Seray Şahiner

Das Basilikum


Sibel kam aus dem Badezimmer und ging, sich mit einem Handtuch die

Haare abtrocknend, in die Küche. Dort schaltete sie das Licht ein und

sah auf die Uhr ihres Handys: Es war fast sechs. Sie wickelte sich das

Handtuch um den Kopf und machte es fest. Ich hätte mich doch besser

beim Friseur fönen lassen sollen. Aber es bringt nichts, mich damit zu

quälen, dass ich mir so viele Gedanken über meine Vorbereitungen mache,

wo er doch vielleicht gar nicht kommt und ich sowieso schon darunter

leide, versetzt worden zu sein. Sie zog die Vorhänge zu. Die Sonne war

zwar noch nicht untergegangen, aber durch die Scheiben blickte man

direkt auf die Mauer des angrenzenden Mietshauses. Was ich auch

mache, es ist und bleibt duster. Es kommt einfach kein Licht herein. Der

Auberginengeruch aus dem Ofen erinnerte sie daran, dass das Essen bald

fertig sein würde. Sie füllte Leitungswasser in ein Glas und goss damit

behutsam das Basilikum, das in einer Ecke des Fensters stand und mit

seinen welken Blättern davon kündete, dass sein Leben sich dem Ende

neigte. Sie streichelte es, führte die Hand zur Nase und roch an ihr. Wieder

ein verwelktes Basilikum; nie hält es eins in meiner Wohnung aus. Das

wievielte ist das jetzt schon?! Selbst wenn ich es nicht dauernd gießen und

immer ans Fenster stellen würde – es würde verwelken und seine winzigen

Blätter abwerfen. Dabei hat es doch neulich auf einmal noch so schön

geblüht. Wie um ein letztes Mal zu sagen: „Schau, hier bin ich.“ Es schadet

dem Basilikum, wenn es so plötzlich blüht …

Der Küchenwecker klingelte. Ah, die Auberginen sind auch schon fertig.

Wie Murat sie mag. Als sie die Backofentür öffnete, blieb ihre Hand

am heißen Griff kleben. Sie spuckte sich auf die Finger, hielt sie unter

Wasser und besah sich dann die Haut an ihren Fingerkuppen, die ganz

glatt geworden war. Sie machte sich nichts daraus. Es würde nicht lange

wehtun. Mit einem Topflappen nahm sie das Backblech aus dem Ofen. Der

Schmerz in ihrer Hand ließ sie das Blech hastig auf die Ablage werfen.

Sie ging ins Wohnzimmer und rückte ein paar Bücher im Regal zurecht.

Dann stellte sie die CDs nebeneinander, die sie heute Abend hören

wollten. Die Zeit, die sie zusammen verbringen würden, war ohnehin

begrenzt. Sie mochte sie nicht auch noch mit Grübeleien darüber

verschwenden, was sie denn wohl hören oder essen sollten. Ihr Leben

war wie die abgewandelte, auf die Liebe bezogene Form des Satzes,

mit dem arbeitende Mütter ihr Gewissen beruhigen: „Es ist nicht wichtig,

wieviel Zeit man mit seinem Kind verbringt, sondern dass man diese

Zeit qualitätvoll gestaltet.“ Allerdings mit dem Unterschied, dass für die

Qualität nicht derjenige zu sorgen hatte, dessen Zeit so knapp bemessen

war, sondern sie selbst. Ich bin ja schon zufrieden, wenn er überhaupt

kommt. O Herr, prüfe mich nicht durch eine Enttäuschung! Ob sie einmal

anrufen und fragen sollte: „Wann kommst du?“ Er hat doch gesagt, dass

er kommt; was bringt es da, sich selbst fertigzumachen und zu einem

Dienstmädchen zu degradieren? Schließlich zwingt ihn ja niemand, zu

kommen. Er kommt, weil er sich bei mir wohlfühlt. Oder sollte ich „auch

bei mir“ sagen?

Sie stellte die Vorspeisen, die sie bereits gestern zubereitet hatte – wenn

man sie einen Tag vorher macht, geben sie das Olivenöl richtig ab – auf

den Tisch. Pilaki, Dolma, Russischer Salat … Außerdem Geschirr und

Besteck für zwei Personen. Ich darf mich nicht gegenüber vom Spiegel

hinsetzen, sonst bleibe ich mit den Augen daran hängen. Selbst wenn

ich diese Person im Spiegel binich will einfach keine zwei Frauen mehr

an Murats Seite sehen. Sie trat einen Schritt zurück und betrachtete den

Tisch. Gut sah es aus. Soll ich Kerzen hinstellen? Ha! Lass doch gleich

noch einen Kamin einbauen, breite ein Bärenfell davor aus und mach

Liebe darauf. Ach, wie romantisch! Halten wir nicht immer das, was wir

in Filmen sehen, für das wahre Leben? Vielleicht sollte ich das Haus

noch auf einen Berggipfel tragen? Die junge Frau mit ihrem knackigen

Körper liegt halberfroren im Schnee, der Mann findet sie, trägt sie in seine

Berghütte, legt sie auf das Bärenfell vor dem Kamin, zieht ihr die Hose

aus und beginnt mit einer Massage, um den Blutkreislauf anzuregen. Als

die Frau die Hände des Mannes an ihren Hüften spürt, wacht sie auf und

denkt voller Entsetzen: „O je, gleich bemerkt er meine Orangenhaut!“

Sie vergißt auch nicht, sich den Vorwurf zu machen: „Ach, hätte ich doch

die Cellulitecrème benutzt, die ich in der Werbung gesehen habe.“ Als

sie ihre Augen öffnet, erblickt sie den Mann ihrer Träume. Sie trinken

Wein und lieben sich. Ringsum herrscht Halbdunkel. Kerzenlicht sorgt

für Atmosphäre. Bis die Sonne aufgehen würde und die Orangenhaut im

grellen Licht zum Vorschein käme, wäre alles kein Problem … Tja, die

Romantik in Filmen nicht mögen, aber die Männer darin haben wollen. Ist

ja klar, dass dann in deinem Leben was schiefläuft.

Inzwischen war es sieben. Sie rief Murat an. Keiner nahm ab. Bestimmt

ist er unterwegs und hat es nicht gehört. Und wenn er nicht kommt …

Schluss damit! Ich mache mir keine negativen Gedanken. Er hat gesagt,

dass er kommt, also kommt er auch. Aber wenn er jetzt anruft und sagt:

„Ich bin mit meiner Freundin verabredet. Hatte ich vergessen. Ich gehe

zu ihr …“ Wenn er das sagt, dann mache ich den beiden die Hölle heiß.

Nichts machst du heiß! Und fleh ihn bloß nicht an: „Versetze sie, nicht

mich!“ Wo ist dein Stolz?

Gleich kreuzt er auf, und ich sitze hier immer noch im Pyjama. Sie zog

ihre bordeauxrote Bluse an. Soll ich eine Hose anziehen oder einen

Rock? Aber wenn er dann nicht kommt, geht das Jammern los, weil

ich mich ganz umsonst schick gemacht habe. Sie trat vor den Spiegel.

An ihren Augenwinkeln hatte ein Krähenschwarm seine Fußspuren

hinterlassen.

Überall in ihrer Wohnung gab es Spiegel. Nicht, weil sie eitel gewesen

wäre; sie war einfach eine von den Frauen, die mit sich selbst reden.

Sogar im größten „Kastamonu-Piderestaurant“ der Stadt gab es

womöglich nicht so viele Spiegel wie in Sibels Wohnung. Sie verteilte

die Grundierung auf ihrem Gesicht, wobei sie darauf achtete, sie nicht

wie frisch gegossenen Asphalt wirken zu lassen. Heben wir heute die

Augen hervor oder die Lippen? Es gefiel ihr – sowohl bei ihrem Körper als

auch ihrem Gesicht – die Aufmerksamkeit auf einen einzigen Punkt zu

fokussieren. Das war einer der wenigen Bereiche in ihrem Leben, wo sie

sparsam sein konnte. Heute lag der Fokus auf ihren Brüsten. Schön und

gut, aber ihm das Dekolleté zu zeigen, um seine Neugierde auf den Rest

zu wecken, das hat ja den Reiz des Geheimnisvollen längst verloren …

Sie trug Kajal auf und tuschte sich die Wimpern. Dann strich sie Lipgloss

auf ihre Lippen. Sie schaute in den Spiegel und sah, dass die fünf Jahre

Zeichenunterricht nicht umsonst gewesen waren.

Ich heiße Sibel. Ich habe lange genug gelebt, um zu wissen, dass Sex in

Wirklichkeit bei weitem nicht so glamourös ist wie im Film, dass ich nicht

mit einem gutaussehenden Kerl rumknutschen werde, nur weil ich einen

Pfefferminzkaugummi gekaut habe, dass mir kein Wildfremder Blumen

schenken wird, nachdem ich Axe benutzt habe, und dass ich mich nicht

in eine langbeinige Beachvolleyballspielerin in weißem Bikini verwandeln

werde, weil ich so hochwertige Binden trage. Als Werbemacherin muss

ich Ihnen nicht erklären, was es heißt, all das zu wissen. Vor zehn

Jahren wurde mir noch hinterhergepfiffen. Vor fünf Jahren hat man

immerhin noch „junge Frau“ gesagt. Jetzt haben sie ihre ganz eigene

Art, mir Komplimente zu machen, indem sie sagen: „Wow! Man sieht

dir dein Alter echt nicht an.“ Ich bin dreißig. Zahl der Stifte, die unter der

Brust hängenbleiben: einer. Zahl der gekauften Korsetts, um die Hüften

zusammenzuhalten: fünf. Zahl der Push-up-BHs: unbekannt.

Sie führte beide Hände über dem Tisch zusammen und unterstützte

ihre Brüste mit den Armen, um ihr Dekolleté zu überprüfen. Es war

angemessen. Fast schon acht Uhr. Sie rief wieder an. Ohne Erfolg.

Du Schwein, man sagt doch Bescheid, wenn man sich verspätet.

Wahrscheinlich steckt er im Verkehr fest und ist gleich hier. Und wenn er

anruft und sagt, dass er nicht kommen kann? Ach was! Ihm ist bestimmt

was zugestoßen, deswegen ist er zu spät. Was sage ich denn da?! Gott

bewahre. Das Mitteilungssignal ihres Handys ließ sie aufschrecken. Wo

ist denn jetzt das Telefon? Sie sah auf dem Sessel und unter den Kissen

nach. Nicht da. Ah, da vor dem Fenster ist es ja. Murat steht sicher unten

vor dem Haus und fragt, ob wir Brot brauchen. Während sie sich auf

den Weg zur Tür machte, um ihm aufzudrücken, las sie die Nachricht:

„Ihrem Account wurden 20 Einheiten gutgeschrieben.“ Verdammte

Telefongesellschaft! Die werde ich auf emotionalen Schadenersatz

verklagen. Gibt es im türkischen Strafrecht nicht den Straftatbestand der

„falschen Hoffnungmachung von Frauen in Erwartung eines Anrufs“?

Wenn wir doch nur in der Serie „Ally McBeal“ leben würden … Und ich

hoffe noch, dass er vielleicht fragt, ob er Brot holen soll. Bin ich doof. Ist

das hier sein Zuhause, dass er Brot mitbringen würde?

Sie ging ins Wohnzimmer und legte die Kissen an ihren Platz. Dass er

nicht anruft, ist ein gutes Zeichen. Wenn er nicht käme, dann würde er

anrufen, um mir irgendeine Ausrede aufzutischen. Sie betrachtete die

Eiswürfel auf dem Tisch, die dem Schmelzen nahe waren. Er wird da

sein, bevor das Eis geschmolzen ist, das weiß ich. Vielleicht streitet

er sich auch gerade mit ihr. Sie könnte mitbekommen haben, dass es

mich gibt; schließlich habe ich mir ja mal bei ihm zu Hause mit ihrem

Kamm die Haare gekämmt. Na ja, da sind halt wahrscheinlich ein paar

hängengeblieben. Ich habe das ja nicht absichtlich gemacht, damit sie

sich trennen. Aber irgendwelche Konsequenzen wird es wohl haben,

wenn man von Barış Manços Liedern das mit den Manschettenknöpfen

am liebsten hat, die nur nachts nebeneinander liegen dürfen, oder

nicht?! Den Kamm zu benutzen kam mir ein bisschen komisch vor, aber

schließlich teilen wir uns ja auch einen Mann. Okay, ich habe auch meine

Zahnbürste im Becher vergessen! Das Mädchen ist brünett, im Kamm

hingen Haare von ihr. Sie ist garantiert so eine typische Tutorin, ein

gutes Mädchen, da bin ich mir sicher. Von guten Mädchen kommen die

Männer einfach nicht los. Klar, denn ich bin ja schlecht! Oder auch nicht,

aber die Männer mögen einfach keine Frauen, die bereit sind, sich auf

heikle Situationen einzulassen. Allerdings hat er gar nicht erst versucht,

irgend etwas zu verstecken. Männer, die Frauen etwas vormachen,

indem sie ihre Freundinnen verheimlichen, sind nämlich aus der Mode.

Neuerdings sagen sie es ganz am Anfang und entziehen sich damit

jeglicher Verantwortung. So nach dem Motto: „Wenn’s dir passt“. Um

manche Dinge zu begreifen, muss man keine Semiotikerin sein. „Ich

will mir vielleicht den Bart abrasieren, was meinst du, Sibel?“ „Ich finde

ihn schön, wie er ist.“ „Das sagt meine Freundin auch.“ Leider habe ich

genügend Erfahrung darin, die Zweitfrau zu sein, um zu wissen, was es

heißt, wenn er urplötzlich von seiner Freundin anfängt, und dass er sich

nicht meinetwegen von heute auf morgen von ihr trennen wird.

Sie ging in die Küche, um ihre Zigaretten zu holen. Im Vorübergehen

streichelte sie das Basilikum und roch an ihrer Hand. Meiner Meinung

nach hat das Basilikum ein schweres Los. Das liegt daran, dass es

einen so leicht an sich heranlässt. Man gewinnt es sofort lieb, und wenn

man es streichelt, riechen einem gleich die Hände danach. Aber man

kommt so leicht an es heran, dass niemand das Bedürfnis hat, zu ihm

zurückzukehren und es noch mal zu streicheln. Und nach fünf Minuten

ist der Geruch an den Händen wieder verflogen. Niemand schickt

seiner Freundin Basilikum, statt dessen sendet man eine Rose mit

stechenden Dornen oder einen Blumenstrauß. Zu Hochzeiten und sogar

Beerdigungen werden pompöse Kränze verschickt. Das Basilikum kennt

sein Schicksal; es weiß, dass es beim ersten Streicheln seinen Zauber

verlieren wird. Dennoch versucht es entschlossen sein Glück, öffnet

seine winzigen Blüten, sobald es die Sonne erblickt, stellt alles, was es

hat, zugleich zur Schau und steht infolgedessen bald nackt da. Jetzt hat

es nicht mehr allzuviel zu präsentieren. Es verwelkt. Trotzdem ziert es

sich nicht und lässt sich streicheln, wohl wissend, was es erwartet. Das

Bedürfnis nach Zärtlichkeit nimmt einem eben manchmal den Luxus,

launisch zu sein.

Sie zündete sich eine Zigarette an und lugte durch die Vorhänge nach

draußen. Sie rief noch einmal an, aber trotz des Freizeichens war

der von ihr gewünschte Teilnehmer zur Zeit nicht erreichbar. Er wird

schon kommen; er hat es ja versprochen. Sie schaute in den Spiegel.

War ihr Make-up verwischt? Nein, alles okay. Aber das Eis war längst

geschmolzen. Sie tauchte ihre immer noch brennende Hand in das

kalte Wasser der Eisschüssel. Es tat gut. Neun Uhr. Wenn er sich doch

von ihr trennen und mich heiraten würde … Allerdings ist er kein Alevit;

meine Familie würde einen Aufstand machen. Meine Mutter würde

jammern: „O weh, einen Yezit willst du heiraten?“ Ja, Mama, und mein

Kind nenne ich Muaviye! Sie schob eine der vorbereiteten CDs in die

Stereoanlage. Anschließend goss sie sich ein Glas Rakı ein. Der ist auch

schon pisswarm. Sie nahm einen Bissen vom Auberginenragout. Ist gut

geworden. Sie rief Meral an. Gott sei Dank heben Freundinnen schon

beim ersten Klingeln ab.

„Hallo … Nein, er ist noch nicht da …“

Ein Redeschwall ergoss sich über sie: „Warum lässt du dir das bieten?

Es war doch von Anfang an klar, was das für ein Kerl ist, jetzt kann es

eigentlich nur noch besser werden, jag ihn zum Teufel!“

„Warum muss es immer so sein? Nie entscheidet jemand sich für mich“,

konnte sie nur einwerfen.

„Das hat nichts mit dir zu tun, Sü.e, der Typ hat einfach keinen Charakter.

Sei mir nicht böse, aber wenn er dich lieben würde, würde er sich dann

nicht von der anderen trennen?“

„Ich leg wieder auf, vielleicht ruft er ja an.“

Eine SMS meldete verpasste Anrufe. Aufgeregt sah sie nach, ob es

Murats Nummer gewesen war. Nein, nur meine Mutter hat es zweimal

probiert. Verdammt! Nicht mal die Hoffnung auf den Satz geben sie

einem: „Vielleicht hat er ja angerufen, während ich telefoniert habe.“

Sie sah in den Spiegel. Es lässt sich nicht mehr leugnen: Ich, Sibel, bin

die Zweitfrau. Halb zehn ist es inzwischen. Aber ich bin nicht erst seit halb

zehn, sondern schon seit Ewigkeiten die Zweitfrau … Ob er tot ist? Sollte

ich mal seine Freunde anrufen? Nein, dann wird er sauer, falls er’s doch

nicht ist. Sie rief noch einmal bei Meral an.

„Hallo Meral, und wenn ihm was passiert ist …“

„Spinn nicht rum, Sibel!“

„Er würde doch anrufen, wenn er nicht tot wäre.“

„Du, wenn wir bei jedem Mal, wo er nicht anruft, davon ausgehen,

dass er gestorben sein muss, dann ist dieser Kerl ein echtes

Reinkarnationswunder. Mach dir keine Sorgen, der wird schon wieder

lebendig.“

„Und wenn nicht? Als was soll ich denn dann zu seiner Beerdigung

gehen? Ich kann doch keinen Kranz schicken mit der Aufschrift ‚Von der

illegitimen Freundin’ …“

„Eine Fatiha kann man doch von überall aus beten. Wenn’s dir schlecht

geht, kann ich vorbeikommen.“

„Nein, vielleicht ist er ja gleich da. Also, ich leg dann mal auf.“

Es ging auf zehn Uhr zu. Das Lied, das gerade lief, hatte seine

herzzerreißendste, von Zimbeln und Geigen untermalte Stelle erreicht.

Sie sah in den Spiegel. Ihr standen Tränen in den Augen.

Wenn der Lippenstift, den Sie am Abend aufgetragen haben, am Ende der

Nacht noch nicht verwischt ist, kann das eine fürchterliche Katastrophe für

Sie bedeuten. Man beachte darüber hinaus: die Wahrscheinlichkeit, dass

Sie die einen Tag zuvor gekaufte Satinunterwäsche am nächsten Morgen

noch immer tragen, sowie die Ohrringe, die Sie nicht ausgezogen und auf

die Kommode gelegt haben.

Sie steckte sich ein Stück Dolma in den Mund. Sie hatten ihr Öl

abgegeben. Sie können sich ja gar nicht vorstellen, von welcher Tragik

eine Portion Dolma in Olivenöl sein kann. Sie nahm noch einen Schluck

Rakı. Mit Dill bestreuter Joghurt ist geradezu tödlich. Grüne Bohnen

in Olivenöl, Hirnsalat und gewürfelte Tomaten sind keine geeigneten

Vorspeisen zu der Nachricht „Der von Ihnen gewünschte Teilnehmer

ist zur Zeit nicht erreichbar.“ Schafskäse in Scheiben ist mitunter ein

Zeichen dafür, dass in Ihrem Leben eine düstere Zeit bevorsteht. Wenn

Sie wüssten, wie schwer es ist, ein Auberginenragout anzusehen, ohne

weinen zu müssen … „Den beiden Wässern hat er freien Lauf gelassen,

damit sie sich einst begegnen, aber eine Scheidemauer ist zwischen

beiden, damit sie sich nicht vermischen können.“ Wenn doch das Wasser

in der Schale, das von sich behauptet „Ich war in meinem früheren Leben

Eis“, und meine Tränen es diesem Worte Allahs nicht gleichgetan und

sich miteinander vereinigt hätten.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie keine Ahnung davon haben, was es

heißt, wenn nicht abgehoben wird, obwohl der von Ihnen gewünschte

Teilnehmer zur Zeit erreichbar ist. Geputzte Scheiben und frisch

gewaschene Vorhänge können den Wunsch hervorrufen, blind zu sein.

Marmor, von dem der Schmutz mit einem Messer abgekratzt wurde, und

mit Cif geschrubbte Kacheln sind ein traurigerer Anblick, als Sie es sich

vorstellen können. Wenn Sie dem von Ihnen gewünschten Teilnehmer

später eine SMS („Wo bist du, ich mach mir Sorgen“) geschickt und noch

immer keine Antwort erhalten haben, dann ist die Wahrscheinlichkeit,

dass Sie mich verstehen, größer. Ein frisch epilierter Körper (komplett ist

es noch viel schlimmer) und ein auf den natürlichen Geruch Ihrer Haut

abgestimmtes Parfum können dazu führen, dass Sie sich schlechter

fühlen als zuvor.

Wenn Sie wissen, was es bedeutet, sich auf die Parapsychologie zu

verlassen, um das Telefon durch Anstarren zum Klingeln zu bringen, dann

besteht zwischen Ihnen und mir höchstwahrscheinlich eine Leidens- und

Seelenverwandtschaft. Ich bin Sibel. Die Zweitfrau … Wenn Sie eine

ungefähre Vorstellung davon haben, wofür die drei Punkte stehen, die

ich hinter diese letzte Aussage gesetzt habe, dann werde ich mir beim

nächsten Frühlingsfest wünschen, dass Sie Ihrem Schicksal entkommen.

Ich spreche als ein Mensch, der – obwohl er nicht daran glaubte – das

Buch „Heilung durch die Kraft der Gedanken“ gelesen hat und der bei

jedem Blick in den Spiegel – in dieser Phase daran glaubend – zu sich

sprach: „Ich sage Ja zu mir, in meinem Leben ist alles vollständig und

ganz“. Wenn Sie die Zweitfrau sind, dann kann es schwierig sein, als

erste Kraft für Ihre eigene Rettung zu kämpfen.

Es braucht sich nun niemand unnötigerweise zu Freudschen

Analysen aufzuraffen; ja, ich habe eine problematische Vater-Tochter-

Beziehung erlebt. Jeder fragt mich: „Warum findest du dich damit ab,

nur Ersatz zu sein?“ Auch ich habe mich gefragt, warum ich mich

immer in Männer verliebe, die eine Freundin oder eine Frau haben,

oder warum diese Männer ausgerechnet mich finden. Ich weiß es

nicht, es ist vierundzwanzig Jahre her, dass ich meine Freudschen

Entwicklungsphasen hinter mir gelassen habe.

Wir haben uns doch alle damit getröstet, dass wir daran glaubten, eine

Liebe wie im Film finden zu können. Bis zu meinem fünfundzwanzigsten

Lebensjahr habe auch ich voller Hoffnung auf den wundervollsten

Mann der Welt gewartet, der einfach noch nicht die Zeit gefunden hatte,

bei mir vorbeizuschauen, weil er damit beschäftigt war, an der Seite

verschiedener Persönlichkeiten die Hauptrolle in etlichen Hollywoodfilmen

zu spielen. Dabei war ich sogar für meinen ersten Freund nur die

Zweitfreundin. Zuerst macht man sich Vorwürfe, man tue der anderen

Frau Unrecht. Versucht, sich von dem Typen zu trennen, löscht seine

Telefonnummern. Aber wenn Liebe im Spiel ist, dann gerät man in den

Teufelskreis, sich seine Nummer bei der Auskunft zu holen und ihn wieder

anzurufen. Das Desinteresse wirkt sich so stark auf einen aus, dass man

sich jedem Mann, den man nicht für hoffnungslos unterbelichtet hält,

vollständig hingibt. Man ist dann ganz anders als diese Mädchen, die sich

Zeit lassen. Eine innere Stimme sagt einem: „Das ist die Gelegenheit,

gib dich hin mit allem, was du hast, solange er dich noch anschaut,

beeindrucke ihn und binde ihn an dich, sonst dreht er sich um und kommt

nicht wieder.“ Wie das Basilikum öffnest du alle deine Blüten, sobald du

einen Lichtstrahl erblickst und stehst hinterher kahl da. Und dennoch,

eines Tages, so habe ich mir gesagt – eines Tages wird auch mir jemand

begegnen, der es mit mir aushalten wird, in den auch ich verliebt bin und

der, falls er eine Freundin hat, diese verlässt, sobald er mich sieht.

Es gab mal einen, der mir gefiel. Diesmal, das hatte ich mir

vorgenommen, würde ich mich teuer verkaufen. Obwohl ich es wollte,

habe ich nicht mit ihm geschlafen, einfach aus Angst, er würde mich

danach nicht mehr sehen wollen. Schließlich haben wir es dann doch

getan, und kaum war es vorbei, hat er gemeint: „Tut mir Leid. Das hätte

ich dir nicht antun dürfen.“ In dem Moment habe ich begriffen: „Sibel,

du bist für keinen Mann die ‚Richtige’“. Es gibt doch diese Männer, die

unbedingt ihre Freiheit wollen und stolz darauf sind, nicht an die Liebe zu

glauben. Dann kommt irgendwann der Tag, an dem sie feststellen: „Es

gibt die Liebe doch, ich habe die Richtige gefunden.“ Die Richtige, das ist

die endgültige Frau im Leben eines Mannes. Zumindest vermittelt sie die

Illusion von Endgültigkeit … Über den Zusammenhang zwischen Liebe

und Illusion werde ich mich jetzt allerdings nicht auslassen. Als der Typ

sich jedenfalls bei mir entschuldigt hat, war ich nicht deshalb enttäuscht,

weil ich ihn nicht bekommen würde. Ich habe mir auch nicht vorgeworfen,

dass wir uns vielleicht wiedergesehen hätten, wenn wir in dieser Nacht

nicht miteinander geschlafen hätten. Was ich erlebt hatte, wog schwerer

als sein Verlust. Ich hatte meinen Traum aufgegeben, für irgend jemanden

die Frau seiner Träume zu sein. Wenn man sich nach dem Sex bei Ihnen

entschuldigt, dann heißt das soviel wie: „Ich hatte mein Ding nicht unter

Kontrolle, wir haben zwar gepoppt, aber mehr ist nicht, sorry.“ Auch den

Satz „Ich will dir nicht wehtun“ haben diese Typen mit dem Untertitel

„Mach dir keine Hoffnungen auf mich“ im Repertoire. Das heißt dann

folgendes: „Okay, wir schlafen miteinander, aber am nächsten Tag kenne

ich dich nicht mehr.“

Es geht mir nicht darum, mich zu rechtfertigen. Auch ich habe diese

Zweitfrauen früher mal als „Flittchen“ bezeichnet. Sind Männer etwa

Mangelware, was willst du mit einem gebundenen Kerl? Wer anderen eine

Grube gräbt, fällt selbst hinein … Aus diesen Sätzen wurde mit der Zeit:

„Wenn der Typ sich in eine andere verliebt, dann soll sich die erste Frau

doch bitte verziehen.“ Ich vermute, dass die Trennung von der ersten Frau

so schwerfällt, weil Bindungen existieren, die man nicht einfach kappen

kann, so zum Beispiel der Arbeitsplatz, den man der Frau zu verdanken

hat, die Kinder oder eben eine Freundin, die stirbt, wenn man sie verlässt.

Mit der Zeit habe ich verstanden, dass diese Vorwände als Schweigegeld

an den Stolz der Zweitfrau aufzufassen sind.

Wer jetzt Mitleid mit der anderen Frau hat und glaubt, dass ich meinem

Freund, oder wie auch immer ich ihn nennen soll, dabei helfe, sie zu

betrügen, weil ich jetzt auf ihn warte, der möge bedenken: Feiertage,

Neujahr, Ferien und so weiter verbringe ich alleine. Die offizielle Freizeit

wird mit der offiziellen Freundin verbracht. Ich bin illegitim. Auf keinem

Gruppenbild in der Wohnung des Mannes, den ich liebe, bin ich zu

sehen, und ich bin auch nicht diejenige, die ihn auf Geburtstagsfotos

umarmt, über die Anordnung der Möbel entscheidet oder die Bettwäsche

aussucht. In seiner Wohnung bestehe ich aus nichts weiter als ein paar

im Kamm zurückgelassenen Haaren und einer Zahnbürste, die längst im

Müll gelandet ist. Wenn er schon nicht meine Bedeutung in seinem Leben

zu schätzen weiß, dann erwarte ich doch zumindest, dass er mich als

Frau zur Kenntnis nimmt und geht.

Das Handy vermeldete den Eingang einer Kurzmitteilung. Die werde ich

nicht lesen. Ich will gar nicht wissen, wie hoch mein Guthaben noch ist.

Sie goss sich ein weiteres Glas von dem allmählich zur Neige gehenden

Rakı ein. Nehmen wir zum Beispiel einen Film, in dem ein Mann und eine

Frau sich gerade lieben. Die Tür geht auf, die rechtmäßige Frau kommt

herein und schreit: „Wie kannst du mir das antun?“ Als der Mann erwidert:

„Ich kann das erklären“, verschwindet sie. Wenn er dann nach seiner

Unterhose greift und der in ihrem Stolz gekränkten Frau hinterherläuft,

denkt doch keiner mehr an die Zweitfrau und wie sie ihm hinterherschaut.

Nachdem er von der einen aus dem Bett gerissen wurde, hat er die

andere längst vergessen. Ob es wohl irgend jemanden außer mir gibt,

dem die im Bett zurückgelassene Frau Leid tut?

Von der Ruhe der Frauen, denen ihr Mann garantiert ist, findet sich bei

der Zweitfrau keine Spur. „Ersatz sein“ heißt, dass man immer auf der

Hut sein muss. Der Handyakku ist immer geladen, man wäscht sich

jeden Tag für den Fall, dass man ihm begegnet, und wenn man mit

Freunden Verabredungen trifft, setzt man stets hinzu: „… wenn mir nichts

dazwischenkommt …“. Anschließend fleht man Allah an, dass eben doch

etwas dazwischenkommen möge.

Sie sah auf die Uhr ihres Handys: Es war viertel nach zwölf. Unabsichtlich

öffnete sie die kurz zuvor erhaltene Nachricht: „Kann leider nicht kommen.

Überstunden.“ Arschloch, kann man das nicht früher sagen? Sie drückte

die Rückruftaste: „Der von Ihnen gewünschte Teilnehmer ist zur Zeit nicht

erreichbar.“

Sie lief in die Küche. Ihr Blick fiel auf das Basilikum. Es hat Ähnlichkeit mit

mir, das Ärmste. Sie nahm es und stellte es weiter in den Schatten. Damit

es nicht beim ersten Lichtstrahl in tausend Jahren glauben würde, seinen

Platz gefunden zu haben, alles zeigte, was es zu bieten hatte, und dann

verwelkte …