Ștefania Mihalache

Ein Ferienplatz von der Gewerkschaft


Zieh doch das chinesische T-Shirt an, das mit dem Fischaufdruck, das dir

Mami jedes Jahr auf dem Weg ans Meer zum Anziehen gibt. Es sind Fische

in allen Farben, die hat Adeluţa noch bei keinem anderen Kind gesehen.

„Die Chinesen haben gute Ware“, sagt Mami. Sonnenstrahlen queren

Adeluţas Gesicht, beleuchten ihre blonden Haare. Sie tauchen den ganzen

Rücksitz des Dacia in ihr Licht. Adeluţa ist eingeschlummert.

Gestern Abend ist sie lange aufgeblieben, weil Mami für die Reise ans

Schwarze Meer packen musste und die Türen aller Schränke aufmachte,

die unteren und die oberen. Nur Mami darf im Schrank herumhantieren,

denn da herrscht perfekte Ordnung. Adeluţa lief sogleich zu Vati, um ihm

zu sagen, dass der Schrank offen stand, und sie wunderte sich, dass

er nicht auch herbeieilte, um zu sehen, was drin war. Aus dem Schrank

quollen nun Mamis Kleider hervor – breite Kränze in grün, rot oder blau, mit

Blumenmustern, mit kleinen grünen Blättern, mit Zweiglein. So sehr du auch

daran ziehst, wollen dir die Kleider nicht antworten, denn sie sind eine Art

Mami ohne Gesicht.                   

Deine Mami, die richtige Mami, eilte aus dem Zimmer, um sich kurz die

Hände zu waschen. Adeluţa tat einen Schritt in Richtung des aufgeklappten

Koffers. „Nicht, dass du mir da herumwühlst“, hörte sie Mamis Stimme aus

dem Bad rufen. Adeluţa schreckte auf und tat schnell einen Schritt zurück.

Mami kam wieder. Ihre Hände preschten von oben auf die Kleider zu und

fingen an, sie ganz langsam zu falten. Im Licht der Straßenlaterne schien es

an der Wand, als seien Mamis Hände irgendwelche Tiere, die gekommen

waren, um zu fressen oder um tote Vögel zu vergraben. Der Koffer

verschluckte die letzten Vogelschatten und Mami klappte ihn zu.

– Schläfst du nicht?, fragte Mami. Komm, bis ans Meer haben wir noch

eine lange Reise vor uns. Das glaubt Adeluţa aber nicht, denn wenn sie die

Augen ganz fest zusammenkneift, kann sie bereits erkennen, wie am Ende

der Straße, irgendwo zwischen Mamis langem schwarzem Haar und Vatis

Nacken mit seinem kurzen, ebenfalls schwarzen Haar, das Meer glitzert, wie

ein langes blaues Tuch, das Mami und Vati zusammenbindet. Vati flitzt mit

dem Auto in Richtung Meer, aber dann ist die Straße zu Ende oder er fährt

in eine Kurve, und das Tuch verschwindet einen Augenblick lang, so dass

die Köpfe von Mami und Vati sich voneinander entfernen. Doch dann kneift

Adeluţa wieder die Augen ganz fest zusammen und fragt Vati:

– Vati, kannst du nicht auch das Meer erkennen, dort hinter den Bäumen?

Vati richtet seinen Blick auf den Horizont, zwinkert angestrengt mit den

Augen und antwortet ihr:

– Doch, Schätzchen, sicher doch.

Mamis Kopf zuckt kurz:

– Hört auf mit dem Blödsinn, von wegen ihr könnt das Meer sehn. Adeluţa,

Liebes, schlaf doch weiter, hör nicht auf deinen Vater.

Dann reicht ihr Mami vom Vordersitz aus die Hand. Adeluţa berührt sie, und

während sie das goldene Armband der Uhr betrachtet, wie es auf Mamis

Gelenk hin und her wippt, fallen ihr die Augen zu. Ganz verschwommen

vernimmt sie noch die Worte, die Mami und Vati wechseln: „Lass doch dem

Kind seine Freude“, „Warum willst du ihr denn was vormachen?“, „Lass sie

lieber schlafen, sonst kotzt sie mir wieder in den Schoß.“

Adeluţa weiß, dass es schon Mittag ist und dass sie an der Küste

angekommen sind. Sie öffnet aber noch nicht ihre Augen, denn vorläufig

passiert nichts Unterhaltsames. Sie wird viele Stunden auf den schattigen

Gängen des Hotels verbringen, während andere Kinder mit kleinen

blauen Schwimmreifen um die Taille, bereit fürs Spielen am Strand, an ihr

vorbeigehen. Sie wird warten, bis der Onkel von der Rezeption Mami sagt,

dass die Putztante jeden Tag staubsaugt und dass im Zimmer keine Ratten

oder Wanzen sind, wie sie’s schon mal erlebt hat.

– WIE BITTE?!

Adeluţa zuckt zusammen und öffnet die Augen. Sie ist auf dem Koffer

eingeschlafen, im Hotel „Mioriţa“, so sagte Vati, dass es heißt, bereits letzten

Winter sagte er das, als sie die Ferienplätze von der „Gewerkschaft“ kauften

– er sagte: „Wir gehen diesen Sommer ins Mioriţa.“ Die Ferienplätze der

Gewerkschaft – Adeluţa vermutete, dass „Gewerkschaft“ eine Art Musik

ist, so wie die im Puppentheater, eine Art Musikband, die Ferienplätze am

Meer verkauft. Mami steht an der Rezeption, sie ist groß in ihrer weinroten

Cordhose, die Wangen fast in der Farbe der Hose:

– Aber wir haben doch keine Plätze im Parterre reserviert! Sie glauben doch

nicht im Ernst, dass wir im Parterre wohnen werden?!

Mami dreht sich plötzlich zu Vati um:

– Sag doch auch was! Das kann doch nicht wahr sein! Wir haben sie extra

bereits im Winter gekauft, um derartige Überraschungen zu vermeiden!

Der Onkel an der Rezeption, der eine schwarze Hose, ein weißes Hemd

und eine ganz schmale Krawatte um den Hals trägt, zuckt mit den

Schultern. Dann flüstert er, Adeluţa hörte es kaum:

– Wir können da nichts tun, meine Dame, die Deutschen sind eben da.

Anweisung von der Partei.

Mami spricht ganz schnell mit dem Onkel an der Rezeption, Adeluţa kann

nicht mehr verstehen, was sie sagt.

Jedenfalls freut sie sich sehr, als sie sieht, dass Vati sich einfach umdreht,

auf sie zukommt, sie an der Hand nimmt, die Koffer holt und mit ihr den

dunklen Korridor entlanggeht. Sie bleiben vor einer Tür stehen, die Vati

öffnet. Adeluţa tritt ein: Im Zimmer ist es kühl und etwas dämmrig. Zwischen

den Gittern an den Fenstern ragen die großen grünen Blätter eines Baumes

herein. Ein paar Spatzen zwitschern schrill. Adeluţa setzt sich aufs Bett,

hört ihnen kurz zu und muss laut lachen.

– Was ist denn, Kätzchen, worüber lachst du?, fragt Vati.

– Die kleinen Spatzen machen Gewerkschaftsmusik.

– Wie bitte?! Wie kommst du denn darauf?

Vati lacht laut.

– Dir ist auch noch zum Lachen zumute, was?

Es ist Mamis Stimme. Sie tritt ein und sieht sich um, öffnet die Schränke,

zieht die Überdecke runter, öffnet die Vorhänge und blickt in die oberen

Ecken des Zimmers.

– Hier ist überall Schimmel, siehst du das denn nicht? Ich weigere mich,

hier zu wohnen und das Kind krank werden zu lassen!

Die Vögelchen schweigen, Vati schweigt, Adeluţa schweigt. Adeluţa sieht

zu, wie Vatis Gesicht sich verzieht und grün wird. Er geht auf Mami zu

und bleibt neben ihr stehen. Er sieht sie an, sein Kopf etwas nach hinten

geneigt. Vati ist ein wenig kleiner als Mami.

– Und was soll ich denn tun? Willst Du, dass ich mit der Partei kämpfe?

Willst du mich hinter Gittern sehn?, ruft ihr Vati im Flüsterton zu.

Adeluţa flüchtet sich auf das Fensterbrett. Die Spatzen fliegen weg und

erschrecken sie fast. Sie lässt die Beine hin- und herbaumeln und stellt sich

vor, es seien nicht ihre Beine. Wenn Mami und Vati streiten, verschwindet

einer von Adeluţas Körperteilen, und wenn sie sich wieder vertragen, erhält

sie ihren Körperteil zurück und freut sich. Jetzt will sie aber ihre Beine

schneller zurückhaben, um an den Strand zu gehen.

– Von wegen kämpfen! Du und kämpfen! Du hättest dem armen Schlucker

da was zustecken müssen und die Sache wäre erledigt. Es werden doch

nicht alle Deutschen im Mioriţa abgestiegen sein. Am Gang war kein einziger

zu sehn. Hätte es dich denn umgebracht, wenn du ihm irgendwas zugesteckt

hättest, eine Packung Kent oder so?

– Hättest ihm doch selber was zustecken können, wenn du so gescheit bist.

Vati zieht seine Jeans aus und eine kurze Hose an.

– Komm, Häschen, wir gehen an den Strand, ruft Vati ihr zu.

Adeluţa springt vom Fensterbrett runter. Mami und Vati haben sich zwar nicht

wieder vertragen, aber sie hat sich ihre Beine zurückgeholt, es ist ein besonderer

Anlass.

Das „Mioriţa“ liegt ganz nah am Strand. Adeluţa und Vati breiten das weiße

Leintuch auf dem Sand aus. Die Ecken flattern im Wind und Adeluţa hätte sie

fast erwischt, hätte Mami sie ihr nicht aus der Hand genommen. Sie ist gleich

nachgekommen. Adeluţa lässt das Leintuch los und rennt so schnell sie kann

zum Wasser, das auf sie wartet, so nahe, zu diesem dunkelblauen Wasser mit so

vielen Schichten, die einen breiter als die anderen.

– Adela, komm zurück!, donnert Vatis Stimme im grellen Sonnenlicht.

– Ich geh doch nicht rein, ich schau nur!

– Du kommst sofort zurück und setzt deine Badehaube auf! Und ins Wasser

gehst du nur mit Mami oder Vati, das hab ich dir bereits gesagt. Die Wellen sind

zu hoch.

Adeluţa seufzt, kehrt aber zurück. Sie hasst die Badehaube aus hellbraunem

Gummi mit ihrem runden, hervorstehenden Muster. Wenn Vati sie ihr aufsetzt,

klebt sie an ihrer Haut und an ihren Ohren und sie kann nichts mehr hören und

es ist, als trenne sie eine riesige Glasscheibe, durch die sie nichts berühren kann,

vom Wasser. Vati steckt auch die letzten Haarsträhnen unter die Haube.

– So, nicht, dass deine Haare nass werden, sonst erkältest du dich.

Adeluţa läuft zum Wasser. In der Geräuschlosigkeit der Schwimmhaube fällt

ihr die Orientierung schwer. Sie ist nun bei den Wellen angekommen, wo der

Schaum ihre Fü.e umfasst. Wenn sich die Welle dann zurückzieht, hinterlässt

sie auf ihrer Haut ein Muster wie bei Mamis Spitzenstrümpfen. Es verschwindet

aber schnell wieder, und Adeluţa muss auf die nächste Welle warten, um es

zurückzubekommen. Manchmal läuft sie den Wellen entgegen, aber nur ein

bisschen, denn sie hat Angst, dass sie in die Tiefe mitgerissen werden könnte.

Bisher hat sie sich schon fünf Paar weiße Spitzensöckchen machen lassen.

Die meisten sind ihr letzten Sommer gelungen, da hat sie an einem Tag dreißig

Paar gezählt! Vati war in der Sonne eingeschlafen und hatte vergessen, sie auf

das Leintuch zurückzurufen. Wenn sie nur kurz die Haube abnehmen könnte …

sie könnte die Wellen von weit her auf sie zukommen hören, sie könnte erraten,

welche Art von Söckchen sie bekommen würde. Die, die man lauter hört, machen

ihr längere, dickere Socken, die weiter hinauf auf den Unterschenkel reichen. Sie

nimmt die Haube ab: Das Meer rauscht, die Möwen schreien, alles plätschert

um Adeluţa herum, und Vatis Stimme durchdringt die zischenden Luftschwaden:

– Adela, komm her, bitte!

Adela kehrt zurück, und die Welle berührt dabei nur eines ihrer Beine. Sie

macht ihr eine aufgetrennte Socke, mit durchgerissenem Gummiband, die zum

Knöchel hinunterrutscht. Vati nimmt ihr die nasse Badehaube aus der Hand.

– Warum hast du sie abgenommen? Sieh mal, du hast sie ganz nass gemacht.

Wie willst du sie jetzt wieder aufsetzen?

Adeluţa will etwas sagen, sieht aber, dass Mami auf dem Leintuch näher bei

Vati liegt als vorhin.

– Lass sie in Ruh’, du hast eine fixe Idee mit dem Nasswerden der Haare, sagt

sie, ohne zu schreien.

– Tja, ein jeder mit seinen fixen Ideen, sagt Vati und lächelt sie an, während er

mit einem Handtuch energisch die Badehaube abtrocknet.

– Lasst uns lieber einpacken, sonst verpassen wir das Abendessen.

Mami und Vati falten das Leintuch und die Handtücher zusammen, helfen sich

gegenseitig, die Zeitschriften und die Sonnencreme einzupacken, und gehen

dann nebeneinander, so dass ihre Hände ganz nah beieinander sind. Adeluţa

folgt ihnen, sie springt von einem Bein aufs andere.

Mami tritt als Erste ins Restaurant des Hotels ein. Sie hat ein rotes, von den

Hüften ab weit ausgestelltes Organza-Kleid aus dem Koffer geholt und eine

kleine schwarze Handtasche dazu. Im Neonlicht verwandelt sich das Rot in

eine Art Purpur, in ein ganz dunkles Rot, wie die Kruste aus geronnenem Blut,

die sich auf Adeluţas Haut bildet, wenn sie sich die Knie aufschürft. Vati liest

etwas von einem kleinen Kärtchen ab und zeigt Mami den ihnen zugewiesenen

Tisch. Er befindet sich neben der Tür auf der gegenüberliegenden Seite des

blauen Salons, dessen Wände mit Gold verziert sind.

– Was, ausgerechnet hier, bei den Deutschen?, fragt Mami, während sie auf

den Tisch zugeht.

Vati zuckt mit den Schultern.

– Es ist ein Tisch für sechs Personen. Ich glaube, hier hören die Deutschen auf.

Oder sie fangen hier an.

Sie setzen sich. Adeluţa macht sich an der Serviette aus blauem Baumwollstoff

zu schaffen, die zusammengefaltet im Glas steckt. Sie mag es, mit Mami und

Vati zusammen zu warten. Auf einmal erscheinen aus dem Nichts ein Onkel mit

schwarzem Schnurrbart, der ein gelbes T-Shirt trägt, eine Tante in Jeansrock

und blauem T-Shirt und ein dunkelblonder Junge. Er ist älter als Adeluţa.

Obwohl er groß gewachsen ist, sieht er eher rundlich und pummelig aus und

trägt eine Brille. Er hat ein Paar Schwimmflossen dabei, in einem Grün, das

Adeluţa nur noch bei T-Shirts aus dem Ausland gesehen hat und das Vati

Leuchtgrün nennt. Die drei setzen sich an den Tisch, an dem Adeluţa mit ihren

Eltern wartet.

– Guten Abend.

– Guten Abend, antworten Mami und Vati. Mami beobachtet sie mit ernster

Miene. Adeluţa macht es ihr nach.

– Wie es aussieht, werden wir während dieses Aufenthalts Tischnachbarn

sein, sagt der Herr im gelben T-Shirt und blickt sie der Reihe nach an, um zu

prüfen, ob sie schon braun sind. Wie ich sehe, sind Sie noch nicht lang da …

Eine Kellnertante erscheint an ihrem Tisch. Sie trägt eine weinrote Weste

und eine weiße Haube auf dem Kopf. Ihre Wangen sind sehr eckig. Sie legt

dem Mann mit dem Schnurrbart mehrere Papiere vor. Der Herr und die Dame

sehen sie sich an. Währenddessen bringt ein großer Herr, der ebenfalls eine

weinrote Weste trägt, ein Tablett. Er legt Mami, Vati und Adeluţa jeweils einen

Teller mit Schweinskeule und Bohnen hin. Adeluţa hasst Bohnen und die

Schweinskeule ist sehr fettig.

– Haben Sie sich entschieden?, fragt die Kellnertante die Tischnachbarn.

– Sind das deine Deutschen?, fragt Mami Vati im Flüsterton.

– Rainerchen, was möchtest du denn gern essen: Kartoffeln mit Hühnchen

oder lieber Champignons mit Rindbraten?

– Na ja, vielleicht sind’s Sachsen, hast du nicht gehört, wie der Junge heißt?,

flüstert Vati.

– So’n Quatsch, der sieht aus wie jeder andere Südl.nder auch! Aber er hat

gewusst, wie er’s drehn soll, dass sie bei den Deutschen essen, sagt Mami

mit Nachdruck.

Papi lässt seinen Kopf in den Teller hängen und fängt an, seine Schweinskeule

zu zerschneiden. Rainer legt seine Schwimmflossen auf den Tisch, neben

Adeluţas Teller.

– Ich hab sie von meinem Onkel Gelu aus Amerika bekommen, flüstert Rainer

Adeluţa zu. Weißt du, wie weit raus ich damit schwimmen kann? Bis zur Boje!

Adeluţa streift mit dem Finger über den wundervollen grünen Rand einer der

Schwimmflossen, aber Rainer schiebt ihre Hand weg.

– Fass sie nicht an, sie gehen kaputt. Wie weit hinaus kannst du schwimmen?

– Ich spiele am Strand mit den Wellen. Wenn du willst, zeig ich dir, wie’s geht.

– Ha, ha, ha, lacht Rainer, während seine Mutter ihm rasch ein Stück

Hühnerfleisch in den Mund schiebt. Was ist denn das für ein Spiel. Hast du

denn keine Schwimmflossen wie meine?

– Nein, ich hab aber eine Badehaube.

– Adeluţa, schau mal, ein paar gute Fleischstückchen von Vati.

Adeluţa schüttelt den Kopf. Sie hat keinen Hunger. Sie hat sich ganz zu Rainer

gedreht.

– Na ja, wozu solltest du sie auch brauchen?, mampft er.

– Armes Kind, es wird doch nicht diesen Mist essen, sagt Mami und schiebt

ihren Teller weg.

Vati schluckt.

– Lass mal, wir gehen morgen in ein anderes Restaurant und essen Grillfleisch.

– Damit werden die Haare nicht nass, antwortet Adeluţa.

– In welche Klasse gehst du?, fragt Rainer nach einigen Sekunden mit offenem

Mund. Er bespritzt Adeluţa dabei mit kleinen Stücken vom Hühnchen und mit

Speichel vermengten Kartoffeln.

– Aha, und warum zahlen wir dann hier noch?, flüstert Mami Vati zwischen den

Zähnen zu.

– Ich komme erst im Herbst in die Schule, sagt Adeluţa.

– Wie hätte ich denn ahnen sollen, wie hier die Leistungen aussehen?

– Ha, ha, du bist ja noch ein Zwerg! Ich komme jetzt in die Vierte, spuckte

Rainer Adeluţa an.

– Du hättest dich erkundigen können oder es mir überlassen sollen.

– Alle meinten, es sei in Ordnung.

– Wer denn, Vasile, diese Niete? Du sprichst ja nur mit irgendwelchen Arbeitern.

– Mami, schau mal!

Die Tante mit der Haube kommt an ihren Tisch. Sie bringt drei Becher

mit Schlagsahne und Obst in vielen Farben, Adeluţa erblickt sogar eine

Orangenscheibe! Die Tante stellt sie vor Rainer und seine Eltern hin. Rainer

sticht schnell mit dem Löffel hinein und erwischt ausgerechnet die in viel

Schlagsahne eingetauchte Orangenschale. Adeluţa sieht zu, wie alles in

Rainers Mund verschwindet.

– Willst du auch was?, fragt sie Rainer.

Adeluţa nickt, ja, klar. Rainer lädt den Löffel voll, mit einem Stück Apfel und

einer Sauerkirsche.

– Mund auf, Augen zu!

Adeluţa tut, was er verlangt. Aber nichts geschieht. Der Löffel verschwindet in

Rainers Mund und er schüttelt sich vor Lachen.

– Ha, ha, ha, reingelegt!

Vati nimmt Adeluţa hastig in den Arm und ruft gleichzeitig der Kellnertante zu:

– Seien Sie so lieb, wir möchten bitte auch den Obstsalat bestellen.

– Tut mir leid, zuckte die Tante mit den Schultern, der ist nur für die deutschen

Herrschaften.

– Ei, ei, Rainerchen, das war aber nicht nett von dir, sagt Rainers Mutter. Sie gibt

ein paar Löffel vom Obstsalat auf einen kleinen Teller und reicht ihn Adeluţa.

Mami will das Angebot ablehnen, doch dann sieht Adeluţa das Tellerchen und

seufzt.

Rainers Vater zupft an seinem Schnurrbart und flüstert in Mamis Ohr, während

er ihr zuzwinkert.

– Hören Sie, warum plagen Sie sich bei den Rumänen ab? Eine Stange

Kent für den Kerl an der Rezeption und sie hätten einen Ferienplatz bei den

Deutschen bekommen und ein klasse Zimmer mit Blick aufs Meer obendrein.

Welche Zimmernummer haben Sie denn?

Mami richtet sich auf, blickt niemanden an, nicht einmal Adeluţa, und verlässt

das Restaurant. Das Kleid flattert ihr nach, wie ein roter Flügel. Vati steht auch

auf, mit Adeluţa auf dem Arm.

– Guten Abend, wohl bekomm’s!

Die drei nicken, und Adeluţa sieht über Vatis Schulter, wie sie ihnen kauend mit

den Blicken folgen.

Im Zimmer angekommen, setzt Vati Adeluţa aufs Bett. Mami kommt aus dem

Bad, sie trägt wieder die weinrote Cordhose, sie hat geweint und hat ein Glas

Wasser in der Hand.

– Danke sehr! So weit ist’s mit uns gekommen, dass mir alle Versager ins

Gesicht lachen und mein Kind von anderen Essen verlangt? Du musst ja ein

ganz großer Chef sein in der Fabrik, wenn wir schlechtere Ferienplätze kriegen

als die Arbeiter.

– Hast du denn nicht mitbekommen, dass ich versucht hab, mit dem Kerl an der

Rezeption zu reden …

– Nur so einer wie du ist so naiv, das Märchen mit der Partei zu glauben.

– So einer wich ich, was soll das heißen?

Mami sieht ihn ein bisschen von oben herab an und sagt ganz leise einige

Worte zu ihm, die Adeluţa nicht versteht.

– Du bist kein Mann, du bist eine absolute Null.

Vatis Handfläche bewegt sich blitzschnell auf Mami zu, bis sie ganz nah an

Mamis Wange ist. Sie hält genau da inne, knapp über der Haut, und scheint

nicht mehr weiterzuwissen. Mami lacht plötzlich laut auf. Sie schiebt Vatis Hand

weg, setzt sich aufs Bett, sitzt Adeluţa gegenüber und lacht. Auch Adeluţa

versucht zu lachen. Sie lacht mit Mami, immer lauter. Vati sieht mal die eine, mal

die andere mit großen Augen an. Er nimmt seine Brieftasche vom Tisch, küsst

Adeluţa auf den Kopf und geht. Adeluţa hört einen Motor anspringen und eilt an

die Fenstergitter. Es ist Vatis roter Dacia, der hinter den grünen, dunklen Blättern

der Bäume verschwindet.

Adeluţa geht nur mit Mami an den Strand. Es ist bewölkt, aber alle liegen auf

ihren Leintüchern, als sei es sonnig. Adeluţa hat Mami gefragt, ob sie ans

Wasser dürfe, und Mami hat mit einem heiseren „Ja“ und einem weichen

Blick geantwortet. Adeluţa nimmt ihre Badehaube und geht zum Wasser.

Sie lauscht kurz dem Schreien der Möwen und der Kinder. Sie hört das

Schmatzen einer Welle, die ihr bis an die Oberschenkel geht und auf ihrer

Haut das schönste Muster aus weißem Schaum hinterlässt. Adeluţa nimmt

den Schaum mit der Hand ab, wirft ihn seitlich weg und zieht sich die Haube

über den Kopf. Die Wellen türmen sich wie schweigende Klötze aufeinander.

Adeluţa spürt, wie etwas auf ihrer Wange aufschlägt.

– Ha, ha, ich hab dich gefunden, Kleine.

Zwei leuchtend grüne Schwimmflossen umfassen Adeluţas Gesicht und am

anderen Ende der Öffnung sieht sie Rainers Gesicht, mit herausgestreckter

Zunge. Adeluţas kleine Faust bewegt sich schnell entlang des grünlichen

Tunnels und schlägt Rainer mit voller Wucht auf die Nase. Sein Gesicht ist

schrecklich verzerrt und Adeluţa hört ihn durch die Badehaube irgendwo in

der Ferne, auf dem Damm vielleicht, kreischen. Rainer stürzt sich auf sie und

beide wälzen sie sich im nassen Sand am Meeresrand. Die Muscheln und

Steine schürfen Adeluţas Haut schlimm auf. Rainer hat ihr die Badehaube

vom Kopf gerissen und sie weit weggeworfen, und nun versucht er, Adeluţa

an den Haaren zu ziehen. Sie nimmt ihre ganze Kraft zusammen und

verpasst Rainer noch einen Faustschlag. Dann zerkratzt sie ihm das Gesicht.

Sie hinterlässt eine blutige Fuge, die unter der Augenbraue beginnt und bis

an die Unterlippe führt. Rainer schreit wie am Spieß, steht auf und läuft den

Strand hinauf, während er nach seiner Mutter ruft.

Adeluţa steht ebenfalls auf. Sie atmet schwer. Um sie herum bauen ein paar

Kinder Sandburgen, während die Eltern in einiger Entfernung miteinander

plaudern. Adeluţa sieht sich nach ihrer Badehaube um. Das Meer hat sie

weggeschwemmt, sie sieht sie auf dem Wasser schwimmen, nicht allzu weit

weg. Adeluţa geht ins Wasser und auf die Badehaube zu. Es ist ja nicht so

schlimm, allein ins Wasser zu gehen, auch wenn die Wellen hoch sind. Sie

spürt den feinen Sand unter ihren Sohlen. Fast hat sie mit den Fingerspitzen

die Badehaube berührt. Das Wasser ist kühl, man gewöhnt sich aber

allmählich daran. Eine Welle trägt die Haube weiter weg. Adeluţa macht noch

einen Schritt. Sie ist sich sicher, dass sie sie jetzt erreichen wird. Aber die

Haube ist doch noch wieder weggetragen worden. Adeluţa geht weiter.