Im Straßengraben neben dem Abramsvägen lag eine Katze. Es sah aus,
als schliefe sie, auf der Seite liegend, mit geschlossenen Augenlidern.
Mama sagte, Vater solle den Wagen anhalten, und als er das getan
hatte, stiegen wir beide aus, sie und ich. Ich wusste, die Katze war tot.
Wahrscheinlich wusste Mama das auch, aber wir hofften wohl dennoch,
dass sie aufspringen und in das Gebüsch hinter ihr huschen würde.
Als wir näher kamen, sahen wir, dass ihr Blut aus dem Mundwinkel lief.
Jimmy rief uns zu, wir sollten uns beeilen. Wir wollten ihn zum Training
fahren und er sagte etwas in der Art, dass alle, die zu spät kamen,
hundert Liegestütz extra machen müssten.
„Ist das nicht gerade der Sinn des Trainings?“, bemerkte ich leise zu
Mama, aber sie hörte mich nicht.
Sie hatte sich neben die Katze gehockt und eine Hand auf das Tier
gelegt. Sie schüttelte den Kopf.
„Wer macht so etwas? Eine Katze umbringen und sie in den
Straßengraben werfen, damit sie hier verblutet?“
Sie stand auf. Wir beide erkannten die Katze an ihrem getigerten,
silberschwarzen Fell. Meistens hatte sie einen dicken Bauch oder kleine
Kätzchen bei sich gehabt. Aber jetzt sah sie so klein und leer aus. Seit
der frühere Besitzer in die Stadt gezogen war, lief sie draußen herum.
Es gab Leute im Ort, die sich um die Katze hatten kümmern wollen, aber
es war unmöglich gewesen, sie zu fangen. Als wäre sie in dem Moment
verwildert, in dem sie nichts mehr mit Menschen zu tun hatte. Mama
hätte sie sicher auch gern zu sich genommen, wenn mein Vater nicht so
allergisch gewesen wäre.
„Hier kann sie doch nicht liegen bleiben“, sagte Mama.
Sie zog sich den Anorak aus, legte ihn um die Katze und hob sie so auf.
Ich bemerkte, wie Jimmy auf dem Rücksitz die Augen verdrehte und auf
seine Armbanduhr zeigte. Als Vater sah, dass wir mit der Katze im Arm
auf dem Weg zurück zum Wagen waren, kurbelte er die Scheibe runter.
„Nicht ins Auto, Ingrid!“, rief er.
Sie wechselte die Richtung.
„Machst du mir die Heckklappe auf?“, fragte sie mich.
Wenn ich mich recht erinnere, dann war es ein paar Tage, nachdem Mama
die Katze begraben hatte, dass sie auf den Dachboden zog. Manchmal
kam sie zum Essen herunter, sonst sahen wir sie kaum. Anfangs sagte
niemand etwas dazu. Ich hörte Vater am Telefon über „Frauenzimmer“
und „sieht ihr ähnlich“ lachen, als er mit einem seiner Freunde telefonierte,
ansonsten kein Wort. Alle waren natürlich unerträglich neugierig, wann sie
zu einer ihrer berühmten „Aussprachen“ ansetzen würde. Sie war schon ein
alter Hippie, meine Mama. Jedenfalls behauptete Vater das gern.
„Eine Woche geht es um die Regierung, in der nächsten darf man sein
Steak nicht in Frieden essen und dann muss sie plötzlich los und gegen
einen Krieg demonstrieren, über den sie eine Notiz in einer Zeitung
gelesen hat!“ Ich fand seinen Kommentar ziemlich ungerecht, aber
ich wusste, dass er es eher im Scherz sagte, denn meistens gefielen
ihm Mamas Ideen. Zumindest solange er nichts tun musste. Und das
musste er fast jedes Mal. Mama war immer schon politisch gewesen
und pflegte zu sagen, dass sie vor Kummer sterben würde, wenn es sich
herausstellen sollte, dass sie apolitische Kinder oder im schlimmsten Fall
sogar „Kinder, die mit der Bourgeoisie sympathisieren“, großgezogen
hätte. Und dann kamen ihre „Aussprachen“ ins Bild. Sie konnten
jederzeit kommen und ziemlich hitzig werden. Als mein Bruder und ich
noch jünger waren, haben wir in erster Linie zugehört und ihre Worte
mit unterschiedlichem Interesse geschluckt, aber in den letzten Jahren
hat es sich so entwickelt, dass Vater und mein Bruder eine Front bilden
und widersprechen, wenn sie ihre Fakten darlegt. Manchmal gibt es
Krach, weil mein Bruder sich gern darüber amüsiert, wenn Mama sich so
ereifert, und dann wird sie stinkwütend. Meistens habe ich nicht so viel
dazu gesagt. Eigentlich war ich größtenteils mit Mama einer Meinung,
aber hätte ich das gesagt, dann hätten mich Vater und Jimmy in Grund
und Boden geredet. Als ich noch jünger war, nannte Jimmy mich seinen
Freunden gegenüber immer Mamakind und ich wollte auf keinen Fall,
dass er damit wieder anfing.
Doch Mama schwieg. Höchstens kommentierte sie mal die Nachrichten
(sie las viele Zeitungen, einige hatte sie sogar extra abonniert) und
fragte, wie es bei uns in der Schule lief. Dann dankte sie für das Essen
und schlüpfte wieder die Treppe hoch zum Dachboden. Ich kümmerte
mich um den Abwasch. Seit Mama hochgezogen war, war es Vaters
Aufgabe, Essen zu kochen, und diese Aufgabe hatte er ohne Kommentar
übernommen. Er beklagte sich immer mal wieder bei Jimmy und mir,
dass wir nie helfen würden, dass er ein Sklave in seinem eigenen Heim
sei und wir die verwöhntesten Kinder, die er jemals gesehen habe.
Jimmy war genauso geschickt wie Mama darin, sich aus der Küche zu
schleichen, ohne in die Schusslinie zu geraten, deshalb war ich diejenige,
die sich um den Abwasch kümmerte. Das Lustige daran war, dass Vater
vorher eigentlich so gut wie nie Mama beim Essenkochen geholfen hatte,
beim Saubermachen übrigens auch nicht. Aber das schien ihn nicht zu
bekümmern, er beschwerte sich weiterhin darüber, was für Faulpelze
Jimmy und ich waren. Wobei ich doch viel, viel mehr tat als Jimmy!
Aber Vater hatte schon immer Nachsicht mit ihm gehabt. Ich habe keine
Ahnung, warum. Wobei es mich auch nicht besonders störte, höchstens
manchmal ärgerte. „Gib Jimmy den Rest, er wächst ja noch!“, konnte
Vater sagen, obwohl Jimmy jetzt seit zwei Jahren 1,82 Meter groß war
und ich mich von einer kleinen, pummeligen Elfjährigen zu einer langen,
ziemlich hageren Dreizehnjährigen entwickelt hatte.
Als Mama sich bereits seit mehr als einer Woche im Exil befand, wurde
Vater langsam ärgerlich. Plötzlich war er immer wieder an der Tür
zum Dachboden und brauchte ganz dringend etwas, von dem ich gar
nicht wusste, dass es das dort gab. Er klopfte, bis Mama fragte, was
er wolle, und wenn sie ihm anbot, sie werde mit dem, was er brauche,
hinunterkommen, wenn sie es denn finde, wurde er noch wütender und
sagte ihr, sie solle aufhören, sich so albern zu benehmen, und die Tür
öffnen. Sie weigerte sich, worauf er noch einige Minuten lang klopfte. Ich
wäre wahnsinnig geworden. Aber sie schien das gar nicht zu stören. Sie
ignorierte ihn einfach, bis er aufgab und die Treppen wieder herunterkam,
mit Flüchen auf den Lippen.
Es stellte sich heraus, dass sie gekündigt hatte. Ich erfuhr es viel früher
als Vater, da dieser morgens früher aus dem Haus ging und abends
später zurückkam als sie. An dem Tag, als ich es herausfand, kam ich
bereits vormittags nach Hause. Ein Wasserschaden hatte unseren
Schulleiter dazu gezwungen, die Schule für den Tag zu schließen, und ich
hatte einen ganzen Berg an Schulbüchern mitgenommen, die ich von mir
warf, sobald ich in der Tür war.
Alle anderen aus meiner Klasse waren zum Kaffeetrinken gegangen,
wie sie es immer taten, wenn wir eine Freistunde hatten, aber da ich so
viel zusätzlich lernte, war ich nicht mitgegangen, sondern lieber nach
Hause gegangen, um zu lernen. Die Mädchen in meiner Klasse fanden
sowieso, dass ich eine Streberin war und zu still, als dass es interessant
gewesen wäre, etwas mit mir zu tun zu haben. Aber ich fand sie auch
nicht besonders witzig. Der Einzige, mit dem ich etwas zu tun hatte,
war eigentlich Axel aus der Achten, und der hatte fast nie Zeit für etwas
anderes als sein Klavier.
Auf jeden Fall hörte Mama wohl den Knall der fallenden Bücher und kam
aus der Küche heraus. Es war ein komischer Anblick. Sie hatte ein großes
Fleischstück im Mund (was merkwürdig war, da sie nie Fleisch aß) und
guckte ganz schuldbewusst. Ich weiß nicht, ob das daran lag, dass ich sie
ertappt hatte, wie sie frei im Haus herumlief.
„Du bist aber zeitig dran“, sagte sie nur.
„Wir haben einen Wasserschaden in der Schule, deshalb durften wir
gehen“, sagte ich. „Wieso bist du nicht bei deiner Arbeit?“
Und da erfuhr ich, dass sie gekündigt hatte.
Tatsache war, dass ich anfing, sie zu vermissen. Es war nicht mehr das
Gleiche ohne sie. Und Vater litt unter einer Art allergischer Reaktion, die
ihn noch mürrischer werden ließ, er lief schniefend und sich die Augen
reibend herum. Ich vermisste es, dass sie abends zu mir ins Zimmer kam,
wenn ich über meinen Hausaufgaben saß, mir übers Haar strich und
fragte, ob es für heute nicht genug sei. Ich vermisste ihre Wutausbrüche
über Dinge, die Vater als Kleinigkeiten ansah, und alles, was sie mir über
die Welt beibrachte. Denn wenn Vater etwas Besonderes für Jimmy war,
dann hatte ich dafür das Gefühl, dass Mama etwas Besonderes für mich
war. Seit ich klein war, hatten wir ein heimliches Zeichen, wir drückten die
Zunge von innen gegen die Unterlippe, fingen an zu schielen und fragten:
„Undwasismitdirlos?“ Und dann lachten wir jedes Mal wie verrückt. Jimmy
fand das superkindisch, deshalb machten wir das am liebsten, wenn seine
Freunde bei uns zu Hause waren. Sie wusste wirklich, wie man zuhörte,
und sie sagte immer das Richtige. Aber vor allem wusste sie genau, wann
sie still sein musste. Wann es keinen Sinn hatte, etwas zu sagen, weil
Magdalena und Linnea den anderen in der Klasse trotz allem verkündeten,
ich sei eine langweilige Tonne. Oder wenn es absolut unmöglich war,
Algebra zu lernen, oder wenn Axel fast nie Zeit für mich hatte, sondern
nur für seine neuen Kumpel in der Band. Dann war es schön, dass sie gar
nichts sagte, sondern nur eine Weile schweigend bei mir saß, bis ich den
Kloß im Hals etwas hatte schlucken können. Anschließend kam sie mit
einem Vorschlag. Das musste nichts Besonderes sein, nur „Ich habe ein
Kreuzworträtsel, bei dem ich deine Hilfe brauche“, obwohl sie garantiert
nie Probleme mit einem Kreuzworträtsel hatte.
Nein, es war mir absolut egal, was sie da oben auf dem Dachboden
machte, solange sie ab und zu herunterkam und sich um mich kümmerte.
Einmal zog ich mir die dicke Hose und die Winterjacke an, ging hinaus
und setzte mich auf einen Gartenstuhl, den ich aus dem Schuppen
herausgeholt hatte. Dann saß ich da und starrte hinauf. Das Fenster
da oben war geöffnet und ich konnte hören, dass sie Musik spielte.
Wahrscheinlich auf dem alten Plattenspieler, der früher im Wohnzimmer
gestanden hatte, denn der war verschwunden. Aber ich ging nicht hoch
und klopfte an, schließlich war sie Mama. Wenn sie mich sehen wollte,
dann müsste sie sich nun einmal aus ihrem Versteck herausbegeben.
Ich saß da und wurde richtig wütend. Konnte sie nicht einen Blick aus
dem Fenster werfen und merken, dass ich hier saß? Mich zu sich rufen,
damit ich sehen konnte, was sie das trieb? Zumindest hätte sie Hallo
rufen können und fragen, ob ich nicht friere, und warum ich da ganz allein
sitze! Aber sie schaute nicht heraus.
An einem Freitagabend beim Essen klopfte es an der Tür und einige von
Vaters alten Freunden kamen ins Haus. Mama verschwand so schnell
wie immer, nachdem sie Vater einen Kuss auf den Mund gegeben und
die Gäste begrüßt hatte. Kurz bevor sie die Treppe hinaufging, trafen sich
zufällig unsere Blicke und in ihren Augen blitzte es auf, ich kann nicht
sagen, was das bedeuten sollte. Sie sah verschmitzt aus, als hätte sie
einen Streich gespielt, von dem nur ich und sie etwas wussten.
Am liebsten hätte ich den Abwasch Jimmy überlassen, diesem Faulpelz,
und wäre hinter ihr die Treppe hinaufgelaufen. Aber trotz allem fing ich an,
das Geschirr abzuwaschen.
Vaters Freunde klopften Jimmy auf den Rücken und boxten zum Spaß mit
ihm, begrüßten mich und ließen sich am Küchentisch nieder.
„Dann stimmt es also, was wir gehört haben“, sagte einer von ihnen, er
hieß Jörgen. „Dass deine Ehefrau sich einen Liebhaber oben auf dem
Dachboden genommen hat?“
Dröhnendes Gelächter brach aus und Vater holte Gläser aus dem
Schrank mit dem guten Geschirr und lachte mit, aber ich konnte sehen,
dass er etwas genervt war. Jimmy, der sitzen geblieben war, schien von
der fröhlichen Stimmung angesteckt zu werden und antwortete an Vaters
Stelle: „Ja, wir glauben, sie macht da oben so eine Art Voodoozauber
oder hat einen geheimnisvollen Frauenclub.“
Worüber sie noch mehr lachten, und Jörgen wandte sich an mich:
„Dann müsstest du doch zumindest reingehen dürfen!“
„Vielleicht will ich gar nicht in irgend so einem komischen Club
mitmachen“, sagte ich laut.
Dann tat es mir aber gleich leid und ich bereute meine Worte. Ich hätte
mich auf Mamas Seite stellen sollen, denn ich hatte fast das Gefühl, sie
würden über sie lachen. Aber eigentlich hatte Jörgen ja recht, ich sollte
hineingehen dürfen.
„Du siehst wirklich schlimm aus“, sagte ein anderer der Freunde zu Vater,
„hat dich so ein Virus erwischt oder was?“
Vater ließ sich an der Stirnseite des Tisches nieder.
„Das ist irgend so eine Allergie“, sagte er. „Ehrlich gesagt verstehe ich es
selbst nicht, ich war noch nie hier bei uns allergisch.“
„Vielleicht bist du gegen all die Hausarbeit allergisch“, meinte Jörgen und
da fingen wieder alle an zu lachen, Jimmy auch.
Ich trocknete mir die Hände am Küchenhandtuch ab und verließ die Küche.
Alle Hausarbeiten für das ganze Wochenende waren bereits erledigt, was
an ein kleines Wunder grenzte. Ich hatte alle Zeit der Welt, konnte tun,
was ich wollte. Ich wusste, Vater und seine Freunde würden den ganzen
Abend Karten spielen und Bier trinken. Außerdem wollten noch zwei von
Jimmys Freunden später vorbeischauen und im Keller ein Videospiel
spielen, also wären alle mit sich beschäftigt. Niemand würde mich stören.
Ich holte meinen tragbaren CD-Player hervor und setzte mich aufs
Bett. Bald war das gesamte Universum von The Cure erfüllt, nicht der
geringste Laut aus der Küche drang durch die Musik. Ich legte mich
lang hin, die Hände auf dem Bauch, und schloss die Augen. Begann mit
dem Yogaatmen, wie Mama es mir beigebracht hatte, und versuchte in
diesen ganz besonderen, fast meditativen Zustand zu kommen, den ich
manchmal erreichen konnte, wenn ich eine bestimmte Musik hörte.
Bevor ich es selbst bemerkte, war ich eingeschlafen.
Als ich aufwachte, war die Musik zu Ende. Es war nach ein Uhr. Durch die
Wand hörte ich, dass immer noch Leute in der Küche waren, obwohl ich
wusste, dass Vater am nächsten Morgen früh aufstehen musste, weil er
mit dem Wagen in die Werkstatt fahren wollte. Ich musste pinkeln, also
schaltete ich die Nachttischlampe ein, nahm die Ohrstöpsel heraus und
legte den CD-Player auf den Nachttisch. Nachdem ich gepinkelt und mir
die Zähne geputzt hatte, ging ich in die Küche, um mir ein Glas Wasser
zu holen. Alle waren noch da, Jimmy auch.
„Hallo“, sagte Jörgen, als ich hereinkam.
Sie waren betrunken, das erkannte ich daran, dass sie irgendwie unscharf
in ihren Konturen waren und Vater ganz zerzauste Haare hatte. Ich lächelte
ihnen zu und fragte blödsinnigerweise, „was sie denn so machten“, mit
einer merkwürdig kecken Stimme, die ich kaum wiedererkannte.
„Wir hocken hier zusammen und reden über das Leben, Kleines“, sagte
Jörgen.
„Wollten deine Freunde nicht herkommen?“, fragte ich Jimmy.
Er hatte ein Bier vor sich stehen und sah unglaublich zufrieden aus.
„Ist nichts draus geworden“, sagte er.
„Jimmy sitzt bei uns und bekommt von uns, die wir schon länger dabei
sind, einiges an Lebensweisheiten eingetrichtert“, erklärte Jörgen.
„Und Bier auch“, sagte ich, während ich mir ein Glas aus dem Schrank
holte und es mit Wasser füllte.
„Ein bisschen Bier kann er wohl vertragen“, sagte Vater. „Er ist ja fast
achtzehn.“
„Bist du eine Spionin der großen Schwester da oben?“, neckte mich einer
der anderen von Vaters Freunden, an dessen Namen ich mich nicht mehr
erinnere.
Ich wollte gerade sagen, dass „ich gar nichts bin“, aber Vater unterbrach
mich.
„Solange sie da oben ist, bin ich derjenige, der hier unten bestimmt“,
sagte er. „Und ich bin der Meinung, dass ein oder zwei Bier nichts ist,
worüber man sich aufregen sollte.“
„Ach so“, sagte ich und verließ die Küche.
„Hoho!“, riefen sie mir nach. „Hauptsache, sie verpetzt uns nicht!“
Dann lachten sie wieder.
Zurück in meinem Zimmer, musste ich feststellen, dass ich auf die ganze
Bande wütend war. Ich hatte nichts mit Mamas Geheimniskrämerei zu tun.
Nur weil ich ein Mädchen war, bekam ich die Schuld, dass sie die ganze
Familie im Stich gelassen hatte! Vater hätte ja zumindest fragen können,
ob ich mich nicht für eine Weile zu ihnen setzen wollte, vielleicht sogar
auch mir ein Bier anbieten, aber nein, das war nur für Jimmy bestimmt.
Nicht, dass ich überhaupt ein Bier hätte haben wollen.
Ich kroch ins Bett und zog mir die Decke bis ans Kinn, merkte aber
sofort, dass ich nicht würde einschlafen können. Stattdessen las ich
in meinem Buch, eine Geschichte von Kafka über einen Käfer. Nach
ungefähr zwanzig Minuten hörte ich, wie die Küchenstühle über den
Boden scharrten. Kurz danach hörte ich Jörgen und die anderen vor dem
Fenster, ihre Stimmen wurden leiser, bis sie schließlich ganz verklangen.
Dann war es für eine Weile still. Niemand ging ins Bad, um sich die Zähne
zu putzen oder so, offenbar saßen Vater und Jimmy immer noch in der
Küche. Ein paar Minuten später wurde die Haustür geöffnet und wieder
geschlossen. Ich setzte mich im Bett auf, löschte die Nachttischlampe,
sodass ich in der Dunkelheit sehen konnte. Es war Jimmy, auf dem Weg
zum Gartenschuppen. Ich sah, dass die Tür ein wenig klemmte, als er an
der Klinke zog, wie sie es im Winter immer tat, weil der Bodenfrost die
Schwelle hochdrückte. Er zog mit einem Ruck, sodass sie sich öffnen
ließ, dann verschwand er im Schuppen. Nach einer Weile kam er wieder
zum Vorschein, mit etwas Langem, Dünnem in der Hand. Ich trat ans
Fenster und schaute hinter der Gardine hervor, konnte aber nicht sehen,
was es war. Er kam wieder ins Haus und ich hörte ihn mit Vater reden,
konnte aber nicht verstehen, was sie sagten. Sie lachten leise.
Jimmy ist bestimmt auch betrunken, dachte ich und wurde noch wütender,
während ich da in der Dunkelheit stand. Es wurde wieder still. Dann hörte
ich, wie die Treppenstufen knarrten. Plötzlich begriff ich. Es war das
Brecheisen, das Jimmy im Schuppen geholt hatte, und ich spürte, wie
mein Herz hart in der Brust pochte.
Sie wollen die Tür aufbrechen.
Fast rannte ich zur Tür, wusste, ich musste mich beeilen. Ich drückte die
Klinke hinunter, doch dann hielt ich inne. Warum sollte ich? Es spielte
doch wohl keine Rolle, ob sie die Tür aufbrachen, um Mama einen
Streich zu spielen, oder was sie mit ihren nächtlichen Aktivitäten nun
bezweckten. Doch dann fühlte ich, dass es einfach falsch war, und öffnete
meine Zimmertür. Merkwürdigerweise hatte ich das Gefühl, ich müsste
all meinen Mut zusammennehmen, um hinter ihnen herzulaufen, und ich
könnte nicht einfach nur rufen, damit Mama aufwachte, was immer das für
eine Rolle spielen würde. Wenn sie überhaupt schlief. Wer weiß, vielleicht
war sie ja wach und malte Bilder, sprach mit Geistern oder tanzte die
ganzen Nächte nackt dort oben herum. Aber irgendwie war mir klar, dass
es gar keine Rolle spielte, ob ich nun rief oder nicht, das wäre den beiden
sowieso egal, sie würden die Tür trotzdem aufbrechen. Um sie daran zu
hindern, müsste ich ihnen das Brecheisen eigenhändig wegnehmen.
Gerade als ich die Treppe hinauflaufen wollte, hörte ich, wie sie, mit
einem Geräusch, das an das Jammern eines gequälten Tieres erinnerte,
die Tür aufbrachen und anfingen, zu lachen, zu johlen und Mama etwas
zuzurufen. Ich erstarrte in der Bewegung, wie ein Kurzstreckenläufer, der
von der Sonne versteinert wird. Plötzlich wurde es vollkommen still. Eine
Art Panik überrollte mich wie eine Tsunamiwelle, mir wurde am ganzen
Körper eiskalt. Da hörte ich jemanden schluchzen und weinen.
Mama.
Das Weinen wurde lauter, sie heulte und fing an, fast wie ein Wolf zu
jaulen, nein, nicht jaulen, sie klang eher wie eine Katze. Sie miaute.
Lange, klagende Laute, die sich in mein Ohr schlichen und sich in mir
wanden, dass es wehtat. Sie wurden immer lauter, so laut, dass ich nicht
einmal hörte, wie Vater und Jimmy die Treppe wieder herunterkamen.
Sie sagten nichts, als sie an mir vorbeigingen, auf dem Treppenabsatz,
immer noch bereit zum Sprung. Ihre Augen sahen ganz leer aus, als sie
in ihren Zimmern verschwanden, wie beschämte kleine Jungs nach einer
Schimpftirade. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Mama weinte und
miaute immer noch oben auf dem Dachboden, während ich nur dastand,
anstatt hinaufzugehen und sie zu trösten. Ich fühlte mich scheußlich,
aber ich war einfach nicht in der Lage, die Treppe hinaufzugehen. Was
erwartete mich eigentlich dort oben? Eine verzweifelte Henne, der alle
Eier zerbrochen worden waren? Ein kleines Mädchen, das nach ihren
Eltern rief? Eine Fremde?
Schließlich verstummte sie. Da erwachte ich aus der merkwürdigen Starre
und ging in mein Zimmer. Ich verschloss die Tür hinter mir, war ich sonst
nie tue. Dann legte ich mich ins Bett und schlief sofort ein.
Am nächsten Tag wachte ich erst spät auf. Es graute mir davor, in die
Küche zu gehen und mit Vater oder Jimmy über den gestrigen Tag reden
zu müssen, aber das Haus war vollkommen still. Da fiel mir ein, dass Vater
sicher immer noch in der Werkstatt war, also stand ich auf. Nachdem ich im
Bad gewesen war, ging ich an Jimmys Zimmer vorbei und sah, dass seine
Tür offen stand. Das Bett war nicht gemacht. Offenbar war er mit Vater
in die Autowerkstatt gefahren, auch wenn es merkwürdig war, dass er so
etwas tat. Und das auch noch an einem Samstagmorgen. Einige Sekunden
lang stand ich einfach nur da. Dann ging ich hoch auf den Dachboden.
Die Tür zur Bodenkammer war angelehnt, die Spuren vom Brecheisen
waren deutlich zu erkennen. Tageslicht strömte auf meine Füße. Mein
Puls war ungewöhnlich hoch.
„Mama“, sagte ich, bekam aber keine Antwort.
Ich nahm all meinen Mut zusammen und schob die Tür auf.
Es war unglaublich, wie viel sie hatte wegräumen können.
Das letzte Mal, dass ich hier oben gewesen war, da war ich ungefähr
zehn Jahre alt gewesen, aber ich erinnerte mich noch, wie überladen
und schmutzig der Raum gewesen war. Abgesehen von Kartons, die
in einer Ecke hinten unter der Dachschräge standen, gab es jetzt hier
einen Schreibtisch, einen Sessel, ein Bett und es lag ein Teppich auf dem
Boden – genau wie in jedem anderen Zimmer.
Mama saß in der Fensternische, die Beine angezogen, den langen
Schwanz um die Füße geringelt. Im Gegenlicht konnte ich sehen, wie
ihre Ohren auf mich gerichtet waren und dass das silberschwarze Fell
glänzend und frisch geputzt aussah. Sie schaute mich an und ließ
unbekümmert ihre nadelscharfen Krallen ausfahren, als sie die Zehen
spreizte, um sich die Zehenballen lecken zu können. Ich starrte sie eine
ganze Weile an, aber sie schien vollkommen damit beschäftigt zu sein,
sich zu putzen.
Als sie fertig war, gähnte sie plötzlich und sprang behände auf den
Boden. Sie drückte die Zunge auf die Innenseite der Unterlippe, schielte
und sagte mit einer Stimme voller Lachen:
„Undwasismitdirlos?“