Ich steige die Treppe hinauf. Vielleicht macht es mir Mühe, aber das ist schwer zu
sagen. Zusammen mit einigen Lichtorgelreflexen folgt mir die Musik von der
Tanzfläche bis zum ersten Treppenabsatz durch die feuchte, süßliche Treibhausluft. Ich
sollte mir das T-Shirt wieder anziehen, sage ich mir und wundere mich über so einen
vernünftigen Gedanken. Dann, als ich zum zweiten Absatz hochgehe, ist da noch ein
rhythmisches, ein wenig beunruhigendes Wummern, als ob ein Riese im Untergrund
wütend die Fäuste zusammenschlägt. Ich wende mich nicht um, sondern gehe
entschlossen weiter. In unterschiedlicher Höhe sitzen immer wieder welche auf den
Stufen wie Bergsteiger, die vor dem Gipfel aufgegeben haben. Mit weit aufgerissenen
Augen schauen sie auf, als würde ein Gespenst an ihnen vorübergehen. Aber ich bin
Arme, bin Hände, verquollene Augen und sprießender Bart, fühllose Beine und
Turnschuhe, die im leicht fahlen, grauen Licht, das jetzt vom Eingang im Erdgeschoss
hereinfällt, einen Schritt vor den anderen setzen. Ungefähr Mittag. Die Außenwelt ist
im ersten Moment ein überbelichtetes Video auf dem senkrechten Bildschirm der
Clubtür. Vor der ist jetzt nur noch eine dünne Kordel, und ein Typ auf einem Hocker,
der mir einen Flyer für nächsten Sonntag hinstreckt. „Alles klar?“ fragt er, bevor er die
Kordel wegnimmt. Draußen mache ich ein paar langsame, unsichere Schritte, wie ein
Astronaut, der zu seinem Gewicht zurückfindet. Die Ohren, über Stunden von
elektronischen Bässen geformt, tun sich schwer, sich wieder an die Geräusche der
Wirklichkeit zu gewöhnen. Wenn ich die Kraft hätte, etwas zu empfinden, wäre es
vermutlich Hass auf diesen Verkehrslärm, die heiseren Stimmen irgendwelcher Leute,
die gerade eben aufgetaucht sind und auf dem Gehweg herumstehen, die der
wartenden Taxifahrer, die mich fragen, wo ich hinmöchte. Nein danke, antworte ich
und gehe zur Bushaltestelle.
Ich halte darauf zu. In der halbwegs lauen Luft, unter einem blässlichen Himmel
kommen mir nur wenige Leute entgegen und ein paar Typen, die joggen. Mein Bus,
so der Fahrplan für Sonn- und Feiertage an der Haltestelle, wird frühestens in zehn
Minuten kommen. Ich schließe die Augen. Mache Bekanntschaft mit der Ewigkeit:
eine Wartezeit, die nicht, die einfach nicht ausgefüllt werden kann. Ich, so leer wie ein
Auto mit einem Loch im Tank. Irgendwo hinter mir habe ich den Flyer des Lokals auf
den Boden geworfen. Das ist gegen meine Prinzipien, aber ein müder Körper hält sich
bekanntlich nicht einmal an Prinzipien. Ich gehe weiter. Ein Stück weiter vorn, wenn
ich mich recht erinnere, kommt ein kleiner Laden, wo man Saft oder einen Joghurt-
Drink kaufen kann. Noch ein Stück weiter, nach der Busfahrt, nach dem
Nachhausekommen, sehe ich nur noch meinen süßen, rituellen Chillout vor mir: ein
heißes Bad, chinesischen Grüntee, eine softe CD; den Nachmittag auf dem Sofa mit
irgendeiner Videokassette, darauf warten, dass die Amphetamine runterkommen und
der Schlaf sich wie eine leichte Ansteckung in mir ausbreitet.
Dann, ein gewaltiger Lärm. Von schreienden Stimmen, Schlägen gegen Rollläden,
dumpfen metallischen Stößen, wie von Körpern, die gegen Motorhauben geschleudert
werden. Ich halte inne, halb zur Einmündung der schmalen Straße gedreht, an der ich
eben vorbeigegangen bin, aus der jetzt die Schlägereigeräusche kommen. Aus dem
Nichts, wie in einem Ambient-Stück plötzlich eine Gitarre. Weiter hinten sehe ich
noch die Bushaltestelle, wo ein paar Leute warten, ungerührt, vielleicht zu weit weg,
um etwas hören zu können. Ich mache ein paar Schritte, bis zur Ecke. Noch einen,
und ich könnte in das Sträßchen hineinsehen. Ich höre mächtige Schläge, als ob
stählerne Fäuste eine Wand einschlagen. Im Hintergrund, wenn man genau hinhört,
erkennt man Grunzen und Tritte, wie stumpfe Schläge auf einen ausgestopften Sack,
Japsen, Wimmern - alles, was ein Kampf Animalisches hat. Es müssen mehrere sein.
Ich, so fertig, wie ich bin, gespannt wie ein Seil, an dem gezogen wird. Wenige
Zentimeter von der Häuserecke entfernt, lege ich eine Hand an die gelbliche Mauer.
Meine Handfläche, dieser tüchtige Sensor, übermittelt mir die Rauheit der Wand.
Dann, mit einem leicht brennenden Gefühl, tastet sie sich vor, bis die Fingerspitzen
um die Ecke fassen können. Ich bin da. Als ob meine Finger einen unsichtbaren
Schalldämpfer angemacht hätten, versiegt jedes Kampfgeräusch. Ich warte ab. Ich weiß
nicht, für wie lange. Nur atmen, Speichel hinunterschlucken. Mir wird klar, dass
einige Zeit vergangen ist, als zwei Passanten an mir vorübergehen. Ahnungslos.
Normal. In die schmale Straße schauen sie nicht. Ich, der ich gehört habe, an eine
schmutzige Hauswand geklammert. Schließlich beuge ich mich vor: Die Straße ist leer.
Ich mache ein paar Schritte vorwärts. Die kleine Straße ist nicht besonders tief,
maximal hundert Meter. Ganz hinten, verschlossen, eine Garage. Die einzigen
Fluchtwege: die eine oder andere Haus- oder Ladentür, der eine oder andere
Hinterausgang eines Restaurants. Parkende Autos, ein Sessel ohne Sitzfläche neben
einer Reihe von Müllcontainern. Mitten auf der Straße stehend, suche ich nach
Anzeichen der Schlägerei. Autos mit Dellen stehen herum, aber in einer Gegend wie
dieser heißt das nicht viel. Auch die Schuttbrocken und Scherben am Sockel eines leer
stehenden Hauses können etwas Natürliches sein, wie welkes Laub unter einem Baum.
Jetzt bin ich ruhig. Da ist niemand, niemand. Meine Gedanken sind gestochen scharf,
sauber, wie vom Wind gefegt. Mit Ruhe und Zuversicht warte ich darauf, dass ich die
Lösung bald erkenne. Sie wird klar sein, eindeutig. Atme, kombiniere ...
Es ist eine Tausendstel Sekunde. Es genügt die Wahrnehmung der Farbe, der
dunkelrote Flash im Stilleben aus Containern und Plastiktüten auf der einen Seite der
Szenerie. Wie Blut, das gerade gerinnt, eine klaffende Wunde im Fleisch der Straße. In
dem Moment weiß ich noch nichts von dem, was kommen wird. Schmerzliche
Erwartung, stille Verehrung. Ich weiß, dass ich, noch bevor mir die behandschuhte,
regungslos auf dem Asphalt liegende Hand in den Blick gerät, schon kapiert habe,
wem sie gehört. Auch wenn ich seinen Namen seit Jahren nicht ausgesprochen oder
gelesen habe. Ich trete näher heran. Ich schaue hinter die Müllsäcke wie hinter einen
Vorhang. Hinter einer Mülltonne, auf dem feuchten Gehweg, liegt der Mann in Rot.
Im engen Overall mit den beiden Ds auf der Brust, mit der roten Maske, die auch die
Augen bedeckt und verhindert, dass man erkennt, ob er wach ist oder bewusstlos,
lebendig oder tot. Devil, versuche ich zu flüstern, nachdem ich mich umgeschaut
habe. Er liegt leicht zur Seite gedreht, einen Arm nach oben, die andere Hand auf dem
Bauch, wie gegen eine Wunde gedrückt. Ich beuge mich zu ihm hinab. Von dem zum
Großteil maskierten Gesicht ist nicht viel zu erkennen: ein Hauch von blond
schimmerndem Bart auf den kantigen Kinnbacken. Der leicht geöffnete Mund scheint
etwas sagen zu wollen. Devil, wiederhole ich.
Ich bleibe da, betrachte ihn. Hingekauert neben einem bewusstlosen Superhelden,
ohne zu wissen, worauf warten. Der Rote Teufel scheint in einen künstlichen
Tiefschlaf versetzt. Keinerlei Bewegung mehr in seinem Körper, auch nicht die
kleinste, die unmerklichste. Wenn ich wenigstens wüsste, dass er atmet. Dann nähere
ich meinen Finger, diese bewegliche Sonde, seinen Nasenlöchern. Ein Zucken.
Vielleicht hat er schlagartig seine Nüstern angespannt, wie ein Tier, das im Wind etwas
wittert. Was ich sehe ist: der Marmorarm hebt sich, eine perfekte Feder, die Hand
schnellt vor, packt mich am Handgelenk. Der Zangengriff verursacht einen stechenden
Schmerz, der mir den Arm hinauffährt, eine elektrische Ladung, die mir den ganzen
Körper betäubt. Irgendwo an einer entlegenen Stelle, im Innersten einer Nervenzelle,
einer peripheren Vene, spüre ich, wie sich die letzten Reste meiner chemischen Nacht
wie brodelnde Moleküle regen. Ein Nachhall von Adrenalin, ein Anflug von Wärme.
Dann bin ich nackt, gelähmt. Ohne Anästhetika, ohne jeden Schutz. Ich weiß, dass er
mich nicht sehen kann, aber ich weiß auch, dass er mich wahrnimmt und mich im
selben Moment erkennt, wie kein menschliches Auge es könnte. Ich, der erschrockene
junge Mann, gelesen wie eine Seite von biochemischen Formeln. Nichts wird ihm
entgehen: Herzschlag, Pheromonentladungen, Feuchtigkeit der Haut, Knistern der
Haare, Geruch des Speichels; jede Schwingung, die von mir ausgeht, und die geheime
innere Landkarte meiner warmen Organe. Kein Schutzschild der Haut, keine Regung
des Fleisches kann der Prüfung durch seine Supersinne widerstehen. Vielleicht
entdecken sie, wie ein Radar von unendlicher Reichweite, kaum angedeutete Spuren,
erste vage Anzeichen von etwas Entstehendem; erspüren, wie einen gerade erst
empfangenen Fötus, ein Vorzeichen dessen, was ich für ihn empfinden werde. Er lässt
mich los. Während ich mir das Handgelenk massiere, bleibt Devil reglos, wie gefangen
in einem Zweifel. Als der Schmerz langsam abebbt, könnte ich mich fast fragen, ob er
sich jemals bewegt hat. Ja. Dare Devil, der Rote Teufel, der Mann Ohne Furcht,
bewegt die leicht geöffneten Lippen. Langsam, unsicher, wie aus jahrhundertelangem
Schweigen erwachend, beben seine Lippen und lassen endlich dem Flüstern, das sie
zurückzuhalten schienen, freien Lauf. Ich lausche. Ich stehe auf, mir ist schwindlig.
Hilf mir, hat er gesagt.
Schlüssel Schloss. Türgriff Tür. Schwankend, ich mit seinem Arm um meine
Schultern, er hinkend und nahezu bewusstlos, betreten wir die Wohnung. Devil ist
groß, massig, ein Gewicht, das einem die Luft nimmt, die Beine unsicher werden lässt.
Ihn aufzuladen und unter dem ungerührten Blick des Fahrers aus dem Taxi
herauszuwuchten ist eine Qual gewesen. Auf dem Sofa im Wohnzimmer klappen wir
zusammen, einer beinahe über dem anderen. Ich hole Atem. Ich stehe wieder auf. Ich
gehe zum Fenster, um die Vorhänge zuzuziehen. Ich kann nicht stillhalten: Meine
extreme Müdigkeit ist auf einmal weg, wie aufgetankt mit einer mysteriösen Reserve
Treibstoff. In der Küche trinke ich ein Glas Wasser. In ein anderes gieße ich einen
Energy Drink, in dem ich ein Tütchen Multivitamine und eines mit Schmerzmittel
auflöse. Als ich wieder ins Zimmer komme, liegt Devil schräg auf dem Sofa. Im
schummrigen Licht des Wohnzimmers sieht das Rot seines Overalls dunkler aus, wie
ein Konzentrat aller Schatten der Welt. Warte, sage ich. Ich stelle das Glas ab und helfe
ihm, sich aufzusetzen. Er lehnt den Kopf nach hinten, auf den oberen Rand des Sofas,
und gibt mir den Blick auf seinen Hals frei, dort, wo der Overall endet und die Haut
des Kinns anfängt, weiß, bloß, mit nichts als dem Anflug von hellem Bart. Er
schluckt. Ich reiche ihm das Getränk. Er scheint es nicht gleich zu merken und hebt
erst etliche Sekunden später den Kopf, langsam, geradezu vorsichtig, so als seien
zerbrechliche Teile darin, die nicht geschüttelt werden dürfen. Trink, sage ich, und
Devil streckt mit einer Geste in Zeitlupe tastend den Arm vor. Ich führe das Glas an
seine ausgestreckte Hand. Er scheint nicht in der Lage zu sein, es allein festzuhalten, so
fasse ich es weiter unter. Bis an seine Lippen, bis das Glas leicht an seinen Zähnen
anschlägt und der Hals ruckartig hinunterzuschlucken beginnt, als ob jeder Schluck
weh tut. Er hat ausgetrunken. Das wird dir gut tun, sage ich.
Ich gehe ins Bad. Im Spiegel voller Lichtreflexe sehe ich ein neutrales, ausdrucksloses
Gesicht. Ich wasche mich mit kaltem Wasser, trockne mich mit einem Frotteetuch ab
und betrachte mich noch einmal kurz, in der Erwartung, dass Gefühle sichtbar
werden. Wenn Devil mich sehen könnte, sage ich mir, und ich stelle mir den
Augenblick vor, in dem er seine Finger wie empfindliche Antennen über meine
Gesichtszüge gleiten lässt. Dann drehe ich den Duschhahn auf, und das Brausen
überdeckt wie eine hypnotische Musik jeden Gedanken.
Devil sitzt steif da, die Hände auf den Knien, den Kopf gesenkt, wie ein Patient in
nervöser Erwartung. Schaffst du es, dich auszuziehen? frage ich. Keine Reaktion. Ich
habe keine Ahnung, wie man diesen eng anliegenden Overall abstreifen kann. Er führt
eine Hand zur Brust, zögert noch. Dann fährt er mit einem Finger wie mit einer
Klinge senkrecht vom Brustbein bis zum Magen hinab. Ein leises metallisches Zirpen
lässt an einen winzigen Reißverschluss denken. Das Latex des Overalls öffnet sich
langsam, wie ein Schnitt, der sich teilt und das weiße Fleisch bloßlegt. Ich helfe ihm
aus dem Overall heraus. Die Innenfläche scheint aufgeklebt, und das Gummi
abzuziehen ist wie eine Hautschicht abzulösen. Darunter sind Blutergüsse, dunkel und
Schrecken erregend, wie Monster, die aus den Tiefen des Körpers aufsteigen. Darunter
ist der benzinartige Geruch von Gummi in Kontakt mit Schweiß. Devil lässt sich
ausziehen. Aber als es soweit ist, ihm Maske und Kapuze abzustreifen, zuckt er heftig
auf. Danach hält er den Kopf zur Seite gedreht, wie um sich nicht zu sehr zu zeigen.
Ich, mit dem leichten und feuchten Overall in der Hand, frage mich, ob ihm wirklich
nicht klar ist, dass ich ihn kenne. Geschichte, Geheimnisse, Identität. Da ist er, stumm
und nackt, und sitzt auf meinem Sofa. Nebenan, auf dem Boden eines Schranks im
Schlafzimmer oder oben auf einem alten Möbel, müssen die hundert Comicalben
liegen, die ich als kleiner Junge gesammelt habe, die auf dem Einband alle seinen
Namen tragen.
Ich nehme ihn beim Arm. Als er unter die Dusche tritt, stößt er einen Hickser aus,
eine Art Huster. Oder es ist die Erleichterung darüber, dass er reglos dastehen und die
Arme hängen lassen kann, während die Rinnsale warmen Wassers ihn umhüllen wie
ein neues, wohltuendes Geflecht aus Venen und Arterien. Dann stützt er sich mit den
Händen von den Kacheln ab und lässt sich von mir mit dem Duschkopf in der Hand
Schultern und Rücken mit dem Wasserstrahl massieren. Von draußen, vollgespritzt mit
Wasser, die Nase voller Dampf, zeichne ich die Umrisse seiner weißen, kräftigen, von
Sommersprossen übersäten Schultern nach. Die regelmäßige Linie seiner Wirbelsäule,
die Landkarte der Blutergüsse, die ich sorgsam ausspare. Als ich das Wasser abdrehe,
scheint er überrascht zu sein, wie schlagartig aus tiefem Schlaf geweckt. Ich wickle ein
Badetuch um ihn und trockne ihm die Haare mit einem Handtuch ab. Ich und er,
unser Atem ruhig, in der stillen Wohnung.
Jetzt muss ich ihn nur noch hinlegen, zwischen die Laken des Betts, das ich selten
anrühre. Es genügen wenige Augenblicke. Sein Gesicht ist entspannt, vertrauensvoll,
wie wenn sich ein kleiner Krampf gelöst hat. Im Wohnzimmer mache ich den
Fernseher an, ich suche eine Nachrichtensendung. Bis zum Schlusssignal warte ich auf
die Nachricht von einem Kampf zwischen Superhelden in der Stadt. Vielleicht später.
Vielleicht haben sie keine Bilder. Nebenan, in meinem Bett, liegt der Superheld, den
ich berührt habe, dem ich meine Pflege anbiete, Blutergüsse und Fleisch,
Körperschwere und Seufzer. Vor der Stereoanlage suche ich nach einer geeigneten CD
als Begleitung für unseren Schlaf. Dann kehre ich, wie ein Raumschiff, das keinen
Aktionsradius mehr hat, zur Basis zurück. Zum einladend weichen Sofa, auf dem ich
morgens immer schlafe und auf das ich mich jetzt fallen lasse, wie ich es vorhin
zusammen mit ihm gemacht habe. Dass sich das mit dem gewaltigen Pump an Energie
von einem Augenblick zum nächsten erledigt haben würde, damit musste ich rechnen.
Aber meine Pflicht habe ich getan, sage ich mir. Ein letzter Blick zur offenen
Schlafzimmertür, zu dem Rechteck, das er durchschritten hat und durch das ihn jetzt
die Stimme von Jeff Buckley erreicht, leise, wie die einer melancholischen Mutter.
Dann hört die CD auf, und ich frage mich verwirrt, warum es schon so dunkel ist. Ich
schaue auf die Uhr, verstehe nicht. Es dauert ein wenig, bis ich unterscheiden kann:
Morgengrauen oder Abenddämmerung? Ich stehe auf. Wie immer beim Aufwachen,
die erste Handlung automatisch: ins Bad, die Beine unsicher, der Kopf schwer, die
Knochen zerschlagen, der Körper, der nach mehr Schlaf schreit, mehr, mehr. Im Bad
knipse ich den Schalter an, das grelle Licht hat die Wirkung einer Dosis Koffein. Auch
das Geräusch der Wasserspülung wäscht die Gedanken, und als ich ins Wohnzimmer
zurückgehe, kann ich es schon ahnen, kann die Indizien verknüpfen: der Overall
verschwunden, der Luftzug vom Zimmer her. Das Laken dort ist zurechtgezogen
worden, das Kissen aufgeschüttelt. Neben dem auf unberührt gemachten Bett
überkommt mich ein Schauder. Die Spucke bleibt mir weg. Alle Wärme ist aus mir
gewichen. Mit meinem Loch im Bauch ziehe ich das Laken zur Seite und suche,
vergeblich, nach einem Abdruck seines Körpers. Auf der Suche nach einer Spur
schnuppere ich das ganze Bett ab. Aber ich habe weder einen Supergeruchssinn noch
ein Supergehör. Ich kann deine Stimme, Devil, nicht hören, wo immer in der Stadt sie
widerhallen mag. Vom offen stehenden Fenster aus betrachte ich die Landschaft in der
Ferne. Halbdunkle Häuser, Abendverkehr.
Unter der Dusche lasse ich mir das Wasser über den Rücken laufen, kochendheiß, wie
ein Lavastrom. Die Haut gerötet, Gedanken, die brennen. Dann drehe ich das Wasser
ab und höre nur noch, wie ein fernes Echo, das Geräusch des Telefons aus dem
Nebenzimmer. Ich habe nicht wirklich was zu erwarten. Aber meine Hand zittert
hoffnungsvoll, als sie den Hörer hochnimmt. Ich stehe nackt, nass, in der kalten Luft
meines Wohnzimmers. Die Stimme von Marius. Hintergrundgeräusche aus der
üblichen minimalistisch gestylten Bar, Stimmengewirr, eine Indian Dub-CD. Er sagt
mir, er hätte was. Die Raubkopie eines neuen Datenbankprogramms. Brauche ich
nicht, sage ich. Sicher? Er macht eine Pause, und ich sehe ihn vor mir, wie er den Kopf
in den Nacken legt und einen Schluck von seinem x-ten Red Bull trinkt. Eigentlich
müsste ich ihm gleich jetzt tschüss sagen. Auflegen, alleinsein, zittern in meinem
feuchten Handtuch. Dasselbe, was vor ein paar Stunden ... Marius, sage ich
stattdessen. Ja? Nach meinem kurzen Bericht sein resignierter Ton. Wie von einem,
dem es wieder mal nicht erspart bleibt, etwas völlig Offensichtliches zu erklären. Also
gut, sagt er. Heute morgen, setzt er an. Heute morgen ... Du kommst aus der After
Hour. Bist fix und fertig. Du findest einen in Latex, der schlimmer dran ist als du, auf
der Schnauze liegt mitten im Müll, vielleicht nach ‘nem Überfall oder so was. Du
nimmst ihn mit zu dir. Ausgezeichnet. Das heißt wohl, dass er dein Typ ist. Hier
versuche ich, zu Wort zu kommen, aber er ist voll in Fahrt. Aber ausgerechnet
Superhelden, kartet er nach. O Mann ... Du bist doch fünfundzwanzig. Er trinkt. Hör
mal, fängt er wieder an. Du hast manches durchgemacht. Wie wärs, du änderst dein
Leben? Versuch doch mal, ein paar Stunden länger zu schlafen. Wenn du aufhörst, dir
Speed einzuwerfen ...
Ich sage tschüss. Ich weiß nicht, warum ich es probiert habe. Da ist sowieso alles zu
spät. Ansonsten nur Zeit, die sich hinzieht. Eine Packung Noodles, aufgewärmt in der
Mikrowelle, das Gebrabbel des laufenden Fernsehers. Später, im Schlafzimmer, krame
ich nach den alten Comics. Am Ende gebe ich auf, mit einem Gefühl leichter Panik,
wie wenn jemand merkt, dass er abgefahren ist ohne ein Foto von der geliebten
Person. Meine beschwerliche Reise: durch die leere Wohnung tigern, zu dem besagten
Sofa zurückgehen. Darin versinken, das Notebook auf den Knien, zur selben Zeit, zu
der ich normalerweise zu arbeiten beginne. Jetzt sollte ich eigentlich das übliche
Programm aufrufen, wieder die altgewohnten Worte benutzen:,,
, ... Ich schaue fasziniert auf den Bildschirm, suche in der
Anordnung der Icons nach einer Botschaft. Ich weiß, wo ich nachsehen muss. Ich
wähle mich ins Netz ein und tippe das einzige Wort in die Suchmaschine, das heute
Abend einen Sinn hat. Ich finde die Homepages von Verlagen, Comiczeitschriften,
berühmten Zeichnern und Superhelden-Fanclubs. Wenige haben das, was ich suche.
Eine Ewigkeit dauert es, bis ich ein altes, realistisches Porträt von Frank Miller finde.
Devil steht aufrecht an der Kante eines Daches, mit seinem Supergehör lauscht er
wachsam in die Nacht über der Stadt hinaus. Gleich scheint er springen zu wollen,
sich in eine der Straßen zu stürzen, wo bestimmt gerade irgend jemand nach ihm ruft.
Der Overall auf der Zeichnung bringt seine Muskeln zur Geltung, das Rot ähnelt dem
Rot von Lippen. Ich schlucke. Fast könnte er sich bewegen, den Kopf drehen ... Ich
weiß, dass du, in diesem Moment, da draußen bist und von oben, von irgendeinem
Hochhaus herab, durch das offene Fenster hindurch jede meiner Regungen
wahrnehmen kannst. Meinen einsamen Atem, das Geräusch meiner Finger auf den
Tasten, während ich das Bild, deines, in meinem kleinen Computer speichere. Dann
schalte ich ihn aus und bleibe dort sitzen, zusammengekauert, mit dem noch warmen
Gehäuse auf dem Schoß.
Und wieder wacht man auf. An einem Nachmittag mit zitterndem Licht, der Himmel
fahl wie Niedervolt-Neon. Ein einziger Blick auf die Außenwelt, den hektischen
Verkehr, und schon fühlt man sich ausgehöhlt. Dann zieht man den Vorhang wieder
zu, vermeidet es, auf die Uhr zu schauen. Tee, Zucker, eine Handvoll Vitamine und
Energieergänzungsstoffe. Eine CD auszusuchen scheint schwierig. Barfuss und im Slip
spaziert man durchs Wohnzimmer, auf einem Fußboden, der so eisig ist, dass einem
die Haut weh tut. Unter der Wohnungstür durchgeschoben, ein Umschlag. Man
braucht nichts zu entscheiden, nur hingehen, ihn aufheben. Vielleicht sollte ich
abwarten, diesen letzten Augenblick Ahnungslosigkeit verlängern. Später wird es mir
keine Ruhe mehr lassen. Auf dem Post-it von Marius steht: Warum suchst du ihn
nicht hier, deinen roten Latex-Mann? Angeheftet der Flyer eines Lokals. Dort steht:
The Naked Garden. Darunter: dress code leather, military, fetish, rubber, nude, pvc.
Auf dem Foto ein Mann mit einer schwarzen Maske überm ganzen Gesicht, ohne
Löcher, nur eine Art Trichter in Höhe des Mundes. Das Datum ist das von heute
abend. Ich setze mich hin. Es wäre vergeudeter Aufwand. Ich, so beschäftigt, und
keine Lust mehr, in Läden zu gehen, an die ich nicht glaube. Er wird heute nacht in
seinem Reich von Dächern sein, von Straßen, in denen es zu kämpfen gilt. Und ich,
wo werde ich den richtigen Raum, die wahre Szene für mich finden?
Vergeh, Nachmittag. Vergeh, Abend, vergeh, Obsession. Lass mich doch, mit meiner
Unruhe, in einem alten Paar Amphibienlederhosen, die ich seit Jahren nicht mehr
anhatte. Ich gehe die Treppe runter. In jedem Club in dieser Stadt muss man eine
Treppe runtergehen, Stufen, die vibrieren, anschwellendes Wummern, das einem in
den Bauch fährt. Halbdunkel, in das man sich verdrücken, eine Menge von Gestalten,
unter die man sich mischen kann. Ich, mit meinem Bier in der Hand, zwischen all den
Leuten, die nach Gummi und Leder riechen. Das Lokal ist ein langer Schlauch mit
niedriger Decke, die Wände aus Beton wie in einem Bunker. Längs der Wände kleine
ausgeleuchtete Nischen für Bondage und Folter. Im hinteren Teil, nach den
Toilettentüren, lockert sich das Gedränge und man kommt schneller voran, fast im
Laufschritt, als wäre man geschubst worden. Dort, um einige kleine Sofas herum, sind
die Freunde der Superhelden versammelt.
Geblendet, ohne Atem. All die Latexanzüge, all die grellfarbigen Umhänge, die alles
verbleibende Licht einfangen. Zu Anfang alle echt, in Grüppchen stehend, voller
Anspannung, als erwarteten sie einen entscheidenden Kampf. Dann das eine oder
andere Auflachen, das eine oder andere Glas mit Trinkhalm in der Hand, der eine oder
andere Blick schräg zu mir herüber. Wonder Woman ist angesagt, aber auch Robins
gibt es einige. Und Devils, lächerliche, pummlige, gibt es immerhin ein paar. Ich
wende mich ab. Mein Gesicht fühlt sich heiß an, vielleicht bin ich rot geworden. Eine
Gräte im Hals, die ich gern ausspucken würde, auf die Handfläche, zusammen mit
allen vergeblich zurechtgelegten Worten. Auf die dummen Angebote, die infantilen
Anträge. Ein zweites Bier wird die tödlich schneidende Gräte hinunterspülen. Das
nächste Mal, Devil, werde ich vielleicht keine Stimme mehr haben, um dich um
Verzeihung zu bitten. Aber ich habe wirklich nicht daran geglaubt. Nicht eine
Sekunde, das schwöre ich dir, habe ich geglaubt, dich hier zu finden.
Am Tresen, ich warte. Der Barmann will kein Geld. Schon erledigt, sagt er, als er mir
das Bier hinstellt. Ich schaue perplex auf die Bierflasche, als ob auf dem Etikett eine
Antwort stünde. Ich nehme einen kleinen Schluck. Prost, sagt der Devil neben mir,
einer von denen, die ich kurz zuvor gesehen habe. Danke, sage ich und will gehen. Er
hält mich am T-Shirt fest. Wie durch eine zurückfließende Welle werde ich
zurückgezogen. Was will er? Ich bin’s, sagt er, und im Lärm des Lokals sehe ich seinen
kleinen lippenlosen Mund, wie einen Schnitt im schlaffen Gesicht. Die Falten unterm
Kinn, den in den Overall gezwängten Bauch. Wie bitte? Vorhin hast du mich
angeschaut, sagt er. Ich gefalle dir doch, oder? Dir gefällt’s doch, es mit Devil zu
machen. Ich schüttle den Kopf. Mir gefällt der echte, und jetzt muss ich wirklich los.
Aber ich bin’s doch, beharrt er. Sein verkniffener Mund wie ein Schlund. Siehst du
mich nicht? Immer noch hält er mich von hinten am T-Shirt fest, und es beginnt mir
den Hals einzuschnüren. Bitte, ich muss los. Er lässt nicht locker. Zum Beispiel ist
Devil blind, sage ich an dieser Stelle, während Sie Löcher haben für die Augen. Ich
schlucke. Ich bin dem richtigen begegnet, stelle ich klar.
Ah. Er lässt mein T-Shirt los. Seine Augen hellwach. Noch so einer, sagt er schließlich.
Wie? So welche kommen oft hier an, sagt er. Ich verstehe Sie nicht, sage ich. Jetzt
schweift sein Blick in die Ferne, als müsste er etwas genau abwägen. Nicht alle, fährt er
fort, sind so mutig, ihm zu helfen. Mein Atem geht schnell. Ich lehne mich an den
Tresen. Heißt das, Sie kennen ihn? Er antwortet nicht. Ich bin immer noch unsicher,
mir dreht sich der Kopf. In diesem Moment, der die Zeit teilt, der den Ausschlag
geben muss, ob ich gehe oder bleibe. Meine Augen gefesselt an den Overall des
Mannes, an die Farbe erkaltender Glut. Sind Sie in Schwierigkeiten? frage ich. Er
schaut sich um. Die Polizei, sagt er. Sein Gesicht ganz nah. Seine Worte schwer wie
Leichen, die untergehen. Als sie den Grund berühren, erstarre ich vor Schreck. Ich
suche nach ihm, flehe ihn an. Du solltest dich gut umsehen, sagt er da. Glaubst du,
das hier ist alles?
Er setzt sich in Bewegung. Ich folge ihm. Mitten durch die inzwischen halb nackten
Leute, in der donnernden Musik. Der Mann geht mit festem Schritt. Ich, außer Atem,
mit enger Brust. Wieder bis hinten hin, zum äußersten Ende des Lokals. Die Gruppe
der Superhelden teilt sich, als wir kommen, in zwei Flügel, wie ein gut gedrillter
Hofstaat. Dahinter ist nur noch die Wand. Nein. Eine kleine, niedrige Tür aus
Gusseisen, die mir nie aufgefallen wäre. Wenn der Mann sie mir nicht gezeigt hätte,
wenn er sie jetzt nicht aufdrücken würde. Sie öffnet sich in ein vollkommenes Dunkel.
Der Mann gibt mir ein Zeichen, einzutreten. Jetzt gibt es nur noch das. Ich vor
diesem Durchlass. Ich ziehe den Kopf ein und gehe hinein.