Warum kämpfen die Menschen um ihre Versklavung,
als ginge es um ihre Freiheit?*
Baruch Spinoza
Den Helden aller Kriege,
Verehrte sterbliche Hüllen im Schatten des Kreuzes oder ohne Kreuz
in Erwartung der Auferstehung
Hier ihre Names
... Ludovico Ariosto; Torquato Tasso; Elsa Morante; Paolo Ciano; Ugo Foscolo;
Giacomo Leopardi; Norberto Bobbio; Oma Maria: „Hab’s dir doch gesagt,
beim Scopa-Spielen wird nicht geschummelt, nur beim Tresette!“; Alessandro
Manzoni; der chinesische Pizzabäcker; *Sandro Pertini aus dem Gefängnis
von Pianosa: Brief an die Mutter, die für ihn ein Gnadengesuch eingereicht
hatte: „Warum, Mama, warum? Ohne meinen Glauben, was soll mir da noch
die Freiheit?“; Fabrizia Ramondino; Aldo Moro: „Von allem soll etwas bleiben!“;
Amelia Rosselli; Italo Calvino: „Das Menschliche reicht so weit, wie die Liebe
reicht; es kennt keine Grenzen außer denen, die wir ihm setzen“; du – ein
einsames Herz ist genug –; Giuseppe Ungaretti: „es fehlt kein einziges Kreuz“;
Benedetto Croce; Giovanni Pascoli: der 10. August; Anna Maria Ortese:
„Für den Schmerz, den man anderen zufügt, gibt es keine Rechtfertigung“;
Vittoria Guerrini oder Cristina Campo: „Warten auf Gott ist ein gewaltiges
Buch“; Antonio Gramsci; Giacomo Matteotti; Carlo Levi; Primo Levi; Rita
Levi Montalcini; Rocco Scotellaro; Eduardo De Filippo; Antonio Delfini: „Du
und ich, das ist die Realität“; mein Metzger: „Wann kommt endlich mal die
Gegenwart, nie?“; Cesare Pavese; Beppe Fenoglio; Vasco Pratolini; Umberto
Saba; Italo Svevo; Gesualdo Bufalino: Das Pesthaus; Dante; Saul von
Tarsus: „Herr, warum verfolgst du mich?“; du – dein Wille geschehe –; Natalia
Ginzburg: „Lasst das Kreuz hängen, es ist ein Symbol für den menschlichen
Schmerz“; Nebukadnezar: Libretto von Temistocle Solera, Musik von
Giuseppe Verdi: „Gott von Juda, Erbarmen!“; Pier Paolo Pasolini: Bestemmia;
Diego Fabbri: Prozess Jesu; Franco Loi: „Schreiben Sie, im Lukas-Evangelium
steht geschrieben: Das Reich Gottes ist inwendig in euch“ (Lukas 17,20–21);
die heilige Katharina von Siena; der heilige Franz von Assisi; Johannes Paul
II.; Harlekin; Achill; König Ödipus; Don Carlos; Ophelia; der Chiasmus; der
unbekannte Soldat und das Mädchen mit Brille in der Tram Nr. 5, das immer alle
fragt: „Und du, wie heißt denn du?"
Meine Mutter hat keinen Bräutigam, und ich bin ihre Tochter. In ihr münden alle
meine Tage, das, was ich noch nicht von mir weiß. Sie heißt Hydra. Die Zunge
soll mir am Gaumen festkleben, wenn es nicht stimmt, dass sie für mich die
höchste aller Freuden ist. Geboren ist sie aus dem Wasserfall, der von einem
flachen, von immerfeuchten Wolken verhangenen Gipfel herabstürzt. Sobald die
Wolken auf den Stein treffen, lassen sie es unterm Himmel regnen und du siehst
eine Art honigfarbene Luft aus Wasser, die aus tausend Metern Höhe herabfällt
und zu Gischt zerstiebt. Dort herrscht reine Einsamkeit, sie gehört zu uns und
wir zu ihr. Nie konnte ich auf dem Wasser sein, ohne nicht auch mittendrin sein
zu wollen, eine tief sitzende Furcht des Eingeweihten, gegen das Gelächter der
anderen. Wer immer lacht, ist Papa. Torero sagt, die Reinheit der Stromschnellen
durchdringt die Berge, wird duftendes Öl, mit dem man ihm den Bart einreiben
kann. Torero ist Venezolanerin, wenn ich müde bin vom Laufen, wird sie schnell
wütend und schreit: „Como vamos yendo vamos viendo“, weil wir ja weitergehen
müssen.
Der einzige Kampf, den ich kenne, ist der um mehr Liebe. Die Preise sind bei uns
nicht hoch. Torero hat den Bauch einer Hündin, als wäre sie Minerva, über und
über mit kleinen, geschwollenen Brüsten bedeckt. So sah ich sie eines Morgens,
als sie sich von einem Mann die Brustwarzen lecken ließ. Aber vielleicht war’s
auch der trübe Schleier beim Aufwachen, der die Umrisse vervielfachte, und du
erinnerst dich noch an den Abend davor, wie Mama die Fingerspitzen mit Spucke
befeuchtete, dir damit übers Gesicht strich und murmelte: „Schlaft ein, ihr müden
Augen.“
Mama schaut mich oft mitleidig an, sie ahnt, dass das Schicksal seinen Lauf
nimmt, und weiß, was mich erwartet. Vererbung ist auch das, ein Nicht-dagegenankommen-
Können, ein Immer-folgen-Müssen. Da wird nicht mal der Amethyst
etwas nützen, der Ring, den ich eines Tages am Zeigefinger tragen werde und
den sie an mir gern als letzten Grundstein einer Haut sähe, die glänzt, ohne zu
fühlen. Aus Hingabe jedenfalls ans Leben. Mit offenen Beinen jeden reinlassen,
mit Perlen um die Handgelenke und die Fesseln, damit das Spiel länger dauert.
Immer wieder erzählt sie eine Geschichte mit dem Titel Eine kurze Geschichte
von Liebe und Zeit. Liebe und Zeit müssen über einen Fluss. Sie können nicht
schwimmen, deshalb müssen sie fliegen. Erst lässt die Liebe die Zeit verfliegen,
und dann lässt die Zeit die Liebe verfliegen. Ich fange sofort an zu heulen,
Mama sagt: „Fischlein, du hast dich ködern lassen, die Zeit hört doch nicht
auf, genauso wenig die Liebe.“ Aber dann sind da die Schmerzen. „¡Ahi!“, sagt
Torero. Mama bricht in Lachen aus. Ich schaue zu ihr, und sie schaut zu Torero.
Ich will’s auch wissen. „¡Ahi!, Angst!“, sagt Torero. Mama lächelt und weist mit
dem Kopf in ihre Richtung: „Sie erinnert sich daran, wie es war, als du geboren
wurdest, an das Schreien.“ Torero bewegt ein paarmal abwehrend die Hand,
eine Geste wie „Oh, nein, bloß nicht“, ein Nie wieder. Miedo. Torero pflanzt
Bohnen an, um die Erde fruchtbar zu machen, jeder beliebige ihrer Männer
würde sie wirklich lieben, wenn er sähe, wie sie Düngerkügelchen unterhackt.
Das erste Mal, als sie zum Arbeiten ins Haus kam, rief sie vom Ende der Straße
laut „Hydra!“, gab sich Klapse auf die Wangen, klopfte dann an die Tür. „Warum
klingelt sie nicht?“ „Sie kann nicht lesen, deshalb ruft sie.“ Neulich abends kam
sie in mein Zimmer, legte sich neben mich, streifte mir mit dem Fingernagel
über eine Augenbraue, streichelte mir übers Gesicht, zeichnete leicht die Linie
meiner Lippen nach: „¿Una vez me dice mamá?“ Wenn es endlich darum gehen
wird, den neuen Namen zu tragen, wird sie es sein, die ihn für mich aussucht.
Manchmal tut sie geheimnisvoll und fragt, als wär’s ein Zauberspruch: „¿Te
gusta Cruz? ¿Porque no?“ „Weil das Kreuz die Unterschrift der Analphabete
ist.“ Sie legt mir die Hände aufs Gesicht, ich würde gern ein bisschen weinen,
stattdessen lache ich. Wir lachen zusammen. „¿Allora, te gusta?“ „Ja, passt
schon, Torero.” Sie ist glücklich und trällert vor sich hin: „Was kann ich dafür,
dass ich’s nicht besser weiß?“ In Caracas wartet ein behinderter Sohn auf sie,
das Licht, das uns am Ende leuchtet, damit wir Strafen verbüßen, die als Strafe
für die mindere Schuld unangemessen sind. „Torero, warum hast du ihn so weit
dort unten allein gelassen?“ „Yo odiaba a su padre.“ Wie soll eine unendliche
Liebe anderes wollen als einen unendlichen Schmerz? Den Namen des Jungen
kenne ich nicht, aber sein Erzeuger lässt sich Huevo nennen.
Hallo, Ei.
Meinen Vater stelle ich mir schön vor, ich träume von ihm, wie er am Fuß eines
roten Apfelbaums liegt, zwischen Eukalyptusbäumen, ausgestreckt in einem
Salbeifeld, ein Arm auf dem Bauch, einer unterm Nacken, wie er bei Nacht die
Sterne betrachtet und sie wie Trauben von einer Rebe pflückt.
Was für Wesen sind die Männer? Wie sind sie gemacht? Ich erforsche sie
flüchtig anhand der Statuen in den Museen, aus kaltem weißem Marmor, kräftig
und ohne Nase, Bändiger von Pferden, Retter von Segelschiffen, geflügelt oder
ohne Finger; so also sind sie. Nackt und stolz.
Meine größte Angst ist, meinen Vater hier anzutreffen, ihn plötzlich vor mir zu
sehen, wie er im Morgengrauen aus seiner letzten Schlacht heimkehrt, verletzt
und um den Verstand gebracht, ihm alles neu beibringen zu müssen,
die Schönheit in allen Dingen. Ich bin versucht, mich meiner Mutter anzuvertrauen,
aber die Schmerzen des Geistes lassen sich niemandem offenbaren, man muss
sie tief im Innern zwischen Hals und Herz vergraben. „Wo bist du, Papa? Wohin
wirst du gehen?“
Das weiß nämlich keiner.
Alle, die nicht im Voraus bezahlen, schickt Mama fort, nur einen nicht. Torero
sagt: „Para ti.“ Wen meinst du mit euch, entschuldige? „¡Para los peces que se
encuentran en el mar y el mar en peces!“ Meine liebe Hydra, wenn du allen gehörst,
werde ich alle sein! So ist es schon, siehst du das nicht?
Was also wäre eine entsetzliche Ähnlichkeit? Eine, die sie nie sieht? Ein Wesen,
das man mit geschlossenen Augen anschauen muss? Eines, mit dem man spricht,
wenn man sich nicht mehr ausdrücken kann? Nein, es ist etwas Kaltes, wie Wasser,
das sich an den Körper heftet, ein nächtliches Ungeheuer, ein Knäuel lachender
Muränen. Und die in der Mitte ist unsterblich.
Hydra hätte gern, dass ich ihre schöne Robbe wäre, die zur Kirmes ins Dorf
gekommen ist und den bunten Ball auf ihrer feuchten Schnauze kreisen lässt,
während sie sich auf der Toilette mit den Doggen vergnügt. Sollen sie sie ruhig
zerfleischen. Sie kommt mir Gute Nacht sagen und lutscht an einem der sieben
Hügel der linken Hand, und doch würde sie es überhaupt nicht merken, wenn mich
die Strömung forttrüge. Sie beißt mir in die Nasenspitze und das Kinn, fragt: „Was
wollte Torero von dir?“ Ich sitze in ihren Armen fest wie ein Tierchen, antworte:
„Ihren Sohn, aber das bin ich nicht.“ Sterben wollen auch deshalb, derweil ihre allzu
perfekten Zähne sich wie gezackte Uhren in mein Fleisch graben. „Wie viel Uhr ist
es bei dir?“ Und wütend feixen: „Rühr mich bloß nicht mehr an!“, weil ich keine Reste
anbiete oder annehme, von niemandem, es ist immer ohne gegangen, und ich
kann, muss, bin in der Lage, das weiter so zu halten. Stillschweigend erdulde ich die
hartnäckige Zudringlichkeit ihrer lächerlichen und hitzigen Suche nach mir, dieses
oberflächliche Sich-Einschleichen, die leise Grausamkeit, die einem kalte Schauer
über den Rücken treibt: „Was haben wir denn da, hm?“ Hydra, du weißt es nicht,
weil du nichts kapierst, das sind die Schläge meines Herzens. „Bei mir schlägt’s
Mitternacht, nein, vielmehr drei.“ Hau ab! Los, lauf zu deinem Prinzen, rasch!
Stattdessen versuch eine Nacht lang, nicht vor mir zu fliehen, flieh gegen den Strom.
Dem reißenden Wasser, das dich verfolgt, halt entgegen: Ich bin’s. Um nicht ihrem
Atem zum Opfer zu fallen, habe ich gelernt, die Luft anzuhalten.
„Wer ist mein Vater?“ Wenn sie ihr hässliches Lachen lacht, hat Torero Krähenfüße.
„Sag’s mir.“ „No sé.“ „Komm schon, sag’s mir.“ „No sé.“ „Ist es der, der nicht zahlt?“
„¡Te dije no sé, no sé!“ „Soso.“
Mama hat gesagt: „Du musst jeden Mann so anschauen, wie Gott es täte.“ Jeder
Dichter gehört also dem, der seine Verse vorträgt. Aber nicht alle Berührungen
sind gleich. Da wird es wüste Münder geben, Schwielen, struppige Bärte,
verhornte und kratzige Fersen, kleine Widerlinge. Mama hat gesagt: „Wer sonst
hat dir die Augen gemacht, wenn nicht ich?“
Manche stoßen sie seitlich gegen die Wand, wimmern, nehmen sich
Unanständigkeiten heraus, dringen ein, wo sie wollen, kommen auf furchtbare
Art. Und ich denke an die Kreuzigung Christi und begehe dabei die Sünde des
Neides. Im Geist wandere ich ihren Körper ab, spaziere ewig darüber, wie eine
Maschine, die genießt und überall Genuss spendet. Ich muss mich zwingen,
sie mir ohne Organe vorzustellen, um sie nicht umzubringen. Ich ziele auf den
Schädel. Ziel ist es, die Flagge direkt im Zentrum zu hissen, das Eigentumsrecht
festzustellen, nicht das Vorkaufsrecht. Aber etwas noch nicht Geschehenes
ist Vorwegnahme von Willen, Geheimnis und Ende. Und der wahre Schrecken
ist, was ich noch nicht vermag. Tatsächlich gibt es etwas in der Erkenntnis der
Menschen, das nicht Leben ist noch Tod, das nicht die trennende Kraft des
Schwertes hat noch der Verfolgung: Es ist die Abwesenheit von Sünde.
Jeder Hure gibt man ein Entgelt, meines wird der Furor der Eifersucht sein. Ich
sage: „Du hast mir doch das Herz gemacht, warum willst du dann, dass ich es
einem anderen gebe? Ich bin in deiner Gewalt, seit ich auf der Welt bin, sei so
mutig und tu mir, noch vor dem erstbesten Vieh, den größten Gefallen: Zerreiß
mir das Jungfernhäutchen.“
Denn nach welchem Gesetz erklärt man eine vergewaltigte Frau zur Hure?
Die Sonne erhellt den Tag, genauso wie sie. Schmetterlingsstaub legt sich auf
die Anrichte, Orangenblüten schwingen in ihrem Duft, im Wasserglas verändert
sich die Brechung des Lichts. „Ruf bitte mal kurz Torero her.“ „Warum, Mama,
warum?“ „Jetzt ruf sie schon.“ „¿Que és?“
Sie sitzt steif auf der Stuhlkante, die Hände auf dem Tisch verschränkt, die
durchsichtige Linie zwischen den kräftigen, den wunderschönen Wimpern tief
unten, zu weit unten. Heb sie doch. Ich gehe an ihre Seite, mit dem Zeigefinger
streichle ich über ihre wachsbleichen Lider. Das ist eine Art des Wohlbefindens,
ihr persönlicher kleiner Sonnenuntergang. Ich werde dich so sehr lieben, Mama.
Du hast nichts zu befürchten, ich werde dich immer mehr lieben als ihn, auch
wenn er mein Vater ist. Auch wenn er mich nicht erzogen hat. Ich weiß, hinter
der Tür wartet er auf dich, ich habe die Koffer gesehen. „Magst du ihn uns
vorstellen?“
Torero atmet unruhig, eine erdrückende Last treibt Entsetzen in ihre
Augenhöhlen. „Ist er mein Vater?“ Entnervt von den Mutmaßungen, schüttelt
Mama sachte den Kopf. Unfähig, sich frei zu machen, öffnet sie den Mund und
lässt, sehr naiv oder sehr schlau, den dicken Tropfen herabkullern. Du bist ein
Feigling, Hydra, ich hätte es mir denken können. Ruhig löst sie aus dem Knoten,
den sie zu ihrem Schutz geknüpft hat, eine Hand, wischt die Träne ab, legt die
Hand auf mein Knie, das mir ohnehin schon wehgetan hat, und drückt es so, als
wollte sie alles dort drin zu einem Ende bringen. Ihre Knöchel ragen spitz aus dem
Stoff hervor. Die zusammengepressten Fingerglieder ein wenig gelb, ein wenig
blau. Beinahe dankbar klettert sie das schmerzende Bein wieder hinauf, hält
sich lange an meiner Taille auf. Ich erkenne die Hitze wieder, die bei Berührung
heißer brennt als Höllenfeuer und in Dampf aufgehen will. Nach einem leichten
Aufbäumen, das ihre eigene Furcht verleugnen soll, schubst sie mich mit einer
beiläufigen Geste auf Torero, wie man einen Besen in den toten Winkel hinter der
Tür wirft, wie man eine Gabel in die Schublade pfeffert, wie man einen Sarg in die
Grabnische einer Friedhofsmauer schiebt und den Zement hinterher. Und prompt
verkündet die Stimme: „Siehe, deine Tochter.“ Zu mir: „Siehe, deine Mutter.“
Ich werde dich so sehr lieben.
Und nachdem ich dich geliebt habe, werde ich dich verlassen, Mama, und sie
werden dir deine Gewänder ausziehen, dir den Schmuck abnehmen, dich nackt
und bloß daliegen lassen, dich in meinem Beisein steinigen und sagen: „Wie die
Mutter, so die Tochter.“ Ich bin deiner würdig. Bei meiner Geburt hat man meine
Nabelschnur nicht durchtrennt, man hat mich nicht mit reinigendem Wasser
gewaschen und nicht in Windeln gewickelt. Jetzt sehe ich die Wüste als Symbol
unserer Beziehung, und ich verschmähe dich, weil du unerreichbar sein wirst, weil
das Wunderbare dich vom grenzenlosen Verlangen abhält. Es ist aber da. Und
du bist mit ihm. In Zukunft wird es nicht genügen, Worte aneinanderzuknüpfen,
mit zartem Klang auszusprechen, zu bitten: „Gib mir noch einen Kuss.“ Vielleicht
werde ich diejenigen, die du geliebt und die du gehasst hast, gegen dich
versammeln, damit sie dich ganz sehen können, und da nichts jemals verborgen
bleibt, werde ich dich unter einem riesigen Felsblock bestatten, von dem man nur
hören wird: „Mein Gott, mein Gott.“ Zuletzt werde ich glauben wollen, dass die
Wirklichkeit Liebe ist und nichts sonst.
Ich werde keine Angst haben zu sehen, wie du in andere Hände als in meine
übergehst, so wie man nach einem Sturm im Dunkeln keine Angst mehr hat vor
dem Meer. Der Strudel verschlingt Boote und unglückliche Seelen, und doch
erscheint er uns schön, denn das Unglück kann jeden treffen. Und für den eigenen
Glauben verraten und verkauft, gemartert und getötet werden kann jeder. Deshalb
folge ich dir, wenn du wirklich meine Rettung bist, bis ans Kreuz. Verkriech dich
ruhig an den Grenzen der Welt, ich gehöre dir, geh ruhig mit ihm fort, ich gehöre
dir, lieb Tausende anderer Männer, ich gehöre dir. Wohin du auch fliehst, ich
werde dir immer gehören, werde immer dein Fluch sein. Von jetzt an stell dich
nicht mehr gegen mich. Geh fort. Unser Gefühl füreinander hätte denselben
Raum einnehmen müssen, den das Sonnenlicht im Weltall hat. Ich habe es für
möglich gehalten, weil ich die Gewänder deiner Braut getragen habe, ich habe
mich geirrt. Nie mehr werde ich deine Scheußlichkeiten mit ansehen, nie mehr
deine Waschungen ertragen müssen. Du, wie du die Arme ausbreitest und sie
wieder verschränkst, bevor ich in sie hineinplumpsen kann. Du Missetäterin in
einer mütterlichen Schmierenkomödie!
Hier also Torero, meine Mutter, die Frau, die berufen ist, mir meinen Namen
zu geben. Das letzte Geschenk Christi an Johannes. Die Bluse dunkel und
abgewetzt, Krampfadern an den Waden. Wie wahrhaftig sie ist in ihrem Elend,
wie gekränkt, das Haar in die Stirn hängend wie bei Frauen, die die Probleme
nicht anpacken konnten und ihnen ausgewichen sind. Blass, stark und ein für
alle Mal verloren. Mit ein wenig rauer Stimme ruft sie: „¡Tres granos de azúcar!“,
wie das Ritual vorschreibt. Sie reibt sie mir zwischen die Schenkel, während ich
steif werde, flehe, keuche: „Ich bitte dich, nein.“ Verschone mich. Verschont mich
alle. Aber ihre lebhaften Augen befehlen: „Du bist geladen. Los, schieß.“
Ich bin keine, die man lieben kann. Ich liebe und weiß nicht, wie lieben geht. Ich
besiege den Tod, das Schicksal und gewinne sämtliche Kriege, die über uns
hereinbrechen werden.
Auf Wiedersehen, Hydra. Vielleicht stimmt es, ich habe Angst. Es ist mir
gleich. Bei der Taufe durch Eintauchen stirbt man zu neuer Geburt, aber
wessen Gott sich zu erbarmen gewillt ist, der lüftet das Geheimnis, immer
noch an ihn glauben zu können. Im Mysterium dessen, der den Namen seiner
Schmerzen auf den Schultern trägt bis hin zum goldenen Platz der Mutter, die im
Quellwasser wieder zur Jungfrau geworden ist. Am Fuße jenes Kalvarienbergs
wird man sich hinknien müssen, den Blick schweifen lassen und – ohne
Hoffnung – die Liebe niederlegen, die sich ergießt und deinen eigenen Körper
bildet, die sich über die Holzhütten legt, die Birkenstämme, die Hirtenmusik,
die Hahnenkämme und die zahmen Tiere, über denen unsere verrückten
Gespenster kreisen; ein Fluss in dieser Wüste, in der heute Schnee fällt. Dich
dort ein letztes Mal verfluchen und zugleich segnen: „Mama, erkennst du mich?
Hab jetzt kein Mitleid mit mir, dies ist mein Kreuz. Dir gehört der Himmel, dir
gehört die Erde. Umarme mich.“
... und du wirst zu all deinen Schandtaten nicht noch andere Gräuel hinzufügen.
Hesekiel, Gleichnis von Jerusalem