Paolo Piccirillo

Der Name des Meeres


Heute ist es ein Strand, aber vor vielen Jahren waren dort anstelle der

Sonnenschirme viele Holzboote und ein paar Strohhütten.

In einer dieser Hütten lebte ein Mann. Er war Fischer, denn auch sein Vater

und davor schon sein Großvater waren Fischer gewesen. Eines Tages

lernte er auf dem Fischmarkt eine Frau kennen und verliebte sich in sie.

Aber nicht alle Liebschaften auf Erden währen ewig und diese Liebe währte

nicht einmal eine Nacht. Denn ehe der Morgen anbrach, fuhr der Mann

aufs Meer hinaus. Das Meer war glatt, doch am Himmel hingen graue

Wolkenbänke. Der Mann hatte noch nicht einmal seine Netze ausgeworfen,

da sah das Meer schon anders aus, es war aufgewühlt. Eine Welle ließ das

Boot kentern und der Mann ertrank. Während das Wasser ihm die Lungen

füllte, dachte der Mann an die vergangene Liebesnacht zurück. Als sie

sich küssten, fürchtete er, in die Tiefe zu stürzen. Der Mund der Frau kam

ihm leer vor wie ein Abgrund. Am ganzen Leib zitternd, drückte er sie fest

an sich und gab sich hin. Erst als er spürte, wie die Spannung nachließ,

bemerkte er den Mondschein auf ihrem Gesicht: Er erhellte es, wie ein

Leuchtturm mit seinem rettenden Licht das Meer erhellt.

Der Mann sagte ihr ins Ohr: „Du bist das Licht des Meeres.“

Am Tag nach der Beerdigung setzte sich die Frau in den Sand, starrte

auf das Meer ohne ihren Liebsten und fing an zu weinen. Von da an gab

es nur noch Tränen. Jahre der Tränen, die sie dort saß, wo einst der

Bootsschuppen gewesen war.

Aber eines Tages, sie war schon alt, sah sie eine schimmernde Welle

vorübertanzen. Sie dachte, das ist er. Da hörte sie auf zu weinen.

 

Unter dem Sand im Meer lebt eine Frau, die gleich getötet werden soll, weil

sie glücklich ist, weil sie aufgehört hat zu weinen.

Mit gesenktem Kopf steht sie an ihrer Wanne, in der keine Tränen mehr sind.

Zwei Männer in schwarzer Uniform rufen sie, sie steht auf, sie weiß, was

sie erwartet. Sie lächelt.

„Nehmt Abschied von ihr“, brüllt die schwarze Uniform den anderen

zu, die alle über die eigene Wanne gebeugt sind. Die Antwort ist ein

gedämpfter Chor: „Adieu.“ Nur ein Mann sagt leise „Ciao“ zu ihr, ohne den

Blick und die Tränen von seiner Wanne abzuwenden.

„Adieu sollst du ihr sagen“, brüllt ihn der Uniformierte an.

Der Mann sagt nichts, er würde am liebsten weinen. Sie streichelt ihm im

Vorübergehen über den Kopf.

 

Unter dem Sand im Meer steht ein Schloss. Der Schlossherr ist ein

trauriger König.

In dem Schloss gibt es Hunderte von Zimmern. Alle sind groß und

wohlduftend. Die Betten im Schloss haben weiche Wassermatratzen,

in denen Rosenblüten schwimmen. Es heißt, dass jeder, der einmal auf

einer solchen Matratze schläft, am nächsten Morgen mit der Erinnerung

an den schönsten Traum seines ganzen Lebens erwacht.

Die Tische in den Speisesälen sind lang gezogene Felsenriffe, wenn man

daran vorbeigeht, riecht man das Salz.

Im Schloss des Königs gibt es anstelle von Wänden lange, durchsichtige

Aquarien. Man denkt, man sei mitten im Meer.

Verlangt es einen Gast des Königs nach einer Zahnbrasse oder einem

Zackenbarsch, greifen die Kellner zu ihren Harpunengewehren, tauchen

sie in eins der Aquarien und drücken ab. Sie bereiten den Fisch sofort zu,

deshalb schmeckt er so sehr nach Meer.

Es gibt nur zwei Räume, in denen keine Aquarien stehen: den Saal mit

den Wannen und den Bußsaal.

Im Saal mit den Wannen riecht es nach Erdbeeren und nach Ozean. Hier

ist es weder zu heiß noch zu kalt, immerfort hört man hier Geigenmusik

und glückliche Möwen. Er ist riesengroß, so groß wie von hier bis zum

Himmel.

Der Saal steht voller Wannen, so wie es sie früher gab, mit Löwentatzen

als Füßen. Über die Wannen gebeugt, stehen Männer und Frauen und

weinen. Tausende von Menschen, Tausende von Wannen.

Wenn hier anstelle der Wände Aquarien wären, wenn auch dieser

Saal so wie die übrigen wäre, dann bekämen die Zahnbrassen und

Zackenbarsche und alles andere Meeresgetier ein Heer von gebeugten,

weinenden Menschen zu sehen; Tränen und nochmals Tränen, die die

Wannen füllen, und sobald die Wannen voll sind, fließen die Tränen,

mittlerweile literweise, ab durch ein farbiges Rohr und werden eins mit

dem Meer.

Auf diese Weise erschafft der König das Meer und die Meere zusammen

genommen umspülen die Welt.

Aber niemand kann das wissen. Denn hier gibt es keine Aquarien.

Hier gibt es schneeweiße Wände. Ein Weiß, unterbrochen nur von

Bildschirmen der neuesten Bauart, auf denen Szenen laufen mit Männern

und Frauen, die sich lieben, Kindern, die lächeln und ihre ersten Worte

sprechen, mit ersten Küssen oder auch den letzten von zwei Alten, die

sich ihr Leben lang geliebt haben.

Es gibt Männer und Frauen, die sich bei ihren Namen nennen. Marco,

Elena, Filippo, Claudio, Vittoria oder zärtliche Kosenamen. Sie sind

glücklich.

Erdbeerduft, unsichtbare Möwen, die Liebe auf den Bildschirmen, alle

müssen weinen vor so viel Vollkommenheit, denn die Weinenden an den

Wannen haben keine Namen mehr, sie bestehen nur aus Tränen, die

nötig sind für die Welt, für das Meer. Sie weinen.

 

Eines Tages bemerkt ein über die Wanne gebeugter Mann, dass er keine

Tränen mehr hat.

Er schaut auf die Bildschirme, überlegt, wo er gerne wäre, denkt an die

Orte, die er nicht mehr sehen wird, an die ihm verwehrten Umarmungen,

an die ihm verwehrte Liebe, aber die Tränen wollen nicht fließen.

Also trinkt er aus seiner Wasserflasche, führt sich Flüssigkeit zu

und hofft, dass die Uniformierten nichts davon bemerken. Durch das

Ablenkungsmanöver hat er Zeit verloren, jetzt hilft nur noch eins. Die

Backen aufblasen, aufblasen bis zum Gehtnichtmehr, und die Augen

zukneifen, bis er sich sicher ist, dass seine Augen für die anderen nicht

mehr da sind.

 

Zwischen einer Wanne und der nächsten liegen mindestens zehn Meter.

Am Ende einer Schicht kommt manchmal jemand zufällig an den Wannen

der anderen vorbei.

In dem Augenblick, als er die Backen aufbläst, bis er einem Ballonfisch

ähnlich sieht, geht eine Frau vorüber, die sich auf die Tränen des

kommenden Tages konzentriert.

Die Frau bemerkt den Mann, aber die Wache ist ihr auf den Fersen. Sie

kann nicht lächeln, selbst wenn sie wollte, aber leise murmelt sie vor sich

hin: „Ballon.“ Gern würde sie es laut hinausschreien, aber ihre Angst ist

stärker. Er aber hört es. Er dreht sich nach ihr um, sieht sie weggehen,

gern sähe er ihr ins Gesicht.

Eine andere Wache bemerkt, dass der Mann aufgehört hat zu weinen und

nähert sich ihm.

Die Frau ist inzwischen weit weg. Der Mann weiß, dass er sie nie wird

haben können, dass er nie mit ihr wird sprechen können, und jetzt fließen

die Tränen. Die Wache ist wieder beruhigt.

Ballon weint und denkt an sich mit seinem neuen Namen und an sie.

 

Einige Tage später sieht der Mann die Frau wieder. Er fängt gerade seine

Schicht an.

Er hebt den Kopf und beobachtet sie. Einige Tränen fallen neben die

Wanne. Es vergeht keine Sekunde und auch sie fängt an zu weinen.

Er betrachtet sie eindringlich. Zwischen ihnen liegen mindestens zwanzig

Meter. Da sind Uniformierte, bereit zum Töten, da sind falsche Möwen,

Bildschirme voller Küsse, Erdbeerduft, Tränen, die vergossen werden

müssen, und die Geigenmusik wird immer wieder unterbrochen von

schmerzerfülltem Husten und erstickten Klagelauten.

Und doch hat die Frau ihn, der sie anschaut, bemerkt. Sie weinen,

schauen sich an, sie gefallen sich, lassen einander nicht aus den Augen.

Die Tränen fallen zu Boden. Perdu.

Der Mann bemerkt, dass die Frau in Erfüllung ihrer Pflicht die Zähne

zusammenbeißt und die Lippen schürzt. Sie spannt ihre Adern an. Sie

sieht aus wie ein Frosch.

Am Ende seiner Schicht geht der Mann an ihr vorbei und flüstert ihr zu:

„Frosch.“

Sie lächelt und einen Moment lang fließen bei ihr keine Tränen. Zum

Glück bemerkt es niemand.

 

Am nächsten Tag kann der Mann nicht mehr weinen. Er ist ganz darauf

konzentriert, in der Ansammlung der Wannen seinen Frosch zu finden.

Für ihn ist sie keine weinende Frau mehr. Sie ist Frosch.

Auch am nächsten und am übernächsten Tag vergießt er keine Tränen.

Am Ende hat er die ganze Woche nicht geweint.

Ihr geht es genauso. Sie sucht ihn unter den Männern, sie kann ihn

kaum sehen, zehn oder zwölf Wannen weiter drüben. Sie denkt an

den Namen, den er ihr gegeben hat. Sie lächelt und weint nicht. Die

Überwachungskameras nehmen alles auf.

Es vergehen zwei Wochen und keiner der beiden hat auch nur eine Träne

vergossen. Das Gesetz des Königs sagt eindeutig: Im Fall einer Liebe

zwischen zwei Weinenden muss zuerst die Frau hingerichtet werden. Der

Mann kann mit dem Leben davonkommen, wenn er wieder zu weinen

anfängt. Nach dem Gesetz des Königs gibt es keinen Prozess, Berufung

kann nicht eingelegt werden.

Die Frau macht keinen besorgten Eindruck, zu sterben macht ihr keine

Angst. Sie ist glücklich. So ist das Gesetz.

Der Mann hingegen würde gern diese Tränen weinen, die so anders sind

als die anderen, aber er beherrscht sich.

Am Tag, als die schwarz uniformierten Wachen ankommen und die

Frau zu sich rufen, haben alle im Saal mit den Wannen wenig Lust zum

Weinen. Es ist, als merkte man es dem Meer an, aber nur ein bisschen.

Die Wachen herrschen alle an: „Nehmt Abschied von ihr“, sie lächelt

Ballon an, damit er heiter bleibt.

Aber er, anstatt ihr Adieu zu sagen, bricht in Tränen aus, wie er es im

Übrigen sein Leben lang getan hat.

Eine der schwarz gekleideten Wachen bringt die Frau weg. Aber der

Mann steht plötzlich auf, verschüttet all seine Tränen auf dem Boden und

läuft auf die Frau zu.

Eine zweite Gruppe von Wachen hält ihn fest.

Der Mann sagt ruhig: „Ich muss mit euch sprechen. Ihr begeht gerade

einen Fehler. Sie kann sehr viel mehr weinen als ich.“

 

Am nächsten Tag ist der Mann nicht mehr da. Die Weinenden aus dem

Saal mit den Wannen haben begriffen, dass der König eine Ausnahme

gemacht hat.

Die Frau aber weint nicht, wie er es den Wachen versprochen hat.

Sie hält an sich, beißt auf die Zähne und kneift die Augen zusammen.

Sie weiß, dass sie bald sterben wird, aber vorher will sie noch etwas dem

Mann zurufen, der nur wenige Wannen von ihr entfernt steht. Er ist ein

pummeliger Typ, offenbar fühlt er sich unwohl auf seinem Posten. Sie ruft

ihm zu: „Möwe“, denn wenn er seine Schmerzensschreie ausstößt, hören

sie sich an wie Möwenschreie.

Der Mann, zufrieden, dass er Möwe ist, nennt die Frau Himmel, weil sie

blaue Augen hat, die er sogar von Weitem sehr gut sehen kann. Er ist

verliebt.

Die Frau wird standrechtlich hingerichtet. Unter den Wachen hat wegen

besagter Ausnahme ein gewisser Unmut geherrscht.

Von Schmerz ergriffen, füllt Möwe an nur einem Tag zwei Wannen, aber

am nächsten Tag fließen die Tränen spärlicher und die Erinnerung an die

Frau verblasst.

Eine Woche später scheint die Ordnung wiederhergestellt. Der Mann

hat weiter geweint und die Wachen haben sich wieder beruhigt.

Urplötzlich jedoch stellt Möwe das Weinen ein und will nur noch eine

Frau anschauen, die oft an ihm vorübergegangen ist. Noch nie hat er

bemerkt, dass sie Haare hat wie Rosenblüten. Er findet sie wunderschön

und er nennt sie Rosa. Er weiß schon, dass er gerade dabei ist, sich zu

verlieben, dass er nicht mehr weinen wird und dass er getötet werden

wird oder dass sie sich verlieben und dass sie getötet werden wird, aber

es ist ihm egal. Er ruft ihr „Rosa“ zu.

Rosa wird dann einen Dunkelhäutigen Bruno nennen. Bruno wird einen

Mann, in den er sich verliebt hat und der weint wie eine gekrümmte

Weide, Baum nennen.

 

Einige Zeit später stand über die Wannen kein Mann mehr gekrümmt und

keine Frau mehr gebeugt. Den Wannen ging es wie den Klippen, die in

der Sonne dörren. Sie trockneten aus und füllten sich mit totem Salz.

Der König entließ die Wachen und drehte im Saal mit den Wannen den

Schlüssel um. Nicht einmal die Aquarien wollte er mehr sehen. Er zog

sich in den Bußsaal zurück, den einzigen Saal des Schlosses mit Wänden

aus Salz und einem länglichen Bullauge, von dem aus das einzige Stück

Himmel zu sehen ist, das man von dort unten sehen kann.

Dem König kam der Satz „Du bist das Licht des Meeres“ in den Sinn und

er beschloss, es sei an der Zeit, das Schloss zu verlassen und sich zu

seiner Frau zu legen.

Aber das Schloss befindet sich unter Wasser und es zu verlassen

bedeutet, in einem Meer von Tränen zu ertrinken.