Heute ist es ein Strand, aber vor vielen Jahren waren dort anstelle der
Sonnenschirme viele Holzboote und ein paar Strohhütten.
In einer dieser Hütten lebte ein Mann. Er war Fischer, denn auch sein Vater
und davor schon sein Großvater waren Fischer gewesen. Eines Tages
lernte er auf dem Fischmarkt eine Frau kennen und verliebte sich in sie.
Aber nicht alle Liebschaften auf Erden währen ewig und diese Liebe währte
nicht einmal eine Nacht. Denn ehe der Morgen anbrach, fuhr der Mann
aufs Meer hinaus. Das Meer war glatt, doch am Himmel hingen graue
Wolkenbänke. Der Mann hatte noch nicht einmal seine Netze ausgeworfen,
da sah das Meer schon anders aus, es war aufgewühlt. Eine Welle ließ das
Boot kentern und der Mann ertrank. Während das Wasser ihm die Lungen
füllte, dachte der Mann an die vergangene Liebesnacht zurück. Als sie
sich küssten, fürchtete er, in die Tiefe zu stürzen. Der Mund der Frau kam
ihm leer vor wie ein Abgrund. Am ganzen Leib zitternd, drückte er sie fest
an sich und gab sich hin. Erst als er spürte, wie die Spannung nachließ,
bemerkte er den Mondschein auf ihrem Gesicht: Er erhellte es, wie ein
Leuchtturm mit seinem rettenden Licht das Meer erhellt.
Der Mann sagte ihr ins Ohr: „Du bist das Licht des Meeres.“
Am Tag nach der Beerdigung setzte sich die Frau in den Sand, starrte
auf das Meer ohne ihren Liebsten und fing an zu weinen. Von da an gab
es nur noch Tränen. Jahre der Tränen, die sie dort saß, wo einst der
Bootsschuppen gewesen war.
Aber eines Tages, sie war schon alt, sah sie eine schimmernde Welle
vorübertanzen. Sie dachte, das ist er. Da hörte sie auf zu weinen.
Unter dem Sand im Meer lebt eine Frau, die gleich getötet werden soll, weil
sie glücklich ist, weil sie aufgehört hat zu weinen.
Mit gesenktem Kopf steht sie an ihrer Wanne, in der keine Tränen mehr sind.
Zwei Männer in schwarzer Uniform rufen sie, sie steht auf, sie weiß, was
sie erwartet. Sie lächelt.
„Nehmt Abschied von ihr“, brüllt die schwarze Uniform den anderen
zu, die alle über die eigene Wanne gebeugt sind. Die Antwort ist ein
gedämpfter Chor: „Adieu.“ Nur ein Mann sagt leise „Ciao“ zu ihr, ohne den
Blick und die Tränen von seiner Wanne abzuwenden.
„Adieu sollst du ihr sagen“, brüllt ihn der Uniformierte an.
Der Mann sagt nichts, er würde am liebsten weinen. Sie streichelt ihm im
Vorübergehen über den Kopf.
Unter dem Sand im Meer steht ein Schloss. Der Schlossherr ist ein
trauriger König.
In dem Schloss gibt es Hunderte von Zimmern. Alle sind groß und
wohlduftend. Die Betten im Schloss haben weiche Wassermatratzen,
in denen Rosenblüten schwimmen. Es heißt, dass jeder, der einmal auf
einer solchen Matratze schläft, am nächsten Morgen mit der Erinnerung
an den schönsten Traum seines ganzen Lebens erwacht.
Die Tische in den Speisesälen sind lang gezogene Felsenriffe, wenn man
daran vorbeigeht, riecht man das Salz.
Im Schloss des Königs gibt es anstelle von Wänden lange, durchsichtige
Aquarien. Man denkt, man sei mitten im Meer.
Verlangt es einen Gast des Königs nach einer Zahnbrasse oder einem
Zackenbarsch, greifen die Kellner zu ihren Harpunengewehren, tauchen
sie in eins der Aquarien und drücken ab. Sie bereiten den Fisch sofort zu,
deshalb schmeckt er so sehr nach Meer.
Es gibt nur zwei Räume, in denen keine Aquarien stehen: den Saal mit
den Wannen und den Bußsaal.
Im Saal mit den Wannen riecht es nach Erdbeeren und nach Ozean. Hier
ist es weder zu heiß noch zu kalt, immerfort hört man hier Geigenmusik
und glückliche Möwen. Er ist riesengroß, so groß wie von hier bis zum
Himmel.
Der Saal steht voller Wannen, so wie es sie früher gab, mit Löwentatzen
als Füßen. Über die Wannen gebeugt, stehen Männer und Frauen und
weinen. Tausende von Menschen, Tausende von Wannen.
Wenn hier anstelle der Wände Aquarien wären, wenn auch dieser
Saal so wie die übrigen wäre, dann bekämen die Zahnbrassen und
Zackenbarsche und alles andere Meeresgetier ein Heer von gebeugten,
weinenden Menschen zu sehen; Tränen und nochmals Tränen, die die
Wannen füllen, und sobald die Wannen voll sind, fließen die Tränen,
mittlerweile literweise, ab durch ein farbiges Rohr und werden eins mit
dem Meer.
Auf diese Weise erschafft der König das Meer und die Meere zusammen
genommen umspülen die Welt.
Aber niemand kann das wissen. Denn hier gibt es keine Aquarien.
Hier gibt es schneeweiße Wände. Ein Weiß, unterbrochen nur von
Bildschirmen der neuesten Bauart, auf denen Szenen laufen mit Männern
und Frauen, die sich lieben, Kindern, die lächeln und ihre ersten Worte
sprechen, mit ersten Küssen oder auch den letzten von zwei Alten, die
sich ihr Leben lang geliebt haben.
Es gibt Männer und Frauen, die sich bei ihren Namen nennen. Marco,
Elena, Filippo, Claudio, Vittoria oder zärtliche Kosenamen. Sie sind
glücklich.
Erdbeerduft, unsichtbare Möwen, die Liebe auf den Bildschirmen, alle
müssen weinen vor so viel Vollkommenheit, denn die Weinenden an den
Wannen haben keine Namen mehr, sie bestehen nur aus Tränen, die
nötig sind für die Welt, für das Meer. Sie weinen.
Eines Tages bemerkt ein über die Wanne gebeugter Mann, dass er keine
Tränen mehr hat.
Er schaut auf die Bildschirme, überlegt, wo er gerne wäre, denkt an die
Orte, die er nicht mehr sehen wird, an die ihm verwehrten Umarmungen,
an die ihm verwehrte Liebe, aber die Tränen wollen nicht fließen.
Also trinkt er aus seiner Wasserflasche, führt sich Flüssigkeit zu
und hofft, dass die Uniformierten nichts davon bemerken. Durch das
Ablenkungsmanöver hat er Zeit verloren, jetzt hilft nur noch eins. Die
Backen aufblasen, aufblasen bis zum Gehtnichtmehr, und die Augen
zukneifen, bis er sich sicher ist, dass seine Augen für die anderen nicht
mehr da sind.
Zwischen einer Wanne und der nächsten liegen mindestens zehn Meter.
Am Ende einer Schicht kommt manchmal jemand zufällig an den Wannen
der anderen vorbei.
In dem Augenblick, als er die Backen aufbläst, bis er einem Ballonfisch
ähnlich sieht, geht eine Frau vorüber, die sich auf die Tränen des
kommenden Tages konzentriert.
Die Frau bemerkt den Mann, aber die Wache ist ihr auf den Fersen. Sie
kann nicht lächeln, selbst wenn sie wollte, aber leise murmelt sie vor sich
hin: „Ballon.“ Gern würde sie es laut hinausschreien, aber ihre Angst ist
stärker. Er aber hört es. Er dreht sich nach ihr um, sieht sie weggehen,
gern sähe er ihr ins Gesicht.
Eine andere Wache bemerkt, dass der Mann aufgehört hat zu weinen und
nähert sich ihm.
Die Frau ist inzwischen weit weg. Der Mann weiß, dass er sie nie wird
haben können, dass er nie mit ihr wird sprechen können, und jetzt fließen
die Tränen. Die Wache ist wieder beruhigt.
Ballon weint und denkt an sich mit seinem neuen Namen und an sie.
Einige Tage später sieht der Mann die Frau wieder. Er fängt gerade seine
Schicht an.
Er hebt den Kopf und beobachtet sie. Einige Tränen fallen neben die
Wanne. Es vergeht keine Sekunde und auch sie fängt an zu weinen.
Er betrachtet sie eindringlich. Zwischen ihnen liegen mindestens zwanzig
Meter. Da sind Uniformierte, bereit zum Töten, da sind falsche Möwen,
Bildschirme voller Küsse, Erdbeerduft, Tränen, die vergossen werden
müssen, und die Geigenmusik wird immer wieder unterbrochen von
schmerzerfülltem Husten und erstickten Klagelauten.
Und doch hat die Frau ihn, der sie anschaut, bemerkt. Sie weinen,
schauen sich an, sie gefallen sich, lassen einander nicht aus den Augen.
Die Tränen fallen zu Boden. Perdu.
Der Mann bemerkt, dass die Frau in Erfüllung ihrer Pflicht die Zähne
zusammenbeißt und die Lippen schürzt. Sie spannt ihre Adern an. Sie
sieht aus wie ein Frosch.
Am Ende seiner Schicht geht der Mann an ihr vorbei und flüstert ihr zu:
„Frosch.“
Sie lächelt und einen Moment lang fließen bei ihr keine Tränen. Zum
Glück bemerkt es niemand.
Am nächsten Tag kann der Mann nicht mehr weinen. Er ist ganz darauf
konzentriert, in der Ansammlung der Wannen seinen Frosch zu finden.
Für ihn ist sie keine weinende Frau mehr. Sie ist Frosch.
Auch am nächsten und am übernächsten Tag vergießt er keine Tränen.
Am Ende hat er die ganze Woche nicht geweint.
Ihr geht es genauso. Sie sucht ihn unter den Männern, sie kann ihn
kaum sehen, zehn oder zwölf Wannen weiter drüben. Sie denkt an
den Namen, den er ihr gegeben hat. Sie lächelt und weint nicht. Die
Überwachungskameras nehmen alles auf.
Es vergehen zwei Wochen und keiner der beiden hat auch nur eine Träne
vergossen. Das Gesetz des Königs sagt eindeutig: Im Fall einer Liebe
zwischen zwei Weinenden muss zuerst die Frau hingerichtet werden. Der
Mann kann mit dem Leben davonkommen, wenn er wieder zu weinen
anfängt. Nach dem Gesetz des Königs gibt es keinen Prozess, Berufung
kann nicht eingelegt werden.
Die Frau macht keinen besorgten Eindruck, zu sterben macht ihr keine
Angst. Sie ist glücklich. So ist das Gesetz.
Der Mann hingegen würde gern diese Tränen weinen, die so anders sind
als die anderen, aber er beherrscht sich.
Am Tag, als die schwarz uniformierten Wachen ankommen und die
Frau zu sich rufen, haben alle im Saal mit den Wannen wenig Lust zum
Weinen. Es ist, als merkte man es dem Meer an, aber nur ein bisschen.
Die Wachen herrschen alle an: „Nehmt Abschied von ihr“, sie lächelt
Ballon an, damit er heiter bleibt.
Aber er, anstatt ihr Adieu zu sagen, bricht in Tränen aus, wie er es im
Übrigen sein Leben lang getan hat.
Eine der schwarz gekleideten Wachen bringt die Frau weg. Aber der
Mann steht plötzlich auf, verschüttet all seine Tränen auf dem Boden und
läuft auf die Frau zu.
Eine zweite Gruppe von Wachen hält ihn fest.
Der Mann sagt ruhig: „Ich muss mit euch sprechen. Ihr begeht gerade
einen Fehler. Sie kann sehr viel mehr weinen als ich.“
Am nächsten Tag ist der Mann nicht mehr da. Die Weinenden aus dem
Saal mit den Wannen haben begriffen, dass der König eine Ausnahme
gemacht hat.
Die Frau aber weint nicht, wie er es den Wachen versprochen hat.
Sie hält an sich, beißt auf die Zähne und kneift die Augen zusammen.
Sie weiß, dass sie bald sterben wird, aber vorher will sie noch etwas dem
Mann zurufen, der nur wenige Wannen von ihr entfernt steht. Er ist ein
pummeliger Typ, offenbar fühlt er sich unwohl auf seinem Posten. Sie ruft
ihm zu: „Möwe“, denn wenn er seine Schmerzensschreie ausstößt, hören
sie sich an wie Möwenschreie.
Der Mann, zufrieden, dass er Möwe ist, nennt die Frau Himmel, weil sie
blaue Augen hat, die er sogar von Weitem sehr gut sehen kann. Er ist
verliebt.
Die Frau wird standrechtlich hingerichtet. Unter den Wachen hat wegen
besagter Ausnahme ein gewisser Unmut geherrscht.
Von Schmerz ergriffen, füllt Möwe an nur einem Tag zwei Wannen, aber
am nächsten Tag fließen die Tränen spärlicher und die Erinnerung an die
Frau verblasst.
Eine Woche später scheint die Ordnung wiederhergestellt. Der Mann
hat weiter geweint und die Wachen haben sich wieder beruhigt.
Urplötzlich jedoch stellt Möwe das Weinen ein und will nur noch eine
Frau anschauen, die oft an ihm vorübergegangen ist. Noch nie hat er
bemerkt, dass sie Haare hat wie Rosenblüten. Er findet sie wunderschön
und er nennt sie Rosa. Er weiß schon, dass er gerade dabei ist, sich zu
verlieben, dass er nicht mehr weinen wird und dass er getötet werden
wird oder dass sie sich verlieben und dass sie getötet werden wird, aber
es ist ihm egal. Er ruft ihr „Rosa“ zu.
Rosa wird dann einen Dunkelhäutigen Bruno nennen. Bruno wird einen
Mann, in den er sich verliebt hat und der weint wie eine gekrümmte
Weide, Baum nennen.
Einige Zeit später stand über die Wannen kein Mann mehr gekrümmt und
keine Frau mehr gebeugt. Den Wannen ging es wie den Klippen, die in
der Sonne dörren. Sie trockneten aus und füllten sich mit totem Salz.
Der König entließ die Wachen und drehte im Saal mit den Wannen den
Schlüssel um. Nicht einmal die Aquarien wollte er mehr sehen. Er zog
sich in den Bußsaal zurück, den einzigen Saal des Schlosses mit Wänden
aus Salz und einem länglichen Bullauge, von dem aus das einzige Stück
Himmel zu sehen ist, das man von dort unten sehen kann.
Dem König kam der Satz „Du bist das Licht des Meeres“ in den Sinn und
er beschloss, es sei an der Zeit, das Schloss zu verlassen und sich zu
seiner Frau zu legen.
Aber das Schloss befindet sich unter Wasser und es zu verlassen
bedeutet, in einem Meer von Tränen zu ertrinken.