Donatella, Antoine, Federica, Carlotta,
den Bühnenbesessenen,
ihren leichten Schritten.
Er geht durch die Stadt, kämpft stumm mit der Märzkälte, groß ist er
und schlank, hat breite Wangenknochen und unergründliche Augen, die
Leute bleiben stehen und schauen sich nach ihm um, er sieht gut aus
und weiß es, er heißt Elias und ist mit achtzehn von einer Insel im Süden
abgehauen und heute hat ihn nach langer Zeit sein Vater angerufen, nach
einer Ewigkeit, in der Funkstille war zwischen ihnen, und Hass bei dem
Jungen auf den Mann, der ihn an einem Septemberabend für immer
verletzt hat, er ist abgehauen aus einer Gegend, wo die Sonne scheint,
und jetzt ist er ein Kämpfer unter den sieben Millionen Seelen einer Welt-
Metropole.
In dem kleinen Kino bei Angel hat er einen mexikanischen Film gesehen,
eine Geschichte über Hunde und Wetten und eine Sorte Leben, die
aufreibt bis aufs Blut, eine Geschichte über Verzweifelte, wie er einer war,
als er hier ankam, in einer dreckigen und bösen Stadt, wie er noch nie
eine gesehen, sich noch nie eine vorgestellt hatte - Du kriegst mich nicht
- sagt er in Gedanken zum Vater - Ich gehöre dir nicht mehr, ich gehöre
keinem - er ist dreiundzwanzig, alt genug, wie er findet, er hat einen
Wochenendjob und eine Einzimmerwohnung an der Grenze zwischen
dem Bohèmeviertel und der Peripherie, wo sich in Mietskasernen
türkische, indische, pakistanische Familien drängen - Ich komm dich
besuchen, morgen komm ich an - hat ihm der Vater am Telefon gesagt,
Elias zieht den Mantel zu und schlägt den Kragen über die Ohren, er mag
die Restaurants in dieser Straße und die Arsenalfahnen vor den alten
Pubs, die unverdrossen die Stellung halten, er hat gelernt, allein zu sein,
wie man das wohl ist, wenn dein Zuhause auf der anderen Seite des
Kontinents liegt und dein Cousin dir das Geld zum Abhauen geliehen hat
und du für deinen Vater gestorben bist, er hat gelernt, sich totzutrainieren,
mit Übungen, an Geräten, beim Laufen, beim Beugen, er hat doppelt
soviel gemacht wie die anderen und bessere Noten bekommen als alle
und Tag und Nacht gerackert und in Fünferzimmern gewohnt, er hat
gelernt, an die, die er zurückließ, nicht zu denken, seine Sonnenstadt vor
Afrika, die Sommermorgen an den unberührten Stränden seiner Heimat
zu vergessen, er geht durch den eisigen März und spürt nicht einmal
den Regen, der ihn anfangs verrückt machte, den grauen Himmel ohne
Sterne, der für ihn zum Schreien, zum Sterben war, er mag den Geruch
von hundert Küchen aus hundert Ländern in diesen Mischungen aus
Café und Restaurant und das Fest von Sprachen an seiner Schule, er
mag es, den Kontrolleuren in ihren ausgeleierten Pullis zuzunicken, er
hat ihr Englisch gelernt, diese Sprache der frisch Eingewanderten, und
die stummen Verwünschungen gegen die Briten und ihr verdammtes
Geld, er geht durch die Upper Street und weiß, daß diese Straße alles
ist, die ganze Welt, Spaß und Schweiß, Ausgebeutete und Millionäre, wie
tausende andere Straßen in dieser Stadt, im ganzen Königreich.
- Ich bin der Kapitän meiner Schmerzen - der Text eines Songs, tausend
Mal gehört und wie für ihn geschrieben - Ich bin der Kapitän meiner
Erinnerungen - er denkt an den Vater, an ihrer beider Stimmen am
Telefon, gealtert, gebrochen, daran, dass er, wie immer, durcheinander
kam, als es anfing, schwierig zu werden - Ich möchte dich gern sehen,
Elias, ich möchte dich wirklich gern sehen und mit dir sprechen - und
er außerstande, irgendwas zu sagen, seine Kraft wie weggeblasen, ein
Kapitän ohne Kontrolle, die Erinnerungen kurz vorm Herausplatzen - Ich
komme morgen, reden wir ein bisschen, ja? - und er sagte nichts, und
jetzt ist es Abend und er ist allein, er sitzt an einem Ecktischchen in
einem französischen Café, die Einrichtung warmes Holz, er blättert in
einer Zeitschrift für Gesundheitsfanatiker mit Faible fürs Mittelmeer und
Olivenöl, ein gemütliches Café, wo er sich ab und zu hinflüchtet vor der
Einkaufswut der Besucher des Viertels, um die Gedanken zu beruhigen
oder um der Kälte auf den Straßen zu entkommen, es ist Abend und
er ist allein und bestellt Saft und ein Croissant, die Chefin kommt und
bedient ihn, eine blonde, geschiedene Frau mit großen Augen und einer
schönen Stimme und Lust zu reden, schon bei früheren Gelegenheiten
haben sie sich angeschaut und miteinander gesprochen, immer abends,
vor der Schließung, wenn das Lokal so gut wie leer ist und sie Zeit hat,
sich zu ihm zu setzen, wie auch jetzt, sie ist sympathisch und hat schöne
Beine, sie schenkt sich selbst auch etwas zu trinken ein, moussierenden
Wein, sie diskutieren über Armut und Klassen, die neu erfunden werden
müssen, über Kunst, die in die Vorstädte gebracht werden muss, über
Béjart und Almodóvar, die Frau lächelt, unablässig ordnet sie ihr Haar,
sie schlägt ihm vor, nach der Schließung doch bei ihr vorbeizukommen,
sie könnten einen Film anschauen, er ist einverstanden - Du hättest nicht
kommen sollen - sagt er in der kalten Nacht zu seinem Vater, schnell geht
er die Allee entlang, auf der Suche nach Tabak und Blättchen.
Oft zieht er am Abend ziellos herum, eine Stunde Billard mit den Türken
von Stoke Newington, ein paar Runden Karten mit den Neapolitanern
vom Circolo Vesuvio, Entwurzelte wie er, die nicht gelernt haben, das
alte Leben auszulöschen, die Stimmen und Gesichter zu vergessen - Ich
bin der Kapitän meiner Schmerzen - klaglos trägt Elias die Bürde der
Ferne, ihm genügt der Gedanke an die Zukunft, zu wissen, dass er eines
Tages ein großer Tänzer sein wird, die Zukunft, die alles gut machen
wird, er denkt an morgen und an den Zug zum Flughafen, an das, was
sie sich wohl sagen würden, er und der Fremde, der ihm seinen Vor- und
Nachnamen gegeben hat, er denkt an morgen, an ihrer beider Augen und
Hände, an eine Umarmung, die alles weglöschen könnte, vielleicht auch
nichts ändern würde - Du hättest nicht kommen sollen - denkt er - Du
hättest mich vergessen sollen, wie ich das getan habe - er hat vergessen,
ausgelöscht, die Erinnerungen bezwungen, die ihn innerlich aufrieben,
ihm weh, mörderisch weh taten, jeden Tag, jeden Abend, jede Stunde,
er ist über die Grenze gegangen, zumindest kommt ihm das so vor, das
andere Leben so fern, als hätte er es nie gelebt.
Im letzten April jenes Lebens, vor einer Ewigkeit, ist es heiß auf der Insel,
die Jugendlichen lassen den Unterricht ausfallen und laufen in die Parks,
an den langen, noch menschenleeren Strand, Elias ist achtzehn und bald
kommen die Prüfungen, dann die Ferien, der echte Sommer, Schluss mit
der Schule, dem Gymnasium, dem Zug, den er jeden Morgen nehmen
muss, es ist April und sie liegen im Sand, sie sind allein in dem Abschnitt
des Strandes und sein Cousin umarmt ihn und küsst ihm den Hals - Was
wirst du denn jetzt machen? - er weiß keine Antwort, er will nicht an das
denken, was ihn erwartet, an die Universität, an die Entscheidungen, die
er treffen muss, er möchte die Sonne genießen und diese heimlichen,
schüchternen Küsse - Ich weiß nicht, ich gehe nach Rom, vortanzen,
für eine wichtige Schule, in London - der Cousin schaut ihn an und
sagt nichts, er weiß, dass Elias kein Geld hat, dass sein Vater niemals
einwilligen wird, er sagt nichts, küsst ihn weiter, streichelt ihm die Arme,
flüstert ihm ins Ohr - Ich mag dich - sagt er.
- Ich habe alles ausgelöscht - denkt Elias - Jahre habe ich dafür
gebraucht und jetzt kommt er an und macht alles wieder wahr, wieder
schmerzhaft und nah - Sie liegen auf einem Teppich, bestimmt ein
indischer, denkt der Junge, so teuer wie zwei seiner Monatsmieten, sie
haben nichts an und die blonde Frau lächelt ihn an und streicht ihm
übers Haar - Wie schön du bist - sagt sie ihm, sie wiederholt es und
seufzt, sie haben miteinander geschlafen und Camden Town hinter den
Fensterscheiben des großen, im Halbdunkel liegenden Wohnzimmers
ist ein Rummel aus Geräuschen und Gesichtern, sie betrachtet ihn und
lächelt, sie bittet ihn, ihr von seiner Heimat zu erzählen, von seinem Meer,
wie der Anfang war in dieser Stadt - Es muss hart gewesen sein - sagt sie
- Aber auch schön, stelle ich mir vor, sich einfach so durchzuschlagen,
wie eine Wette, ohne Geld, ohne irgend jemanden, nur für den Tanz und
die Kunst, in gewisser Weise hast du Glück - Elias antwortet nicht, ist
versunken in die Bilder und die afrikanischen Masken an der Wand, die
Keramiken aus dem Orient und die mexikanischen Wandteppiche, gern
würde er über seine Schule sprechen, über die Kompanie, in die er, als
bester von allen, als schönster von allen, eines Tages aufgenommen
werden wird, gern würde er mit ihr über seine Tanzkollegen sprechen
und über die Eifersucht, die jeden Anflug von Freundschaft zerstört, über
die Choreographen, die dich zum Essen einladen und du kannst nicht
ablehnen, über die Solotänzer, die sich mit Koks und Alkohol über die
Runden bringen, Anorektiker mit kaputten Schleimhäuten, immer unter
Hochspannung, es gelingt ihm nicht, über all das zu sprechen, über diese
Jahre und was der Preis dafür war - Nein, zu hart war es eigentlich nicht
- er denkt an seinen Vater und an das, was sie sich sagen würden, daran,
wie es sein würde.
Als er in der Stadt ankam, war seine Rettung ein Walkman, die dunkle
Stimme von Nick Cave, die Filme in Italienisch nachmittags im Kino hinter
dem Leister Square, als er in der Stadt ankam, fand er ein Viererzimmer
in der gottverlassenen Peripherie, zwei Metrolinien musste er jeden
Morgen nehmen, ganze Tage auf Jobsuche, Stunden und Vormittage
und Nachmittage zu Fuß durch die tristen, grauen Vorstädte, Kilometer
an Kilometer dieselben Häuschen, reihenweise Vorgärten zur Straße
hin, volles Rohr Reggae, arabische und afrikanische, von fernen Sonnen
verbrannte Gesichter, als er in der Stadt ankam, lernte er auf der
Jubilee Line Landsleute kennen, die von den üblichen Vorstellungs- und
Bewerbungstouren durch Cafeterien und Pubs zurückkamen, fünf Jungs
von seiner Insel, die ihn zu sich nach Hause einluden, Pizzabäcker und
Barkeeper und Hilfsköche mit einer riesigen Wohnung in Kilburn, die
freien Abende verplempert vor Spielautomaten, Kassetten aus dem
Videoverleih, die freien Abende vertändelt, auf dem Teppich sitzend,
Besäufnisse mit Myrthenlikör, Geschichten voller Sehnsucht nach der
Insel und spektakuläre Rückkehrpläne, mit Jeep und Designerklamotten,
um Verwandte und Freunde zu verblüffen, er hat niemanden, zu dem er
zurückkehren könnte, niemanden, den er verblüffen könnte, er hat alles
ausgelöscht, für ihn hat es vor dieser Stadt, vor heute nichts gegeben.
Seine Mutter streicht ihm übers Haar und singt ihm ein Lied, das nur sie
kennt - Mein Kind, mein Kind - sagt sie ihm ins Ohr, er ist kein Kind, er ist
sechzehn und hat lange, starke Beine, er weint und vergräbt den Kopf im
Kissen, seine Mutter hat lange, blonde Haare und das traurige Gesicht
einer Frau, die weiß, dass ihr Kind heranwächst und nicht mehr ihr gehört,
sondern der Welt, dem Leben da draußen und neuen, schmerzlichen
Liebschaften, wenn der Vater sie so sähe, ihn am Weinen und sie am
Trösten, würde er zornig werden und ihm was von Schlappschwanz
erzählen und was dagegen ein echter Mann sei und was der auf keinen
Fall tun darf, sein Vater meint es gut, aber weinen tut er nie, sein Vater
sagt, mit den mageren Beinen, der glatten Brust und dem allzu leichten,
wie tastenden, wie tänzelnden Schritt sehe er noch nicht einmal aus wie
ein Mann, der Vater brüllt, wenn Elias kein Fleisch essen mag - Hat man
das schon mal gehört, ein Steak soll widerlich sein, Blut soll ekelhaft sein,
was haben wir denn in unseren Adern wenn nicht Blut, was haben wir
denn immer gegessen wenn nicht Fleisch? - er brüllt, wenn er von Theater
oder Dichtung sprechen hört, sein Vater arbeitet hart und geht jeden
Abend in die Bar, für seine Frau und die Familie würde er sich totmachen,
sagt er immer, mit seinem Sohn spricht er nicht, er sagt, er könne es
nicht, er verstehe ihn nicht, sie seien zu verschieden, die Mutter hört sich
seine Geheimnisse an, seine verwickelten Jungengeschichten von Liebe
und herbem Verrat und sie streicht ihm übers Haar und nennt ihn Kind,
mein Kind.
Als er in der Stadt ankam, hat er gelernt, sich keine Fragen zu stellen,
fix zu sein und möglichst wenig zu schlafen, wenig zu sprechen und
seinen Vater und jenen Septemberabend auszulöschen und eine Frau
zu suchen, die ihn lieben würde, ohne viel zu fragen, er hat solche
Frauen gefunden und wieder verloren, eine im Monat, eine am Tag, er
hat Männer gefunden aus Ländern, noch weiter im Süden als seines,
Orientalen mit Geld in den Taschen und Kariben mit endlos langen
Beinen, in den mit seinen Landsleuten vertändelten Stunden hat er
nachgedacht über ihre Liebe zu den dunklen Nächten in der äußersten
Peripherie, leicht geschminkt sah er sie ausgehen und fröhlich bis zum
hellen Morgen illegale Garagen abklappern, eine Pille und ein Schluck
Rum, ein Tütchen, das herumgereicht wird, zieh rein und gib weiter, zieh
rein und gib weiter, Tütchen, en gros gekauft mit den Ersparnissen eines
Monats, an die tausend Mal hat er Zimmer und Wohnung gewechselt,
nach wilden Streitereien aus Gründen, die ihm jetzt in der Erinnerung
lächerlich vorkommen, und vielleicht war es ja immer nur der von der Insel
mitgeschleppte Kloß, dass er mit niemandem reden konnte, nichts fand,
worüber er reden konnte, nur Tanz und Pfund Sterling, sonst nichts.
Wochenlang, monatelang war er allein, die Musik vom Walkman und der
Unterricht und der dichte Regen, ein Himmel ohne Sterne und düstere
Strophen seine einzige Gesellschaft - mein Gott - hat er sich tausend
Mal vor dem Spiegel gesagt - ich will doch nur leben und tanzen, meine
Arme nach der Musik bewegen, auf der Bühne Figuren erfinden und
das Publikum für mich gewinnen - und das Spiegelbild zeigte ihm einen
von Mal zu Mal schlankeren und besser aussehenden, einen flinkeren,
beweglicheren und einsameren jungen Mann, weit weg von den Stränden
und den Sonnenuntergängen am Hafen, einen Mann ohne Mutter und
Vater, ohne Frauen, die ihn länger als für eine Nacht zu lieben verstünden,
Träume und Wut, das Herz jeden Abend verhärteter, die Grenze hinter
ihm, weit weg.
- Bleib zum Schlafen - sagt die Frau, hält ihn von hinten fest
umschlungen, den Mund auf seinem Hals, er macht sich langsam los,
küsst sie nicht und schaut sie nicht an - Bleib zum Schlafen, komm
doch, bleib hier - er antwortet nicht und küsst sie nicht, er schreibt seine
Handynummer auf einen Zettel, den er auf dem Teppich liegen lässt, unter
ihrem Slip, er geht ins Bad, wäscht sich, er denkt an ein Flugzeug, das
von der Insel kommt, und an den Fremden, den es herbringen wird, er
geht ins Wohnzimmer zurück, schaut sie an, es sieht so aus, als schlafe
sie - Du bist traurig, mein Lieber, zu traurig für dein Alter - sie spricht mit
ihm, aber wie aus dem Schlaf, wie in Gedanken versunken - Bleib heute
nacht bei mir, du bist zu traurig, du schaffst es nicht allein, jung wie du
bist, wie alt bist du? - Elias sagt nichts, er tritt auf die Straße hinaus und
atmet tief durch, es regnet, er zieht sich zum Schutz den Mantel über den
Kopf, wird aber trotzdem nass - Ich bin nicht traurig - so die Antwort an
sich selbst - Ich bin allein und es geht mir gut dabei, ich bin nicht traurig.
Die Mutter kennt seine Geheimnisse und seine Vorlieben, aber sie hat
nicht die Kraft, ihn zu verteidigen, und kommt nicht an gegen den Vater,
gegen seine Zornesausbrüche, wenn er in den Bars des Ortes gewisse
Gerüchte über seinen Sohn hört, ein bestimmtes Lachen an seine Ohren
dringt, die Mutter kommt ihm schlagartig gealtert vor, sie redet ihm nicht
mehr zu und streicht ihm nicht mehr übers Haar, sie fragt ihn, was er
nach der Schule vorhat und warum er jeden Abend in die Stadt geht,
vom Unterricht und vom Cousin erzählt er ihr nichts, er spürt, daß sie
das nicht verstehen würde, dass seine Entscheidungen einen Schmerz
verursachen, den er nicht mitteilen kann, den er für sich behalten muss,
vor dem er die Mutter in Schutz nehmen muss und diesen Vater, der
nichts versteht, die Mutter schwört ihm ihre Liebe, will ihn aber nicht
verlieren - Was willst du studieren, Elias? - er antwortet nicht, es erscheint
ihm unwichtig.
Nicht nur der Anfang war hart, hart war es immer, in jedem Augenblick,
wegen des Geldes und wegen des Wetters, wegen der Schule, die dich
zum Sklaven macht, sechs, sieben, acht Stunden Unterricht und Proben,
täglich von Montag bis Freitag, manchmal auch Samstag, am Sonntag
gibst du in einem Sessel vor dem Fernseher den Geist auf, liegst am
Boden und starrst die Wand an, um Kraft zu schöpfen, hart war es immer,
eines Abends ist Elias in der Schule, keiner ist mehr da, nur noch er,
zwei Stunden länger als die anderen beugt er sich, dehnt sich, übt die
Schritte eines Stücks, das er im Kopf hat, Lass die Hunde los, möchte
er es nennen, wie ein Lied seines nächtlichen Sängers - Lass die Hunde
auf mich los - heißt es in dem Lied - Und löse das Band um dein Haar, du
bist ein kleines Rätsel für mich, sooft du nach mir suchst - der Junge stellt
sich die Musik vor und entwirft Liebe und Eifersucht vor dem Spiegel, er
arbeitet hart, glücklich bis zur Erschöpfung, er duscht und zieht sich um,
isst mit Max, dem Nachtwächter, zwei Meter Muskeln und Tatoos, ein
Sandwich - Du - sagt der zu dem Jungen - was machst du, als Ausländer,
eigentlich so am Abend? - und er erzählt ihm von seinen Nächten als
Heranwachsender in Diskotheken und Lokalen, von einer Liebe, die
gerade entsteht, wie wenig Lust er jetzt zum Ausgehen hat, von einer
preiswerten Wohnung im Norden der Stadt und von Krediten und Banken,
Pläne für zehn, zwanzig Jahre, Elias isst sein Sandwich auf, ohne etwas
dazu zu sagen, verabschiedet sich von seinem Freund für einen Abend
- Wir sind gleich alt, du und ich - sagt Max mit einem Lächeln, er bejaht
mit einem Kopfnicken.
Es ist der letzte September in seiner Heimat, der letzte Tag jenes Lebens,
es wird Abend, das Appartment des Cousins ist klein und leer, am Himmel
ziehen große, wie regenschwere Wolken vorbei, sie haben gegessen und
geraucht, sind nur in Boxershorts und T-Shirt, es ist heiß im Wohnzimmer,
aus der Stereoanlage indische Musik, sie schauen aus dem Fenster,
auf den Golf und die Lagune, das Meer liegt schon im Dunkel, allein der
Leuchtturm durchbohrt die Finsternis, sie halten sich umschlungen, eine
Umarmung, die sie nicht kontrollieren können, vielleicht nicht wollen, der
Cousin heißt Fabio und hat eine Arbeit und ist zehn Jahre älter als er, Elias
mag sein Gesicht und seine Hände, aber all das hat auch einen bitteren
Geschmack, er versteht nicht warum, aber er fühlt ihn im Mund und im
Innern, Fabio küsst ihm die Ohren und den Hals, kratzt ihm über die Haut
und drückt ihn immer fester an sich, aber sie ist sanft, diese Kraft - Ich
liebe dich - sagt er leise, Elias weiß nicht, was er sagen soll, er lässt sich
küssen.
Er nimmt den Telefonhörer ab, die Frau fragt ihn, was er macht, ob er
Lust hat, sie zu sehen, er sagt ja, schlägt ihr vor, ihn zum Flughafen
zu fahren, wenn sie Zeit und Lust hat, ihn zu einem Flugzeug zu
bringen, das von jenseits der Grenze kommt, mit einem Stück seiner
Vergangenheit an Bord - Ich erkläre es dir vielleicht später, wenn ich es
denn erklären kann - sie versteht nicht, willigt aber ein, sie treffen sich in
Camden, in einem Café in der Nähe ihrer Wohnung - Essen wir was bei
mir, schaffen wir das noch? - Elias nickt, bestellt Wein, schaut sie an:
Sie ist schön, sie lächelt immerzu, ohne je dämlich auszusehen - Warum
hast du mich angerufen? - fragt er sie und gibt ihr einen Kuss, die
Frau nimmt seine Hände fest in die ihren, schaut ihm in die Augen, die
dunkel sind wie von mühsam verhaltenem Weinen, sie sagt ihm, dass
er so jung wirkt, dass er noch ein Junge ist, er schweigt, hängt seinen
Erinnerungen nach.
Die Nacht ist lau, es regnet, Fabio hält den Cousin schweigend in
seinen Armen - Wein nicht - sagt er zu ihm - Bitte wein nicht - Elias
hat blutende, aufgeschlagene Lippen, ein halb gebrochenes Bein,
schmerzende Knochen und von Blutergüssen dunkle, geschwollene
Augen, er weint und ballt die Fäuste vor Wut und Angst, er hört Fabio,
der immer wieder zu ihm sagt, er solle sich beruhigen, nicht weinen,
keine Angst mehr haben, er spürt seine leichte Umarmung und die
Küsse, sachte, damit sie nicht weh tun, auf den geschlossenen Augen,
zarte Berührungen auf den Backenknochen, den Wangen - Es ist
ausgestanden - sagt Fabio und versucht ein Lächeln, streicht sanft
mit Eis über die blauen Flecken, mit Baumwolltupfern und Alkohol
desinfizieren sie die Wunden, vorsichtig, ganz vorsichtig - Es ist
ausgestanden, alles ist vorbei, mach dir keinen Kopf, wein nicht, vergiss
das Ganze, sofort, jetzt, als ob nichts geschehen wäre, vergiss das
Ganze und hau ab - Elias schluchzt immer wieder auf, er kann es nicht
abstellen, überall spürt er Schmerzen, innen, tief drinnen, die Augen
zermatscht und der pochende Kopf, er kann sich nicht rühren ohne
stechende Schmerzen und Übelkeit - Lass mich nur machen - sagt
Fabio ihm ins Ohr, fast ein Flüstern - Du musst fortgehen, musst diesen
Abend, was geschehen ist, auslöschen, ich geb dir das Geld für die
Reise, geb dir, soviel du willst, fahr weg und fang von vorn an, fahr weit
weg und vergiss deinen Vater und auch mich - und er küsst und liebkost
ihn, er nimmt seine Hände und schwört ihm Liebe, er segnet ihn und
vergibt ihm, er nennt ihn mein Kleiner, mein Herz, meine große Liebe,
meine unmögliche Liebe.
Es fällt ihm nicht leicht, etwas zu erklären und sich zu erinnern, jahrelang
hat er die Erinnerungen abgetötet, aber jetzt plötzlich erscheint es ihm
wichtig, zurückzugehen, alles noch einmal aufzurollen und richtig zu
verstehen - Er hätte nicht kommen sollen, mein Vater - mehr kann er
nicht sagen, über seine Mutter und ihre Anrufe kann er nicht sprechen,
darüber, dass er merkte, wie sie älter wurde und jedes Mal, von Jahr
zu Jahr, von Weihnachten zu Weihnachten, mehr litt - Wenn du über
eine Grenze gegangen bist, solltest du niemals zurückgehen - solche
Gedanken hat er, aber er kann nichts erklären, wieder sind sie bei ihr
zu Hause im Wohnzimmer, wieder vertieft er sich in die Wandteppiche
aus Mexiko, betrachtet diese Frau, die er kaum kennt, und ist zufrieden,
sie in seiner Nähe zu haben, gern würde er alles erzählen, sich
befreien, mit ihrer Hilfe alles aufrollen - Meine Mutter hat ihn verlassen,
ist weggegangen, ist davongelaufen von meinem Vater, hat ihn
sitzenlassen, das hätte ich nicht für möglich gehalten, aber so ist es - er
erzählt, schließlich umarmt er sie, lässt sich umarmen - Er veränderte
sich, Abend für Abend bis spät in der Bar oder vor dem Fernseher, als
ob sie gar nicht da wäre, und ich weiß, dass das irgendwie wegen mir
so gekommen ist, wegen des Abends, an dem er mir nachgegangen
ist und mich dort gefunden hat, in einem dunklen Zimmer mit einem
jungen Mann, einem Verwandten, nur uns beide, nackt, ich weiß, es war
nicht mein Vater, der mich schlug, mich für immer verletzte, es war der
Mann, der bestimmte Dinge tun muss, der nicht alles zulassen kann, es
war der Mann, der seine Regeln hat, ich weiß, dass es an jenem Abend
aus war, für mich mit ihnen und für ihn mit ihr, ich weiß, dass er ihr nicht
verziehen hat, dass sie mir Geld gab, dass sie mich immer noch anrief
und mochte, ich weiß, dass ich ihn auf den Tod hasste, nicht wegen
der Verletzungen, sondern für das, was er kaputt gemacht hat, wegen
der Demütigung ohne Hoffnung, ich weiß nicht, was jetzt kommt, was
kommen kann, ich weiß nicht, ob wir uns jetzt umarmen können, ob wir
was Besseres sein können als zwei Verlierer, die sich hassen, ich weiß
nicht, warum er beschlossen hat zu kommen, mich von neuem über die
Grenze gehen zu lassen, mich zurückzubringen - er verstummt, er lässt
sich küssen, sagt ihr ins Ohr - Verlass mich nicht, wer immer du bist,
wenn du mich zu ihm begleitest, halt mich fest, gib mir deine Hand –
Sie gehen schweigend durch den Regen, den grauen Regen aller
Nachmittage, in seiner Heimat lassen die schönen Mädchen an diesen
Märztagen an den Tischchen im Zentrum ihre Beine sehen, deutsche
Touristen schleppen sich die engen Gassen im mittelalterlichen
Stadtviertel hinauf, treten, geblendet von der Sonne und der Schönheit,
auf die Piazza del Bastione hinaus, das Meer glitzert wie im Sommer
und die Sonne, stark und arrogant wie ein junger Habenichts, pfeift auf
den Kalender, in seiner Heimat lässt der Regen monatelang auf sich
warten, dann schüttet es so, dass die Felder überschwemmt werden
und der Himmel rabenschwarz ist, dunkler, kräftiger, prasselnder Regen
schießt pausenlos aus den Wolken, man fühlt sich durchpulst und
lebendig, der Regen in dieser Stadt ist wie schmutzig und abgestorben,
sie warten auf den Zug zum Flughafen, der Junge geht auf und ab,
nervös, aufgeregt, die Angst, dass ihn die Grenze wieder einholen
könnte - Wie geht’s dir? - fragt ihn die Frau, er schaut sie an, sie ist
schön, schlank und schwarz gekleidet, sie geben sich die Hand und
schauen sich in die Augen - Alles in Ordnung - antwortet Elias, ein
leichtes Zittern in der Stimme.