Richard John Evans

The Crescent


The Crescent hieß ein Wohnblock am Rand einer kleinen runden Stadt. Er

war lang, niedrig und orange gestrichen, und nahm eine von drei Straßen

begrenzte Insel ein. Älteren Bewohnern war noch im Gedächtnis, dass

The Crescent vor zwanzig Jahren in einem aufgegebenen Obstgarten

erbaut worden war. Manche erinnerten sich an ein Pferd oder Maultier,

das an einen Zaun angebunden war, andere an die überreifen Äpfel, die

im hohen Gras faulten. Trotz des beständig dröhnenden Verkehrs fanden

die meisten Bewohner – besonders die im dritten und vierten Stock

– The Crescent einen ruhigen Ort zum Leben. Zum Teil kam das daher,

weil zwischen The Crescent und dem Stadtzentrum eine Grünfläche

aus Feldern und hohen alten Bäumen lag. Ein zugiges Paradies für

Spaziergänger mit Hunden – in manchen Bereichen als Spielfeld

markiert, in anderen dem Wildwuchs überlassen – erstreckte es sich

als Parklandschaft bis zur alten Stadtmauer und dem Burggraben. An

Winterabenden funkelte durch die Zweige hier und da die Stadt hindurch

– die Lichter eines Bürohauses, eine Ecke des Sportstadions, die silberne

Kuppel des Universitätsobservatoriums. Im Sommer verdeckte das

Aufblühen der Eichen und Ulmen, Eschen, Buchen und Lärchen diesen

Anblick. Manchmal legte sich eine fast ländliche Stille über die Balkone

von The Crescent.

Zwei Gruppen von Menschen wohnten in The Crescent, ganz Alte und

ganz Junge. Viele Wohnungen beherbergten verwitwete Rentnerinnen,

deren Fernsehgeräte so deutlich zu hören waren, dass die Nachbarn

vorhersagen konnten, welche Sendung des Abendprogramms die alten

Damen sich wohl ansehen würden. Andere Wohnungen waren von

jungen Selbstständigen belegt, Alleinstehenden und Paaren. Die älteren

Nachbarn berichteten ihren Söhnen und Töchtern, wenn diese zu Besuch

waren, dass man die ganze Woche über keinen Ton von nebenan höre,

nur gelegentlich, an Samstagen, spät nachts, wummernde Musik, aber

das falle eigentlich nicht unangenehm auf, und außerdem sei schließlich

Samstag.

Im dritten Stock, in der Wohnung Nummer 32, wohnte Martin

Gardener. Bis vor kurzem war Martin im Auftrag des regionalen

Fremdenverkehrsverbunds damit beschäftigt, seine Stadt zu vermarkten

und zu promoten. Mit seinem Diplom in Touristik hatte er sich sehr darum

bemüht, etwas zu ergattern, das er als eine richtige ’Stelle’ bezeichnen

konnte, nicht bloß einen Job mit viel Papierkram. In seiner momentanen

Position musste Martin Ideen liefern, sich für sie stark machen und

ihre Ausführung überwachen. Eine internationale Lebensmittelmesse

im Kongresszentrum und ein siebentägiges gesamteuropäisches

Kunstfestival waren bisher Martins größte berufliche Erfolge. Er hatte

noch mehr Ideen im Kopf, aber in den vergangenen acht Monaten hatte er

nicht gearbeitet, denn er war krank.

Es war eines Morgens Anfang Mai vorletzten Jahres, als er gerade nach

seinem Wohnungsschlüssel kramte und die Wohnungsnummer aus

Messing sah, die ihn unnötigerweise an sein eigenes Alter erinnerte.

Müde lächelte er, schnupperte in der Luft und schob den Schlüssel ins

Schlüsselloch. Jemand briet sich etwas zum Frühstück. Martins Magen

gab ein komisches, fiependes Geräusch von sich. Aus den Augenwinkeln

sah er die Dame aus der Wohnung nebenan auf den düsteren

Treppenabsatz treten.

Der Hausflur war hier besonders breit, wie eine Ausweichstelle auf

einer Landstraße. Vor der Wohnung Nummer 31 fing ein Pfad mit

Zimmerpflanzen in gemusterten Töpfen an. Geranien, Storchschnabel

und Alpenveilchen, Usambaraveilchen, afrikanische Primeln und

Brandkraut kämpften um einen Platz; ihre Blätter berührten, die Farben

mischten sich. Die kleineren Töpfe drängten sich auf Fensterbänken und

Simsen, andere hingen von den blauen röhrenartigen Fensterrahmen

herab. An der breitesten Stelle des Absatzes passierten die Füße des

Heimkehrers drei große Übertöpfe auf dem Boden, orange, grün und blau,

ein Weihnachtskaktus, eine Yucca und ein Gummibaum. Sie saugten

das Nachmittagslicht durch die Fenster längs des Flurs. Zwischen

den Stämmen und den Blättern lugte der Mieterparkplatz hervor.

Der Pfad verlief vorbei an Martins Wohnung, wurde schmaler, wo der

Hausflur enger wurde, und endete an der Treppe der Nordseite, wo sich

abschließend ein Storaxbaum über den Feuerlöscher neigte. Bei dem

Raum, der Aussicht und den Pflanzen sagte sich Martin im Rhythmus der

wenigen letzten Schritte bis zur Tür im Geist immer Wörter wie „Terrasse“,

„botanischer Garten“ oder „Gewächshaus“ und „Baumgarten“ vor, und

einmal, als er angesäuselt von einem Mittagessen, das länger als erwartet

gedauert hatte, nach Hause kam, „Himmelsgarten“.

An den Namen seiner Nachbarin konnte er sich nicht mehr erinnern, aber

er glaubte, es wäre Grace oder Rose oder so ähnlich. Ein schimmernder

Blumendruck, die Ahnung einer kleinen blauen Gießkanne waren alles,

was er sah, bevor sich die Tür schloss.

Martin beobachtete die Katze, die in der engen Diele auf ihn zukam. Sie

hatte in der Küche Radio gehört, während er einkaufen war. Mit einem

Blick in den Raum sah er, dass sie seine kurze Abwesenheit dazu genutzt

hatte, ihr Geschäft zu erledigen, sauber, auf der Streu. Es war eine

Angewohnheit seiner schon etwas älteren aber taktvollen Katze. Sie kam

ihm ins Wohnzimmer nach.

Die Wohnungen in The Crescent gingen nach Osten, aber sehr hell waren

sie nicht. Jede verfügte über einen an das Wohnzimmer angehängten

kleinen Backsteinbalkon, überdacht mit einem braunen verschraubten

Stahlblech, bestens geeignet, um das Sonnenlicht abzuhalten. Ein

paar Strahlen verirrten sich ins Zimmer, die hinteren Wände jedoch

versanken in orangefarbenem Schatten. Mittags hatte die Sonne das

Haus überschritten, um den Rest des Tages auf der verdeckten Seite

unterzugehen, ihr Licht in die Hausflure und auf die geschlossenen Türen

verströmend.

Allerdings gab es, kurz nach der Dämmerung, eine knappe Stunde, in

der dasselbe Licht die Augen tatsächlich schmerzen konnte. Es war

ein seltsames Licht, wie Martin jetzt feststellte, als er neben seinem

Liegesessel stand, blinzelnd, die Plastikeinkaufstüten von der einen in die

andere Hand verlagernd. Statt die Wohnung mit einem warmen Glanz zu

überfluten, erschien das Licht wie unter Hochdruck hineingesprüht. Martin

musste an einen zahmen Wasserstrahl denken, der, durch eine enge

Öffnung gepreßt, zur Fontäne wird.

Martin gewöhnte sich daran, in das Licht zu schauen, den rechtwinkligen

Strahlen durch den Schleier aus blaugrauem Rauch zu folgen, durch

die Glasschiebetür nach draußen auf den Balkonkasten, über die Autos

hinweg, die an der Ampel der Verkehrsader jenseits des Holzzauns, der

Grenze von The Crescent, warteten, durch die Bäume, über die Bäume

bis hin zu den höheren Gebäuden der Stadt, den schmerzhaft glitzernden

Masten des Stadions, und, unmittelbar darüber, sich neigend, um sie mit

zitternden Fingern zu berühren, die Sonne.

Gegen den Sessel gelehnt fiel ihm auf, dass er genau an der gleichen

Stelle stand, von der aus er neulich seinen Vater und seinen Bruder dabei

zugeschaut hatte, wie sie dem kleinen Jack mit Whiskey zuprosteten.

Das war am vergangenen Dienstag gewesen, morgens, ungefähr um

diese Uhrzeit. Besuche von den beiden waren selten, von beiden

gleichzeitig noch nie da gewesen. Martins Vater und sein Bruder Andy

lagen seit Jahren im Streit und hatten, nach einem achtmonatigen

eisigen Schweigen, gerade erst wieder angefangen miteinander zu

reden. Entzündet hatte sich der Streit ursprünglich an einem gebrauchten

Wohnmobil, für dessen Kauf Dad seinem Sohn Andy Geld geliehen,

das dieser aber für Reparaturen am Haus ausgegeben hatte – genauer

gesagt, um die fehlgeschlagenen Reparaturen mit Rohrmöbeln und

weichen Vorlegern wiedergutzumachen; alles auf Drängen seiner Frau,

wie Dad meinte. Stets hatte er den Abenteuergeist seines jüngeren Sohn

bewundert und wollte ihn jetzt, da dieser Familienvater geworden war,

nicht untergehen sehen. Von da an setzte eine vorhersehbare Dynamik

ein, denn alle drei, Dad, Andy und Andys Frau, waren Hitzköpfe.

Andy hatte Jack mitgebracht, sie waren auf dem Weg zur Kinderkrippe.

Seine Frau Brenda befand sich auf einer Bustour zu einem Designer

Factory Outlet, knapp hundert Kilometer westlich, an der Autobahn.

Dad war auf seinem Weg zur Arbeit vorbeigekommen, um Martin einige

Formulare vorbeizubringen, damit er seine Berufsunfähigkeitsrente

beantragen konnte. Es war Dads zweiter Besuch seit Martins Diagnose,

Andy und Jack waren zum ersten Mal da. Es war, das wurde Martin klar,

seine Krankheit, die dieses Zusammentreffen von Dad und Andy möglich

gemacht hatte.

Nach einem zwanzigminütigen verlegenen Gespräch über die

Verkehrsverhältnisse, sah Dad Andy ein paar Sekunden lang schweigend

an und zog dann aus einer Seitentasche seines grünen Mantels eine

halbvolle Flasche Bell´s Whiskey und schlug vor, dass alle drei auf Jack

anstoßen sollten. Andy und Dad wechselten Blicke, zuerst verstohlen,

über den glucksenden Jack als passiven Mittler hinweg, dann auf

Augenhöhe. Martin erinnerte sie daran, dass ihm wegen seiner Krankheit

Alkohol verboten war, dann ging er in die Küche, wobei die Katze seinen

Weg kreuzte, und holte drei Gläser und einen Karton Apfelsaft. Er brachte

auch seine eigene ungeöffnete Flasche Whiskey mit, einen zehn Jahre

alten Single Malt.

„Aha, jetzt kommen die Schätze“, sagte Dad.

Dad goss den Whiskey ein, und er und Andy murmelten einige

anerkennende Worte über die Farbe und den Gehalt des Getränks. Dad

sagte den Trinkspruch, wünschte Jack Glück und Gesundheit im Leben,

und alle drei hoben ihr Glas. Den Apfelsaft trinkend, sah Martin seinem

Vater und seinem Bruder dabei zu, die den Abgang genossen. Eine stille

Sekunde lang blickten die beiden, die Lippen leicht geschürzt, an die

Decke. Hinter ihren Schultern, bemerkte Martin, wucherten die Pflanzen

um die weiß getünchte Wand herum, die seinen Balkon von dem seiner

Nachbarin Grace oder Rose trennte. Dünne grüne Locken wilden Weins

rankten herüber und berührten die Lenkergriffe seines verrostenden

Fahrrads.

Dad und Andy wendeten den Blick von der Decke und sahen sich an.

„Ein guter Tropfen“, seufzte Andy.

„Kann mal wohl sagen, kann man wohl sagen“, meinte Dad nickend.

Martin stand jetzt da, wo er seinerzeit auch gestanden hatte, nickte und

seufzte und stellte es sich in der Erinnerung vor. Durch die Wand war

deutlich der Fernseher seiner Nachbarin zu hören. Offenbar sah sie sich

gerade einen Film über Bergziegen an. Sie interessierte sich sehr für

Tierfilme, wie Martin hatte erfahren müssen.

Er schob die Glasschiebetür zur Seite, um Morgenluft und das Rauschen

des Berufsverkehrs hereinzulassen.

The Crescent war terrassenförmig angelegt, jeder Balkon ragte ein

bisschen weiter hervor als der darüber, wie ein Stufenturm. Mehrere Male

in der Vergangenheit, meistens spät nachts, wenn Freunde da waren,

hatte Martin sich dabei ertappt, wie ihm eine ausgedrückte Zigarette aus

der Hand fiel und auf dem verschraubten Zierrand des darunter liegenden

Balkons landete. Sein ihm unbekannter Nachbar von unten behandelte

Martins Zigaretten und die Asche stillschweigend und unauffällig. Keiner

von beiden hatte den anderen je bewusst gesehen, trotz der gerade mal

sieben Backsteine schmalen Lücke zwischen dem oberen Rand des einen

und dem unteren Rand des anderen Balkons. Martin brauchte sich nur

leicht vorzubeugen, um direkten Einblick auf den Balkon seines Nachbarn

nehmen zu können. Oft waren ihm die Zwiebeln aufgefallen, die in einem

Paar zerfetzter, mit Mutterboden gefüllter Schuhe auf dem Sims wuchsen.

Martin hatte schon daran gedacht, mal einen Zettel herunterflattern

zu lassen, sich bei seinem Nachbarn zu entschuldigen für seine

Zigaretteneskapaden, und für einen „Betriebsunfall“ vergangenes

Weihnachten, als er zu spät kam mit einer Schüssel für einen sehr guten

Freund, der sich übergeben hatte; aber er wusste, dass er es nicht

machen würde. Beide Männer bildeten sich ein, ihr Nachbar sei größer als

man selbst.

Irgendwo beschleunigte ein Auto zu stark, es hatte einen defekten

Auspuff. Als das krächzende Geräusch Martins Wohnung erreichte, durch

die Reise quer durch den Park gedämpft, war es nur noch ein schrulliges

Schnauben.

Auf dem Treppenabsatz wandte sich Camellia Jane-Beatty von ihren

Blumen ab. Ihre Wohnungstür, im Gegensatz zu Martins, hatte einen

Klopfer aus Messing, ein Pferdekopf im Profil, eingerahmt von einem

Hufeisen. Wenn die Tür geschlossen wurde, klapperte jedes Mal der

Klopfer, aber Camellia hörte das nie. Sie ging, langsam watschelnd und

mit den Pantoffeln schlurfend, durch den Wohnungsflur und brachte die

Gießkanne in die Küche. Camellias Gestalt im Profil ähnelte immer mehr

einem Fragezeichen. Eine einzelne widerspenstige weiße Krause erinnerte

an Camellias einstige blonde Lockenpracht, die ihr Mann Edward John,

schon seit sie Kinder gewesen waren, immer hatte anfassen müssen.

Wenn sie heute The Crescent verließ, zu seltenen Gelegenheiten, dann

roch ihr Bestimmungsort unweigerlich nach Desinfektionsmittel.

Die Tür stand sperrangelweit offen, und Camellia sah sich die Laube

an, die sie aus ihrem Balkon gemacht hatte. Ihr fiel der Tag wieder

ein, an dem ihr Nachbar, ein hübscher Junge, sich aus der Wohnung

ausgeschlossen hatte und Camellia gebeten hatte, ob er über ihren

Balkon hinunter zu seinem klettern dürfte. Natürlich war es gefährlich,

und die Mietervereinigung hätte es nicht gutgeheißen, aber der Junge

war sportlich, mit einem breiten Lachen, und Camellia hatte sich von dem

Abenteuer mitreißen lassen. Alles ging gut, und er war auf ein Glas Wein

bei ihr eingekehrt.

Jetzt wusste sie nicht mehr genau, wen sie zum Nachbarn hatte. Die

jungen Männer kamen und gingen, Camellia warf sie durcheinander,

aber nett waren sie alle. Und sehr ruhig, dachte sie, für einen Moment

geblendet von dem Sonnenlicht, das sich in den Messingpferden, die

die hintere Wand ihrer Wohnung schmückten, spiegelte. Man könnte

meinen, die Wohnung nebenan stünde leer, wenn nicht die seltsamen

Essensdünste wären. Anscheinend aß der Nachbar gerne Knoblauch.

Auf dem Treppenabsatz, wenn sie sich von ihren Pflanzen abwandte,

hatte Camellia auch schon Rosmarin und Basilikum gerochen, sogar den

merkwürdigen Duft von Kardamom und Kreuzkümmel. Komisch, wenn

sie so nachdachte, ein junger Mann, der sich fürs Kochen interessierte.

Camellias Mann, Edward John, hasste alles, was mit Küche zu tun hatte.

Camellia fiel auf, dass sie das alles schon eine Zeitlang nicht mehr

gerochen hatte. Letztes Jahr, erinnerte sie sich, waren es wohl Zimt und

Gewürznelken gewesen, und sie hatte überlegt, dass er Glühwein kochte.

Vielleicht war er ausgezogen.

An diesem Abend schlief Camellia in ihrem Sessel vor dem Fernseher

ein. Hinter ihr, die Lehne berührend, stand eine hoch gewachsene bunte

Schefflera mit geriffeltem Stamm und ausgeprägten, handförmigen

Blättern, die Anzeichen einer mineralischen Chlorose zeigten. Die

künstlichen Flammen des elektrischen Kaminfeuers warfen orangefarbene

Ovale an die Wände. Im Fernsehen ging eine Sendung über Antiquitäten

zu Ende, und es begann die Live-Übertragung eines Leichtathletik

wettbewerbs. Camellias Wohnung war vollgestopft mit Wandschmuck,

das meiste aus Messing, Kupfer und Nickel – Plaketten und Teller, mit

einem Dekor aus fein gearbeiteten, schmiedeeisernen Galeonen inmitten

verschlungener Wellen, außerdem Pferdedarstellungen, Wappenschilde,

Wappenröcke und Zinnkrüge. Zwischen all diesen Dingen und grün

glänzenden Blättern schnarchte Camellia und das Fernsehgerät plärrte.

Camellia fing an zu träumen. Das Paar über ihr hatte einen heftigen

Streit, er war sogar lauter als der wirkliche Streit vor einigen Monaten,

als Camellia überlegt hatte, ob sie die Polizei rufen sollte. Zunächst

nur verärgert, machte sich Camellia jetzt Sorgen um die Frau, deren

Schreie von Wutschreien zur Schmerzensschreien übergingen. Sie

eilte in den Hausflur, lächelte dem hübschen Jungen zu, der an den

Blüten ihrer Sonnenblumen roch; er hob sein Glas auf Camellia. Auf

den Fensterscheiben hinter ihm dehnten sich weiße, gelbe und rote

Spiegelungen aus.

Die Tür zur Wohnung Nummer 41 stand offen, und Camellia schaute

hinein. In dem Moment, als sie den Fuß in den Hausflur im vierten Stock

setzte, hatte der Streit aufgehört. Jetzt vernahm sie die Stimmen von

Männern, die leise miteinander sprachen. Von der Diele aus konnte sie ins

Wohnzimmer blicken. In einem Sessel saß ihr Mann Edward John, neben

dem Fenster stand ihr Bruder Dominic. Ruhig hörte Camellia ihnen zu.

„Das kommt, weil sich nach deinem Tod viel geändert hat“, sagte Dominic

zu Edward John. „Das Haus war ihr zu groß und zu finster geworden. Sie

konnte nicht einfach so weiterleben wie vorher.“

Edward John nickte, auf eine Weise, die ihr sehr vertraut war, langsam,

die Augen gesenkt, und eine bestimmte Falte erschien auf der Stirn.

Camellia blinzelte. Sie verband seine Geste mit einem Gefühl des Mitleids,

mit Momenten in der Vergangenheit, wenn John von einer traurigen

Geschichte im Leben eines anderen Menschen gehört hatte, er den Blick

senkte, nickte, bevor er praktische Hilfe, oft finanzieller Art, angeboten

hatte.

„Als Hilary und ich heirateten, bat ich Camellia herzukommen, in die

Nähe zu ziehen, deswegen hat sie das Haus verkauft, und wir haben eine

hübsche Wohnung für sie gefunden“, sagte Dominic.

„Aber warum Wales?“ fragte Edward stirnrunzelnd. „Wir kennen doch

keine Menschenseele in Wales.“

Camellia schmunzelte über seine direkte Art.

„Hilary stammt aus Wales, und sie wollte in der Nähe ihres Vaters und

ihrer Mutter bleiben, die allmählich älter werden“, sagte Dominic. „Wir

sind jeden Tag rausgefahren zu Camellia, entweder Hilary oder ich. Sie

war glücklich. Sie hatte dein altes Hobby übernommen, die Gärtnerei –

natürlich nur beschränkt auf Topfpflanzen und Blumenkästen, kein Garten

oder Gewächshaus.“

Camellia musste an den großen Garten auf der Rückseite des alten

Hauses denken, daran, wie sie Edward, in Gummihandschuhen, Tee und

Brötchen brachte, um seinen Rasentrimmer herum brummten die Bienen.

Ihr Bruder Dominic war an einem Herzinfarkt gestorben, anderthalb

Jahre nachdem Camellia in The Crescent eingezogen war. Hilary kam

immer seltener zu Besuch, vollauf mit der Pflege ihrer Eltern beschäftigt,

die schließlich starben, dann zog sie ihrer Arbeitsstelle hinterher nach

England. Camellia fand nicht, dass Dominic sich bei Edward John

für irgendetwas entschuldigen müsste, und sie überlegte, ob sie ins

Wohnzimmer gehen und die beiden Männer zur Rede stellen sollte. Sie

kam zu sich und sah, steif im Nacken, einem Mann in gelben Shorts dabei

zu, wie er einen Speer warf – die Sendung über Antiquitäten war längst zu

Ende.

Martin, in der Wohnung nebenan, hörte, wie der Streit oben seinen Lauf

nahm, aber er kam zu dem Schluss, dass den beiden Streithähnen

nicht mehr viel Ausdauer beschieden war. Die Bassstimme ging über

von durchdringend zu abgehackt und versickerte schließlich in einem

gelegentlichen Grunzen. Der Sopran hatte sich offenbar in einem

anderen Teil der Wohnung eingeschlossen, und sein Diminuendo wurde

noch stärker gedämpft. Jetzt dominierte wieder der Lärm von nebenan,

irgendeine Sportsendung. Es war unbedeutendes Geplänkel, verglichen

mit dem Streit vor ein paar Monaten, als er überlegt hatte, die Polizei zu

rufen, oder wenigstens einen Vertreter der Mietervereinigung. Der Streit

hatte fast zwei Stunden gedauert. In der Endphase war die Stimme der

Frau ganz verstummt, während der Mann in ein düsteres Poltern verfallen

war, unterbrochen von Schluchzen, und Martin hatte schon den Verdacht,

dass der Mann die Frau vielleicht ermordet hatte. Der Gedanke war

jedoch zu abwegig, um ihn ernst zu nehmen, und er versuchte wieder zu

schlafen. Das machte er jetzt, als er Camellias Fernseher hörte, ebenfalls;

aus dem Vokalbrei heraus formten sich einzelne Wörter, zunehmend

absurd und unangemessen für einen Sportkommentar. Die Katze in der

Küche steckte den Kopf zwischen die Vorhänge und schaute hinunter

auf den angestrahlten Garten, den zweistämmigen Eichenbaum und

die beiden Holzbänke. Die Katze sah eine Bewegung dort unten und

duckte sich, lauerte. Aus den Büschen hinter dem Zaun tauchte ein

langer, geschmeidiger Fuchs hervor. Die Barthaare der Katze bebten. Sie

beobachtete, wie der Fuchs ins Licht trat, nach links und rechts schaute

und, die Luft schnuppernd, wieder in die Dunkelheit zurückwich.