Francesca Scotti

Dora Demetz


 ... Da springen drei Rosen,

Halb roth, halb weiß,

Die welken nicht wieder,

Aus Dornenreis.

[„Der Müller und der Bach“

op. 25, D 795. Franz J. Schubert]

 

Der Frühling war gekommen, und wenn wir jetzt im Park spazieren gingen,

brauchten wir nur unsere Jacken gut zuzuknöpfen, um nicht zu frieren.

Der Unterricht begeisterte mich nicht mehr richtig, nicht einmal mehr

die Musikstunden. Vor allem seit sich Elisabeth entschieden hatte, nach

Doras Klaviernoten statt nach meinen zu singen. Jahrelang waren wir

unzertrennlich gewesen, aber dann hatte sie mit ihr, Dora, Bekanntschaft

geschlossen, und am Ende zog sie ihre Freundschaft der meinen vor.

Sie saßen beim Essen nebeneinander, sie lasen zusammen in der

Bibliothek und sie lachten verschwörerisch, wenn uns die füllige und

strenge Frau Hayward ermahnte, nicht bis in die Puppen miteinander zu

reden.

Als Beth und ich noch alles zusammen machten, blieben wir heimlich

wach und gingen im Sommer auf Glühwürmchenjagd. Wir hatten ein

Einmachglas geklaut, eins der Marmeladengläser der Köchinnen, hatten

Löcher in den Deckel gemacht, damit die Insekten Luft bekamen.

Es erschien uns unglaublich, dass diese plumpen Wesen ein so

einzigartiges Talent haben sollten. Im Biologieunterricht hatten wir auch

gelernt, was für gnadenlose Fleischfresser und Jäger sie waren. Wir

setzten uns im Schneidersitz einander gegenüber, das Einmachglas

zwischen uns. Und sahen den Glühwürmchen zu, wie sie durch das Glas

funkelten. Bis zum Sommer fehlten nur noch wenige Monate und ich hoffte,

bis dahin würde alles wieder werden, wie es früher war. Das Einmachglas

war zwischen meinen Socken versteckt und mit jedem Morgen kam es mir

leerer und erloschener vor.

An dem Tag stand die Algebralehrerin an der Tafel und wollte uns

irgendwelche unergründlichen Gleichungen erklären. Alle saßen wir

still da, gleich frisiert, gleich angezogen. Außer Dora, die ihr Haar kurz

geschnitten trug. Elisabeth hatte sich vor einigen Wochen neben sie

gesetzt und jetzt saßen sie alle beide vor mir. Ich konnte die Linie von

Doras nacktem Hals aus der Bluse auftauchen sehen. Hinter ihrem

rechten Ohr hatte ich eine feine Narbe bemerkt, genau in der Form

eines Buchstabens. Sie unternahm alles Mögliche, um sie zu verbergen,

wie alles aus ihrer Vergangenheit. Noch nie hatte ich ein Mädchen

kennengelernt, das erst als Jugendliche zu uns gekommen war.

Das war verboten. Aber für sie hatte man offensichtlich eine Ausnahme

gemacht.

Vom ersten Tag an, als sie vor einigen Monaten in unseren Schlafsaal

gekommen war, gefiel sie mir nicht. Sie hatte schmale Schultern und

dünne Ärmchen, die kaum die Ärmel unserer Schuluniform ausfüllten.

Die Miene von einer, der es Spaß macht, den Eidechsen den Schwanz

abzutrennen.

 

Wie wir alle hatte auch sie das Buch vor sich aufgeschlagen. Ihr Gesicht

war aber leicht zu Elisabeth gedreht und schaute auf deren Hand, die ihr

mit der Spitze des Zeigefingers aufs Bein klopfte. Auf dem Ausschnitt

nackter Haut zwischen Rock– und Strumpfsaum fing Elisabeth an,

mit dem Finger einfache Zeichen nachzuziehen, unterbrochen durch

kurze Pausen, in denen die Hand innehielt. Steif richtete ich mich an

meinem Platz auf, als ob ich dadurch besser begreifen könnte, was da

vorging. Es sah so aus, als hätte Beth Dora Buchstabe für Buchstabe

etwas geschrieben. Dann war Dora dran und führte ganz langsam ihren

Zeigefinger über Beths Haut, um ihr zu antworten. Ich gab mir Mühe, der

Bewegung zu folgen.

B i s t  d u  s i c h e r ?

J a . H i n t e n  i m  P a r k .

O K .

Im Nu war ihr Dialog beendet, während ich mir erschüttert diese wenigen

Sätze vorsagte und versuchte, einen Sinn darin zu finden. Beth und

sicher? Wo sie doch immer mich gebraucht hatte, sogar um in der Mensa

zu entscheiden, ob sie Bratkartoffeln oder Kartoffelpüree nehmen sollte?

Hinten im Park gab es außerdem nur duftende Linden. Und den runden

Brunnen.

Jeder hätte mich durchs Fenster den Garten durchqueren sehen können.

Ich hatte mich versuchsweise ans Klavier gesetzt, aber mit jedem Ton

von Debussys Children’s Corner, das ich gerade übte, fühlte ich mich

noch einsamer. In jedem einzelnen davon steckte Beth: Sie war die

schmollende Puppe, die ich mir zwischen den Stakkato-Akkorden der

Serenade for the Doll vorstellte, die wirbelnde Schneeflocke zwischen

den Sechzehnteln von Snow is Dancing.

 

Ich ging schnell, während die Sonne ohne Eile sank. Immer wieder sagte

ich mir vor, dass es, wenn Dora ein Geheimnis aus ihrer Vergangenheit

machte, nicht bedeuten musste, dass sich dahinter irgendetwas

Interessantes verbarg.

Ich kam erhitzt am Brunnen an, mit geschwollenen Fingern und

aufgesprungenen Lippen, weil ich durch den Mund geatmet hatte. Noch

nie war mir aufgefallen, was für ein aufdringliches Geräusch dieser

Springbrunnen machte.

Rechts standen Büsche mit glänzenden Blättern, die den Park von

einem kleinen botanischen Garten abtrennten. Obwohl ich seit meiner

Kindheit hier lebte, war es, als sähe ich sie zum ersten Mal. Ich duckte

mich, um durch die Hecke zu spähen. Erkennen konnte ich nichts, es

war, als würde ich durch ein Kaleidoskop schauen. Dann allmählich

bekamen die Bilder Konturen: eine sitzende Gestalt von hinten, mit leicht

nach vorn geneigtem Kopf, die langen Haare seitlich neben den Hals

gelegt, damit der Rücken frei blieb. Ein nackter Rücken. Der von Beth,

die reglos dasaß wie ein Stein. Ich hielt die Luft an, obwohl das Wasser

jedes Geräusch überdeckt hätte. Neben ihr ein schwankender Schatten

und ich sah Dora näher kommen. Diese zerbrechliche Blässe, hinter

der sich ein schneidendes Wesen verbarg. Ihr Mund öffnete sich und

sagte etwas, was ich nicht hörte. Sie kniete sich hinter Beth nieder und

ordnete ihr erneut die Haare. Ich verstand ihre Bewegungen nicht, sah

ihre Hände nicht, fühlte mich aber zutiefst unwohl. So sehr, dass ich am

liebsten einen Stein nach ihr geworfen hätte, damit sie aufhörte, und sie

vertrieben hätte. Wie man Katzen verjagt, wenn sie auf Beute aus sind

und damit herumspielen.

 

Ich kann nicht sagen, wie lang ich dort blieb, aber das Licht war schon

violett und mich fröstelte. Endlich stand Dora auf und gab den Blick auf

Beths Rücken frei. Jetzt war er nicht mehr weiß und glatt wie zuvor;

zwischen ihren Schulterblättern, dort, wo den Fantasiewesen die Flügel

wachsen, waren, fein wie Kratzer, zwei rote Zeichen zu sehen. Aus den

Schnitten rann langsam Blut heraus. Es waren zwei Ds, das zweite,

spiegelverkehrt, durchschnitt das erste. Dora Demetz. Es sah aus wie

das Unendlichkeitssymbol.

Da wurde mir klar, dass für mich von dem Augenblick an kein Platz mehr

sein würde.

Dunkel und kalt stand die Luft im Park. Tief sog ich sie in meine Lungen.