Catrin Dafydd

Das Meer


Mae’n arwain i’r môr, mae’n arwain i’r môr, mae’n arwain i’r môr o hyd …

Es führt zum Meer, es führt zum Meer. Es führt immer zum Meer …

Mim Twm Llai

 

 

Es war der Sommer, bevor sich mein Leben änderte. Der Sommer,

bevor er in meine Welt trat. Ein windiger Sommer, der mich ins

Erwachsensein wehte. Ganz Haut und Haare. Ein paar Jahre nach dem

Jahrtausendwechsel, und wir waren auf dem Weg zu einem anderen Ort.

 

***

 

Anfang des Frühlings in jenem Jahr erzählte sie mir, dass sie immer,

wenn sie ihre Großmutter besuche, Muscheln aus deren Kindheit sehe.

Muscheln vom Strand, wie Juwelen zwischen den grauen und weißen

Steinchen im Garten vorm Haus. Sie lagen auf einem Fleckchen Erde

zwischen dem Zaun und den Fü.en ihrer Großmutter. Die violett

behausschuhten Fü.e ihrer Großmutter und weiße Muscheln.

 

Da lagen die Muscheln nun wie Fremdkörper und erinnerten jeden

Vorübergehenden daran, dass dieses kleine Gärtchen ebenso gut auch

einmal unter Wasser gelegen haben konnte und diesem Schicksal

vielleicht wieder entgegensah.

 

Sie müssen wissen, dass die Großmutter meiner Freundin das Meer

liebte, obwohl sie nicht mehr in dessen Nähe wohnte. Am Ende befand

sie sich so weit vom Meer entfernt, wie es möglich war. Sie lebte am Fuß

eines großen Berges im Herzen von Wales. Wie ich bereits sagte, so

weit weg vom Meer wie möglich. Doch war sie am Meer aufgewachsen,

auf der Landzunge im Südwesten von Wales, wo Himmel und Meer

aufeinandertreffen und sich vereinen. Da, wo die Wellen stets kurz

verharren … bevor sie brechen.

 

Wenn man am Meer aufwächst, dann fließt es einem für immer durch

die Adern. So hat es mir meine Freundin erzählt. Und ja, daher hatte ihre

Großmutter Salz auf der Zunge, sobald sie dem Mutterleib entschlüpft war.

Es war in ihrem Haar. Salzig und rau. Und es rann ihr aus allen Poren.

 

Und eines Abends vor Schichtbeginn erzählte mir meine Freundin diese

Geschichte. Sie sagte, dass ihre Großmutter das Meer an Land bringe.

Dass sie jeden Morgen in ihrer Muttersprache den Muscheln Lieder

vorsinge. Im Schatten des großen Berges. Vom Land umschlossen.

Aber sie singe trotzdem. Und beim Singen erstünden ihre vergangenen

Tage so lebhaft vor ihrem inneren Auge, dass sich jedes Mal in der

Morgendämmerung eine neue Welle auf dem Festland breche.

 

***

 

Sie erzählte mir, dass sie gern billige Ohrringe trage. Meine Freundin.

Sagte, dass sie sich dadurch lebendig fühle. Spontan. Sogar billig.

 

„Durch das Billige fühlt man sich manchmal lebendig“, meinte sie und

warf das Haar zurück, bevor sie es mit einem rosafarbenen Zopfgummi

zusammenband. „Also kommst du nun mit auf diese Spritztour oder nicht?

Wir fahren zum Meer!“

 

Ich antwortete ihr, dass junge Leute so etwas doch als „Trip“ bezeichneten,

und sie lachte so laut, dass ich wohl ihre Mandeln gesehen habe, erst

einmal und dann noch einmal. Zumindest bilde ich mir das ein.

 

„Na los! Du musst dieses Wochenende nicht viel für die

Schwesternausbildung lernen“, hörte ich den Wind meinen Haaren

zuraunen. Und ich sagte mir, dass es eine gute Idee wäre, mich so weit wie

möglich von ihm und seiner Liebe zu entfernen. Also entschloss ich mich

mitzukommen. Ganz Zähne und Lippen. Um das Meer zu sehen.

 

***

 

Sie bat mich, auf dem Rücksitz Platz zu nehmen. Sie sagte, dass sie die

Freiheit genieße, niemanden auf dem Beifahrersitz zu haben. Wir sprachen

darüber, warum sie sich für den Beruf der Krankenschwester entschlossen

habe. Sie sagte, dass sie die Arbeit sehr anstrengend finde und abends

dadurch so benommen sei, dass sie nicht mehr denken müsse. Und das

gefalle ihr. Selbst ihre Lungen seien müde, fuhr sie fort. Und das gefalle ihr

auch.

 

Sie fragte mich nicht, warum ich mich für diese Ausbildung entschieden

habe. Ich hörte nur zu und ließ mich zurück.

 

Vielleicht fühlte es sich deshalb so magisch an. Das Gefühl, vor mir selbst

davonzufahren. Es war meine Wieder-Geburt. Auf dem Rücksitz eines

blaugrünen Ford Focus. Und ich war froh darüber. Froh darüber, ihm und

seinen langen Wimpern zu entfliehen. Ich kann mich immer noch an die

Verzweiflung erinnern, die ich spürte. Angespannt und nervös. Mir war nur

meine Haut geblieben, die mich umfing und mich zusammenhielt.

 

***

 

Ich rekelte mich auf dem Rücksitz und fühlte, wie meine Wirbelsäule

sich an dessen Bezug aufrichtete. Ich genoss die Landpartie mit meiner

Freundin. Dieser Teil von Wales war mir fremd. Ich kannte nur mein Tal.

Meine Leute. Das schien sie zu überraschen. Für mich ist das nichts

Besonderes, spöttelte sie und überprüfte ihren Lippenstift im Rückspiegel.

 

***

 

„Ich komm’ dich besuchen. Bestimmt.“ Ihre Stimme war heiser und ich

konnte die Lüge in ihrem Versprechen hören. Nur unterschwellig, aber

doch hörbar. „Bestimmt. Cardiff. Cardiff ist gar nicht so weit weg von dir …

Wo ich gerade bin? Auf einem Ausflug. Zur Küste. Ja, ich weiß! Schön …

nein, das liegt nicht auf dem Weg … Ach Gott, es tut mir leid.“

 

Und die Stimme am anderen Ende antwortete ihr, sie solle sich keine

Sorgen machen. Wünschte ihr viel Spaß. Aber ich wusste, dass wir auf

einem Parkplatz in der Nähe waren. Nur eine halbe Stunde Fahrt entfernt.

 

Wie es in Cardiff so sei, fuhr ihre Großmutter fort. Heute schienen ja alle

dorthin zu wollen.

„Och, ganz nett, weißt du. Ich meine, ich mag Cardiff. Die Stadt gefällt

mir wirklich. Will mich hier niederlassen. Das heißt, wenn ich einen Mann

finde, Mam-gu …!“, und sie lachten beide. Ihre Großmutter schien das

ebenso gut wie jede andere Frau zu verstehen. Besser vielleicht noch.

Und ich wurde plötzlich unheimlich neidisch auf diese Vielfalt von Wales,

die meine Freundin ihr Eigen nannte. Auf die Menschen, mit denen sie

verkehrte. Darauf, wie sie sehen und atmen konnte. Selbst auf die Art, wie

sie mit ihrer Großmutter sprach. Dieser Neid nagte an mir, und Angst kroch

mir den Rücken hinauf.

 

„Das klang ganz anders, das Walisisch, das du mit deiner Großmutter

gesprochen hast“, sagte ich, hockte barfuß auf dem Rücksitz und

stach einen spitzen weißen Strohhalm durch einen kleinen runden

Plastikverschluss.

 

„Wie hast du das denn gemerkt? Du sprichst doch gar kein Walisisch! Aber

du hast recht. Sie würde mein Walisisch nicht verstehen“, und schwarzer

Johannisbeersaft rann mir eiskalt über die warme Zunge, „sie spricht

richtiges Walisisch.“ Ich trank und starrte vor mich hin.

 

„Lass uns Pommes kaufen“, sagte sie dann, während sie den Schlüssel

ins Zündschloss steckte. Ich murmelte zustimmend.

 

„Von mir aus kannst du bei deiner Großmutter vorbeifahren“, bot ich ihr an,

falls sie auf mich Rücksicht nahm. Besorgt war, dass ich keine Lust auf

einen Besuch hätte.

 

Doch sie verwarf mein Angebot. Und außerdem hätten wir keine Zeit dafür,

meinte sie …

 

***

 

Tief in Carmarthenshire erzählte sie mir, dass wir uns nicht weit vom Ort

ihrer Kindheit befänden. Nicht weit von ihren Leuten. Nicht weit von ihrem

Akzent und nicht weit von dem, was sie kenne. Nicht weit von dem, was

sie gelernt habe, ehe sie überhaupt wusste, was lernen ist. Aber dass ihr

Cardiff gefalle und dass sie in Cardiff sie selbst sein könne. Ganz modern

und neu. Und das sei das Problem heute.

 

„Warum kann man in seiner Heimatstadt nicht man selbst sein?“, fragte

sie, zuckte mit den Schultern und fuhr weiter. Zu diesem Zeitpunkt hatte

sie die Carole-King-CD herausgenommen, und ich war froh darüber. Die

Musik ging mir auf die Nerven. Wir hatten sie rauf und runter gespielt. In

jeder Lebenslage gehört.

 

Ich sah meine Freundin im Rückspiegel an. Silbrig schimmerndes Glas

und sie. Ihr Strahlen. Ich kann mich heute noch daran erinnern, wie schön

sie aussah. Und als ich sie anblickte, versank ich in ihr. Ich existierte

kaum noch. Fast schien es so, als ob es von da an nur noch sie gäbe. Sie

in einem Auto. Auf dem Weg ans Meer. Ihre Haut, ich meine, ihre Haut,

sie brachte mich dazu, loslassen zu wollen. Ihre durchscheinende Haut.

Durch die ich ins Innere sehen konnte.

 

Nach einem Schweigen berichtete sie mir, dass all ihre Freundinnen, die

nicht mit sechzehn schon Kinder hatten, ebenfalls nach Cardiff gezogen

seien. Ich konnte mich nicht daran erinnern, sie überhaupt danach gefragt

zu haben, aber sie schien Schuldgefühle deshalb zu haben. Sie erzählte

mir, dass sie wieder hierher ziehen wolle, falls sie jemals Kinder haben

sollte. Um sie anständig großzuziehen. Sagte, dass sie den Cardiffer

Akzent auch gar nicht möge. Auf dem Rücksitz zog ich die Augenbrauen

hoch, aber sie konnte mich nicht sehen.

 

Und da fing sie an zu weinen.

 

***

 

„Er hat mir den Schädel eingehauen, das Schwein“, sagte sie, während

sie auf der Bettkante in einem Bed & Breakfast saß. „Hat mir eine Kugel

ins Hirn gejagt.“ Nun hatten sich andere schon ähnlich gefühlt, aber bei

ihr hörte es sich besonders brutal und real an. Danach brühte ich uns

einen schwarzen Kaffee. Die kleinen Näpfchen mit der abgepackten Milch

rührte ich nicht an.

 

Aber sie weinte immer noch.

 

Noch heute bin ich mir nicht sicher, ob es für sie eine Rolle spielte, wem

sie das erzählte. Ich hielt ihr den Kaffee hin, aber sie stieß meine Hand

weg. Ich erinnere mich daran, als ob es gestern gewesen wäre. Eine

weiße Tasse. Schwarzer Kaffee, der darin herumschwappte. Flüssigkeit,

die dem Rand sehr nahe kam, aber nie darüber lief.

 

„Und weißt du, was er zu mir sagte? Weißt du, was seiner Meinung nach

mit uns nicht stimmte?“

 

Ich zuckte mit den Schultern, als sie aufsah. Das Gesicht nass. Die

Wimperntusche verschmiert. „Er sagte, ich hätte mich nicht so sehr in ihm

verlieren dürfen. Ich hätte versucht, mich in ihm aufzulösen, das hat er

gesagt. Ist das zu glauben? Was soll das denn bedeuten? Wie kann man

nur so etwas Blödes sagen?“, und wieder zuckte ich mit den Schultern.

 

Und dann hörte sie auf zu weinen. Als ob es ihr nie schlecht gegangen

wäre.

 

„Ich hätte Ärztin werden können. Ich meine, intelligent genug bin ich …

aber ich habe mich immer vor der Verantwortung gedrückt. Verantwortung

– mir wird schon schlecht, wenn ich nur daran denke. Der Gedanke daran

kann einen fertigmachen, nicht? Ist doch so, oder?“

 

„Ich hätte Krankenschwester werden können“, sagte ich da, und sie legte

den Kopf schief, als ob ich etwas Unsinniges gesagt hätte. Natürlich hätte

ich eine werden können, ich war ja gerade dabei.

 

Aber noch heute weiß ich genau, was ich damit meinte, und genau so

wollte ich es auch sagen.

 

Im Rückblick war das wohl der Moment, in dem ich anfing, sie zu hassen.

 

***

 

Es muss also an der Küste bei Tenby gewesen sein, als sie den Anruf

bekam.

 

Aber kurz bevor ihr Telefon in meinem Kopf zu klingeln begann, sagte ich

ihr, dass ich das Meer wunderschön fände.

 

„Das ist nicht das Meer“, meinte sie leichthin, als es nun klingelte. Sie hatte

nicht die Absicht, ans Telefon zu gehen, bevor sie ihren Satz beendet hatte.

„Du musst dich noch ein wenig gedulden, bevor du das richtige Meer

siehst …“

 

Ich sah, wie sie mit ihrer Mutter telefonierte. Sah, wie ihre Nase in der

Sonne glänzte. Wie sich ihr Gesichtsausdruck veränderte. Wie ihre Lippen

bebten. Wie sie die Fingernägel in den Mund steckte. Wie sie darauf

herumkaute. Dieses Mal konnte ich das Gespräch nicht verfolgen. Sie

sagte nicht viel. Ich wandte den Kopf ab. Versuchte, ihr zumindest durch

meine Körpersprache ein wenig Privatsphäre einzuräumen.

 

Nach einer Weile war das Telefonat beendet.

 

„Das war meine Mutter“, sagte sie, nagte an den Lippen und war immer

noch in Gedanken, während sie mit mir redete. „Es geht um meine

Großmutter. Tante Val wird wohl eine Weile bei ihr wohnen müssen.“

 

Sie erklärte mir, dass sich alle Sorgen um ihre Großmutter machten.

Idris, der Nachbar, hatte sie mitten in der Nacht im Garten hinter dem

Haus gesehen. Er hatte die Familie verständigt. Offenbar war sie nur mit

einem Nachthemd bekleidet und hatte eine Angelschnur über dem Rasen

ausgeworfen. Hatte den Haken übers Gras gezogen. Hatte die Schnur

wieder eingeholt.

 

Sie angelte auf dem Trockenen, sagte meine Freundin danach immer

wieder. Angelte auf dem Festland.

 

Und ich konnte nur zuhören.

 

Ich erinnere mich daran, dass wir danach an den Strand gingen. Dass

ich eine Muschel aufhob. Sie mir ans Ohr hielt. Eine kleine Muschel, aber

man konnte sie trotzdem rauschen und die Worte des Meeres raunen

hören. Und ich bin mir sicher, dass ich auch die Großmutter singen hörte.

Walisische Worte. Fremd klingend. Die mir etwas zuflüsterten.

 

***

 

Das Seltsame daran war, dass meine Freundin danach weitermachte, als

ob nichts geschehen wäre. Eine Weile zumindest. Wir fuhren die Küste

von Pembrokeshire entlang, und sie versicherte mir, dass sie nicht aus

dieser Gegend stamme. Dass es zwei Pembrokeshires gäbe. Ja, so hat

sie sich ausgedrückt.

 

Wir hörten ein paar Hits im Radio, versuchten uns zu entspannen und

vermieden tiefgründige Gedanken. Tankten Kraft durch die Fahrt. Ließen

die Geschwindigkeit und die frische Luft auf unseren Gesichtern uns

glauben machen, dass wir in Amerika wären. Weit weg von hier.

 

„Sex“, sagte sie, während das Auto durch die kleinen Dörfer und zum

westlichsten Punkt dieses Fleckchens Erde raste, das man Wales nennt.

„Erzähl mir vom besten Sex, den du je gehabt hast. Na los! Ich will es

hören! Jedes beschissene Detail, Kleines!“, und ich gehorchte, bis meine

Geschichte besser als die Wirklichkeit war. Ich konnte mich nur an das

letzte Mal erinnern. Mit ihm. Und an seine Wimpern an meinen Wangen.

Unsere seltsame Liebe.

 

„Und du“, sagte ich, „du glaubst doch nicht, dass du so einfach

davonkommst! Na los, spuck’s aus. Ich bin ganz Ohr. Ganz Ohr!“, und

sie lachte kreischend. Sie erzählte mir, dass ihr Rollenspiele gefielen.

Es gefalle ihr, sich zu verkleiden und sich auszumalen, wie man es wohl

machte. In London oder anderswo. So waren ihre Worte.

 

Und danach wollte sie, dass ich ihr eine Zigarette anzünde. Ich wusste

nicht, dass sie rauchte. Sie sagte, das tue sie auch nicht, aber sie halte

immer eine Schachtel im Handschuhfach parat. Für Notfälle, Urlaube und

Liebhaber der Marke Loser, die ach so hübsche Gesichter und ach so

kalte Herzen hätten.

 

Also zündete ich ihr eine Kippe an.

Während sie die qualmte, klärte sie mich auf. Ihr sei an diesem

Nachmittag nach einer Kippe gewesen, damit sie sich vorstellen

könne, dass wir Thelma und Louise wären. Nur dass wir nicht etwas so

Aufregendes machten, wie über eine Schlucht zu fahren.

 

Wir seien anders als Thelma und Louise, paffte sie weiter, wir wollten ja

einfach nur ans Meer und dann wieder zurück nach Cardiff. Und ihr würde

das reichen.

 

***

 

Und als wir dort ankamen, verstand ich.

 

Blauwogende Decken. Sonnendiamanten auf den Wellen. Salziges Meer,

das sich vor mir ausbreitete, als ob ich es austrinken könnte. Wie der

Durst, der einen überkommt, wenn man mit jemandem schläft. Wie die

Sehnsucht nach etwas, von dem man nicht einmal weiß, dass man es

verloren hat. Wirklich und unerschrocken. Nass, aber gebändigt. Und

außer uns kein Mensch an diesem windigen kleinen Strand.

 

„Meine Familie gehört hierher“, sagte sie, ganz nebenbei und leichthin,

bevor sie sich lachend zurück in den Sand fallen ließ und die Augen

schloss.

 

Ich saß da, umschlang die Knie und fragte mich, warum meine Mutter

mich nie hierher gebracht hatte. Fragte mich, ob mein Bruder das Meer

je gesehen hatte, bevor er starb. Oder fragte mich zumindest, ob er in

seinem kleinen Köpfchen Erinnerungen an das Meer hatte, bevor er sich

von hier verabschiedete und zu einem anderen Ort aufbrach.

 

Und ich fühlte Sehnsucht, während ich am Strand saß und sah, wie sich

das Wasser bis zum Horizont ausbreitete. Ein Verlangen nach etwas, das

ich nicht erreichen konnte. Ein Bedürfnis nach etwas, das ich vorher nicht

gebraucht hatte. Ich ahnte ja nicht, dass ich damals einen kleinen Jungen

in mir trug.

 

Und da schlief sie ein.

 

Ich sah sie tief atmen. Ich saß da, wachte über sie und zog die kalte Luft

ein, bis sie mir den Hals zuschnürte und auf ewig den Atem zu nehmen

drohte. Ich griff nach der Muschel in meiner Tasche, lauschte und dachte

wieder an die Muscheln im Garten der Großmutter. Weit weg von dem

Ort, an den sie gehörten. Meilenweit weg vom Meer.

 

Meine Freundin regte sich im Schlaf, und nach einer Weile konnte ich

sehen, dass sie träumte. Das erinnerte mich daran, wie ich damals in

Bedwas am Nachmittag des ersten Weihnachtsfeiertages meinen Opa

beobachtet hatte. Wie die Augenlider anfangen, sich zu bewegen, wie

die Lippen sich verräterisch schürzen. Meine Freundin rührte sich, nun

träumte sie nicht mehr. Irgendetwas bedrückte sie.

 

Sie richtete sich kerzengerade im Sand auf. Versuchte, die Gedanken aus

ihrem Kopf zu verscheuchen. Versuchte, den Albtraum wieder dahin zu

jagen, woher er gekommen war.

 

Ich werde nie wissen, was ihr durch den Kopf ging.

 

Ich weiß nur, dass danach nichts mehr so wie vorher war.

 

***

 

Die Rückfahrt verlief seltsam. Wir nahmen eine andere Strecke. Fuhren

tief ins Landesinnere. Sie fragte mich sogar, ob es mir etwas ausmache,

wenn wir bei ihrer Großmutter vorbeiführen. Aber ich durfte nicht mit

reingehen. Ich würde ohnehin nichts verstehen, sagte sie mir. Ich spräche

kein Walisisch, und da ihre Großmutter in letzter Zeit so krank und

verwirrt sei, wäre es besser, wenn ich im Auto wartete und Musik hörte.

 

Doch als sie weg war, stieg ich kurz aus. Nur, um einen Blick auf die

Muscheln im Garten ihrer Großmutter vorm Haus zu erhaschen. Die ich

mir vorgestellt hatte. Und dort lagen sie. Ganz weiß und rein. Inmitten der

Steine. An Land und allein.

 

Und dann waren wir wieder auf der Straße und fuhren zurück nach

Cardiff, nur war meine Freundin dieses Mal still. So still war sie, dass

ich wusste, sie hatte mit sich zu tun und konnte nicht mit mir reden. Am

Schweigen ist meistens nichts auszusetzen. An der Art, wie jemand

vor sich hin murmelt oder atmet, merkt man, dass ihn das Schweigen

erleichtert. Aber es gibt ein bedrücktes Schweigen. Ich weiß nicht, wie

man es spürt, aber man spürt es eben. Und so fühlte sich ihr Schweigen

an.

 

Ich wusste nur, dass die Verbindung zwischen uns abgerissen war. Wir

atmeten nicht mehr länger im Einklang, obwohl wir noch stundenlang

gemeinsam im Auto verbringen würden. Eine Diaspora unserer

Gedanken, doch nichts davon hatte mit mir zu tun.

 

***

 

Als Letztes hörte ich, dass sie einen Arzt aus Plymouth mit einem

hübschen Gesicht und einem Zahnpastalächeln geheiratet habe.

Und dass sie immer noch in Cardiff lebe – ganz modern und neu. Ich

hörte, dass ihr Kleid an ihrem großen Tag perlweiß gewesen sei und

ihre durchscheinende Haut in der Sonne geleuchtet habe. Ich habe

mich immer gefragt, ob ihre Großmutter das wohl noch miterlebt hatte.

Eigentlich hätte es keine Rolle spielen sollen. Nicht für mich. Und doch

war es so. Ich muss immer daran denken, wenn mein Blick auf die kleine

Muschel fällt, die immer noch auf meinem Frisiertisch liegt.

 

Und mein kleiner Junge kam auf die Welt. Zum Verdruss von vielen.

Jedoch nicht zu meinem. Natürlich war meine Freundin da schon lange

kein Teil meines Lebens mehr. Sie weiß bis zum heutigen Tag nicht, dass

wir auf unserer Spritztour ans Meer zu dritt waren. Aber das ist mir egal.

Ich habe begriffen, dass man die Menschen nicht über etwas in Kenntnis

setzen muss, damit es seine Berechtigung hat. Und außerdem habe ich

ihn. Also sind wir jetzt zu zweit. In unserem Haus in Bedwas. Und ich

kann von ihm lernen, von diesem kleinen Jungen.

 

Durch ihn habe ich in letzter Zeit wieder an die Großmutter meiner

Freundin gedacht. An die Muscheln in ihrem Garten und unseren

Abstecher ans Meer. Erst neulich kam er aus der Schule nach Hause

und brachte mir bei, dass „Meer“ auf Walisisch y môr heißt. Er schien

überrascht, dass ich solche einfachen Wörter nicht kenne, weil sie

zu seinem Wortschatz gehören. Und er dachte, sie gehörten auch zu

meinem.

 

Und ich erinnere mich daran, wie ich dachte, dass y môr ein treffendes

Wort ist, um das Meer an jenem Tag zu beschreiben. Es war nicht das

Meer. Das konnte es nicht sein. Was fehlte und was meine Schmerzen,

meine Sehnsucht auslöste, war y môr. Kaum zu glauben, dass ich in mir

einen Jungen trug, der das schon wusste.