Mae’n arwain i’r môr, mae’n arwain i’r môr, mae’n arwain i’r môr o hyd …
Es führt zum Meer, es führt zum Meer. Es führt immer zum Meer …
Mim Twm Llai
Es war der Sommer, bevor sich mein Leben änderte. Der Sommer,
bevor er in meine Welt trat. Ein windiger Sommer, der mich ins
Erwachsensein wehte. Ganz Haut und Haare. Ein paar Jahre nach dem
Jahrtausendwechsel, und wir waren auf dem Weg zu einem anderen Ort.
***
Anfang des Frühlings in jenem Jahr erzählte sie mir, dass sie immer,
wenn sie ihre Großmutter besuche, Muscheln aus deren Kindheit sehe.
Muscheln vom Strand, wie Juwelen zwischen den grauen und weißen
Steinchen im Garten vorm Haus. Sie lagen auf einem Fleckchen Erde
zwischen dem Zaun und den Fü.en ihrer Großmutter. Die violett
behausschuhten Fü.e ihrer Großmutter und weiße Muscheln.
Da lagen die Muscheln nun wie Fremdkörper und erinnerten jeden
Vorübergehenden daran, dass dieses kleine Gärtchen ebenso gut auch
einmal unter Wasser gelegen haben konnte und diesem Schicksal
vielleicht wieder entgegensah.
Sie müssen wissen, dass die Großmutter meiner Freundin das Meer
liebte, obwohl sie nicht mehr in dessen Nähe wohnte. Am Ende befand
sie sich so weit vom Meer entfernt, wie es möglich war. Sie lebte am Fuß
eines großen Berges im Herzen von Wales. Wie ich bereits sagte, so
weit weg vom Meer wie möglich. Doch war sie am Meer aufgewachsen,
auf der Landzunge im Südwesten von Wales, wo Himmel und Meer
aufeinandertreffen und sich vereinen. Da, wo die Wellen stets kurz
verharren … bevor sie brechen.
Wenn man am Meer aufwächst, dann fließt es einem für immer durch
die Adern. So hat es mir meine Freundin erzählt. Und ja, daher hatte ihre
Großmutter Salz auf der Zunge, sobald sie dem Mutterleib entschlüpft war.
Es war in ihrem Haar. Salzig und rau. Und es rann ihr aus allen Poren.
Und eines Abends vor Schichtbeginn erzählte mir meine Freundin diese
Geschichte. Sie sagte, dass ihre Großmutter das Meer an Land bringe.
Dass sie jeden Morgen in ihrer Muttersprache den Muscheln Lieder
vorsinge. Im Schatten des großen Berges. Vom Land umschlossen.
Aber sie singe trotzdem. Und beim Singen erstünden ihre vergangenen
Tage so lebhaft vor ihrem inneren Auge, dass sich jedes Mal in der
Morgendämmerung eine neue Welle auf dem Festland breche.
***
Sie erzählte mir, dass sie gern billige Ohrringe trage. Meine Freundin.
Sagte, dass sie sich dadurch lebendig fühle. Spontan. Sogar billig.
„Durch das Billige fühlt man sich manchmal lebendig“, meinte sie und
warf das Haar zurück, bevor sie es mit einem rosafarbenen Zopfgummi
zusammenband. „Also kommst du nun mit auf diese Spritztour oder nicht?
Wir fahren zum Meer!“
Ich antwortete ihr, dass junge Leute so etwas doch als „Trip“ bezeichneten,
und sie lachte so laut, dass ich wohl ihre Mandeln gesehen habe, erst
einmal und dann noch einmal. Zumindest bilde ich mir das ein.
„Na los! Du musst dieses Wochenende nicht viel für die
Schwesternausbildung lernen“, hörte ich den Wind meinen Haaren
zuraunen. Und ich sagte mir, dass es eine gute Idee wäre, mich so weit wie
möglich von ihm und seiner Liebe zu entfernen. Also entschloss ich mich
mitzukommen. Ganz Zähne und Lippen. Um das Meer zu sehen.
***
Sie bat mich, auf dem Rücksitz Platz zu nehmen. Sie sagte, dass sie die
Freiheit genieße, niemanden auf dem Beifahrersitz zu haben. Wir sprachen
darüber, warum sie sich für den Beruf der Krankenschwester entschlossen
habe. Sie sagte, dass sie die Arbeit sehr anstrengend finde und abends
dadurch so benommen sei, dass sie nicht mehr denken müsse. Und das
gefalle ihr. Selbst ihre Lungen seien müde, fuhr sie fort. Und das gefalle ihr
auch.
Sie fragte mich nicht, warum ich mich für diese Ausbildung entschieden
habe. Ich hörte nur zu und ließ mich zurück.
Vielleicht fühlte es sich deshalb so magisch an. Das Gefühl, vor mir selbst
davonzufahren. Es war meine Wieder-Geburt. Auf dem Rücksitz eines
blaugrünen Ford Focus. Und ich war froh darüber. Froh darüber, ihm und
seinen langen Wimpern zu entfliehen. Ich kann mich immer noch an die
Verzweiflung erinnern, die ich spürte. Angespannt und nervös. Mir war nur
meine Haut geblieben, die mich umfing und mich zusammenhielt.
***
Ich rekelte mich auf dem Rücksitz und fühlte, wie meine Wirbelsäule
sich an dessen Bezug aufrichtete. Ich genoss die Landpartie mit meiner
Freundin. Dieser Teil von Wales war mir fremd. Ich kannte nur mein Tal.
Meine Leute. Das schien sie zu überraschen. Für mich ist das nichts
Besonderes, spöttelte sie und überprüfte ihren Lippenstift im Rückspiegel.
***
„Ich komm’ dich besuchen. Bestimmt.“ Ihre Stimme war heiser und ich
konnte die Lüge in ihrem Versprechen hören. Nur unterschwellig, aber
doch hörbar. „Bestimmt. Cardiff. Cardiff ist gar nicht so weit weg von dir …
Wo ich gerade bin? Auf einem Ausflug. Zur Küste. Ja, ich weiß! Schön …
nein, das liegt nicht auf dem Weg … Ach Gott, es tut mir leid.“
Und die Stimme am anderen Ende antwortete ihr, sie solle sich keine
Sorgen machen. Wünschte ihr viel Spaß. Aber ich wusste, dass wir auf
einem Parkplatz in der Nähe waren. Nur eine halbe Stunde Fahrt entfernt.
Wie es in Cardiff so sei, fuhr ihre Großmutter fort. Heute schienen ja alle
dorthin zu wollen.
„Och, ganz nett, weißt du. Ich meine, ich mag Cardiff. Die Stadt gefällt
mir wirklich. Will mich hier niederlassen. Das heißt, wenn ich einen Mann
finde, Mam-gu …!“, und sie lachten beide. Ihre Großmutter schien das
ebenso gut wie jede andere Frau zu verstehen. Besser vielleicht noch.
Und ich wurde plötzlich unheimlich neidisch auf diese Vielfalt von Wales,
die meine Freundin ihr Eigen nannte. Auf die Menschen, mit denen sie
verkehrte. Darauf, wie sie sehen und atmen konnte. Selbst auf die Art, wie
sie mit ihrer Großmutter sprach. Dieser Neid nagte an mir, und Angst kroch
mir den Rücken hinauf.
„Das klang ganz anders, das Walisisch, das du mit deiner Großmutter
gesprochen hast“, sagte ich, hockte barfuß auf dem Rücksitz und
stach einen spitzen weißen Strohhalm durch einen kleinen runden
Plastikverschluss.
„Wie hast du das denn gemerkt? Du sprichst doch gar kein Walisisch! Aber
du hast recht. Sie würde mein Walisisch nicht verstehen“, und schwarzer
Johannisbeersaft rann mir eiskalt über die warme Zunge, „sie spricht
richtiges Walisisch.“ Ich trank und starrte vor mich hin.
„Lass uns Pommes kaufen“, sagte sie dann, während sie den Schlüssel
ins Zündschloss steckte. Ich murmelte zustimmend.
„Von mir aus kannst du bei deiner Großmutter vorbeifahren“, bot ich ihr an,
falls sie auf mich Rücksicht nahm. Besorgt war, dass ich keine Lust auf
einen Besuch hätte.
Doch sie verwarf mein Angebot. Und außerdem hätten wir keine Zeit dafür,
meinte sie …
***
Tief in Carmarthenshire erzählte sie mir, dass wir uns nicht weit vom Ort
ihrer Kindheit befänden. Nicht weit von ihren Leuten. Nicht weit von ihrem
Akzent und nicht weit von dem, was sie kenne. Nicht weit von dem, was
sie gelernt habe, ehe sie überhaupt wusste, was lernen ist. Aber dass ihr
Cardiff gefalle und dass sie in Cardiff sie selbst sein könne. Ganz modern
und neu. Und das sei das Problem heute.
„Warum kann man in seiner Heimatstadt nicht man selbst sein?“, fragte
sie, zuckte mit den Schultern und fuhr weiter. Zu diesem Zeitpunkt hatte
sie die Carole-King-CD herausgenommen, und ich war froh darüber. Die
Musik ging mir auf die Nerven. Wir hatten sie rauf und runter gespielt. In
jeder Lebenslage gehört.
Ich sah meine Freundin im Rückspiegel an. Silbrig schimmerndes Glas
und sie. Ihr Strahlen. Ich kann mich heute noch daran erinnern, wie schön
sie aussah. Und als ich sie anblickte, versank ich in ihr. Ich existierte
kaum noch. Fast schien es so, als ob es von da an nur noch sie gäbe. Sie
in einem Auto. Auf dem Weg ans Meer. Ihre Haut, ich meine, ihre Haut,
sie brachte mich dazu, loslassen zu wollen. Ihre durchscheinende Haut.
Durch die ich ins Innere sehen konnte.
Nach einem Schweigen berichtete sie mir, dass all ihre Freundinnen, die
nicht mit sechzehn schon Kinder hatten, ebenfalls nach Cardiff gezogen
seien. Ich konnte mich nicht daran erinnern, sie überhaupt danach gefragt
zu haben, aber sie schien Schuldgefühle deshalb zu haben. Sie erzählte
mir, dass sie wieder hierher ziehen wolle, falls sie jemals Kinder haben
sollte. Um sie anständig großzuziehen. Sagte, dass sie den Cardiffer
Akzent auch gar nicht möge. Auf dem Rücksitz zog ich die Augenbrauen
hoch, aber sie konnte mich nicht sehen.
Und da fing sie an zu weinen.
***
„Er hat mir den Schädel eingehauen, das Schwein“, sagte sie, während
sie auf der Bettkante in einem Bed & Breakfast saß. „Hat mir eine Kugel
ins Hirn gejagt.“ Nun hatten sich andere schon ähnlich gefühlt, aber bei
ihr hörte es sich besonders brutal und real an. Danach brühte ich uns
einen schwarzen Kaffee. Die kleinen Näpfchen mit der abgepackten Milch
rührte ich nicht an.
Aber sie weinte immer noch.
Noch heute bin ich mir nicht sicher, ob es für sie eine Rolle spielte, wem
sie das erzählte. Ich hielt ihr den Kaffee hin, aber sie stieß meine Hand
weg. Ich erinnere mich daran, als ob es gestern gewesen wäre. Eine
weiße Tasse. Schwarzer Kaffee, der darin herumschwappte. Flüssigkeit,
die dem Rand sehr nahe kam, aber nie darüber lief.
„Und weißt du, was er zu mir sagte? Weißt du, was seiner Meinung nach
mit uns nicht stimmte?“
Ich zuckte mit den Schultern, als sie aufsah. Das Gesicht nass. Die
Wimperntusche verschmiert. „Er sagte, ich hätte mich nicht so sehr in ihm
verlieren dürfen. Ich hätte versucht, mich in ihm aufzulösen, das hat er
gesagt. Ist das zu glauben? Was soll das denn bedeuten? Wie kann man
nur so etwas Blödes sagen?“, und wieder zuckte ich mit den Schultern.
Und dann hörte sie auf zu weinen. Als ob es ihr nie schlecht gegangen
wäre.
„Ich hätte Ärztin werden können. Ich meine, intelligent genug bin ich …
aber ich habe mich immer vor der Verantwortung gedrückt. Verantwortung
– mir wird schon schlecht, wenn ich nur daran denke. Der Gedanke daran
kann einen fertigmachen, nicht? Ist doch so, oder?“
„Ich hätte Krankenschwester werden können“, sagte ich da, und sie legte
den Kopf schief, als ob ich etwas Unsinniges gesagt hätte. Natürlich hätte
ich eine werden können, ich war ja gerade dabei.
Aber noch heute weiß ich genau, was ich damit meinte, und genau so
wollte ich es auch sagen.
Im Rückblick war das wohl der Moment, in dem ich anfing, sie zu hassen.
***
Es muss also an der Küste bei Tenby gewesen sein, als sie den Anruf
bekam.
Aber kurz bevor ihr Telefon in meinem Kopf zu klingeln begann, sagte ich
ihr, dass ich das Meer wunderschön fände.
„Das ist nicht das Meer“, meinte sie leichthin, als es nun klingelte. Sie hatte
nicht die Absicht, ans Telefon zu gehen, bevor sie ihren Satz beendet hatte.
„Du musst dich noch ein wenig gedulden, bevor du das richtige Meer
siehst …“
Ich sah, wie sie mit ihrer Mutter telefonierte. Sah, wie ihre Nase in der
Sonne glänzte. Wie sich ihr Gesichtsausdruck veränderte. Wie ihre Lippen
bebten. Wie sie die Fingernägel in den Mund steckte. Wie sie darauf
herumkaute. Dieses Mal konnte ich das Gespräch nicht verfolgen. Sie
sagte nicht viel. Ich wandte den Kopf ab. Versuchte, ihr zumindest durch
meine Körpersprache ein wenig Privatsphäre einzuräumen.
Nach einer Weile war das Telefonat beendet.
„Das war meine Mutter“, sagte sie, nagte an den Lippen und war immer
noch in Gedanken, während sie mit mir redete. „Es geht um meine
Großmutter. Tante Val wird wohl eine Weile bei ihr wohnen müssen.“
Sie erklärte mir, dass sich alle Sorgen um ihre Großmutter machten.
Idris, der Nachbar, hatte sie mitten in der Nacht im Garten hinter dem
Haus gesehen. Er hatte die Familie verständigt. Offenbar war sie nur mit
einem Nachthemd bekleidet und hatte eine Angelschnur über dem Rasen
ausgeworfen. Hatte den Haken übers Gras gezogen. Hatte die Schnur
wieder eingeholt.
Sie angelte auf dem Trockenen, sagte meine Freundin danach immer
wieder. Angelte auf dem Festland.
Und ich konnte nur zuhören.
Ich erinnere mich daran, dass wir danach an den Strand gingen. Dass
ich eine Muschel aufhob. Sie mir ans Ohr hielt. Eine kleine Muschel, aber
man konnte sie trotzdem rauschen und die Worte des Meeres raunen
hören. Und ich bin mir sicher, dass ich auch die Großmutter singen hörte.
Walisische Worte. Fremd klingend. Die mir etwas zuflüsterten.
***
Das Seltsame daran war, dass meine Freundin danach weitermachte, als
ob nichts geschehen wäre. Eine Weile zumindest. Wir fuhren die Küste
von Pembrokeshire entlang, und sie versicherte mir, dass sie nicht aus
dieser Gegend stamme. Dass es zwei Pembrokeshires gäbe. Ja, so hat
sie sich ausgedrückt.
Wir hörten ein paar Hits im Radio, versuchten uns zu entspannen und
vermieden tiefgründige Gedanken. Tankten Kraft durch die Fahrt. Ließen
die Geschwindigkeit und die frische Luft auf unseren Gesichtern uns
glauben machen, dass wir in Amerika wären. Weit weg von hier.
„Sex“, sagte sie, während das Auto durch die kleinen Dörfer und zum
westlichsten Punkt dieses Fleckchens Erde raste, das man Wales nennt.
„Erzähl mir vom besten Sex, den du je gehabt hast. Na los! Ich will es
hören! Jedes beschissene Detail, Kleines!“, und ich gehorchte, bis meine
Geschichte besser als die Wirklichkeit war. Ich konnte mich nur an das
letzte Mal erinnern. Mit ihm. Und an seine Wimpern an meinen Wangen.
Unsere seltsame Liebe.
„Und du“, sagte ich, „du glaubst doch nicht, dass du so einfach
davonkommst! Na los, spuck’s aus. Ich bin ganz Ohr. Ganz Ohr!“, und
sie lachte kreischend. Sie erzählte mir, dass ihr Rollenspiele gefielen.
Es gefalle ihr, sich zu verkleiden und sich auszumalen, wie man es wohl
machte. In London oder anderswo. So waren ihre Worte.
Und danach wollte sie, dass ich ihr eine Zigarette anzünde. Ich wusste
nicht, dass sie rauchte. Sie sagte, das tue sie auch nicht, aber sie halte
immer eine Schachtel im Handschuhfach parat. Für Notfälle, Urlaube und
Liebhaber der Marke Loser, die ach so hübsche Gesichter und ach so
kalte Herzen hätten.
Also zündete ich ihr eine Kippe an.
Während sie die qualmte, klärte sie mich auf. Ihr sei an diesem
Nachmittag nach einer Kippe gewesen, damit sie sich vorstellen
könne, dass wir Thelma und Louise wären. Nur dass wir nicht etwas so
Aufregendes machten, wie über eine Schlucht zu fahren.
Wir seien anders als Thelma und Louise, paffte sie weiter, wir wollten ja
einfach nur ans Meer und dann wieder zurück nach Cardiff. Und ihr würde
das reichen.
***
Und als wir dort ankamen, verstand ich.
Blauwogende Decken. Sonnendiamanten auf den Wellen. Salziges Meer,
das sich vor mir ausbreitete, als ob ich es austrinken könnte. Wie der
Durst, der einen überkommt, wenn man mit jemandem schläft. Wie die
Sehnsucht nach etwas, von dem man nicht einmal weiß, dass man es
verloren hat. Wirklich und unerschrocken. Nass, aber gebändigt. Und
außer uns kein Mensch an diesem windigen kleinen Strand.
„Meine Familie gehört hierher“, sagte sie, ganz nebenbei und leichthin,
bevor sie sich lachend zurück in den Sand fallen ließ und die Augen
schloss.
Ich saß da, umschlang die Knie und fragte mich, warum meine Mutter
mich nie hierher gebracht hatte. Fragte mich, ob mein Bruder das Meer
je gesehen hatte, bevor er starb. Oder fragte mich zumindest, ob er in
seinem kleinen Köpfchen Erinnerungen an das Meer hatte, bevor er sich
von hier verabschiedete und zu einem anderen Ort aufbrach.
Und ich fühlte Sehnsucht, während ich am Strand saß und sah, wie sich
das Wasser bis zum Horizont ausbreitete. Ein Verlangen nach etwas, das
ich nicht erreichen konnte. Ein Bedürfnis nach etwas, das ich vorher nicht
gebraucht hatte. Ich ahnte ja nicht, dass ich damals einen kleinen Jungen
in mir trug.
Und da schlief sie ein.
Ich sah sie tief atmen. Ich saß da, wachte über sie und zog die kalte Luft
ein, bis sie mir den Hals zuschnürte und auf ewig den Atem zu nehmen
drohte. Ich griff nach der Muschel in meiner Tasche, lauschte und dachte
wieder an die Muscheln im Garten der Großmutter. Weit weg von dem
Ort, an den sie gehörten. Meilenweit weg vom Meer.
Meine Freundin regte sich im Schlaf, und nach einer Weile konnte ich
sehen, dass sie träumte. Das erinnerte mich daran, wie ich damals in
Bedwas am Nachmittag des ersten Weihnachtsfeiertages meinen Opa
beobachtet hatte. Wie die Augenlider anfangen, sich zu bewegen, wie
die Lippen sich verräterisch schürzen. Meine Freundin rührte sich, nun
träumte sie nicht mehr. Irgendetwas bedrückte sie.
Sie richtete sich kerzengerade im Sand auf. Versuchte, die Gedanken aus
ihrem Kopf zu verscheuchen. Versuchte, den Albtraum wieder dahin zu
jagen, woher er gekommen war.
Ich werde nie wissen, was ihr durch den Kopf ging.
Ich weiß nur, dass danach nichts mehr so wie vorher war.
***
Die Rückfahrt verlief seltsam. Wir nahmen eine andere Strecke. Fuhren
tief ins Landesinnere. Sie fragte mich sogar, ob es mir etwas ausmache,
wenn wir bei ihrer Großmutter vorbeiführen. Aber ich durfte nicht mit
reingehen. Ich würde ohnehin nichts verstehen, sagte sie mir. Ich spräche
kein Walisisch, und da ihre Großmutter in letzter Zeit so krank und
verwirrt sei, wäre es besser, wenn ich im Auto wartete und Musik hörte.
Doch als sie weg war, stieg ich kurz aus. Nur, um einen Blick auf die
Muscheln im Garten ihrer Großmutter vorm Haus zu erhaschen. Die ich
mir vorgestellt hatte. Und dort lagen sie. Ganz weiß und rein. Inmitten der
Steine. An Land und allein.
Und dann waren wir wieder auf der Straße und fuhren zurück nach
Cardiff, nur war meine Freundin dieses Mal still. So still war sie, dass
ich wusste, sie hatte mit sich zu tun und konnte nicht mit mir reden. Am
Schweigen ist meistens nichts auszusetzen. An der Art, wie jemand
vor sich hin murmelt oder atmet, merkt man, dass ihn das Schweigen
erleichtert. Aber es gibt ein bedrücktes Schweigen. Ich weiß nicht, wie
man es spürt, aber man spürt es eben. Und so fühlte sich ihr Schweigen
an.
Ich wusste nur, dass die Verbindung zwischen uns abgerissen war. Wir
atmeten nicht mehr länger im Einklang, obwohl wir noch stundenlang
gemeinsam im Auto verbringen würden. Eine Diaspora unserer
Gedanken, doch nichts davon hatte mit mir zu tun.
***
Als Letztes hörte ich, dass sie einen Arzt aus Plymouth mit einem
hübschen Gesicht und einem Zahnpastalächeln geheiratet habe.
Und dass sie immer noch in Cardiff lebe – ganz modern und neu. Ich
hörte, dass ihr Kleid an ihrem großen Tag perlweiß gewesen sei und
ihre durchscheinende Haut in der Sonne geleuchtet habe. Ich habe
mich immer gefragt, ob ihre Großmutter das wohl noch miterlebt hatte.
Eigentlich hätte es keine Rolle spielen sollen. Nicht für mich. Und doch
war es so. Ich muss immer daran denken, wenn mein Blick auf die kleine
Muschel fällt, die immer noch auf meinem Frisiertisch liegt.
Und mein kleiner Junge kam auf die Welt. Zum Verdruss von vielen.
Jedoch nicht zu meinem. Natürlich war meine Freundin da schon lange
kein Teil meines Lebens mehr. Sie weiß bis zum heutigen Tag nicht, dass
wir auf unserer Spritztour ans Meer zu dritt waren. Aber das ist mir egal.
Ich habe begriffen, dass man die Menschen nicht über etwas in Kenntnis
setzen muss, damit es seine Berechtigung hat. Und außerdem habe ich
ihn. Also sind wir jetzt zu zweit. In unserem Haus in Bedwas. Und ich
kann von ihm lernen, von diesem kleinen Jungen.
Durch ihn habe ich in letzter Zeit wieder an die Großmutter meiner
Freundin gedacht. An die Muscheln in ihrem Garten und unseren
Abstecher ans Meer. Erst neulich kam er aus der Schule nach Hause
und brachte mir bei, dass „Meer“ auf Walisisch y môr heißt. Er schien
überrascht, dass ich solche einfachen Wörter nicht kenne, weil sie
zu seinem Wortschatz gehören. Und er dachte, sie gehörten auch zu
meinem.
Und ich erinnere mich daran, wie ich dachte, dass y môr ein treffendes
Wort ist, um das Meer an jenem Tag zu beschreiben. Es war nicht das
Meer. Das konnte es nicht sein. Was fehlte und was meine Schmerzen,
meine Sehnsucht auslöste, war y môr. Kaum zu glauben, dass ich in mir
einen Jungen trug, der das schon wusste.