Owen Sheers

Ein Spatz in der Hand


Eine späte Ankunft in einem neuen Land. Es war ein Vergnügen,

das er als Kind zu schätzen gelernt hatte. Schlaftrunken auf

dem Rücksitz des elterlichen Autos, zusammengesackt in

einem Eisenbahnwaggon, die Stirn an das vibrierende Fenster

gelehnt. Dann, während die Koffer ausgeladen wurden – dunkle,

kubistische Skulpturen, die sich auf dem kühlem Asphalt

versammelten –, stieg er aus und sah sich das unbekannte

Ziel unterm Nachthimmel an. In der Ferne, verschwommen,

die Aussicht auf einen Strand. In der Nähe, etwas deutlicher,

ein dunkles Feld, vielleicht ein Pool oder ein Sandkasten. Die

tintenschwarzen Gebäudeblöcke vor dem nachtblauen Himmel.

Irgendwo das Geräusch des Meeres. Es waren diese Beinahe-

Ankünfte, die er mochte; unvollständig, bis sich morgens unter der

strahlenden Mittelmeersonne die Landschaft seiner Ferien in ihrer

ganzen Wahrhaftigkeit offenbarte.

Relikte dieser Empfindung spürt er auch jetzt, während er den

Vorhang zur Seite rafft und aus der Glastür des Hotels, über den

weißen Balkon, nach unten auf den Platz sieht. Frühmorgendliche

Kaffeetrinker sitzen unter Platanen, der Kies um sie herum

gesprenkelt vom Sonnenlicht, das durch die Blätter fällt. Schaut

er über die Bäume hinweg, sieht er einen weißen Turm mit einer

Uhr vor einem blauen Himmel, und dahinter, hangwärts, wie

übereinander gestapelt, magnolienfarbene, stuckverzierte Häuser.

Ohne den Blick zurück auf den Platz zu wenden, auf die Pullover

der Männer, die Halstücher der Frauen, weiß er, dass es trotz

blauem Himmel kühl ist. Ein Herbstmorgen, kein sommerlicher.

Den Vorhang noch immer mit der einen Hand gerafft, fasst er mit

der anderen die Türklinke und drückt sie nieder. Der Mechanismus

gibt mit einem dumpfen Geräusch nach und er öffnet die Tür,

gerade so weit, dass ein Luftzug hinein und der Lärm der

gurrenden und plusternden Tauben oben auf dem Dachgesims zu

ihm durchdringen kann.

Er wendet sich ihr zu. Ein Sonnenstrahl zerschneidet ihren Rücken,

das zerknitterte Laken, aber ihr Kopf liegt im Schatten des

Zimmers, und sie schläft noch. Seit einer Woche hatte er sie nicht

gesehen, als sie sich gestern Abend trafen. Er war geschäftlich

unterwegs gewesen, sie hatte in London gearbeitet. Beide waren

sie beruflich engagiert, und im Laufe der siebentägigen Trennung

hatte die Spannung zugenommen, wenn sie telefonierten. Es war

daher kein Wunder, dass er enttäuscht war. Sie nicht anzusehen

– in dieser Hinsicht wurde er nie enttäuscht –, und wie immer

bewunderte er sie auch diesmal, als sie durch das Gewimmel am

Flughafen ging, das dunkle Haar hinten zusammengebunden, wie

er es gern hatte, so dass der sehnige Hals Platz zum Atmen hatte.

Er hatte sie beobachtet, wie sie sich ihren Weg auf ihn zu bahnte,

Ausschau nach ihm hielt, und wieder war ihm aufgefallen, dass

sie die Blicke anderer Männer auf sich zog. Dann hatte sie ihn

gesehen, und er wusste umgehend, dass er enttäuscht sein

würde. Schon wappnete er sich, hoffte, dass ihre ersten Worte

freundlich ausfielen, sie ihm ihre Lippen darbot. Es war nicht

wie erhofft, sie hatte ihm nicht ihre Lippen dargeboten, und er

spürte den für das Wochenende sich abzeichnenden Riss dieses

brüchigen Anfangs, wie ein auf schwachem Fundament errichteter

Glaspalast. Es war ein Fehler seinerseits, das wusste er jetzt, aber

er konnte nichts dafür. Anfänge waren ihm wichtig. Erste Worte,

einleitende Sätze. Die Möglichkeiten, die sie in sich bargen. Sie

legten Muster fest, erzeugten komplizierte Schwingungen, die er

nicht abschütteln konnte; wie feine Haare, die in seinem Körper

wuchsen, die er spüren, aber nie berühren konnte.

Er sieht sie an. Sie weiß es, entnimmt es der Textur seiner

Geräusche. Den Pausen in der Bewegung. Ein Sonnenstrahl

ergießt sich über ihren Rücken, aber das warme Band fühlt sich

an wie sein Blick, der auf sie fällt. Sie weiß auch, an was er denkt.

Gestern Abend. Sie war müde, musste die letzte Konferenz

abkürzen. Die U-Bahn und der Zug waren voll, Leiber drückten

sich an Leiber, der Bürogeruch. Er hatte vergessen, ihr die

Flugnummer mitzuteilen. Sie fand nicht den richtigen Schalter. Sie

vertraute ihm nicht.

Dann der Flug. Keine Platzzuweisung, und ein frisch überlackiertes

Flugzeug, das offensichtlich zu alt war; die aufklappbaren

Aschenbecher in den Armlehnen. Die Turbulenzen zermürbten sie,

wie immer, und das wusste er, und trotzdem, sie weiß, dass er an

so etwas nie denkt.

Sie rührt sich, einerseits, um den Gedankenfluss zu unterbrechen,

andererseits, um ihm zu zeigen, dass sie wach ist. Sie spürt das

Gewicht seines Körpers auf der Bettkante, seine Hand, noch kalt

vom Luftzug am Fenster, auf ihrer Schulter.

„Wie spät ist es?“ Sie spricht ins Kissen hinein, leise,

mit geschlossenen Augen.

„Kurz nach acht.“

„Du bist schon früh auf.“

„Ich wollte einen Spaziergang machen, eine Zeitung besorgen.“

„Hm, das ist nett. Wie ist es draußen?“

„Angenehm. Kühl, glaube ich. Ich bin gleich wieder da.“

„Gut.“

Seine Finger lassen von ihr ab. „Ich liebe dich.“

„Hm, ich dich auch.“

Sie lauscht seinen Schritten auf dem Teppich, dem Rascheln

des Mantels, den er von der Stuhllehne nimmt, dem Schnapp,

Schwung, Schnapp der Tür, die geöffnet und wieder geschlossen

wird. Seine Schritte verhallen auf der Treppe, und sie dreht sich

um, seufzt, wendet den Kopf auf dem Kissen so weit, bis der

Sonnenstrahl ihr Gesicht erwischt und sie seine Wärme spürt,

plötzlich und glitzernd unter den geschlossenen Augenlidern.

 

Den Vogel sehen sie beim Verlassen des Hotels. Der Tag, der

so kühl begonnen hatte, hat zu einer satten Septemberwärme

gefunden, und die Trinker vorne auf dem Platz tragen jetzt T-Shirts

und leichte Kleider. Die beiden nehmen jedoch den Hinterausgang,

durch einen, von einer mattfarbenen Mauer eingefassten Hof in

eine ruhige, schmale Seitenstraße, die ausgebleicht in der grellen

Sonne liegt. Dort sehen sie die Taube.

„Ist sie tot?“

Als hätte er sie verstanden, hebt der Vogel einen

Flügel und zuckt Mitleid erregend in dem fahlen Staub.

„Wahrscheinlich von einem Auto angefahren“, sagt er, schaut

sich um, die schmale Hangstraße hinauf, zwischen den weiß

getünchten Häusern. Von weiter unten, am Fluss, hört er Autos,

und er kann sich die heißen, klebrigen Autositze vorstellen, den

dicken Benzindunst in der Hitze, doch hier oben sind keine Autos.

Sie nimmt die Sonnenbrille ab und geht zu dem Vogel.

„Ich glaube, der Flügel ist gebrochen.“

„Und ein Bein, so, wie es aussieht.“

Die Taube liegt auf der Seite, im Staub, regungslos, außer den

klimpernden Augenlidern

Sie sieht ihn an.

„Irgendwas müssen wir machen.“

Er sieht hinunter auf den Vogel. Die Federn am Hals sind violett

und blau, wie in einem Brennofen glasiert.

„Ich weiß nicht. Ich glaube, er ist so gut wie tot.“

Dennoch hebt er ihn auf, erstaunt, wie leicht er ist. Der Vogel

wehrt sich nicht, liegt lahm in seinen Händen. Er trägt ihn zum

Straßenrand, wo sich im flachen Rinnstein der Regen des

Vorabends gesammelt hat.

„Vielleicht braucht er nur etwas Wasser.“

Er legt ihn in Reichweite der Pfütze ab und bleibt stehen. Beide

blicken einen Moment lang auf ihn hinab. Ihm fällt auf, wie dünn

die roten Beine sind, ihr, wie die Federn sich überlappen, ein

Fächer aus Grau- und Weißtönen, die Farben des winterlichen

Meeres. Er berührt sie im Kreuz.

„Ich glaube, samstags machen die Geschäfte hier früher zu.“

Sie wenden sich von dem Vogel ab und gehen den Hang hinauf,

der sie, durch Seitenstraßen, ins Zentrum der kleinen Stadt führt.

Die Sonne brennt ihnen auf den Nacken; er blinzelt in dem grellen

Schein, und sie setzt sich die Sonnenbrille wieder auf die Nase.

 

Er möchte vor der Trauung picknicken. Bei seinem Spaziergang

hat er eine Stelle am gegenüberliegenden Flussufer entdeckt, die

ihm ideal dafür geeignet scheint. Schattig, weiches Gras, nicht von

der Sonne verbrannt. „Die perfekte Stelle“, hatte er zu ihr gesagt.

„Die perfekte Stelle.“

Bei ihrer Rückkehr tragen sie Plastiktüten, voll mit Einkäufen:

Käse, Schinken, Obst, eine Flasche Wein und zwei knusprige

Baguettes. Den ganzen Weg über, den Hang hinunter, Richtung

Hotel, behält er den regungslosen Körper der Taube im Blick.

„Sie ist tot“, sagt er, als er das Tor zum Hof aufmacht.

„Ja“, antwortet sie, eine Spur Erleichterung in der Stimme. „Ja.“

 

Der Rasen am Fluss ist nicht so weich, wie es vom anderen

Ufer aus den Anschein hatte, sondern stoppelig, stachelig

und erstaunlich steif. Er sticht in die Haut, durch seine

Baumwollhose und ihren Sommerrock hindurch. Die Sonne ist

höher gestiegen, seit er den Platz zum ersten Mal sah, und die

üppige Schattendecke hat sich zu einem dunklen Fetzen auf

dem abgeschabten Boden verkleinert. Der Korken zerbröselt in

der Flasche, und immer wieder lassen sich Fliegen, vom Wasser

angezogen, auf ihren Gesichtern und auf ihrem Hals nieder. Die

Luft riecht nach Autoabgasen.

Er weiß es nicht, aber es ist dieses Gras, das ihn an ihrer

gemeinsamen Liebe zweifeln lässt. Es hat seinen Entwurf, wie sein

Leben aussehen sollte, ins Wanken gebracht. Statt die Schuld

aufs Gras zu schieben, oder auf sich selbst, beschuldet er sie.

Während sie so in der Nachmittagssonne sitzen, stellt er sich,

wieder Mal, ein Parallelleben vor, in dem er hier an dieser Stelle mit

einer anderen Frau sitzt, mit der das stechende Gras, die Fliegen,

die unangenehme Hitze, der zerbröselte Korken nicht so viel

ausmachen würden. Und als sie sich an ihn lehnt, er die Unterseite

ihres Handgelenks streichelt, beschließt er, wie schon hunderte

Male zuvor, sich von ihr zu trennen, wohl wissend, dass er dazu

nie den Mut aufbringen wird.

Sie liegt mit geschlossenen Augen da, spürt seine Fingernägel

ihren Arm entlangstreichen, und wieder einmal weiß sie, was er

denkt. Sie hat gelernt, die Muster zu erkennen, die Ebben und

Fluten seiner Zuneigung, und im Laufe der Jahre die Gezeiten

zu registrieren, sie bestimmten Ereignissen zuzuordnen. Sie hat

sich zu einem Kartografen seiner Gefühle entwickelt, doch jetzt

zehrt die Arbeit, sie zu navigieren, sich in den Gewässern kundig

zu machen, an ihren Kräften. Das Geben und Nehmen. Die

drohende Flaute seiner Liebe. Seit einiger Zeit muss sie häufiger

an ein Interview denken, das sie mal im Fernsehen gesehen hat.

Eine befreite Geisel auf dem Sofa einer Frühstücksshow, über

seinem jetzt glatt rasierten Gesicht eingeblendet ein Foto von

ihm, zerzaust und mit Bart. Sie hatte auf der Bettkante gesessen,

ein Strumpfbein bis zum Schenkel hochgezogen, das andere wie

ein Handschuh um die Hand gewickelt, während der Mann dem

Talkshowmaster beschrieb, wie seine Wächter ihn jeden Morgen

nach draußen führten, um ihn zu exekutieren. Jeden Tag die

gleiche Prozedur – die Augen verbunden, die Hände gefesselt,

auf den Knien, in einem dreckigen Innenhof, das metallische

Klicken und Ratschen, wenn hinter seinem Kopf die Gewehrhähne

gespannt wurden. Und dann – nichts, nur in der Ferne das

unbestimmte Dröhnen und Gezänk des Stadtverkehrs. Alles auf

ein Ende ausgerichtet, das nie eintrat. Schließlich, so erklärte er,

zielte sein sehnlichster Wunsch auf den Dreh- und Angelpunkt

dieses immer wiederkehrenden Moments ab, auf jene kinetischen

Sekunden zwischen Leben und Tod. Danach wollte er nur noch

das Ende, keine Möglichkeit eines Aufschubs mehr, nur noch das

Ende, das nie kam.

 

Als sie ihm, am Tor zum Hof ihres Hotels, Grashalme von seinem

Rücken abwischt, sehen sie, dass sich der tote Vogel bewegt.

Zuerst glaubt er, es sei der Wind, der sich in den Federn verfängt.

Doch dann zuckt der Flügel erneut, und als er hingeht, klappen die

runzeligen grauen Augenlider um die winzigen schwarzen Perlen

auf.

Er bückte sich zu dem Vogel hinunter, spürt den Schweiß in seinen

Kniekehlen.

„Besser, ich töte ihn“, sagt er und sieht sie dabei nicht an.

Er vernimmt ihre Schritte durch den Hof, das Öffnen und Schließen

der Hoteltür. Dann ist es still. Es ist Nachmittag, die Autos parken

neben dem Fluss, und die Stadt schläft. Die Durchfahrtsstraße,

in der er hockt, erscheint ihm ungewöhnlich hell, das grelle

Sonnenlicht von den weiß getünchten Wänden reflektiert. Er

hebt die Taube hoch, die Hände um die Flügeln gelegt, und trägt

sie zur anderen Straßenseite, dorthin, wo die Wand im Schatten

liegt und über ihm, aus einem Blumenkasten mit Geranien, eine

Kletterpflanze herabhängt.

 

Er weiß, was er zu tun hat. Sein Großvater hat ihm als Junge

gezeigt, wie man Hühnern das Genick bricht, dennoch betrachtet

er lange den Vogel, wägt in Gedanken sein Leben ab. Schließlich

hebt er ihn wieder auf, aber umschließt die Flügel mit den

Händen zu langsam, und die Taube, die zuvor so lahm gewesen

war, flattert und kämpft, seine Absicht spürend, gegen ihn an.

Überrascht von der plötzlichen Energie, lässt er sie zu Boden

fallen; sie versucht, vor ihm davonzukriechen, knickt mit dem

gebrochenen Bein und dem gebrochenen Flügel immer wieder ein.

Wieder streckt er die Hände nach der Taube aus, hält sie diesmal

etwas entschlossener fest; und obwohl er spüren kann, wie sich

ihre feinen Muskelstränge unter seinen Fingern anspannen, bleibt

die Taube ruhig, ihr Kopf hängt lahm über seinen Fingerknöcheln.

Er legt den Zeigefinger seiner rechten Hand an ihre Kehle, den

Daumenballen hinten an den Hals; seine Finger sinken in die

Federn ein, bis sie sich beide Seiten des dünnen Rückgrats

ertastet haben. Ein Atemzittern rinnt unter seinen Fingern durch

die Kehle, während er seine andere Hand in einer losen Faust über

den Kopf stülpt, Schnabel und Augen bedeckend. Den Daumen

herabdrückend, als wollte er einen Zweig abbrechen, schließt er

die Hand über dem Kopf enger zusammen und zieht und dreht.

Das Genick will nicht brechen, und die Taube kämpft, öffnet,

mit einem schwachen Keuchen, den Schnabel in seiner Faust.

Panisch schlägt sie sich einen Flügel frei, und als er versucht,

ihn wieder unter seine Finger zu bekommen, erhascht er einen

Blick auf die weit aufgerissenen Augen. Er schließt die eigenen

Augen, versucht es erneut, zieht mit Gewalt und wringt den Vogel

wie ein Geschirrtuch. Als er die Augen wieder öffnet, begreift er

erst nicht, warum seine Hände so weit auseinander sind, bis er

nach unten blickt, den kopflosen Körper sieht, und den dünnen

herauspumpenden Blutstrahl, der an die weiße Tünche der Wand

spritzt.

Er zuckt zurück, öffnet die Hand und lässt die geköpfte Taube

fallen. Einige Sekunden lang bewegt sich der Körper des Vogels

ruckartig und krampft, die Flügelspitzen ritzen im Staub. Der Kopf

liegt daneben, umgeben von einem dunklen Fleck, die Augen

klappen zweimal auf und zu, dann öffnet sich der Schnabel,

und es entweicht ein langes Zischen; kurz erscheint die dünne,

graurosa Zunge, dann sackt sie zurück, und die Augenlider

schließen sich und verflachen.

Im Stehen stupst er den Körper, dann den Kopf mit dem Schuh

gegen die Wand. Er sieht die leere Straße auf und ab, dann dreht

er sich um und betritt den Hof des Hotels, seine bespritzten Hände

vor sich haltend, wie ein Mensch, der seine Arme in eine Säure

getaucht hat und befürchtet, sich zu verbrennen, wenn er sich

berührt.

 

Abends schauen sie der Trauung ihrer beiden Freunde in einem

Landschlösschen zu. Die Braut trägt ein rotes Seidenkleid, das

sie selbst genäht hat, und immer wenn er sie anschaut, sieht

er den Blutspritzer an der weißen Wand vor sich. Während der

Zeremonie sitzen sie zusammen, halten Händchen, und vor dem

Hintergrund der Predigt des Priesters beschließt sie, selbst das

Ende herbeizuführen. Sie hat es satt zu warten, und obwohl sie

nichts sagt, weiß er Bescheid. So wie der Vogel den Unterschied

zwischen seinen tötenden und seinen sorgenden Händen spürte,

so spürt er die Veränderung in ihrer Umarmung. Nach dem Essen

im offenen Innenhof des Schlosses bleibt er an dem leeren Tisch

sitzen, überw.ltigt von ihrer Nachwirkung, während sie im Raum

gegenüber tanzt. Um ihn herum wirbeln die Kellner, zünden Kerzen

an, und genau im Torbogen des Eingangs geht die Sonne unter

und bringt die Bleiglasfenster der Kapelle zum Leuchten. Während

er zuschaut, wie sie tanzt und sich dreht, zwischen den Fenstern

und den Säulen, die den Innenhof umgeben, verschwindet

und wieder erscheint, rufen sich die Tauben auf den Dächern

gegenseitig etwas zu und fliegen in Schwärmen quer durch den

rechteckigen Ausschnitt des sich verdunkelnden Himmels über

ihm. Er schaut ihnen zu, und er staunt, wie nie zuvor, was für

wundersame Tiere sie sind. Über die Eleganz ihrer Sturzflüge,

und über die Zerbrechlichkeit ihres kleinen Lebens, das ihr feines

Knochengerüst enthält, das sich so leicht zerdrücken last.