Caryl Lewis

Der Käfig


Die Hitze stand drückend und bedrohlich um ihn herum und presste ihm

die Hand auf das Gesicht. Er wachte auf, sein Hemd schweißdurchtränkt.

Er nahm die nackten Fü.e vom Schreibtisch und kratzte sich verwundert

im Nacken. Er nestelte am Kragen herum, doch dann fiel ihm auf, dass das

Hemd bereits bis zum Bauchnabel aufgeknöpft war. Er schob den Stuhl

zurück und ging langsam zum offenen Fenster. Ein reifer Nachmittag rekelte

sich in den Wipfeln der Bäume, und Kolibris schwirrten zwischen den

Zweigen hin und her. Er rieb sich die Augen, während sich die Luft in Wellen

über die kleine Lichtung im Wald schob. Er zog eines der breiten Blätter

vorm Fenster zu sich heran, hielt es sich ans Gesicht und spürte, wie sich

die kühle Innenseite des Blattes an seiner Haut erwärmte.

Monate waren ins Land gegangen. Er hatte kaum jemand gesehen. Sein

Bart hatte die Stoppelphase überwunden und war nun weich und lang. Es

lohnte sich nicht, sich zu waschen, denn der Schweiß brach ihm wieder

aus allen Poren, bevor er damit fertig war. Er hatte sehr wenig gegessen

und noch weniger geschlafen in diesem feuchten Verschlag. Sein einziger

Gefährte war ein aufregend bunter Vogel in einem Käfig auf der Veranda

und Vania, die gelegentlich Lebensmittel einkaufte und dann wieder

heimging. Als er sie nach dem Vogel gefragt hatte, hatte sie geantwortet,

er sei schon seit ihrer Kindheit hier gewesen. Dann hatte sie gelacht, an

ihren trostlos grauen Rastazöpfen gezupft und sich gewünscht, dass alles

Alte so farbenfroh bleiben könnte. Jedes Mal, wenn sie ging und ihr Lachen

in der Ferne verschwand, schien die Stille noch stiller, und seine Stimme

klang schwerfällig, wenn er mit dem Vogel redete und ihm harte, glänzende

Samenkörner durch die Gitterstäbe des Käfigs warf.

Er drehte sich um und sah auf den Schreibtisch in dem kargen Holzzimmer.

Die weißen Papierblätter lagen unbeschrieben auf dem Pult wie

zerbrochene Flügel. In seinem Kopf schwirrten Worte und Gedanken wie

Fliegen umher, aber die Blätter regten sich nicht, wie sehr er sich auch

mühte, sie mit seinem Stift anzustacheln. Seine Lungen füllten sich mit

Luft, die so dicht wie Wasser war. Bestimmt warteten alle auf das Buch.

Ungeduldig, unersättlich wie Löschpapier, bereit es zu verschlingen, aber

ihm war zu heiß um zu schlafen, zu heiß um zu essen und zu heiß um zu

schreiben.

Er lief auf den Dielen entlang, es zog ihn zur Küche hinten im Haus. Er nahm

eine dicke Mango aus einer Holzkiste. Ihr Fleisch war üppig und kühl, er

sog ihren Duft ein. Er drückte die Frucht zwischen den Fingern, ihre Haut

schimmerte rosig in dem sanften Licht. Seit Tagen hatte er nichts gegessen.

Maria und er hatten Mangos gemocht. Er dachte an Maria, während er mit

dem scharfen Brieföffner in das Fruchtfleisch schnitt. Der Saft färbte seine

Finger honiggelb. Er schloss die Augen und dachte an Marias Beine, an

ihr Gewicht, wenn sie sich an seine Brust schmiegte, und an ihre Haut. Er

presste seine Lippen an die Frucht. Sie schmeckte wässerig. Abrupt und

enttäuscht öffnete er die Augen und warf die hartherzige Frucht mit einem

dumpfen Knall in die Ecke. Es wurde dunkel, und die Frösche fingen an,

die Nacht mit ihrem seltsamen Gesang zu erfüllen. Die Luft wurde milder in

dieser Phase zwischen Tag und Nacht, die satte Erde kühlte sich ab und roch

nach warmen Keksen. Er ging zu einer schmutzigen Matratze auf dem Boden

neben dem Schreibtisch, legte sich nieder und wartete auf den Schlaf. Er

konnte noch immer die klebrige Sü.e an den Fingern fühlen, als er sich den

salzigen Schweiß aus dem Gesicht wischte. Der Schlaf kam in Wellen, und

sein Körper ruckte und zuckte im Liegen.

Er öffnete die Augen. Da war wieder dieses Geräusch. Schwarze Wolken

hatten den Mond verschluckt. Er bekam keine Luft. Die Frösche waren

verstummt. Die Nacht war pechschwarz. Er setzte sich auf. Wieder hörte er

dieses Geräusch. Knarrendes Holz. Die Angst schärfte sein Gehör, und seine

Pupillen weiteten sich. Er stand auf, bewegte sich nicht. Er lauschte. Tastete

nach dem Verschluss seiner Tasche und dem harten Messer. Dieses Mal war

das Knarren lauter, als ob jemand kühner wurde mit jedem Schritt. Sein Herz

zog sich zusammen. Man hatte ihn gewarnt. Der Alte, der ihm den Schlüssel

gegeben hatte, hatte verschlagen gelächelt und gesagt, dies sei ein einsamer

Ort. Kichernd hatte er den Schlüssel über der Handfläche baumeln und

ihn wissen lassen, dass es hier Menschen gebe, die einem die Kleider vom

Leib stehlen würden, und wenn man keine mehr habe, dann würden sie

auch noch die Seele nehmen. Wochenlang hatte er von ihnen geträumt, ihre

Gesichter waren ihm in den Bäumen in der Dunkelheit erschienen. Funkelnde

Augen und Messer. Das leise Geräusch von ächzendem Holz. Er drehte

den Kopf, um besser hören zu können. Der leere Magen schmerzte, und

feuchtkalter Schweiß rann ihm den Rücken hinunter. Er musste etwas tun.

Langsam ging er auf Zehenspitzen zum Fenster und hielt die Luft an. Seine

Füße bewegten sich lautlos. Seit Wochen war er diesen Weg gegangen und

wusste, dass er sechs Schritte bis zum offenen Fenster brauchte. Er konnte

die Scheibe fühlen und stellte sich mit dem Rücken zur Wand. Der Atem

staute sich in seinem Brustkorb. Er versuchte, seine Lungen zu kontrollieren,

aber sein Kopf war benommen. Er presste sich gegen die Wand, wollte

sich klein machen. Plötzlich räusperte sich der Himmel, und Donner grollte

über die Wipfel der Bäume. Sein ganzer Körper verkrampfte sich. Der Wind

frischte auf, und die Blätter vor dem Fenster flüsterten lauter.

„Ha, ha, ha, ha, ha.“

Er kroch förmlich in sich zusammen und stand still wie ein Eisblock. Das

Herz schmerzte ihm im Leib. Ein Lachen. Vielleicht waren es ja zwei. Es war

ein Spiel. Spaß. Wahrscheinlich schwebten die beiden schon in anderen

Sphären, nachdem sie Pflanzen gekaut und Blätter geraucht hatten.

„Ha, ha, ha, ha, ha.“

Er presste den Daumen gegen die Klinge des Messers. Er klammerte sich

mit einer Hand an den Fensterrahmen. Er schluckte heftig.

„Ha, ha, ha.“

Das ganze Zimmer wurde in silbernes Licht getaucht. Er zuckte zusammen,

und ihm entfuhr ein kurzer Schrei. Das Licht wurde wieder ausgeknipst,

und lauter Donner grollte drohend über das Land. Er hielt sich den Mund

zu. Sie mussten ihn gehört haben. Die Haare auf seinen Armen hatten

sich aufgerichtet, die Beine waren wie Pudding und wacklig vor Angst. Er

konnte die aufgeladene Luft um ihn herum spüren, bevor der Himmel erneut

erschüttert wurde. Sein ganzer Körper tat weh. Das Knarren hatte aufgehört.

Sie formierten sich neu. Das Zimmer wurde wieder hell erleuchtet, während

sich die Luft knisternd entlud. Vielleicht wollten sie an der Hinterseite ins

Haus einsteigen. Der Klang des Donners, wie Papier, das zerreißt. Die Türen

konnte man nicht abschließen. Normalerweise schob er einen alten Schrank

vor den Durchgang zur Küche, aber in letzter Zeit hatte er dazu nicht mehr

die Kraft gehabt. Er hatte sich angreifbar gemacht. Er war nur eine Beute.

Nur weiches Fleisch, das in einer harten Holzbehausung umherhuschte.

„Ha, ha, ha, ha, ha!“

Das Geräusch von Füßen, die sich bewegen. Nun konnte er die Angreifer

sehen. Weiße Augen, weit aufgerissen vor Erstaunen. Sie musterten

sein rotes Fleisch und sein Blut, das durch die Dielen tropfen würde wie

Mangosaft. Warm, gerinnend, dann dunkel. Hier würde ihn tagelang keiner

finden.

Er musste sich ihnen stellen. Er musste ihnen das Messer in die weichen

Körper rammen. Er musste ihnen die Knochen abschaben und die Sehnen

durchtrennen. Der Himmel grollte, und Licht zuckte über das Haus. Ein Blitz

schnellte wie ein Reißzahn hernieder.

„Ha, ha, ha, ha, ha, ha, ha ...“

Dann hörte man ein Stöhnen und Flüstern. Die Blätter flatterten im

auflebenden Wind. Er musste warten. Auf den Blitz warten, dann zuschlagen.

Auf das Licht warten. Er beugte die Knie zum Sprung.

„Ha, ha, ha, ha, ha ...“

Die Angst hatte ihm das Blut vergiftet, und seine Hand dürstete nach Taten.

Wollte unbedingt hinaus durch das Fenster und töten, bevor er selbst getötet

wurde. Wollte Knochen durch den Griff des Messers spüren, mit der Klinge

fest zustoßen, bis seine Hand die Haut der anderen berührte. Wenn er eine

Chance haben wollte, musste er sie überraschen. Einen von ihnen töten, den

Körper zusammensacken lassen, bevor er sich an den anderen heranpirschte.

Klebriges Blut an den Fingern. Er musste zählen. Die Zeit zwischen Blitz und

Donner zählen. Es kam schon näher. Er wollte zählen und angreifen, sobald er

wusste, dass es Licht wurde. Das Licht war sein Verbündeter.

 

Wieder ein Flüstern. Dieses Mal lauter. Er wartete, jeder Muskel in seinem

Körper angespannt. Das Geräusch von Füßen, die sich heranschleichen. Alle

Gedanken, die er je gehabt hatte, waren wie weggeblasen. Die Vergangenheit,

die Zukunft hatten keine Bedeutung mehr. Er konnte das Blut der Angreifer

riechen. Es trieb ihn vorwärts, er war bereit, in der Dunkelheit zuzuschlagen.

Seine Nasenlöcher blähten sich, er sog die Luft kräftig ein. Seine weit

aufgerissenen Augen schauten angestrengt und flackerten unruhig, wenn es

still war. Blitz. Er fing an zu zählen. Sein Verstand widmete sich den Zahlen.

‚Eins, zwei, drei.’ BLITZ.

Er packte den Fensterrahmen und überlegte, wohin er springen musste.

Flüstern und Lachen. Dieses Mal noch ein bisschen lauter. Donner.

‚Eins, zwei, drei.’ BLITZ.

Einen Moment lang war es taghell. Donner grollte. Seine Beine waren bereit,

die Schultern verkrampft und zitternd. Donner. Lachen hing über der Veranda.

‚Eins, zwei ...’

Er sprang aus dem Fenster und landete schwerfällig auf den Holzplanken auf

der anderen Seite. Er schrie auf, der Schrei kam aus seinem tiefsten Inneren,

ein alter Schrei, von dessen Existenz er nichts wusste. BLITZ. Panisch sah

er sich um. Seine Augen glänzten weiß in dem silbrig-kalten Licht, er warf

den Kopf hin und her. Das Licht verlosch. Niemand war hier. Er drehte sich

im Kreis, das Messer stach blindlings zu. Schreiend durchschnitt er die Luft,

drehte sich um sich und schrie und weinte, während der Donner über dem

Haus lachte. Er kämpfte und krakeelte, bis ihm der Arm weh tat und das

Herz zu versagen drohte. Er stieß erbarmungslos zu, fletschte die Zähne

und funkelte mit den Augen. Das Messer hielt er so fest in der Hand, dass

es eins mit ihm geworden war. Dann gab er auf, die Angst hatte seine Kräfte

aufgezehrt. Er hatte nicht gegessen, er hatte nicht geschlafen. Er starrte in

die Dunkelheit, seine Brust hob und senkte sich, und wartete auf den Tod. Er

atmete ruhiger und kam wieder zu Sinnen. Erwartete den Messerstich, aber

nichts passierte. Sah sich verständnislos um, aber niemand kam. Dann drang

aus der stockdunklen Nacht eine leise Kinderstimme.

„Hallo, hallo, hallo, hallo … ha, ha, ha, ha.“

Er schaute angestrengt. Er konnte Schritte hören. Die Bäume ächzten. Er trat

vor, und jemand tat es ihm gleich.

„Hallo?“, fragte er in die Dunkelheit.

„Hallo?“, kam die Antwort.

„Wer ist da?“, fragte er nun.

„Ha! Ha! Ha!“ Der Himmel erhellte sich wieder, und die ganze Welt wurde in

Licht getaucht. Der Vogel glotzte ihn an, er hielt den Kopf schräg hinter den

rostigen Stäben des Käfigs.

„Hallo, hallo, hallo, hallo. Ha! Ha! Ha! Ha!“

Die Spannung rann wie Wasser aus seinem Körper, und das Herz zog sich

erleichtert zusammen. Die Schultern entspannten sich, und er ließ das Messer

auf den Boden plumpsen. Er hörte es im Dunkel davonhüpfen. Er sah den

kleinen Vogel an, lauschte ihm und ließ seine Angst auf die Erde unter den

Holzplanken rieseln. Er fing an zu lachen. Lachsalven brachen aus ihm heraus

und entluden sich in der Dunkelheit. Und während sein Lachen über die

Veranda schepperte, rückten die Wolken beiseite und entblößten einen fahlen

Mond. Regentropfen fielen schwer und lebensspendend in die dankbaren

Hände der Blätter um das Haus.

„Ha! Ha! Ha! Ha!“

Der Vogel ahmte das Lachen des Mannes nach. Das hatte er mit der Zeit

gelernt. Gelauscht und nachgeahmt. Gelauscht und nachgeahmt, bis er seine

eigene Stimme gefunden hatte. Der Vogel würde nie die Wahrheit sagen oder

eine echte Geschichte erzählen können, aber er wusste wohl, wie man lacht.

Fasziniert ging der Mann zu dem kleinen Gefangenen und schaute durch

die hässlichen Gitterstäbe. Er beugte sich hinunter auf Augenhöhe mit dem

Tier und öffnete den Käfig. Der Vogel verfolgte in dem schwachen Licht jede

Bewegung des Mannes und erwiderte das Quietschen der Metallscharniere

mit einem Krächzen. Er sah dem Mann in die Augen, bevor er zur Seitenwand

des Käfigs hüpfte. Vorsichtig steckte der Vogel den Kopf durch die kleine Tür,

als versuchte er sich zu erinnern, wie man fliegt. Ihre Köpfe berührten sich

beinah, als der Vogel die schwachen Flügel ausstreckte. Der Mann fühlte sich

erleichtert in der Gegenwart eines anderen Lebewesens.

Als eine dunkle Wolke den Mond wieder verdeckte, hörte er den Vogel

davonfliegen. Flatternd zogen die Flügel an ihm vorbei, als der Vogel seinen

Körper dem erfrischenden Regen entgegenreckte.

Nachdem er eine Weile auf der Veranda gestanden hatte, drehte der Mann

sich um und ging in die Küche. Er zündete eine Kerze an und sah zu, wie

die Flamme erst zu ersticken drohte, dann beherzter brannte. Und während

der Regen auf das Zinndach plätscherte, löschte er seinen Durst mit klarem,

süßen Wasser und aß Früchte mit den Händen. Er spürte, wie die Luft um

ihn herum dünner wurde und die erbarmungslose Hitze ihre Umklammerung

lockerte. Er wusch sich das Gesicht in einem Waschbecken und trocknete

sich mit einem Handtuch ab. Er tastete sich zurück zu der kleinen Matratze,

um zu schlafen. Als sich die Wolken verzogen, wurde es heller im Zimmer, und

er schlief ein, während er zusah, wie die weißen Papierblätter im klaren Licht

der Morgendämmerung aufblühten.

Er schlief stundenlang, während sich jeder Knoten in seinem Körper löste.

Seine Nerven entspannten sich, die Haut trocknete. Als er aufwachte,

betrachtete er eine Zeit lang die hellblauen Lichtstrahlen und roch den

verdunstenden Regen. Er stand auf und brühte einen starken Kaffee. Wie

jeden Morgen ging er hinaus auf die Veranda. Er hatte noch immer ein paar

Körner in der Tasche. Die Tür des Käfigs stand offen. Er spürte einen Stich im

Herzen, als er den kleinen, verlassenen Vogelbauer sah. Dann ging er näher

heran, weil etwas seine Aufmerksamkeit erregte. Er stellte den Kaffee ab

und beugte sich über den Käfig. Auf dem Boden lag eine bunte Feder, keck

zwischen grauem Kot und Samenhülsen. Er steckte die Hand durch die kleine

Tür und nahm die Feder an sich. Sie schillerte in allen Farben, ihr Kiel war

biegsam und fest. Er sah sich um. Es wurde wieder wärmer, aber die brütende

Hitze war verflogen. Ihm fiel das Messer wieder ein, und er bückte sich

danach. Er spürte einen leisen Windhauch auf dem Gesicht, betrachtete das

Geschenk und drückte die Messerklinge an den Schaft, um ihn anzuspitzen.

Er lächelte. In den Bäumen um ihn herum war Gelächter zu hören.

Er drehte sich um und ging langsam zum Schreibtisch, während er sich eine

Decke um die Schultern wickelte. Er setzte sich und blätterte eine Weile durch

den Papierstapel, bis er schließlich die Spitze der Feder in ein Tintenfass

tauchte. Vergnügt lauschte er dem Gesang der Vögel in den Bäumen, bevor

er ein wenig Farbe auf einen der weißen Flügel kritzelte.