Cesare stellte den Sack auf dem Boden ab, steckte eine Hand in die Hosentasche und
blieb in der Tür stehen. Die Frau saß leicht vom Tisch abgerückt.
Sie hantierte mit der Nadel und markierte gerade mit einem weißen Faden den Saum
einer Hose. Sie trug ein Kleid in gedeckten Farben, unter anderem Gelb. An den
Füßen Pantoffeln aus Holz und Leder.
Cesare ließ den Blick über die rissigen Wände gleiten, die von Katzenkrallen
zerkratzten Stühle und Möbelunterteile, den Gussstein mit den angeschlagenen
Rändern.
Vom einzigen Fenster breitete sich das Licht in der Küche aus, in der es warm war und
sich Stoffe stapelten. Auf dem Tisch lag ein grünes Wachstuch.
„Du bist aber dünn geworden.”
Cesare sah, dass sie ihn musterte.
Er nickte, dann machte er zwei Schritte auf sie zu und drückte ihr einen flüchtigen
Kuss auf die Stirn.
„Steht dir gut”, sagte sie und streifte über den Ärmel seiner Jacke, „es ist kalt dieses
Jahr.”
Cesare ging zum Fenster, öffnete es und ließ seinen Blick auf die von der
Oktobersonne beschienene Gasse fallen. Vereinzelt stand noch Basilikum auf einem
Fensterbrett, eine Geranie, ein Topf mit Lorbeer. Es wunderte ihn nicht, dass seine
Mutter sich mit den Jahreszeiten fernab vom Meer nicht auskannte.
Eine der Nachbarinnen, eine dicke Frau mit schütterem Haar, lehnte sich heraus, um
nachzusehen, wer gekommen war. An ihrem Geländer hing ein weißes Laken mit
einem tabakbraunen Flicken.
„Marco?” fragte Cesare, ohne sich umzuwenden.
Eine rote Katze sprang auf die Brüstung.
„Hat sich eingeschifft.”
Cesare wandte sich um: Die Frau hatte gerade einen neuen Faden an die Lippen
geführt.
„Er ist nach Marseille. Eine Woche später hat er angerufen, dass er was gefunden hat.
Seit vier Monaten ist er fort.”
Cesare rückte einen Stuhl zurecht und setzte sich. Sie warf ihm einen raschen Blick zu.
„Er hat schon zweimal Geld geschickt. Er sagt, sie zahlen ihn gut.”
Cesare zog die Jacke aus und ließ sie auf die Lehne hinabgleiten. Er füllte seine
Lungen, und sein grauer Wollpullover spannte sich über die breiten, hageren
Schultern. Durch das Fenster drangen Straßengerüche. Jetzt war die Küche kälter und
deutlicher wahrnehmbar.
„Setzt du einen Kaffee auf?”
Ohne ihn anzusehen, erhob sich die Frau, ging zum Gussstein und begann die
Kaffeemaschine zu füllen.
Cesare dachte daran, dass diese Geste sich bei ihr mit den Jahren nicht verändert hatte,
und einen Augenblick lang stellte er sie sich als junges Mädchen vor: schwarze,
uneinnehmbare Augen, flinke Füße, die dunkle, glänzende Haut der Araber, von
denen sie abstammte.
Diese Augen und diese Haut mussten für seinen Vater ein starker Köder gewesen sein.
Sie mussten sich tief in seinen Bauch gegraben haben, bis er schließlich die Oliven
aufgab und Netze auswerfen ging und das Gespür für den Ackerboden, das einzige
Gut von Leuten seines Schlages, verlor.
Er dachte, dass er nie dasselbe tun würde.
Das Zischen des Streichholzes zerteilte die Stille, dann breitete sich der gute Geruch
von verbranntem Holz und Schwefel im Raum aus. Sie stellte die Kaffeemaschine auf
die blaue Flamme und blieb mit dem Rücken zu ihm stehen, als würde sie etwas von
der Wand ablesen.
Eine Katze reckte ihre schmale Schnauze hinter dem Türpfosten hervor.
Cesare schaute sie an: Ihr eines Auge war grün, das andere strohgelb.
Er ließ eine Hand nach unten gleiten. Träge kam die Katze näher und begann, sie zu
lecken. Die Frau schenkte eine Tasse ein und ließ einen Zuckerwürfel in das Schwarz
des Kaffees fallen.
„Jetzt musst du zusehen, dass auch du dir ein Leben aufbaust”, sagte sie.
Cesare senkte den Blick zur Katze.
Ihre raue Zunge hatte bei dem fehlenden Finger Halt gemacht, als wüsste sie, wie viele
Finger ein Mensch haben muss.
Er schlief den ganzen Nachmittag und träumte Dinge, die sich nachts abspielten, aber
wegen des Mondlichts klar zu sehen waren.
Er sah seinen Bruder Marco, der ihn mit einem Katzengesicht über den Wasserspiegel
hinweg ansah, und einen dicken Mann, der eine Hand hinter dem Rücken versteckte.
Er wusste, wegen des Mondlichts, dass in der Hand etwas war, womit er ihm weh tun
konnte.
Er sah Adele mit blutverschmierten Beinen über ein Seil gehen, das über den Fluss
gespannt war, und dass es ihr nicht gelang, sich fallen zu lassen. Alles, was er sah, sah
er von oben herab und in absoluter Stille, abgesehen von einem Herzschlag, der weder
zu ihm noch zu sonst jemandem gehörte.
Um fünf ging er aus dem Haus und machte sich auf den Weg hinab zur Kathedrale.
In der Stadt wurde gebaut, und aus den Baugruben blitzten Metallrohre hervor. In den
Straßen mischten sich Gerüche von wilden Rosen, Exkrementen, Geranien und
brackigem Meerwasser. Die Wäsche, die von den Balkonen herabhing, regte sich wie
ein Amulett an der Tür eines Hauses, das von Krankheit befallen war.
Als er zu dem Platz kam, setzte er sich auf die Stufen an der Kirche.
Vor der Bar an der Ecke gingen ein paar Jugendliche in glänzenden, schweren Jacken
auf und ab. Die Mädchen hatten Haare, die wie eingeölt auf die Stirn gepresst waren.
Auf den grauen Rollladen hinter ihnen hatte jemand ein Keltenkreuz geschmiert und
den Schriftzug Juden, JUVE, eine Schlange, die sich aufrichtete, um einen Nagel zu
verschlucken.
Er schaute auf die Kirchturmuhr, steckte sich was zu rauchen in den Mund und
machte sich auf den Weg zur Società Operaia.
Unter der Laube saß Ermanno, der, als er ihn kommen sah, ein wenig Roten in ein
Glas goss.
Sie tranken, und über das Glas hinweg erkannte Cesare, dass er älter geworden war
und seine Augen Glanz und Farbe verloren hatten.
„Die Mimosen?” fragte er.
Ermanno wandte sich zum Meer. Von der Terrasse des Lokals sah man nur ein Stück
blaues Wasser.
„Das Jahr ist gut.”
Auch Cesare hielt Ausschau: In der Ferne zog ein Schiff vorbei. Zwei Segler nutzten
den ablandigen Wind und legten schnurgerade von der Küste ab.
„Gehn wir rüber?” fragte er.
Ermanno nahm eine Zigarette aus der Brusttasche und steckte sie sich an.
„Nachdem dir das passiert ist, hat sich keiner mehr getraut. Es geht nur noch, wer zu
Ferrinda gehört. Eine Tour von denen bringt hundertmal mehr als unsere
erbärmlichen, und die Gendarmen haben auch ihren Teil.”
In der Ecke der Terrasse kam zwischen Stapeln von Obstkisten eine kleine, silbern
glänzende Maus hervorgeschlüpft. Cesare verfolgte sie, bis sie schließlich in einem
Schachtdeckel ein Loch fand und sich fallen ließ.
„Ich werde die Höhenwege nehmen, oberhalb von Col del Lup.”
Ermanno schaute ihm fest in die Augen.
Die Sonne begann sich zu neigen. Man sah es am Gelb, das die Dinge umhüllte.
„Und wenn ich es gewesen wäre, der dich in der Nacht damals hat auffliegen lassen?”
Cesare sog langsam den Rauch ein und ließ ihn tief in den Bauch hinab, damit er sich
mit dem Wein mischen konnte. Er starrte auf seine Hand. Sie lag ruhig auf der
Tischplatte, wie ein Instrument, dem eine Saite fehlt.
Vom alten Feigenbaum trug der Wind einen weichen, lauen Geruch herüber.
Cesare kippte den restlichen Schluck Rotwein aus seinem Glas hinunter und stand auf.
„Sorg dafür, dass es sich herumspricht”, sagte er, „ich warte.”
Um sechs ging er zum Strand hinunter und ließ sich auf dem Kies nieder.
Das Meer war ruhig und flach.
Gleich hinter dem Safrangelb eines Mimosenbaums sah er den Hafen von Menton, im
Dunst die Häuser von Montecarlo und den dunklen Bogen von Cape d’Antibes.
Er steckte sich eine Zigarette an und zog sich aus, während er sie rauchte.
Als er zum Ufer lief, trat er auf vertrocknete Algen, die voller Seeflöhe waren.
Schließlich ging er ins Wasser.
Er verharrte einige Minuten, das Wasser bis zur Taille, die Füße im Sand, und sah den
Kondensstreifen der Flugzeuge nach, die sich langsam auflösten, während die
untergehende Sonne sie entzündete wie Glut.
Er musste an die zwei Tunesier von der Nacht damals denken.
Der Kopf des einen war gleich beim ersten Schuss in die Luft geflogen, der andere
hingegen war langsam, wie von einer Klinge durchbohrt, zusammengesackt.
Als er dann hörte, dass das Gewehr nachgeladen wurde, dachte er, es gelte ihm: Er
blieb stehen und wartete, ohne dass es ihm leid tat um sich.
Statt dessen umringten sie ihn, und bevor ihm die Augen zuschwollen, sah er noch,
wie die Abzeichen auf ihren Uniformen in der aufgehenden Sonne wie Diamanten
funkelten.
Zuletzt hatten sie ihm auf einem Stein den Finger abgetrennt, mit einem kleinen
Messer und einem Hackentritt auf die Klinge.
Der Inspektor auf dem Kommissariat hatte ruhig mit ihm gesprochen: Wenn er erst
wieder draußen sei, müsse er die beiden Tunesier vergessen und den Beruf wechseln.
Dann hatte er ihm eine Hose bringen lassen, damit er seine, die voller Urin war,
wechseln konnte.
Die Sonne versank hinter der Bergkette von Menton, und der Strand lag jetzt im
Schatten. Cesare blickte in die Höhe: Eine Stummelreihe von vier Möwen und einer
fünften kurz dahinter folgte der Küste wie einer Piste.
Er tauchte ins Wasser ein und spürte alle seine Muskeln wieder. Wie die Teile einer
Pistole, die lange in einen Lappen gewickelt war und mit einem prächtigen lauten
Klacken einschnappt, wenn man sie wieder zusammensetzt.
Die ganze Woche machte er dasselbe.
Am Morgen stand er spät auf, da er sich in der Zelle angewöhnt hatte, nur am Tag zu
schlafen. Dann aß er in der Küche, während ihm seine Mutter etwas über das Wetter
oder die Geranien erzählte oder von einem Einkauf mit dem Geld, das sein Bruder ihr
geschickt hatte.
Nach dem Essen ging er aus dem Haus. Er rauchte, wenn er die Gasse zur Stadtmauer
hochging, wo er sich hinsetzte, um den Möwen zuzuschauen. Oder er ging zum Fluss
hinunter und fütterte die Gänse mit Brot.
Die Gänse waren elegant und schnell, die Schwäne plump, die Möwen bösartig wie
Seelen, die für etwas büßen müssen.
Ihm war es am liebsten, wenn die Gänse die Brocken bekamen.
Um fünf ging er wieder zur Altstadt hinauf, wechselte ein paar Worte in einer Bar.
Niemand fragte ihn nach der Zeit davor, er sagte nichts über die Zeit danach.
Gegen Abend ging er ans Meer, an den Strand von Malachia, und badete. Es war ein
kalter, aber wolkenloser Oktober. Danach trocknete er sich mit dem Pullover ab und
wechselte die Badehose hinter einem Boot.
Abends aß er Suppe und Brot, trank von dem Cognac, den ein Verwandter auf Besuch
dagelassen hatte. Seine Mutter hielt währenddessen einen Schwatz mit anderen Frauen
am Brunnen.
Sie sprachen über Männer, die nicht da waren, über Tote, über Ehemänner und Söhne,
die auf hoher See waren oder unten am Strand gerade zum Fischen ausliefen.
Spät stieg er noch einmal zur Stadtmauer hinauf, betrachtete die Lichter, die im
großen Bogen auf das Meer hinauszogen, berechnete die Kurven, um herauszufinden,
wie lang ihre Netze und auf welchen Fang sie aus waren.
Von hier oben sah die Küste bis nach Frankreich wie eine Lampionschlange aus. Die
Autos fuhren sie lautlos entlang wie Finger über Stoff.
Am Sonntag klingelte das Telefon, und seine Mutter sagte ihm, es sei für ihn. Er erhob
sich vom Bett und nahm den Hörer. Die Frau senkte den Kopf und ging weg.
„Ja.”
„Hier Ermanno.”
„Ja.”
„Es gibt Arbeit.”
„Wie viele?”
„Zwei.”
Er suchte in seiner Brusttasche etwas zu rauchen, fand aber nichts.
„Von wo?”
„Osten.”
Er überlegte, wie der Mond stand: Morgen musste er ins erste Viertel gehen. Ermanno
am anderen Ende wartete.
„Heute abend.”
„In Ordnung”, schloss Ermanno.
Auf dem Weg zurück ins Zimmer kreuzte sein Blick den der Mutter, die mitten in der
Küche stand.
Er wusste, was es hieß, alt zu werden, mit dem Geruch leer stehender Häuser.
Er lächelte sie bemüht an, dann senkte er den Blick und ging zu den Zigaretten, die er
auf der Kommode hatte liegen lassen.
Es war nach zehn Uhr, als er die schon leere Bar betrat.
Adele machte mit dem Rücken zu ihm gerade die Kaffeemaschine sauber. Im Dunkeln
hinter der großen Fensterscheibe bewegte sich das Meer.
„Un pastis, s’il vous plait.”
Adele nahm die Flasche 51, dann drehte sie sich um, warf zwei Eiswürfel ins Glas und
goss auf, aber ihre Bewegung wurde langsamer und kam zum Stillstand.
Mit einer Hand strich sie sich die dunkelblonden Haare aus der Stirn, und Cesare fuhr
mit seiner Hand durch seine kurzen, dunklen.
Sie lächelte.
„Sie stehen dir nicht besonders, so kurz.”
„Ich weiß.”
Sie servierte ihm den Pastis.
„Schenk dir doch auch was ein.”
Adele goss einen Cognac in ein niedriges Glas und begann es zu schwenken, ohne den
Blick zu heben.
Vom Flipper sahen ab und zu zwei Jungs herüber.
„Was sind das für welche?” fragte Cesare und deutete mit dem Kinn auf sie.
„Slawen.”
Sie tranken.
„Was ist?”
„Du hast dich nicht verändert.”
„Doch, ich habe mich verändert.”
Ein Kunde trat ein. Er bestellte einen Kaffee mit Schuss. Cesare trank weiter seinen
Pastis.
Der Mann sagte so etwas, wie dass er der letzte Tourist der Saison sei. Sie lächelte eine
Spur zu breit. Einer der Slawen kam, um Jetons zu wechseln. Dann waren sie wieder
allein.
„Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll”, sagte sie und schaute ins leere Glas.
„Macht nichts. Ich frage dich ja nichts.”
Sie öffnete ein wenig die Lippen, ohne zu lächeln, und zeigte ihre unregelmäßigen
Zähne.
Ihre Schultern waren mager geworden, wie bei manchen Tieren, die vom Arbeiten
wacher und flinker werden. Cesare zündete sich eine Zigarette an. Auf der Promenade
gingen einzelne Seniorenpärchen vorüber.
„Möchtest du noch einen?”
Sie wandte sich um und griff nach der Flasche 51. Unter der gespannten Bluse erahnte
Cesare ihre kleinen, harten Brüste, im Schwarz ihres kurzen Rocks den flachen Bauch
und die knochigen Hüften. Den ganzen Körper, den er kannte. Im Radio lief jetzt ein
französisches Lied, das sich nach zwei verschiedenen Liedern anhörte.
Sie tranken, wischten sich mit der Hand über den Mund, holten Luft, dann schaltete
Adele das Radio ab.
„Wenn ich dich mal besucht hätte dort drüben, wäre es einfacher jetzt.”
„Es wäre dasselbe.”
Die slawischen Jungs schauten zum Tresen herüber, sagten etwas zueinander und
verließen das Lokal. Hinter ihnen roch es nach Tabak und gegerbtem Leder.
In den letzten Kurven der Serpentine schaltete Cesare die Vespa herunter. Die Nacht
war finster. Die Lichter von Camporosso unter ihnen vibrierten. Die Kalkmasse des
Berges oberhalb sah aus wie ein seit Jahrhunderten schlafender, fluoreszierender Gott.
„Hier ist es”, sagte Adele, „der kleine Weg hinter den Bäumen.”
Cesare bog in die Zufahrt ein und hielt vor dem Gitter am Ende des Weges.
Sie gingen die Treppe hinauf.
Durch die Tür ging Cesare als zweiter, und entweder er musste sie gestreift haben,
oder ihr Duft war so stark, dass er sie bei sich spürte.
Sie machte das Licht an: Es war ein kleines, längliches Zimmer. Ein rotes Sofa. Fotos
an den Wänden. Sie schenkte etwas zu trinken ein, dann legte sie ihre Bluse ab, zog
Cesare den blauen Pullover aus und näherte sich ihm, bis ihr Bauch den von Cesare
berührte.
Sie blieben stehen, die Gläser in der Hand, ihre Haut voneinander getrennt wie heiße,
verschiedene Metalle, die sich nicht mischen können.
Cesare fuhr eine Linie entlang, die ihr das Licht bis zum Hüftansatz über den mageren
Bauch zeichnete.
„Du kannst nicht bis morgen früh bleiben”, sagte Adele und strich ihm mit der Hand
über das Gesicht.
Cesare nahm einen ihrer Finger zwischen seine Lippen und fühlte kalt den Ehering auf
der Zunge.
„Ich werde schon viel früher weg sein”, sagte er.
Um zwei war er bei der alten Mühle.
Die Vespa ließ er in einem Olivenwäldchen stehen und stieg zum Mast hinauf. Das
Laub machte im Dunkeln ein unerklärliches Geräusch. Es war windstill.
Ermanno wartete auf ihn, den Rücken an der Mauer. Als er ihn sah, machte er zwei
Schritte auf ihn zu und drückte ihm die Hand.
„Um sechs erwarten sie dich in Castel.”
Cesare nickte und machte seine Jacke zu.
Ermanno gab einen kaum hörbaren Pfiff von sich, und das Laub hinter ihnen bewegte
sich.
Zwei Gestalten traten hervor: eine winzig klein und dünn, die andere noch dünner,
aber sehr groß.
„Wegen dem Geld komm morgen vorbei”, sagte Ermanno, aber Cesare war schon weg,
die beiden Männer hinter ihm, wie an einem Faden gezogen.
Wortlos gingen sie voran, wie von Gerüchen geleitete blinde Tiere, und als die Berge
oberhalb von Menton in Sicht kamen, hielten sie an.
Cesare gab den beiden Männern ein Zeichen, sich zu setzen, er zog aus seiner Jacke
Cognac hervor und reichte ihn weiter. Für einen Augenblick hörte das Keuchen der
beiden auf, dann setzte es gleichmäßig wieder ein.
Hinter dem Berg drängten die Lichter der Küste gegen den Himmel, wie um ihn
aufzustoßen. In einer halben Stunde würden sie das Meer sehen.
Im selben Moment hörte er, wie sich oberhalb von ihnen etwas bewegte.
Er duckte sich, und die Illegalen machten dasselbe. Er begriff, dass es Soldaten sein
mussten, weil ihre Schritte forsch gewesen waren.
Sie verharrten reglos.
Sehr fern nur der Schrei eines Vogels, vielleicht im nächsten Tal.
Er dachte schon, er hätte sich getäuscht, aber dann sah er sie.
Sie waren zu zweit und kamen auf halber Höhe den Hang herab. Sie trugen etwas auf
dem Rücken.
Einige Jahre zuvor war der Hang abgebrannt worden, und vor dem kahlen Gipfel und
dem Himmel, der eine andere Nuance von Schwarz hatte, zeichneten sich klar ihre
Silhouetten ab.
Cesare schätzte die Geschossbahnen ab: Sie würden sie genau in den Mund treffen.
Er fühlte, wie ihm das Blut in die Schläfen stieg und dagegen drückte, als wolle es
heraus.
Er dachte schnell wie ein Hund: Er packte die beiden, zog sie hoch und hechtete
hinter eine Reihe niedriger Büsche.
Er hörte den Aufprall seines eigenen Körpers und dann noch zwei weitere dumpfe
Schläge. Die Illegalen waren also auch gesprungen. Er stand wieder auf und lief
geradeaus bergab, bis die erste Kugel den Boden vor ihm aufwirbelte. Von da an wich
er seitwärts aus.
Es fielen noch drei Schüsse, dann wurde sein Atem so heftig, dass er nichts mehr
hörte. Vor sich ahnte er einen Graben, er setzte zum Sprung an, aber die Steine unter
seinen Füßen rutschten weg, und er fiel auf die Seite.
Ein Stein bohrte sich in seine Rippen. Er kniff die Augen vor Schmerz zusammen, und
als er sie wieder öffnete, sah er schemenhaft, wie der Große über ihn hinwegsprang
und im Dunkel verschwand.
Er hörte Schritte näherkommen.
Er kauerte auf dem Grund des Grabens. In seiner Tasche tastete er nach dem Messer
und hielt mit den Fingern die Klinge fest, damit sie beim Aufspringen kein Geräusch
machte.
Aus seiner Seite floss kein Blut, aber der Schmerz schnitt ihm die Luft ab.
Er schaute auf den Himmel, der immer noch schwarz war, und bereute es, dass er sich
für diese mondlose Nacht entschieden hatte.
Da sah er über sich einen ausgestreckten Arm mit einer Pistole in der Hand.
Er packte ihn, riss den Mann nach vorn und versuchte, ihn zu treffen.
Er spürte, wie das Messer durch den Stoff drang und auf etwas Festes stieß, dann hörte
er den Körper auf dem Boden aufschlagen und von einem entfernteren Stein den
Widerhall vom Metall der Pistole. Danach brach über diesen Punkt der Welt eine
tosende Stille herein.
Der Mann lag am Boden, verschwommen im Dunkeln.
Cesare machte einen Schritt, das Messer fest in der Hand. Er beugte sich vor.
Ein Lichtstrahl blitzte auf, und seine Wange öffnete sich, als hätte die Zunge sie ihm
von innen aufgerissen.
Er fiel nach hinten, und als er wieder auf die Beine gekommen war, sah er, dass der
Mann aufgestanden war und wie in einem Spiegel vor ihm stand. Er musste auf einer
Seite eine tiefe Wunde haben, denn seine Silhouette war zur Seite geneigt.
Cesare führte eine Hand an seine Wange und tastete den Schnitt ab, der bis zum Ohr klaffte.
Was daraus hervorlief, fühlte sich nicht wie Blut an, sondern wie das klebrige und
übelriechende Wasser aus dem Bauch von ans Ufer gezogenen großen Fischen.
Der andere stürzte sich auf ihn.
Cesare fühlte, wie der Stahl der Klinge in seinen Arm bis auf den Knochen drang, wie
ihm ein elektrischer Schlag durchs Mark fuhr und ein Schwall über seine Haut rann.
Er wich ein paar Schritte zurück, als könnte er sich vom Schmerz entfernen.
Er spürte in dem Mann den Willen zu töten, so wie man in einem dunklen Zimmer
einen vertrauten Gegenstand wahrnimmt. Einen durch nichts getrübten Willen, der
dem seinen aufs Haar glich.
Er schluckte schwer und machte einen Satz nach vorn. Der Mann wich aus, aber fiel
zu Boden.
Cesare verlor sein Messer, doch mit einem Ruck war er auf ihm. Sein Schlag zielte auf
das Gesicht, und er hörte, wie unter seinen Knöcheln die Nase brach.
Der Mann bäumte sich auf, versuchte, ihn abzuwerfen, aber Cesare hatte sein ganzes
Gewicht auf die Hände gestützt, die er jetzt dem anderen um den Hals schloss.
In diesem Moment spürte er den Geruch des Blutes, und seine Hände ließen locker.
Er trat zwei Schritte zurück und sah auf den Körper, den er vor sich hatte.
Das Licht war jetzt schon mehr als nur ein Schimmer, und die Umrisse der Dinge
traten aus dem Dunkel hervor. Er ließ sich zu Boden gleiten und setzte sich. Die
Kronen der Olivenbäume im Osten färbten sich silbern. Er fischte eine abgebrochene
Zigarette aus seiner Jacke und steckte sie sich in den Mund.
Marco sah ihn an, die Hand auf die Seite gepresst. Seine Haare waren kurz wie seine
eigenen, und er hatte sich einen Schnurrbart wachsen lassen wie ihr Vater.
Aus einem Brombeerstrauch flogen zwei Drosseln auf und pfiffen in der Luft.
Das Meer unter ihnen war violett und fern.
Die kleinen Boote steuerten ihre Häfen an. Jetzt, wo es hell wurde, dachte Cesare,
brauchten sie ihre Lichter nicht mehr, aber sie waren schön.