster. Es hat keinen Sinn, nach dem

Monster zu suchen, das weiß ich. Es kommt, wann es will. Es ist

Weihnachten geboren worden wie Jesus. Ich muss ausgestreckt

auf dem Fußboden liegen. Ich muss die Kniescheiben auf den

Teppich pressen. Ich muss warten. Nicht laufen. Ich muss

Staubkörner in geschlossenen Räumen sein und warten.

 

„Du hättest sie da draußen lassen sollen.“

„Du hättest ihr kein leeres Paket schenken sollen.“

Sie blicken auf die kleine Schwester herab. Nur das Weiß ihrer

Augen ist zu erkennen.

„So lag sie auch, als sie noch klein war“, flüstert die Schwester.

„Ich wollte eine Familie sein, wenigstens an Weihnachten. Du und

ich sind zu wenig.“

„Keine Eltern, keine Partner, keine Kinder.“

„Klienten und Kunden.“

Die kleine Schwester richtet die weißen Augen auf sie.

Streifen aus Mandarinenschalen haben sich in den trockenen

Haarsträhnen verfangen.

„Was hältst du von einem Bad“, fragt die Schwester mit seltsam

sanfter Stimme.

„Ich werde eins einlassen“, beeilt sich der Bruder hinzuzufügen.

„Es ist wirklich eine tolle Badewanne“, hört er die Schwester

sagen, während er losgeht.

 

Mein Bruder und meine Schwester. Sie haben endlich gute Nacht

gesagt. Das Monster beugt sich über das Bett. Es ist heiß wie

geröstete Kastanien. Es ist jetzt ausgewachsen und braucht mit

jeder Minute, die vergeht, mehr Luft. Ich öffne das Fenster. Die

Deckenlampe schwingt, wenn das Monster sich bewegt. Die

Flügel rascheln wie Seide. Die Winterdunkelheit frisst sich in

meine Haut. Ich weiche zum Bett zurück. Das Monster legt sich

zu mir. Es ist die letzte Nacht. Bald wird das Monster fortgehen.

Ich liege unter den Seidenflügeln und atme Monsteratem.

 

Die Schwester schluckt mit Wasser aus dem Hahn zwei Pillen.

Die Haut sieht gut aus. Die Fingernägel sind gepflegt und zur

einen Wange hin gebogen. Sie studiert die Wassertropfen, die

das Kinn hinablaufen. Sie wischt Wassertropfen immer weg.

Einmal, vor langer Zeit, wischte sie Melonensaft weg, der ihr Kinn

hinablief. Ein Mann hatte sie mit Melone gefüttert. Lass den Saft

laufen, bat er, aber als er für einen Moment fortsah, wischte sie ihr

Kinn ab. Es war das einzig richtige, was sie tun konnte. Als er es

entdeckte, sagte er, sie sei kalt, so verdammt kalt. Jetzt lässt sie

die Wassertropfen laufen. Die meisten tropfen ins Waschbecken,

aber ein Tropfen rinnt über das Kinn, den Hals hinab, folgt dem

Verlauf des Schlüsselbeins, schwenkt unter das Nachthemd. Der

Tropfen läuft auf die linke Brust und stoppt auf der Brustwarze.

Die Schwester schaudert. Sie zieht am Nachthemd, blickt an sich

selbst herab. Der Wassertropfen ist zu Eis gefroren. Sie ist so kalt,

so verdammt kalt. Ihre Schritte auf der Treppe zum Zimmer des

Bruders sind lautlos. Sie bleibt vor der Tür stehen.

Der Bruder lehnt sich an die Innenseite. Er lauscht dem Atem der

Schwester. Er glaubt, dass ihre Hand auf seiner liegt, getrennt

durch die Tür. Der Alkohol des Abends folgt dem Strom des

Bluts wie ein träger Verwandter. Er ist müde. Am hinteren Ende

der Zunge liegen Frauengesichter, die er gerne wiedergesehen

hätte. Beate und Kristin und Lotta. Er schluckt und schluckt. Der

Hand, die auf der Tür liegt wird jegliche Wärme ausgesogen. Die

Schwester ist so kalt. Sie erinnert ihn immer an die Frauen, die

er früher gekannt hat, die wesentlich wärmer waren, die wärmere

Gefühle für ihn hegten, nicht für ihn als erfolgreicher Architekt,

sondern als Mensch. Mann. Beate und Kristin und Lotta sagten,

dass sie ihn liebten, und er sagte sorry, aber … die Gefühle

würden nicht erwidert, sagte er, und blabla Ehrlichkeit. Er erklärte,

sie verdienten etwas Besseres. Wenn er einmal ganz ehrlich sein

soll, dann liebte er sie alle, liebte sie vielleicht zu sehr. Er weiß es

nicht. Er hatte das ekelhafte Gefühl, sich in den Frauenkörpern

zu verlieren, und jedes Mal, wenn er mal wieder eine von ihnen

losgeworden war, atmete er erleichtert auf, kaufte sich ein neues

Messerset oder Hemd und unterhielt sich mit Schwester und

Mutter. Die Schwester war sachlich und abwesend und die Mutter

voll des Bedauerns. Sie wartete auf Enkelkinder und es war

seine Aufgabe, welche auf den Weg zu bringen. Nein, in seine

Schwestern setzte sie ganz sicher keine Hoffnungen. Die kleine

Schwester war schon immer … speziell gewesen, und sie waren

noch nicht sonderlich alt, als eine Eisschicht begann, sich auf das

Milchglas der Schweser zu legen, sobald sie es zu lange fest hielt.

Für Sekundenbruchteile sieht er die Schwester mit konzentriertem

Gesicht Donald lesen. Nun atmet sie auf der anderen Seite der

Tür, und ihre Kälte ängstigt ihn, ängstigt ihn weit mehr, als seine

eigenen Gefühle und die der Frauen es je getan haben. Die Finger

sind taub. Die Schwester atmet, die Schwester wartet. Schließlich

öffnet er die Tür in dem Gefühl, gebeten worden zu sein, den

Frost mit ihr zu teilen, und die Stimmung, in der er gewesen ist,

nachdem er die kleine Schwester geholt hat, lässt ihn versucht

sein, ja zu sagen.

Sie sehen sich in der Dunkelheit an. Sie lächeln vorsichtig.

„Wir haben die gleiche Farbe“, flüstert die Schwester und zupft

am Ärmel seines Pyjamas.

„Pflaumenfarben“, erwiderte der Bruder, obwohl es zu dunkel ist,

um Farben zu erkennen.

„Pflaumenfarben“, stimmt die Schwester zu und tritt einen kleinen

Schritt näher.

 

Das Monster steht mit dem Maul zum Fenster gewandt. Das

Morgenlicht vermischt sich mit der Luft vor dem Fenster. Die

Seidenflügel flattern. Ich trete näher. Das Monster sagt, dass es

sich hinaussehnt. Ich nicke. Auch ich sehne mich hinaus. Das

Licht ist bleich und sanft. Ich öffne das Fenster, aber es ist zu

klein. Das Monster sieht mich aus tiefen Augen an. Es erklärt,

dass es mehr Luft braucht. Es braucht den ganzen Himmel. Es

wird den Himmel durchqueren und weiterfliegen. Der Flügel in

der Luft ist der Fisch im Wasser. Das Monster braucht die Luft

der ganzen Welt. Meine Arme flattern in der Luft. So ist es. Das

Monster muss hinaus und fliegen, es wird weiter, immer weiter

fliegen. Es wird zur Sonne fliegen. Es wird fliegen, bis die Haut

Feuer fängt und zu Staub und Rauch zerfällt. Das Monster wird

die Sonne küssen. Es wird ein Opfer dafür bringen, dass es

anderen gut geht. Es will in die Sonne fliegen und verschwinden.

Es will weihnachtlichen Frieden stiften und weihnachtliche Freude

bereiten. Ich kann meine eigene Haut verbrennen lassen, damit

die Haut anderer nicht befallen wird. Die verbrannte Asche kann

durch das Universum zurückwirbeln. Eines Tages wird dann

schwarzer Regen fallen, und die Leute werden erkennen, dass die

Wunden der Infizierten mit der Asche eingerieben werden können.

Die Wunden werden sich schließen, zu Schorf eintrocknen und

blasse Narben hinterlassen. Ein Wunder! Das Monster atmet auf

das Glas, leckt am Fensterrahmen. Ich atme auf das Monster. Ich

halte es in meinen Armen, obwohl es zu groß ist. Das Monster

brennt, aber ich bin heißer. Wir sind Feuer. Wir sehnen uns nach

Sonne. Ich führe es durch das stille Haus.

Auch die Eingangstür ist zu klein. Außerdem muss es Schwung

nehmen, erklärt das Monster. Ich schaue mich um. Ich denke an

Treppen und Berggipfel und gehe vor ihm in die oberste Etage.

Das Monster ist eine Katze an meinen Fersen. Meine Hand

streift den Flügel und ich habe Angst, das Gleichgewicht zu

verlieren. Das Monster schwirrt vor Lebendigkeit. Ich knistere.

Im Schlafzimmer liegen meine Schwester und mein Bruder. In

dem breiten Bett sehen sie klein aus. Es schaudert mich. Meine

Schwester hat die Temperatur bis zum Gefrierpunkt gesenkt, aber

meinem Bruder fügt das keinen Schaden zu. Seine Arme sind

mit blauem Flanell bekleidet und umarmen meine Schwester, als

benötigte sie Schutz. Das sieht schön aus. Sie atmen Frostrauch

und haben rote Wangen. Das Monster will sie nicht ansehen. Es

sehnt sich, sehnt sich so wahnsinnig hinaus.

Die Tür zur Dachterasse öffnet sich lautlos. Wir stehen auf den

Fliesen. Wir müssen aufs Dach hinauf. Ich sage, dass ich es zur

Sonne begleiten möchte. Die Flügel sind groß genug für zwei,

sagt das Monster. Ich drehe mich vorsichtig um. Es weht ein

leichter Wind. Wir klettern hinauf. Das Monster will möglichst

viel Schwung haben. Wir wollen die Atmosphäre hinter uns

lassen. Wir wollen weit und weiter als weit. Das Monster findet

eine flache, runde Stelle auf dem Dach. Es ist das obere Ende

des Glastunnels meines Bruders. Weeeeiiiit unter uns liegt das

Wohnzimmer. Dort leuchtet der Weihnachtsstern in der Spitze

des Baums. Das Monster bläht die Nasenlöcher auf. Licht dringt

durch seine dünne Haut. Wie schön. Mein Herz schmerzt. Ich bin

lebendiger als je zuvor. Wir müssen springen, wenn wir abheben.

Wir müssen zwei Mal springen und die Hände in den Himmel

strecken. Dann kommen wir zur Sonne. Die Stimme des Monsters

strahlt Sicherheit aus. Es tut gut, mit jemandem zusammen zu

sein. Die Seidenflügel flattern in den Windstößen. Sie werden

ausgebreitet wie ein hautfarbener Himmel. Ich spüre mein eigenes

Lächeln. Ich strecke die Arme aus und springe, springe …

 

Das Getöse lässt die Geschwister ihre Augen öffnen. Sie wissen

schon, was geschehen ist. Die offene Tür zur Terasse ist eine

blendende Wunde. Die Schwester läuft hinaus, springt aufs Dach

und beugt sich über die zersplitterte Glasplatte. Sie sieht die

Schwester und den umgestürzten Baum. Sie sieht den Bruder

nach ihr greifen und sie von den Ästen des Baums wegschleppen,

ebenso unbedacht wie früher, als sie noch klein waren. Wenn

sie nicht tot ist, dann ist sie auf jeden Fall schwer verletzt, und

dann soll man den Körper nicht von der Stelle bewegen. Sie will

ihm das zurufen, aber ihre Stimme versagt. Vorsichtig rutscht sie

zurück, läuft von der Terasse ins Haus. Ihr tut der Nacken weh.

Sie muss sich im Schlaf verlegen haben wie auch früher schon

einmal, als sie klein waren und zelteten. Es war der erste Versuch

der kleinen Schwester. Sie stürzte sich von einem Felsvorsprung,

trieb kopfunter im Wasser, glich einem Stofffetzen, erinnert sie

sich, und der Bruder verhielt sich so unbedachtsam und lief in

voller Montur und Stiefeln ins Wasser hinaus und schleppte sich

fast zu Tode, während sie selbst sich methodisch auzog. Zieh

dich aus, rief sie und schwamm an ihm vorbei, sieh zu, dass

du an Land kommst, rief sie und spuckte Wasser, schwamm

zur Schwester und drehte den stummen Körper um, gab ihr

Ohrfeigen, blies in den bleichen Mund, während sie an Land

schwamm. Schwamm und blies. Ausgestreckt auf dem glatten

Fels liegend, spuckte die kleine Schwester Wasser und Algen

aus. Sie streifte ihr die Kleider ab, trocknete sie fest ab, zwang

ihr die eigenen Kleider auf. Den Bruder versorgte sie mit einem

Schlafsack. Dann eilten sie nach Hause. Die Zeltausrüstung blieb,

wo sie war. Sie erinnert sich an ihre eigenen nackten Arme, die

sie um die kleine Schwester gelegt hatte. Erst als sie zu Hause

waren, entdeckte sie, dass nicht nur die Arme nackt waren,

sondern ihr ganzer Körper. Die Mutter weinte wegen der kleinen

Schwester, und sie selbst saß in der Küche. Nackt. Es war der

Moment, in dem sie den Frost bemerkte, der am unteren Ende

des Rückgrats saß. Er nagte sich nach innen. Sie zitterte vor

Kälte, und der Nacken schmerzte vom Haaransatz bis zu den

Rückenwirbeln, denn sie hatte sich in der Nacht zuvor im Schlaf

verlegen. Der Kopf der Schwester war ein Stein auf ihrer Schulter

gewesen. Ein Stein in der Kindheit. Ein Stein im Rücken.

Der Bruder kommt ihr stolpernd entgegen. Er schließt die Arme

um sie, ringt an ihrer Wange nach Luft. Die Nase ist feucht.

Der Arm der kleinen Schwester zeigt ausgestreckt zu ihren

Beinen, sieht sie, und zieht sie ein wenig zurück. Rund um die

schmächtige Gestalt liegen Tannennadeln und zerbrochene

Christbaumkugeln. Der Weihnachsstern liegt verbeult in einer

Ecke, leuchtet jedoch immer noch. Glasscherben reflektieren

das Licht. Wind weht durch den offenen Tunnel hinein. Das

Morgenlicht schaut fragend auf sie herab.

„Ich werde wohl die Polizei rufen müssen“, sagt die Schwester

und stellt fest, dass sie noch immer keine Stimme hat. „Die

Polizei“, sagt sie, kann die Worte jedoch nicht hören. Gleichwohl

nickt der Bruder, dessen Augen an ihren Lippen kleben. Mit

großen Schritten geht sie zum Telefon und wählt die Nummer.

„Polizeipräsidium“, sagte eine Stimme.

„Es ist ein Unglück geschehen“, sagt die Schwester, kann sich

aber nicht hören. Erst jetzt begreift sie. Sie hat ihre Stimme

verloren. Der Nacken tut fürchterlich weh. In panischer Angst

betrachtet sie den Körper der kleinen Schwester.

„Hallo?“, sagt die Stimme der Frau. „Ist jemand am Apparat?“

Ihr bricht der Schweiß unter den Armen aus. Ihr Mund verzerrt

sich zu einer eigenartigen Grimasse. Sie kann ihn nicht mehr

kontrollieren. Uuääh. Es klingt wie ein Stöhnen.

„Gib mir“, sagt der Bruder. Sie sieht die Tränen auf seiner Wange.

Sieht die Hand, die den Hörer übernimmt. „Es ist ein Unglück

geschehen …“

Nachher lehnen sie ihre Stirnen aneinander. Die Fü.e sind nackt.

Der Bruder hat Schnittwunden an ihnen. Sie hat Nagellack. Sein

Pyjama ist blau, während ihrer zitronengelb ist. Nur die Stirnform

ist gleich, haargenau gleich, und die Berührung erfüllt sie mit

Ruhe. Verschämte Nähe blinzelt am Rande der Tragödie.