Eurig Salisbury

Der Fischer


Er sah ihn zuerst von Bwlch Gwyn aus. Die Zollstraße zu den Gruben

hatte sich ein paar Kilometer zuvor nach Norden gewandt und führte bei

Rhyd Goch durch den Fluss. Nur sehr wenig Wasser hätte ihm den Weg

durch die Furt zur Stadt erschwert, doch in dem Telegramm hatte es

geheißen, man würde ihn in Craig Ddu erwarten. Der Hof in Blaen-plwyf

gehörte seinem Onkel, und wie er gelesen hatte, wohnten dort auch seit

Kurzem seine Mutter und Schwester. Er war von der Zollstraße auf ein

brachliegendes Feld abgebogen und dann den wogenden Hecken einige

Kilometer nach Westen gefolgt. Die Mäher und Heuwagen waren schon

längst heimgekehrt und hatten einen langen Streifen kahler, weißer Felder

hinterlassen. Andere Mäher arbeiteten noch in der Ferne, ihre Heugabeln

und Sensen zeichneten sich vor einem Hintergrund aus Kleewiesen ab.

Das Land vor ihm erhob sich allmählich, als die Heufelder den Weiden

und ein paar dunklen Bäumen wichen. Am Fuß einer kleinen Anhöhe hatte

er einen Zauntritt passiert, von dem aus ein Schafpfad zu einem Tor führte.

Es stand offen in der trockenen Erde und bot einen guten Blick auf den

Cefn Hywel.

 

In Bwlch Gwyn legte er eine Rast ein und suchte die Zollstraße nach

Blaen-plwyf. Zu seiner Linken hob sich eine schwarze Baumgruppe auf

der Kuppe des Cefn Hywel vor einem blassblauen Himmel ab. Aus der

Ferne sah es so aus, als ob die dicken Stämme einen gebogenen Ast

und dürre Zweige säumten, die wohl ein längst vergessener Wintersturm

zurückgelassen hatte. Er folgte dem Weg, der um den Hügel herum und

hinab zu einem Farnbeet führte. Als er sich der Unterseite der Bäume

näherte, blickte er nach oben und bemerkte, dass das, was er gesehen

hatte, gar kein Ast war. Er verharrte eine Weile am Hang. Dann verließ

er den schmalen Weg, kletterte vorsichtig den Hügel hinauf und legte

langsam seinen Mantel und sein Bündel im Gras ab. Ein gesprenkelter

Schäferhund bewegte sich plötzlich im Schatten der Bäume.

Er bellte einmal und lief einen Schritt auf den Fischer zu, bevor er

hechelnd im Kreis über die freiliegenden Wurzeln sprang. Hin und wieder

hielt er inne und blickte erst auf den Fischer und dann nach oben.

Die Pfoten und der Unterleib des Tieres waren von Staub bedeckt, und

die lange Zunge hing ihm aus dem Maul.

 

Der Fischer nahm sein Messer aus der Tasche und schaute nach oben

auf die Leiche eines kleinen Mannes, dessen Gewicht dennoch den Ast

über ihm allmählich gebogen und das Seil so weit gedehnt hatte, dass

sich die Füße nur noch einen Meter über dem Boden befanden. Der

Tote trug eine ähnliche Arbeitskleidung wie der Fischer und schien auch

ungefähr im selben Alter zu sein. Das Seil hatte sich in die tiefbraune

Haut des Halses eingeschnitten, und die Zunge hing leblos auf das

Kinn herab. Die Ärmel waren bis über die Ellbogen hochgekrempelt und

entblößten zwei sonnengebräunte Unterarme, die so kräftig waren, dass

sie den Toten zu Boden zu ziehen schienen. Der Körper schwang kaum

hin und her, denn es war windstill.

 

Als der Fischer einen Schritt nach vorn trat, blieb der Hund vorsichtig

stehen, doch er knurrte nicht. Er schien zu erschöpft zu sein,

um Widerstand zu leisten, hechelte nur in der schwülen Luft und

beschnüffelte die Schuhe und Hose des Fischers. Der fasste den Toten

am Gürtel und zog ihn sanft nach unten, bis das Seil sich spannte. Der

Ast gab so weit nach, dass der Fischer das Seil mit der Klinge erreichen

konnte, und schnellte kurz darauf raschelnd nach oben zurück, als der

Tote dem Fischer in die Arme fiel. Der Tote war erstaunlich schwer,

eine träge Masse aus Muskeln und Knochen, die von einer leicht nach

Schweiß und Rauch riechenden Kleidung zusammengehalten wurde.

Der Fischer spürte die kalte Haut des Toten an seinem Arm. Unter ihm

schnüffelte der Hund leise jaulend an der Kleidung seines Herrchens,

und als der Tote auf dem Boden lag, leckte der Hund ihm das Gesicht.

Der Fischer schloss den Mund des Toten und bemerkte dessen

wettergegerbtes Gesicht, das zwar im Schatten der Bäume leicht blass

wirkte, doch an den Schläfen gebräunt war und um die eingefallenen

Wangen und Augenhöhlen recht prägnante Züge aufwies. Er befreite den

Hals des Toten vom Rest des Seiles und band sich damit sein Bündel an

den Gürtel. Dann schnürte er sich den Mantel um die Taille, legte sich

den Toten über die Schulter und machte sich an den Abstieg. Der Hund

bellte einmal und folgte ihm dann.

Die Straße nach Soar lag ein wenig südlich vom Weg des Fischers an

einer dicht bewaldeten Talmulde. Er konnte sich nicht daran erinnern,

dass es Höfe oder Landbesitze in der Nähe des Cefn Hywel gegeben

hätte, und so lief er zu einem Dörfchen, in dem sich kaum mehr als eine

Handvoll Häuser um eine kleine Brücke und eine Kapelle scharte.

Die Straße war menschenleer, doch die Tür der Kapelle stand einen

Spalt offen. Glücklicherweise traf er dort auf den Pfarrer, der in seine

Bücher vertieft war. Zusammen legten sie den Toten auf einer wackeligen

Kirchenbank in der Sakristei ab, und der Pfarrer sagte, dass er den Toten

erkenne.

 

„Er hat seinen Hof nur selten verlassen. Nachdem er das mit seinem

Bruder erfahren hatte, bekam ihn kaum jemand zu Gesicht.

Ein Jammer ist das, ein Jammer.“

 

Der Pfarrer schüttelte energisch den Kopf und dankte dem Fischer,

dass er den Toten abgeschnitten und hergetragen hatte. Der Fischer

ließ den Toten auf der Kirchenbank in der kühlen Sakristei zurück, löste

das Bündel vom Gürtel und den Mantel von der Taille. Als er sich an

der Kreuzung nach Norden wandte, sah er den Hund im Schatten der

steinernen Brückenmauer sitzen. Ein wenig Heu klebte ihm im nassen

Fell unter dem offenen Maul. Er schaute dem Fischer nach, stellte kurz

die Ohren auf und ließ sie dann zusammen mit dem Kopf sinken.

 

Das Land erhob sich wieder, und die Wälder wichen vereinzelten,

sturmgebeugten Bäumen und wucherndem Gestrüpp, das auf Torpfosten

und klapprigen Zäunen ruhte. Bald tauchten die langen Dächerzeilen

und Schornsteine von Blaen-plwyf am Horizont unter dem sich rötenden

Himmel auf. Craig Ddu lag auf freier Flur in der Nähe des Dorfes im

Schatten einer verwitterten Esche. Im Hof schlug dem Fischer ein

mehrstimmiges Gebell entgegen, und seine Schwester umarmte ihn unter

dem Licht der Eingangstür. Der Onkel begrüßte ihn in der Küche, und die

Mutter weinte und wollte seine Hand nicht loslassen. Sie sagte, sie hätte

ihn in seiner Uniform erwartet. Draußen auf dem Feld vor dem Haus legte

der Hund des Toten sich unter den Baum und schlief.

 

Der Fischer blieb vier Tage in Craig Ddu. Seine Familie erzählte

ihm, Daniel habe für ihn einen Platz auf dem Boot, doch sein Onkel

versicherte ihm, es gebe genügend Arbeit in Craig Ddu, wenn ihm das

lieber sei. Eines Morgens sah seine Schwester den Schäferhund auf dem

Weg herumstreichen und wollte ihn gerade vertreiben, als ihr auffiel, dass

seine Gegenwart die anderen Hunde nicht störte. Der Fischer berichtete

seiner Familie von dem Toten, den er auf dem Cefn Hywel gefunden

hatte. Seine Mutter meinte, sie kenne den Mann nicht, und fand es

seltsam, dass ihr Sohn ihn nicht früher erwähnt habe. Als sie den Hund

zusammen mit den anderen Hunden mit Essensresten fütterte, sagte ihr

Sohn, sie solle sich nicht mit dem Tier anfreunden, wenn sie nicht noch

mehr Mäuler zu stopfen haben wolle, doch sie murmelte nur, der Hund

könne sich in Craig Ddu schon nützlich machen.

 

Am fünften Morgen machte sich der Fischer auf den Weg in die Stadt

und versprach, am darauffolgenden Sonntag zurückzukehren. Als er

den Weg zur Zollstraße hinunterlief, blickte der Hund ihn an und leckte

sich Tau vom Maul. Der Hund schaute zum Hof, dann zurück auf den

Weg, und schließlich trottete er langsam auf die Zollstraße zu. Am

Ende des Weges und zweimal auf der Zollstraße hielt der Fischer inne

und wandte sich nachdenklich nach seinem zögerlichen Gefährten

um. Jedes Mal blieb auch der Hund in ein paar Metern Abstand sitzen

und erwiderte hechelnd den fragenden Blick. In Chancery ergatterte

der Fischer einen Platz auf einem Wagen auf dem Weg zur Stadt und

saß regungslos, während die Zollstraße den Fluss passierte und sich

einen steilen Hügel hinaufarbeitete. Hin und wieder fuhren andere, mit

Heu oder Fässern beladene Wagen an ihnen vorüber, und der Fischer

verlor die schemenhafte Form des Hundes in der Ferne aus den Augen.

Oben auf dem Hügel hielt der Wagen an einer großen Kreuzung, von

der aus der Fischer die kleine Stadt im Westen sehen konnte, die unter

einem diesigen, blauen Himmel flimmerte. Dahinter lag das endlose,

schimmernde Meer, dessen glänzende Oberfläche mit einer Handvoll

cremefarbener Segel gesprenkelt war.

 

Als er zum Hafen in Trefechan hinunterlief, merkte er, dass der Hund ihm

mit schwerfälligem Gang, doch wachsamen Zügen immer noch folgte.

Als sich ihre Blicke begegneten, blieb der Hund wieder in etwas kürzerer

Entfernung am kiesigen Rand einer viel befahrenen Straße stehen. Der

Fischer ging weiter und erreichte bald darauf eine Häuserzeile in einer

Gasse, die zum Meer führte. Er klopfte an die Tür mit der Nummer neun

und fragte nach einem Zimmer für die Nacht, doch man antwortete

ihm, dass Jims Familie nicht mehr hier wohne und dass er es in Spring

Gardens versuchen solle. Doch auch in Spring Gardens kannte niemand

Jim, und so beschloss der Fischer, direkt zu Daniels Haus in der Altstadt

zu gehen. Der Hund folgte ihm in zehn Metern Abstand. Wie der Fischer

erwartet hatte, war Daniel nicht zu Hause, und so stellte er seine

Habseligkeiten in der Küche ab. Am Hafen traf er auf ein paar bekannte

Gesichter und erfuhr Neuigkeiten über Daniel. Jim, so sagte man ihm

kopfschüttelnd, sei nicht heimgekehrt. Er verbrachte ein paar Stunden am

Anlegeplatz und war beim Vertäuen der Boote behilflich, bis die Three

Sisters mit der Flut in den Hafen einlief. Er begrüßte Daniel und half ihm

und seinem jungen Neffen, das Boot zu sichern und den Fang zu bergen.

Seine an Süßwasser gewöhnten Finger holten sich schnell Blasen und

Risse an den salzigen Netzen und Knoten. Der Hund saß in der Nähe,

spähte zu ihm herüber und beobachtete ruhig das Kommen und Gehen

im Hafen.

 

In den darauffolgenden Wochen regnete es kaum, und im Hafen

herrschte fast jeden Tag von früh bis spät ein emsiges Treiben. Berge

von Hummerkörben wurden entlang des Kais aufgetürmt, abgetragen

und wieder aufgetürmt, und den ganzen Tag saßen Jungen an den

warmen Mauern und flickten unzählige kaputte Netze. Die Three

Sisters lief um sieben Uhr morgens aus und kehrte am Nachmittag mit

unterschiedlichem Ertrag zum Hafen zurück, wo der Hund ruhig am

Ufer wartete. Er war dem Fischer erst zu Daniels Haus und dann zu

einem kleinen, gemeinschaftlich bewohnten Haus in Tan-y-cae gefolgt,

wo er sich schließlich in einer Ecke unter der ausgetretenen Türstufe

niederließ. Der Fischer gestand sich ein, dass es einer gewissen Mühe

bedürfe, den Hund nun wieder loszuwerden. Und so fütterte er das

Tier mit Essensresten und ermutigte eine freundliche, ältere Frau von

gegenüber, es ihm gleichzutun. Die anderen Fischer wussten bald, dass

es sein Hund war, der da am Kai wartete. Einige lachten und fragten, ob

er für seinen Hund ein paar Schafe gefischt habe. Doch er gewöhnte sich

daran, den Hund am Kai zurückzulassen, während er mit dem Boot aufs

Meer hinausfuhr. Jeden Tag wartete der Hund zwischen den Körben und

Tauen am Hafen auf die Rückkehr des Fischers. Die Jungen spielten mit

ihm, dann liefen sie nach Trefechan und in die Altstadt, um miteinander

zu raufen. Der Hund jedoch verließ den Hafen nie, und sobald der

Nachmittag kam, suchte er sich ein Plätzchen am Kai und schaute
geduldig aufs Meer.

Als der Spätsommer dem Herbst wich, ließ der Fischer den Hund

schließlich hin und wieder ins Haus. Abends beobachtete ihn der Hund

still am Kamin, während der Fischer schweigend in die Flammen blickte.

Manchmal schaute er den Hund an und bemerkte dessen fragenden Blick

und die rote Strähne an Ohren, Hals und Rumpf. Einmal überlegte er,

ob der Hund jemals verstanden hatte, dass sein Herrchen tot war.

Er hoffte nicht.