Paul Brodowsky

Im Giersch


Ich habe meinen Vater ein einziges Mal in meinem Leben weinen sehen.

Das war in einem Wäldchen, einer hügeligen Landschaft, Buchen,

aufgeschossene Lebensbäume, Brennnesselgebüsch, der Boden

überwuchert von Giersch, der sich in dieser gutgedüngten Erde üppig

ausgebreitet hatte, dünnbl.ttriger, hellgrüner Schattengiersch, alles

wie Friedhofsefeu überdeckend. In diesem Krautfeld irrten wir herum,

meine Mutter, mein Vater und ich, ihr jüngstes Kind, ich in meinem

halbwüchsigen, zwölfjährigen Körper immer zwischen den beiden, wir

drei in einer parkartigen Hügellandschaft am Rande von O., irgendwo

im Nordosten von Polen. Irgendwann blieb mein Vater stehen, mitten

im Giersch, er kannte sich nicht mehr aus, er blieb stehen, krümmte

sich, dieser kleine, kräftige Mann, und gab ein schnaubendes Geräusch

von sich, ein Stoßatmen, ein Geräusch, das ich zunächst nicht ganz

einordnen konnte, bis das Atmen von einem fast kindlich hohen Ton

begleitet wurde, dieser Ton, dieses Schnauben erinnerten mich an seine

zurückgehaltenen Wutausbrüche, eine in den ungelesenen Stapeln der

Heimatbriefe des Kreises T. kultivierte Wut, „Land der dunklen Wälder“,

eine Wut, die sich in zerknitterten, aber nie zerfetzten Zeitungen jäh Luft

machen wollte, und die doch meist nur in dem kräftigen, gespannten

Körper eingesperrt blieb, mein Vater, der die Zeitung zusammenfaltet,

den Leitartikel, mein Vater, der den Spiegel zwar lesen, aber nicht

unterstützen will und der das Magazin deshalb immer dienstags an

den Kollegen D. weiterverkauft, mein Vater, der die Frankfurter mit

einer Mischung aus Unglauben und Ungeduld knittert, als wollte er das

Geschriebene verändern, die Buchstaben durcheinanderschütteln, der

das Blatt zusammenfaltet auf ein Sechzehntel, ein Zweiunddreißigstel

seiner Größe, das zusammengestauchte Blatt aus dem Liegen auf den

Wohnzimmertisch wirft, von der Couch aufspringt, um im Wohnzimmer

und im angrenzenden Esszimmer energisch auf und ab zu gehen und

dabei die Möbel, die lederbezogenen, nietenbeschlagenen Esstischstühle

zu verrücken, die Couchgarnitur, Sessel für Sessel, zentimeterweise, so

dass in dem Wohnzimmerteppich die Abdruckmarken der Sesselfü.e

in dem Teppichgewebe sichtbar werden, die schlaflosen Nächte, mein

Vater, der sich im Bett herumwirft, um drei, um vier Uhr nachts, der

tagsüber auf der Couch mit der Zeitung auf dem Gesicht oder der Brust

einschläft, aber sofort aufwacht, wenn man das Radio ausstellt, dann

erst sah ich, dass dem alten, gekrümmten Mann, der vor mir im Giersch

stand, meinem rhythmisch schluchzenden Vater, Tränen über die Backen

liefen und ihm unten von seinem gestutzten, grauweiß melierten Vollbart

herab auf die alles üppig überdeckende Vegetation tropften.

 

Mein Vater hatte sich diesen Bart vor der Reise schneiden lassen, hatte

meine Mutter an einem der letzten Arbeitstage vor den Ferien gebeten,

ihm morgens, bevor er ins Institut fuhr, die borstigen, schwarzgrau

melierten Haare zu scheren, die kurz vor der Schur meist so lang waren,

dass sie in einem eigenwilligen Bogen die Oberlippe zu überragen

begannen, mein Vater, der die Suppenschale abstellt und sich mit dem

Handrücken, mit der Serviette über den Mund fährt, über die Lippen,

um die Barthaare von den Resten der Fischsuppe, der Gemüse- oder

Erbsensuppe zu befreien, kleine Lachs- oder Mohrrübenstückchen in

den Stoff der Serviette wischend, für die Bartschur bekam er eine Art

improvisierten Frisierkittel umgehängt, den gleichen, der uns Kindern

für die verhasste Haarschneideprozedur umgehängt wurde, oder war es

ein großes Handtuch, im Frühjahr und Sommer setzte sich mein Vater

mit nacktem Oberkörper auf den Küchenstuhl, die abgeschnittenen

Barthaare fielen auf seine stark bewachsene, ungeschorene Brust,

auf den mächtigen Bauch, die schlanken Beine. Meine Mutter schnitt

also meinem Vater den Bart und das Kopfhaar oder was davon auf

dem energischen, wohlgeformten Schädel meines Vaters noch nicht

ausgefallen war, die beiden unterhielten sich dabei in gedämpftem, fast

zärtlichem Ton miteinander, immer wieder unterbrochen von dem kurzen,

warnenden Aufstöhnen meines Vaters, wenn sich die Haare in der Schere

verklemmten.

 

Wenige Stunden bevor wir im Giersch stehen geblieben waren, hatte das

Wort Achottachottachott für mich eine neue Färbung bekommen, seit

dem Tag im Giersch war es nicht mehr nur mit den Liedern verknüpft,

„Land der du-hunklen Wälder/ über weite Felder/ lichte Wu-hunder

gehen“. Achottachott kannte ich von meinem Vater, das Wort hatte für

mich immer einen heimeligen Klang gehabt, obwohl mein Vater es nur in

besonderen Momenten gebrauchte, nie in den wenigen Momenten einer

wirklichen Angst, Achottachott war kein Alltagswort, es war immer ein

Heimatwort geblieben, etwas von früher, mein Vater war Professor für

Experimentalphysik, reiste nach China und Amerika, er hielt Diavorträge,

dafür wurde er in einem Wagen abgeholt, einem Wagen mit Fahrer, wie

er gerne betonte, um dann in Plön oder Preetz in wissenschaftlichen

Vereinen oder waren es Volkshochschulen oder die Rotarier oder

sonst eine Bildungseinrichtung, um vor diesem Publikum von Japan,

einer fernöstlichen Gesellschaft im Umbruch zu erzählen, ein Wort

wie Achottachott kam ihm dabei nicht über die Lippen. Höchstens im

Kreise der Familie wurde dieses Wort gebraucht, neben Worten wie

Striezel oder Zagel, möchtest du Zagelchen, sagt mein Vater, wir sitzen

am Esstisch, es gibt Forelle, trocken Brot schlucken, gegen die im

Hals steckengebliebene Gräte, ich möchte lieber keine Forelle, meine

Großmutter, sagt mein Vater, hat mir immer Zagelchen gegeben, da

sind keine Gräten, sagt er und schiebt die sorgfältig herausgelösten

Filetstücke aus dem Fischschwanz auf meinen Teller. Achottachott,

Striezel und Zagel führten bei uns eine Schattenexistenz, am schattigen

Ende unseres Gartens wucherte durch die Hecke der Giersch in die

sauber angelegten Beete hinein, aus dem kleinen baumbestandenen

Streifen kommend, der die Gärten der Reihenhäuser von der

Umgehungsstraße trennte, meine Mutter verbrachte Stunden damit, die

Wurzelgeflechte auszugraben und eimerweise zurück hinter die Hecke

zu kippen, in der hinteren Ecke des stets überfüllten Zeitungstisches

stapelten sich die Heimatbriefe des Kreises T., im Bücherregal standen

zwei dicke, in den neunziger Jahren erschienene Bildbände mit

historischen Aufnahmen aus O., auf dem Rücken dieser Bildbände

prangte der deutsche Name T., ein Name, den dieser Ort sich kurz vor

1933 verliehen hatte, zuvor hatte er M. geheißen, was der nationalistisch

gesinnten Bevölkerung aber entschieden zu polnisch geklungen hatte,

sodass man erst dem Kreisstädtchen und 1933 auch dem zugehörigen

Kreis den Kunstnamen T. verliehen hatte, die Bände bestanden vor allem

aus Schwarzweißaufnahmen des Ortes T. oder M. oder O., wie Kreis

und Stadt seit 1945 geheißen hatten, die Bilder stammten fast alle aus

der Zeit vor 1945 und zeigten ein malerisches Kleinstädtchen am See,

beigelegt das Faksimile eines historischen Stadtplans.

 

Am Morgen des gleichen Tages, also bevor wir auf dem ehemaligen

Friedhof von O. umherirrten, hatte mein Vater etwas erzählt, von dem

er zuvor nie berichtet hatte, wir suchten zu dritt den Ort auf, an dem

nach Auskunft meines Vaters das Haus, die Fleischerei seiner Eltern

gestanden hatte, die ich auch als Zwölfjähriger schon aus Erzählungen

kannte, die Blutwurst, die Leberwurst, jetzt war dort nur eine Art

Baulücke, ein sandiger Platz zwischen Häusern, auf der einige Autos

abgestellt waren, dahinter ein Flüsschen, in meiner Erinnerung gibt es

am Ende der Baulücke etwas Schilfgrün. Ich erinnere mich auch an den

langgezogenen See, und an einen Abbau, wie in der Heimatsprache

meiner Eltern einzelne Gehöfte oder kleine Ansammlungen von

Bauernhäusern hießen, ein Abbau, der früher einmal einen Dorfnamen

getragen hatte, etwas, das auf -itten oder -itzko endete, inzwischen war

dieser Ort von den Landkarten verschwunden, stundenlang suchten wir

nach diesem Abbau östlich von O., jenseits des Sees, schließlich fanden

wir auf einem Brachfeld eine Ansammlung von flechtenbewachsenen

Apfelbäumen, einige behauene Grundsteine, die noch in Rechtecken

lagen, vereinzelte Ziegel, oder war das der Tag gewesen, an dem ich

mich geweigert hatte mitzukommen, in der Unterkunft geblieben war,

und meine Eltern hatten mir lediglich lebhaft von dieser Suche erzählt.

 

Unweit der Baulücke, dem Ort, an dem mein Vater als kleiner Junge

gelebt hatte, liefen wir am Vormittag über den großen Platz des

Städtchens, die Sonne schien, mein Vater zeigte auf ein Haus mit

einer Art Vortreppe, die zu einem Hochparterre führte und erzählte

dann von einer Episode, die er als sechsjähriger Junge beobachtet

hatte, nie zuvor hatte mein Vater davon gesprochen und auch danach

habe ich diese Episode nie wieder gehört, ganz anders als bestimmte

andere Geschichten, sein frühes Erfolgserlebnis, von dem er immer

wieder erzählte, die Lunge eines Vogels, an den Seiten die Luftsäcke.

Da vorne, sagte mein Vater, als wir über den riesigen Marktplatz von

O. gingen, immer nach Spuren Ausschau haltend, nach erinnerten

Gebäuden, alten Schriftzügen an Häusern, da vorne in diesem Haus

habe sich ein Krämer- oder Kaufmannsladen befunden, oder sonst ein

Laden, und er habe einmal als kleiner Junge gesehen, halb so alt wie

du jetzt bist, sagte er zu mir, wie zwei uniformierte Männer den Besitzer

des Ladens abführten. Ich kann mich erinnern, wie der Ladenbesitzer

sich die Wange gehalten hat, sagte mein Vater. Die Wange gehalten

und Achottachottachott gesagt, während er abgeführt worden sei, so

mein Vater. Ich erinnere mich nicht mehr, ob mein Vater erzählt hat, zu

welcher Tageszeit er das beobachtet hatte, aber wenn ich mir diese

Szene vorstelle, oder mich daran erinnere, wie ich mir damals diese

Begebenheit als Zwölfjähriger vorgestellt habe, ist es taghell, oder es ist

früher Abend, „Land der dunklen Wälder/ und kristallnen Seen“, sangen

wir auf den großen Familienfesten, den Taufen, Konfirmationen, den

silbernen Hochzeiten, rund um die mit dem Gartentisch verlängerte

Festtafel sitzend, wir Kinder am Katzentisch, eigentlich unser mit

weißem Leinen überdeckter Wohnzimmertisch, in den Bildbänden die

Badestelle, Aufrisszeichnungen aller Gebäude rund um den Marktplatz

von O., Schwarzweißaufnahmen der kleinen Stadtläden und Geschäfte.

 

Wenige Stunden später liefen wir über den hügeligen, gierschüberwachsenen

aufgelassenen Friedhof von O., meine Mutter und ich

stützten den weinenden Mann von beiden Seiten, wir hatten eine

Art Lichtung gefunden, steinerne Kreuze, anstelle des Gierschs

umgewehtes, graugrünes Schattengras, eine Art Heldenfriedhof aus

dem ersten Weltkrieg, meine Mutter und ich im Kieler Hauptbahnhof,

in der von den Abgasen der Dieselloks und wahrscheinlich noch von

dem Rauch der früheren Dampfloks rußschwarzen Bahnhofshalle, sie

drückt mir eine Zehnpfennigmünze in die Hand und fordert mich auf, die

Münze in den Schlitz der verplombten Blechdose zu stecken, die der

graugekleidete Mann mit lautem Klötern in regelmäßigen Abständen

einmal ruckartig aufschüttelt, wir drei stolperten hügelauf zwischen

Buchenstämmen und verwilderten Lebensbaumhecken hindurch,

über Grabeinfassungen hinweg, mir merkwürdig klein erscheinende,

steinerne, von Brennnesseln und Brombeerranken überwucherte

Grabeinfassungen, bis mein Vater schließlich stehen blieb, hier könne

es gewesen sein, das Grab seines Vaters, eines Fleischermeisters, der

kurz vor dem Krieg, oder kurz vor dem Kriege, wie mein Vater sagte,

nach einem Arbeitsunfall an einer Blutvergiftung gestorben war, und ich

im Schaufenster gesessen, sagt mein Vater, in einer Hand die Blutwurst,

in der anderen die Leberwurst, eine Attraktion gewesen, ich als kleiner,

kräftiger Junge im Schaufenster der Fleischerei, die Leute gekommen

deswegen, um mich im Schaufenster anzuschauen, jetzt war mein Vater

stehen geblieben, meine Mutter nahm einen Stock, oder sie hatte eine

Zeitung dabei, die sie dafür zusammenrollte, jedenfalls legte sie eine

etwa grabgroße Fläche frei, mein Vater begann zu weinen, unter dem

umgeknickten Stängeln des Gierschs konnte ich Grabeinfassungen

erkennen, sie lagen quer zu der freigelegten Fläche, mein Vater weinte

das erste Mal in seinem Leben, oder genauer, er tat das, was ich nicht

sofort als Weinen erkannte, ein hohes, rasches, wie unterdrücktes

Schnaufen, das ich weder von ihm noch von einem anderen Menschen

jemals wieder gehört habe.