Dora Albanese

Violettes Meer


Gern wär’ ich der Wind,

der auf dich einstürmt und dich umfängt,

dir übers Gesicht streift und leise zu dir spricht.

Gern wär’ ich das Meer,

das die Fesseln dir netzt, eh es ganz dich umspült.

Dich lieben – wer könnte es mehr?

P. A. Quarantotti Gambini, An Sonne und Wind

 

 

Als ich Josephine begegnete, war ich allein und wusste nichts anderes

anzufangen, als an der Küste des Salento abzutauchen und die

Erinnerung an Marçela zu verwischen.

Frühmorgens ging ich aus dem Haus, zog mir eine Mütze und Turnschuhe

an, um zu laufen und den Morgen dämmern zu sehen, dichten

Wellenschaum über mir, ein weißes Bündel, das für kurze Zeit den

Himmel ausfüllen würde. Tief atmete ich seinen Geruch ein, alle Gerüche,

die gerade da waren: die fauligen Algen auf dem Sand, das Strandgut,

das die Flut über Nacht angespült hatte, offene Venusmuscheln,

Muschelschalen, Holzstücke. Und dann den Geruch nach fremdem

Schlaf, nach sandigen Turnschuhen junger Leute, die, bis über den

Kopf in Strandtücher eingemummelt, auf den Liegen am »Delfinstrand«

übernachteten. Ein am Ufer kniendes Mädchen, das sich die Hand an

die Stirn presste und mit den Fü.en in den Boden stemmte wie eine

Hundertmeterläuferin am Start, versuchte sich zu übergeben. Sie mochte

in Josephines Alter sein, dachte ich, sie hätte meine Tochter sein können.

Am liebsten hätte ich sie geohrfeigt, stattdessen joggte ich langsam los,

umschwirrt von roten Libellen. Das zusammengekrümmte Mädchen war

wie ein Tintenklecks auf der Reinschrift eines Liebesbriefs. Mit ihren

schwarzen Klamotten, den an den Waden zerrissenen Netzstrümpfen

und der durch discomäßiges Pink verschandelten Mähne störte sie die

Harmonie meiner Landschaft.

Als ich sie würgen hörte, wandte ich mich noch einmal um, und auch

sie drehte sich um und schaute zu mir her, mit kurzsichtigen, in Wasser

schwimmenden Augen unter einer allzu niedrigen und runzligen Stirn. Sie

schrie mich an, ich solle mich um meinen eigenen Mist kümmern, sonst

werde sie Bruto wecken, ihren Hund, den werde sie mir auf den Arsch

hetzen. »Bruto, klasse Scheißname«, sagte ich, und ich merkte, dass die

Libellen verschwunden waren.

Ich zog mir die Schuhe aus, knotete sie an den Bändern zusammen und

ließ sie mir um den Hals baumeln: Barfuß würde ich schneller vom Fleck

kommen und dieses Elend hinter mir lassen.

Ein fliegender chinesischer Händler stellte unter einem Sonnenschirm

ätherische Ölgemische für Massagen bereit und legte Waren aus, die er

an die Touristen verkaufen wollte. Der Duft frisch gebackener Croissants

aus der Bar »La Pineta« schien alle anderen Gerüche zunichtezumachen.

Ich sah, dass Leute sich mit Nummernzetteln anstellten.

Ich joggte weiter – an den nackten Fü.en spürte ich, wie mir der

nasskalte Sand unter die Nägel drang – und lief über den Uferstreifen

hinweg ins Meer hinein.

Im Auslaufen trat ich auf den feuchten Rücken schwarzer Steine, ich

kickte sie weg und sah woanders hin, zum richtigen Meer, das blauviolett

dalag wie ein Bluterguss, dem Meer, das den kleinen Kindern und

ihren Müttern Angst macht, das mit seinem aufgerissenen Maul alles

verschlingen will und kalt und reglos daliegt wie ein Stück Tod.

Dann, während mir Beklemmung die Luft abschnürte, senkte ich den

Kopf, atmete tief ein und stieß die Luft durch den Mund wieder aus, um

mich mit Sauerstoff vollzupumpen und später zu sterben als vorgesehen.

Ich dehnte die durch die schlaflosen Nächte verspannten Halsmuskeln

und sah erneut auf die Steine, auf das, was in meiner Nähe war und

was mich beruhigte. Ich sah auf meine Fü.e, die sich unter Wasser

verformten, die Haare, die sich an meinen Beinen wellten, die riesige,

abgeschliffene Sohle des Meeres, den schwarzen Abgrund, in den ich am

liebsten gestürzt wäre, der mich jedoch immer noch trug; ich sah auf die

Wasserketten, die mir bei jedem Schritt vorwärts schwer an den Knöcheln

hingen, mein Spiegelbild, das sich mit jeder Welle neu verzerrte, die trübe

Sonne, die mir wie eine aus der Mülltonne gerutschte Plastikflasche die

Haut beschmutzte.

Marçela hatte mich vor zwei Monaten verlassen, ohne Grund, und es war

kein einziger Freund da, mit dem ich mein Leid hätte teilen können. Alle

waren sie unterwegs, und mir blieb nichts anderes übrig, als mich auf das

Meer und die extrem entspannten und netten Badegäste einzustellen,

die an den Fü.en Latschen in der Form von Booten trugen und auf der

Haut Cremes und Öle, die nach allem Möglichen rochen. Jedes Mal,

wenn ich zum Meer hinunterging, sahen mich die Urlauber verwundert

an – auch Josephine würde das tun –, und in den Ohren hörte ich ihre

fragenden Stimmen: Wer war ich? Was wollte ich von ihnen, den friedlich

sich erholenden Angestellten, den reglos sich in der letzten Augustsonne

aalenden Eidechsen? Was wollte ich von ihrem so klaren und

ordentlichen Leben? Was erwartete ich mir von Josephine? Ich wusste es

nicht und ließ mich inzwischen weiter treiben.

Als ich Marçela zum letzten Mal umarmte, dachte ich, ich sterbe, beim

ersten Mal hatte ich mich zu ihr geflüchtet und wollte gar nicht mehr

aufhören, sie »Liebes« zu nennen.

Nachdem ich einige Monate um sie geworben hatte, fuhr ich mit ihr in den

Ferien an diesen Strand, damit wir uns in Ruhe lieben konnten, fernab der

Stadt mit ihren Zumutungen, den Martinshörnern der Krankenwagen und

der Nerverei des Straßenverkehrs. Zunächst war mir nicht klar, wen ich da

bei mir hatte, ob eine schnelle Sexgeschichte oder die letzte Frau meines

Lebens. Während ich über die leere, sonnenbeschienene Autobahn

fuhr, berührte sie sacht meine Beine und strich mir übers Haar. Ich hätte

sie gern gefragt, was sie später einmal machen wollte, ob sie Träume

hatte, Pläne, musikalische Vorlieben, ein Leibgericht, aber ich ließ es

bleiben, weil ich wie eine alte Nervensäge dahergekommen wäre. Unser

beider Atem war warm und geruchlos, wie bei allem, was frisch und neu

ist: Wir rochen nach Shampoo, nach heißen Bädern, nach Lächeln und

zuvorkommenden Gesten.

Sie saß neben mir im knielangen Kleid, einem braven Mädchenkleid

aus purpurrotem Leinen mit Häkelverzierung am weiten Rocksaum. Sie

rauchte amerikanischen Tabak und achtete darauf, sich nicht ihre langen,

schwarz glänzenden Haare zu verbrennen, die manchmal auf ihren

Lippen landeten und ihre ausgeprägten Backenknochen umrahmten, die

perfekt mit ihren vollen, sanften Brüsten harmonierten.

Marçela entpuppte sich als eine aufmerksame Frau, dazu bereit,

mich ernsthaft und mit Leichtigkeit zu lieben, trotz meiner tausend

Wehwehchen, der Verdrießlichkeit, Übellaunigkeit und des Zynismus von

einem, der sich vom Leben nichts erwartet.

Eher als eine Flucht aus der Stadt kam mir unser damaliger Ausflug ans

Meer wie ein Wiederfinden vor. Wir waren wie zwei Menschen, die sich

wieder ans Zusammenleben, an die Aufmerksamkeit für den anderen

gewöhnen wollten. Wie hätte ich mit Marçela ins Bett gehen können,

ohne mir vorzustellen, dass ich mich auf den Körper der eigenen,

nicht etwa einer beliebigen Frau legte? Wie hätte ich mich gehen

lassen können, wenn sie lediglich erwartet hätte, mir zu helfen, mir

nützlich zu sein, mir das Leben zu retten, für mich zu kochen? Der Sex

zwischen Verheirateten ist anders als der Sex zwischen Unbekannten:

Bei der eigenen Frau müsste man das Keifen, die Vorwürfe, die

Eifersuchtsszenen, die Lockenwickler, die Gesichtsmasken, die

Krampfadern, die Beschimpfungen vergessen, wie man beim eigenen

Mann das Schnarchen, die Unordnung, die stinkenden Socken,

das Ausgehen mit den kinderlosen Freunden, die Räusche und das

Rülpsen vergessen müsste, kurzum, zwischen Unbekannten war es

immer ganz anders, und mir wollte nicht mehr aus dem Kopf, dass in

Marçelas Augen der exakte Moment geschrieben stand, an dem sie

mir vor Beginn der Prozession die Krawatte und den schwarzen Anzug

zurechtzupfen würde.

Am Strand beschlossen wir, im Meer zu baden, auch wenn das

Wasser kalt war und an der Oberfläche ein paar tote Fische trieben.

Der steinige Sand war sauber, zwei Jungen machten sich einen Spaß

daraus, beim Angeln die Fische, die angebissen hatten, am Haken an

der Luft baumeln zu lassen und sie bei den letzten Zuckungen ins Meer

zurückzuwerfen. »Deshalb schwimmen da oben die toten Fische rum,

die beiden sind daran schuld«, sagte Marçela. »Ich geh gleich zu denen

rüber und sag ihnen: Und wenn ich euch untertauchen würde, bis ihr

erstickt? Genau, das werde ich sagen.« Ich fasste sie bei der Hand

und zog sie zu mir heran. Den beiden Jungen rief ich zu, sie sollten

damit aufhören und verschwinden, und einer von ihnen, der Größere,

Knochigere, antwortete mir: »Was willst denn du oller Opi … Geh doch

nach Hause …« Der Kleinere gab ein furzendes Geräusch von sich,

und noch bevor ich antworten konnte, waren sie hüpfend und lachend

davongerannt.

»Na wenigstens sind sie jetzt weg und lassen die armen Fische in

Ruhe … Bist du zufrieden?« – »Ja schon, aber es tut mir leid, dass

sie dich beleidigt haben. Trotzdem danke«, sagte sie ernst, bevor sie

sich ins Wasser warf und aufs violette Meer zuschwamm, das ihr, jung

und schön, wie sie war, nichts Böses anhaben konnte. Mir kam der

Gedanke, dass nur mutige Menschen hinausschwimmen konnten, die

gewöhnlichen blieben in Ufernähe.

»Komm, Diego … los, komm zu mir«, rief sie und versteckte sich immer

wieder zwischen einer Welle und der nächsten.

Ich hörte nicht auf sie und setzte mich ans Ufer, wo mir das

heranspülende Wasser die Hawaii-Boxershorts aufblähte: Ich war ein

gewöhnlicher Mensch und wusste es.

Meine Wohnung lag nicht weit vom Meer, deutlich konnte ich sie

erkennen: die Fensterläden wie die Tür weiß vom Salz, das Gestell der

Hollywoodschaukel auf der Veranda starrend vor Rost.

Kurz darauf kam Marçela, an den Armen Gänsehaut vom Wind, zu mir,

setzte sich zitternd wie ein Kind neben mich und küsste mich lange. In

dem Kuss ergab ich mich ihrer Liebe. Eng umschlungen und müde gingen

wir nach Hause, die Tür öffnete sich schwer, das Holz war von den vielen

Flutwellen aufgequollen und wir mussten mit vereinten Kräften drücken,

bis das Schloss aufsprang.

Zum Empfang lief uns eine kleine Maus entgegen, die hinaushuschte,

sobald sie konnte. Marçela lächelte.

Wir rissen das Fenster auf, um den stickigen Geruch hinauszulassen,

dann ging Marçela unter die Dusche. Das Wasser fiel kupferfarben auf

sie herab, und als sie mich zu sich rief, um mich darauf aufmerksam zu

machen, rief ich ihr zu, sie solle es eine Weile laufen lassen, aber sie

hörte nicht auf mich. Schon waren wir ein Paar im Sommerurlaub, sie, die

sich in Ruhe wusch, ich, der ich den Sand aus dem Badeanzug schüttelte

und Nudelwasser aufsetzte.

Nach dem Duschen kam sie zu mir ins Schlafzimmer, wo ich gerade

frische Laken aufzog und den Staub zusammenfegte, der sich unterm

Bett zu grauen Knäueln gesammelt hatte. Sie stieß die halb offene Tür

auf und baute sich mit ihren nassen Haaren, die ihr wie Weidenzweige

vom Kopf abstanden, die Haut darunter gefleckt von Blutergüssen und

Kratzern und niedlichen kleinen Cellulitis-Dellen an den Beinen, ernst und

traurig vor mir auf und sah mir in die Augen.

»Was ist, Liebes, brauchst du was?«, fragte ich und streckte die offene

Hand nach ihr aus.

»Komm her zu mir, wir legen uns ein wenig hin, du bist müde.« Ich

glaubte, ich könne sie beschützen, aber sie war zu jung, um einzusehen,

dass man vergessen musste, wenn man weiterleben wollte. Marçela

vergaß nichts: nicht die Geburtstage ihrer früheren Klassenkameradinnen,

nicht die Düfte, nicht die Straßen; mit ihren Augen, groß und schwarz wie

die Meeressohle, auf die ich gerade trete, erpresste sie jeden, erpresste

die Erinnerung an Dinge, die nicht in Vergessenheit geraten dürfen.

Sie trat zu mir, streichelte mir übers Gesicht und übers Haar, suchte mit

ihren Fü.en Wärme zwischen meinen Fü.en, indem sie sich zwischen

meine Beine stahl, und ich ließ sie machen, weil sie mir so gefiel, so

melancholisch und schweigsam, so wenig greifbar, als würde ich sie nur

in solchen Momenten wiedererkennen und sie, erstaunt und verwundert,

lieben wie beim ersten Mal. Sie war eine Frau, die ihre Würde hatte, ich

wusste, dass es meine Pflicht war, sie zu beschützen. Sie hatte alles

aufgegeben: ihr Land, ihre Familie, ihre Freunde. Aus Neid auf ihre Herkunft

erfand ich am Anfang auch für mich eine spanische Vergangenheit: den

Ende des 19. Jahrhunderts nach Spanien ausgewanderten Vater meines

Großvaters, eine Cousine in Valencia, eine in Madrid verbliebene Tante,

nichts davon stimmte, es waren nur ein paar Lügen, um sie ins Bett zu

kriegen; und wenn sie über meine Geschichten lachte, stand ich alleine

da, ein plumper erwachsener Mann, ein armseliger Fünfzigj.hriger, der die

Karten seines Lebens neu zu mischen versuchte.

Ich glaube, in den Augen der Leute sah ich immer wie ein Mann im

Wartezustand aus. Ja, das war ich geworden, und ja, das bin ich noch jetzt.

Immer noch warte ich darauf, dass mich das Leben aus dem Sumpf zieht

und dass mir die lästigen Sonnenbrände erspart bleiben, der Schwindel

vom Wasserdruck in den Ohren, der Dreck bestimmter verlassener

Ecken am Meer, der Anblick eines Pärchens, das sich unter einem Boot

verkrochen hat, um Liebe zu machen.

Nachdem sie mich auf die Augen geküsst hatte, legte sie sich unter das

Laken und drang mit Gewalt, fast anmaßend, auf mich ein, bedeckte mein

Gesicht mit ihren feinen, nassen Weidenzweighaaren und stemmte sich

immer wieder hoch, wobei sie das Gewicht ihres schmächtigen Körpers

auf die Arme verteilte, mit denen sie sich an den Bettkanten abstützte, wie

auch ich das gemacht hätte, wenn ich auf ihr gelegen hätte. Ich schaute

sie an, wie ich jetzt die Meeressohle anschaue, verdutzt und reglos, ich

verstand nicht, was sie in diesem wütenden, einsamen Ansturm auf mich

eigentlich suchte; was dabei zu finden sie sich in den Kopf gesetzt hatte:

vielleicht die Frauen, in die ich mich früher einmal verliebt hatte, mit denen

ich geschlafen hatte, ihre nach der Liebe schmollenden Gesichter, meine

Behutsamkeit, mit der ich ihnen an der Tür zum Abschied einen Kuss

ins Ohr gehaucht hatte. Mein ganzes Leben sollte ihr gehören, ich gab

mich ihr hin wie eine ihrem Liebhaber hörige Frau. Je mehr sie mich an

sich zog, als wollte sie mit ihren kleinen, verschwitzten Händen, ihrem

verschatteten Gesicht, ihren aufgerissenen Augen über meiner Brust die

Haut der anderen Geschichten von mir herunterreißen, desto mehr sah ich

die anderen Frauen vor mir, die, die ich geheiratet hatte, Giuliana und

Monica, und die, die ich nach einem gelegentlichen Treffen am Flughafen

abgesetzt hatte und die jetzt zurückkamen, um mich zur Rechenschaft

zu ziehen. Ich beschloss, die Augen zuzumachen und mich von diesem

Frauenkörper durchqueren zu lassen, der alle Körper meines Lebens

geworden war, und genau in dem Augenblick, als ich begriff, dass sich

mein Leben perfekt zusammenfassen ließ, überkam mich zum ersten

Mal wirklich Angst vor dem Sterben. Als der Spurt zu Ende, ihre Raserei

wieder zur Ruhe gekommen war, ging ich ans Meer und warf mich nackt

und mit geschlossenen Augen hinein, verwirrt und erschöpft. Mir war

kalt, es war Juni, der Strand war verlassen und das Meer flach.

Marçela blieb auf der Schwelle stehen, den Bademantel lose über

den nackten Körper geworfen, die Arme verschränkt, ein Bein hinter

dem anderen. Ich betrachtete sie durch die Wellen, ich sah sie

verschwommen. Zwei tief fliegende Möwen blickten auf mich herab,

der ich von einer Frau unterworfen wurde. Ihr Schreien klang wie

Hohngelächter.

Noch am selben Abend kehrten wir nach Rom zurück, schweigend. Ich

hoffte, sie würde mit mir reden, mir übers Haar streichen, mir sagen, sie

habe nur einen Eifersuchtsanfall gehabt; am liebsten wäre mir gewesen,

sie wäre auf mir liegen geblieben, schlafend, ruhig, und ich wollte ihr

sagen, dass ich mich verliebt hatte, ihr beteuern, dass ich sie an meiner

Seite haben wollte, jeden Morgen und jeden Abend. Stattdessen drehte

sie den Kopf weg und schlief ein.

Als wir bei ihr zu Hause angekommen waren, parkte ich in der Nähe der

Eingangstür, zog die Handbremse an und machte die Scheinwerfer aus.

Eine Katze rannte über die Straße und verkroch sich auf einem Baum.

Ich wandte mich zu Marçela und streichelte ihr übers Haar.

Sie wachte auf, fragte mich, ob wir da seien, ich sagte ihr, wir seien bei

ihr zu Hause und ich würde gern mit zu ihr hochgehen und ein Glas

Wasser trinken. Sie gab mir keine Antwort, umarmte mich mit aller Kraft,

küsste mich auf die Stirn, umarmte mich noch einmal und hielt für einen

Augenblick streichelnd mein Ohrläppchen zwischen ihren Fingern. So

verließ sie mich für immer, und mir war, als müsste ich sterben.

Wie vor den Kopf gestoßen, verharrte ich unten vor ihrer Wohnung. Sie hatte

mich ohne Grund verlassen und Rom am Sonntagabend war sehr still.

Ich fing an zu heulen wie ein Kind, während in Marçelas Wohnung das

Licht anging.