Er hörte das Zischen aus der Wurzelwulst der Fichte vor dem Zelt. Es
war ein Klangmuster, an das er sich mit der Zeit gewöhnt hatte; ein
leises, unregelmäßiges Zischen, das sich gelegentlich zu einem Knurren
oder Pfeifen, einer Art Klage steigerte. Es erinnerte an das Pfeifen eines
Holzscheits auf einem gut brennenden Lagerfeuer, doch wo Glut mit
einem Knacken vom Holzscheit abzuplatzen droht, schwang hier in
den Geräuschen eine drohende Explosion mit, von der die ganze Fichte
betroffen war, nicht nur diese verdrehte Wurzelwulst, die aus der Erde
ragte. Sie war die Wunde des Baums. Die Wurzelwulstwunde diente der
kranken Fichte als Ventil.
Ola hatte seit dem späten Nachmittag im Widtskogen observiert. Drei
Stunden hatte er gebraucht um herzufahren, und während er sich
einrichtete war praktisch zeitgleich das Tageslicht verschwunden.
Schlafen konnte er nicht, obwohl es fast halb zwei war. Gekochter Baum,
dachte er. Waren die Wurzelwulst und der abnorme Bogen da draußen
womöglich Anzeichen dafür, dass die Holzfasermasse in ihrem eigenen,
lokalen, chemischen Prozess siedete, durch den sie sich noch vor Ende
der Nacht in Zellulose verwandeln würde? Von so etwas hatte er zwar
noch nie gehört, aber Fragen wie diese mussten gestellt werden, wenn
sie kamen, denn das hatte er noch nie gesehen. Mehr Leute von Wald
und Landschaft müssen herkommen und sich den Baum ansehen, dachte
Ola. Gleichzeitig spürte er, dass er bei der Observation der kranken Fichte
lieber allein sein wollte.
Abgesehen von allem anderen waren die Geräusche und Dämpfe aus der
Wunde in der Wurzelwulst ein Ausdruck des Schmerzes, den die Fichte
in sich barg. Er lag da und schloss die Augen. Ganz fest. Keine Antwort
im Laufe des Abends und mittlerweile war so viel Zeit vergangen, dass
er immer mehr Gedanken in unterschiedliche Bilder verschob. In einem
davon schoss die Fichte in einer einzigen Explosion als Zweigchaos aus
der Erde und schleuderte Spieße aus Ästen, Spänen und Fichtenzapfe
in einem wuchtigen Schauer auf die Nachbarkronen. Ein Bild, eine
Lösung! Ganz fest, und ihm wurde bewusst, wie sehr er die Augen zukniff,
während er zugleich hellwach war. Er öffnete sie, zog den Reißverschluss
des Schlafsacks auf und ließ kühle Luft hereinströmen. Obwohl er nicht
fror, hatte er seine Skihose angelassen. Er hatte den ganzen Abend
nicht gefroren. Baum und Wurzelwulst strahlten spürbar Wärme ab. Ein
neuerliches Zischen ertönte, ja, ein dunkles Knurren, ein Ton, der tief saß
und eingekapselt war, wie von den Gedärmen eines Menschen. Das war
Wahnsinn, dachte er, das war etwas Neues. So ganz hatte er sich also
doch noch nicht an die Geräusche der Wurzelwulst gewöhnt. Doch trotz
aller Veränderungen, die sich mit der abendlichen Dunkelheit einstellten,
hatte er keine Angst; die Geräusche, die verschwanden, die Geräusche,
die sich einstellten, die Bilder, die wuchsen.
Er öffnete den Zelteingang. Wald und Baumstämme zum Widttjern
hin wurden schwach von der Schneedecke erleuchtet, den Mond
konnte er jedoch nirgends entdecken. Er schnürte die Stiefel zu und
zog seinen Outdoorpullover an. Das Skogforsk-Emblem war möglichst
nah am Herzen platziert. Der neue Outdoorpullover, bestellt nach der
Fusion zwischen Skogforsk und dem Norwegischen Institut für Erd- und
Walderfassung, nun unter der Benennung Norwegisches Institut für Wald
und Landschaft zusammengefasst, war dem alten Pullover ganz ähnlich,
aber man hatte bei ihm das neue Emblem auf den Rücken aufgedruckt,
was in den Augen der Institutsleitung ein Produktionsfehler war, und
da der Konflikt mit dem Produzenten noch nicht gelöst war, lag der
Pullover bis auf weiteres unbenutzt in seiner Plastiktüte zu Hause. Ola
zog eine Mütze an, obwohl es mild genug war, ohne sie herumzulaufen.
Also schön, der Baum stand noch an seinem Platz. Einmal mehr fragte
er sich, ob die Querwurzel, die von der Wurzelwulst fortführte, allein in
der Zeit seit seiner Ankunft breiter geworden war. Er bezweifelte, dass
dies möglich war. Aber warum dachte er dann an diese Möglichkeit?
Die Wurzelwulst mit der offenen Wunde war in dem verzerrten Bogen
entstanden, einer kranken Biegung, die sich anderthalb Meter über
die Grasnarbe erhob; hinauf, um Luft zu holen oder hinauf, um Gift
abzulassen. Hier war die Wurzel auch am dicksten, ehe sie sich wieder
senkte, ein Stück auf dem Erdboden, danach unterirdisch verlief. Ob die
Wurzelwulst schon lange vor Beginn der Wärmeentwicklung freihing, ließ
sich unmöglich sagen. Eine extreme Variante eines Kiefern-Steinpilzes
war eine denkbare Theorie, oder auch Schwarzen Schneeschimmels,
aber soweit er sehen konnte, sponn kein schwarzes Myzelium die
Fichtenzweige ein. Dennoch wäre er gern den Baum hinaufgeklettert, um
zu schauen, ob es Unterschiede an den Nadeln gab. Auch Wurzellorcheln
hatte er in seinem Feldbuch als eine mögliche Erklärung notiert. Ihre
Sporen benötigten zum Keimen eine Temperatur von 37 Grad. Rund um
die Wurzelwulst war die Temperatur wesentlich höher, eher eine kochende
als eine keimende Umgebung.
Der Stein, den er als Toilette benutzte, lag einzeln als Wegmarke im
Gelände. Auf seiner Höhe verlief die Grenze zwischen kahlem Erdreich
und Schneedecke. Die Wärme, die von der Fichte ausging, hatte zu einer
lokalen Schneeschmelze geführt. Er erweiterte diese Zone mit gelber
Pisse. Warum hatte er keine Markierungen gesteckt, um zu sehen, ob die
Schneeschmelze an den äußeren Rändern weiter vordrang? Und warum
war er nicht müde? Er brach einen Zweig von einer Birke ab, steckte ihn
als Pfahl an die Schneegrenze. Die Heidekrautsoden waren auch dort
noch von einer dicken Schneeschicht bedeckt, wo die Soden auf neue
Fichten stießen. An den Querwurzeln lag der Schnee in Abbruchkanten zu
beiden Seiten der aufgeheizten Wurzelspur, und Ola hatte den Eindruck,
dass die Vegetation in dieser Spur allmählich zum Leben erwachte, sicher
war er sich da jedoch nicht. Bei Tageslicht würde er unter Umständen
Gewissheit bekommen. Dann würde er auch weitere Fotos machen.
Er ging zum Stativ und schaltete die Arbeitslampe an, die Richtung
Widttjern in den Wald hinauf gerichtet war. Wonach hatte er dort
Ausschau gehalten? Ola fühlte sich fit, hellwach. Er schwenkte die
Lampe nach unten und richtete sie auf den Fichtenstamm. Er wusste,
dass der Stamm warm war, ging aber trotzdem hin und legte seine Hand
auf die Rinde. Wie lange würde es dauern, bis er sich damit abfand,
dass es einfach so war, dass der Baum hier vor ihm stand und warm
und krank war und so ganz ohne die Antworten, die er benötigte? Die
Holzfasermasse aus den Wundproben, die er aufgeschnitten hatte, sah
weißsaftig und normal aus, hatte allerdings eine weichere Konsistenz. Der
Harzsammler hatte bereits etwas Ausfluss aufgenommen. Im Normalfall
hätte dies länger gedauert. Ola zog das Bratenthermometer aus der
Tasche und bohrte es in den Stamm.
In der Zwischenzeit entfachte er das Feuer von Neuem, vor allem wegen
des Lichts und um Gesellschaft zu haben. Die Jacke hatte er seit seiner
Ankunft nicht getragen. Er feuerte mit Kiefernholz und Zeitungen an, hatte
immer noch einige gute Scheite in seinem Vorzelt. Das Feuer loderte
auf, sprach die gleiche Sprache wie die Wurzel. Das Säuseln etwas zu
feuchten Holzes ging in das Säuseln der Wurzelwulst über. Es fehlte nicht
viel, um die Fichte zu fällen und den Phenolgehalt in den Jahresringen
zu studieren, aber das wollte er nicht, es war nicht konstruktiv, so zu
denken; Obduktion, Diagnose, eventuelle Umweltmaßnahmen, Arbeit
erledigt. Sollte der Baum an seinem Platz gesunden können, war das
das Beste. Oder wenn der Baum ihm in einer Stunde, in fünf Stunden, in
vierundzwanzig Stunden etwas Neues erzählen konnte.
Er las das Bratenthermometer ab. 52 Grad, wie zuletzt. Es konnte ruhig
noch etwas stecken bleiben. Er ließ die Arbeitslampe aufwärts schweifen.
Die Äste hatten eine gute Spannung, waren schneefrei, so weit das Auge
reichte, also strahlte die Wärme auch nach oben und zur Seite ab. Der
ganze Baum war im Gleichtakt mit der Heizung im Keller des Baumes,
in der Wurzelwulst. Aber krank? Er musste warten, bis es hell wurde, um
den Wipfel sehen zu können, doch da oben sah nichts unnormal aus, und
die Fichtenzapfen hingen in schweren Trauben. Auf der Suche nach einer
guten Kletterbahn ließ er seinen Blick den Stamm hinaufschweifen. Das
würde nicht gehen. Wenn er Proben aus dem Wipfel entnehmen wollte,
musste er sich eine Leiter beschaffen. Selbst wenn er herabgefallene
Zapfen fand, würden ihm doch nur die dort oben eine Antwort geben
können. Er richtete das Licht nach unten, hörte ein tiefes Knacken aus
dem Wald. Nichts, nur ein eisbedecktes Gewässer, das sprach. Er suchte
in Stammnähe nach Zapfen. Kein einziger. Er trat dicht an den Stamm
heran, hockte sich unter die Äste; und es war, als träte er ein, hier stand
die Fichtenhütte, ohne dass jemand sie errichtet hätte. Es war hier
weicher, es gab andere Laute unter dem Ästedach, wärmer, hier konnte
er sitzen, ja, es war eine Hütte. Er schaute hinaus: von der Wurzelwulst
drang munteres Blubbern zu ihm hinüber. Es fehlte Stille, er richtete
sich auf und verließ die Fichtenhütte wieder. Weit und breit keine Zapfen
auf dem Erdboden. Komisch. Er musste eine Zapfenprobe bekommen.
Obwohl sie krank war, hielt die Fichte ihre Zapfen mit aller Macht fest.
Eher eine fröhliche, fieberheiße Fichte als eine kranke Fichte.
Er richtete die Arbeitslampe auf die Wurzelwulst, ging hin. Roch das nicht
süßlich? Roch das nicht genau wie Minze? Olas rechter Fuß rutschte auf
dem glitschigen Boden aus und er spürte ein Stechen im Oberschenkel.
Jetzt übermannt mich die Müdigkeit, dachte er. Er blieb stehen, wartete
kurz, der Puls pochte in seinem Bein; er war zu Hause, auf den Treppen
seiner Kindheit, in vollem Tempo, hinauf oder hinunter, ohne zu stolpern,
mit einem Körper, der vom Haus durchdrungen war, mit Fü.en, die das
genaue Maß für die Höhe der Stufen kannten, und dem Arm exakt in
Höhe des Geländers, falls er danach greifen musste. Es roch tatsächlich
süßlich. Und der Geruch erinnerte an Minze. Er glaubte, dass der Duft mit
dem Dampf freigesetzt wurde, dass er vom Stickstoffstrom kam. Dann
konnte man getrost von einer Veränderung sprechen, denn er war sicher,
dass der Geruch am Abend noch nicht da gewesen war.
Die Nacht war jetzt an beiden Enden gleich lang; was gewesen war, der
Abend und die kurze Ruhezeit im Zelt, lag hinter ihm, und was kommen
würde, das Morgengrauen mit dem Frühstück, lag vor ihm. Der Gedanke
an das Licht, die Mahlzeit stimmte Ola froh. Er hätte jetzt etwas essen
können, wollte aber noch warten. Ein angenehmer süßlicher Duft. Seine
Hand ruhte dort auf der Wurzel, wo sich das Gewirr in schmalere Adern
auflöste. Gut und warm. Er fühlte, dass die Holzfasermasse porös war. Die
Wunde selber war zu heiß, um sie anzufassen. Das Bratenthermometer
hatte 91 Grad angezeigt, als er das letzte Mal direkt in ihr gemessen
hatte. Er würde die Temperatur bald überprüfen. Die Wurzelwulst strahlte
mehr Wärme ab als das Feuer am Zelt. Ein gutes Feuer, dachte er, so
soll es für den Rest der Nacht bleiben. Er schaute zum Stamm hinüber.
Morgen würden vielleicht Leute herkommen, auf jeden Fall ein Reporter
der Lokalzeitung. Was sollte er ihnen sagen? Einfach ein Amokzustand,
der zu einer Wärmeentwicklung führte? Das könnte er sagen.
Anschließend würde er verneinen können, dass der Fichtenzapfenrost so
in den Zapfen wütete, dass sie vor Krankheit schäumten. Es handelte sich
hier um einen völlig neuen Baumschaden. Eine Überproduktion. Oder eine
Fehlentwicklung im Verhältnis zwischen Gametophyten und Sporophyten,
so dass die gesammelten Zygoten in Schieflage geraten waren und immer
und immer wieder ungezügelt lospreschten.
Wieder zum Baum. Die Arbeitslampe nach oben richten. Ola richtete
den Blick nach oben, all das lastete schwer auf seinen Schultern. Allein
mit diesem Job, hier, in dieser Nacht! Wie der Baum kochte und sein
Winterfest feierte! Die Fichte erhob sich immer weiter, keine Sterne im
Wipfel. Er sah die Baumkrone nicht, erahnte sie nur, wenn ein Windstoß
durch sie fuhr. Ob die Sache so abartig war, dass der Baum auch breiter
geworden war, musste er herausfinden, sobald es hell war und er wieder
den Berghang sah, den er am anderen Ufer des Widttjern als Richtmarke
nehmen konnte.
Erneut richtete er die Lampe auf die Wurzelwulst. Er musste wieder zu ihr.
Dort war irgendwie noch mehr herauszufinden. Das Energiefeld wärmte
ihn durch und durch. Es heizte sich in der Wurzelwunde auf und es gab
keine Anzeichen dafür, dass es schwächer wurde. Hin und dann die
Wurzel wieder anfassen, dachte Ola und trat in den Lichtschein: Schwarze
Wunde aus Feuer und Rauch, was wird unseren Abend aufschließen. Die
Stimme kam von der Fichte. Ausgerechnet hier sollte er also stehen, in
seinem Feld, seinem nächtlichen Wald, der schwerstkranke Baum, das,
was sich nicht mehr normal nennen ließ. Und die Fichte mit ihrer Sprache
aus Luft und Dampf, ihrem Seufzen und Sieden aus Lauten. Was stieg
an Gedanken und Visionen in die Nacht auf, was blieb auf der Erde, was
verschwand für immer in der Luft? Ola schloss die Augen, hielt sich an
der temperierten Wurzel fest.
„Wenn das Licht kommt“, sagte er und hob die Hand. Er sah etwas. Oh,
sanfte Schwingen der Nacht, wo zieht sie hin, diese Nacht, in der ich
mir nicht mehr selber gehöre? Worte und Bilder kamen in Schwung, die
dunkle Wurzel war in ihrer Kraft hell erleuchtet, Strahlenpfeile stiegen
seinen Arm hinauf und Ola erwiderte den Druck, drückte zu und spürte
den Erdboden nicht mehr, nein, er spürte nur noch Luft, und Luft war in
allem, was er mit der rechten Hand packte, er packte den Zapfen, dass
es munter stach, er sah den Zapfen, einen Zapfen, der abwechselnd stieg
und sank, sich um seine eigene Achse drehte, hing und hing und auf Ola
wartete, der griff und griff und es von der Wurzel den Arm hinaufstrahlen
spürte, bis zum Griff um den Zapfen hinauf, und ja! Wärme, die sich um
ihn legte, ganz ruhig, und Ola hatte keine Angst vor diesem Puls; diese
Schnelligkeit im Kontakt, die Nacht kam mit dem einzigen Übergang, der
nennenswert war, kam mit dem Raspeln eines Winds auf Augenlidern, der
doch kein Wind war, und Dunkelheit umschlang den wärmsten Punkt im
Wald, er musste nicht hinsehen, denn die Büsche wuchsen von selbst,
er wollte nicht schauen, aber der Zapfen hielt ihn an der Wurzel fest,
sein ganzer Körper wurde eine statische Umarmung vom Boden und
durch die beiden Griffe, die dieses Schnelle im Kontakt erzwangen und
aufrechterhielten, schneller jetzt! und es war, als wälzte sich eine letzte
Lawine durch den Wald, einen auerhahnlosen Wald, in dem das Wort
in einem Lied aufstieg, dem Lied, das dieses einzige Wort trug: Zapfen,
das Wort, das Ola nun aussprach: Zapfen, ruhig sagte er es, ruhig blies
er Samenform auf Samenform in die warme Dunkelheit, die er mit seiner
Hand in der Luft packte, und der Zapfen war gefangen, hier war der
Zapfen, ja der Zapfen, er tastete den Zapfen ab, ja, seinen Zapfen, für
immer gefangen in seiner Hand, und der Zapfen hing in der Luft und
war neu bei Ola, der mit Macht die Wurzel festhielt und sich selber, den
Zapfen und die Wurzel zum Baum zurückführte, während er Danke sagte.
Ola öffnete die Augen und atmete, die Stimme verwitterte und er wand
sich aus dem Wurzelgriff, während die rechte Hand steif in der Luft hing,
um den Zapfen geballt, der nicht da war. Er senkte die Hand, löste den
Griff der Faust. Wie mächtig dieser Moment doch war, wie mächtig der
Wald und das Nachtlied doch waren!
„Ich…“, sagte Ola. Mehr sagte er nicht, sondern ging zum Lagerfeuer
hinauf und setzte sich auf den Jagdstuhl. Ihm war schwindlig, aber er war
auch erregt. Eine Zapfenvision!, dachte er. Er rieb sich den Arm, massierte
die Muskulatur, die nach der Kraftprobe an der Wurzel spannte. Er blutete
leicht aus einem Schnitt am untersten Glied des kleinen Fingers, die
Hand zitterte und der Unterarm war steif und lahm. Eine Zapfenvision,
dachte er erneut. In der rechten Handfläche waren kleine Abdrücke von
den Fingernägeln, die den imaginären Tannenzapfen in der Luft gepackt
hatten. Er hatte eine Zapfenvision gehabt. Daran war nicht zu rütteln. Eine
echte Zapfenvision! Ich bin nur ein kleiner Mann in diesem Wald, dachte
Ola und zog seinen Pullover aus.
Ola suchte das saubere Unterhemd aus dem Rucksack hervor und
tauschte das verschwitzte dagegen aus. Den Outdoorpullover hing er
über die Wurzel und im Schein der Arbeitslampe sah er, dass auch von
ihm Dampf aufstieg. Er sah so deutlich, was er nicht sah. Alles nahm
er wahr. Er dachte an die kleinen Sträucher daheim, von denen er von
seinem Stuhl am Küchentisch nur die Spitzen sah. Auch wenn er die
Vögel nicht sehen konnte, die von den Meisenknödeln aßen, sah er
gleichwohl, dass sie es taten; die Strauchspitzen erzitterten unter den
Essbewegungen am Gewicht der Meisenknödel, an denen sich die
kleinen Vögel festkrallten. Pick! Reiß ab! Friss! Schluck! Er sah sie vor
sich. Ola trank Wasser, nahm die Mütze ab, setzte sie jedoch wieder auf.
Da oben musste er eben verschwitzt sein. Das war Wahnsinn, dachte
er. Seit Hans Rollands mächtiger Zapfenvisions-Serie in den sechziger
Jahren war keine Rede mehr davon gewesen, dass andere richtige
Zapfenvisionen gehabt hatten. Er hatte alles von Hans Rolland gelesen,
und Rolland selbst hatte bei seinen Kollegen eine ganze Reihe von
Schein-Zapfenvisionen entlarvt, regelrechte Fälschungen, bei denen sich
die Vision entweder in einem Gebiet eingestellt hatte, in dem es gar keine
Bäume gab, die Zapfen trugen, oder aber die Zapfenvision hatte sich
während einer Meditation oder unter dem Einfluss von Medikamenten
eingestellt. Aber hier! In dieser Nacht! Ola streckte den Arm nach hinten,
packte ihn mit dem anderen und streckte ihn noch mehr. Er wusste nicht,
wie er das in seinem Bericht formulieren sollte, oder ob er es überhaupt
schriftlich festhalten sollte. Essen, dachte er. Ich kann einfach nicht mehr
bis zum Frühstück warten. Oder doch, ich könnte es Frühstück nennen,
immerhin ist es schon fast halb sechs. Der Hunger betrat den leeren
Magen mit seinem hohlen, kratzenden Hallo.
Ich muss eine Leiter auftreiben, dachte er. Das Kaffeewasser kochte, und
er gab Pulver hinein. Er hatte eine Dose Mais geöffnet. Legte Salami auf
das Knäckebrot. Aß. Er ahnte eine Aufhellung, als hätte der Schnee auf
der Erde nicht mehr die gleiche große, scheinende Kraft vor den Ästen.
Die Bäume, die der kranken Fichte am nächsten standen, sahen noch
unbeeinflusst aus. Eine Fichte hatte zwar bis zur Mitte des Stamms keine
Äste, ohne dass es Anzeichen dafür gab, dass ein Elch dagewesen wäre,
war aber von einer dicken Schneeschicht bedeckt; die Nadeln waren ein
Geflecht, das die Schneeflocken in Empfang nahm, die neue Geflechte
bildeten, eine Zusammenarbeit von Wärme und Kälte, der Schnee war
kleine Michelinmännchen, die in den Baum kletterten.
Der Kaffe schmeckte, brachte jedoch Gedanken und Theorien in
Schwung, die durch weitere Bilder geschleudert wurden. Am anderen
Ufer des Widttjern bellte ein Hund. Eine Leiter. Ola sah auf die Uhr. Viertel
vor sieben. In einer Stunde würde er zu Leuten gehen, sich eine Leiter
leihen können.
Ola ging davon aus, dass ihn der gleiche Hund, den er schon im
Morgengrauen bellen gehört hatte, auf dem Hof willkommen heißen
würde. Es war, wie es sein sollte, der Hund war ein wütender Warner an
der Kette. Ola war von der warmen, durchwachten Nacht geprägt, was
er schon auf dem Feldweg aus dem Widtskogen gemerkt hatte, und
der Hund witterte mit Sicherheit einige ungewöhnliche Geruchsmuster.
Die Hundekette war an einem Drahtseil befestigt, das zwischen Garage,
Stall und Haus gespannt war. Er lief am äußeren Rand der Drahtbahn,
ein gelenkter und unwürdiger Auslauf für einen Hund, wie beim Hasen im
Windhundrennen. Zwei Meter von Ola und der Türklingel entfernt stoppte
der Hund abrupt und unfreiwillig. Das Drahtseil sang. Ola brauchte nicht
zu klingeln. Eine Frau mit großen, etwas ängstlichen Augen öffnete ihm.
Ola stellte sich vor, erklärte, dass er im Auftrag des Instituts für Wald und
Landschaft im Widtskogen arbeitete. Er sagte nicht, woran. Er müsse sich
eine Leiter ausleihen. Der Blick der Frau veränderte sich nicht, aber ihre
Stimme war sanft und ruhig.
„Sven ist gleich wieder da“, sagte sie. Die Schlüsselworte Arbeit, Wald
und Leiter waren auf ihren Mann programmiert.
„Dann werde ich mit ihm reden“, sagte Ola. Sie nickte. Musste ihr Mann
dem Entleihen der Leiter zustimmen? Standen die Dinge hier wirklich so
schlecht? Gab es vielleicht doch eine Erklärung für ihren verängstigten
Blick? Sie mussten nicht warten. Sven kam mit rhythmischem tack-tack
den Weg herab.
„Traurig, ihn so sehen zu müssen, wo er doch immer so gesund war“,
sagte seine Frau und deutete auf ihn. Der Bauer, Sven, näherte sich auf
Krücken.
„Mein Vater hat hier auf dem Hof gearbeitet, bis er 78 war, bis dahin ist er
praktisch niemals krank gewesen“, sagte sie.
„Heute leben wir vielleicht länger, sind dafür aber auch viel öfter krank“,
fuhr sie fort. Ola war überrascht, nicht von dem, was sie sagte, sondern
dass sie es sagte. Es war etwas, das heraus musste, hier und jetzt, zu
einem Fremden. Und er spürte, dass es ihn ärgerte, das ging ihn doch gar
nichts an; er war es, der Hilfe benötigte. Sven kam zu ihnen, grüßte. Er
atmete schwer.
„Sie arbeiten an dem Baum?“, fragte er. Hat er mich gestern gesehen?
„Ja. Ich bin gekommen, um mir eine Leiter zu leihen“, sagte Ola.
„Ein Verwandter von mir hat den Baum gemeldet. Er ist gestern bei einem
Spaziergang an ihm vorbeigekommen. Wenn es stimmt, was er sagt,
könnte es eine extreme Pilzerkrankung sein“, meinte Sven. Seine Frau
war schon wieder im Haus verschwunden, für sie gab es hier nichts mehr
zu tun.
„Sie kennen sich mit Baumkrankheiten aus?“, erkundigte sich Ola. Sven
atmete noch schwer, dünn und abgezehrt, war sicher krank gewesen oder
war es immer noch.
„Dann braucht man ihn nur fällen und sich anschauen, ob der letzte
Jahresring dunkel von Phenol ist“, sagte Sven. Ja, er kennt sich ein
bisschen aus, dachte Ola.
„Eine Vulkanwurzel, hat man mir erzählt. Tja, ich werde sie mir wohl
selber ansehen müssen. Könnte auch auf einen Überschuss an Stickstoff
hindeuten“, sagte Sven und brachte die Krücken in Startposition. Er
wandte sich um und betrachtete den Hund, der am Stall scharrte, auch
dort am äußersten Ende, die Leine zum Drahtseil gespannt. Sie gingen zur
Garage und Ola nahm an, dass sie dort die Leiter holen würden.
„Haben Sie so was früher schon mal hier im Wald gesehen oder davon
gehört?“, fragte Ola.
„Nein. Sie auch nicht?“
Ola schüttelte den Kopf. Sven holte eine Fernbedienung aus der
Jackentasche und streckte sie in Richtung Garagentor, das daraufhin
nach oben rasselte. Ein weißer Jeep stand direkt vor der Garage, was
vielleicht auch gut so war, denn in ihr war nicht viel Platz. Ola fielen
zwei Spielautomaten ins Auge, die ganz hinten standen. Sie waren in
Betrieb, denn sie blinkten und Scheiben drehten sich. Sven ging zu einer
Gefriertruhe, klopfte auf den Deckel und drehte sich zu Ola um.
„Fisch? Möchten Sie welchen?“
„Fisch? Haben Sie denn so viel?“, erwiderte Ola.
„War gestern auf dem Fjord“, erklärte Sven. „Aber die Saiblinge, die ich
letztes Wochenende aus dem Widttjern gezogen habe, bekommen Sie
nicht“, sagte er und lachte. Sein Lachen ging in ein übles Husten über. Er
muss krank sein, dachte Ola. Er hatte das Gefühl, den Fisch annehmen
zu müssen, um zu seiner Leiter zu kommen, seine Eintrittskarte zur Leiter
lag in den Fischpäckchen. Dorschfilets. Sven holte zwei Päckchen heraus,
legte sie auf den Zementfußboden.
„Den müssen Sie sich mal ansehen“, sagte er und hob eine Plastiktüte
heraus, die vor Frost scharf knisterte. Er öffnete sie und holte einen ganzen
Fisch heraus. Ola sah nicht sofort, was für einer es war, merkte jedoch
schnell, dass mit dem Fisch etwas nicht stimmte, da war etwas mit dem
Mund, eine Verstümmelung unter Fischen, dachte Ola zunächst, erkannte
dann jedoch, dass es etwas anderes sein musste.
„Ist das ein Dorsch?“, fragte Ola.
„Ja, schon richtig“, antwortete Sven. „Aber sehen Sie sich die Haut
genauer an, schauen Sie, wie grünlich sie ist. Und hier Sven zeigte das
Rückgrat entlang. Ein heller Streifen verlief von der Mitte des Schädels
zum Steißbein hinab, eine Trennung vom Rest des Fischkörpers und dem
Fleisch. Es war, als stünde der Rücken des Fischs etwas offen und vor, als
gäbe es durch den hellen Streifen keinen Kontakt.
„Man muss sich nicht für Fische interessieren, um zu erkennen, das hier
was nicht stimmt“, meinte Sven. „Sehen Sie sich das Maul an. Ein Dorsch
mit Hasenscharte! Ich glaube kaum, dass die Verletzung von einem
anderen Fisch stammt.“
Eine kurze Melodie ertönte aus einem der Automaten, gefolgt von
mechanischem Jubel und Applaus. Ola spürte, dass ihn schleichend
Müdigkeit übermannte. Jeder Gedanke musste durch eine Watteschicht,
und auf der anderen Seite gab es nichts Schockierendes, nichts, das
wichtig genug gewesen wäre. Sven legte den Dorsch in die Tüte zurück
und sagte Ja, ja. Einer dieser Wattegedanken war, Sven zu fragen, was er
mit dem deformierten Fisch vorhatte, aber er entglitt, und Ola sagte nichts.
Sven knallte den Deckel der Gefriertruhe zu und drückte noch einmal
darauf, um sicher zu sein, dass sie fest verschlossen war. Ola hob die
Filetpäckchen vom Boden auf und merkte, dass es gut tat, ein bisschen
Blut in den Kopf zu bekommen.
„Na gut, die Leiter! Wir werden sie auf dem Traktor festzurren müssen,
dann fahr ich Sie zurück“, sagte Sven.
Nachdem Sven den Traktor abgestellt hatte, verging eine Weile, bis sich die
Waldgeräusche wieder einstellten. Sie machten die Leiter los und nahmen
sie zwischen sich, drehten sich dorthin, wo Olas Fußspuren zu sehen
waren. In diesem Moment hörte er es. Er hörte nichts von der Fichte. Das
Zischeln von der Wurzelwulst drang nicht mehr bis zum Feldweg hinunter
wie am frühen Morgen, als er gegangen war. Hatte der Wind gedreht und
trug das Geräusch nun fort? Ola schritt mit der Leiter so schnell aus, dass
ihn Sven am anderen Ende bitten musste, langsamer zu gehen. Leichter
Wind in den Baumwipfeln, das Knirschen von Schneeschritten, schwere,
kranke Atemzüge von Sven, aber kein Ton von der Wurzelwulst.
Sie legten die Leiter an der Fichte ab. Das Zelt leuchtete im Tageslicht
knallgrün vor dem Hang dahinter. Die Arbeitslampe brannte noch. Oder
war jemand hier gewesen? Von der Wurzelwulst stieg kein Dampf mehr
auf, aber der Bereich nackten Erdbodens war seit dem Frühstück größer
geworden. Sven stand da, atmete. Ola ging zur Wurzelwulst hinunter,
fasste den Bogen an, der vom Waldboden abstand. Weniger warm? Dann
griff er nach der Querwurzel, die von der Wurzelwulst mit der offenen
Wunde fortführte; ja, sie war tatsächlich nicht mehr so warm wie vor
dem Frühstück. Die vulkanische Wunde strahlte noch Wärme ab, aber
es sah eventuell so aus, als wäre die Holzfasermasse jetzt zäher. Er holte
das Taschenmesser heraus, stocherte darin herum. Ja genau, zäher. Der
Prozess war teilweise oder ganz zum Erliegen gekommen. Der Geruch von
Minze war jedoch nicht verflogen.
„Wollten Sie nicht in den Baum hinauf?“, rief Sven, der über die Knie
gebeugt stand und immer noch schwer atmete. Kranker Mann in
der Flur an kranker Fichte. Ola nickte, ging zum Vorzelt und holte die
Plastiktüten für die Zapfenprobe. Er nahm die Dorschfiletpäckchen aus
der Jackentasche. Erneut spürte er das Blut in seinen Kopf steigen; ein
neuer Gedanke, ein frischer Gedanke, und das Frische erzählte ihm,
dass er müde war. Die muss ich hier vergessen, dachte er und ließ die
Fischpäckchen zwischen Rucksack und Zeltbahn auf die Erde fallen.
Sven hustete wieder hässlich. Er sieht nicht gut aus, dachte Ola. Sie
standen kurz zusammen.
„Alles in Ordnung?“, fragte Ola. Sven nickte, blieb aber stehen, als Ola
die Leiter auszog. Er hob sie hoch und schwang sie zum Stamm der
Fichte, ohne auf Svens Hilfe zu warten. Aber das machte nichts, es war
völlig okay, dass Sven nicht aktiv war und sich nicht einmischen wollte. Er
benötigte nur Svens Körpergewicht am Fuß der Leiter, die sich über die
dicken Äste in der Mitte hinweg dorthin streckte, wo der Stamm schmaler
wurde. Von dort aus würde er problemlos an ein paar Wipfelzapfen
herankommen können. Ola las das Bratenthermometer im Stamm ab. 74
Grad. Also steigend. Er wandte sich ein letztes Mal zur Wurzelwulst um,
ehe er den Fuß auf die Leiter setzte. Sven hatte bereits eine Hand auf der
Stufe, als Ola hinaufkletterte.
Seine Finger tasteten. Die Nadeln waren temperiert. Saftiggrün, stark
duftend und temperiert. Er konnte keine abgebrochenen Zweige und
Wunden an dem Stamm erkennen. Sven hustete erneut hässlich. Nach
einigen weiteren Schritten lehnte sich Ola zum Stamm vor. Die Leiter
wackelte. Ola blickte hinab. Sven lehnte sich seitlich gegen die Leiter.
Aus der Vogelperspektive sah es aus, als stützte er die Leiter mit der
Schulter. Oder aber als presste ihn die Leiter auf die Erde. Ola lehnte
sich noch etwas vor, öffnete das Taschenmesser und kratzte leicht an
der Rinde. Keine Zelluloseflecken. Kein Porlingsbefall. Er schnitt einen
Span heraus, legte ihn in die Plastiktüte. Anschließend kratzte er etwas
Holzfasermasse aus der Rindenwunde und legte sie in eine zweite. Eine
neue Hustenattacke vom Erdboden. Ola legte den Kopf in den Nacken,
blickte zu den Trauben von Zapfen hinauf. Auch keine nennenswerte
Kronenausdünnung. Hinauf, die Zapfenprobe holen, hinunter und ein
wenig schlafen vor der Autofahrt nach Hause.
Die Hitze, die vom Baum ausging, war auf seinem Gesicht deutlich
spürbar, wenn er jetzt die Augen schloss, würde er auf der Leiter stehend
einschlafen. Ein leichtes Zittern im Wipfel der Fichte, ein leichtes Raunen
vom Stamm. Eine Krähe flog aus dem Nachbarbaum auf. Ola rieb sich die
Stirn, drückte leicht auf die Augenlider, strich sich über die Wange. Wach
auf!, dachte er. Keine Verfärbung, kein sichtbarer Pilz, kein Nadelverlust,
nichts, nichts. Trotzdem etwas Neues, ein neues, lauter werdendes
Geräusch.
Ein neues, anschwellendes Geräusch aus Schnaufen und Seufzen, etwas
in dem Baum bekam neuen Schwung, reihenweises Zischen, etwas
reagierte in der Holzfasermasse, etwas wollte dort unter der Rinde heraus,
und die Fichte ließ es geschehen, ohne dass die Nadeln braun wurden
und abfielen, es gab nur ein leichtes Zittern, als käme ein Eichhörnchen
angelaufen, aber es war Ola, der die letzten Schritte hinaufstieg, eine
Erhebung zur Zapfenprobe!, und als er das Ende der Leiter erreichte,
packte er einen Ast und hörte Svens gewaltigen Hustenanfall auf
der Erde und zugleich die ersten Laute des ersten Wipfeldampfs, die
Fichte atmete aus und etwas öffnete sich, kleine Risse in der Rinde,
Ola wusste nicht, was, aber der Dampf kam und mit ihm ein Geräusch,
als würde Gas abgelassen, und mit ihm ein neuer Laut von dem, was
im Baum kochte, und zeitgleich ein weiterer Hustenanfall auf der Erde,
und was zitterte jetzt mehr, die Fichte oder die Leiter? Und wenn der
Baum in der Nacht der Sprache mächtig gewesen wäre, was hätte
dann im Schnee geschrieben gestanden, wenn nicht Wir lieben kleine
Handbewegungen, schwankendes Licht in der Dunkelheit und einen
Baum, der gut in der Landschaft steht, nie, nie, nie hatte er Moosfeuer
gesehen, doch jetzt leuchtete eine Flamme auf Moos an der Rinde, hier
flirrte es verdammt nochmal von Moosfeuer! und hier tauchten an allen
Seiten der Fichte dunkle Flecken auf und mit diesen Flecken ergaben sich
neue Denkweisen; ein ahhh unten auf der Erde und Ola sah Sven an der
Leiterwurzel liegen, doch selbst wenn er dachte, ein Notfall, wollte sein
Blick doch hinauf, hinauf! Und er packte einen neuen Ast, dessen Nadeln
kleine Hitzestiche in die Handfläche sandten, gute Hitzestiche und weitere
tiefe Seufzer aus der Baumtiefe, gute Fü.e auf der Leiter, gute Arbeit und
her mit einer weiteren Plastiktüte, das Moos brannte und ein neuerlicher
tiefer Hustenanafall vom Erdboden, die Fichte blubberte und zischte und
die dunklen Flecken waren nichts anderes als ein Peng von Zapfen, die
als dunkle Spuren von Schüssen ihre Äste verließen, peng-peng-peng,
und Ola hörte ein ‚Hilfe’ vom Erdboden, aber das Wort hatte hier oben
nicht die Wirkung, die es dort unten gehabt hätte, denn Ola konzentrierte
sich auf einen Zapfen, der ganze Baum zitterte jetzt, und der Zapfen
fauchte, als wäre das Eichhörnchen böse, ja, es drang Dampf aus den
Zwischenräumen der Zapfenschuppen, und Ola streckte die Hand mit der
geöffneten Tüte aus, und mit guten Füßen auf der Leiter brauchte er den
Zapfen nur mit der anderen Hand abzuzupfen, auch wenn er glühendhei.
war, oh, endlich die Zapfenprobe!, ein Hund bellte in weiter Ferne und Ola
bekam Hilfe von der Fichte, die sich des Zapfens entledigte, den sie mit
einem peng geradewegs in die Tüte schoss, wo er liegen blieb und ein
wenig summte, ehe er sich durch den Boden der Tüte schmolz und zu
Sven hinunterfiel, der regungslos vor der Leiter lag, was Ola jedoch nicht
registrierte, da seine Augen das Fallen des Zapfens verfolgten, während
er merkte, dass er und die Leiter die Fichte verlassen hatten, hinaus in
freie Luft.