Zehn vor eins in einer Nacht im November dreht Edel durch. Sie hat seit
zehn nach zwölf mit verschränkten Armen am Fenster gestanden, und
abwechselnd zur Auffahrt hinabgesehen, und auf die Uhr, die sie am
Arm trägt. Einige Zeit zuvor lag sie in ihrem Bett, ein Buch an die Brust
gepresst und die Augen fest geschlossen, und fühlte sich gut, groß,
weit geöffnet. Dann stand sie auf, um Schnee zu schaufeln, damit Alvin
sofort in die Garage fahren konnte, ohne vorher anhalten und sich den
Weg freischaufeln zu müssen. Sie wollte eine Hand ausstrecken – sie
musste diese Formulierung benutzen, als sie daran dachte, was sie
wollte, es war ein Klischee, aber völlig zutreffend, das war es, was sie
wollte: Sie sah ihre eigene kleine Hand vor sich, die ausgestreckt wurde,
und Alvins Hand, Alvins große, gute Hand, die sie ergriff. Tränen traten
ihr in die Augen bei dem Gedanken an die beiden einander haltenden
Hände und all das, was sie symbolisierten. Und das Schneeschaufeln,
das Schneeschaufeln symbolisierte, dass sie wieder Platz für ihn machte,
wurde ihr klar. Sie machte wieder Platz für ihn: Nachdem er sie um
Verzeihung gebeten und gesagt hatte, von nun an gebe es nur noch sie,
und keine andere, hatte sie ihm erlaubt, als Vater von Thomas in ihrem
Leben zu sein, als jemand, mit dem sie das Haus teilte, als jemand,
dessen Blick sie beim Frühstück hartnäckig auswich, und dem sie
gelegentlich die Schuhe zutrat, wenn sie im Flur an ihnen vorbeiging. Sie
schaufelte und schaufelte, und während sie schaufelte, schaute sie zur
Doppelgarage hinauf und dachte, dass die Garage das Ziel symbolisierte,
im Moment bereitete sie ihm nur den Weg, sie war die Garage, zu der
er heimkehren konnte. Ihr kleines Auto stand bereits in der einen Hälfte
der Garage geparkt, und wenn sein Auto in der anderen stand, war alles,
wie es sein sollte. Ihr kleines Auto an der Seite seines großen Autos. Sie
lief durch den ungeräumten Schnee zur Garage hinauf und schaltete das
Licht an, und betrachtete das kleine Auto, das dort alleine stand und
wartete, und musste weinen, während sie den restlichen Weg bis oben
freischaufelte.
Das war vor vierzig Minuten. Jetzt schneit es heftig, der Schnee fällt so
dicht, dass es aussieht, als lägen die Schneeflocken aufeinander, zu
zweit, zu dritt, zu viert fallen sie durch die Luft, bis sie ganz stumm und
abrupt im Schnee landen. Die Auffahrt ist zugeschneit, in nur vierzig
Minuten. Und er, für den sie geschaufelt und Platz gemacht hat, ist
nicht hier, und es ist für Edel eine himmelschreiende Tatsache, dass die
Dinge nicht so sind, wie sie sein sollten: Er hätte vor vierzig Minuten hier
sein sollen. Die letzte Fähre legte um zehn vor halb zwölf an, und man
brauchte eine Dreiviertelstunde, um vom Fährhafen hierher zu fahren
– wenn man großzügig rechnete: Er hätte mit anderen Worten um zehn
nach zwölf hier sein sollen, als sie fertig war mit dem Schneeschaufeln
und wach und rotwangig am Fenster stand, mit einem großmütigen und
beinahe verliebten Gesichtsausdruck.
Die Minuten, die von zehn nach zwölf an verstrichen, zogen diesen
verliebten Ausdruck langsam aus ihrem Gesicht, so wie ein Netz aus
dem Wasser gezogen wird, und in der dreißigsten Minute nach zwölf
war ihr Gesicht dann endgültig nicht mehr großmütig, als sie sein Handy
anrief, und es in der Brottrommel in der Küche klingeln hörte. Da weinte
sie vor Wut, sie, in der eine Stunde zuvor noch keine Wut gewesen war,
als sie im Bett lag und sich gut, groß und weit geöffnet fühlte, und ihr
die Idee kam aufzustehen, um Schnee zu schaufeln. Es gab in diesem
Moment, in der dreißigsten Minute nach zwölf, nichts in diesem Körper
mit den verschränkten Armen, was an die gute, helle Größe erinnert hätte,
die sich vor mehr als einer Stunde in ihr geöffnet hatte, als sie im Bett
lag und Birthday Letters las, von Ted Hughes. Ted Hughes, englischer
Dichter, schrieb dieses Buch für seine verstorbene Ehefrau Sylvia Plath
(auch sie eine Dichterin). In diesem Buch brachte er seine Liebe zu Sylvia
zum Ausdruck, die sich vor allem auch deshalb das Leben genommen
hatte, weil sie empfand, dass sie fehlte, diese Liebe, sie glaubte, dass
er sie nicht liebte, dass er sie betrog, was er auch tat, und am 11.
Februar 1963 legte sie ihren Kopf in einen Gasofen, und nahm sich das
Leben. Die englische Presse und viele Menschen haben in allen Jahren
danach Ted Hughes die Verantwortung gegeben, und ihn angeklagt,
weil er nicht darüber sprechen wollte, nicht einmal, um seine Reue zu
bekunden, um Verzeihung zu bitten, nichts dergleichen. Man hat ihm
für seine Lyrik Preise verliehen, aber man hat ihn mit Augen angesehen,
die mit Sicherheit, einigermaßen deutlich, ausgedrückt haben, was man
von seinem Verhalten hielt. Edel ist eine von denen gewesen, die Groll
auf Ted Hughes gehegt haben. Sie hat Sylvia Plath geliebt, und hat
Groll auf Ted Hughes gehegt. Sie hat es als eine gewisse Erleichterung
empfunden, dass es auch bei bekannten Dichtern Geschichten gab,
die ihrer eigenen entsprachen. Sie, eine kleine Buchhändlerin in einer
kleinen Ortschaft, hat sich in einer bekannten Dichterin wiedererkannt,
Plath, – es gibt Verbindungen zwischen den Menschen, hat sie gedacht:
Auch die erfolgreichen Dichter in den großen Städten gehen nach Hause
und verzweifeln, auch die erfolgreichen Dichter brausen auf und werfen
Dinge an die Wand. Dass sie weinen und sich klein, ganz klein fühlen, und
betrogen, dass sie Steine sein wollen, die bis zum Grund sinken und dort
liegen bleiben, hat sie als eine Erleichterung empfunden. Und dann dieses
Grauenvolle: dass Sylvia Ted verdächtigte, und dass sie Recht hatte. Was
besagt, dass es möglich ist: zu verdächtigen, und Recht zu haben.
Doch dann las sie Birthday Letters. Mit größtem Groll hob sie das Buch
mit den roten Mohnblumen auf der Vorderseite aus dem Pappkarton
mit bestellten Büchern, und mit dem größten Widerwillen öffnete sie
das Buch und las das erste Gedicht. Sie wusste nicht, wie es kam, aber
nachdem sie eine Weile gelesen hatte, wurde ihr Folgendes klar; obwohl
er sie betrogen hat, muss er sie geliebt haben, hat er sie gesehen, all die
kleinen und großen Dinge gesehen, die sie tat und empfand, und hätte
sie das nur gewusst, Sylvia, als sie all diese Dinge tat, von denen sie nicht
wusste, dass sie gesehen wurden! Als sie zum letzten Gedicht gelangte,
stellte sich heraus, dass die roten Mohnblumen auf der Vorderseite auf
dieses letzte Gedicht verwiesen, auf die roten Mohnblumen, die Sylvia
geliebt und als ein Symbol für das Leben selbst gesehen hatte: Und am
heutigen Abend, als sie, Edel, im Bett lag und das letzte Gedicht las,
fühlte sie sich wie jemand, der es für sie sah, in einem Strom von Wärme
und Dunkelheit aus dieser Stimme, die sah und sprach, die wirbelte und
wirbelte, hinab und hinab, bis sie am Ende fast nicht mehr atmen konnte
vor drückendem Glück oder drückender Traurigkeit: Dies Ist Das Leben,
Man Wird Darin Geliebt und Man Wird Darin Betrogen, So Ist Das, Ich
Muss Das Akzeptieren, Ich Akzeptiere Es: Das Leben ist Gut, Schwer, und
Hässlich! Sie dachte: Das heißt Akzeptieren! Der Begriff „Akzeptieren“
strahlte in ihrem Inneren ungefähr so, wie Sonnenlicht abrupt durch
die Wolkendecke starrt, einen Spalt öffnet und wie ein leuchtender
Brautschleier in den Fjord hinunterströmt. Das ist Gott, dachte Edel, und
sie war kurz vor dem Platzen, sie presste das Buch fest an die Brust und
schloss die Augen und fühlte sich weit geöffnet. Sie fühlte sich auch von
etwas anderem überw.ltigt, und musste ein Stichwort auf einem Papier
notieren: „Die Kraft der Literatur“.
Ursache dafür, dass Edel das gute, große Gefühl des Begriffs
„Akzeptieren“ verlassen und stattdessen völlig die Kontrolle über sich
verloren hat, ist, dass sie eine Szene zwar nicht sehen, aber doch
erahnen kann, die sich in einem Haus an einem Fährhafen etwa zu der
Zeit abspielte, als sie die Auffahrt freischaufelte, 45 Minuten Fahrzeit von
der Doppelgarage entfernt, die zu dieser Auffahrt gehört. Die Szene, die
Edel ahnte, als sie durchdrehte, aber nicht sehen konnte, bot folgenden
Anblick: Ihr Mann, Alvin, stand hinter Susanne, die in dem einzeln
stehenden Haus am Fährhafen wohnt, 45 Minuten Fahrzeit von der
Doppelgarage entfernt. Beide waren nackt. Susanne stand vorgebeugt
und hielt sich an einer Fensterbank fest. Alvin stand aufrecht und hielt
ihre Hüften fest. Alvin dachte, dass es nicht seine Absicht war, dass dies
geschehen würde, es war nicht seine Absicht, er würde sofort nach Hause
fahren, er würde nicht bei Susanne vorbeischauen, nur um Hallo zu sagen
und zu hören, ob sie sehr traurig darüber war, dass er nicht mehr zu ihr
kam, ob es ihr im letzten halben Jahr gut ergangen war, und zu sagen,
dass es schwierig, nahezu unerträglich war, nach getaner Arbeit einfach
an ihrem Haus vorbeizufahren, dass er oben in der Fahrerkabine der Fähre
stand und guckte, ob er zu ihr hineinsehen konnte, jeden Abend, wenn
bei ihr Licht brannte und alles andere rundherum dunkel war, und ihr Haus
gleichsam wie ein kleiner Stern am Himmel auf ihn zukam, aber dass
es wie gesagt nicht mehr ging, er musste an seine Familie denken, Edel
hatte gedroht, ihn zu verlassen und Thomas mitzunehmen, und das wollte
er nicht, er musste seine Liebe für Thomas opfern, so war es schlichtweg,
dies waren die Dinge, die er sagen würde, er musste Verantwortung für
seine Familie übernehmen, das war es, wofür er sich entschieden hatte,
nach einer langen und schweren Zeit, während der er viel nachgedacht
und gezweifelt hatte, er würde sie nicht ins Haus begleiten und so stehen,
wie er jetzt stand und ihre Hüften fest hielt, den Schwanz zwischen ihre
Beine gepresst.
Thomas – für den Alvin seine Liebe opfern, demzuliebe er nicht so stehen
würde, wie er jetzt steht – schläft. Er ist den ganzen Nachmittag draußen
unterwegs gewesen und hat Lose verkauft, während es schneite, und die
ganze Zeit dachte er immer nur an die Arche Noah, die sie in der Schule
durchgenommen hatten. Er hat an Giraffen und Leoparden gedacht,
er hat an Nashörner gedacht und davon geträumt, sie zu streicheln,
und auf ihrem Rücken sitzen, ihr Nashorn anfassen zu dürfen. Er hat
gedacht, dass dieses Boot riesengroß sein muss, weil der Lehrer mit Ja
geantwortet hat, als Thomas ihn fragte, ob es größer war als das Hotel.
Er hat sich gefragt, ob auch zwei Ameisen dabei waren. Und zwei Läuse!
Jetzt liegt er zusammengerollt wie ein kleiner Fötus und träumt von
Krokodilen. Krokodile waren nämlich auch dabei, er hat danach gefragt.
Er träumt von einem mächtigen Krokodil, das Krokodileier in ein Nest
gelegt hat, während Edel durch das Wohnzimmer rast, und die Treppen
zum Schlafzimmer hinaufläuft. Sie zieht eine Hose und einen Pullover
an, streift Schuhe über, knallt Birthday Letters so fest sie kann gegen die
Wand. Alvin kommt, auf Susannes Po. In einem der Krokodileier pickt das
erste Krokodiljunge sich durch die harten Eierschalen. Ein Nashorn steht
lange da und sieht einem anderen Nashorn hinterher, das plötzlich einfach
gegangen ist, zur großen Tür in der Arche hinaus, und das Nashorn, das
stehen geblieben ist, weiß nicht warum. Thomas ruft Noah zu: Warte!
Warte auf das zweite Nashorn! Er zerrt an Noahs Gewand. Dann läuft er
zur Tür, um es zurückzuholen. Das Nashorn, das stehen geblieben ist,
lässt sich mit einem lauten Knall mit dem Hinterteil auf den Boden fallen.
Thomas steht mit zerzausten Haaren in der Tür. – Da hat was geknallt,
Mama, sagt er. – Das war ein Buch, das ich gegen die Wand geworfen
habe, antwortet Edel. – Warum hast du es gegen die Wand geworfen,
fragt Thomas. – Ich war wütend, sagt Edel. – Es war ein schlechtes Buch.
Ein miserables, miserables Buch. Zieh dich an, Thomas, wir müssen los,
Papa holen. – Warum, fragt Thomas. – Sein Auto hat eine Panne und er
ist noch nicht nach Hause gekommen. Beeil dich, sagt sie, und Thomas
sagt, dass er nicht will, er muss schlafen! Wenn er jetzt nicht schläft,
wird das Nashorn vielleicht für immer wegbleiben! – Du kannst im Auto
träumen, sagt Edel. – Aber dann ist nicht sicher, dass ich das Gleiche
träume! sagt Thomas. – Doch, klar. Ich helfe dir beim Anziehen, sagt
sie und packt ihn hart am Arm, sie zittert am ganzen Leib. – Ich will das
Gleiche träumen! quengelt Thomas.
Susanne bibbert. Sie zittert am ganzen Leib. – Alvin, sagt sie und dreht
sich zu ihm um und will, dass er sie umarmt. – Ich liebe dich, flüstert sie in
seinen Nacken, – ich wusste, dass du zurückkommen würdest. Er umarmt
sie fest und sagt nichts. – Ich kann das nicht sagen, sagt er schließlich.
– Du weißt, dass ich gesagt habe, dass ich nicht kann. Es wäre falsch. Du
würdest dir Hoffnungen machen, du weißt, ich würde gerne, aber Thomas
… Sie nickt und sieht ihn an, er sieht, dass sie nicht wirklich erfreut ist.
Aber sie sagt sich, dass sie alles ertragen kann, und dass er das sehen
soll, ihrem Gesicht ansehen soll, wie großmütig sie ist. Vielleicht wird ihn
dies spüren lassen, im Grunde seines Herzens, dass er sie liebt, und dass
es unmöglich, unmöglich ist, sie zu verlassen. Sie sieht ihn mit einem
großmütigen Gesichtausdruck an.
- Verdammt, jetzt muss ich nochmal Schnee schaufeln! schreit Edel. -
Verdammter Mist, Mist, Mist!“
Sie fährt im Schneetreiben durch den Ort, die Scheibenwischer bewegen
sich rasend schnell hin und her, unter dem einen häuft sich in einem
Dreieck Schnee an, bald wird sie sicher aussteigen und ihn wegbürsten
müssen. Dreieck! Natürlich muss sich direkt vor ihren Augen ein
symbolisches Dreieck anhäufen! Sie schnaubt. Ted Hughes, sie schnaubt,
dass sie so dumm sein konnte. Oh, das Leben, nicht wahr, Oh Hässlich,
Oh, Gut, Oh, Schwer, es ist nichts von all dem, es ist bloß Idiotie, und
Mist. Und äußerlich besteht es aus Körpern, Skeletten mit Fleisch, die
dies und das tun, und nichts hängt zusammen. Das, denkt Edel, und lacht
für sich ein trauriges Lachen, werde ich am Montag im Seminar sagen.
– Mammaaa, beklagt sich Thomas, sie hat ihn geweckt, er liegt quer auf
der Rückbank unter einer Decke, sie hat ihm erlaubt, ohne Gurt zu liegen.
– Schlaf jetzt, sagt sie. Sie hat an der Hochschule im Nachbarort ein paar
Stunden in englischer Literatur belegt, und bis zu diesem Moment großen
Wert auf das Seminar „Das Symbol in der Literatur“ gelegt. Es ist wahr
gewesen, hat sie gefühlt, dass man das Symbol nicht einfach abtun und
dann erklären kann, es sei ein antiquierter romantischer Gedanke, Dinge
könnten zusammenhängen, der Ausdruck, und der Inhalt, dass etwas
für etwas anderes stehen könnte; eine Rose für die Liebe, ein Meer für
das Leben, ein Kreuz für den Tod, aber jetzt reizt sie das, denn als ihr
bewusst wird, dass von den beiden Fahrbahnen der Straße, die entlang
des Fjords zum Fährhafen führt, nur ihre Straßenseite geräumt ist, denkt
sie augenblicklich, verhält es sich so, lässt es sich so deuten, ist seine
Straßenseite blockiert, kommt er nicht zurück, kann nur sie ihn erreichen,
er sie jedoch nicht, ist seine Fahrbahn so zugeschneit, verhält es sich so?
Sie wird mutlos, lässt es sich so deuten? Nein, sie weigert sich, diese
Straße zu lesen! Es ist nur eine Straße, denkt sie, eine idiotische Straße,
ohne übertragbare Deutung. Mist und Idiotie, und äußerlich; Asphalt.
Sie hätte sich gewünscht, an ihrem Rückspiegel hinge ein plüschiger
Würfel, oder ein Wunderbaum, das sinnloseste, was sie sich vorstellen
kann, wenn sie in den Ort zurückkommt, wird sie an einer Tankstelle Halt
machen und einen Wunderbaum kaufen, und er wird sie hieran erinnern,
es wird diesen Abend herausheben, an dem sie sich vom symbolischen
Denken verabschiedet hat und von – was, was ist es, wovon sie sich
außerdem verabschiedet? Ihre Ehe? Aber sie ist doch unterwegs, um ihn
zurückzuholen, warum tut sie das eigentlich, soll sie zurückfahren und
lieber die Tür abschließen, sodass er in der Garage schlafen kann, soll
sie nicht mehr weiterfahren, soll sie einfach stehen bleiben, warum hat
sie so reagiert, es muss das am wenigsten durchdachte sein, was sie
je getan hat, sie hat es einfach getan, und was soll sie jetzt tun, soll sie
weiterfahren? Sie fährt langsamer, während sie sich einer lang gezogenen
Kurve nähert, sie sieht orange Pulsschläge in den Bäumen auf der
anderen Straßenseite, das muss der Schneepflug sein, sie hat Angst vor
Schneepflügen, also hält sie fast an, und lässt den Schneepflug auf der
anderen Straßenseite vorbeibrausen, der Schnee saust auf der anderen
Seite über die Leitplanke und trifft die Bäume, und ihr treten Tränen in
die Augen, ganz gegen ihren Willen, denn jetzt wird seine Fahrbahn auch
geräumt.
Alvin betrachtet Susannes Gesicht, sie sieht so flehend aus, dass er sich
schämt, er küsst sie auf die Wange und geht seine Unterhose suchen.
– Was hast du in letzter Zeit so gemacht, sagt er, und Susanne hebt ihren
BH vom Boden auf, wobei sie den Bauch einzuziehen versucht. – Nichts
Besonderes, das Gleiche wie immer … oder, das heißt … Ihr ist etwas
eingefallen. – Warte mal kurz, sagt sie, mit einem aufgekratzten Blick, sie
zieht ihren Slip an, und dann läuft sie fast zum CD-Spieler. Alvin findet
auf einmal, dass dieser Körper, der sich in Unterwäsche bückt, um Musik
aufzulegen, etwas Hilfloses an sich hat, er bekommt das Gefühl, nicht
atmen zu dürfen, er spannt den Gürtel enger und zieht seine Jacke an.
– Du, ich muss jetzt los, Edel dreht durch, wenn ich nicht bald komme,
es tut mir Leid, Susanne, sagt er. Aber Susanne hört nicht auf ihn, sie
hat eine CD mit Salsamusik aufgelegt und beginnt, vor ihm zu tanzen.
Er darf nicht gehen. Sie muss ihn zum Bleiben bewegen. Sie muss ihn
dazu bewegen, ihr etwas Schönes zu sagen, ehe er geht. – Ich habe
einen Salsakurs besucht! sagt sie und tanzt näher und näher, mit einem
herausfordernden, aber leicht verlegenen Blick, an ihn heran. Sie nimmt
seine Hände, er sagt Neeiin … also lässt sie los, und dreht sich so, dass sie
ihm den Rücken zukehrt, während sie mit den Hüften rollt. Sie ist ein wenig
nervös, sodass sie sich nicht ganz frei bewegt. Alvin ist sie derart peinlich,
dass er zu dem tanzenden Rücken geht und seine Arme um sie legt, und
sagt, dass er jetzt gehen muss, aber dass sie toll tanzt, dass sie damit
weitermachen soll. – Ich bin ein Idiot, Susanne, sagt er. – Nein, das bist
du nicht, sagt sie. – Du bist der liebste Mann, den ich kenne. Er küsst sie
auf die Stirn. – Gut möglich, dass ich bald nach Kuba reise, sagt sie, auch
wenn es nicht wahr ist. – Dann wünsche ich dir eine gute Reise, sagt er.
Edel schüttelt den Kopf, sie will nicht mehr so denken, sie will die Dinge
nicht mehr symbolisch lesen. Wir haben die Natur verlassen, das haben
wir, denkt Edel, während sie langsam auf der nun vollständig geräumten
Straße fährt und das Schneetreiben tatsächlich nach und nach schwächer
wird, ja, die Natur ist verlassen, wir müssen aufhören, Bücher zu lesen, wir
müssen aufhören zu interpretieren, wir müssen aufhören, in übertragenen
Deutungen zu denken, wir müssen wie Tiere leben, wir müssen essen und
schlafen. Wir müssen auf das Symbol verzichten. Wir müssen ganz und gar
aufhören zu denken. Wir müssen in einer einfachen Dimension leben. Ah!
Sie ist zufrieden. Sie fühlt sich verrückt. Oder aber, sie weiß nicht, ob es
nicht eher so ist, dass sie bis zu dieser Sekunde verrückt gewesen ist, und
sie in diesem Moment wieder zur Vernunft kommt. Sie hat ein ekelhaftes,
glasklares Gefühl im Kopf. Als wäre ihr Kopf zwei weit aufgerissene Augen,
durch die kalter Wind hineinbläst. Sie schüttelt ihn. Dein Mann hat heute
Abend eine andere Frau gevögelt. Sie muss lachen. Und dann müssen wir
noch auf das Symbol verzichten! Haha. Oh Gott! murmelt sie. Und lacht
wieder. Wie kann man nur so etwas murmeln. Sie muss im Grunde weinen.
Sie muss in eine Bushaltebucht fahren und anfangen, Tränen zu vergießen.
Was ist, denkt sie, während sie auf dem Lenkrad liegt und weint, was ist,
wenn es gar nicht so ist, wie ich glaube, und er stattdessen von der Straße
abgekommen ist. Sie sieht sich nach Thomas um, er ist eingeschlafen, er
hat das Gesicht zur Rückbank gedreht und sie sieht nur seine Haare aus
der Decke herauslugen, sie liegen in einem kleinen Fächer auf dem Kissen,
und sie denkt, dass er dann vater-los wird, dann wird sie allein erziehende
Mutter, sie legt sich wieder auf das Lenkrad.
Alvin begreift nicht ganz, was passiert ist. Er fährt am Fjord entlang nach
Hause, es hat aufgehört zu schneien, an den Berghängen stehen die
Tannen mit niedergedrückten Ästen, die Fahrbahn ist weiß, nach dem Pflug
ist hier niemand gefahren, wie es scheint, keine Reifenspuren im Schnee.
Die Straßenlaternen stehen still und mit gesenkten Köpfen in einer langen
Reihe vor ihm, er stellt sich vor, dass sie ein Geräusch machen, wenn
das Licht der einzelnen Straßenlaternen sein Dach trifft, sobald er unter
ihnen vorbeifährt, bzzzzzzzzzzt, er stellt sich vor, dass es Röntgenstrahlen
sind, die durch das Dach hereindringen und ihn durchleuchten, sodass,
wenn jemand es von außen sähe, er ein Skelett im Wagen sitzen und
das Lenkrad fest halten und die Straße hinabfahren sähe. Außerhalb der
Straßenlaternen: ein Mann. Unter den Straßenlaternen: ein Skelett. An,
aus, an, aus. In einem irgendwie unklaren, grauen Licht kann man nun
sehen, wie sich die rechte Hand mit all den weißen Knöcheln quallenartig
bewegt und sich um den Schaltknüppel legt und schaltet. Und dann
bekleidet er das Skelett mit rotblauen Muskeln, Adern und Sehnen, wie
es ihm von einem Bild im Anatomiebuch des Gymnasiums in Erinnerung
geblieben ist, das einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn gemacht hat:
Ein Mensch ohne Haut, nur mit Muskeln, Adern und Sehnen. Zähne ohne
Lippen, Augäpfel ohne Lider. Von Zeit zu Zeit ist ihm dieses Bild wieder
in den Sinn gekommen, zum Beispiel, als Edel schrie und außer sich
war und sagte, dass es aus war, konnte er kaum hören, was sie sagte,
er hatte vor ihr gestanden und sie angestarrt, er stellte sie sich vor als
ein Gesicht ohne Haut, aber mit rotblauen, gespannten Muskeln in den
Wangen, über den Lippen und Zähnen. Er spürt, dass ihm heiß, seine
Wangen heiß sind, verräterisch heiß, daran wird sich in der Zeit, die er
für die Heimfahrt benötigt, nichts ändern, das weiß er, denn er hat es
früher schon gemacht, eigentlich sollte er einen langen Umweg fahren,
sobald er in den Ort gekommen ist, aber das ging nicht, dann würde es
nur noch länger dauern, bis er zu Hause ist und Edel würde alles begriffen
haben, vielleicht würde sie den Trolley gepackt haben, wie sie es zuletzt
getan hatte, den schönen, roten Trolley, und dann darauf kommen, dass
dieser ein Geschenk von ihm gewesen ist, und somit kurz vor der Haustür
stehen bleiben, den Koffer öffnen, nach Herausnehmen aller Kleider den
Trolley wegtreten, sodass er die Kommode träfe und liegen bliebe und
aufklaffen würde wie ein kleiner Mund, wie sie es zuletzt getan hatte, um
anschließend auf den Dachboden hinaufzulaufen und zu suchen und zu
suchen, bis sie schließlich die alte Tasche fand, die erste Tasche, in der
sie ihre Kleider trug, als sie kam und bei ihm einzog, so wie sie es zuletzt
getan hatte, nur um sich selbst symbolisch zu signalisieren, dass sie jetzt
wieder zurück bei sich war, und dann hatte sie Thomas geweckt und war
zum Hotel gefahren, vielleicht riecht er nach Parfüm, zum Glück, denkt er,
hat er sie von hinten genommen, mit geringstmöglicher Hautberührung
vom Unterleib aufwärts. Im Grunde war wohl nur der unterste Teil des
Bauchs mit ihren Hüften in Kontakt gewesen. Er sieht die salsa-rollenden
Hüften Susannes vor sich und ihm wird schlecht. Er hält an, mitten auf
der Straße, steigt aus dem Wagen, lässt die Tür halb offen stehen, und
geht zum Straßenrand, wendet diesem den Rücken zu, streckt die Arme
seitwärts aus, lässt sich nach hinten und in den Schnee fallen. Es ist
weich. Wenn er hier einen Moment liegen bleibt, wird ihn das abkühlen.
Er wird hier liegen bleiben und langsam, aber sicher Susanne aus seinem
Kopf ausradieren. Denn jetzt, er spürt es genau, ist es aus.
Susanne hat sich den Jogginganzug angezogen und eine Flasche
Wein geöffnet, sie sitzt auf der Couch und versucht die Sache so zu
sehen, dass sie Besuch von einem Liebhaber hatte, und dass sie eine
erwachsene Frau mit einem erfüllten Leben ist. Sie hat ihn tatsächlich
dazu gebracht zu kommen. Sie geht ihm nicht mehr aus dem Kopf: So
stark ist die Kraft, mit der sie glücklicherweise ausgestattet ist. Aber sie
weiß, es nützt nichts. Sie versucht nicht daran zu denken, wie verzweifelt
es war, Salsa für ihn zu tanzen. Sie versucht nicht an den peinlich
berührten Ausdruck in seinem Gesicht zu denken, als sie wollte, dass
er tanzt. Sie leert das Glas Wein in einem Zug, mit wenigen Schlucken.
Er schmeckt nach Alkohol. Susanne kneift die Lippen zusammen und
geht zum Telefon, schlägt im Telefonbuch die Nummer eines Reisebüros
auf. Sie begreift nicht, denkt sie, dass Alvin, der doch der liebste Mann
ist, den sie kennt, der so feinfühlig und so einfühlsam ist, der ihr die
wundersamsten Dinge über alles, was er denkt, erzählt hat, so zu ihr
kommen und sie vögeln und anschließend mit einem peinlich berührten
und harten Ausdruck im Gesicht gehen kann. Und sie spürt genau, dass
er nicht zurückkommen wird. Jetzt ist es aus. Sie hofft, dass er von der
Straße abkommt. Sie hofft, dass er von der Straße abkommt und im Fjord
landet. Sie wählt die Nummer des Reisebüros. In Anbetracht des vielen
Schnees ist durchaus denkbar, dass er von der Straße abkommt. Das
Reisebüro ist geschlossen, es öffnet erst wieder morgens um acht, und
sie wirft sich auf den Boden. Sie überlegt, ob sie zur Couch robben soll,
sie liegt auf dem Boden und sieht sich gleichsam selbst erschöpft und
verloren wie ein Soldat auf einem morastigen Schlachtfeld zur Couch
robben, aber sie weiß, dass es nicht wahr ist, die Wahrheit ist, dass sie
auf dem Rücken auf dem Boden liegt, dass sie zur Decke aufblickt, dass
ihr Hals brennt und die Tränen aus den Augen und in die Ohren laufen.
Doch, sagt Thomas. Das fehlende Nashorn ist nicht zurückgekommen, und
Thomas darf die Arche nicht verlassen. Noah ist so groß, dass er fast bis
zur Decke reicht, und er sagt streng, dass es unmöglich ist, hinauszugehen,
es hat angefangen zu regnen, sie müssen bald die Tür schließen. Thomas
versucht trotzdem, zur Tür zu gehen, aber der Fußboden wimmelt von
Babykrokodilen, sodass er ausrutscht und hinfällt und nicht vorankommt.
Jetzt sieht er, dass neben der großen Tür ein Aufzug ist wie der im Hotel,
er kann sehen, dass dieser auf dem Weg nach unten ist, denn über den
Aufzugtüren leuchten die Zahlen der Etagen auf, er denkt, dass es vielleicht
das Nashorn ist, 2, 1, Pling: Es sind zwei Eidechsen. Die Eidechsen
watscheln auf die Babykrokodile zu. Edel hebt den Kopf vom Lenkrad. Sie
lässt den Motor an und biegt auf die Straße. Verdammter Mist, murmelt sie.
Verdammter Mist, Mist, Mist.
Alvin hat einen Schneeengel gemacht, etwas, das ihm im Nachhinein
symbolisch betrachtet als ein großes Paradox erscheint. Das bringt ihn
darauf, an Edel denken, das bringt ihn darauf, weinen zu wollen, ohne
es zu können, er richtet sich auf, zieht die Knie an, und sitzt gekrümmt in
seinem eigenen Engel. Eine pathetische und überdeutliche Stellung, denkt
Edel, als sie neben ihn fährt, und er noch nicht aufgeblickt hat. Er blickt
auf. Er scheint nicht überrascht zu sein, sie hier zu sehen. Sie hält an, steigt
aus, baut sich vor ihm auf. – Was ist passiert, sagt sie. Er breitet die Arme
aus. Zieht die Nase hoch. – Das, sagt er. – Ich habe einen Schneeengel
gemacht. – Du verdammtes Miststück, sagt sie, und muss fast lachen, sie
reagiert nicht, wie sie geglaubt hatte, sie hat diese Szene vor sich gesehen,
und sie ging anders, darin brüllte und schrie sie, und darin brach er auf dem
Erdboden zusammen, doch jetzt ist es fast ein Gefühl, als wäre sie gar nicht
hier, und sie findet das Ganze komisch. – Es ist aus, sagt sie, ohne etwas
zu fühlen, und geht los, um sich ins Auto zu setzen, ihr Kopf ist glasklar
und kalt, fast leicht. Ihre Füße sind auch leicht. – Ich hatte eine Panne! ruft
er, und folgt ihr. – Verdammt, Edel! Ich stehe hier schon fast eine Stunde!
Und ich konnte nicht anrufen, ich finde mein Handy nicht! Also habe ich
hier gesessen und auf Hilfe gewartet, aber es ist niemand gekommen. Die
glasklare, leichte Edel lächelt. – Das hätte ich wirklich zu gerne gesehen,
sagt sie. Alvin sagt nichts, setzt sich in den Wagen, seine Hände zittern, als
er den Schlüssel dreht, denn jetzt ist es aus.
Aber der Wagen springt nicht an.
Der Wagen jault nur kurz auf, mehrmals, springt aber nicht an. – Wie
du siehst, sagt Alvin. Edel sag nichts. Das Blut ist dabei, wieder in ihre
Beine zu strömen, und in ihren Kopf, durch die Wangen. Sie sieht ihn an,
räuspert sich. Nichts von dem, was jetzt geschieht, ist so gekommen,
wie sie es sich vorgestellt hat. Sie weiß nicht, ob es wahr ist. Rück mal,
sagt sie, und setzt sich auf den Fahrersitz seines Wagens, er ist kalt, also
kann er nicht erst eben angehalten haben, er muss hier schon eine ganze
Weile stehen. Es ist kalt im Auto. Sie dreht den Schlüssel, der Wagen
reagiert nur schwach. Es ist wahr. Er hat eine Panne. Sie weiß nicht,
was sie damit anfangen soll. Sie ist am Fjord entlanggefahren, um ihn zu
holen, zu beschimpfen und zu verlassen, oder ihn zu holen, oder ihn zu
verlassen, und ihre Spur wurde als Erstes geräumt, und dann wurde seine
Seite geräumt, fällt ihr ein, das ist tatächlich passiert. Das ist tatsächlich
passiert. Sie geht zum Kofferraum, holt ein Abschleppseil, und reicht es
ihm. Alvin steht da und schaut Thomas an, der auf der Rückbank schläft,
und versucht sich wie jemand zu geben, der eine Panne hatte und seit
einer Stunde im Schnee sitzt. – Was hat er heute so gemacht, fragt er,
leichthin, und räuspert sich. – Er hat die Arche Noah durchgenommen und
Lose verkauft, antwortet Edel. – Komm, sieh ihn dir an, sagt Alvin. Edel
stellt sich neben ihn und schaut zu Thomas hinein. Er hat die Arme über
dem Kopf ausgestreckt, zur Rückenlehne hin, und schläft. Ungefähr so,
wie Susanne auf dem Fußboden liegt, und nicht ahnen kann, dass der
schmerzliche Druck, den sie in ihrer Brust spürt, der gleiche Druck ist,
der in diesem Moment in Edel und Alvins Brustkörben platziert ist, als sie
Seite an Seite stehen.
Edel fährt den kleinen Wagen, und schleppt den großen, den Alvin lenkt.
Sie weigert sich, denkt sie, dies symbolisch zu lesen. Es ist einfach, wie
es ist. Sie fahren am Fjord entlang. Es ist Nacht. Sie sind drei Personen.
Dass ein Seil zwischen den Autos ist, drückt nichts anderes aus als eine
greifbare Tatsache: Wenn ein Auto eine Panne hat, muss es abgeschleppt
werden. Ich verstehe überhaupt nichts mehr, denkt Alvin. Er fühlt sich
von einem größeren Blick gesehen, so als würde jemand über ihn lachen:
Er hat gesagt, er hätte eine Panne gehabt, dann soll er sie bekommen.
Dann soll er sie verdammt nochmal bekommen. Er lehnt sich zur
Windschutzscheibe vor, um zu schauen, ob es sternenklar ist, wird aber
vom Licht der Straßenlaternen geblendet, die stumm in einer langen
Reihe vor ihm stehen und mit gesenktem Kopf die Autos durchleuchten.
In gleichmäßigen Schnappschüssen entlang der Straße kann man folglich
erst ein Skelett sehen, ein erwachsenes, das sitzt, danach das Skelett
eines Kindes, das quer liegt, und schließlich ein weiteres erwachsenes
Skelett, das mehr oder weniger in einer geraden Linie hinter dem
ersten Skelett sitzt. Die erwachsenen Skelette halten die Arme vor sich
ausgestreckt, sie umfassen Lenkräder, das Kinderskelett hält nichts fest,
hat aber die Arme über dem Kopf ausgestreckt. Man kann zudem ein
größeres Skelett sehen, das auf vier Beinen steht und ein großes Nashorn
hat, und das neben dem Kinderskelett steht. Jetzt kommt ein ähnliches
Skelett von links hinzu, zur Überraschung des ersten Nashornskeletts,
denn es hebt den Kopf und betrachtet abwartend das Nashornskelett,
das herankommt. Sie stehen eine Sekunde und sehen sich an, und
dann reibt das eine Nashorn sich am anderen. Zwei Antilopenskelette
kommen anmarschiert, und Tigerskelette, und Löwenskelette, weiter
draußen kommen die kleinen Skelette von zwei Katzen, und von Hunden,
und wir sehen eine Menge Krokodilkiefer, die das Kinderskelett ins
Bein beißen, sodass es lacht und sich schüttelt. Wenn es so wäre,
dass Röntgenstrahlen auch die Konturen anderer Dinge als solider,
widerständiger Materie zeigen könnten, würde man zusätzlich die
Konturen eines mächtigen Holzboots sehen, in dem auf mehreren Etagen
Skelette zu zweit zusammenstehen, zwei für jede Tierart. Ein großes
Menschenskelett hebt den Arm, und dann können sie alle spüren, wie
das, worauf sie stehen, vom Grund abhebt, und anfängt davonzutreiben