The Crescent hieß ein Wohnblock am Rand einer kleinen runden Stadt. Er
war lang, niedrig und orange gestrichen, und nahm eine von drei Straßen
begrenzte Insel ein. Älteren Bewohnern war noch im Gedächtnis, dass
The Crescent vor zwanzig Jahren in einem aufgegebenen Obstgarten
erbaut worden war. Manche erinnerten sich an ein Pferd oder Maultier,
das an einen Zaun angebunden war, andere an die überreifen Äpfel, die
im hohen Gras faulten. Trotz des beständig dröhnenden Verkehrs fanden
die meisten Bewohner – besonders die im dritten und vierten Stock
– The Crescent einen ruhigen Ort zum Leben. Zum Teil kam das daher,
weil zwischen The Crescent und dem Stadtzentrum eine Grünfläche
aus Feldern und hohen alten Bäumen lag. Ein zugiges Paradies für
Spaziergänger mit Hunden – in manchen Bereichen als Spielfeld
markiert, in anderen dem Wildwuchs überlassen – erstreckte es sich
als Parklandschaft bis zur alten Stadtmauer und dem Burggraben. An
Winterabenden funkelte durch die Zweige hier und da die Stadt hindurch
– die Lichter eines Bürohauses, eine Ecke des Sportstadions, die silberne
Kuppel des Universitätsobservatoriums. Im Sommer verdeckte das
Aufblühen der Eichen und Ulmen, Eschen, Buchen und Lärchen diesen
Anblick. Manchmal legte sich eine fast ländliche Stille über die Balkone
von The Crescent.
Zwei Gruppen von Menschen wohnten in The Crescent, ganz Alte und
ganz Junge. Viele Wohnungen beherbergten verwitwete Rentnerinnen,
deren Fernsehgeräte so deutlich zu hören waren, dass die Nachbarn
vorhersagen konnten, welche Sendung des Abendprogramms die alten
Damen sich wohl ansehen würden. Andere Wohnungen waren von
jungen Selbstständigen belegt, Alleinstehenden und Paaren. Die älteren
Nachbarn berichteten ihren Söhnen und Töchtern, wenn diese zu Besuch
waren, dass man die ganze Woche über keinen Ton von nebenan höre,
nur gelegentlich, an Samstagen, spät nachts, wummernde Musik, aber
das falle eigentlich nicht unangenehm auf, und außerdem sei schließlich
Samstag.
Im dritten Stock, in der Wohnung Nummer 32, wohnte Martin
Gardener. Bis vor kurzem war Martin im Auftrag des regionalen
Fremdenverkehrsverbunds damit beschäftigt, seine Stadt zu vermarkten
und zu promoten. Mit seinem Diplom in Touristik hatte er sich sehr darum
bemüht, etwas zu ergattern, das er als eine richtige ’Stelle’ bezeichnen
konnte, nicht bloß einen Job mit viel Papierkram. In seiner momentanen
Position musste Martin Ideen liefern, sich für sie stark machen und
ihre Ausführung überwachen. Eine internationale Lebensmittelmesse
im Kongresszentrum und ein siebentägiges gesamteuropäisches
Kunstfestival waren bisher Martins größte berufliche Erfolge. Er hatte
noch mehr Ideen im Kopf, aber in den vergangenen acht Monaten hatte er
nicht gearbeitet, denn er war krank.
Es war eines Morgens Anfang Mai vorletzten Jahres, als er gerade nach
seinem Wohnungsschlüssel kramte und die Wohnungsnummer aus
Messing sah, die ihn unnötigerweise an sein eigenes Alter erinnerte.
Müde lächelte er, schnupperte in der Luft und schob den Schlüssel ins
Schlüsselloch. Jemand briet sich etwas zum Frühstück. Martins Magen
gab ein komisches, fiependes Geräusch von sich. Aus den Augenwinkeln
sah er die Dame aus der Wohnung nebenan auf den düsteren
Treppenabsatz treten.
Der Hausflur war hier besonders breit, wie eine Ausweichstelle auf
einer Landstraße. Vor der Wohnung Nummer 31 fing ein Pfad mit
Zimmerpflanzen in gemusterten Töpfen an. Geranien, Storchschnabel
und Alpenveilchen, Usambaraveilchen, afrikanische Primeln und
Brandkraut kämpften um einen Platz; ihre Blätter berührten, die Farben
mischten sich. Die kleineren Töpfe drängten sich auf Fensterbänken und
Simsen, andere hingen von den blauen röhrenartigen Fensterrahmen
herab. An der breitesten Stelle des Absatzes passierten die Füße des
Heimkehrers drei große Übertöpfe auf dem Boden, orange, grün und blau,
ein Weihnachtskaktus, eine Yucca und ein Gummibaum. Sie saugten
das Nachmittagslicht durch die Fenster längs des Flurs. Zwischen
den Stämmen und den Blättern lugte der Mieterparkplatz hervor.
Der Pfad verlief vorbei an Martins Wohnung, wurde schmaler, wo der
Hausflur enger wurde, und endete an der Treppe der Nordseite, wo sich
abschließend ein Storaxbaum über den Feuerlöscher neigte. Bei dem
Raum, der Aussicht und den Pflanzen sagte sich Martin im Rhythmus der
wenigen letzten Schritte bis zur Tür im Geist immer Wörter wie „Terrasse“,
„botanischer Garten“ oder „Gewächshaus“ und „Baumgarten“ vor, und
einmal, als er angesäuselt von einem Mittagessen, das länger als erwartet
gedauert hatte, nach Hause kam, „Himmelsgarten“.
An den Namen seiner Nachbarin konnte er sich nicht mehr erinnern, aber
er glaubte, es wäre Grace oder Rose oder so ähnlich. Ein schimmernder
Blumendruck, die Ahnung einer kleinen blauen Gießkanne waren alles,
was er sah, bevor sich die Tür schloss.
Martin beobachtete die Katze, die in der engen Diele auf ihn zukam. Sie
hatte in der Küche Radio gehört, während er einkaufen war. Mit einem
Blick in den Raum sah er, dass sie seine kurze Abwesenheit dazu genutzt
hatte, ihr Geschäft zu erledigen, sauber, auf der Streu. Es war eine
Angewohnheit seiner schon etwas älteren aber taktvollen Katze. Sie kam
ihm ins Wohnzimmer nach.
Die Wohnungen in The Crescent gingen nach Osten, aber sehr hell waren
sie nicht. Jede verfügte über einen an das Wohnzimmer angehängten
kleinen Backsteinbalkon, überdacht mit einem braunen verschraubten
Stahlblech, bestens geeignet, um das Sonnenlicht abzuhalten. Ein
paar Strahlen verirrten sich ins Zimmer, die hinteren Wände jedoch
versanken in orangefarbenem Schatten. Mittags hatte die Sonne das
Haus überschritten, um den Rest des Tages auf der verdeckten Seite
unterzugehen, ihr Licht in die Hausflure und auf die geschlossenen Türen
verströmend.
Allerdings gab es, kurz nach der Dämmerung, eine knappe Stunde, in
der dasselbe Licht die Augen tatsächlich schmerzen konnte. Es war
ein seltsames Licht, wie Martin jetzt feststellte, als er neben seinem
Liegesessel stand, blinzelnd, die Plastikeinkaufstüten von der einen in die
andere Hand verlagernd. Statt die Wohnung mit einem warmen Glanz zu
überfluten, erschien das Licht wie unter Hochdruck hineingesprüht. Martin
musste an einen zahmen Wasserstrahl denken, der, durch eine enge
Öffnung gepreßt, zur Fontäne wird.
Martin gewöhnte sich daran, in das Licht zu schauen, den rechtwinkligen
Strahlen durch den Schleier aus blaugrauem Rauch zu folgen, durch
die Glasschiebetür nach draußen auf den Balkonkasten, über die Autos
hinweg, die an der Ampel der Verkehrsader jenseits des Holzzauns, der
Grenze von The Crescent, warteten, durch die Bäume, über die Bäume
bis hin zu den höheren Gebäuden der Stadt, den schmerzhaft glitzernden
Masten des Stadions, und, unmittelbar darüber, sich neigend, um sie mit
zitternden Fingern zu berühren, die Sonne.
Gegen den Sessel gelehnt fiel ihm auf, dass er genau an der gleichen
Stelle stand, von der aus er neulich seinen Vater und seinen Bruder dabei
zugeschaut hatte, wie sie dem kleinen Jack mit Whiskey zuprosteten.
Das war am vergangenen Dienstag gewesen, morgens, ungefähr um
diese Uhrzeit. Besuche von den beiden waren selten, von beiden
gleichzeitig noch nie da gewesen. Martins Vater und sein Bruder Andy
lagen seit Jahren im Streit und hatten, nach einem achtmonatigen
eisigen Schweigen, gerade erst wieder angefangen miteinander zu
reden. Entzündet hatte sich der Streit ursprünglich an einem gebrauchten
Wohnmobil, für dessen Kauf Dad seinem Sohn Andy Geld geliehen,
das dieser aber für Reparaturen am Haus ausgegeben hatte – genauer
gesagt, um die fehlgeschlagenen Reparaturen mit Rohrmöbeln und
weichen Vorlegern wiedergutzumachen; alles auf Drängen seiner Frau,
wie Dad meinte. Stets hatte er den Abenteuergeist seines jüngeren Sohn
bewundert und wollte ihn jetzt, da dieser Familienvater geworden war,
nicht untergehen sehen. Von da an setzte eine vorhersehbare Dynamik
ein, denn alle drei, Dad, Andy und Andys Frau, waren Hitzköpfe.
Andy hatte Jack mitgebracht, sie waren auf dem Weg zur Kinderkrippe.
Seine Frau Brenda befand sich auf einer Bustour zu einem Designer
Factory Outlet, knapp hundert Kilometer westlich, an der Autobahn.
Dad war auf seinem Weg zur Arbeit vorbeigekommen, um Martin einige
Formulare vorbeizubringen, damit er seine Berufsunfähigkeitsrente
beantragen konnte. Es war Dads zweiter Besuch seit Martins Diagnose,
Andy und Jack waren zum ersten Mal da. Es war, das wurde Martin klar,
seine Krankheit, die dieses Zusammentreffen von Dad und Andy möglich
gemacht hatte.
Nach einem zwanzigminütigen verlegenen Gespräch über die
Verkehrsverhältnisse, sah Dad Andy ein paar Sekunden lang schweigend
an und zog dann aus einer Seitentasche seines grünen Mantels eine
halbvolle Flasche Bell´s Whiskey und schlug vor, dass alle drei auf Jack
anstoßen sollten. Andy und Dad wechselten Blicke, zuerst verstohlen,
über den glucksenden Jack als passiven Mittler hinweg, dann auf
Augenhöhe. Martin erinnerte sie daran, dass ihm wegen seiner Krankheit
Alkohol verboten war, dann ging er in die Küche, wobei die Katze seinen
Weg kreuzte, und holte drei Gläser und einen Karton Apfelsaft. Er brachte
auch seine eigene ungeöffnete Flasche Whiskey mit, einen zehn Jahre
alten Single Malt.
„Aha, jetzt kommen die Schätze“, sagte Dad.
Dad goss den Whiskey ein, und er und Andy murmelten einige
anerkennende Worte über die Farbe und den Gehalt des Getränks. Dad
sagte den Trinkspruch, wünschte Jack Glück und Gesundheit im Leben,
und alle drei hoben ihr Glas. Den Apfelsaft trinkend, sah Martin seinem
Vater und seinem Bruder dabei zu, die den Abgang genossen. Eine stille
Sekunde lang blickten die beiden, die Lippen leicht geschürzt, an die
Decke. Hinter ihren Schultern, bemerkte Martin, wucherten die Pflanzen
um die weiß getünchte Wand herum, die seinen Balkon von dem seiner
Nachbarin Grace oder Rose trennte. Dünne grüne Locken wilden Weins
rankten herüber und berührten die Lenkergriffe seines verrostenden
Fahrrads.
Dad und Andy wendeten den Blick von der Decke und sahen sich an.
„Ein guter Tropfen“, seufzte Andy.
„Kann mal wohl sagen, kann man wohl sagen“, meinte Dad nickend.
Martin stand jetzt da, wo er seinerzeit auch gestanden hatte, nickte und
seufzte und stellte es sich in der Erinnerung vor. Durch die Wand war
deutlich der Fernseher seiner Nachbarin zu hören. Offenbar sah sie sich
gerade einen Film über Bergziegen an. Sie interessierte sich sehr für
Tierfilme, wie Martin hatte erfahren müssen.
Er schob die Glasschiebetür zur Seite, um Morgenluft und das Rauschen
des Berufsverkehrs hereinzulassen.
The Crescent war terrassenförmig angelegt, jeder Balkon ragte ein
bisschen weiter hervor als der darüber, wie ein Stufenturm. Mehrere Male
in der Vergangenheit, meistens spät nachts, wenn Freunde da waren,
hatte Martin sich dabei ertappt, wie ihm eine ausgedrückte Zigarette aus
der Hand fiel und auf dem verschraubten Zierrand des darunter liegenden
Balkons landete. Sein ihm unbekannter Nachbar von unten behandelte
Martins Zigaretten und die Asche stillschweigend und unauffällig. Keiner
von beiden hatte den anderen je bewusst gesehen, trotz der gerade mal
sieben Backsteine schmalen Lücke zwischen dem oberen Rand des einen
und dem unteren Rand des anderen Balkons. Martin brauchte sich nur
leicht vorzubeugen, um direkten Einblick auf den Balkon seines Nachbarn
nehmen zu können. Oft waren ihm die Zwiebeln aufgefallen, die in einem
Paar zerfetzter, mit Mutterboden gefüllter Schuhe auf dem Sims wuchsen.
Martin hatte schon daran gedacht, mal einen Zettel herunterflattern
zu lassen, sich bei seinem Nachbarn zu entschuldigen für seine
Zigaretteneskapaden, und für einen „Betriebsunfall“ vergangenes
Weihnachten, als er zu spät kam mit einer Schüssel für einen sehr guten
Freund, der sich übergeben hatte; aber er wusste, dass er es nicht
machen würde. Beide Männer bildeten sich ein, ihr Nachbar sei größer als
man selbst.
Irgendwo beschleunigte ein Auto zu stark, es hatte einen defekten
Auspuff. Als das krächzende Geräusch Martins Wohnung erreichte, durch
die Reise quer durch den Park gedämpft, war es nur noch ein schrulliges
Schnauben.
Auf dem Treppenabsatz wandte sich Camellia Jane-Beatty von ihren
Blumen ab. Ihre Wohnungstür, im Gegensatz zu Martins, hatte einen
Klopfer aus Messing, ein Pferdekopf im Profil, eingerahmt von einem
Hufeisen. Wenn die Tür geschlossen wurde, klapperte jedes Mal der
Klopfer, aber Camellia hörte das nie. Sie ging, langsam watschelnd und
mit den Pantoffeln schlurfend, durch den Wohnungsflur und brachte die
Gießkanne in die Küche. Camellias Gestalt im Profil ähnelte immer mehr
einem Fragezeichen. Eine einzelne widerspenstige weiße Krause erinnerte
an Camellias einstige blonde Lockenpracht, die ihr Mann Edward John,
schon seit sie Kinder gewesen waren, immer hatte anfassen müssen.
Wenn sie heute The Crescent verließ, zu seltenen Gelegenheiten, dann
roch ihr Bestimmungsort unweigerlich nach Desinfektionsmittel.
Die Tür stand sperrangelweit offen, und Camellia sah sich die Laube
an, die sie aus ihrem Balkon gemacht hatte. Ihr fiel der Tag wieder
ein, an dem ihr Nachbar, ein hübscher Junge, sich aus der Wohnung
ausgeschlossen hatte und Camellia gebeten hatte, ob er über ihren
Balkon hinunter zu seinem klettern dürfte. Natürlich war es gefährlich,
und die Mietervereinigung hätte es nicht gutgeheißen, aber der Junge
war sportlich, mit einem breiten Lachen, und Camellia hatte sich von dem
Abenteuer mitreißen lassen. Alles ging gut, und er war auf ein Glas Wein
bei ihr eingekehrt.
Jetzt wusste sie nicht mehr genau, wen sie zum Nachbarn hatte. Die
jungen Männer kamen und gingen, Camellia warf sie durcheinander,
aber nett waren sie alle. Und sehr ruhig, dachte sie, für einen Moment
geblendet von dem Sonnenlicht, das sich in den Messingpferden, die
die hintere Wand ihrer Wohnung schmückten, spiegelte. Man könnte
meinen, die Wohnung nebenan stünde leer, wenn nicht die seltsamen
Essensdünste wären. Anscheinend aß der Nachbar gerne Knoblauch.
Auf dem Treppenabsatz, wenn sie sich von ihren Pflanzen abwandte,
hatte Camellia auch schon Rosmarin und Basilikum gerochen, sogar den
merkwürdigen Duft von Kardamom und Kreuzkümmel. Komisch, wenn
sie so nachdachte, ein junger Mann, der sich fürs Kochen interessierte.
Camellias Mann, Edward John, hasste alles, was mit Küche zu tun hatte.
Camellia fiel auf, dass sie das alles schon eine Zeitlang nicht mehr
gerochen hatte. Letztes Jahr, erinnerte sie sich, waren es wohl Zimt und
Gewürznelken gewesen, und sie hatte überlegt, dass er Glühwein kochte.
Vielleicht war er ausgezogen.
An diesem Abend schlief Camellia in ihrem Sessel vor dem Fernseher
ein. Hinter ihr, die Lehne berührend, stand eine hoch gewachsene bunte
Schefflera mit geriffeltem Stamm und ausgeprägten, handförmigen
Blättern, die Anzeichen einer mineralischen Chlorose zeigten. Die
künstlichen Flammen des elektrischen Kaminfeuers warfen orangefarbene
Ovale an die Wände. Im Fernsehen ging eine Sendung über Antiquitäten
zu Ende, und es begann die Live-Übertragung eines Leichtathletik
wettbewerbs. Camellias Wohnung war vollgestopft mit Wandschmuck,
das meiste aus Messing, Kupfer und Nickel – Plaketten und Teller, mit
einem Dekor aus fein gearbeiteten, schmiedeeisernen Galeonen inmitten
verschlungener Wellen, außerdem Pferdedarstellungen, Wappenschilde,
Wappenröcke und Zinnkrüge. Zwischen all diesen Dingen und grün
glänzenden Blättern schnarchte Camellia und das Fernsehgerät plärrte.
Camellia fing an zu träumen. Das Paar über ihr hatte einen heftigen
Streit, er war sogar lauter als der wirkliche Streit vor einigen Monaten,
als Camellia überlegt hatte, ob sie die Polizei rufen sollte. Zunächst
nur verärgert, machte sich Camellia jetzt Sorgen um die Frau, deren
Schreie von Wutschreien zur Schmerzensschreien übergingen. Sie
eilte in den Hausflur, lächelte dem hübschen Jungen zu, der an den
Blüten ihrer Sonnenblumen roch; er hob sein Glas auf Camellia. Auf
den Fensterscheiben hinter ihm dehnten sich weiße, gelbe und rote
Spiegelungen aus.
Die Tür zur Wohnung Nummer 41 stand offen, und Camellia schaute
hinein. In dem Moment, als sie den Fuß in den Hausflur im vierten Stock
setzte, hatte der Streit aufgehört. Jetzt vernahm sie die Stimmen von
Männern, die leise miteinander sprachen. Von der Diele aus konnte sie ins
Wohnzimmer blicken. In einem Sessel saß ihr Mann Edward John, neben
dem Fenster stand ihr Bruder Dominic. Ruhig hörte Camellia ihnen zu.
„Das kommt, weil sich nach deinem Tod viel geändert hat“, sagte Dominic
zu Edward John. „Das Haus war ihr zu groß und zu finster geworden. Sie
konnte nicht einfach so weiterleben wie vorher.“
Edward John nickte, auf eine Weise, die ihr sehr vertraut war, langsam,
die Augen gesenkt, und eine bestimmte Falte erschien auf der Stirn.
Camellia blinzelte. Sie verband seine Geste mit einem Gefühl des Mitleids,
mit Momenten in der Vergangenheit, wenn John von einer traurigen
Geschichte im Leben eines anderen Menschen gehört hatte, er den Blick
senkte, nickte, bevor er praktische Hilfe, oft finanzieller Art, angeboten
hatte.
„Als Hilary und ich heirateten, bat ich Camellia herzukommen, in die
Nähe zu ziehen, deswegen hat sie das Haus verkauft, und wir haben eine
hübsche Wohnung für sie gefunden“, sagte Dominic.
„Aber warum Wales?“ fragte Edward stirnrunzelnd. „Wir kennen doch
keine Menschenseele in Wales.“
Camellia schmunzelte über seine direkte Art.
„Hilary stammt aus Wales, und sie wollte in der Nähe ihres Vaters und
ihrer Mutter bleiben, die allmählich älter werden“, sagte Dominic. „Wir
sind jeden Tag rausgefahren zu Camellia, entweder Hilary oder ich. Sie
war glücklich. Sie hatte dein altes Hobby übernommen, die Gärtnerei –
natürlich nur beschränkt auf Topfpflanzen und Blumenkästen, kein Garten
oder Gewächshaus.“
Camellia musste an den großen Garten auf der Rückseite des alten
Hauses denken, daran, wie sie Edward, in Gummihandschuhen, Tee und
Brötchen brachte, um seinen Rasentrimmer herum brummten die Bienen.
Ihr Bruder Dominic war an einem Herzinfarkt gestorben, anderthalb
Jahre nachdem Camellia in The Crescent eingezogen war. Hilary kam
immer seltener zu Besuch, vollauf mit der Pflege ihrer Eltern beschäftigt,
die schließlich starben, dann zog sie ihrer Arbeitsstelle hinterher nach
England. Camellia fand nicht, dass Dominic sich bei Edward John
für irgendetwas entschuldigen müsste, und sie überlegte, ob sie ins
Wohnzimmer gehen und die beiden Männer zur Rede stellen sollte. Sie
kam zu sich und sah, steif im Nacken, einem Mann in gelben Shorts dabei
zu, wie er einen Speer warf – die Sendung über Antiquitäten war längst zu
Ende.
Martin, in der Wohnung nebenan, hörte, wie der Streit oben seinen Lauf
nahm, aber er kam zu dem Schluss, dass den beiden Streithähnen
nicht mehr viel Ausdauer beschieden war. Die Bassstimme ging über
von durchdringend zu abgehackt und versickerte schließlich in einem
gelegentlichen Grunzen. Der Sopran hatte sich offenbar in einem
anderen Teil der Wohnung eingeschlossen, und sein Diminuendo wurde
noch stärker gedämpft. Jetzt dominierte wieder der Lärm von nebenan,
irgendeine Sportsendung. Es war unbedeutendes Geplänkel, verglichen
mit dem Streit vor ein paar Monaten, als er überlegt hatte, die Polizei zu
rufen, oder wenigstens einen Vertreter der Mietervereinigung. Der Streit
hatte fast zwei Stunden gedauert. In der Endphase war die Stimme der
Frau ganz verstummt, während der Mann in ein düsteres Poltern verfallen
war, unterbrochen von Schluchzen, und Martin hatte schon den Verdacht,
dass der Mann die Frau vielleicht ermordet hatte. Der Gedanke war
jedoch zu abwegig, um ihn ernst zu nehmen, und er versuchte wieder zu
schlafen. Das machte er jetzt, als er Camellias Fernseher hörte, ebenfalls;
aus dem Vokalbrei heraus formten sich einzelne Wörter, zunehmend
absurd und unangemessen für einen Sportkommentar. Die Katze in der
Küche steckte den Kopf zwischen die Vorhänge und schaute hinunter
auf den angestrahlten Garten, den zweistämmigen Eichenbaum und
die beiden Holzbänke. Die Katze sah eine Bewegung dort unten und
duckte sich, lauerte. Aus den Büschen hinter dem Zaun tauchte ein
langer, geschmeidiger Fuchs hervor. Die Barthaare der Katze bebten. Sie
beobachtete, wie der Fuchs ins Licht trat, nach links und rechts schaute
und, die Luft schnuppernd, wieder in die Dunkelheit zurückwich.