Eirik Ingebrigtsen

Die Zapfenprobe


Er hörte das Zischen aus der Wurzelwulst der Fichte vor dem Zelt. Es

war ein Klangmuster, an das er sich mit der Zeit gewöhnt hatte; ein

leises, unregelmäßiges Zischen, das sich gelegentlich zu einem Knurren

oder Pfeifen, einer Art Klage steigerte. Es erinnerte an das Pfeifen eines

Holzscheits auf einem gut brennenden Lagerfeuer, doch wo Glut mit

einem Knacken vom Holzscheit abzuplatzen droht, schwang hier in

den Geräuschen eine drohende Explosion mit, von der die ganze Fichte

betroffen war, nicht nur diese verdrehte Wurzelwulst, die aus der Erde

ragte. Sie war die Wunde des Baums. Die Wurzelwulstwunde diente der

kranken Fichte als Ventil.                                              

Ola hatte seit dem späten Nachmittag im Widtskogen observiert. Drei

Stunden hatte er gebraucht um herzufahren, und während er sich

einrichtete war praktisch zeitgleich das Tageslicht verschwunden.

Schlafen konnte er nicht, obwohl es fast halb zwei war. Gekochter Baum,

dachte er. Waren die Wurzelwulst und der abnorme Bogen da draußen

womöglich Anzeichen dafür, dass die Holzfasermasse in ihrem eigenen,

lokalen, chemischen Prozess siedete, durch den sie sich noch vor Ende

der Nacht in Zellulose verwandeln würde? Von so etwas hatte er zwar

noch nie gehört, aber Fragen wie diese mussten gestellt werden, wenn

sie kamen, denn das hatte er noch nie gesehen. Mehr Leute von Wald

und Landschaft müssen herkommen und sich den Baum ansehen, dachte

Ola. Gleichzeitig spürte er, dass er bei der Observation der kranken Fichte

lieber allein sein wollte.

Abgesehen von allem anderen waren die Geräusche und Dämpfe aus der

Wunde in der Wurzelwulst ein Ausdruck des Schmerzes, den die Fichte

in sich barg. Er lag da und schloss die Augen. Ganz fest. Keine Antwort

im Laufe des Abends und mittlerweile war so viel Zeit vergangen, dass

er immer mehr Gedanken in unterschiedliche Bilder verschob. In einem

davon schoss die Fichte in einer einzigen Explosion als Zweigchaos aus

der Erde und schleuderte Spieße aus Ästen, Spänen und Fichtenzapfe

in einem wuchtigen Schauer auf die Nachbarkronen. Ein Bild, eine

Lösung! Ganz fest, und ihm wurde bewusst, wie sehr er die Augen zukniff,

während er zugleich hellwach war. Er öffnete sie, zog den Reißverschluss

des Schlafsacks auf und ließ kühle Luft hereinströmen. Obwohl er nicht

fror, hatte er seine Skihose angelassen. Er hatte den ganzen Abend

nicht gefroren. Baum und Wurzelwulst strahlten spürbar Wärme ab. Ein

neuerliches Zischen ertönte, ja, ein dunkles Knurren, ein Ton, der tief saß

und eingekapselt war, wie von den Gedärmen eines Menschen. Das war

Wahnsinn, dachte er, das war etwas Neues. So ganz hatte er sich also

doch noch nicht an die Geräusche der Wurzelwulst gewöhnt. Doch trotz

aller Veränderungen, die sich mit der abendlichen Dunkelheit einstellten,

hatte er keine Angst; die Geräusche, die verschwanden, die Geräusche,

die sich einstellten, die Bilder, die wuchsen.

Er öffnete den Zelteingang. Wald und Baumstämme zum Widttjern

hin wurden schwach von der Schneedecke erleuchtet, den Mond

konnte er jedoch nirgends entdecken. Er schnürte die Stiefel zu und

zog seinen Outdoorpullover an. Das Skogforsk-Emblem war möglichst

nah am Herzen platziert. Der neue Outdoorpullover, bestellt nach der

Fusion zwischen Skogforsk und dem Norwegischen Institut für Erd- und

Walderfassung, nun unter der Benennung Norwegisches Institut für Wald

und Landschaft zusammengefasst, war dem alten Pullover ganz ähnlich,

aber man hatte bei ihm das neue Emblem auf den Rücken aufgedruckt,

was in den Augen der Institutsleitung ein Produktionsfehler war, und

da der Konflikt mit dem Produzenten noch nicht gelöst war, lag der

Pullover bis auf weiteres unbenutzt in seiner Plastiktüte zu Hause. Ola

zog eine Mütze an, obwohl es mild genug war, ohne sie herumzulaufen.

Also schön, der Baum stand noch an seinem Platz. Einmal mehr fragte

er sich, ob die Querwurzel, die von der Wurzelwulst fortführte, allein in

der Zeit seit seiner Ankunft breiter geworden war. Er bezweifelte, dass

dies möglich war. Aber warum dachte er dann an diese Möglichkeit?

Die Wurzelwulst mit der offenen Wunde war in dem verzerrten Bogen

entstanden, einer kranken Biegung, die sich anderthalb Meter über

die Grasnarbe erhob; hinauf, um Luft zu holen oder hinauf, um Gift

abzulassen. Hier war die Wurzel auch am dicksten, ehe sie sich wieder

senkte, ein Stück auf dem Erdboden, danach unterirdisch verlief. Ob die

Wurzelwulst schon lange vor Beginn der Wärmeentwicklung freihing, ließ

sich unmöglich sagen. Eine extreme Variante eines Kiefern-Steinpilzes

war eine denkbare Theorie, oder auch Schwarzen Schneeschimmels,

aber soweit er sehen konnte, sponn kein schwarzes Myzelium die

Fichtenzweige ein. Dennoch wäre er gern den Baum hinaufgeklettert, um

zu schauen, ob es Unterschiede an den Nadeln gab. Auch Wurzellorcheln

hatte er in seinem Feldbuch als eine mögliche Erklärung notiert. Ihre

Sporen benötigten zum Keimen eine Temperatur von 37 Grad. Rund um

die Wurzelwulst war die Temperatur wesentlich höher, eher eine kochende

als eine keimende Umgebung.

Der Stein, den er als Toilette benutzte, lag einzeln als Wegmarke im

Gelände. Auf seiner Höhe verlief die Grenze zwischen kahlem Erdreich

und Schneedecke. Die Wärme, die von der Fichte ausging, hatte zu einer

lokalen Schneeschmelze geführt. Er erweiterte diese Zone mit gelber

Pisse. Warum hatte er keine Markierungen gesteckt, um zu sehen, ob die

Schneeschmelze an den äußeren Rändern weiter vordrang? Und warum

war er nicht müde? Er brach einen Zweig von einer Birke ab, steckte ihn

als Pfahl an die Schneegrenze. Die Heidekrautsoden waren auch dort

noch von einer dicken Schneeschicht bedeckt, wo die Soden auf neue

Fichten stießen. An den Querwurzeln lag der Schnee in Abbruchkanten zu

beiden Seiten der aufgeheizten Wurzelspur, und Ola hatte den Eindruck,

dass die Vegetation in dieser Spur allmählich zum Leben erwachte, sicher

war er sich da jedoch nicht. Bei Tageslicht würde er unter Umständen

Gewissheit bekommen. Dann würde er auch weitere Fotos machen.

Er ging zum Stativ und schaltete die Arbeitslampe an, die Richtung

Widttjern in den Wald hinauf gerichtet war. Wonach hatte er dort

Ausschau gehalten? Ola fühlte sich fit, hellwach. Er schwenkte die

Lampe nach unten und richtete sie auf den Fichtenstamm. Er wusste,

dass der Stamm warm war, ging aber trotzdem hin und legte seine Hand

auf die Rinde. Wie lange würde es dauern, bis er sich damit abfand,

dass es einfach so war, dass der Baum hier vor ihm stand und warm

und krank war und so ganz ohne die Antworten, die er benötigte? Die

Holzfasermasse aus den Wundproben, die er aufgeschnitten hatte, sah

weißsaftig und normal aus, hatte allerdings eine weichere Konsistenz. Der

Harzsammler hatte bereits etwas Ausfluss aufgenommen. Im Normalfall

hätte dies länger gedauert. Ola zog das Bratenthermometer aus der

Tasche und bohrte es in den Stamm.

In der Zwischenzeit entfachte er das Feuer von Neuem, vor allem wegen

des Lichts und um Gesellschaft zu haben. Die Jacke hatte er seit seiner

Ankunft nicht getragen. Er feuerte mit Kiefernholz und Zeitungen an, hatte

immer noch einige gute Scheite in seinem Vorzelt. Das Feuer loderte

auf, sprach die gleiche Sprache wie die Wurzel. Das Säuseln etwas zu

feuchten Holzes ging in das Säuseln der Wurzelwulst über. Es fehlte nicht

viel, um die Fichte zu fällen und den Phenolgehalt in den Jahresringen

zu studieren, aber das wollte er nicht, es war nicht konstruktiv, so zu

denken; Obduktion, Diagnose, eventuelle Umweltmaßnahmen, Arbeit

erledigt. Sollte der Baum an seinem Platz gesunden können, war das

das Beste. Oder wenn der Baum ihm in einer Stunde, in fünf Stunden, in

vierundzwanzig Stunden etwas Neues erzählen konnte.

Er las das Bratenthermometer ab. 52 Grad, wie zuletzt. Es konnte ruhig

noch etwas stecken bleiben. Er ließ die Arbeitslampe aufwärts schweifen.

Die Äste hatten eine gute Spannung, waren schneefrei, so weit das Auge

reichte, also strahlte die Wärme auch nach oben und zur Seite ab. Der

ganze Baum war im Gleichtakt mit der Heizung im Keller des Baumes,

in der Wurzelwulst. Aber krank? Er musste warten, bis es hell wurde, um

den Wipfel sehen zu können, doch da oben sah nichts unnormal aus, und

die Fichtenzapfen hingen in schweren Trauben. Auf der Suche nach einer

guten Kletterbahn ließ er seinen Blick den Stamm hinaufschweifen. Das

würde nicht gehen. Wenn er Proben aus dem Wipfel entnehmen wollte,

musste er sich eine Leiter beschaffen. Selbst wenn er herabgefallene

Zapfen fand, würden ihm doch nur die dort oben eine Antwort geben

können. Er richtete das Licht nach unten, hörte ein tiefes Knacken aus

dem Wald. Nichts, nur ein eisbedecktes Gewässer, das sprach. Er suchte

in Stammnähe nach Zapfen. Kein einziger. Er trat dicht an den Stamm

heran, hockte sich unter die Äste; und es war, als träte er ein, hier stand

die Fichtenhütte, ohne dass jemand sie errichtet hätte. Es war hier

weicher, es gab andere Laute unter dem Ästedach, wärmer, hier konnte

er sitzen, ja, es war eine Hütte. Er schaute hinaus: von der Wurzelwulst

drang munteres Blubbern zu ihm hinüber. Es fehlte Stille, er richtete

sich auf und verließ die Fichtenhütte wieder. Weit und breit keine Zapfen

auf dem Erdboden. Komisch. Er musste eine Zapfenprobe bekommen.

Obwohl sie krank war, hielt die Fichte ihre Zapfen mit aller Macht fest.

Eher eine fröhliche, fieberheiße Fichte als eine kranke Fichte.

Er richtete die Arbeitslampe auf die Wurzelwulst, ging hin. Roch das nicht

süßlich? Roch das nicht genau wie Minze? Olas rechter Fuß rutschte auf

dem glitschigen Boden aus und er spürte ein Stechen im Oberschenkel.

Jetzt übermannt mich die Müdigkeit, dachte er. Er blieb stehen, wartete

kurz, der Puls pochte in seinem Bein; er war zu Hause, auf den Treppen

seiner Kindheit, in vollem Tempo, hinauf oder hinunter, ohne zu stolpern,

mit einem Körper, der vom Haus durchdrungen war, mit Fü.en, die das

genaue Maß für die Höhe der Stufen kannten, und dem Arm exakt in

Höhe des Geländers, falls er danach greifen musste. Es roch tatsächlich

süßlich. Und der Geruch erinnerte an Minze. Er glaubte, dass der Duft mit

dem Dampf freigesetzt wurde, dass er vom Stickstoffstrom kam. Dann

konnte man getrost von einer Veränderung sprechen, denn er war sicher,

dass der Geruch am Abend noch nicht da gewesen war.

 

Die Nacht war jetzt an beiden Enden gleich lang; was gewesen war, der

Abend und die kurze Ruhezeit im Zelt, lag hinter ihm, und was kommen

würde, das Morgengrauen mit dem Frühstück, lag vor ihm. Der Gedanke

an das Licht, die Mahlzeit stimmte Ola froh. Er hätte jetzt etwas essen

können, wollte aber noch warten. Ein angenehmer süßlicher Duft. Seine

Hand ruhte dort auf der Wurzel, wo sich das Gewirr in schmalere Adern

auflöste. Gut und warm. Er fühlte, dass die Holzfasermasse porös war. Die

Wunde selber war zu heiß, um sie anzufassen. Das Bratenthermometer

hatte 91 Grad angezeigt, als er das letzte Mal direkt in ihr gemessen

hatte. Er würde die Temperatur bald überprüfen. Die Wurzelwulst strahlte

mehr Wärme ab als das Feuer am Zelt. Ein gutes Feuer, dachte er, so

soll es für den Rest der Nacht bleiben. Er schaute zum Stamm hinüber.

Morgen würden vielleicht Leute herkommen, auf jeden Fall ein Reporter

der Lokalzeitung. Was sollte er ihnen sagen? Einfach ein Amokzustand,

der zu einer Wärmeentwicklung führte? Das könnte er sagen.

Anschließend würde er verneinen können, dass der Fichtenzapfenrost so

in den Zapfen wütete, dass sie vor Krankheit schäumten. Es handelte sich

hier um einen völlig neuen Baumschaden. Eine Überproduktion. Oder eine

Fehlentwicklung im Verhältnis zwischen Gametophyten und Sporophyten,

so dass die gesammelten Zygoten in Schieflage geraten waren und immer

und immer wieder ungezügelt lospreschten.

Wieder zum Baum. Die Arbeitslampe nach oben richten. Ola richtete

den Blick nach oben, all das lastete schwer auf seinen Schultern. Allein

mit diesem Job, hier, in dieser Nacht! Wie der Baum kochte und sein

Winterfest feierte! Die Fichte erhob sich immer weiter, keine Sterne im

Wipfel. Er sah die Baumkrone nicht, erahnte sie nur, wenn ein Windstoß

durch sie fuhr. Ob die Sache so abartig war, dass der Baum auch breiter

geworden war, musste er herausfinden, sobald es hell war und er wieder

den Berghang sah, den er am anderen Ufer des Widttjern als Richtmarke

nehmen konnte.

Erneut richtete er die Lampe auf die Wurzelwulst. Er musste wieder zu ihr.

Dort war irgendwie noch mehr herauszufinden. Das Energiefeld wärmte

ihn durch und durch. Es heizte sich in der Wurzelwunde auf und es gab

keine Anzeichen dafür, dass es schwächer wurde. Hin und dann die

Wurzel wieder anfassen, dachte Ola und trat in den Lichtschein: Schwarze

Wunde aus Feuer und Rauch, was wird unseren Abend aufschließen. Die

Stimme kam von der Fichte. Ausgerechnet hier sollte er also stehen, in

seinem Feld, seinem nächtlichen Wald, der schwerstkranke Baum, das,

was sich nicht mehr normal nennen ließ. Und die Fichte mit ihrer Sprache

aus Luft und Dampf, ihrem Seufzen und Sieden aus Lauten. Was stieg

an Gedanken und Visionen in die Nacht auf, was blieb auf der Erde, was

verschwand für immer in der Luft? Ola schloss die Augen, hielt sich an

der temperierten Wurzel fest.

„Wenn das Licht kommt“, sagte er und hob die Hand. Er sah etwas. Oh,

sanfte Schwingen der Nacht, wo zieht sie hin, diese Nacht, in der ich

mir nicht mehr selber gehöre? Worte und Bilder kamen in Schwung, die

dunkle Wurzel war in ihrer Kraft hell erleuchtet, Strahlenpfeile stiegen

seinen Arm hinauf und Ola erwiderte den Druck, drückte zu und spürte

den Erdboden nicht mehr, nein, er spürte nur noch Luft, und Luft war in

allem, was er mit der rechten Hand packte, er packte den Zapfen, dass

es munter stach, er sah den Zapfen, einen Zapfen, der abwechselnd stieg

und sank, sich um seine eigene Achse drehte, hing und hing und auf Ola

wartete, der griff und griff und es von der Wurzel den Arm hinaufstrahlen

spürte, bis zum Griff um den Zapfen hinauf, und ja! Wärme, die sich um

ihn legte, ganz ruhig, und Ola hatte keine Angst vor diesem Puls; diese

Schnelligkeit im Kontakt, die Nacht kam mit dem einzigen Übergang, der

nennenswert war, kam mit dem Raspeln eines Winds auf Augenlidern, der

doch kein Wind war, und Dunkelheit umschlang den wärmsten Punkt im

Wald, er musste nicht hinsehen, denn die Büsche wuchsen von selbst,

er wollte nicht schauen, aber der Zapfen hielt ihn an der Wurzel fest,

sein ganzer Körper wurde eine statische Umarmung vom Boden und

durch die beiden Griffe, die dieses Schnelle im Kontakt erzwangen und

aufrechterhielten, schneller jetzt! und es war, als wälzte sich eine letzte

Lawine durch den Wald, einen auerhahnlosen Wald, in dem das Wort

in einem Lied aufstieg, dem Lied, das dieses einzige Wort trug: Zapfen,

das Wort, das Ola nun aussprach: Zapfen, ruhig sagte er es, ruhig blies

er Samenform auf Samenform in die warme Dunkelheit, die er mit seiner

Hand in der Luft packte, und der Zapfen war gefangen, hier war der

Zapfen, ja der Zapfen, er tastete den Zapfen ab, ja, seinen Zapfen, für

immer gefangen in seiner Hand, und der Zapfen hing in der Luft und

war neu bei Ola, der mit Macht die Wurzel festhielt und sich selber, den

Zapfen und die Wurzel zum Baum zurückführte, während er Danke sagte.

Ola öffnete die Augen und atmete, die Stimme verwitterte und er wand

sich aus dem Wurzelgriff, während die rechte Hand steif in der Luft hing,

um den Zapfen geballt, der nicht da war. Er senkte die Hand, löste den

Griff der Faust. Wie mächtig dieser Moment doch war, wie mächtig der

Wald und das Nachtlied doch waren!

„Ich…“, sagte Ola. Mehr sagte er nicht, sondern ging zum Lagerfeuer

hinauf und setzte sich auf den Jagdstuhl. Ihm war schwindlig, aber er war

auch erregt. Eine Zapfenvision!, dachte er. Er rieb sich den Arm, massierte

die Muskulatur, die nach der Kraftprobe an der Wurzel spannte. Er blutete

leicht aus einem Schnitt am untersten Glied des kleinen Fingers, die

Hand zitterte und der Unterarm war steif und lahm. Eine Zapfenvision,

dachte er erneut. In der rechten Handfläche waren kleine Abdrücke von

den Fingernägeln, die den imaginären Tannenzapfen in der Luft gepackt

hatten. Er hatte eine Zapfenvision gehabt. Daran war nicht zu rütteln. Eine

echte Zapfenvision! Ich bin nur ein kleiner Mann in diesem Wald, dachte

Ola und zog seinen Pullover aus.

Ola suchte das saubere Unterhemd aus dem Rucksack hervor und

tauschte das verschwitzte dagegen aus. Den Outdoorpullover hing er

über die Wurzel und im Schein der Arbeitslampe sah er, dass auch von

ihm Dampf aufstieg. Er sah so deutlich, was er nicht sah. Alles nahm

er wahr. Er dachte an die kleinen Sträucher daheim, von denen er von

seinem Stuhl am Küchentisch nur die Spitzen sah. Auch wenn er die

Vögel nicht sehen konnte, die von den Meisenknödeln aßen, sah er

gleichwohl, dass sie es taten; die Strauchspitzen erzitterten unter den

Essbewegungen am Gewicht der Meisenknödel, an denen sich die

kleinen Vögel festkrallten. Pick! Reiß ab! Friss! Schluck! Er sah sie vor

sich. Ola trank Wasser, nahm die Mütze ab, setzte sie jedoch wieder auf.

Da oben musste er eben verschwitzt sein. Das war Wahnsinn, dachte

er. Seit Hans Rollands mächtiger Zapfenvisions-Serie in den sechziger

Jahren war keine Rede mehr davon gewesen, dass andere richtige

Zapfenvisionen gehabt hatten. Er hatte alles von Hans Rolland gelesen,

und Rolland selbst hatte bei seinen Kollegen eine ganze Reihe von

Schein-Zapfenvisionen entlarvt, regelrechte Fälschungen, bei denen sich

die Vision entweder in einem Gebiet eingestellt hatte, in dem es gar keine

Bäume gab, die Zapfen trugen, oder aber die Zapfenvision hatte sich

während einer Meditation oder unter dem Einfluss von Medikamenten

eingestellt. Aber hier! In dieser Nacht! Ola streckte den Arm nach hinten,

packte ihn mit dem anderen und streckte ihn noch mehr. Er wusste nicht,

wie er das in seinem Bericht formulieren sollte, oder ob er es überhaupt

schriftlich festhalten sollte. Essen, dachte er. Ich kann einfach nicht mehr

bis zum Frühstück warten. Oder doch, ich könnte es Frühstück nennen,

immerhin ist es schon fast halb sechs. Der Hunger betrat den leeren

Magen mit seinem hohlen, kratzenden Hallo.

Ich muss eine Leiter auftreiben, dachte er. Das Kaffeewasser kochte, und

er gab Pulver hinein. Er hatte eine Dose Mais geöffnet. Legte Salami auf

das Knäckebrot. Aß. Er ahnte eine Aufhellung, als hätte der Schnee auf

der Erde nicht mehr die gleiche große, scheinende Kraft vor den Ästen.

Die Bäume, die der kranken Fichte am nächsten standen, sahen noch

unbeeinflusst aus. Eine Fichte hatte zwar bis zur Mitte des Stamms keine

Äste, ohne dass es Anzeichen dafür gab, dass ein Elch dagewesen wäre,

war aber von einer dicken Schneeschicht bedeckt; die Nadeln waren ein

Geflecht, das die Schneeflocken in Empfang nahm, die neue Geflechte

bildeten, eine Zusammenarbeit von Wärme und Kälte, der Schnee war

kleine Michelinmännchen, die in den Baum kletterten.

Der Kaffe schmeckte, brachte jedoch Gedanken und Theorien in

Schwung, die durch weitere Bilder geschleudert wurden. Am anderen

Ufer des Widttjern bellte ein Hund. Eine Leiter. Ola sah auf die Uhr. Viertel

vor sieben. In einer Stunde würde er zu Leuten gehen, sich eine Leiter

leihen können.

 

Ola ging davon aus, dass ihn der gleiche Hund, den er schon im

Morgengrauen bellen gehört hatte, auf dem Hof willkommen heißen

würde. Es war, wie es sein sollte, der Hund war ein wütender Warner an

der Kette. Ola war von der warmen, durchwachten Nacht geprägt, was

er schon auf dem Feldweg aus dem Widtskogen gemerkt hatte, und

der Hund witterte mit Sicherheit einige ungewöhnliche Geruchsmuster.

Die Hundekette war an einem Drahtseil befestigt, das zwischen Garage,

Stall und Haus gespannt war. Er lief am äußeren Rand der Drahtbahn,

ein gelenkter und unwürdiger Auslauf für einen Hund, wie beim Hasen im

Windhundrennen. Zwei Meter von Ola und der Türklingel entfernt stoppte

der Hund abrupt und unfreiwillig. Das Drahtseil sang. Ola brauchte nicht

zu klingeln. Eine Frau mit großen, etwas ängstlichen Augen öffnete ihm.

Ola stellte sich vor, erklärte, dass er im Auftrag des Instituts für Wald und

Landschaft im Widtskogen arbeitete. Er sagte nicht, woran. Er müsse sich

eine Leiter ausleihen. Der Blick der Frau veränderte sich nicht, aber ihre

Stimme war sanft und ruhig.

„Sven ist gleich wieder da“, sagte sie. Die Schlüsselworte Arbeit, Wald

und Leiter waren auf ihren Mann programmiert.

„Dann werde ich mit ihm reden“, sagte Ola. Sie nickte. Musste ihr Mann

dem Entleihen der Leiter zustimmen? Standen die Dinge hier wirklich so

schlecht? Gab es vielleicht doch eine Erklärung für ihren verängstigten

Blick? Sie mussten nicht warten. Sven kam mit rhythmischem tack-tack

den Weg herab.

„Traurig, ihn so sehen zu müssen, wo er doch immer so gesund war“,

sagte seine Frau und deutete auf ihn. Der Bauer, Sven, näherte sich auf

Krücken.

„Mein Vater hat hier auf dem Hof gearbeitet, bis er 78 war, bis dahin ist er

praktisch niemals krank gewesen“, sagte sie.

„Heute leben wir vielleicht länger, sind dafür aber auch viel öfter krank“,

fuhr sie fort. Ola war überrascht, nicht von dem, was sie sagte, sondern

dass sie es sagte. Es war etwas, das heraus musste, hier und jetzt, zu

einem Fremden. Und er spürte, dass es ihn ärgerte, das ging ihn doch gar

nichts an; er war es, der Hilfe benötigte. Sven kam zu ihnen, grüßte. Er

atmete schwer.

„Sie arbeiten an dem Baum?“, fragte er. Hat er mich gestern gesehen?

„Ja. Ich bin gekommen, um mir eine Leiter zu leihen“, sagte Ola.

„Ein Verwandter von mir hat den Baum gemeldet. Er ist gestern bei einem

Spaziergang an ihm vorbeigekommen. Wenn es stimmt, was er sagt,

könnte es eine extreme Pilzerkrankung sein“, meinte Sven. Seine Frau

war schon wieder im Haus verschwunden, für sie gab es hier nichts mehr

zu tun.

„Sie kennen sich mit Baumkrankheiten aus?“, erkundigte sich Ola. Sven

atmete noch schwer, dünn und abgezehrt, war sicher krank gewesen oder

war es immer noch.

„Dann braucht man ihn nur fällen und sich anschauen, ob der letzte

Jahresring dunkel von Phenol ist“, sagte Sven. Ja, er kennt sich ein

bisschen aus, dachte Ola.

„Eine Vulkanwurzel, hat man mir erzählt. Tja, ich werde sie mir wohl

selber ansehen müssen. Könnte auch auf einen Überschuss an Stickstoff

hindeuten“, sagte Sven und brachte die Krücken in Startposition. Er

wandte sich um und betrachtete den Hund, der am Stall scharrte, auch

dort am äußersten Ende, die Leine zum Drahtseil gespannt. Sie gingen zur

Garage und Ola nahm an, dass sie dort die Leiter holen würden.

„Haben Sie so was früher schon mal hier im Wald gesehen oder davon

gehört?“, fragte Ola.

„Nein. Sie auch nicht?“

Ola schüttelte den Kopf. Sven holte eine Fernbedienung aus der

Jackentasche und streckte sie in Richtung Garagentor, das daraufhin

nach oben rasselte. Ein weißer Jeep stand direkt vor der Garage, was

vielleicht auch gut so war, denn in ihr war nicht viel Platz. Ola fielen

zwei Spielautomaten ins Auge, die ganz hinten standen. Sie waren in

Betrieb, denn sie blinkten und Scheiben drehten sich. Sven ging zu einer

Gefriertruhe, klopfte auf den Deckel und drehte sich zu Ola um.

„Fisch? Möchten Sie welchen?“

„Fisch? Haben Sie denn so viel?“, erwiderte Ola.

„War gestern auf dem Fjord“, erklärte Sven. „Aber die Saiblinge, die ich

letztes Wochenende aus dem Widttjern gezogen habe, bekommen Sie

nicht“, sagte er und lachte. Sein Lachen ging in ein übles Husten über. Er

muss krank sein, dachte Ola. Er hatte das Gefühl, den Fisch annehmen

zu müssen, um zu seiner Leiter zu kommen, seine Eintrittskarte zur Leiter

lag in den Fischpäckchen. Dorschfilets. Sven holte zwei Päckchen heraus,

legte sie auf den Zementfußboden.

„Den müssen Sie sich mal ansehen“, sagte er und hob eine Plastiktüte

heraus, die vor Frost scharf knisterte. Er öffnete sie und holte einen ganzen

Fisch heraus. Ola sah nicht sofort, was für einer es war, merkte jedoch

schnell, dass mit dem Fisch etwas nicht stimmte, da war etwas mit dem

Mund, eine Verstümmelung unter Fischen, dachte Ola zunächst, erkannte

dann jedoch, dass es etwas anderes sein musste.

„Ist das ein Dorsch?“, fragte Ola.

„Ja, schon richtig“, antwortete Sven. „Aber sehen Sie sich die Haut

genauer an, schauen Sie, wie grünlich sie ist. Und hier Sven zeigte das

Rückgrat entlang. Ein heller Streifen verlief von der Mitte des Schädels

zum Steißbein hinab, eine Trennung vom Rest des Fischkörpers und dem

Fleisch. Es war, als stünde der Rücken des Fischs etwas offen und vor, als

gäbe es durch den hellen Streifen keinen Kontakt.

„Man muss sich nicht für Fische interessieren, um zu erkennen, das hier

was nicht stimmt“, meinte Sven. „Sehen Sie sich das Maul an. Ein Dorsch

mit Hasenscharte! Ich glaube kaum, dass die Verletzung von einem

anderen Fisch stammt.“

Eine kurze Melodie ertönte aus einem der Automaten, gefolgt von

mechanischem Jubel und Applaus. Ola spürte, dass ihn schleichend

Müdigkeit übermannte. Jeder Gedanke musste durch eine Watteschicht,

und auf der anderen Seite gab es nichts Schockierendes, nichts, das

wichtig genug gewesen wäre. Sven legte den Dorsch in die Tüte zurück

und sagte Ja, ja. Einer dieser Wattegedanken war, Sven zu fragen, was er

mit dem deformierten Fisch vorhatte, aber er entglitt, und Ola sagte nichts.

Sven knallte den Deckel der Gefriertruhe zu und drückte noch einmal

darauf, um sicher zu sein, dass sie fest verschlossen war. Ola hob die

Filetpäckchen vom Boden auf und merkte, dass es gut tat, ein bisschen

Blut in den Kopf zu bekommen.

„Na gut, die Leiter! Wir werden sie auf dem Traktor festzurren müssen,

dann fahr ich Sie zurück“, sagte Sven.

 

Nachdem Sven den Traktor abgestellt hatte, verging eine Weile, bis sich die

Waldgeräusche wieder einstellten. Sie machten die Leiter los und nahmen

sie zwischen sich, drehten sich dorthin, wo Olas Fußspuren zu sehen

waren. In diesem Moment hörte er es. Er hörte nichts von der Fichte. Das

Zischeln von der Wurzelwulst drang nicht mehr bis zum Feldweg hinunter

wie am frühen Morgen, als er gegangen war. Hatte der Wind gedreht und

trug das Geräusch nun fort? Ola schritt mit der Leiter so schnell aus, dass

ihn Sven am anderen Ende bitten musste, langsamer zu gehen. Leichter

Wind in den Baumwipfeln, das Knirschen von Schneeschritten, schwere,

kranke Atemzüge von Sven, aber kein Ton von der Wurzelwulst.

Sie legten die Leiter an der Fichte ab. Das Zelt leuchtete im Tageslicht

knallgrün vor dem Hang dahinter. Die Arbeitslampe brannte noch. Oder

war jemand hier gewesen? Von der Wurzelwulst stieg kein Dampf mehr

auf, aber der Bereich nackten Erdbodens war seit dem Frühstück größer

geworden. Sven stand da, atmete. Ola ging zur Wurzelwulst hinunter,

fasste den Bogen an, der vom Waldboden abstand. Weniger warm? Dann

griff er nach der Querwurzel, die von der Wurzelwulst mit der offenen

Wunde fortführte; ja, sie war tatsächlich nicht mehr so warm wie vor

dem Frühstück. Die vulkanische Wunde strahlte noch Wärme ab, aber

es sah eventuell so aus, als wäre die Holzfasermasse jetzt zäher. Er holte

das Taschenmesser heraus, stocherte darin herum. Ja genau, zäher. Der

Prozess war teilweise oder ganz zum Erliegen gekommen. Der Geruch von

Minze war jedoch nicht verflogen.

„Wollten Sie nicht in den Baum hinauf?“, rief Sven, der über die Knie

gebeugt stand und immer noch schwer atmete. Kranker Mann in

der Flur an kranker Fichte. Ola nickte, ging zum Vorzelt und holte die

Plastiktüten für die Zapfenprobe. Er nahm die Dorschfiletpäckchen aus

der Jackentasche. Erneut spürte er das Blut in seinen Kopf steigen; ein

neuer Gedanke, ein frischer Gedanke, und das Frische erzählte ihm,

dass er müde war. Die muss ich hier vergessen, dachte er und ließ die

Fischpäckchen zwischen Rucksack und Zeltbahn auf die Erde fallen.

Sven hustete wieder hässlich. Er sieht nicht gut aus, dachte Ola. Sie

standen kurz zusammen.

„Alles in Ordnung?“, fragte Ola. Sven nickte, blieb aber stehen, als Ola

die Leiter auszog. Er hob sie hoch und schwang sie zum Stamm der

Fichte, ohne auf Svens Hilfe zu warten. Aber das machte nichts, es war

völlig okay, dass Sven nicht aktiv war und sich nicht einmischen wollte. Er

benötigte nur Svens Körpergewicht am Fuß der Leiter, die sich über die

dicken Äste in der Mitte hinweg dorthin streckte, wo der Stamm schmaler

wurde. Von dort aus würde er problemlos an ein paar Wipfelzapfen

herankommen können. Ola las das Bratenthermometer im Stamm ab. 74

Grad. Also steigend. Er wandte sich ein letztes Mal zur Wurzelwulst um,

ehe er den Fuß auf die Leiter setzte. Sven hatte bereits eine Hand auf der

Stufe, als Ola hinaufkletterte.

Seine Finger tasteten. Die Nadeln waren temperiert. Saftiggrün, stark

duftend und temperiert. Er konnte keine abgebrochenen Zweige und

Wunden an dem Stamm erkennen. Sven hustete erneut hässlich. Nach

einigen weiteren Schritten lehnte sich Ola zum Stamm vor. Die Leiter

wackelte. Ola blickte hinab. Sven lehnte sich seitlich gegen die Leiter.

Aus der Vogelperspektive sah es aus, als stützte er die Leiter mit der

Schulter. Oder aber als presste ihn die Leiter auf die Erde. Ola lehnte

sich noch etwas vor, öffnete das Taschenmesser und kratzte leicht an

der Rinde. Keine Zelluloseflecken. Kein Porlingsbefall. Er schnitt einen

Span heraus, legte ihn in die Plastiktüte. Anschließend kratzte er etwas

Holzfasermasse aus der Rindenwunde und legte sie in eine zweite. Eine

neue Hustenattacke vom Erdboden. Ola legte den Kopf in den Nacken,

blickte zu den Trauben von Zapfen hinauf. Auch keine nennenswerte

Kronenausdünnung. Hinauf, die Zapfenprobe holen, hinunter und ein

wenig schlafen vor der Autofahrt nach Hause.

Die Hitze, die vom Baum ausging, war auf seinem Gesicht deutlich

spürbar, wenn er jetzt die Augen schloss, würde er auf der Leiter stehend

einschlafen. Ein leichtes Zittern im Wipfel der Fichte, ein leichtes Raunen

vom Stamm. Eine Krähe flog aus dem Nachbarbaum auf. Ola rieb sich die

Stirn, drückte leicht auf die Augenlider, strich sich über die Wange. Wach

auf!, dachte er. Keine Verfärbung, kein sichtbarer Pilz, kein Nadelverlust,

nichts, nichts. Trotzdem etwas Neues, ein neues, lauter werdendes

Geräusch.

Ein neues, anschwellendes Geräusch aus Schnaufen und Seufzen, etwas

in dem Baum bekam neuen Schwung, reihenweises Zischen, etwas

reagierte in der Holzfasermasse, etwas wollte dort unter der Rinde heraus,

und die Fichte ließ es geschehen, ohne dass die Nadeln braun wurden

und abfielen, es gab nur ein leichtes Zittern, als käme ein Eichhörnchen

angelaufen, aber es war Ola, der die letzten Schritte hinaufstieg, eine

Erhebung zur Zapfenprobe!, und als er das Ende der Leiter erreichte,

packte er einen Ast und hörte Svens gewaltigen Hustenanfall auf

der Erde und zugleich die ersten Laute des ersten Wipfeldampfs, die

Fichte atmete aus und etwas öffnete sich, kleine Risse in der Rinde,

Ola wusste nicht, was, aber der Dampf kam und mit ihm ein Geräusch,

als würde Gas abgelassen, und mit ihm ein neuer Laut von dem, was

im Baum kochte, und zeitgleich ein weiterer Hustenanfall auf der Erde,

und was zitterte jetzt mehr, die Fichte oder die Leiter? Und wenn der

Baum in der Nacht der Sprache mächtig gewesen wäre, was hätte

dann im Schnee geschrieben gestanden, wenn nicht Wir lieben kleine

Handbewegungen, schwankendes Licht in der Dunkelheit und einen

Baum, der gut in der Landschaft steht, nie, nie, nie hatte er Moosfeuer

gesehen, doch jetzt leuchtete eine Flamme auf Moos an der Rinde, hier

flirrte es verdammt nochmal von Moosfeuer! und hier tauchten an allen

Seiten der Fichte dunkle Flecken auf und mit diesen Flecken ergaben sich

neue Denkweisen; ein ahhh unten auf der Erde und Ola sah Sven an der

Leiterwurzel liegen, doch selbst wenn er dachte, ein Notfall, wollte sein

Blick doch hinauf, hinauf! Und er packte einen neuen Ast, dessen Nadeln

kleine Hitzestiche in die Handfläche sandten, gute Hitzestiche und weitere

tiefe Seufzer aus der Baumtiefe, gute Fü.e auf der Leiter, gute Arbeit und

her mit einer weiteren Plastiktüte, das Moos brannte und ein neuerlicher

tiefer Hustenanafall vom Erdboden, die Fichte blubberte und zischte und

die dunklen Flecken waren nichts anderes als ein Peng von Zapfen, die

als dunkle Spuren von Schüssen ihre Äste verließen, peng-peng-peng,

und Ola hörte ein ‚Hilfe’ vom Erdboden, aber das Wort hatte hier oben

nicht die Wirkung, die es dort unten gehabt hätte, denn Ola konzentrierte

sich auf einen Zapfen, der ganze Baum zitterte jetzt, und der Zapfen

fauchte, als wäre das Eichhörnchen böse, ja, es drang Dampf aus den

Zwischenräumen der Zapfenschuppen, und Ola streckte die Hand mit der

geöffneten Tüte aus, und mit guten Füßen auf der Leiter brauchte er den

Zapfen nur mit der anderen Hand abzuzupfen, auch wenn er glühendhei.

war, oh, endlich die Zapfenprobe!, ein Hund bellte in weiter Ferne und Ola

bekam Hilfe von der Fichte, die sich des Zapfens entledigte, den sie mit

einem peng geradewegs in die Tüte schoss, wo er liegen blieb und ein

wenig summte, ehe er sich durch den Boden der Tüte schmolz und zu

Sven hinunterfiel, der regungslos vor der Leiter lag, was Ola jedoch nicht

registrierte, da seine Augen das Fallen des Zapfens verfolgten, während

er merkte, dass er und die Leiter die Fichte verlassen hatten, hinaus in

freie Luft.