Giovanni Montanaro

Dein Licht


Der Tag, an dem ich Chiara nach drei Jahren wiedersah, war der letzte der

Woche. Es war heiß, windstill, und jeder Winkel der Stadt war durchflutet

von hellblauem Licht.

Ich war spät dran. Und nervös war ich auch. Mein Gefühl sagte mir, dass

etwas passieren würde. Auch wenn ich dabei eher an das Konzert dachte.

Ich schritt schnell aus und ging in Gedanken die Noten durch, die ich gleich

würde spielen müssen. Als auf dem Rudolfskai, der Straße am Fluss, zu

meiner Überraschung eine leichte Brise vom Wasser aufstieg, hob ich den

Blick und sah sie auf der Brücke stehen, an die Brüstung gelehnt.

Ich erkannte sie auf Anhieb.

Wunderschön, wie eh und je.

Ich war wie vor den Kopf gestoßen.

So lange hatte ich sie nicht gesehen und nun begegneten wir uns hier, in

Salzburg, an der Salzach.

 

Ein Rollfilm.

Mein Vater kam zu mir und gab ihn mir.

Er sagte, er habe ihn heute morgen auf dem Dachboden gefunden.

Eigentlich wollte ich ihn, wie die anderen, gleich vernichten. Dann aber,

vielleicht nur aus Neugier, bat ich ihn doch darum, ihn zum Entwickeln zu

bringen.

 

Ich liebte Chiara.

Ich hatte sie kennengelernt, als sie zweiundzwanzig war, ich

fünfundzwanzig. In Florenz. Ich war aus der Maremma in die Stadt

gezogen, um aufs Konservatorium zu gehen. Es waren harte Jahre, ganz

dem Studium gewidmet. Die einzige Zerstreuung, die ich mir gönnte, waren

Spaziergänge. Am liebsten durch die Boboli-Gärten. Durch die Stille. So

wurde ich Schumann, Bach und Honninfjord-Dervinskij beinahe jeden

Nachmittag untreu und ging spazieren.

Eines Tages sah ich in der Nähe des Inselteichs Chiara stehen. Braune

Jacke, beiger Schal, Jeans.

Und eine Nikon F1 um den Hals.

Sie hob sie hoch, nahm den Objektivdeckel ab, hielt die Kamera vors

Auge, stellte rasch scharf und drückte auf den Auslöser.

Dann drehte sie sich zu mir her. Ich starrte sie an, wie gebannt. Sie ergriff

als Erste das Wort:

„Hast du noch nie eine Frau gesehen, die ein Foto macht?“

Ich lächelte: „So eine nicht.“

Es wurde ein phantastischer Nachmittag.

Wir sprachen über alles, als kennten wir uns schon immer. Mit jeder

Minute beeindruckte sie mich mehr. Was sie auch sagte, ich stimmte mit

ihr überein, und umgekehrt.

Es war unglaublich: von der Leidenschaft für Yann Tiersen bis zum Stück

Schokolade zum Frühstück, vom Kuss von Doisneau im Zimmer bis zur

Angst vor den Fensterplätzen im Flugzeug.

 

„Heute zeige ich dir das Licht.“

„Was?“

„Ich zeige dir das Licht.“

„Fotografiekurs?“

„Lektion Nr. 1. Die wichtigste. Die einzige.“

„Gut, ich passe auf, Frau Lehrerin ...“

„Übers Licht gibt es eigentlich nur eines zu wissen und immer zu

bedenken ...“

„Was denn?“

 

Ich rief nach ihr. Sie drehte sich um. Sie war es.

Noch einmal. Nach drei Jahren.

„Ciao Chiara.“

„Edoardo ...“

„Wie geht’s?“

„Gut.“

Im selben Augenblick, in dem sie das sagte, erschien hinter ihr ein Mann,

der sie an sich zog, wie um sie zu beschützen. Er war groß, stattlich und

kahlköpfig. Er musterte mich und sagte, erstaunter als wir, leise:

„Edoardo ...“

„Guten Tag, Herr Spina.“

Was sie wohl in Salzburg machte? Noch dazu mit ihrem Vater?

„Wir machen hier ein paar Tage Urlaub. Und du? Konzerte? Du bist ja

inzwischen der neue Glenn Gould ...“

„Ich gehe ins Mozarteum“, erwiderte ich. „Gleich beginnt der

Nachmittagskurs und ich bin dran. Im Moment ist grade die internationale

Woche für junge Pianisten ...“

„Du bekommst sicher einen Preis ...“ Er unterbrach sich und fügte hinzu —

aber nicht in dem bitteren Ton, den er vor einigen Jahren angeschlagen

hätte: „Immer auf dich selbst konzentriert.“

Mir kam die Idee, sie einzuladen. „Möchtest du mitkommen? Das heißt,

möchtet ihr mitkommen und mir zuhören? Ich kann euch zwei Plätze

freihalten, wenn ihr mögt ...“

„Mal sehen“, antwortete Herr Spina ausweichend.

Die Uhr zeigte kurz nach fünf. „Ich muss los, tut mir leid. Aber wir

telefonieren ...“

„Noch ganz derselbe. Zeit nur für dich selbst.“

Ich kam zu spät. Ich spielte miserabel.

Noch nie war ein Vorspiel so schlecht gelaufen.

Ich hatte immerzu an sie gedacht.

Chiara kam nicht.

Was vorbei ist, ist vorbei, sagte ich mir.

Und doch war ich mir nicht mehr so ganz sicher.

 

Ich kann Licht nicht leiden.

Licht, bei dem man nicht ausruhen kann, über nichts hinwegsehen kann,

nichts vergessen kann.

Nie hätte ich gedacht, dass ich Licht hasse.

Mich nach Dunkelheit sehne. Nach Vergessen. Nach dem Ende.

Hoffen ist eine Folter.

Ich weiß nicht, wie meine Zukunft aussieht. Keiner kann es wissen. Keiner

kann es mir sagen.

Ich wollte, alles wäre vorbei.

 

Vier Jahre. Immer zusammen.

Vier herrliche Jahre. Die besten meines Lebens. Vorbei, einfach so.

Grundlos, wenn man’s bedenkt.

Ich hatte angefangen, mit meiner Musik durch Europa zu reisen. Wir

sahen uns immer seltener und jedes Mal gab es Streit, ständige Vorwürfe

wegen Unachtsamkeit, Nachlässigkeit, Abwesenheit. Tagelang ließ sie

nichts von sich hören und ich verstand nicht, ob aus Gleichgültigkeit

oder Eifersucht. Es ließ mich zunehmend kalt. Ich dachte nur an mich

selbst. An meine Karriere. Chiara war einsilbig geworden, ausweichend,

manchmal feindselig. Irgendwann beschloss sie, für ihre Doktorarbeit

nach Rom zu ziehen.

Wir sahen ein, dass wir einander nur noch weh taten, und trennten uns.

Es war schmerzhaft. Langwierig. Was wir miteinander geteilt hatten,

würde sich mit niemandem sonst je wiederholen lassen, das wussten wir

beide.

Aber wir spürten, dass uns keine andere Wahl blieb.

Wir suchten immer weniger den Kontakt zueinander.

Bis zur Funkstille.

Drei Jahre lang absolute Funkstille.

Keiner von beiden wusste, was beim anderen los war. Auch wenn wir

vielleicht immerzu aneinander dachten.

Dann auf einmal Salzburg.

Danach fingen wir wieder an, uns die eine oder andere SMS zu schicken.

Grü.e, banale Sätze, Lebenszeichen, unterbrochen durch dringendere

Verpflichtungen. Uns wieder näher zu kommen, machte uns Angst.

Seltsamerweise kürzte Chiara jetzt die Wörter nicht mehr ab. Vielleicht

will sie reifer wirken, sagte ich mir.

Manchmal kam ich mir blöd vor, dass ich diese Art von Beziehung

aufrecht erhielt. Es konnte zu nichts führen; wo einmal Liebe war, bleibt

entweder alles oder darf nichts bleiben.

Dann kam das Foto.

 

Mein Vater war gerade im Fotogeschäft.

Er hat mich angerufen.

Er hat mir ein Foto beschrieben, damit ich mich wieder an alle erinnere.

Edoardo steht am Ufer.

Er trägt kurze Hosen und ein blaues Hemd. Barfuß. Blinzelnd, als

versuche er, in die Sonne zu schauen.

Er sieht gut aus, sagt scherzhaft mein Vater.

Wegen eines Fotos muss ich endlich wieder einmal lächeln.

 

Wir hatten zwei Abzüge davon gemacht.

Es war unser Foto.

Ein Kuss. In Venedig. Abbazia della Misericordia.

Warum schickte sie es mir nach so langer Zeit? Was wollte sie mir sagen?

Was wollte sie von mir?

Ich hatte Lust, sie wiederzusehen.

 

Morgen werde ich untersucht.

Die Klinik, wurde mir gesagt, ist ein hohes weißes Gebäude am Stadtrand

von Salzburg. Für diese Sorte Krankheiten die beste in ganz Europa.

In einigen Tagen werde ich die Untersuchungsergebnisse erfahren.

Die Wahrheit.

 

***

 

Wir beschlossen, uns in einem Café in Florenz zu treffen, im Kamp, mit

Tischchen im Freien und Blick auf Santa Croce. Sie war bereits da und

wartete auf mich. Mein Herz klopfte, und ich wollte mich nicht fragen,

warum.

Ich ging zu ihr. Wir begrü.ten uns. Einen Moment lang war ich verlegen.

Ich wusste nicht, ob ich sie küssen sollte. Wie soll man eine Frau auf

die Wangen küssen, die man immer auf den Mund geküsst hat? Das

Ergebnis war, dass sie keine Miene verzog und ich den am weitesten von

ihr entfernten Stuhl wählte.

„Einen Birnensaft.“

„Einen Caffè Shakerato.“

Sie kam mir steif vor, befangen. Als bereute sie, gekommen zu sein. Sie

sagte sofort: „Entschuldige, wenn ich die Sonnenbrille aufbehalte, aber

das Licht ist so stark ... Und ich habe solches Kopfweh ...“

Fing man so ein Gespräch an? Oder hatte sie vielleicht geweint? Was

mochte sie so traurig stimmen?

Ich brauchte mir nichts vorzumachen: Ich wusste überhaupt nichts mehr

von ihr.

Es trat ein langes Schweigen ein.

„Also, was gibt’s?“, fragte ich.

„Wieso ...?“, fragte sie zurück. „Der Vorschlag, uns zu treffen, kam doch

von dir. Du hast mir doch sicher was zu sagen, oder?“

„Na, das fängt ja gut an“, gab ich sarkastisch zurück. „Ist es denn so

schlimm, hier zu sein?“

„Das will ich nicht gesagt haben.“

„Was willst du denn dann gesagt haben?“

„Ich sage, es ist nicht leicht, dich wieder zu treffen. Ich weiß nicht, warum

du so sehr darauf bestanden hast ...“

Mir blieb die Spucke weg. Was war nur in sie gefahren?

„Ich wollte wissen, warum du mir dieses Foto geschickt hast.“

„Ich wollte gern, dass du es hast. Mehr nicht. Ich weiß nicht, was du dir in

den Kopf gesetzt hast. Es hat sich nichts verändert seit dem letzten Mal.“

„Schon gut“, erwiderte ich verstimmt. Was für ein Spiel spielte sie mit mir?

„Das ist doch nicht allzu schwer zu verstehen, oder?“

„Ich finde schon.“

„Was denn?“

„Warum du es mir geschickt hast ...“

„Wem hätte ich es denn sonst schicken sollen?“

„Ich dachte, du wolltest es behalten. Oder dass es irgendwas bedeutet ...“

Wir waren angespannt wie am Tag unseres letzten Treffens. Was hatte

uns nur zu diesem Wiedersehen getrieben?

„Sollte ich es denn immer im Portemonnaie mit mir herumtragen?“

„Müssen wir jetzt streiten?“

„Sicher nicht wegen eines Fotos von dir.“

„Es ist nicht nur von mir. Es ist auch von dir“, beharrte ich.

„Nur weil ich es gemacht habe?“

„Du hast es nicht gemacht.“

„Wieso hab ich es nicht gemacht?“

„Ein Chinese hat es gemacht.“

„Ein Chinese?“

„Jawohl, ein Chinese. Ein Chinese, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit

Elton John hatte. Ich erinnere mich noch ganz genau an ihn.“

„Von welchem Foto sprichst du eigentlich?“

„Von dem, das du mir geschickt hast, dem in Venedig.“

Chiara sagte nichts. Sie begann zu zittern. Ihr liefen Tränen über die

Wangen.

„Was ist los? Was hast du?“

„Nichts, nichts ...“

„Entschuldige mal, erst schickst du mir ein Foto ...“

„Halt den Mund“, schrie sie.

„Darf man erfahren ...“

„Halt den Mund, halt endlich den Mund! Du kapierst überhaupt nichts ...“

„Wenn hier jemand den Durchblick verloren hat, dann wohl du. Erst

schickst du ...“

„Verdammt nochmal, Edoardo, willst du endlich still sein? Ich hab dir

überhaupt nichts geschickt.“

„Tut es dir leid, dass du es mir geschickt hast?“

„Verstehst du nicht ... Ich kann nichts schicken ...“

Sie weinte weiter.

Ich wurde immer verwirrter.

„Was hat er getan? Warum will er mich lächerlich machen?“

„Von wem redest du?“, versuchte ich zu ergründen.

„Lass mich in Ruhe“, bat sie leise.

Ich stand auf. Ich ertrug es nicht, sie in einer solchen Verfassung zu

sehen und wollte sie in den Arm nehmen. Aber als ich bei ihr war und ihr

über die Wange strich, zuckte sie ruckartig zurück.

„Hau ab!“, schrie sie mich an.

Durch die plötzliche Bewegung fiel ihr die Brille herunter. Sie schlug die

Hände vors Gesicht. Ich blieb, wo ich war. Ich rührte sie nicht an, aber ich

wollte auch nicht weg gehen.

„Chiara, was ist los?“

Sie schluchzte immer lauter. „Nicht mal mehr verstellen kann ich mich ...“

Viele Leute hatten sich nach uns umgedreht. Es war mir egal. Erst als

ich das Geräusch eines unsanft beiseite gestoßenen Tischchens hörte,

wandte ich mich um.

Ein Mann kam auf uns zu.

Ihr Vater. Schon wieder.

Seit wann ging sie in Begleitung ihres Vaters zu Verabredungen?

Er warf mir einen bekümmerten Blick zu, wies mich zur Seite und nahm

Chiara in den Arm.

Als sie den Körper ihres Vaters spürte, warf sie sich gegen seinen Bauch:

„Warum hast du das getan, Papa? Willst du mich jetzt auch noch fertig

machen?“

„Was sagst du da? Ich wollte ...“, stammelte ihr Vater.

„Es ist deine Schuld. Das hättest du nicht tun dürfen. Er hätte mich nicht

weinen sehen dürfen. Warum hast du das getan?“

„Edoardo mag dich, Chiara ... Du darfst ihn nicht anlügen ...“

„Ich hasse dich“, sagte sie.

Das war nicht die Chiara, die ich kannte.

Sie war wütend auf ihren Vater, aber sie wandte sich nicht von ihm ab. Sie

wollte beschützt werden.

Ich kam mir überflüssig vor.

„Ich ... Ich verstehe nicht ... Vielleicht gehe ich jetzt besser.“

Chiara löste sich von ihrem Vater und sah mich an. Diesen Augenblick

werde ich mein ganzes Leben nicht vergessen. Ihren Blick, fest auf mich

gerichtet. Ihre weit aufgerissenen Augen. „Bist du wirklich so schwer von

Begriff, Edoardo? Hast du es immer noch nicht kapiert? Ich kann nichts

mehr sehen, und mein Vater ist daran schuld, dass du es jetzt auch

weißt.“

 

***

 

Marta schläft in meinem Bett. Es ist nicht das erste Mal, dass sie bei mir

schläft, und es ist immer wunderschön. Ihren warmen Körper spüren.

Ihren Atem. Die ganze Nacht umarmt bleiben. Ich will sie nicht wecken,

auch wenn sie bald aufstehen muss. Ich habe ihr gerade einen Kuss auf

die Stirn gedrückt. Sie hat sich nicht gerührt.

Ich bin im Wohnzimmer und halte Chiaras Foto in der Hand.

Es ist viel Zeit vergangen seit dem Tag damals im Kamp.

Ich lächle.

Ich denke an sie.

Sie ist in den Vereinigten Staaten.

Eine neue Therapie, basierend auf Stammzellen.

 

        §

 

Lebersche Optikus-Neuropathie. Erbkrankheit, die über die mütterliche Linie

weitergegeben wird. Sie kann sich bereits in der Kindheit manifestieren, bricht jedoch

am häufigsten zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr aus. Ihr Verlauf beim einzelnen

Patienten wird noch erforscht. Fest steht nur, dass sie sich extrem unterschiedlich

entwikkeln kann, im Fall der Besserung bis hin zur weitgehenden Wiederherstellung

der Sehleistung oder im Fall der Verschlechterung bis hin zur völligen Erblindung.

Therapien stehen derzeit nicht zur Verfügung.

 

§

 

Marta kann es gar nicht erwarten, ihre Mama wieder in die Arme zu

schließen.

Und auch Chiara möchte sie in ihrer Nähe haben.

 

Eines Nachmittags konnte ich plötzlich nicht mehr gut sehen.

Ich dachte, es sei etwas Vorübergehendes.

Aber es wurde nicht besser. Auch nicht nach mehreren Tagen.

Da bekam ich es mit der Angst zu tun. Ich sah immer schlechter. Wenn

ich die Augen öffnete, war die Welt wie in Nebel gehüllt. Ich weinte

immerzu. Und als ich damit aufhörte, blieb alles unscharf.

Die Ärzte fanden keine Erklärung.

Ich fühlte mich verloren.

In der ersten Zeit war es kaum auszuhalten.

 

Chiara hat mir oft gesagt, mit dem Wiedersehen damals im Kamp sei sie

einverstanden gewesen, weil sie sich eingebildet hatte, ich würde nichts

bemerken. Sie wollte dieselbe bleiben, wenigstens für mich.

 

Es gibt einen Moment, in dem du plötzlich kapierst, dass du reagieren

musst. Dass die Herausforderung im Leben nicht darin besteht, eine Profi-

Fotografin zu werden.

Sondern darin, wieder ein ganz normales Leben zu führen.

Und du fängst an, daran zu glauben.

So eignest du dir Tag für Tag wieder alles an, was um dich herum ist. Du

darfst es nicht eilig haben. Nach und nach bekommst du ein Gefühl dafür,

dass die Dinge dich nicht bedrohen, sondern beschützen. Langsam lernst

du, sie dir zu eigen zu machen. Du berührst sie, anstatt sie anzusehen,

und stellst fest, dass es immer noch dieselben sind. Du nimmst ein Foto

zur Hand, fühlst das Glanzpapier und siehst, was darauf abgebildet ist.

 

Am Anfang war es schwierig, frustrierend. Ich versuchte, ihr nahe zu sein,

aber sie beklagte sich immerzu. Sie sagte, niemand könne ihr helfen. Sie

gab mir das Gefühl, überflüssig zu sein. Sie zitterte. Hatte Panikanfälle.

Versank stundenlang in Schweigen. Als ob sie mir die Schuld daran gäbe,

dass wir uns wieder sahen.

Bis sie eines Tages eine Kamera in die Hand nahm. Aus Versehen

drückte sie auf den Auslöser.

Sie machte ein Foto.

 

„Hattest du denn nichts bemerkt?“

„Nein.“

„Wie ist das möglich?“

„Es gab nichts, was man hätte bemerken können.“

„Das heißt?“

„Für mich gab es nur dich, Chiara.“

„Versuchst du grade, mich zu verführen?“

„Ja.“

„Hmmh, es ist dir wieder mal gelungen.“

 

Als sie damals beschloss, den Film zum Entwickeln zu geben, muss in

ihrem Kopf schon etwas ausgelöst gewesen sein.

Die Lust, neu anzufangen.

In einem Anflug von guter Laune hatte sie ihren Vater gebeten, mir das

Foto zu schicken, auf dem ich in die Sonne blinzle. Einfach, damit ich

es habe. Aber ihr Vater wollte mir lieber das Foto von unserem Kuss

schicken, das sie zusammen mit allen anderen aufbewahrte.

Er wollte, dass wir uns treffen.

Dafür kann ich ihm nie genug danken.

Eineinhalb Jahre später haben wir geheiratet.

Ihr Wunsch war es, ein strahlend weißes Kleid zu tragen.

Ich widme mich dem Musikunterricht. Konzerte gebe ich nur noch selten,

sie sind mir nicht mehr so wichtig. In den Jahren mit Chiara habe ich so

elementare, offensichtliche Dinge begriffen, dass ich sie nicht einmal

benennen kann.

Die einzige, die ich sehr wohl beim Namen nennen kann, ist Marta.

Wir haben sie vor zwei Jahren adoptiert.

Sie ist ein lebhaftes, kluges Kind.

Und eigenartigerweise sieht sie Chiara ähnlich.

Wir hätten gern noch ein zweites Kind. Vielleicht werden wir es nicht

adoptieren.

Denn ich liebe Chiara möglicherweise noch mehr als früher. Ich liebe

ihr Schweigen, die Art, wie sie lächelnd die Zähne zusammenbeißt, wie

sie sich etwas vorzustellen versucht und wie sie mich darum bittet, es in

Worte zu fassen. Ich liebe es, wenn sie traurig ist und instinktiv meinen

Blick sucht. Wie sie sich auf mich verlässt und mir nie unterstellt, ich

könne sie belügen. Dass sie wieder angefangen hat zu fotografieren und

ihre Fotos immer gestochen scharf sind. Und wenn sie mir sagt: „Wie

wär’s, du würdest dich rasieren, du bist ja unansehnlich ...“ Ich liebe es,

wie sie Marta liebkost, auch wenn sie sie noch nie gesehen hat.

 

„Du musst begreifen, was Licht bedeutet, wozu es gut ist. Manchmal ist

das Licht ein Risiko. Es kann grell sein, blendend. Es gibt Arten von Licht,

die trügerisch sind. Licht, Edoardo, ist nicht das, was man sieht.“

„Nein?“

„Nein. Licht ist das, was das Sehen ermöglicht.“