Eine späte Ankunft in einem neuen Land. Es war ein Vergnügen,
das er als Kind zu schätzen gelernt hatte. Schlaftrunken auf
dem Rücksitz des elterlichen Autos, zusammengesackt in
einem Eisenbahnwaggon, die Stirn an das vibrierende Fenster
gelehnt. Dann, während die Koffer ausgeladen wurden – dunkle,
kubistische Skulpturen, die sich auf dem kühlem Asphalt
versammelten –, stieg er aus und sah sich das unbekannte
Ziel unterm Nachthimmel an. In der Ferne, verschwommen,
die Aussicht auf einen Strand. In der Nähe, etwas deutlicher,
ein dunkles Feld, vielleicht ein Pool oder ein Sandkasten. Die
tintenschwarzen Gebäudeblöcke vor dem nachtblauen Himmel.
Irgendwo das Geräusch des Meeres. Es waren diese Beinahe-
Ankünfte, die er mochte; unvollständig, bis sich morgens unter der
strahlenden Mittelmeersonne die Landschaft seiner Ferien in ihrer
ganzen Wahrhaftigkeit offenbarte.
Relikte dieser Empfindung spürt er auch jetzt, während er den
Vorhang zur Seite rafft und aus der Glastür des Hotels, über den
weißen Balkon, nach unten auf den Platz sieht. Frühmorgendliche
Kaffeetrinker sitzen unter Platanen, der Kies um sie herum
gesprenkelt vom Sonnenlicht, das durch die Blätter fällt. Schaut
er über die Bäume hinweg, sieht er einen weißen Turm mit einer
Uhr vor einem blauen Himmel, und dahinter, hangwärts, wie
übereinander gestapelt, magnolienfarbene, stuckverzierte Häuser.
Ohne den Blick zurück auf den Platz zu wenden, auf die Pullover
der Männer, die Halstücher der Frauen, weiß er, dass es trotz
blauem Himmel kühl ist. Ein Herbstmorgen, kein sommerlicher.
Den Vorhang noch immer mit der einen Hand gerafft, fasst er mit
der anderen die Türklinke und drückt sie nieder. Der Mechanismus
gibt mit einem dumpfen Geräusch nach und er öffnet die Tür,
gerade so weit, dass ein Luftzug hinein und der Lärm der
gurrenden und plusternden Tauben oben auf dem Dachgesims zu
ihm durchdringen kann.
Er wendet sich ihr zu. Ein Sonnenstrahl zerschneidet ihren Rücken,
das zerknitterte Laken, aber ihr Kopf liegt im Schatten des
Zimmers, und sie schläft noch. Seit einer Woche hatte er sie nicht
gesehen, als sie sich gestern Abend trafen. Er war geschäftlich
unterwegs gewesen, sie hatte in London gearbeitet. Beide waren
sie beruflich engagiert, und im Laufe der siebentägigen Trennung
hatte die Spannung zugenommen, wenn sie telefonierten. Es war
daher kein Wunder, dass er enttäuscht war. Sie nicht anzusehen
– in dieser Hinsicht wurde er nie enttäuscht –, und wie immer
bewunderte er sie auch diesmal, als sie durch das Gewimmel am
Flughafen ging, das dunkle Haar hinten zusammengebunden, wie
er es gern hatte, so dass der sehnige Hals Platz zum Atmen hatte.
Er hatte sie beobachtet, wie sie sich ihren Weg auf ihn zu bahnte,
Ausschau nach ihm hielt, und wieder war ihm aufgefallen, dass
sie die Blicke anderer Männer auf sich zog. Dann hatte sie ihn
gesehen, und er wusste umgehend, dass er enttäuscht sein
würde. Schon wappnete er sich, hoffte, dass ihre ersten Worte
freundlich ausfielen, sie ihm ihre Lippen darbot. Es war nicht
wie erhofft, sie hatte ihm nicht ihre Lippen dargeboten, und er
spürte den für das Wochenende sich abzeichnenden Riss dieses
brüchigen Anfangs, wie ein auf schwachem Fundament errichteter
Glaspalast. Es war ein Fehler seinerseits, das wusste er jetzt, aber
er konnte nichts dafür. Anfänge waren ihm wichtig. Erste Worte,
einleitende Sätze. Die Möglichkeiten, die sie in sich bargen. Sie
legten Muster fest, erzeugten komplizierte Schwingungen, die er
nicht abschütteln konnte; wie feine Haare, die in seinem Körper
wuchsen, die er spüren, aber nie berühren konnte.
Er sieht sie an. Sie weiß es, entnimmt es der Textur seiner
Geräusche. Den Pausen in der Bewegung. Ein Sonnenstrahl
ergießt sich über ihren Rücken, aber das warme Band fühlt sich
an wie sein Blick, der auf sie fällt. Sie weiß auch, an was er denkt.
Gestern Abend. Sie war müde, musste die letzte Konferenz
abkürzen. Die U-Bahn und der Zug waren voll, Leiber drückten
sich an Leiber, der Bürogeruch. Er hatte vergessen, ihr die
Flugnummer mitzuteilen. Sie fand nicht den richtigen Schalter. Sie
vertraute ihm nicht.
Dann der Flug. Keine Platzzuweisung, und ein frisch überlackiertes
Flugzeug, das offensichtlich zu alt war; die aufklappbaren
Aschenbecher in den Armlehnen. Die Turbulenzen zermürbten sie,
wie immer, und das wusste er, und trotzdem, sie weiß, dass er an
so etwas nie denkt.
Sie rührt sich, einerseits, um den Gedankenfluss zu unterbrechen,
andererseits, um ihm zu zeigen, dass sie wach ist. Sie spürt das
Gewicht seines Körpers auf der Bettkante, seine Hand, noch kalt
vom Luftzug am Fenster, auf ihrer Schulter.
„Wie spät ist es?“ Sie spricht ins Kissen hinein, leise,
mit geschlossenen Augen.
„Kurz nach acht.“
„Du bist schon früh auf.“
„Ich wollte einen Spaziergang machen, eine Zeitung besorgen.“
„Hm, das ist nett. Wie ist es draußen?“
„Angenehm. Kühl, glaube ich. Ich bin gleich wieder da.“
„Gut.“
Seine Finger lassen von ihr ab. „Ich liebe dich.“
„Hm, ich dich auch.“
Sie lauscht seinen Schritten auf dem Teppich, dem Rascheln
des Mantels, den er von der Stuhllehne nimmt, dem Schnapp,
Schwung, Schnapp der Tür, die geöffnet und wieder geschlossen
wird. Seine Schritte verhallen auf der Treppe, und sie dreht sich
um, seufzt, wendet den Kopf auf dem Kissen so weit, bis der
Sonnenstrahl ihr Gesicht erwischt und sie seine Wärme spürt,
plötzlich und glitzernd unter den geschlossenen Augenlidern.
Den Vogel sehen sie beim Verlassen des Hotels. Der Tag, der
so kühl begonnen hatte, hat zu einer satten Septemberwärme
gefunden, und die Trinker vorne auf dem Platz tragen jetzt T-Shirts
und leichte Kleider. Die beiden nehmen jedoch den Hinterausgang,
durch einen, von einer mattfarbenen Mauer eingefassten Hof in
eine ruhige, schmale Seitenstraße, die ausgebleicht in der grellen
Sonne liegt. Dort sehen sie die Taube.
„Ist sie tot?“
Als hätte er sie verstanden, hebt der Vogel einen
Flügel und zuckt Mitleid erregend in dem fahlen Staub.
„Wahrscheinlich von einem Auto angefahren“, sagt er, schaut
sich um, die schmale Hangstraße hinauf, zwischen den weiß
getünchten Häusern. Von weiter unten, am Fluss, hört er Autos,
und er kann sich die heißen, klebrigen Autositze vorstellen, den
dicken Benzindunst in der Hitze, doch hier oben sind keine Autos.
Sie nimmt die Sonnenbrille ab und geht zu dem Vogel.
„Ich glaube, der Flügel ist gebrochen.“
„Und ein Bein, so, wie es aussieht.“
Die Taube liegt auf der Seite, im Staub, regungslos, außer den
klimpernden Augenlidern
Sie sieht ihn an.
„Irgendwas müssen wir machen.“
Er sieht hinunter auf den Vogel. Die Federn am Hals sind violett
und blau, wie in einem Brennofen glasiert.
„Ich weiß nicht. Ich glaube, er ist so gut wie tot.“
Dennoch hebt er ihn auf, erstaunt, wie leicht er ist. Der Vogel
wehrt sich nicht, liegt lahm in seinen Händen. Er trägt ihn zum
Straßenrand, wo sich im flachen Rinnstein der Regen des
Vorabends gesammelt hat.
„Vielleicht braucht er nur etwas Wasser.“
Er legt ihn in Reichweite der Pfütze ab und bleibt stehen. Beide
blicken einen Moment lang auf ihn hinab. Ihm fällt auf, wie dünn
die roten Beine sind, ihr, wie die Federn sich überlappen, ein
Fächer aus Grau- und Weißtönen, die Farben des winterlichen
Meeres. Er berührt sie im Kreuz.
„Ich glaube, samstags machen die Geschäfte hier früher zu.“
Sie wenden sich von dem Vogel ab und gehen den Hang hinauf,
der sie, durch Seitenstraßen, ins Zentrum der kleinen Stadt führt.
Die Sonne brennt ihnen auf den Nacken; er blinzelt in dem grellen
Schein, und sie setzt sich die Sonnenbrille wieder auf die Nase.
Er möchte vor der Trauung picknicken. Bei seinem Spaziergang
hat er eine Stelle am gegenüberliegenden Flussufer entdeckt, die
ihm ideal dafür geeignet scheint. Schattig, weiches Gras, nicht von
der Sonne verbrannt. „Die perfekte Stelle“, hatte er zu ihr gesagt.
„Die perfekte Stelle.“
Bei ihrer Rückkehr tragen sie Plastiktüten, voll mit Einkäufen:
Käse, Schinken, Obst, eine Flasche Wein und zwei knusprige
Baguettes. Den ganzen Weg über, den Hang hinunter, Richtung
Hotel, behält er den regungslosen Körper der Taube im Blick.
„Sie ist tot“, sagt er, als er das Tor zum Hof aufmacht.
„Ja“, antwortet sie, eine Spur Erleichterung in der Stimme. „Ja.“
Der Rasen am Fluss ist nicht so weich, wie es vom anderen
Ufer aus den Anschein hatte, sondern stoppelig, stachelig
und erstaunlich steif. Er sticht in die Haut, durch seine
Baumwollhose und ihren Sommerrock hindurch. Die Sonne ist
höher gestiegen, seit er den Platz zum ersten Mal sah, und die
üppige Schattendecke hat sich zu einem dunklen Fetzen auf
dem abgeschabten Boden verkleinert. Der Korken zerbröselt in
der Flasche, und immer wieder lassen sich Fliegen, vom Wasser
angezogen, auf ihren Gesichtern und auf ihrem Hals nieder. Die
Luft riecht nach Autoabgasen.
Er weiß es nicht, aber es ist dieses Gras, das ihn an ihrer
gemeinsamen Liebe zweifeln lässt. Es hat seinen Entwurf, wie sein
Leben aussehen sollte, ins Wanken gebracht. Statt die Schuld
aufs Gras zu schieben, oder auf sich selbst, beschuldet er sie.
Während sie so in der Nachmittagssonne sitzen, stellt er sich,
wieder Mal, ein Parallelleben vor, in dem er hier an dieser Stelle mit
einer anderen Frau sitzt, mit der das stechende Gras, die Fliegen,
die unangenehme Hitze, der zerbröselte Korken nicht so viel
ausmachen würden. Und als sie sich an ihn lehnt, er die Unterseite
ihres Handgelenks streichelt, beschließt er, wie schon hunderte
Male zuvor, sich von ihr zu trennen, wohl wissend, dass er dazu
nie den Mut aufbringen wird.
Sie liegt mit geschlossenen Augen da, spürt seine Fingernägel
ihren Arm entlangstreichen, und wieder einmal weiß sie, was er
denkt. Sie hat gelernt, die Muster zu erkennen, die Ebben und
Fluten seiner Zuneigung, und im Laufe der Jahre die Gezeiten
zu registrieren, sie bestimmten Ereignissen zuzuordnen. Sie hat
sich zu einem Kartografen seiner Gefühle entwickelt, doch jetzt
zehrt die Arbeit, sie zu navigieren, sich in den Gewässern kundig
zu machen, an ihren Kräften. Das Geben und Nehmen. Die
drohende Flaute seiner Liebe. Seit einiger Zeit muss sie häufiger
an ein Interview denken, das sie mal im Fernsehen gesehen hat.
Eine befreite Geisel auf dem Sofa einer Frühstücksshow, über
seinem jetzt glatt rasierten Gesicht eingeblendet ein Foto von
ihm, zerzaust und mit Bart. Sie hatte auf der Bettkante gesessen,
ein Strumpfbein bis zum Schenkel hochgezogen, das andere wie
ein Handschuh um die Hand gewickelt, während der Mann dem
Talkshowmaster beschrieb, wie seine Wächter ihn jeden Morgen
nach draußen führten, um ihn zu exekutieren. Jeden Tag die
gleiche Prozedur – die Augen verbunden, die Hände gefesselt,
auf den Knien, in einem dreckigen Innenhof, das metallische
Klicken und Ratschen, wenn hinter seinem Kopf die Gewehrhähne
gespannt wurden. Und dann – nichts, nur in der Ferne das
unbestimmte Dröhnen und Gezänk des Stadtverkehrs. Alles auf
ein Ende ausgerichtet, das nie eintrat. Schließlich, so erklärte er,
zielte sein sehnlichster Wunsch auf den Dreh- und Angelpunkt
dieses immer wiederkehrenden Moments ab, auf jene kinetischen
Sekunden zwischen Leben und Tod. Danach wollte er nur noch
das Ende, keine Möglichkeit eines Aufschubs mehr, nur noch das
Ende, das nie kam.
Als sie ihm, am Tor zum Hof ihres Hotels, Grashalme von seinem
Rücken abwischt, sehen sie, dass sich der tote Vogel bewegt.
Zuerst glaubt er, es sei der Wind, der sich in den Federn verfängt.
Doch dann zuckt der Flügel erneut, und als er hingeht, klappen die
runzeligen grauen Augenlider um die winzigen schwarzen Perlen
auf.
Er bückte sich zu dem Vogel hinunter, spürt den Schweiß in seinen
Kniekehlen.
„Besser, ich töte ihn“, sagt er und sieht sie dabei nicht an.
Er vernimmt ihre Schritte durch den Hof, das Öffnen und Schließen
der Hoteltür. Dann ist es still. Es ist Nachmittag, die Autos parken
neben dem Fluss, und die Stadt schläft. Die Durchfahrtsstraße,
in der er hockt, erscheint ihm ungewöhnlich hell, das grelle
Sonnenlicht von den weiß getünchten Wänden reflektiert. Er
hebt die Taube hoch, die Hände um die Flügeln gelegt, und trägt
sie zur anderen Straßenseite, dorthin, wo die Wand im Schatten
liegt und über ihm, aus einem Blumenkasten mit Geranien, eine
Kletterpflanze herabhängt.
Er weiß, was er zu tun hat. Sein Großvater hat ihm als Junge
gezeigt, wie man Hühnern das Genick bricht, dennoch betrachtet
er lange den Vogel, wägt in Gedanken sein Leben ab. Schließlich
hebt er ihn wieder auf, aber umschließt die Flügel mit den
Händen zu langsam, und die Taube, die zuvor so lahm gewesen
war, flattert und kämpft, seine Absicht spürend, gegen ihn an.
Überrascht von der plötzlichen Energie, lässt er sie zu Boden
fallen; sie versucht, vor ihm davonzukriechen, knickt mit dem
gebrochenen Bein und dem gebrochenen Flügel immer wieder ein.
Wieder streckt er die Hände nach der Taube aus, hält sie diesmal
etwas entschlossener fest; und obwohl er spüren kann, wie sich
ihre feinen Muskelstränge unter seinen Fingern anspannen, bleibt
die Taube ruhig, ihr Kopf hängt lahm über seinen Fingerknöcheln.
Er legt den Zeigefinger seiner rechten Hand an ihre Kehle, den
Daumenballen hinten an den Hals; seine Finger sinken in die
Federn ein, bis sie sich beide Seiten des dünnen Rückgrats
ertastet haben. Ein Atemzittern rinnt unter seinen Fingern durch
die Kehle, während er seine andere Hand in einer losen Faust über
den Kopf stülpt, Schnabel und Augen bedeckend. Den Daumen
herabdrückend, als wollte er einen Zweig abbrechen, schließt er
die Hand über dem Kopf enger zusammen und zieht und dreht.
Das Genick will nicht brechen, und die Taube kämpft, öffnet,
mit einem schwachen Keuchen, den Schnabel in seiner Faust.
Panisch schlägt sie sich einen Flügel frei, und als er versucht,
ihn wieder unter seine Finger zu bekommen, erhascht er einen
Blick auf die weit aufgerissenen Augen. Er schließt die eigenen
Augen, versucht es erneut, zieht mit Gewalt und wringt den Vogel
wie ein Geschirrtuch. Als er die Augen wieder öffnet, begreift er
erst nicht, warum seine Hände so weit auseinander sind, bis er
nach unten blickt, den kopflosen Körper sieht, und den dünnen
herauspumpenden Blutstrahl, der an die weiße Tünche der Wand
spritzt.
Er zuckt zurück, öffnet die Hand und lässt die geköpfte Taube
fallen. Einige Sekunden lang bewegt sich der Körper des Vogels
ruckartig und krampft, die Flügelspitzen ritzen im Staub. Der Kopf
liegt daneben, umgeben von einem dunklen Fleck, die Augen
klappen zweimal auf und zu, dann öffnet sich der Schnabel,
und es entweicht ein langes Zischen; kurz erscheint die dünne,
graurosa Zunge, dann sackt sie zurück, und die Augenlider
schließen sich und verflachen.
Im Stehen stupst er den Körper, dann den Kopf mit dem Schuh
gegen die Wand. Er sieht die leere Straße auf und ab, dann dreht
er sich um und betritt den Hof des Hotels, seine bespritzten Hände
vor sich haltend, wie ein Mensch, der seine Arme in eine Säure
getaucht hat und befürchtet, sich zu verbrennen, wenn er sich
berührt.
Abends schauen sie der Trauung ihrer beiden Freunde in einem
Landschlösschen zu. Die Braut trägt ein rotes Seidenkleid, das
sie selbst genäht hat, und immer wenn er sie anschaut, sieht
er den Blutspritzer an der weißen Wand vor sich. Während der
Zeremonie sitzen sie zusammen, halten Händchen, und vor dem
Hintergrund der Predigt des Priesters beschließt sie, selbst das
Ende herbeizuführen. Sie hat es satt zu warten, und obwohl sie
nichts sagt, weiß er Bescheid. So wie der Vogel den Unterschied
zwischen seinen tötenden und seinen sorgenden Händen spürte,
so spürt er die Veränderung in ihrer Umarmung. Nach dem Essen
im offenen Innenhof des Schlosses bleibt er an dem leeren Tisch
sitzen, überw.ltigt von ihrer Nachwirkung, während sie im Raum
gegenüber tanzt. Um ihn herum wirbeln die Kellner, zünden Kerzen
an, und genau im Torbogen des Eingangs geht die Sonne unter
und bringt die Bleiglasfenster der Kapelle zum Leuchten. Während
er zuschaut, wie sie tanzt und sich dreht, zwischen den Fenstern
und den Säulen, die den Innenhof umgeben, verschwindet
und wieder erscheint, rufen sich die Tauben auf den Dächern
gegenseitig etwas zu und fliegen in Schwärmen quer durch den
rechteckigen Ausschnitt des sich verdunkelnden Himmels über
ihm. Er schaut ihnen zu, und er staunt, wie nie zuvor, was für
wundersame Tiere sie sind. Über die Eleganz ihrer Sturzflüge,
und über die Zerbrechlichkeit ihres kleinen Lebens, das ihr feines
Knochengerüst enthält, das sich so leicht zerdrücken last.