Cristiano Cavina

Das Casablanca


Unsere Großväter hatten den Krieg mitgemacht und waren stolz darauf.

Den ganzen Tag sprachen sie davon, wenn sie unter der Magnolie

gegenüber der Wäscherei Ferrini saßen, und um ihre waghalsigsten

Aktionen zu unterstreichen, fuchtelten sie mit den Spazierstöcken in der

Luft herum, als wollten sie lästige Fliegen verscheuchen.

Da nicht alle das Glück hatten, dass ein Duce sie losschickte, damit sie

rechts und links alles kurz und klein schlugen, behalfen wir uns, so gut es

eben ging, mit Schlägereien auf der Tanzfläche im Casablanca in Borgo

Nero, wo wir jeden Samstagabend massenhaft hingingen, um Poppers zu

schnüffeln, Mädchen zu beeindrucken und uns die Zeit zu vertreiben.

Damals kam mir das amüsant vor.

 

Das Casablanca war eine Disko mit zwei Seiten, doubleface wie manche

in Polen hergestellte Winterjacken, die mein Onkel Palota in Italien

vertickte.

Dienstags und freitags war es ein normales Tanzlokal, wo die

angesehensten Combos der westlichen Romagna zum Standardtanz

aufspielten, angefangen von Renzo il Rosso und seinem Ensemble bis

zum Orchester Castellina-Pasi, das bis zur Erschöpfung immer wieder die

Erkennungsmelodie von Lupin, dem 1981 komponierten Hit des Meisters

Castellina, spielen musste.

Manchmal stürzten die Musiker ohnmächtig von der Bühne auf ein

Dickicht von nach oben gereckten Armen, die sie wie in der Schlacht

gefallene Helden nach draußen trugen.

Oft stand dienstags oder freitags Bruno La Roccia mit seiner Band auf

dem Programm. Er spielte ein Tenorsax mit magischen Klappen, die sich

nie in seinem schwarzen, bis zum Bauchnabel herunterhängenden Bart

verfingen.

Donnerstags fanden im Casablanca hingegen die Auswahlrunden für den

„Goldenen Pfau“ statt, einen von der Volksbank Ravenna gesponserten

Singwettbewerb, der dann regelmäßig vom Sohn irgendeines

Unternehmers aus Faenza gewonnen wurde.

Die Gewinner des „Goldenen Pfaus“ hatten etwas Flüchtiges.

Man sah sie gerade einmal einen Schlager lang auf der Bühne, und

dann hörte man noch einmal eine Woche später was von ihnen, wenn

sie zur Feier ihres Siegs in der Villa der Familie ein Fest für Freunde und

Verwandte gaben.

So oft wir auch sitzenblieben oder die Schule wechselten, mit einem von

denen kamen wir nie in dieselbe Klasse.

Sie gingen alle aufs humanistische Gymnasium, ins Oratorium der

Salesianier. Das Gebäude war steinalt – und mehr wert als alles

zusammen, was sonst in unserer Gemeinde rumstand –, mit einer ein

Meter dicken und drei Meter hohen Umfassungsmauer, die Ende des 16.

Jahrhunderts von Giovanni dalle Bande Nere errichtet worden war, um der

Belagerung durch die Malatesta standzuhalten.

Die Kessel mit siedendem Öl hatte man durch ständig laufende

Videokameras ersetzt, und die Überwachung der Monitore besorgten die

fiesen Novizen aus dem letzten Seminarjahr.

Wir durften nur hinein, wenn wir gegen die OR.SA spielten, ihre

oberkorrekte Fußballmannschaft, die vom Chorleiter der Basilika von

Faenza trainiert wurde, einem frommen Trainer, der vor dem Spiel immer

ein Heiligenbildchen des heiligen Vicinio, Bischof von Sarsina, abrieb und

abküsste.

Beim heiligen Vicinio löste all dieses Abküssen offenbar keine gesteigerte

Aufmerksamkeit aus, denn wir verpassten der OR.SA immer einen Haufen

Tore.

Das letzte Spiel war 4:0 für uns ausgegangen. Unser Masseur war mein

Onkel Palota, der gerade in Italien Station machte, um eines seiner

Geschäfte unter Dach und Fach zu bringen. In den Umkleidekabinen

schmierte er uns eine aus China importierte Wundersalbe, die er in einem

alten, mit Vorhängeschloss gesicherten Handköfferchen verwahrte, in die

Nasenlöcher.

Den ganzen Wettkampf kickten wir mit angespannter Kiefermuskulatur

und einem seltsamen blutroten Nebel vor den Augen.

Aus den Mundwinkeln lief uns der Speichel, und die Priester des

Oratoriums am Spielfeldrand bekreuzigten sich während des gesamten

Spiels unentwegt.

Ich erinnere mich an kein einziges Tor, weil ich erst nach der Dusche

wieder zu mir kam.

Am Samstagabend wurde das Casablanca wie ein Handschuh

umgestülpt und verwandelte sich in eine Diskothek.

Die Räume des Lokals waren tapeziert mit alten Werbezetteln für den Film

mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman, bei deren Anblick alle Kunden

feixten und den Kopf schüttelten.

Eine Menge Leute ging ins Casablanca, aber durch die Bank mit einer

Miene, als wären sie liebend gern woanders hingegangen, wenn es denn

was anderes gegeben hätte.

Der Abend begann mit einem Vokalisten, fast immer dem Cousin des

DJ, der zur Musik von Libera nos a malo von Ligabue „Willkommen im

Casablanca!“ brüllte. Den Rest des Abends hielt er dann den Mund, da er

damit beschäftigt war, sich möglichst viele Drinks spendieren zu lassen.

Neben dem Mischpult wachte regungslos Tariq Hamad, der Inhaber des

Lokals, in seinem grauen Staubmantel und mit seinem schräg über ein

Auge herabgezogenen Borsalino.

Niemand wusste, wie ein Marokkaner es geschafft hatte, Inhaber des

Lokals zu werden.

Man nannte ihn Bogart, und er schaute alle schief an, teils weil er

niemandem traute, teils um zu vermeiden, dass ihm der Rauch der

Zigarette in seinem Mundwinkel in die Augen zog.

Aber trotz seines forschenden Blicks gelang es uns immer wieder, uns auf

den Klos zu verstecken, um Poppers zu schnüffeln.

 

Das Poppers besorgte ich zusammen mit einer Freundin im Sexshop

Malizia, in einem Viertel am südlichen Stadtrand von Ravenna.

Simona Neri hieß sie.

Damals hatte ich massenhaft Freundinnen.

Ich meine Freundinnen, nichts weiter.

Jeden Freitag schwänzte ich die Schule und setzte mich mit der besten

Dealermiene, die ich draufhatte, in den Zug.

Soweit ich mich erinnern kann, bin ich in der ganzen 9. Oberschulklasse

an keinem Freitag zum Unterricht gegangen.

Der Mechaniklehrer, der genau an dem Tag seine zwei Wochenstunden

unterrichtete, sah mich beim Elternsprechtag am Halbjahresende zum

ersten Mal.

Mama schleppte mich am Jackenärmel mit, als er uns entgegenkam und

mir die Hand hinstreckte.

„Casaccia, nehme ich an“, sagte er lächelnd, während er meine drückte,

„endlich treffen wir uns mal.“

Der Mann hatte eine Menge guter Absichten, aber im Lauf des damaligen

Jahres kamen sie ihm alle abhanden.

Ein wenig fühlten wir uns schuldig, als sie uns in der 10. Klasse mitteilten,

er hätte die Schule aufgegeben, um in Kambodscha Brunnen zu graben.

Als wir nach Hause zurückfuhren, warf Mama mich vor unserem Ort aus

dem Auto und ließ mich die letzten sechs Kilometer zu Fuß zurücklegen.

Der Inhaber des Malizia hatte es faustdick hinter den Ohren. Wenn er

einen anlächelte, fühlte sich das an wie Messerschnitte im Gesicht, und

sofort war einem klar, dass er zum Beispiel nie alles an den Nagel hängen

würde, um in Kambodscha nach Trinkwasser zu suchen.

Er hatte einen beeindruckenden Vorrat an Poppers, den er im

Hinterzimmer in einem über und über mit alten Camel-Trophy-

Abziehbildern beklebten Kühlschrank aufbewahrte, eingezwängt zwischen

einem Metallregal voller kaputter Videokassetten und einem Schrank, in

dem sich Hunderte von Schachteln mit Vibratoren stapelten.

Es gab verschiedene Sorten klassisches Poppers, Fläschchen an

Fläschchen, aufgereiht wie die Zinnsoldaten, ähnlich Miniaturen von

Coca-Cola-Flaschen.

Die Farbe der Etiketten fiel ab von Knallrot zu Blassrosa, mit Violett

wie ein Veilchen am Auge und Orange wie fahles Morgenrot als

Zwischenstufen.

Das knallrote hatte wunderkräftige Eigenschaften, und der Inhaber des

Malizia versicherte, es würde eine von einem Lastzug überrollte Katze

wieder beleben.

Das blassrosane war was für Schüchterne, und man musste es lange

dekantieren lassen, bis man überhaupt eine Wirkung spürte.

Orange empfahl er als Nachklapp zu einem Abendessen mit Freunden

und Violett für etwas pikantere und intimere Abende.

„Vielleicht was für euch beide, was?“, sagte er mir jedes Mal grinsend und

stieß mir den Ellbogen in die Seite.

Ich brauchte Simona Neri nur anzuschauen, ihre langen Teenagerbeine,

mit denen ich mich liebend gern mein Leben lang abgegeben hätte, ihren

Busen, der seit der fünften Grundschulklasse unentwegt am Wachsen

war, und schon wusste ich mit mathematischer Präzision, dass sie mit

einem wie mir nie gehen würde.

Achselzuckend tat ich so, als wäre ich amüsiert, und schüttelte den Kopf.

Am Ende nahm ich immer das rote.

An dem Samstag zeigte er mir aber eine Neuheit.

Eine aus Brasilien importierte Spezialität, brandneu und eben erst

gelandet mit einem Frachter, der am Tag zuvor im Hafen von Ravenna

angelegt hatte, wo er vor den Raffinerien der Eridania einen Berg

Rohzucker ablud.

Es handelte sich um einen röhrenförmigen Kunststoffbehälter, so groß wie

die Haarlackdose meiner Mama.

Auf dem Etikett war ein splitternackter Bodybuilder zu sehen, dessen

Bauchmuskeln man besser hätte bewundern können, wenn er nicht einen

Ständer gehabt hätte, der ihn bis zu den Brustmuskeln teils verdeckte.

Der Ladeninhaber stieß mir noch einmal den Ellbogen in die Rippen, ja

zwinkerte mir sogar zu, als ob für ihn nicht offensichtlich wäre, dass ich

mich nie zu solchen Höhen würde aufschwingen können.

Er wollte uns probieren lassen, schraubte sorgfältig den Verschluss auf

und fächelte mit der rechten Hand Luft über die Öffnung, langsam, wie

es die Chemielehrerin machte, wenn wir im Labor eine möglicherweise

giftige Lösung analysieren mussten.

Der Flakon hieß ‚Macho‘ und enthielt einen halben Liter des stärksten

Poppers, das ich je angerührt hatte.

 

Zu schnüffeln begannen wir den ‚Macho‘ kurz vor unserer Abfahrt,

während wir in der Bar auf die Nachzügler warteten.

Im Auto machten wir weiter und reichten ihn auf den Klos der Lokale an

der Via Emilia vor Borgo Nero untereinander herum.

Immer wieder machten wir Station, genau wie bei einem Kreuzweg.

Als wir ankamen, waren unsere Halsvenen dick und straff wie Schiffstaue.

Wir hörten erst gar nicht, wie der Cousin des DJ zum Gitarrenakkord am

Anfang von Libera nos a malo „Willkommen im Casablanca!“ brüllte, da

keilten wir uns auch schon mitten auf der Tanzfläche.

Keiner der Anwesenden wusste, warum.

 

Das war der Samstag, der mein Leben verändern sollte.

 

Als ich eine Stunde später am DJ-Pult vorbeischlenderte, packte mich

Tariq Hamad, genannt Bogart, am Wickel und sagte mir, so ginge es nicht.

Er schnappte mich am Hemdkragen.

Über der Brusttasche hatte ich einen Blutfleck, und die Halsvenen wurden

gerade wieder dick wie Schiffstaue.

„So geht’s nicht“, sagte er.

Zigarettenrauch kroch ihm übers Gesicht, und seine Augen waren zwei

Steine, die im Schatten des Borsalino Funken sprühten.

Er packte mich am Arm und führte mich in Richtung Büro ab. Zum ersten

Mal sah ich ihn, wie er sich von seiner Stelle weg bewegte, und für mich

hörte es sich an, als setze sich ein Denkmal in Gang.

„So schlau bist du dann auch wieder nicht“, brummte er, während er mir

den Weg wies.

Bogart hatte mich im Auge behalten.

Unterm Schatten seines Hutes hervor hatte er heimlich mein Hin und

Her zu den Klos beobachtet und peinlich genau jede einzelne Schlägerei

registriert.

Sein Büro war eine kleine Kammer mit einem Schreibtisch, zwei Stühlen,

einem Zettelkasten, einer großen Rechenmaschine und zwei Vileda-

Wischeimern.

Die Musik von der Tanzfläche kam hier gedämpft an, wie das Trommeln

von Kannibalen im Urwald.

Ich stellte mich auf die übliche Predigt ein.

In der Schule hatte ich gelernt, sie mir mit zerknirschter Miene und

gesenktem Kopf anzuhören, und diese Haltung nahm ich auch jetzt ein.

„Ich bin von Marokko weggegangen, als ich zwölf Jahre alt war“, fing er

an.

Ich hob den Kopf.

Zum ersten Mal hörte ich eine Predigt, die ihren Ausgang von so einer

persönlichen Information nahm.

Bogart stand aufrecht vor mir, hinter dem Schreibtisch, die Hände in den

Taschen seines Staubmantels.

Es gelang ihm, mich zu überraschen.

Dass Bogart von irgendwoher kam, konnte ich mir nicht vorstellen.

Ich dachte, man hätte ihn neben dem Mischpult angesät.

„Ich wohnte auf dem Land, und nachts stieg ich auf einen Hügel, um die

Lichter des Hafens von Casablanca zu sehen.“

Ich weiß nicht warum, aber ich konnte den Kopf nicht gesenkt lassen, ihm

aber auch nicht in die Augen schauen.

Fast so, als schämte ich mich für was.

„Als ich nach Italien kam, habe ich als Maurer gearbeitet. Und

dann als Polier. Und dann habe ich eine kleine Genossenschaft mit

marokkanischen Maurern aufgezogen, und dann ...“

Während er in einem alten Martini & Rossi-Aschenbecher seine Zigarette

ausdrückte, fiel sein Blick auf die Wände der Kammer und drang durch

sie hindurch, bis er das ganze dahinter liegende Lokal umfasste, ja

schweifte darüber hinaus, bis an den Parkplatzrand.

Er in meinem Alter sperrte sich schätzungsweise nicht im Klo ein, um

Poppers zu schnüffeln, sondern flog auf irgendeiner Baustelle von Gerüst

zu Gerüst.

„Casablanca habe ich nie gesehen“, vertraute er mir an, wobei er sich mit

äußerster Sorgfalt eine neue Zigarette ansteckte.

„Ich spreche nicht vom Film“, sagte er, „den kenne ich auswendig. Ich

meine das echte Casablanca, das, was vom Hügel aus schimmerte.“

Jetzt gelang es mir, den Kopf zu senken.

„Nie gesehen“, sagte er.

Ich dachte an all die Fotos und die Reklamezettel, mit denen das Lokal

tapeziert war.

Fast wollte ich ihm sagen, dass beinah die ganze Kundschaft darüber

lachte.

Aber mir war klar, dass ihm das egal war.

Ich weiß nicht, warum, aber mir fiel ein, wie wir als kleine Jungs zum

Fußballspiel gegen die Sprösslinge der besseren Familien aus Faenza in

dieses Juwel von Oratorium der Salesianer gingen.

Alle machten sich über uns lustig, weil wir aus einem Bergkaff kamen.

Unsere Klamotten waren Jahre alt, und die Trikots unserer Mannschaft

zerfielen in Fetzen.

Wir merkten das nicht mal.

Wir verpassten ihnen vier Tore und gingen wieder nach Hause, als hätten

wir gerade die Spielbank ausgeräumt.

Seit damals habe ich nie mehr so ein Gefühl gehabt.

‘Wo es wohl hingekommen sein mag’, fragte ich mich.

 

Das Jahr im Casablanca war ein besonderes Jahr für mich.

Im Sommer davor hatte ich Simona Neri gefragt, ob sie mit mir gehen

würde, und ohne mit der Wimper zu zucken oder so zu tun, als wollte sie

es sich noch überlegen, hatte sie mir geantwortet, sie hätte mich lieber

zum Freund.

Ich kam mir vor wie eine Kartoffel, nach dem Motto: „Pommes mag ich,

aber am liebsten als Beilage“.

Insgeheim heulte ich vier Tage, aber als ich einsah, dass ich auf diese

Weise an Austrocknung sterben würde, sagte ich mir „Schwamm drüber“

und verwandelte mich in eine Art Kasper.

Wenn ich nichts machte, kam mir das Heulen, aber wenn ich am

laufenden Meter Quatsch vom Stapel ließ, dachte ich nicht mehr daran

und gut war’s.

Nach einer Weile hatte ich eine andere Simona gefragt, ob sie mit mir

gehen wollte, und dabei kam heraus, dass sie mich nicht lieber zum

Freund haben wollte.

Zum Liebhaber aber auch nicht, offen gesagt. Ich war ihr ein bisschen

ekelig, und sie musste beim bloßen Gedanken daran lachen:

„Du mit mir?“, hatte sie geantwortet.

Ha ha.

Wie witzig.

Tatsächlich war mir klar, auch wenn ich die Situation schon seit einiger

Zeit nicht mehr im Spiegel kontrolliert hatte, dass mir ein Haufen Zeugs im

Gesicht herumhing, das sich überhaupt nicht gut machte.

Und zwar nicht nur die kleinen Büschel Bart in den Mundwinkeln, wie bei

türkischen Jungs.

Ich war ratlos.

Den lieben langen Tag blieb ich im Bett und starrte zur Decke.

Ich hatte einen Bauch angesetzt und ähnelte kein bisschen dem dünnen

Mittelfeldspieler, der ich mit zwölf war.

Man hielt es nicht für möglich, dass der sich in mich verwandelt hatte.

Da ich dachte, eine Lösung wäre vielleicht, den Ball flacher zu halten,

versuchte ich es eine Nummer kleiner.

Auf einem Fest im Schwimmbad geriet ich an Giulia Sartoni, die ich seit

der Theateraufführung in der achten Klasse, wo sie die Hexe und ich

einen buckligen Mönch gespielt hatte, nicht mehr gesehen hatte, und nur,

um meine Stimmung ein wenig zu heben, schlug ich ihr vor, mit mir zu

gehen.

Sie brach in Gelächter aus.

Freundlich klopfte sie mir zweimal auf die Schulter und sagte, das sei der

beste Witz, den sie in ihrem Leben je gehört hätte.

Mit fünfzehn Jahren.

Widerlich.

Nicht mal Regionalliga.

„Ich meine es ernst“, antwortete ich und schämte mich sogar dafür, dass

ich beleidigt war.

„Ich auch“, sagte sie, und das war’s dann.

Nach einem Viertelsommer war ich schon durch mit drei meiner

Zukunftsmöglichkeiten und ebensovielen Mädchen.

Im Stillen schwor ich Rache.

„Eines Tages werde ich es ihnen zeigen“, dachte ich.

Die Frage, warum denn wohl keine mit mir gehen wollte, ging mir nicht

mal ansatzweise durch den Kopf.

So machte ich weiter den Kasper, und von Zeit zu Zeit heulte ich,

während ich die Decke in meinem Zimmer anstarrte.

Als stünde da oben wer weiß was geschrieben.

 

Das Poppers griff mir großzügig unter die Arme.

Da es unter der Woche niemand bei sich zu Hause haben wollte, war ich

zum offiziellen Hüter geworden.

Ich versteckte es in einem mit Schimmel überzogenen Winkel des

Kühlschranks, unten, hinter einigen Marmeladegläsern, die verdorben

waren und übel schimmerten.

Normalerweise kontrollierte ich gründlich, ob das Fläschchen gut

zugestöpselt war, aber es gab Abende, an denen ich so betrunken nach

Hause kam, dass ich es mit Müh und Not in seinem Versteck verstaute,

bevor ich mit der Hand vor dem Mund rauslaufen musste.

Erst am nächsten Tag, als Opa sich über seltsame Herzschmerzen

beklagte, nachdem er am Käse gerochen hatte, begriff ich, dass ich es

vergessen hatte.

Im Casablanca verteilte ich das Poppers, und wenn mich irgendein

kleines Mädchen anbettelte, eine Nase voll nehmen zu dürfen, ließ ich mir

das in Küssen bezahlen. In Zungenküssen natürlich.

So schaffte ich es zwar nicht, dass eine mit mir ging, aber mit

schweizerischer Pünktlichkeit kam ich jedes Wochenende zum

Knutschen, dazu noch mit einer Menge verschiedener Mädchen.

Es reichte, damit ich mir wie ein Frauenheld vorkam, wenigstens ein

bisschen.

Einmal knutschte ich auch mit einer verheirateten Frau herum, die doppelt

so alt war wie ich und zwei Kinder hatte.

Als ich am Tag darauf meinen Kumpels davon erzählte, sah ich im Fenster

der Bar einen Augenblick lang mein Spiegelbild.

Ich stand aufrecht da, die Brust geschwellt wie bei einem Truthahn, als ob

ich gerade einen Pornofilm gedreht hätte.

Aber das waren Posen, die nicht länger als einen Tag anhielten.

 

Wenn ich mit den Freunden von damals auf diese Jahre zu sprechen

komme, erscheinen sie uns amüsant und wir sehen darin eine Art

Goldene Zeit.

Aber die Erinnerungen trügen.

Ganze Stücke Leben lassen sie aus und geben nur die besten, die

glanzvollsten Momente wieder.

Oft, wenn ich mich auf den Klos des Casablanca eingeschlossen hatte,

sah ich mir die gerahmten Fotos und die Poster an, die Tariq Hamad,

genannt Bogart, an die Wände gehängt hatte.

Einige waren abgerissen oder bekritzelt. Von einem schief hängenden

Foto herab blickte die Bergman mit intensivem Gesichtsausdruck auf die

Kante des Waschbeckens, das normalerweise mit Abtrockenpapier für die

Hände verstopft war.

Das stimmte mich melancholisch.

Davon kann ich nie sprechen, wenn wir uns an die Zeit damals erinnern.

Ich hatte den Film gesehen, aber worum es darin ging, wusste ich nicht

mehr genau.

Aber das war unwichtig; All diese Gesichter in Schwarz-Weiß, diese

Totengesichter, sahen aus wie die Schrullen eines marokkanischen

Einwanderers und Filmnarren.

Während ich wie jeden Samstag mein schönes Poppers schnüffelte, kam

mir Tariq Hamad in den Sinn, regungslos neben dem Mischpult, der über

seinen Traum wachte, die Tanzdisko Casablanca, und ich fühlte mich

nutzlos.

Kann ich das meinen Freunden erzählen?

Sie waren an dem Samstagabend nicht mit in der Kammer.

Sie würden nichts verstehen.

Sie würden mit den Achseln zucken, und das täte mir weh, denn an dem

Tag damals wurde mir eine wichtige Lektion erteilt, die ich erst Jahre

später verstehen sollte.

Eine Art Lektion, auf die man als Mann früher oder später im Leben stößt.

Mir erteilte sie Tariq Hamad, genannt Bogart, mit seinem tadellosen

Staubmantel, dem übers Auge gezogenen Hut und der Zigarette im

Mundwinkel.

Ich habe sie nie vergessen.

Jeder Mann braucht sein Casablanca.

 

Ich heulte heimlich, weil die Mädchen mich nicht haben wollten, und ich

träumte von einer Rache, zu der es nie kam.

Das lag aber nicht an den Mädchen.

Die beiden Simonen und Giulia Sartoni hatten das ganz richtig gesehen.

An mir war nichts dran.

Nichts, was ich ihnen hätte bieten können.

Jeden Samstag abend schnüffelte ich Poppers, und jedes Mal, wenn ich

mich über das Fläschchen beugte, vergaß ich, dass dieses fantastische

Herzklopfen, stark wie der Motor eines atombetriebenen U-Boots, nur

wenige Minuten dauern würde.

Einen Augenblick nur, verglichen mit all den Stunden, die ich zur Decke

hochstarrte.

Während wir uns auf der Tanzfläche keilten, schaute Bogart uns ungerührt

zu.

Wir waren nicht voneinander zu unterscheiden.

Wir hatten keinen Stil.

Ich brauchte lange, bis ich es kapiert hatte, aber als es soweit war, war es

eine Erleuchtung.

Alles wurde zurechtgerückt.

Mein Onkel Palota war ein ausgemachter Gauner, er zog durch Europa wie

ein Bandit, aber nie hätte er sein Leben auch nur um einen Deut geändert.

Das war seine Berufung, und ihr ging er nach mit der Geduld eines

Benediktinermönchs.

Vielleicht, kam mir drei Tage nach dem Abend in der Kammer der Gedanke,

waren unsere Großeltern ja gar keine alten Trottel, die ihren Hintern

nicht von der Bank unter der Magnolie gegenüber der Wäscherei Ferrini

hochkriegten.

Plötzlich hörte ich ihnen aufmerksam zu, und ich entdeckte, dass sie von

den Kriegszeiten erzählten, als sähen sie sie in der Ferne schimmern.

Vielleicht von der Höhe eines Hügels aus, dachte ich.

Jeder Mann braucht sein Casablanca, stimmt’s?

Wie mein Mechaniklehrer, der alles aufgab, um in Kambodscha nach

Wasser zu suchen.

 

Mit achtzehn hörte ich auf, ins Casablanca zu gehen.

Damals machte ich auch Schluss mit dem Poppers.

Die Reklamezettel an den Wänden und die Schauspielerfotos auf den Klos

sah ich auch nicht mehr.

Wenn ich mit den anderen zufällig darauf zu sprechen komme, was wohl

aus Tariq Hamad, genannt Bogart, geworden sein mag, lächle ich nur und

erinnere mich an den Staubmantel und den über die Augen gezogenen

Hut.

Was für ein seltsamer Typ, sagen wir dann.

Ich tu so, als wäre nichts, aber ich lächle und denke an seine Augen, wenn

er regungslos neben dem DJ-Pult stand und seine Diskothek betrachtete.

Die Augen eines inspirierten Mannes.