Marco Archetti

Jetlag


Ich wusste von nichts. Wie das bei mir fast immer so ist.

Ich war weg, war anderswo gewesen, ganze acht Tage mit bunten

Aperitifs auf Terrassen, die aufflammten in allen Farbvariationen des

tropischen Sonnenuntergangs, in animalischem Glanz, in wildem Feuer.

Ich steige also aus dem Flugzeug und bin gefühlsmäßig noch gar nicht

da, sondern völlig gespalten und immer noch anderswo.

Ich hole mein Gepäck ab und unterhalte mich mit Patrizio, dem Typen, der

neben mir gesessen hatte — netter Name und nettes, zentnerschweres

Ührchen —, und gerade waren wir dabei, dass mannomann, diese

Frauen aus der Republik der Würdevollen Armut, wir waren da ganz einer

Meinung.

Auf dem Kopf hatte er immer noch, wie ich übrigens auch, das Hütchen

aus dem Ferienclub, genau gesagt, das vom letzten Abend, einem

Themenabend, und das Thema war eben verrückte Hütchen.

Wir waren also gerade bei den Frauen, dieser Patrizio und ich, da sehe

ich unter der Krempe meines verrückten Hütchens doch tatsächlich

meinen Schwager Cinzio mit einem blauen Jackett in der Hand auf mich

zukommen. Ganz außer Atem sagt er zu mir: „Verdammt aber auch wo du

bloß immer steckst jetzt komm schon her zieh das Jackett an und steig

ins Auto ein in einer Stunde wird Oma beerdigt.“

Erstens: Die Oma war meine, nicht seine. So eine gewohnheitsmäßige

Vereinnahmung von Verwandtschaft, wie sie bei wohlhabenden

angeheirateten Verwandten gern praktiziert wird, habe ich noch nie leiden

können (aber Cinzio konnte ich schon vorher nicht leiden).

Zweitens: Springt man so mit jemandem um, der, wie gesagt, noch völlig

gespalten war? Knall auf Fall am Wickel genommen und weggebracht,

herausgerissen aus dem Anderswo, aus insgesamt acht Tagen des

Lächelns in der Clubdisko, mit verrückten Hütchen und Trinkgeldern für all

die Mädchen, die, wie dieser Patrizio gesagt hatte, nicht richtig schwarz

waren und gerade deshalb so schön, weil sie wie Schwarze waren, die

aber gerade noch die Kurve gekriegt hatten, bevor sie ganz schwarz

wurden.

„Nimm den bescheuerten Hut ab“, sagte Cinzio bloß, bevor er noch ein

abschließendes „fahr du, ich hab nicht den Nerv“ hinzusetzte und mich

in einen Panda verfrachtete, der gesteckt voll war mit Verwandten, alle

in Schwarz. Allesamt. Außer mir natürlich, der ich ja von nichts gewusst

hatte und ein zu großes, mir am Flughafen freundlicherweise vom

Empfangskomitee Cinzio überlassenes dunkles Jackett trug, und darunter

ein weites weißes T-Shirt mit der Aufschrift Bienvenidos zwischen zwei

Palmen, in deren Nähe sich zwei einheimische Schönheiten in den

Hüften wiegten, die dunkelhäutig, aber noch hell genug waren, nicht

richtig schwarz, weil sie gerade noch die Kurve gekriegt hatten, bevor sie

Patrizio nicht mehr gefielen.

 

Es war einer dieser unberechenbaren kontinentalen Frühlingstage. Tage,

die außerordentliche Gelegenheiten bieten zur dialektischen Entfaltung

der mangelnden Präzision des Universums in den Übergangsjahreszeiten

und der Fehlbarkeit des menschlichen freien Willens, was die passende

Kleidung betrifft.

Barometrische Minima und Maxima tanzten lautlos über unseren Köpfen,

spielten Fangen mit unserem Geschick, setzten sich über unsere

erbärmliche Lage hinweg und gefielen sich in jähen Ausbrüchen von Hitze

und Gewittern, in ergiebigen Schauern und plötzlichem Wiederaufblitzen

der Sonne.

Als wir ankamen, war die Trauerfeier gerade vorüber und wir begaben uns

zum Friedhof.

Bei ziemlich eisigem Schweigen fuhr ich langsam hinter dem

Leichenwagen her. Auf der Rückbank saßen, als Mitinsassen in diesem

Panda, der immerzu ausging und in den allerhand reinging, mein Vater

(dessen Blick zerstreut aus dem Fenster schweifte), meine Mutter (nicht

wirklich trauernd, aber ganz in Als-ob-Falten gelegt), Tante Fulvia (winzig

und irgendwie abwesend, zu groß der Abstand zwischen Oberlippe und

Nase, die übliche Mischung aus Pferdegesicht und Schmollmiene, so war

sie seit Jahren, festgelegt in ihrer Pferdeähnlichkeit), Cinzio (der Löcher

in die Luft starrte und zu den Löchern, deutlich überwältigt, Nein sagte,

die Haare abstehend vor Verzweiflung, die sich ihm über die ganze Haut

zog) und, neben mir, Tante Rosa (eine düstere Galionsfigur, behängt mit

Ketten, Ohrringen und Klunkern).

Ich fühlte mich überhaupt nicht wohl.

Da hatte ich schon dieses Anderswo am Hacken, das ich mit mir

herumschleppte und nicht so einfach abschütteln konnte, und dann,

als sei das noch nicht genug, kamen wir auch noch deutlich zu spät zur

Trauerfeier. Als wir aus dem Auto stiegen, schoben sie gerade den Sarg in

den Leichenwagen.

Um mich herum hatten sich Myriaden von Tanten und Omas geschart, die

mich scheinbar Anteil nehmend, in Wirklichkeit jedoch argwöhnisch und

ein wenig distanziert begrüßten, aber distanziert war ich ja auch, genau

genommen ein geographisches Desaster, ein Stück hier und ein Stück

dort und ein Stück im Flugzeug und ein Stück auf der Terrasse.

(Von allen erinnere ich mich am besten an Tante Caterina und Tante

Miriam, die abgezehrte Verzweiflung und die verquollene Verzweiflung.

Und auch an Tante Erminia, Schluchzer auf Schluchzer, Trauergetue im

Ausverkauf.)

Alle waren sie schwarz gekleidet und weinten um die Wette, überall

schniefte und schneuzte es in die Taschentücher hinein, überall wurden

heftigst Lungen und Mägen kontrahiert, überall brach stoßweise dieser

Schmerz hervor, und dann natürlich Schwarz, Schwarz, Grau, höchstens

mal Braun, aber auf jeden Fall Dunkles. Alle reimten sich also farblich

aufeinander, schwarz auf schwarz und grau auf grau, und ich dachte mir:

oweiowei, was soll ich bloß hier? An diesem Ort habe ich nichts verloren,

bei diesem ganzen Ton in Ton, diesen Übereinstimmungen, dieser

Einförmigkeit.

Ich dachte: So ein exaktes Drehbuch, nur ich falle da heraus.

 

Zum Glück waren wir so gut wie sofort wieder ins Auto eingestiegen.

Auf dem Weg zum Friedhof saß neben mir auf dem Beifahrersitz Tante

Rosa.

Und genau dort, auf dem Beifahrersitz neben mir, vollzog sich der

eklatanteste Verstoß gegen das Prinzip der Nicht-Kontradiktion.

Der blumigen Anmut ihres Namens zum Trotz fing Tante Rosa an zu

stinken.

 

Dieser Gestank war daran schuld, dass ich nicht mehr klar denken

konnte.

Jetzt war wirklich eine ganz nette Sonne herausgekommen, und für einen

Augenblick fiel ich zurück ins Anderswo: zu der salzigen, duftenden Haut

der Fast-Schwarzen-Daymi, und dem Moment, wo ich sage, dass ich ein

berühmter Sänger bin, allerdings nur in Italien, und schon lege ich mit

einem Schlager von Tozzi los, den sie nicht kennt, während eine echte,

umwerfend schöne Sonne einen Halbkreis aus Flammen an den Horizont

zeichnet.

Es war ziemlich heiß, Tante Rosa war warm angezogen, mit mehreren

Pullis übereinander, und dann hatte sie auch noch diese hormonellen

Probleme, von denen wir alle wussten.

Auf einmal breitete sich ungehemmt ein ungeheurer Gestank im

Innenraum aus. Kaum zu glauben, dass dieser Geruch von einem

lebenden Menschen ausging.

Der einzige ästhetische Zugewinn bestand darin, dass die Darbietung

meines Vaters einen eher beckettschen Akzent bekam, denn er sah immer

befremdeter drein und starrte immer verlorener durch das stehende

Gewässer des Fensters, das zu öffnen er sich, genau wie alle anderen,

nicht traute, um sie nicht zu beleidigen.

Alle taten, als ob nichts wäre, alle ohne Ausnahme, aber ich durchschaute

sie, ein Blick in den Rückspiegel genügte. Ich sah genau, mit welcher

Mühe sie sich zusammenrissen. Und trotzdem waren alle fünf in

Gedanken versunken und schwer ergriffen, was die angemessen

eintönige Miene auf ihren Gesichtern auf den Punkt brachte.

Irgendwann fing sich mein Kopf an zu drehen und sich anzufühlen wie

ein Mixer, und die Zutaten im Mixer waren die Republik der Würdevollen

Armut in der beruhigenden Variante von Terrasse plus Mädchen, dem ich

Tozzi vorsang, dazu Oma im Sarg, Sonne, Patrizio und seine Armbanduhr,

ich als Heimkehrer, der aber gar nicht angekommen war und mich

gespalten fühlte, im Hirn von mir selber abgespalten, naja, ich werde wohl

abgelenkt gewesen sein, ich weiß nicht mehr, was ich dachte, aber ich

weiß, was ich auslöste — einen Hagel von Beschimpfungen —, als ich

in den zweiten Gang schaltete, den Blinker nach links setzte und beim

Überholen des Leichenwagens das Radio anstellte.

 

Bei der Ankunft am Friedhof, mit Cinzios starrem Blick im Nacken, aus

dem mir Hass entgegenschlug, wann immer ich ihm im Rückspiegel

begegnete, waren alle erleichtert, endlich den verpesteten Innenraum

verlassen zu können.

Cinzio sagte beim Aussteigen zu mir: „Du bist immer noch derselbe

Blödmann.“

Mein Vater schwieg, denn wenn er den Mund aufgemacht hätte, wäre

ihm womöglich der Farbton abhanden gekommen, den er sich im Gesicht

mühevoll zugelegt hatte, ein sehr vornehmes Dunkelblau, das ihm gut

stand: musterhaft.

Meine Mutter wirkte gleichgültig und eisig, ein Standfoto.

Tante Fulvia hatte nichts mitbekommen und wieherte ohne Sinn und

Verstand vor sich hin.

 

Wir warteten auf dem Friedhofsvorplatz, bis alle da waren.

Auf dem Kies fuhren leise knirschend die Autos vor, die Türen gingen

auf und verschiedene Zweige unseres gemeinsamen Stammbaums

stiegen aus, die Familie Bisighelli in schönster Vollzähligkeit, gleichmäßig

dreigeteilt in: Zweig der Möbelbauer, Zweig der Unterhosenfabrikanten,

Zweig der Habenichtse.

Zuerst die wohlhabenden Zweige.

Aus einem breiten, langen BMW stiegen die Sprösslinge des Unterhosen

fabrikantenzweigs aus, beziehungsweise drei, vier, fünf geschlechtslose

Replikanten, elegant ausstaffiert, mit Designerhüten wie aufbrechende

Knospen auf den Köpfen.

Dann der Zweig der Möbelbauer, frisch geschoren die aus den Abruzzen,

glatt rasiert, in Monsunwolken von Aftershave gehüllt, und der feierliche

Anlass jagte ihnen Schauder den Rücken hinauf und hinunter. Weniger

steif die aus Umbrien.

Schließlich der Zweig der Habenichtse, der einzige, bei dem ich eine

gewisse Sympathie geltend machen konnte.

(Irgendwann war mir ein Wall von Frauen mittleren Alters aufgefallen, die

mit ihren widerspenstigen, krausen Frisuren alle gleich aussahen.)

 

Ab und zu schaute mich jemand an, ich wusste nicht, ob wegen des

Überholens oder wegen meines Aufzugs, aber womöglich, so dachte

ich, sahen sie das Anderswo, das ich nicht abschütteln konnte und das

mir fest am Hacken klebte. Vielleicht kam es mir aus den Augen heraus.

Vielleicht hatte ich einen Blick, der brannte wie die Sonne dort auf der

Terrasse. Vielleicht begleitete mich ein Tozzi-Soundtrack und ich war der

einzige, der ihn nicht hörte. Oder weiß der Teufel was.

Ich weiß nur, dass ich mich nicht wohl fühlte.

Dann betraten wir alle den Friedhof, einschließlich zweier schielender

Kinder, die ich nicht zuordnen konnte und die mich gegrüßt hatten. Das

eine von beiden schielte nur leicht, das andere schielte so stark, dass

man es beim besten Willen nicht übersehen konnte, weil das Auge

sozusagen haltlos in der Augenhöhle trieb.

Irgendeiner flüsterte etwas, ein anderer machte eine Bemerkung dazu,

keine Ahnung, ob es um mich und mein T-Shirt Bienvenidos ging oder um

Omas Tod.

Einen Augenblick lang dachte ich auch an Flucht. Es wäre ein Leichtes

gewesen, mich der allgemeinen Aufmerksamkeit zu entziehen und

dieses Jackett abzulegen, in dem ich schwitzte, weil gerade die Sonne

herausgekommen war, die allerdings auch schon wieder verschwand.

Während ich daran dachte und auf den Außenkanten der Füße lief wie

auf Glasscherben, kam meine Cousine Alecsia auf mich zu und sagte:

„Marco, es tut mir Leid“, als ob die Oma nicht auch ihre wäre und der

Schmerz nur mich etwas anginge.

Ich nickte — was antwortet man auf ein „Es tut mir Leid“? „Danke“?

— und stellte fest, dass auch sie elegant und dunkel gekleidet war,

sie, die sonst immer in den letzten Zirkusfetzen unter die Leute ging

und die ganze Zeit mit ihren Gruftie-Freundinnen auf den Stufen vor

irgendwelchen Denkmälern, stillgelegten Theatern oder entweihten

Kirchen herumhockte. Jetzt war sie normal, angepasst, auf Linie gebracht,

war Teil der schmerzensreichen Parade von Tanten und Verwandten.

Sieh einer an, dachte ich, während sie nach ihren neuen Regeln in

einem nebelgrauen Kostüm vor mir stand, kein Gedanke mehr an die

Speichelklümpchen, die sie beim Aussprechen ihrer erbitterten „P“s —

Kapital, Patriarchat, proletarische Praxis — durch die Gegend gespuckt

hatte, und an die Zeiten, in denen ungewaschene Haare politisch und die

Haarlänge eine Prinzipienfrage gewesen war.

 

Alles bestand aus Anhöhen und Abhängen, aus Hügeln und Hubbeln.

Die Gräber vermutlich nach Epochen angeordnet. Jede Epoche auf einer

eigenen Höhe.

Ich weiß noch, dass mich der Friedhof an Lissabon erinnerte (aber dem

durfte ich jetzt nicht nachgehen, sonst hätten sich meine Gedanken in

einem weiteren Anderswo verfangen und das hätte mir gerade noch

gefehlt).

 

Während ein Pfarrer — in Schwarz auch er, und da wurde mir klar, dass

hinter meinem Rücken eine Verschwörung im Gange war — halblaut

Vaterunsers, GegrüßetseistduMarias und EhreseiGotts herunterrasselte,

als wollte er den Job schnellstmöglich hinter sich bringen, trat plötzlich

ein ziemliches Problem auf.

Ich bemerkte es mit leichter Verspätung, tatsächlich hatte ich mich wieder

ganz in mich zurückgezogen, vielmehr nach draußen, ganz weit draußen,

in mein Anderswo, in meine Sammlung von Anderswos, aber als ich es

bemerkte, erstarrte ich nur noch vor Peinlichkeit.

Um es kurz zu machen: Oma wollte einfach nicht ins Grab hineinpassen.

Bei den Umstehenden machten sich Fassungslosigkeit und

Verunsicherung breit.

„Diese Beerdigung muss stattfinden“, hatte schließlich Cinzio gesagt und

seine Krawatte gelockert, während die Friedhofsangestellten mehrmals

probierten, den Sarg zu neigen, und nachprüften, ob innen im Grab etwas

war, das meiner Oma den Eingang ins Paradies versperrte.

Die Tanten waren allesamt am Zittern, Tante Erminia weigerte sich

hinzusehen, Tante Fulvia wieherte immer noch vor sich hin und war in

hysterisches Lachen ausgebrochen. Mir wurde die Aufgabe zugeschoben,

sie fortzubringen, solange sie sich vor Lachen nicht auf den Beinen halten

konnte, sie wieder in den Panda zu setzen und darin einzusperren.

Meine Mutter hätte gern mitgeschrieben, um alles haarklein ihrer Freundin

Nunzia erzählen zu können, die normalerweise nichts kapierte, aber

sobald sie den Braten roch und Tratsch im Telefonäther witterte, schwer

auf Draht war.

Als ich nach Erledigung meines Gefängniswärteramtes zurückkam — die

Tante hatte sich mit einer sozusagen postkomischen Resignation ins

Auto sperren lassen, nachdem vor lauter Lachen die Kräfte sie plötzlich

verlassen hatten —, fand ich Cinzio vor, wie er ohne Jacke und auf Knien

seitlich den Sarg mit dem Hobel bearbeitete, sowie meinen Vater, der ihm

zur Hand ging, aber noch vollständig bekleidet war.

Auch die Friedhofsangestellten legten sich jetzt ins Zeug, sie hatten

weitere Hobel besorgt und alle anderen, die tatenlos umherstanden,

aufgefordert, „wer will, außer den Damen, kann herkommen und

mithobeln“.

Einer von ihnen arbeitete mit dem Stecheisen und schwitzte gewaltig.

Jedem seiner Schläge folgte ein bedrohliches Knarren, als berste das

Holz, doch er machte ungerührt weiter.

Alles war also am Schleifen und Hämmern, die Jacken hingen in den

Bäumen, dazu onkelhaftes Gemurmel, die Stirnen schweißnass — mein

Vater hatte es geschafft, die Miene, die er seit zwei Stunden zur Schau

trug, trotz der Anstrengung unverändert beizubehalten —, und Cinzio

hockte auf den Fersen und bewegte die Arme im schnellen Takt des

Schreinerhobels vor und zurück.

An einem bestimmten Punkt tat der Sarg vor lauter Geruckel etwas, was

er nicht hätte tun dürfen. Unerwartet entglitt er allen, machte auf einen gut

sitzenden Hammerschlag hin einen Satz und schlitterte, begünstigt durch

einen Hobelschwung Cinzios, mit Karacho davon. Der Trauertorpedo

sauste geradewegs eine Stufe tiefer, rollte in den Graben, und wie ein

Gespenst glitt aus einer Öffnung in der Sargwand Oma hervor.

Dazu gesellte sich die wildgewordene Pandahupe, die wie verrückt

gedrückt wurde: Tante Fulvia hatte wieder Kraft geschöpft und wollte bei

der Veranstaltung partout nicht fehlen.

Im selben Augenblick hatte Cinzio sich mir zugewandt, was ich nicht

gleich bemerkte, weil ich gerade in die Republik der Würdevollen Armut

flog und er viele tausend Meilen weit weg war, er machte „ps!“ und

zischte mich, als ich zu ihm hinübersah, an: „Bist du denn blöd? Hörst du

nicht, dass sie hupt? Geh schon und hol sie raus, bring sie um oder mach

sonst was mit ihr, Hauptsache, sie hört auf damit.“

Ich nickte, während er sich in Richtung Graben stürzte und bis zur Taille

darin verschwand. Was sollte ich tun?

Ich ließ ihn zurück, wie er sich mit aufgekrempelten Ärmeln im gerade

einsetzenden Regen daran machte, Oma an den Achseln aus dem

Kiesgrund des Grabens herauszuhieven.

 

Als ich beim Auto ankam, hatte Tante Fulvia mit Sicherheit gerade einen

hysterischen Anfall hinter sich, denn der Innenrückspiegel war abgerissen,

der Sicherheitsgurt entrollt, und sie lag derangiert und konfus mit weit

aufgefächerten Röcken ausgestreckt auf der Rückbank.

Ich drehte mich dort auf dem Vorplatz zum Friedhof um, und da machte

mir mein Kopf noch einmal diesen Mixer, und in dem Mixer wirbelten

Patrizio und seine Armbanduhr herum, die Terrasse und das Mädchen,

das mich für Umberto Tozzi hielt, das Flugzeug und Oma, die sich

einfach nicht verabschieden wollte und sich immer noch Zeit damit ließ,

die Verwandten und ihre finale Schreinerei, kurzum, ein einziges, totales

Durcheinander.

So bin ich ins Auto gestiegen, habe den Zündschlüssel umgedreht und

unter dem Gewieher Tante Fulvias, des Tantenpferds mit dem zu großen

Abstand zwischen Oberlippe und Nase, den ersten Gang eingelegt.

Und ab ging der Flug.