Ich wusste von nichts. Wie das bei mir fast immer so ist.
Ich war weg, war anderswo gewesen, ganze acht Tage mit bunten
Aperitifs auf Terrassen, die aufflammten in allen Farbvariationen des
tropischen Sonnenuntergangs, in animalischem Glanz, in wildem Feuer.
Ich steige also aus dem Flugzeug und bin gefühlsmäßig noch gar nicht
da, sondern völlig gespalten und immer noch anderswo.
Ich hole mein Gepäck ab und unterhalte mich mit Patrizio, dem Typen, der
neben mir gesessen hatte — netter Name und nettes, zentnerschweres
Ührchen —, und gerade waren wir dabei, dass mannomann, diese
Frauen aus der Republik der Würdevollen Armut, wir waren da ganz einer
Meinung.
Auf dem Kopf hatte er immer noch, wie ich übrigens auch, das Hütchen
aus dem Ferienclub, genau gesagt, das vom letzten Abend, einem
Themenabend, und das Thema war eben verrückte Hütchen.
Wir waren also gerade bei den Frauen, dieser Patrizio und ich, da sehe
ich unter der Krempe meines verrückten Hütchens doch tatsächlich
meinen Schwager Cinzio mit einem blauen Jackett in der Hand auf mich
zukommen. Ganz außer Atem sagt er zu mir: „Verdammt aber auch wo du
bloß immer steckst jetzt komm schon her zieh das Jackett an und steig
ins Auto ein in einer Stunde wird Oma beerdigt.“
Erstens: Die Oma war meine, nicht seine. So eine gewohnheitsmäßige
Vereinnahmung von Verwandtschaft, wie sie bei wohlhabenden
angeheirateten Verwandten gern praktiziert wird, habe ich noch nie leiden
können (aber Cinzio konnte ich schon vorher nicht leiden).
Zweitens: Springt man so mit jemandem um, der, wie gesagt, noch völlig
gespalten war? Knall auf Fall am Wickel genommen und weggebracht,
herausgerissen aus dem Anderswo, aus insgesamt acht Tagen des
Lächelns in der Clubdisko, mit verrückten Hütchen und Trinkgeldern für all
die Mädchen, die, wie dieser Patrizio gesagt hatte, nicht richtig schwarz
waren und gerade deshalb so schön, weil sie wie Schwarze waren, die
aber gerade noch die Kurve gekriegt hatten, bevor sie ganz schwarz
wurden.
„Nimm den bescheuerten Hut ab“, sagte Cinzio bloß, bevor er noch ein
abschließendes „fahr du, ich hab nicht den Nerv“ hinzusetzte und mich
in einen Panda verfrachtete, der gesteckt voll war mit Verwandten, alle
in Schwarz. Allesamt. Außer mir natürlich, der ich ja von nichts gewusst
hatte und ein zu großes, mir am Flughafen freundlicherweise vom
Empfangskomitee Cinzio überlassenes dunkles Jackett trug, und darunter
ein weites weißes T-Shirt mit der Aufschrift Bienvenidos zwischen zwei
Palmen, in deren Nähe sich zwei einheimische Schönheiten in den
Hüften wiegten, die dunkelhäutig, aber noch hell genug waren, nicht
richtig schwarz, weil sie gerade noch die Kurve gekriegt hatten, bevor sie
Patrizio nicht mehr gefielen.
Es war einer dieser unberechenbaren kontinentalen Frühlingstage. Tage,
die außerordentliche Gelegenheiten bieten zur dialektischen Entfaltung
der mangelnden Präzision des Universums in den Übergangsjahreszeiten
und der Fehlbarkeit des menschlichen freien Willens, was die passende
Kleidung betrifft.
Barometrische Minima und Maxima tanzten lautlos über unseren Köpfen,
spielten Fangen mit unserem Geschick, setzten sich über unsere
erbärmliche Lage hinweg und gefielen sich in jähen Ausbrüchen von Hitze
und Gewittern, in ergiebigen Schauern und plötzlichem Wiederaufblitzen
der Sonne.
Als wir ankamen, war die Trauerfeier gerade vorüber und wir begaben uns
zum Friedhof.
Bei ziemlich eisigem Schweigen fuhr ich langsam hinter dem
Leichenwagen her. Auf der Rückbank saßen, als Mitinsassen in diesem
Panda, der immerzu ausging und in den allerhand reinging, mein Vater
(dessen Blick zerstreut aus dem Fenster schweifte), meine Mutter (nicht
wirklich trauernd, aber ganz in Als-ob-Falten gelegt), Tante Fulvia (winzig
und irgendwie abwesend, zu groß der Abstand zwischen Oberlippe und
Nase, die übliche Mischung aus Pferdegesicht und Schmollmiene, so war
sie seit Jahren, festgelegt in ihrer Pferdeähnlichkeit), Cinzio (der Löcher
in die Luft starrte und zu den Löchern, deutlich überwältigt, Nein sagte,
die Haare abstehend vor Verzweiflung, die sich ihm über die ganze Haut
zog) und, neben mir, Tante Rosa (eine düstere Galionsfigur, behängt mit
Ketten, Ohrringen und Klunkern).
Ich fühlte mich überhaupt nicht wohl.
Da hatte ich schon dieses Anderswo am Hacken, das ich mit mir
herumschleppte und nicht so einfach abschütteln konnte, und dann,
als sei das noch nicht genug, kamen wir auch noch deutlich zu spät zur
Trauerfeier. Als wir aus dem Auto stiegen, schoben sie gerade den Sarg in
den Leichenwagen.
Um mich herum hatten sich Myriaden von Tanten und Omas geschart, die
mich scheinbar Anteil nehmend, in Wirklichkeit jedoch argwöhnisch und
ein wenig distanziert begrüßten, aber distanziert war ich ja auch, genau
genommen ein geographisches Desaster, ein Stück hier und ein Stück
dort und ein Stück im Flugzeug und ein Stück auf der Terrasse.
(Von allen erinnere ich mich am besten an Tante Caterina und Tante
Miriam, die abgezehrte Verzweiflung und die verquollene Verzweiflung.
Und auch an Tante Erminia, Schluchzer auf Schluchzer, Trauergetue im
Ausverkauf.)
Alle waren sie schwarz gekleidet und weinten um die Wette, überall
schniefte und schneuzte es in die Taschentücher hinein, überall wurden
heftigst Lungen und Mägen kontrahiert, überall brach stoßweise dieser
Schmerz hervor, und dann natürlich Schwarz, Schwarz, Grau, höchstens
mal Braun, aber auf jeden Fall Dunkles. Alle reimten sich also farblich
aufeinander, schwarz auf schwarz und grau auf grau, und ich dachte mir:
oweiowei, was soll ich bloß hier? An diesem Ort habe ich nichts verloren,
bei diesem ganzen Ton in Ton, diesen Übereinstimmungen, dieser
Einförmigkeit.
Ich dachte: So ein exaktes Drehbuch, nur ich falle da heraus.
Zum Glück waren wir so gut wie sofort wieder ins Auto eingestiegen.
Auf dem Weg zum Friedhof saß neben mir auf dem Beifahrersitz Tante
Rosa.
Und genau dort, auf dem Beifahrersitz neben mir, vollzog sich der
eklatanteste Verstoß gegen das Prinzip der Nicht-Kontradiktion.
Der blumigen Anmut ihres Namens zum Trotz fing Tante Rosa an zu
stinken.
Dieser Gestank war daran schuld, dass ich nicht mehr klar denken
konnte.
Jetzt war wirklich eine ganz nette Sonne herausgekommen, und für einen
Augenblick fiel ich zurück ins Anderswo: zu der salzigen, duftenden Haut
der Fast-Schwarzen-Daymi, und dem Moment, wo ich sage, dass ich ein
berühmter Sänger bin, allerdings nur in Italien, und schon lege ich mit
einem Schlager von Tozzi los, den sie nicht kennt, während eine echte,
umwerfend schöne Sonne einen Halbkreis aus Flammen an den Horizont
zeichnet.
Es war ziemlich heiß, Tante Rosa war warm angezogen, mit mehreren
Pullis übereinander, und dann hatte sie auch noch diese hormonellen
Probleme, von denen wir alle wussten.
Auf einmal breitete sich ungehemmt ein ungeheurer Gestank im
Innenraum aus. Kaum zu glauben, dass dieser Geruch von einem
lebenden Menschen ausging.
Der einzige ästhetische Zugewinn bestand darin, dass die Darbietung
meines Vaters einen eher beckettschen Akzent bekam, denn er sah immer
befremdeter drein und starrte immer verlorener durch das stehende
Gewässer des Fensters, das zu öffnen er sich, genau wie alle anderen,
nicht traute, um sie nicht zu beleidigen.
Alle taten, als ob nichts wäre, alle ohne Ausnahme, aber ich durchschaute
sie, ein Blick in den Rückspiegel genügte. Ich sah genau, mit welcher
Mühe sie sich zusammenrissen. Und trotzdem waren alle fünf in
Gedanken versunken und schwer ergriffen, was die angemessen
eintönige Miene auf ihren Gesichtern auf den Punkt brachte.
Irgendwann fing sich mein Kopf an zu drehen und sich anzufühlen wie
ein Mixer, und die Zutaten im Mixer waren die Republik der Würdevollen
Armut in der beruhigenden Variante von Terrasse plus Mädchen, dem ich
Tozzi vorsang, dazu Oma im Sarg, Sonne, Patrizio und seine Armbanduhr,
ich als Heimkehrer, der aber gar nicht angekommen war und mich
gespalten fühlte, im Hirn von mir selber abgespalten, naja, ich werde wohl
abgelenkt gewesen sein, ich weiß nicht mehr, was ich dachte, aber ich
weiß, was ich auslöste — einen Hagel von Beschimpfungen —, als ich
in den zweiten Gang schaltete, den Blinker nach links setzte und beim
Überholen des Leichenwagens das Radio anstellte.
Bei der Ankunft am Friedhof, mit Cinzios starrem Blick im Nacken, aus
dem mir Hass entgegenschlug, wann immer ich ihm im Rückspiegel
begegnete, waren alle erleichtert, endlich den verpesteten Innenraum
verlassen zu können.
Cinzio sagte beim Aussteigen zu mir: „Du bist immer noch derselbe
Blödmann.“
Mein Vater schwieg, denn wenn er den Mund aufgemacht hätte, wäre
ihm womöglich der Farbton abhanden gekommen, den er sich im Gesicht
mühevoll zugelegt hatte, ein sehr vornehmes Dunkelblau, das ihm gut
stand: musterhaft.
Meine Mutter wirkte gleichgültig und eisig, ein Standfoto.
Tante Fulvia hatte nichts mitbekommen und wieherte ohne Sinn und
Verstand vor sich hin.
Wir warteten auf dem Friedhofsvorplatz, bis alle da waren.
Auf dem Kies fuhren leise knirschend die Autos vor, die Türen gingen
auf und verschiedene Zweige unseres gemeinsamen Stammbaums
stiegen aus, die Familie Bisighelli in schönster Vollzähligkeit, gleichmäßig
dreigeteilt in: Zweig der Möbelbauer, Zweig der Unterhosenfabrikanten,
Zweig der Habenichtse.
Zuerst die wohlhabenden Zweige.
Aus einem breiten, langen BMW stiegen die Sprösslinge des Unterhosen
fabrikantenzweigs aus, beziehungsweise drei, vier, fünf geschlechtslose
Replikanten, elegant ausstaffiert, mit Designerhüten wie aufbrechende
Knospen auf den Köpfen.
Dann der Zweig der Möbelbauer, frisch geschoren die aus den Abruzzen,
glatt rasiert, in Monsunwolken von Aftershave gehüllt, und der feierliche
Anlass jagte ihnen Schauder den Rücken hinauf und hinunter. Weniger
steif die aus Umbrien.
Schließlich der Zweig der Habenichtse, der einzige, bei dem ich eine
gewisse Sympathie geltend machen konnte.
(Irgendwann war mir ein Wall von Frauen mittleren Alters aufgefallen, die
mit ihren widerspenstigen, krausen Frisuren alle gleich aussahen.)
Ab und zu schaute mich jemand an, ich wusste nicht, ob wegen des
Überholens oder wegen meines Aufzugs, aber womöglich, so dachte
ich, sahen sie das Anderswo, das ich nicht abschütteln konnte und das
mir fest am Hacken klebte. Vielleicht kam es mir aus den Augen heraus.
Vielleicht hatte ich einen Blick, der brannte wie die Sonne dort auf der
Terrasse. Vielleicht begleitete mich ein Tozzi-Soundtrack und ich war der
einzige, der ihn nicht hörte. Oder weiß der Teufel was.
Ich weiß nur, dass ich mich nicht wohl fühlte.
Dann betraten wir alle den Friedhof, einschließlich zweier schielender
Kinder, die ich nicht zuordnen konnte und die mich gegrüßt hatten. Das
eine von beiden schielte nur leicht, das andere schielte so stark, dass
man es beim besten Willen nicht übersehen konnte, weil das Auge
sozusagen haltlos in der Augenhöhle trieb.
Irgendeiner flüsterte etwas, ein anderer machte eine Bemerkung dazu,
keine Ahnung, ob es um mich und mein T-Shirt Bienvenidos ging oder um
Omas Tod.
Einen Augenblick lang dachte ich auch an Flucht. Es wäre ein Leichtes
gewesen, mich der allgemeinen Aufmerksamkeit zu entziehen und
dieses Jackett abzulegen, in dem ich schwitzte, weil gerade die Sonne
herausgekommen war, die allerdings auch schon wieder verschwand.
Während ich daran dachte und auf den Außenkanten der Füße lief wie
auf Glasscherben, kam meine Cousine Alecsia auf mich zu und sagte:
„Marco, es tut mir Leid“, als ob die Oma nicht auch ihre wäre und der
Schmerz nur mich etwas anginge.
Ich nickte — was antwortet man auf ein „Es tut mir Leid“? „Danke“?
— und stellte fest, dass auch sie elegant und dunkel gekleidet war,
sie, die sonst immer in den letzten Zirkusfetzen unter die Leute ging
und die ganze Zeit mit ihren Gruftie-Freundinnen auf den Stufen vor
irgendwelchen Denkmälern, stillgelegten Theatern oder entweihten
Kirchen herumhockte. Jetzt war sie normal, angepasst, auf Linie gebracht,
war Teil der schmerzensreichen Parade von Tanten und Verwandten.
Sieh einer an, dachte ich, während sie nach ihren neuen Regeln in
einem nebelgrauen Kostüm vor mir stand, kein Gedanke mehr an die
Speichelklümpchen, die sie beim Aussprechen ihrer erbitterten „P“s —
Kapital, Patriarchat, proletarische Praxis — durch die Gegend gespuckt
hatte, und an die Zeiten, in denen ungewaschene Haare politisch und die
Haarlänge eine Prinzipienfrage gewesen war.
Alles bestand aus Anhöhen und Abhängen, aus Hügeln und Hubbeln.
Die Gräber vermutlich nach Epochen angeordnet. Jede Epoche auf einer
eigenen Höhe.
Ich weiß noch, dass mich der Friedhof an Lissabon erinnerte (aber dem
durfte ich jetzt nicht nachgehen, sonst hätten sich meine Gedanken in
einem weiteren Anderswo verfangen und das hätte mir gerade noch
gefehlt).
Während ein Pfarrer — in Schwarz auch er, und da wurde mir klar, dass
hinter meinem Rücken eine Verschwörung im Gange war — halblaut
Vaterunsers, GegrüßetseistduMarias und EhreseiGotts herunterrasselte,
als wollte er den Job schnellstmöglich hinter sich bringen, trat plötzlich
ein ziemliches Problem auf.
Ich bemerkte es mit leichter Verspätung, tatsächlich hatte ich mich wieder
ganz in mich zurückgezogen, vielmehr nach draußen, ganz weit draußen,
in mein Anderswo, in meine Sammlung von Anderswos, aber als ich es
bemerkte, erstarrte ich nur noch vor Peinlichkeit.
Um es kurz zu machen: Oma wollte einfach nicht ins Grab hineinpassen.
Bei den Umstehenden machten sich Fassungslosigkeit und
Verunsicherung breit.
„Diese Beerdigung muss stattfinden“, hatte schließlich Cinzio gesagt und
seine Krawatte gelockert, während die Friedhofsangestellten mehrmals
probierten, den Sarg zu neigen, und nachprüften, ob innen im Grab etwas
war, das meiner Oma den Eingang ins Paradies versperrte.
Die Tanten waren allesamt am Zittern, Tante Erminia weigerte sich
hinzusehen, Tante Fulvia wieherte immer noch vor sich hin und war in
hysterisches Lachen ausgebrochen. Mir wurde die Aufgabe zugeschoben,
sie fortzubringen, solange sie sich vor Lachen nicht auf den Beinen halten
konnte, sie wieder in den Panda zu setzen und darin einzusperren.
Meine Mutter hätte gern mitgeschrieben, um alles haarklein ihrer Freundin
Nunzia erzählen zu können, die normalerweise nichts kapierte, aber
sobald sie den Braten roch und Tratsch im Telefonäther witterte, schwer
auf Draht war.
Als ich nach Erledigung meines Gefängniswärteramtes zurückkam — die
Tante hatte sich mit einer sozusagen postkomischen Resignation ins
Auto sperren lassen, nachdem vor lauter Lachen die Kräfte sie plötzlich
verlassen hatten —, fand ich Cinzio vor, wie er ohne Jacke und auf Knien
seitlich den Sarg mit dem Hobel bearbeitete, sowie meinen Vater, der ihm
zur Hand ging, aber noch vollständig bekleidet war.
Auch die Friedhofsangestellten legten sich jetzt ins Zeug, sie hatten
weitere Hobel besorgt und alle anderen, die tatenlos umherstanden,
aufgefordert, „wer will, außer den Damen, kann herkommen und
mithobeln“.
Einer von ihnen arbeitete mit dem Stecheisen und schwitzte gewaltig.
Jedem seiner Schläge folgte ein bedrohliches Knarren, als berste das
Holz, doch er machte ungerührt weiter.
Alles war also am Schleifen und Hämmern, die Jacken hingen in den
Bäumen, dazu onkelhaftes Gemurmel, die Stirnen schweißnass — mein
Vater hatte es geschafft, die Miene, die er seit zwei Stunden zur Schau
trug, trotz der Anstrengung unverändert beizubehalten —, und Cinzio
hockte auf den Fersen und bewegte die Arme im schnellen Takt des
Schreinerhobels vor und zurück.
An einem bestimmten Punkt tat der Sarg vor lauter Geruckel etwas, was
er nicht hätte tun dürfen. Unerwartet entglitt er allen, machte auf einen gut
sitzenden Hammerschlag hin einen Satz und schlitterte, begünstigt durch
einen Hobelschwung Cinzios, mit Karacho davon. Der Trauertorpedo
sauste geradewegs eine Stufe tiefer, rollte in den Graben, und wie ein
Gespenst glitt aus einer Öffnung in der Sargwand Oma hervor.
Dazu gesellte sich die wildgewordene Pandahupe, die wie verrückt
gedrückt wurde: Tante Fulvia hatte wieder Kraft geschöpft und wollte bei
der Veranstaltung partout nicht fehlen.
Im selben Augenblick hatte Cinzio sich mir zugewandt, was ich nicht
gleich bemerkte, weil ich gerade in die Republik der Würdevollen Armut
flog und er viele tausend Meilen weit weg war, er machte „ps!“ und
zischte mich, als ich zu ihm hinübersah, an: „Bist du denn blöd? Hörst du
nicht, dass sie hupt? Geh schon und hol sie raus, bring sie um oder mach
sonst was mit ihr, Hauptsache, sie hört auf damit.“
Ich nickte, während er sich in Richtung Graben stürzte und bis zur Taille
darin verschwand. Was sollte ich tun?
Ich ließ ihn zurück, wie er sich mit aufgekrempelten Ärmeln im gerade
einsetzenden Regen daran machte, Oma an den Achseln aus dem
Kiesgrund des Grabens herauszuhieven.
Als ich beim Auto ankam, hatte Tante Fulvia mit Sicherheit gerade einen
hysterischen Anfall hinter sich, denn der Innenrückspiegel war abgerissen,
der Sicherheitsgurt entrollt, und sie lag derangiert und konfus mit weit
aufgefächerten Röcken ausgestreckt auf der Rückbank.
Ich drehte mich dort auf dem Vorplatz zum Friedhof um, und da machte
mir mein Kopf noch einmal diesen Mixer, und in dem Mixer wirbelten
Patrizio und seine Armbanduhr herum, die Terrasse und das Mädchen,
das mich für Umberto Tozzi hielt, das Flugzeug und Oma, die sich
einfach nicht verabschieden wollte und sich immer noch Zeit damit ließ,
die Verwandten und ihre finale Schreinerei, kurzum, ein einziges, totales
Durcheinander.
So bin ich ins Auto gestiegen, habe den Zündschlüssel umgedreht und
unter dem Gewieher Tante Fulvias, des Tantenpferds mit dem zu großen
Abstand zwischen Oberlippe und Nase, den ersten Gang eingelegt.
Und ab ging der Flug.