Anna Lewis

Groβe Hoffnungen


Calypso richtete ihre Brille. Sie spürte, wie ihr der Schweiß auf

Wangen und Stirn trat und der Nasenrücken feucht wurde. Sie zog die

Papierserviette unter ihrem Teller hervor, zerknüllte sie zwischen den

Händen und rieb sich die Handflächen trocken.

Als sie aufsah, hatte sich Donna eine Zigarette angezündet, im Stuhl

zurückgelehnt und nach dem Kellner gewunken. Während er herannahte,

warf sie sich das Haar über die Schulter. „Können wir bitte jede noch ein

Glas Weißwein haben, mein Lieber?“

„Für mich nicht“, sagte Calypso rasch.

Der Kellner nickte und wandte sich an Donna. „Dann nur ein Glas,

Madam?“

„Oh, bitte nennen Sie mich Dolores!“ Donna zwinkerte Calypso zu. „Das

ist Spanisch. Mein Vater war bei der Handelsmarine.“

„Ein reizender Name, er passt zu Ihnen.“ Der Kellner hatte ein rundes

Gesicht, ein fleischiges Kinn und war mindestens vierzig, doch während

er sprach, lächelte er unbeholfen und blickte zu Boden. Donna neigte den

Kopf und senkte langsam die dichten Wimpern. „Eine schöne Terrasse

haben Sie hier“, sagte sie. „Eine herrliche Aussicht.“

„Oh, für unsere … unsere geschätzte Kundschaft nur vom Allerbesten.“

„Ach, wie süß!“ Donna fuhr mit der Hand durch die Luft, als ob sie eine

Wespe erschlagen wolle, und der Kellner entfernte sich errötend.

Calypso verdrehte die Augen. „Donna, muss das sein?“

„Ach, ich mache doch nur Spaß. Wir sind auf einem Mädchenausflug. Du

könntest dich langsam mal darauf einstellen, Schatz.“

„Tja, für mich ist er ungefähr zwanzig Jahre zu alt. Für dich offensichtlich

nicht.“ Calypso wandte sich ab, um aufs Meer zu schauen. Die einsetzende

Ebbe hinterließ am Rand einen dunklen Streifen Sand, der dem leichten

Bart über Donnas Oberlippe ähnelte. Ein Rennboot drehte in der Mündung

der Bucht seine Runden, und im seichteren Wasser hüpften Eltern mit ihren

Kindern durch die Wellen, während ihnen die Gischt um die Waden zischte.

Der Kellner kam zurück und verbeugte sich leicht, als er Donnas Glas auf

den Tisch stellte.

„Willst du nicht doch einen?“ Donna umfasste Calypsos Handgelenk mit

schwitzenden, knochigen Fingern. Calypso wehrte sie ab und starrte den

Kellner an. „Können wir bitte zahlen?“

Der Kellner blickte zu Donna. „Madam?“

„Ach, wenn’s denn sein muss. Die jungen Hühner haben einfach kein

Stehvermögen.“

Nachdem der Kellner die Rechnung gebracht hatte, öffnete Calypso ihren

Geldbeutel und begann, halbherzig in den Münzen herumzukramen,

doch Donna zog ein Gesicht. „Sei nicht albern“, sagte sie. „Das geht

auf mich.“ Sie leerte ihr zweites Glas Wein in wenigen Zügen, stopfte

einen zerknüllten Geldschein unter das Glas und führte Calypso dann

die Treppen von der Terrasse zur Promenade hinunter, weg vom

geschäftigen Treiben am Strand in Richtung Hafen. Calypso folgte ihr

mit gesenktem Kopf; die Sonne schien sich in jedem Fenster und jedem

vorüberfahrenden Auto zu brechen und ihre grellen Strahlen direkt in

Calypsos Augen zu schleudern.

„Wir könnten heute Nachmittag eine Bootsfahrt machen.“ Donna

deutete auf eine Kreidetafel an der Hafenmauer, auf der „Historische

Küstenführungen“ neben „Delfinbeobachtungen“ und „Fährfahrten“

angeboten wurden. Sie überquerten die schmale Straße und studierten

das Schild. „Delfine? Hier?“, fragte Calypso zweifelnd.

„Ich glaube nicht“, antwortete Donna. „Das ist bestimmt Touristennepp.

Was ist mit der historischen Küstenführung? Das klingt doch hübsch und

entspannend.”

„Vermutlich.“ Calypso schirmte die Augen mit der Hand ab. Hinter der

Mauer dümpelte ein Grüppchen Segelboote klirrend und knarrend im

seichten Wasser an der Vertäuung. Es roch nach Benzin.

„Das ist bestimmt nett“, sagte Donna. „Danach können wir einen kleinen

Stadtbummel machen, uns vielleicht etwas im Hotel ausruhen und dann

zu Abend essen. In Strandnähe habe ich eine hübsche Kneipe gesehen,

‚Zum alten … alten …‘, was weiß ich. Dort scheint es ein vielfältiges

Angebot zu geben: Pasta, Curry, Steak – wie klingt das?“

„Es ist eine Pension, kein Hotel“, sagte Calypso.

„Schön.“ Donna fuhr sich mit den Fingern durch das Haar. „Meinetwegen.

Willst du die historische Küstenführung machen?“

„Ja.“

Donna hakte sich bei Calypso unter und zog sie den Weg, den sie

gekommen waren, zurück in Richtung Promenade.

„Ich glaube, ich habe bei den Klos einen Kiosk gesehen, wo Karten

verkauft werden.“

„Toll.“

 

Das Boot war kleiner, als Calypso es erwartet hatte: nicht mehr als

ein Motor betriebenes Dingi mit einer Holzbank, die den Rumpf innen

säumte und von der Gischt schon feucht war. Ein junger Mann stand mit

einem Fuß auf dem Anlegesteg, dem anderen auf dem Vorderrand des

Dingis und half den Passagieren mit fester Hand hinein. Er hatte wirres

schwarzes Haar und hellblaue Augen, die zu groß für sein Gesicht waren.

Donna kicherte, als er ihre Hand nahm und sie ins Boot geleitete. „Hallo,

Seemann!“, rief sie. Der Mann lächelte höflich und streckte Calypso die

Hand entgegen. Calypso spürte, wie sie rot wurde. „Du hast dich doch

nicht etwa schon verbrannt?“, fragte Donna, als Calypso neben sie auf

die Bank wankte.

Während das Boot hinaus in die Bucht tuckerte, schloss Donna die

Augen, lehnte sich gegen den Bootsrand und reckte ihr Gesicht

der Sonne entgegen. Calypso atmete tief durch, versuchte, den

Benzingestank zu ignorieren, und wandte sich nach der Dünung um.

Am Anlegesteg war das Meer gemächlich hin und her geplätschert

und hatte den Bootsrumpf sanft umspielt, doch nun schlugen harsche

Wasserwogen hart gegen das Boot und stoben beim Aufprall weiß

auseinander. Nach ein paar Minuten wurde das Boot langsamer und

begann, der Küstenlinie zu folgen. Der junge Mann deutete auf eine

Schlossruine, die auf einem Hügel zwischen dem östlichen Ende der

Stadt und dem Meer stand.

„Sicher ist Ihnen allen schon das Schloss aufgefallen“, verkündete

er. Dann sprach er schnell, als ob er etwas aufsage. „Es wurde im

dreizehnten Jahrhundert von walisischen Kriegsparteien nahezu zerstört.

Eine Armee aus dem Norden griff vom Meer aus an, und wochen-, wenn

nicht monatelang nach der Schlacht wurden Leichen aus beiden Lagern

an Land gespült.“

Ein betrübtes Raunen zog sich durch die Passagiere. Donna stieß

Calypso an; eine ihrer falschen Wimpern hatte sich gelöst und hing nun

über dem Augenwinkel. „Wie furchtbar“, sagte sie.

„Ja“, erwiderte Calypso.

„Die große Mauer“, fuhr der Mann fort und zeigte auf einen Steinstreifen,

der hinter dem Strand zum Schlosshügel führte, wo er abrupt endete. An

manchen Stellen überragte er das Meeresufer, an anderen jedoch war

er fast erdgleich, um sich dann wieder zu erheben. Das Boot tuckerte

langsam weiter. „Sie stammt etwa aus der gleichen Zeit wie das Schloss.

Sie sollte die Stadt vor Gefahren schützen – vor Angriffen oder auch nur

vor der stürmischen See. Aber wie Sie sehen, ist sie den Erwartungen

nicht gerecht geworden, am Ende des Mittelalters wurde sie schwer

beschädigt und war danach kaum noch als Mauer zu gebrauchen.“

Calypso schielte auf Donna. Sie hatte die Augen wieder geschlossen

und den Kopf gegen den Vorderrand des Bootes gelegt, wo er im Takt

der Wellen hin und her wiegte. Ihre Füße in Pfennigabsatzschuhen lagen

merkwürdig verdreht auf dem Boden des Rumpfes, und ihre Nasenspitze

wurde langsam rot, doch sie lächelte und hielt die Hände entspannt im

Schoß. Das Boot nahm Fahrt auf und bremste erst wieder ab, als es die

Landzunge erreichte.

Der junge Mann deutete auf ein paar dunklere Flecken bei den

Klippen. „Näher können wir nicht heran“, rief er mit lauter Stimme, um

das Kreischen der kreisenden Möwen zu übertönen. „Dort unter dem

Wasser sind spitze Felsen. Aber hier können Sie die Schmugglerhöhlen

sehen, und die größte ist die da, die Hohe Höhle. Dort versteckten die

Schmuggler der Gegend ihre Waren – Alkohol, Tabak, manchmal Waffen.

Die Höhle ist hoch in den Klippen gelegen, damit sie vorm Meer geschützt

ist. Aber wenn plötzlich ein Sturm aufzog und der Meeresspiegel stieg,

war’s das – die ganze Schmuggelware wurde fortgespült. Pech.“

Die Passagiere nickten. Auch Calypso nickte. Donna war still, hatte die

Augen immer noch geschlossen und die Lippen leicht geöffnet. Calypso

dachte, dass sie schlafe, aber als sie eine halbe Stunde später wieder

den Anlegesteg erreichten, setzte Donna sich plötzlich mit klarem

Blick aufrecht. „Dieses ganze Geschichtszeug interessiert mich nicht“,

raunte sie Calypso zu, während der Mann auf den Steg sprang, um den

Passagieren beim Aussteigen zu helfen. „Das ist doch alles erfunden.

Aber er hat eine schöne Stimme, nicht?“ Sie drückte Calypsos Hand,

stand auf und drängte sich beim Aussteigen an ihr vorbei.

 

Die Kneipe hieß „Zum alten Leuchtturm“, obwohl es sich um ein

rechteckiges Gebäude mit nur zwei Stockwerken handelte. Es stand in

der Biegung einer schmalen Straße, die sich zur Promenade hinunterzog,

und war von ihr durch einen kleinen kopfsteingepflasterten Hof getrennt,

auf dem Calypso und Donna bei einem Drink im Abendlicht saßen. Am

Ende der Straße war ein Fleckchen Meer zu sehen, es war nun purpurn in

der Dämmerung und der Himmel darüber rot bewölkt.

Donna rauchte eine Zigarette mit tiefen Zügen. Als sie in die Kneipe

ging, um die Toiletten zu erkunden, zog Calypso ihr Mobiltelefon aus der

Tasche.

„Hallo Susan, ich bin’s.“

„Callie! Wie läuft’s?“

„Ganz gut. Wir wollen gerade zu Abend essen.“

„Hattest du einen schönen Tag?“

„Es war okay. Es ist sehr sonnig hier.“

„Dann vergiss nicht, dich einzucremen. Benimmt sie sich?“

„Es geht schon. Sie ist eben Donna.“

„Tja, solange ihr miteinander auskommt …“

„… sie hat dem Kellner beim Mittagessen erzählt, dass sie Dolores

heiße.“

Susans Lachen klang verzerrt. „Sie kann es nicht lassen, oder? Mach dir

nichts draus. Versuch einfach, dich zu entspannen und den Ausflug zu

genießen.“

„Ich gebe mir Mühe.“ Als die Eingangstür der Kneipe auf dem

Kopfsteinpflaster schrammte, verabschiedete sich Calypso und legte

rasch auf. Donna hob ihr Glas vom Tisch und leerte es. „Können wir

reingehen? Ich bin am Verhungern.“

„Klar.“ Calypso stand auf, nahm ihr Glas und folgte Donna durch die

Eingangstür.

Die Wände der Kneipe waren mit breiten blauen und weißen Streifen

bemalt, die Calypso leicht schwindelig machten. Hölzerne Ruderpinnen

verschiedener Größe hingen an der Wand wie Gemälde, und

ausgestopfte Meeresvögel tummelten sich auf lackierten Regalen.

Calypso und Donna setzten sich in die Ecke. In der Mitte des Tisches

stand eine alte Weinflasche, in deren Hals eine Kerze steckte und über

deren Bauch sich erstarrtes Wachs zog. Eine Kellnerin brachte die

Speisekarten und zündete die Kerze an.

Während sie auf das Essen warteten, erzählte Donna Calypso von ihrer

neuen Stelle – sie arbeitete am Empfang einer Zahnarztpraxis, nur

befristet als Schwangerschaftsvertretung, aber trotzdem war es eine

gute Erfahrung – und ihrem neuen Freund Carl, der Direktionsassistent

eines kleinen Restaurants war. Er wollte Kinder; sie hatten es probiert,

aber nichts war geschehen, wahrscheinlich war es zu spät. Sie hatte im

Internet Erkundigungen über künstliche Befruchtung eingezogen, aber es

schien mit ziemlich großen Scherereien verbunden zu sein – da war es,

ehrlich gesagt, für Carl leichter, sich ein jüngeres Baujahr zu suchen. Wir

werden ja sehen.

Calypso verdaute schweigend die Neuigkeiten und schenkte sich ein

zweites Glas Wein nach, bevor Donnas Monolog endete. Sie fühlte sich

benommen, ihre Gedanken waren nicht mit ihrem Körper im Takt, und sie

war froh, als man endlich das Essen brachte.

„Du willst noch ein Kind? Ehrlich?“, fragte sie nach ein paar Bissen. „Ich

dachte, du hättest nicht einmal mich gewollt.“

Donna atmete durch die Nase aus. „Als ich herausfand, dass ich

schwanger war, nicht, das stimmt. Ein Baby war das Letzte, was ich

zu … zu alldem gebrauchen konnte. Aber dann habe ich mich an den

Gedanken gewöhnt und mich darauf gefreut.“ Sie drehte die Gabel in die

Spaghetti. „Ich dachte, dass sich nach deiner Geburt alles ändern würde.

Und als die Hebamme dich in meine Arme legte, war das wie … wie

Sonnenschein und Musik und ein dreifacher karibischer Rum auf einmal.“

Calypso zuckte die Achseln. „Vielleicht lag es am Betäubungsmittel.“

„Hör mal, ich weiß, dass es nicht so funktioniert hat, wie ich es wollte.

Ich weiß, dass ich versagt habe – aber es war alles viel schwieriger, als

ich geglaubt hatte.“ Donna hob die Gabel vom Teller, aber drehte sie

weiter; die Spaghetti wickelten sich immer tiefer um die Zinken wie Wolle

an einer Spindel. „Und es hat sich doch alles zum Besten gewendet, als

du zu dieser netten Familie gekommen bist – wie heißen sie noch mal,

Richard, Susan und die Kinder –, sie haben viel mehr geleistet, als ich es

je gekonnt hätte. Ehrlich.“ Ihre Augen waren weit aufgerissen.

„Mal abgesehen davon, dass ich nicht gleich zu dieser netten Familie

gekommen bin, war es nicht so? Erst kam deine Mutter, dann das Heim,

dann wieder deine Mutter, dann die andere Familie, dann wieder das

Heim …“

„… und dann Susan und Dingsda. Du hast dich besser gemacht als die

meisten.“ Donna sah auf ihre Gabel. Die Zinken waren nicht mehr zu sehen,

sie waren gänzlich mit Spaghetti überzogen, doch ein halbes Dutzend Fäden

verband die Gabel noch immer mit dem Teller. „Herrgott noch mal!“ Donna

schnappte sich den Dessertlöffel und schnitt mit dessen Kante die Fäden

durch. Calypso starrte sie an und ließ das Glas auf halbem Weg zum Mund

in der Schwebe. Als Donna aufsah, hatte sie rote Flecken auf den Wangen.

Sie schüttelte den Kopf und stopfte sich die Gabel in den Mund. Calypso

stellte das Glas zurück auf den Tisch und schaute weg.

Später am Abend brachte Calypso noch mehr über Donna in Erfahrung:

Sie trug rosa Schlafanzüge mit roten und goldenen Pailletten, sie

schlief auf dem Rücken mit offenem Mund, und sie schnarchte. Donnas

Schnarchen war lauter als die Flut draußen vorm Schlafzimmerfenster,

aber ebenso rhythmisch. Calypso vergrub den Kopf unter dem Kissen,

doch sie bekam keine Luft. Dann legte sie sich auf die Seite und zog sich

die Decke über die Ohren, doch sie konnte das Schnarchen trotzdem

hören, und außerdem war es zu warm, ihre Haut klebte vor Schweiß. Sie

warf die Decke zurück und stampfte mit dem Fuß auf den Boden, doch

das Schnarchen aus Donnas Bett riss nicht ab.

Calypso ging zum Fenster und presste die Stirn gegen die Scheibe. Als

die Kälte ihr einen Stich versetzte, wich sie erschrocken zurück, dann rieb

sie sich die Stirn und beugte sich vor, ohne die Scheibe zu berühren. Sie

blickte aufs Meer und den Klippenbogen hinter der Stadt, eine schwarze

Masse, die hie und da von verschwommenen Lichtkreisen durchbrochen

wurde. Ohne Brille konnte Calypso keine Details erkennen, doch gerade

so das heruntergekommene Schloss auf dem Hügel ausmachen und

erahnen, wo die Mauer, die keine Mauer mehr war, um die Seeseite der

Stadt führte und plötzlich endete und mit ihr alle Hoffnungen auf Schutz.

Sie konnte erraten, wo sich die Hohe Höhle in die Beuge der Landzunge

schmiegte, umgeben von trockenem Fels und vereinzelten Büscheln

faulender Algen, die an jenen Tagen, an denen das Meer zu stark, zu

hoch war und die Höhle ihrem Namen nicht gerecht wurde, in sie hineingeschleudert

wurden. Am äußersten Ende der Landzunge ging ein Licht

an und aus und ermahnte die Schmuggler oder Plünderer der Gegenwart,

den Felsen unter der Meeresoberfläche fernzubleiben.

 

Am Morgen fühlte sich Calypso schwerfällig und spürte einen Schmerz

im Hinterkopf. Donna war vergnügt; Calypso konnte sie unter der Dusche

falsch singen und das Wasser von ihrem Körper abprallen hören. Als

Donna aus dem Badezimmer kam, hatte sie nur ein kleines Handtuch

um den Oberkörper gewickelt, die dünnen Arme und Beine waren vom

heißen Wasser gerötet. Calypso blickte auf den Teppich.

„Schade, dass wir nur eine Nacht bleiben“, sagte Donna. „Ich glaube, hier

kann man noch viel mehr unternehmen, und es gibt so einige Kneipen,

in denen wir nicht gewesen sind. Aber morgen müssen wir wohl beide

wieder arbeiten.“

„Ich eigentlich nicht“, erwiderte Calypso. „Ich arbeite montags nicht.“

„Ach nein?“ Donna saß auf der Bettkante und rubbelte sich mit dem

einem Handtuch das Haar trocken, das andere trug sie lose um den

Körper geschlungen. „Warum hast du das nicht gesagt? Ich hätte mir

morgen freinehmen können, mir steht noch Urlaub zu. Wir hätten das

ganze Wochenende bleiben können.“

„Ich würde gern duschen“, sagte Calypso. „Kann ich das Handtuch haben,

mit dem du dir die Haare abtrocknest?“

Donna schaute auf das Handtuch in ihren Händen, zuckte die Achseln

und reichte es dann Calypso. „Es ist ein bisschen nass“, sagte sie, als

Calypso es nahm. „Man hätte gedacht, dass es hier einen Föhn gibt.“

Das Frühstück wurde im Souterrain serviert, das zartrosa gestrichen

und mit bequemen Holztischen und Stühlen möbliert war, aber dennoch

die Kühle des Bodens ausstrahlte. Draußen vor dem Fenster stolzierten

Möwen in Augenhöhe auf dem Gehsteig hin und her. Donna schenkte erst

Calypso, dann sich selbst Kaffee ein. „Milch?“

„Nein, danke“, antwortete Calypso. Donna stellte den Milchkrug zurück.

„Ich hoffe, dir hat unser Ausflug gefallen, Calypso“, sagte sie.

Calypso hatte den Mund voll Toast und nickte. Sie hatte keinen Hunger,

aber dachte, dass durch das Essen vielleicht die Kopfschmerzen

vergingen. „Gut“, sagte Donna schließlich. „Gut.“

Calypso schluckte den Toast hinunter und seufzte. „Es war nett, Donna“,

sagte sie. „Du hast … na ja, du hast dir wirklich alle Mühe gegeben, für

Abwechslung zu sorgen. Und es hat Spaß gemacht. Danke.“

Auf Donnas Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. Ohne die falschen

Wimpern sah sie jünger, sanfter aus, und ihre Augen leuchteten mehr als

sonst. „Das freut mich“, antwortete sie. „Das freut mich ungemein.“

Calypso lächelte knapp und betrachtete ihren Kaffee. Dunkle Körnchen

schwammen darauf herum.

„Calypso“, begann Donna zögerlich, und Calypso sah wieder auf. Donna

hatte sich über den Tisch gebeugt, ihr Lächeln war nicht mehr so breit,

aber ihre Augen leuchteten noch. „Ich möchte dich etwas fragen“, sagte

sie. „Ich weiß, dass es vielleicht erst einmal komisch klingt …“

Calypso wartete.

„Glaubst du, dass du – natürlich nur wenn du willst –, dass du mich

‚Mutter‘ nennen könntest?“ Sie hielt inne, und Calypso konnte den Kaffee

in Donnas Atem riechen. „Nicht Donna, sondern Mutter?“

Der Dampf, der aus Calypsos Kaffee aufstieg, war faszinierend, er teilte

und vereinte sich in ständig neuen Formen, ständig neuen Richtungen.

Donna lehnte sich noch immer über den Tisch, und in ihren lächelnden

Mundwinkeln zuckte es.

„Noch nicht“, erwiderte Calypso. „Du bist nicht, was ‚Mutter‘ bedeutet.“

Donnas Gesichtsausdruck änderte sich nicht, doch sie lehnte sich wieder

im Stuhl zurück. „In Ordnung“, antwortete sie. „Ich dachte, du würdest

Nein sagen.“

Calypso nahm einen Schluck Kaffee, dann einen zweiten und

beobachtete, wie die Möwen über Donnas Kopf herumstapften.

„Iss auf, Schatz“, sagte Donna nach einer Weile. „Wir müssen bis zehn

Uhr abreisen.“