Ich habe meinen Vater ein einziges Mal in meinem Leben weinen sehen.
Das war in einem Wäldchen, einer hügeligen Landschaft, Buchen,
aufgeschossene Lebensbäume, Brennnesselgebüsch, der Boden
überwuchert von Giersch, der sich in dieser gutgedüngten Erde üppig
ausgebreitet hatte, dünnbl.ttriger, hellgrüner Schattengiersch, alles
wie Friedhofsefeu überdeckend. In diesem Krautfeld irrten wir herum,
meine Mutter, mein Vater und ich, ihr jüngstes Kind, ich in meinem
halbwüchsigen, zwölfjährigen Körper immer zwischen den beiden, wir
drei in einer parkartigen Hügellandschaft am Rande von O., irgendwo
im Nordosten von Polen. Irgendwann blieb mein Vater stehen, mitten
im Giersch, er kannte sich nicht mehr aus, er blieb stehen, krümmte
sich, dieser kleine, kräftige Mann, und gab ein schnaubendes Geräusch
von sich, ein Stoßatmen, ein Geräusch, das ich zunächst nicht ganz
einordnen konnte, bis das Atmen von einem fast kindlich hohen Ton
begleitet wurde, dieser Ton, dieses Schnauben erinnerten mich an seine
zurückgehaltenen Wutausbrüche, eine in den ungelesenen Stapeln der
Heimatbriefe des Kreises T. kultivierte Wut, „Land der dunklen Wälder“,
eine Wut, die sich in zerknitterten, aber nie zerfetzten Zeitungen jäh Luft
machen wollte, und die doch meist nur in dem kräftigen, gespannten
Körper eingesperrt blieb, mein Vater, der die Zeitung zusammenfaltet,
den Leitartikel, mein Vater, der den Spiegel zwar lesen, aber nicht
unterstützen will und der das Magazin deshalb immer dienstags an
den Kollegen D. weiterverkauft, mein Vater, der die Frankfurter mit
einer Mischung aus Unglauben und Ungeduld knittert, als wollte er das
Geschriebene verändern, die Buchstaben durcheinanderschütteln, der
das Blatt zusammenfaltet auf ein Sechzehntel, ein Zweiunddreißigstel
seiner Größe, das zusammengestauchte Blatt aus dem Liegen auf den
Wohnzimmertisch wirft, von der Couch aufspringt, um im Wohnzimmer
und im angrenzenden Esszimmer energisch auf und ab zu gehen und
dabei die Möbel, die lederbezogenen, nietenbeschlagenen Esstischstühle
zu verrücken, die Couchgarnitur, Sessel für Sessel, zentimeterweise, so
dass in dem Wohnzimmerteppich die Abdruckmarken der Sesselfü.e
in dem Teppichgewebe sichtbar werden, die schlaflosen Nächte, mein
Vater, der sich im Bett herumwirft, um drei, um vier Uhr nachts, der
tagsüber auf der Couch mit der Zeitung auf dem Gesicht oder der Brust
einschläft, aber sofort aufwacht, wenn man das Radio ausstellt, dann
erst sah ich, dass dem alten, gekrümmten Mann, der vor mir im Giersch
stand, meinem rhythmisch schluchzenden Vater, Tränen über die Backen
liefen und ihm unten von seinem gestutzten, grauweiß melierten Vollbart
herab auf die alles üppig überdeckende Vegetation tropften.
Mein Vater hatte sich diesen Bart vor der Reise schneiden lassen, hatte
meine Mutter an einem der letzten Arbeitstage vor den Ferien gebeten,
ihm morgens, bevor er ins Institut fuhr, die borstigen, schwarzgrau
melierten Haare zu scheren, die kurz vor der Schur meist so lang waren,
dass sie in einem eigenwilligen Bogen die Oberlippe zu überragen
begannen, mein Vater, der die Suppenschale abstellt und sich mit dem
Handrücken, mit der Serviette über den Mund fährt, über die Lippen,
um die Barthaare von den Resten der Fischsuppe, der Gemüse- oder
Erbsensuppe zu befreien, kleine Lachs- oder Mohrrübenstückchen in
den Stoff der Serviette wischend, für die Bartschur bekam er eine Art
improvisierten Frisierkittel umgehängt, den gleichen, der uns Kindern
für die verhasste Haarschneideprozedur umgehängt wurde, oder war es
ein großes Handtuch, im Frühjahr und Sommer setzte sich mein Vater
mit nacktem Oberkörper auf den Küchenstuhl, die abgeschnittenen
Barthaare fielen auf seine stark bewachsene, ungeschorene Brust,
auf den mächtigen Bauch, die schlanken Beine. Meine Mutter schnitt
also meinem Vater den Bart und das Kopfhaar oder was davon auf
dem energischen, wohlgeformten Schädel meines Vaters noch nicht
ausgefallen war, die beiden unterhielten sich dabei in gedämpftem, fast
zärtlichem Ton miteinander, immer wieder unterbrochen von dem kurzen,
warnenden Aufstöhnen meines Vaters, wenn sich die Haare in der Schere
verklemmten.
Wenige Stunden bevor wir im Giersch stehen geblieben waren, hatte das
Wort Achottachottachott für mich eine neue Färbung bekommen, seit
dem Tag im Giersch war es nicht mehr nur mit den Liedern verknüpft,
„Land der du-hunklen Wälder/ über weite Felder/ lichte Wu-hunder
gehen“. Achottachott kannte ich von meinem Vater, das Wort hatte für
mich immer einen heimeligen Klang gehabt, obwohl mein Vater es nur in
besonderen Momenten gebrauchte, nie in den wenigen Momenten einer
wirklichen Angst, Achottachott war kein Alltagswort, es war immer ein
Heimatwort geblieben, etwas von früher, mein Vater war Professor für
Experimentalphysik, reiste nach China und Amerika, er hielt Diavorträge,
dafür wurde er in einem Wagen abgeholt, einem Wagen mit Fahrer, wie
er gerne betonte, um dann in Plön oder Preetz in wissenschaftlichen
Vereinen oder waren es Volkshochschulen oder die Rotarier oder
sonst eine Bildungseinrichtung, um vor diesem Publikum von Japan,
einer fernöstlichen Gesellschaft im Umbruch zu erzählen, ein Wort
wie Achottachott kam ihm dabei nicht über die Lippen. Höchstens im
Kreise der Familie wurde dieses Wort gebraucht, neben Worten wie
Striezel oder Zagel, möchtest du Zagelchen, sagt mein Vater, wir sitzen
am Esstisch, es gibt Forelle, trocken Brot schlucken, gegen die im
Hals steckengebliebene Gräte, ich möchte lieber keine Forelle, meine
Großmutter, sagt mein Vater, hat mir immer Zagelchen gegeben, da
sind keine Gräten, sagt er und schiebt die sorgfältig herausgelösten
Filetstücke aus dem Fischschwanz auf meinen Teller. Achottachott,
Striezel und Zagel führten bei uns eine Schattenexistenz, am schattigen
Ende unseres Gartens wucherte durch die Hecke der Giersch in die
sauber angelegten Beete hinein, aus dem kleinen baumbestandenen
Streifen kommend, der die Gärten der Reihenhäuser von der
Umgehungsstraße trennte, meine Mutter verbrachte Stunden damit, die
Wurzelgeflechte auszugraben und eimerweise zurück hinter die Hecke
zu kippen, in der hinteren Ecke des stets überfüllten Zeitungstisches
stapelten sich die Heimatbriefe des Kreises T., im Bücherregal standen
zwei dicke, in den neunziger Jahren erschienene Bildbände mit
historischen Aufnahmen aus O., auf dem Rücken dieser Bildbände
prangte der deutsche Name T., ein Name, den dieser Ort sich kurz vor
1933 verliehen hatte, zuvor hatte er M. geheißen, was der nationalistisch
gesinnten Bevölkerung aber entschieden zu polnisch geklungen hatte,
sodass man erst dem Kreisstädtchen und 1933 auch dem zugehörigen
Kreis den Kunstnamen T. verliehen hatte, die Bände bestanden vor allem
aus Schwarzweißaufnahmen des Ortes T. oder M. oder O., wie Kreis
und Stadt seit 1945 geheißen hatten, die Bilder stammten fast alle aus
der Zeit vor 1945 und zeigten ein malerisches Kleinstädtchen am See,
beigelegt das Faksimile eines historischen Stadtplans.
Am Morgen des gleichen Tages, also bevor wir auf dem ehemaligen
Friedhof von O. umherirrten, hatte mein Vater etwas erzählt, von dem
er zuvor nie berichtet hatte, wir suchten zu dritt den Ort auf, an dem
nach Auskunft meines Vaters das Haus, die Fleischerei seiner Eltern
gestanden hatte, die ich auch als Zwölfjähriger schon aus Erzählungen
kannte, die Blutwurst, die Leberwurst, jetzt war dort nur eine Art
Baulücke, ein sandiger Platz zwischen Häusern, auf der einige Autos
abgestellt waren, dahinter ein Flüsschen, in meiner Erinnerung gibt es
am Ende der Baulücke etwas Schilfgrün. Ich erinnere mich auch an den
langgezogenen See, und an einen Abbau, wie in der Heimatsprache
meiner Eltern einzelne Gehöfte oder kleine Ansammlungen von
Bauernhäusern hießen, ein Abbau, der früher einmal einen Dorfnamen
getragen hatte, etwas, das auf -itten oder -itzko endete, inzwischen war
dieser Ort von den Landkarten verschwunden, stundenlang suchten wir
nach diesem Abbau östlich von O., jenseits des Sees, schließlich fanden
wir auf einem Brachfeld eine Ansammlung von flechtenbewachsenen
Apfelbäumen, einige behauene Grundsteine, die noch in Rechtecken
lagen, vereinzelte Ziegel, oder war das der Tag gewesen, an dem ich
mich geweigert hatte mitzukommen, in der Unterkunft geblieben war,
und meine Eltern hatten mir lediglich lebhaft von dieser Suche erzählt.
Unweit der Baulücke, dem Ort, an dem mein Vater als kleiner Junge
gelebt hatte, liefen wir am Vormittag über den großen Platz des
Städtchens, die Sonne schien, mein Vater zeigte auf ein Haus mit
einer Art Vortreppe, die zu einem Hochparterre führte und erzählte
dann von einer Episode, die er als sechsjähriger Junge beobachtet
hatte, nie zuvor hatte mein Vater davon gesprochen und auch danach
habe ich diese Episode nie wieder gehört, ganz anders als bestimmte
andere Geschichten, sein frühes Erfolgserlebnis, von dem er immer
wieder erzählte, die Lunge eines Vogels, an den Seiten die Luftsäcke.
Da vorne, sagte mein Vater, als wir über den riesigen Marktplatz von
O. gingen, immer nach Spuren Ausschau haltend, nach erinnerten
Gebäuden, alten Schriftzügen an Häusern, da vorne in diesem Haus
habe sich ein Krämer- oder Kaufmannsladen befunden, oder sonst ein
Laden, und er habe einmal als kleiner Junge gesehen, halb so alt wie
du jetzt bist, sagte er zu mir, wie zwei uniformierte Männer den Besitzer
des Ladens abführten. Ich kann mich erinnern, wie der Ladenbesitzer
sich die Wange gehalten hat, sagte mein Vater. Die Wange gehalten
und Achottachottachott gesagt, während er abgeführt worden sei, so
mein Vater. Ich erinnere mich nicht mehr, ob mein Vater erzählt hat, zu
welcher Tageszeit er das beobachtet hatte, aber wenn ich mir diese
Szene vorstelle, oder mich daran erinnere, wie ich mir damals diese
Begebenheit als Zwölfjähriger vorgestellt habe, ist es taghell, oder es ist
früher Abend, „Land der dunklen Wälder/ und kristallnen Seen“, sangen
wir auf den großen Familienfesten, den Taufen, Konfirmationen, den
silbernen Hochzeiten, rund um die mit dem Gartentisch verlängerte
Festtafel sitzend, wir Kinder am Katzentisch, eigentlich unser mit
weißem Leinen überdeckter Wohnzimmertisch, in den Bildbänden die
Badestelle, Aufrisszeichnungen aller Gebäude rund um den Marktplatz
von O., Schwarzweißaufnahmen der kleinen Stadtläden und Geschäfte.
Wenige Stunden später liefen wir über den hügeligen, gierschüberwachsenen
aufgelassenen Friedhof von O., meine Mutter und ich
stützten den weinenden Mann von beiden Seiten, wir hatten eine
Art Lichtung gefunden, steinerne Kreuze, anstelle des Gierschs
umgewehtes, graugrünes Schattengras, eine Art Heldenfriedhof aus
dem ersten Weltkrieg, meine Mutter und ich im Kieler Hauptbahnhof,
in der von den Abgasen der Dieselloks und wahrscheinlich noch von
dem Rauch der früheren Dampfloks rußschwarzen Bahnhofshalle, sie
drückt mir eine Zehnpfennigmünze in die Hand und fordert mich auf, die
Münze in den Schlitz der verplombten Blechdose zu stecken, die der
graugekleidete Mann mit lautem Klötern in regelmäßigen Abständen
einmal ruckartig aufschüttelt, wir drei stolperten hügelauf zwischen
Buchenstämmen und verwilderten Lebensbaumhecken hindurch,
über Grabeinfassungen hinweg, mir merkwürdig klein erscheinende,
steinerne, von Brennnesseln und Brombeerranken überwucherte
Grabeinfassungen, bis mein Vater schließlich stehen blieb, hier könne
es gewesen sein, das Grab seines Vaters, eines Fleischermeisters, der
kurz vor dem Krieg, oder kurz vor dem Kriege, wie mein Vater sagte,
nach einem Arbeitsunfall an einer Blutvergiftung gestorben war, und ich
im Schaufenster gesessen, sagt mein Vater, in einer Hand die Blutwurst,
in der anderen die Leberwurst, eine Attraktion gewesen, ich als kleiner,
kräftiger Junge im Schaufenster der Fleischerei, die Leute gekommen
deswegen, um mich im Schaufenster anzuschauen, jetzt war mein Vater
stehen geblieben, meine Mutter nahm einen Stock, oder sie hatte eine
Zeitung dabei, die sie dafür zusammenrollte, jedenfalls legte sie eine
etwa grabgroße Fläche frei, mein Vater begann zu weinen, unter dem
umgeknickten Stängeln des Gierschs konnte ich Grabeinfassungen
erkennen, sie lagen quer zu der freigelegten Fläche, mein Vater weinte
das erste Mal in seinem Leben, oder genauer, er tat das, was ich nicht
sofort als Weinen erkannte, ein hohes, rasches, wie unterdrücktes
Schnaufen, das ich weder von ihm noch von einem anderen Menschen
jemals wieder gehört habe.