Die Hitze stand drückend und bedrohlich um ihn herum und presste ihm
die Hand auf das Gesicht. Er wachte auf, sein Hemd schweißdurchtränkt.
Er nahm die nackten Fü.e vom Schreibtisch und kratzte sich verwundert
im Nacken. Er nestelte am Kragen herum, doch dann fiel ihm auf, dass das
Hemd bereits bis zum Bauchnabel aufgeknöpft war. Er schob den Stuhl
zurück und ging langsam zum offenen Fenster. Ein reifer Nachmittag rekelte
sich in den Wipfeln der Bäume, und Kolibris schwirrten zwischen den
Zweigen hin und her. Er rieb sich die Augen, während sich die Luft in Wellen
über die kleine Lichtung im Wald schob. Er zog eines der breiten Blätter
vorm Fenster zu sich heran, hielt es sich ans Gesicht und spürte, wie sich
die kühle Innenseite des Blattes an seiner Haut erwärmte.
Monate waren ins Land gegangen. Er hatte kaum jemand gesehen. Sein
Bart hatte die Stoppelphase überwunden und war nun weich und lang. Es
lohnte sich nicht, sich zu waschen, denn der Schweiß brach ihm wieder
aus allen Poren, bevor er damit fertig war. Er hatte sehr wenig gegessen
und noch weniger geschlafen in diesem feuchten Verschlag. Sein einziger
Gefährte war ein aufregend bunter Vogel in einem Käfig auf der Veranda
und Vania, die gelegentlich Lebensmittel einkaufte und dann wieder
heimging. Als er sie nach dem Vogel gefragt hatte, hatte sie geantwortet,
er sei schon seit ihrer Kindheit hier gewesen. Dann hatte sie gelacht, an
ihren trostlos grauen Rastazöpfen gezupft und sich gewünscht, dass alles
Alte so farbenfroh bleiben könnte. Jedes Mal, wenn sie ging und ihr Lachen
in der Ferne verschwand, schien die Stille noch stiller, und seine Stimme
klang schwerfällig, wenn er mit dem Vogel redete und ihm harte, glänzende
Samenkörner durch die Gitterstäbe des Käfigs warf.
Er drehte sich um und sah auf den Schreibtisch in dem kargen Holzzimmer.
Die weißen Papierblätter lagen unbeschrieben auf dem Pult wie
zerbrochene Flügel. In seinem Kopf schwirrten Worte und Gedanken wie
Fliegen umher, aber die Blätter regten sich nicht, wie sehr er sich auch
mühte, sie mit seinem Stift anzustacheln. Seine Lungen füllten sich mit
Luft, die so dicht wie Wasser war. Bestimmt warteten alle auf das Buch.
Ungeduldig, unersättlich wie Löschpapier, bereit es zu verschlingen, aber
ihm war zu heiß um zu schlafen, zu heiß um zu essen und zu heiß um zu
schreiben.
Er lief auf den Dielen entlang, es zog ihn zur Küche hinten im Haus. Er nahm
eine dicke Mango aus einer Holzkiste. Ihr Fleisch war üppig und kühl, er
sog ihren Duft ein. Er drückte die Frucht zwischen den Fingern, ihre Haut
schimmerte rosig in dem sanften Licht. Seit Tagen hatte er nichts gegessen.
Maria und er hatten Mangos gemocht. Er dachte an Maria, während er mit
dem scharfen Brieföffner in das Fruchtfleisch schnitt. Der Saft färbte seine
Finger honiggelb. Er schloss die Augen und dachte an Marias Beine, an
ihr Gewicht, wenn sie sich an seine Brust schmiegte, und an ihre Haut. Er
presste seine Lippen an die Frucht. Sie schmeckte wässerig. Abrupt und
enttäuscht öffnete er die Augen und warf die hartherzige Frucht mit einem
dumpfen Knall in die Ecke. Es wurde dunkel, und die Frösche fingen an,
die Nacht mit ihrem seltsamen Gesang zu erfüllen. Die Luft wurde milder in
dieser Phase zwischen Tag und Nacht, die satte Erde kühlte sich ab und roch
nach warmen Keksen. Er ging zu einer schmutzigen Matratze auf dem Boden
neben dem Schreibtisch, legte sich nieder und wartete auf den Schlaf. Er
konnte noch immer die klebrige Sü.e an den Fingern fühlen, als er sich den
salzigen Schweiß aus dem Gesicht wischte. Der Schlaf kam in Wellen, und
sein Körper ruckte und zuckte im Liegen.
Er öffnete die Augen. Da war wieder dieses Geräusch. Schwarze Wolken
hatten den Mond verschluckt. Er bekam keine Luft. Die Frösche waren
verstummt. Die Nacht war pechschwarz. Er setzte sich auf. Wieder hörte er
dieses Geräusch. Knarrendes Holz. Die Angst schärfte sein Gehör, und seine
Pupillen weiteten sich. Er stand auf, bewegte sich nicht. Er lauschte. Tastete
nach dem Verschluss seiner Tasche und dem harten Messer. Dieses Mal war
das Knarren lauter, als ob jemand kühner wurde mit jedem Schritt. Sein Herz
zog sich zusammen. Man hatte ihn gewarnt. Der Alte, der ihm den Schlüssel
gegeben hatte, hatte verschlagen gelächelt und gesagt, dies sei ein einsamer
Ort. Kichernd hatte er den Schlüssel über der Handfläche baumeln und
ihn wissen lassen, dass es hier Menschen gebe, die einem die Kleider vom
Leib stehlen würden, und wenn man keine mehr habe, dann würden sie
auch noch die Seele nehmen. Wochenlang hatte er von ihnen geträumt, ihre
Gesichter waren ihm in den Bäumen in der Dunkelheit erschienen. Funkelnde
Augen und Messer. Das leise Geräusch von ächzendem Holz. Er drehte
den Kopf, um besser hören zu können. Der leere Magen schmerzte, und
feuchtkalter Schweiß rann ihm den Rücken hinunter. Er musste etwas tun.
Langsam ging er auf Zehenspitzen zum Fenster und hielt die Luft an. Seine
Füße bewegten sich lautlos. Seit Wochen war er diesen Weg gegangen und
wusste, dass er sechs Schritte bis zum offenen Fenster brauchte. Er konnte
die Scheibe fühlen und stellte sich mit dem Rücken zur Wand. Der Atem
staute sich in seinem Brustkorb. Er versuchte, seine Lungen zu kontrollieren,
aber sein Kopf war benommen. Er presste sich gegen die Wand, wollte
sich klein machen. Plötzlich räusperte sich der Himmel, und Donner grollte
über die Wipfel der Bäume. Sein ganzer Körper verkrampfte sich. Der Wind
frischte auf, und die Blätter vor dem Fenster flüsterten lauter.
„Ha, ha, ha, ha, ha.“
Er kroch förmlich in sich zusammen und stand still wie ein Eisblock. Das
Herz schmerzte ihm im Leib. Ein Lachen. Vielleicht waren es ja zwei. Es war
ein Spiel. Spaß. Wahrscheinlich schwebten die beiden schon in anderen
Sphären, nachdem sie Pflanzen gekaut und Blätter geraucht hatten.
„Ha, ha, ha, ha, ha.“
Er presste den Daumen gegen die Klinge des Messers. Er klammerte sich
mit einer Hand an den Fensterrahmen. Er schluckte heftig.
„Ha, ha, ha.“
Das ganze Zimmer wurde in silbernes Licht getaucht. Er zuckte zusammen,
und ihm entfuhr ein kurzer Schrei. Das Licht wurde wieder ausgeknipst,
und lauter Donner grollte drohend über das Land. Er hielt sich den Mund
zu. Sie mussten ihn gehört haben. Die Haare auf seinen Armen hatten
sich aufgerichtet, die Beine waren wie Pudding und wacklig vor Angst. Er
konnte die aufgeladene Luft um ihn herum spüren, bevor der Himmel erneut
erschüttert wurde. Sein ganzer Körper tat weh. Das Knarren hatte aufgehört.
Sie formierten sich neu. Das Zimmer wurde wieder hell erleuchtet, während
sich die Luft knisternd entlud. Vielleicht wollten sie an der Hinterseite ins
Haus einsteigen. Der Klang des Donners, wie Papier, das zerreißt. Die Türen
konnte man nicht abschließen. Normalerweise schob er einen alten Schrank
vor den Durchgang zur Küche, aber in letzter Zeit hatte er dazu nicht mehr
die Kraft gehabt. Er hatte sich angreifbar gemacht. Er war nur eine Beute.
Nur weiches Fleisch, das in einer harten Holzbehausung umherhuschte.
„Ha, ha, ha, ha, ha!“
Das Geräusch von Füßen, die sich bewegen. Nun konnte er die Angreifer
sehen. Weiße Augen, weit aufgerissen vor Erstaunen. Sie musterten
sein rotes Fleisch und sein Blut, das durch die Dielen tropfen würde wie
Mangosaft. Warm, gerinnend, dann dunkel. Hier würde ihn tagelang keiner
finden.
Er musste sich ihnen stellen. Er musste ihnen das Messer in die weichen
Körper rammen. Er musste ihnen die Knochen abschaben und die Sehnen
durchtrennen. Der Himmel grollte, und Licht zuckte über das Haus. Ein Blitz
schnellte wie ein Reißzahn hernieder.
„Ha, ha, ha, ha, ha, ha, ha ...“
Dann hörte man ein Stöhnen und Flüstern. Die Blätter flatterten im
auflebenden Wind. Er musste warten. Auf den Blitz warten, dann zuschlagen.
Auf das Licht warten. Er beugte die Knie zum Sprung.
„Ha, ha, ha, ha, ha ...“
Die Angst hatte ihm das Blut vergiftet, und seine Hand dürstete nach Taten.
Wollte unbedingt hinaus durch das Fenster und töten, bevor er selbst getötet
wurde. Wollte Knochen durch den Griff des Messers spüren, mit der Klinge
fest zustoßen, bis seine Hand die Haut der anderen berührte. Wenn er eine
Chance haben wollte, musste er sie überraschen. Einen von ihnen töten, den
Körper zusammensacken lassen, bevor er sich an den anderen heranpirschte.
Klebriges Blut an den Fingern. Er musste zählen. Die Zeit zwischen Blitz und
Donner zählen. Es kam schon näher. Er wollte zählen und angreifen, sobald er
wusste, dass es Licht wurde. Das Licht war sein Verbündeter.
Wieder ein Flüstern. Dieses Mal lauter. Er wartete, jeder Muskel in seinem
Körper angespannt. Das Geräusch von Füßen, die sich heranschleichen. Alle
Gedanken, die er je gehabt hatte, waren wie weggeblasen. Die Vergangenheit,
die Zukunft hatten keine Bedeutung mehr. Er konnte das Blut der Angreifer
riechen. Es trieb ihn vorwärts, er war bereit, in der Dunkelheit zuzuschlagen.
Seine Nasenlöcher blähten sich, er sog die Luft kräftig ein. Seine weit
aufgerissenen Augen schauten angestrengt und flackerten unruhig, wenn es
still war. Blitz. Er fing an zu zählen. Sein Verstand widmete sich den Zahlen.
‚Eins, zwei, drei.’ BLITZ.
Er packte den Fensterrahmen und überlegte, wohin er springen musste.
Flüstern und Lachen. Dieses Mal noch ein bisschen lauter. Donner.
‚Eins, zwei, drei.’ BLITZ.
Einen Moment lang war es taghell. Donner grollte. Seine Beine waren bereit,
die Schultern verkrampft und zitternd. Donner. Lachen hing über der Veranda.
‚Eins, zwei ...’
Er sprang aus dem Fenster und landete schwerfällig auf den Holzplanken auf
der anderen Seite. Er schrie auf, der Schrei kam aus seinem tiefsten Inneren,
ein alter Schrei, von dessen Existenz er nichts wusste. BLITZ. Panisch sah
er sich um. Seine Augen glänzten weiß in dem silbrig-kalten Licht, er warf
den Kopf hin und her. Das Licht verlosch. Niemand war hier. Er drehte sich
im Kreis, das Messer stach blindlings zu. Schreiend durchschnitt er die Luft,
drehte sich um sich und schrie und weinte, während der Donner über dem
Haus lachte. Er kämpfte und krakeelte, bis ihm der Arm weh tat und das
Herz zu versagen drohte. Er stieß erbarmungslos zu, fletschte die Zähne
und funkelte mit den Augen. Das Messer hielt er so fest in der Hand, dass
es eins mit ihm geworden war. Dann gab er auf, die Angst hatte seine Kräfte
aufgezehrt. Er hatte nicht gegessen, er hatte nicht geschlafen. Er starrte in
die Dunkelheit, seine Brust hob und senkte sich, und wartete auf den Tod. Er
atmete ruhiger und kam wieder zu Sinnen. Erwartete den Messerstich, aber
nichts passierte. Sah sich verständnislos um, aber niemand kam. Dann drang
aus der stockdunklen Nacht eine leise Kinderstimme.
„Hallo, hallo, hallo, hallo … ha, ha, ha, ha.“
Er schaute angestrengt. Er konnte Schritte hören. Die Bäume ächzten. Er trat
vor, und jemand tat es ihm gleich.
„Hallo?“, fragte er in die Dunkelheit.
„Hallo?“, kam die Antwort.
„Wer ist da?“, fragte er nun.
„Ha! Ha! Ha!“ Der Himmel erhellte sich wieder, und die ganze Welt wurde in
Licht getaucht. Der Vogel glotzte ihn an, er hielt den Kopf schräg hinter den
rostigen Stäben des Käfigs.
„Hallo, hallo, hallo, hallo. Ha! Ha! Ha! Ha!“
Die Spannung rann wie Wasser aus seinem Körper, und das Herz zog sich
erleichtert zusammen. Die Schultern entspannten sich, und er ließ das Messer
auf den Boden plumpsen. Er hörte es im Dunkel davonhüpfen. Er sah den
kleinen Vogel an, lauschte ihm und ließ seine Angst auf die Erde unter den
Holzplanken rieseln. Er fing an zu lachen. Lachsalven brachen aus ihm heraus
und entluden sich in der Dunkelheit. Und während sein Lachen über die
Veranda schepperte, rückten die Wolken beiseite und entblößten einen fahlen
Mond. Regentropfen fielen schwer und lebensspendend in die dankbaren
Hände der Blätter um das Haus.
„Ha! Ha! Ha! Ha!“
Der Vogel ahmte das Lachen des Mannes nach. Das hatte er mit der Zeit
gelernt. Gelauscht und nachgeahmt. Gelauscht und nachgeahmt, bis er seine
eigene Stimme gefunden hatte. Der Vogel würde nie die Wahrheit sagen oder
eine echte Geschichte erzählen können, aber er wusste wohl, wie man lacht.
Fasziniert ging der Mann zu dem kleinen Gefangenen und schaute durch
die hässlichen Gitterstäbe. Er beugte sich hinunter auf Augenhöhe mit dem
Tier und öffnete den Käfig. Der Vogel verfolgte in dem schwachen Licht jede
Bewegung des Mannes und erwiderte das Quietschen der Metallscharniere
mit einem Krächzen. Er sah dem Mann in die Augen, bevor er zur Seitenwand
des Käfigs hüpfte. Vorsichtig steckte der Vogel den Kopf durch die kleine Tür,
als versuchte er sich zu erinnern, wie man fliegt. Ihre Köpfe berührten sich
beinah, als der Vogel die schwachen Flügel ausstreckte. Der Mann fühlte sich
erleichtert in der Gegenwart eines anderen Lebewesens.
Als eine dunkle Wolke den Mond wieder verdeckte, hörte er den Vogel
davonfliegen. Flatternd zogen die Flügel an ihm vorbei, als der Vogel seinen
Körper dem erfrischenden Regen entgegenreckte.
Nachdem er eine Weile auf der Veranda gestanden hatte, drehte der Mann
sich um und ging in die Küche. Er zündete eine Kerze an und sah zu, wie
die Flamme erst zu ersticken drohte, dann beherzter brannte. Und während
der Regen auf das Zinndach plätscherte, löschte er seinen Durst mit klarem,
süßen Wasser und aß Früchte mit den Händen. Er spürte, wie die Luft um
ihn herum dünner wurde und die erbarmungslose Hitze ihre Umklammerung
lockerte. Er wusch sich das Gesicht in einem Waschbecken und trocknete
sich mit einem Handtuch ab. Er tastete sich zurück zu der kleinen Matratze,
um zu schlafen. Als sich die Wolken verzogen, wurde es heller im Zimmer, und
er schlief ein, während er zusah, wie die weißen Papierblätter im klaren Licht
der Morgendämmerung aufblühten.
Er schlief stundenlang, während sich jeder Knoten in seinem Körper löste.
Seine Nerven entspannten sich, die Haut trocknete. Als er aufwachte,
betrachtete er eine Zeit lang die hellblauen Lichtstrahlen und roch den
verdunstenden Regen. Er stand auf und brühte einen starken Kaffee. Wie
jeden Morgen ging er hinaus auf die Veranda. Er hatte noch immer ein paar
Körner in der Tasche. Die Tür des Käfigs stand offen. Er spürte einen Stich im
Herzen, als er den kleinen, verlassenen Vogelbauer sah. Dann ging er näher
heran, weil etwas seine Aufmerksamkeit erregte. Er stellte den Kaffee ab
und beugte sich über den Käfig. Auf dem Boden lag eine bunte Feder, keck
zwischen grauem Kot und Samenhülsen. Er steckte die Hand durch die kleine
Tür und nahm die Feder an sich. Sie schillerte in allen Farben, ihr Kiel war
biegsam und fest. Er sah sich um. Es wurde wieder wärmer, aber die brütende
Hitze war verflogen. Ihm fiel das Messer wieder ein, und er bückte sich
danach. Er spürte einen leisen Windhauch auf dem Gesicht, betrachtete das
Geschenk und drückte die Messerklinge an den Schaft, um ihn anzuspitzen.
Er lächelte. In den Bäumen um ihn herum war Gelächter zu hören.
Er drehte sich um und ging langsam zum Schreibtisch, während er sich eine
Decke um die Schultern wickelte. Er setzte sich und blätterte eine Weile durch
den Papierstapel, bis er schließlich die Spitze der Feder in ein Tintenfass
tauchte. Vergnügt lauschte er dem Gesang der Vögel in den Bäumen, bevor
er ein wenig Farbe auf einen der weißen Flügel kritzelte.