David Machado

Die wiederkehrende Nacht des Kommandanten


Als er die Tür des Gebäudes öffnete, bemerkte er das undurchdringliche

Halbdunkel auf den Treppen und schreckte ängstlich zusammen. Sogleich

fuhr er mit der Hand hinter den Rücken, zu der Stelle des Gürtels, wo

er, viele Jahre zuvor, stets den Revolver trug, den man ihm in Moskau

geschenkt hatte, und das Fehlen der Waffe ließ ihm den Atem stocken,

denn er war sich sicher, man würde ihn töten. Er tastete die Wand ab

und drückte mehrfach auf den Lichtschalter bis er begriff, dass er nicht

funktionierte. Da beschwor er den früheren Instinkt eines Guerilla, wurde

ruhig, atmete gleichmäßig und sah ohne Furcht in die Finsternis. Danach

hustete er zweimal und schrie, derart laut, dass das ganze Gebäude

aufhorchte:

„Ihr werdet mich nicht töten, ihr Scheißkerle. Und ihr werdet auch nicht

sehen, wie ich sterbe.”

Einen Arm als Schutz vor dem Gesicht, den anderen ausgestreckt, ging er

vorwärts, in Erwartung, vor ihm erscheine der Feind, stieg Stufe um Stufe

empor, als sei jede die letzte, bis er ohne Beklemmung den Treppenabsatz

des zweiten Stockwerks erreichte, und dort schlug er mit der offenen

Hand wie rasend gegen die Wohnungstür. Die Tür war verschlossen, wie

er sie tags zuvor bei seinem Weggang selbst hinterlassen hatte. In der

Finsternis und der Stille krampfte sich sein Herz zusammen, irgendwo in

den Eingeweiden jedoch fand er den Mut, den Schlüssel ins Schloss zu

stecken und ihn dann umzudrehen. Er öffnete die Tür, trat ein und schloss

sie hinter sich, dann blieb er stehen, die Augen ins Dunkel gerichtet, und

wartete darauf, dass die erste große Kugel aus der Vergangenheit in sein

Fleisch drang. So verharrte er annähernd zwei Minuten, und da nichts

geschah, legte er die Schlüssel auf den Tisch, zog die Jacke aus und warf

sie über einen Stuhl, überquerte den Flur schließlich bis ins Wohnzimmer,

ohne erst noch das Licht anzuschalten, und setzte sich – während er

einen ärgerlichen trockenen Wortschwall ausstieß – in einen der mit

Stammesdecken geschmückten Sessel.

„Die ganze Nacht bleibe ich hier sitzen”, sagte er. „Wenn ihr wollt, könnt

ihr mich umbringen.”

Er hieß António Ferraz und war Krankenpfleger im Hospital São José,

und aufeinanderfolgender Schichten wegen hatte er seit mehr als

sechsunddreißig Stunden nicht mehr geschlafen. Und in Wirklichkeit gab

es niemanden, der ihn töten wollte. Er war derart erschöpft, dass er nicht

hätte sagen können, ob es Morgen oder Nachmittag war, auch erinnerte

er sich nicht, wie er quer über die Hügel gelaufen war, um zur Wohnung

zu kommen, ebensowenig an die grausame Helligkeit des Zwielichts um

acht Uhr abends, dem Augenblick, da er im Bairro Alto ankam, wo er

lebte, und auch der Augenblick, in dem er aus der Stumpfheit erwachte.

Tatsächlich hatte er allen Grund, auf der Hut zu sein, schon lange bevor

er die Tür des Gebäudes öffnete und das Vorgefühl des Halbdunkels

auf den Treppen ihn überkam. Denn je länger er die engen Gassen

des noch ruhigen Viertels durchquerte, desto mehr füllte es sich mit

Reihen schwarzer Soldaten, die ihn von der anderen Seite seiner lange

vergangenen Ängste feierlich grüßten. An einem bestimmten Punkt des

Wegs kam ihm ein unrasierter Offizier mit glasigem Blick entgegen und

sprach ihn an: „Kommandant, lassen Sie uns zum Dickicht hinaufgehen,

sobald der Mond aufzieht.” Er sagte nichts, beschrieb nur mit der Hand

ein Zeichen, dass man ihn für den Rest seines Lebens nicht weiter

behelligen sollte.

Schon in der Wohnung, im Sessel sitzend, als er mit Mentholzigaretten

die Erinnerungen zu verscheuchen suchte, hörte er, wie die Truppen

sich Richtung Norden in Bewegung setzten, hörte einen Chor aus

mehreren Stimmen die Melodie zu einem Tanz singen, und schließlich

hörte er, wie ihm derselbe Offizier unter dem ersten Laub des Urwalds

hervor entgegenschrie: „Bis dann, Kommandant. Wir treffen uns in zwei

Tagen am nördlichen Ufer des Flusses.” Und danach lauschte er auf die

unerträgliche Stille des afrikanischen Gebirges, von dessen Abhängen

noch immer das Blut der letzten Schlacht hinunterrann. Bis, in Lissabon,

das Telefon klingelte.

Am anderen Ende der Leitung hörte er die Stimme seiner Mutter und

wunderte sich, dass es schon Sonntag war, denn immer an diesem Tag

rief sie ihn an. Sie erklärte ihm freilich, dass es nicht Sonntag sei und

auch, dass sie mit zweiundachtzig Jahren keine festgesetzten Tage

brauche, um mit dem einzigen Wesen zu sprechen, das ihr auf der Welt

noch blieb. António sagte nichts weiter und wartete. Die Mutter holte

Atem und erzählte ihm dann, dass sie seit den ersten Morgenstunden

betrübt sei, ohne zu wissen, aus welchem Grund, und dabei ein

seltsames Bedürfnis verspürt habe, mit ihm zu sprechen. Ihre Gabe,

Dinge vorauszusehen, ließe sie aufgeregt hin- und hergehen, klopfenden

Herzens, in der Gewissheit, ein Unglück stehe bevor. Schließlich aber

habe sie begriffen, dass das bevorstehende Unglück bereits geschehen

war, und dass die ganze Aufregung, die sie in ihrer Brust verspürte, nichts

anderes war als ein fernes Echo aus einer anderen Zeit.

„Morgen früh ist es dreiundzwanzig Jahre her, dass du mich angerufen

und geweint hast”, sagte sie. „Du warst in Angola, mitten im Krieg,

und ich hier in Coimbra, an demselben Ort, wo ich schon immer war,

ohne dir helfen zu können. Zuerst dachte ich, du hättest einen Schuss

abbekommen, doch dann erinnerte ich mich sofort, dass ich dich nicht

hatte weinen hören, seit du zwei Jahre alt warst, und da wurde mir klar,

dass es etwas Schlimmeres als eine Kugel sein musste.”

Sie machte eine Pause und wartete darauf, dass der Sohn etwas sagte,

António aber blieb still, und sie sprach weiter.

„Es ist nur eine Erinnerung, ich weiß”, sagte sie. „Jedenfalls, sei vorsichtig

und pass auf dich auf.”

Er verabschiedete sich von der Mutter mit wenigen Worten und legte auf.

Und in diesem Augenblick sah er den Hauptmann Elias Vieira aus dem

Dunkel seines Wohnzimmers hervortreten, das Gesicht voller Schweiß,

den Arm vor der Brust infolge des Splitters einer Mine, die ihn beinahe

getötet hätte, und dabei kaute er dieselbe Kugel Kautabak wie drei

Jahrzehnte zuvor; er überquerte den Holzfußboden und zog das linke

Bein nach, wie António Ferraz ihn immer gekannt hatte, und stolperte

dabei über alles, im Gesicht einen Ausdruck der Überraschung darüber,

mitten in der angolanischen Hochebene auf ein Wohnzimmer zu treffen.

Selbst in der Dunkelheit war nicht zu verkennen, dass er es war.

Sie kannten sich aus der Zeit, als Elias noch Sklave auf dem Gutsbesitz

von Antónios Vater war, und sie waren Freunde geworden an einem

Nachmittag, an dem der Schwarze von dem Aufseher zu fünfzehn

Peitschenhieben verurteilt worden war, weil er revolutionäre Flugblätter

an die anderen Sklaven verteilt hatte. Zu jener Zeit war António Ferraz zu

naiv, um die Aufrührer von den anderen Personen anders als durch ihre

Hautfarbe zu unterscheiden, dennoch erschien ihm die Strafe für einen

einzigen Menschen übertrieben, und so trat er für den Schwarzen ein, der

ihm Tage später dafür dankte, indem er ihm an der Tür seines Zimmers

zwei Bücher zurückließ, die Antónios Leben veränderten: das Kapital

von Karl Marx und eine Sammlung verschiedener Reden Lenins. Einige

Jahre darauf, als António Ferraz nach Luanda zurückkehrte – nach einer

freiwillig in der Sowjetunion verbrachten Zeit, wo er lernte, Flugzeuge

zu steuern, und man ihm alle möglichen Feinheiten der Kunst, eine

Revolution mit den notwendigen Waffen zu versorgen, beibrachte –, traf

er zufällig mit Elias Vieira zusammen, und das Erste, was er ihm sagte,

war: „Ich bin zurück, mein Freund. Nun wird die Peitsche den Besitzer

wechseln.” Elias Vieira sah über die helle Hautfarbe seines früheren

Arbeitgebers und auch über vier Jahrhunderte Tyrannei hinweg und nahm

ihn auf dem Feldzug durch die Urwälder des ganzen Landes mit und

stellte ihn den Truppen überall vor als den Kommandanten Ferraz, kürzlich

aus Moskau eingetroffen, promoviert in Sachen Kriegsführung und

versiert in der reinen kommunistischen Lehre. Ab dieser Zeit war er zu

seiner rechten Hand geworden, zu seinem treuesten Beschützer auf dem

Schlachtfeld und manchmal zu seinem verläßlichsten Vertrauten. Bis zu

dem Tag der einsamen und heimlichen Fahnenflucht des Kommandanten.

Denn danach hatten sie sich, außer in Träumen, nie wieder gesehen.

„Es ist noch zu früh, uns hinzusetzen, Kommandant”, sagte ihm der

Hauptmann Elias Vieira aus seinen ungerufenen Erinnerungen. „Wir sind

nur zu viert, und auf uns beide wird die erste Nachtwache entfallen.”

António Ferraz zündete sich eine weitere Mentholzigarette an und sah

flüchtig zu seinem alten Freund.

„Ich hatte vierzig Stunden lang Dienst in der Klinik”, platzte er heraus.

„Und seit mehr als zwanzig Jahren setze ich keinen Fuß mehr nach Afrika.

Ich will meine Ruhe.”

„Und was machen wir mit diesem Krieg, Kommandant?”

„Was für ein Krieg, Elias? Der Krieg ist zu Ende.”

Der Hauptmann bewegte sich im Dunkel des Wohnzimmers und kauerte

sich mit einem breiten Lächeln neben António Ferraz.

„Kommandant, Sie wissen doch, dass dieser Krieg für immer währt”,

sagte er. Und danach fügte er ohne Eile hinzu: „Ich warte hinter den

Felsen auf Sie. Vergessen Sie die Waffe nicht.”

Dann erhob er sich und verschwand im Nebel des Flurs. Es war beinahe

zehn Uhr, und António Ferraz drehte sich im Sessel herum, um den

überf.lligen Schlaf nachzuholen; auch wenn er schon wusste, dass

es ihm nicht gelingen würde, denn obwohl es auf der Hochebene den

ganzen Tag über geregnet hatte, wurde die nächtliche Luft wieder

lau und schwer wie eine Wolldecke, und die Moskitos stachen nun

erbarmungslos. In der Ferne, von der Küche her, hörte er die heiseren

Stimmen der beiden Soldaten, die zu Abend aßen. Der durchdringende

Geruch nach gekochten Kichererbsen und die sü.lichen Schwaden vom

Schnaps ermutigten ihn. Er verspürte den Drang, vom Sessel aufzustehen

und sich zu ihnen ans Feuer zu gesellen, doch er wischte den Wunsch mit

der Hand weg. Er kannte die beiden gut. Sie hießen Inácio Montenegro

und Zeca Baião, sie waren aus Benguela und vor drei Monaten zu der

Gruppe der Guerillas gestoßen. Ein Jahr später, in der letzten Schlacht,

an der er teilnahm, ehe er durch die Wildnis bis in den Kongo floh, würde

er sie sterben sehen, nicht weit voneinander, durch zwei genau gezielte

Schüsse des Feindes.

Unterdessen aber hörte er sie ganz deutlich sprechen, während sie in der

Küche zu Abend aßen, und danach hörte er, wie sie die Gitarren stimmten

und ein paar einzelne Akkorde griffen, und am Ende konnte er selbst den

Druck jener irrsinnigen Sehnsucht nicht länger ertragen und schrie:

„Zeca!”

„Ja, Kommandant.”

„Spielt etwas von Sofia Rosa.”

Und sie spielten. Und da wurde der Kommandant António Ferraz endlich

ruhig, wenn auch nur für kurze Augenblicke. Er träumte von den Kranken

in der Klinik, die lebend durch eine Tür hereinkamen und tot durch eine

andere verließen, bis er schließlich gegen Mitternacht, sachte von der

Hand Elias Vieiras geschüttelt, aus dem Wiegen des endlosen Liedes

erwachte.

„Drei Soldaten sind mit einem Gefangenen eingetroffen, Kommandant”,

sagte der Hauptmann zu ihm.

António Ferraz sah den anderen durch die Zeit hindurch an und

antwortete ihm aus der Tiefe seiner verwirrten Seele.

„Der Gefangene hier bin ich”, sagte er. „Lasst mich in Ruhe.”

Der Hauptmann Elias Vieira erklärte, dass er nichts lieber täte als

dies, dass er es jedoch nicht könne, der Befehl nämlich käme direkt

vom Präsidenten, und es sei dringend geboten, ihn auszuführen. Das

Sendschreiben, das den Häftling begleitete, war kurz und derart klar, dass

António Ferraz es für den Rest seines Lebens im Gedächtnis behalten

sollte: Aus keinem anderen Grund als dem der düsteren Unterschrift

des Präsidenten sollte der Gefangene in der ersten Morgenstunde

erschossen werden. Der Hauptmann wollte gerade sagen, wie der Mann,

den man zum Sterben hierher gebracht hatte, hieß, da unterbrach der

Kommandant ihn noch rechtzeitig.

„Ich verbiete Ihnen, noch einmal den Namen dieses Mannes zu nennen”,

schrie er. „Ich kenne ihn seit mehr als zwanzig Jahren.”

„Sehr wohl, Kommandant. Aber da ist noch ein anderes Problem.”

Da streckte António Ferraz seinen Arm aus und knipste die Lampe an,

die sich auf dem Tischchen neben dem Sessel befand, ein trauriges

Licht breitete sich langsam im Wohnzimmer aus, und der Horizont der

angolanischen Nacht wurde betörend. Er stand auf, nahm jedoch eine

der Stammesdecken mit, die über dem Sessel lagen, um sich vor dem

unbezwinglichen Wind der Hochebene zu schützen. Er ging einen Schritt

nach vorn, und seine Augen waren etwa eine Handbreit vom Gesicht des

Hauptmanns Elias Vieira entfernt.

„Es gibt kein weiteres Problem”, sagte er mit einem tiefen Seufzen. „Ich

weiß, was Sie mir nun entgegnen wollen, doch ich sage Ihnen gleich, dass

ich um sechs Uhr zweiundvierzig in der Frühe keinen weiteren Schuss

auf den Kopf dieses Unglücklichen abgeben werde, der schon einmal

gestorben ist.”

Der Hauptmann Elias Vieira legte eine Hand auf die Schulter des

Kommandanten und drückte sie freundschaftlich.

„Ich weiß, dass es schwerfällt, Kommandant”, antwortete er. „Doch es ist

sonst niemand da.”

António Ferraz wusste ebensogut wie der Hauptmann, dass es

keinen anderen gab. Die drei Männer, die den Gefangenen gebracht

hatten, würden essen, was von den Kichererbsen des Abendessens

übriggeblieben war, und später ins Dorf auf der anderen Seite des Tals

zurückkehren; Inácio Montenegro und Zeca Baião waren noch viel zu

unerfahren, um ihnen jenen düsteren Befehl zu erteilen; und die verletzte

Hand des Hauptmanns Elias Vieira machte es ihm unmöglich, eine Waffe

mit jener unheilvollen Präzision zu bedienen, die diese Aufgabe verlangte.

Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass er einen Menschen tötete,

schließlich hatte er an genügend bewaffneten Auseinandersetzungen

teilgenommen, um zu wissen, dass wenigstens eines der Projektile, die er

abgefeuert hatte, jemanden getroffen hatte. Es war jedoch das erste Mal

gewesen, dass er die Waffe auf einen unbewaffneten Menschen richtete.

Er erinnerte sich an all die Predigten über die Revolution, die er vor so

vielen Jahren in Moskau erlernt hatte, und fühlte schon jetzt, wie sein

Herz raste bei den Anweisungen zur Exekution von Verrätern, Feinden

und anderer Hindernisse zur Umsetzung der Doktrin. Vor allem verstand

er nicht, warum man ihn zwang, denselben Menschen dreiundzwanzig

Jahre später noch einmal zu töten, statt ihn sein eigenes Leben in Ruhe

beschließen zu lassen.

Wieder setzte er sich in den Sessel, eingerollt in die Decke, und löschte

das durchscheinende Licht der Lampe. Im Dunkel des Wohnzimmers

suchte er nach dem verlorenen Frieden, doch er fand bloß den bebenden

Taumel der Erinnerungen. Da stimmte er dieselbe Klage von einst an.

„Elias, lassen Sie mich in Ruhe”, sagte er. „Ich werde umhergetrieben in

diesem Meer von riesigen Wellen, und das einzige, was ich möchte, ist,

an festes Land zu kommen. Lassen Sie mich heute Nacht schlafen, ohne

Erinnerung an andere Nächte.”

Das Gesicht des Hauptmanns Elias Vieira tauchte aus der Finsternis auf

wie ein erbärmlicher Engel.

„Ich würde Sie gerne in Ruhe lassen, António”, sagte er. „Wir beide aber

wissen sehr gut, dass man sterben muss, um seine Ruhe zu haben.”

Danach verschwand er wieder im Dunkel des Wohnzimmers, António

Ferraz hörte noch, wie er einen unnützen Rat hinzufügte: „Ruhen Sie sich

aus, Kommandant, bis der Tag anbricht. Ich werde die Wache alleine

übernehmen.”

Der Kommandant zündete sich eine weitere Zigarette an, obwohl er in

seinem Innern schon wusste, dass nicht einmal der milde Geschmack

des Menthol ausreichen würde, um die Schrecken der Vergangenheit zu

vertreiben, viel weniger die Gewissheit dessen, was sich in den ersten

Minuten des Morgens abspielen würde. Die folgenden Stunden über

versuchte er vergeblich einzuschlafen, doch jeden Augenblick wurde er

aufgestört von den unsichtbaren Geräuschen der Wildnis, vom fernen

Donnern des Himmels, vom schallenden Gelächter Inácio Montenegros

und Zeca Baiáos. Um drei Uhr morgens sah er einen wilden, frei

herumlaufenden Hund im Halbdunkel zwischen dem ausgeschalteten

Fernseher und der Wand, und kurz darauf hörte er ganz deutlich die

Stimme des Gefangenen, die auswendig gelernte Strophen von Arlindo

Barbeitos an die Wolken der Hochebene richtete. Er war kurz davor,

in dieses letzte Deklamieren einzustimmen, doch er dachte, dies

würde bedeuten, sich von der aufwühlenden Erinnerung an jenen fern

zurückliegenden Tag für besiegt zu erklären. Er stand auf und schrie:

„Bleibt doch alle hier in diesem Krieg. Ich werde diesmal früher

desertieren.”

Er lief durch die Wohnung, als wüsste er nicht, wo er war, auf der Suche

nach einem Ausgang aus diesem früheren Angola, sofort aber begriff

er, dass die Türen für immer bis zum folgenden Morgen verschlossen

blieben. So ging er zu der Tür des Badezimmers, wo der Gefangene

eingesperrt war und in den Worten des Dichters Mut fand, mit dem Vorsatz,

sie einzutreten und dem Mann, der schon einmal gestorben war, die Flucht

zu ermöglichen. Nur um ihn nicht ein zweites Mal töten zu müssen. Und

in diesem Zustand erregter Beklemmung fand ihn der Hauptmann Elias

Vieira und legte einen Arm um ihn, damit er sich beruhige und zu schlafen

versuche, während er ihm aufs äußerste verbittert antwortete, dies sei es,

was er am meisten tun wolle, dass aber der Schuss, den er in wenigen

Stunden abgeben werde, es nicht erlaube; und der Hauptmann führte ihn

ganz vorsichtig ins Dunkel, zwischen den Felsblöcken der Hochebene und

den englischen Möbeln hindurch, die er von seinem Onkel geerbt hatte,

bis er ihn wieder in den Sessel setzte und ihm die Schnapsflasche reichte,

mit der er die Nächte zuzubringen pflegte, in denen er Wache schob, damit

er wieder zu Kräften käme. Der Kommandant trank widerspruchslos und

fühlte dabei dasselbe Brennen aus jener anderen Zeit durch seine Kehle

rinnen, die Speiseröhre hinunter, und da sagte er noch einmal:

„Lassen Sie mich in Ruhe, mein Freund. Bitte.”

Der Hauptmann pflichtete ihm mit dem Kopf bei, stand auf und hinkte ins

Dunkel.

„Ich wecke Sie, wenn es soweit ist”, sagte er, bevor er sich auflöste.

António Ferraz rührte sich nicht in der afrikanischen Nacht seiner Wohnung,

völlig aufgelöst, in einer entsetzlichen, schwindelerregenden Unruhe.

Noch immer saß er so da, ohne zu schlafen, als der Hauptmann Elias Vieira

gegen sechs Uhr morgens mit einer kleinen Kanne Kaffee und einem Stück

trockenen Brots vor ihm erschien. Er biss ein Stückchen von dem Brot ab

und trank zwei Schlucke Kaffee, und danach warf er den Rest verzweifelt

auf den Boden aus Erde und Dielen. Als er dem Hauptmann die leere

Kanne reichte, gab ihm dieser den Revolver zurück, denselben, den man

ihm in der sowjetischen Hauptstadt geschenkt hatte, und hielt ihn dabei

wie eine tausendjährige Relique in beiden Händen. Er sah die Waffe und

erschrak. Dennoch nahm er sie und legte sie in den Schoß.

„Es ist soweit, Kommandant”, verkündete der Hauptmann.

Er sah seinen alten Freund an, schon ohne Kraft, jener unabänderlichen

Verdoppelung des Schicksals noch länger zu widerstehen, und stand auf,

der Revolver hing ihm von der Hand.

„Gehen wir”, sagte er. Und gefolgt von dem Hauptmann ging er ins Dunkle.

Zeca Baião erwartete sie an der Tür zum Badezimmer, noch immer

aufgeschreckt von der Morgendämmerung, wobei er einen gewissen

feierlichen Ernst in der Haltung seines Körpers offenbarte. Sowie er ihn

sah, räumte der Kommandant mit dessen Illusionen auf.

„Es hat keinen Zweck, hier wie ein Minister herumzustehen”, sagte er ihm.

„Was geschehen wird, ist eine widerwärtige Angelegenheit, eine Sache

von Hyänen. Machen Sie die Tür auf.”

Der Soldat sagte nichts, er schlug die Augen nieder und zog den

rostigen Schlüssel aus der Tasche, den er danach dazu benutzte, um

das Vorhängeschloss aufzuschließen. Er löste den Riegel von den

Ketten und stieß die Tür auf. Dort drinnen war die Dunkelheit noch

undurchdringlicher, die Anwesenheit des Gefangenen nur an seiner

Stimme bemerkbar, die Barbeitos’ Verse zu den Kacheln hin murmelte.

Zeca Baião trat ein. Und ein paar Sekunden später kam er mit einem

zwei Meter großen Schwarzen heraus, dem man die Hände gebunden

hatte und dessen Augenbraue blutete. Niemand sagte etwas, und der

Hauptmann Elias Vieira machte ein Zeichen, ihm zu folgen, während die

ersten Strahlen des neuen Tags allmählich die Hochebene füllten. Sie

gingen etwa dreißig Meter, dann blieben sie stehen. Der Hauptmann

zwang den Gefangenen, auf dem Boden niederzuknien. Und von dieser

Seite der Zeit, in alle Ewigkeit befleckt von den Anfällen der Erinnerungen,

hielt der Kommandant António Ferraz seinen Revolver an die rechte

Schläfe des Mannes und tötete ihn zum zweiten Mal mit einem Schuss

seines eigenen Elends.

Danach setzte er sich in seinem Lissabonner Wohnzimmer wieder zitternd

in den von Stammesdecken geschmückten Sessel, griff zum Telefon und

wählte die Nummer seiner Mutter in Coimbra. Die Tränen liefen ihm das

Gesicht herab.