Andrea Lundgren

Die Katze


Im Straßengraben neben dem Abramsvägen lag eine Katze. Es sah aus,

als schliefe sie, auf der Seite liegend, mit geschlossenen Augenlidern.

Mama sagte, Vater solle den Wagen anhalten, und als er das getan

hatte, stiegen wir beide aus, sie und ich. Ich wusste, die Katze war tot.

Wahrscheinlich wusste Mama das auch, aber wir hofften wohl dennoch,

dass sie aufspringen und in das Gebüsch hinter ihr huschen würde.

Als wir näher kamen, sahen wir, dass ihr Blut aus dem Mundwinkel lief.

Jimmy rief uns zu, wir sollten uns beeilen. Wir wollten ihn zum Training

fahren und er sagte etwas in der Art, dass alle, die zu spät kamen,

hundert Liegestütz extra machen müssten.

„Ist das nicht gerade der Sinn des Trainings?“, bemerkte ich leise zu

Mama, aber sie hörte mich nicht.

Sie hatte sich neben die Katze gehockt und eine Hand auf das Tier

gelegt. Sie schüttelte den Kopf.

„Wer macht so etwas? Eine Katze umbringen und sie in den

Straßengraben werfen, damit sie hier verblutet?“

Sie stand auf. Wir beide erkannten die Katze an ihrem getigerten,

silberschwarzen Fell. Meistens hatte sie einen dicken Bauch oder kleine

Kätzchen bei sich gehabt. Aber jetzt sah sie so klein und leer aus. Seit

der frühere Besitzer in die Stadt gezogen war, lief sie draußen herum.

Es gab Leute im Ort, die sich um die Katze hatten kümmern wollen, aber

es war unmöglich gewesen, sie zu fangen. Als wäre sie in dem Moment

verwildert, in dem sie nichts mehr mit Menschen zu tun hatte. Mama

hätte sie sicher auch gern zu sich genommen, wenn mein Vater nicht so

allergisch gewesen wäre.

„Hier kann sie doch nicht liegen bleiben“, sagte Mama.

Sie zog sich den Anorak aus, legte ihn um die Katze und hob sie so auf.

Ich bemerkte, wie Jimmy auf dem Rücksitz die Augen verdrehte und auf

seine Armbanduhr zeigte. Als Vater sah, dass wir mit der Katze im Arm

auf dem Weg zurück zum Wagen waren, kurbelte er die Scheibe runter.

„Nicht ins Auto, Ingrid!“, rief er.

Sie wechselte die Richtung.

„Machst du mir die Heckklappe auf?“, fragte sie mich.

 

Wenn ich mich recht erinnere, dann war es ein paar Tage, nachdem Mama

die Katze begraben hatte, dass sie auf den Dachboden zog. Manchmal

kam sie zum Essen herunter, sonst sahen wir sie kaum. Anfangs sagte

niemand etwas dazu. Ich hörte Vater am Telefon über „Frauenzimmer“

und „sieht ihr ähnlich“ lachen, als er mit einem seiner Freunde telefonierte,

ansonsten kein Wort. Alle waren natürlich unerträglich neugierig, wann sie

zu einer ihrer berühmten „Aussprachen“ ansetzen würde. Sie war schon ein

alter Hippie, meine Mama. Jedenfalls behauptete Vater das gern.

„Eine Woche geht es um die Regierung, in der nächsten darf man sein

Steak nicht in Frieden essen und dann muss sie plötzlich los und gegen

einen Krieg demonstrieren, über den sie eine Notiz in einer Zeitung

gelesen hat!“ Ich fand seinen Kommentar ziemlich ungerecht, aber

ich wusste, dass er es eher im Scherz sagte, denn meistens gefielen

ihm Mamas Ideen. Zumindest solange er nichts tun musste. Und das

musste er fast jedes Mal. Mama war immer schon politisch gewesen

und pflegte zu sagen, dass sie vor Kummer sterben würde, wenn es sich

herausstellen sollte, dass sie apolitische Kinder oder im schlimmsten Fall

sogar „Kinder, die mit der Bourgeoisie sympathisieren“, großgezogen

hätte. Und dann kamen ihre „Aussprachen“ ins Bild. Sie konnten

jederzeit kommen und ziemlich hitzig werden. Als mein Bruder und ich

noch jünger waren, haben wir in erster Linie zugehört und ihre Worte

mit unterschiedlichem Interesse geschluckt, aber in den letzten Jahren

hat es sich so entwickelt, dass Vater und mein Bruder eine Front bilden

und widersprechen, wenn sie ihre Fakten darlegt. Manchmal gibt es

Krach, weil mein Bruder sich gern darüber amüsiert, wenn Mama sich so

ereifert, und dann wird sie stinkwütend. Meistens habe ich nicht so viel

dazu gesagt. Eigentlich war ich größtenteils mit Mama einer Meinung,

aber hätte ich das gesagt, dann hätten mich Vater und Jimmy in Grund

und Boden geredet. Als ich noch jünger war, nannte Jimmy mich seinen

Freunden gegenüber immer Mamakind und ich wollte auf keinen Fall,

dass er damit wieder anfing.

 

Doch Mama schwieg. Höchstens kommentierte sie mal die Nachrichten

(sie las viele Zeitungen, einige hatte sie sogar extra abonniert) und

fragte, wie es bei uns in der Schule lief. Dann dankte sie für das Essen

und schlüpfte wieder die Treppe hoch zum Dachboden. Ich kümmerte

mich um den Abwasch. Seit Mama hochgezogen war, war es Vaters

Aufgabe, Essen zu kochen, und diese Aufgabe hatte er ohne Kommentar

übernommen. Er beklagte sich immer mal wieder bei Jimmy und mir,

dass wir nie helfen würden, dass er ein Sklave in seinem eigenen Heim

sei und wir die verwöhntesten Kinder, die er jemals gesehen habe.

Jimmy war genauso geschickt wie Mama darin, sich aus der Küche zu

schleichen, ohne in die Schusslinie zu geraten, deshalb war ich diejenige,

die sich um den Abwasch kümmerte. Das Lustige daran war, dass Vater

vorher eigentlich so gut wie nie Mama beim Essenkochen geholfen hatte,

beim Saubermachen übrigens auch nicht. Aber das schien ihn nicht zu

bekümmern, er beschwerte sich weiterhin darüber, was für Faulpelze

Jimmy und ich waren. Wobei ich doch viel, viel mehr tat als Jimmy!

Aber Vater hatte schon immer Nachsicht mit ihm gehabt. Ich habe keine

Ahnung, warum. Wobei es mich auch nicht besonders störte, höchstens

manchmal ärgerte. „Gib Jimmy den Rest, er wächst ja noch!“, konnte

Vater sagen, obwohl Jimmy jetzt seit zwei Jahren 1,82 Meter groß war

und ich mich von einer kleinen, pummeligen Elfjährigen zu einer langen,

ziemlich hageren Dreizehnjährigen entwickelt hatte.

 

Als Mama sich bereits seit mehr als einer Woche im Exil befand, wurde

Vater langsam ärgerlich. Plötzlich war er immer wieder an der Tür

zum Dachboden und brauchte ganz dringend etwas, von dem ich gar

nicht wusste, dass es das dort gab. Er klopfte, bis Mama fragte, was

er wolle, und wenn sie ihm anbot, sie werde mit dem, was er brauche,

hinunterkommen, wenn sie es denn finde, wurde er noch wütender und

sagte ihr, sie solle aufhören, sich so albern zu benehmen, und die Tür

öffnen. Sie weigerte sich, worauf er noch einige Minuten lang klopfte. Ich

wäre wahnsinnig geworden. Aber sie schien das gar nicht zu stören. Sie

ignorierte ihn einfach, bis er aufgab und die Treppen wieder herunterkam,

mit Flüchen auf den Lippen.

Es stellte sich heraus, dass sie gekündigt hatte. Ich erfuhr es viel früher

als Vater, da dieser morgens früher aus dem Haus ging und abends

später zurückkam als sie. An dem Tag, als ich es herausfand, kam ich

bereits vormittags nach Hause. Ein Wasserschaden hatte unseren

Schulleiter dazu gezwungen, die Schule für den Tag zu schließen, und ich

hatte einen ganzen Berg an Schulbüchern mitgenommen, die ich von mir

warf, sobald ich in der Tür war.

Alle anderen aus meiner Klasse waren zum Kaffeetrinken gegangen,

wie sie es immer taten, wenn wir eine Freistunde hatten, aber da ich so

viel zusätzlich lernte, war ich nicht mitgegangen, sondern lieber nach

Hause gegangen, um zu lernen. Die Mädchen in meiner Klasse fanden

sowieso, dass ich eine Streberin war und zu still, als dass es interessant

gewesen wäre, etwas mit mir zu tun zu haben. Aber ich fand sie auch

nicht besonders witzig. Der Einzige, mit dem ich etwas zu tun hatte,

war eigentlich Axel aus der Achten, und der hatte fast nie Zeit für etwas

anderes als sein Klavier.

Auf jeden Fall hörte Mama wohl den Knall der fallenden Bücher und kam

aus der Küche heraus. Es war ein komischer Anblick. Sie hatte ein großes

Fleischstück im Mund (was merkwürdig war, da sie nie Fleisch aß) und

guckte ganz schuldbewusst. Ich weiß nicht, ob das daran lag, dass ich sie

ertappt hatte, wie sie frei im Haus herumlief.

„Du bist aber zeitig dran“, sagte sie nur.

„Wir haben einen Wasserschaden in der Schule, deshalb durften wir

gehen“, sagte ich. „Wieso bist du nicht bei deiner Arbeit?“

Und da erfuhr ich, dass sie gekündigt hatte.

 

Tatsache war, dass ich anfing, sie zu vermissen. Es war nicht mehr das

Gleiche ohne sie. Und Vater litt unter einer Art allergischer Reaktion, die

ihn noch mürrischer werden ließ, er lief schniefend und sich die Augen

reibend herum. Ich vermisste es, dass sie abends zu mir ins Zimmer kam,

wenn ich über meinen Hausaufgaben saß, mir übers Haar strich und

fragte, ob es für heute nicht genug sei. Ich vermisste ihre Wutausbrüche

über Dinge, die Vater als Kleinigkeiten ansah, und alles, was sie mir über

die Welt beibrachte. Denn wenn Vater etwas Besonderes für Jimmy war,

dann hatte ich dafür das Gefühl, dass Mama etwas Besonderes für mich

war. Seit ich klein war, hatten wir ein heimliches Zeichen, wir drückten die

Zunge von innen gegen die Unterlippe, fingen an zu schielen und fragten:

„Undwasismitdirlos?“ Und dann lachten wir jedes Mal wie verrückt. Jimmy

fand das superkindisch, deshalb machten wir das am liebsten, wenn seine

Freunde bei uns zu Hause waren. Sie wusste wirklich, wie man zuhörte,

und sie sagte immer das Richtige. Aber vor allem wusste sie genau, wann

sie still sein musste. Wann es keinen Sinn hatte, etwas zu sagen, weil

Magdalena und Linnea den anderen in der Klasse trotz allem verkündeten,

ich sei eine langweilige Tonne. Oder wenn es absolut unmöglich war,

Algebra zu lernen, oder wenn Axel fast nie Zeit für mich hatte, sondern

nur für seine neuen Kumpel in der Band. Dann war es schön, dass sie gar

nichts sagte, sondern nur eine Weile schweigend bei mir saß, bis ich den

Kloß im Hals etwas hatte schlucken können. Anschließend kam sie mit

einem Vorschlag. Das musste nichts Besonderes sein, nur „Ich habe ein

Kreuzworträtsel, bei dem ich deine Hilfe brauche“, obwohl sie garantiert

nie Probleme mit einem Kreuzworträtsel hatte.

Nein, es war mir absolut egal, was sie da oben auf dem Dachboden

machte, solange sie ab und zu herunterkam und sich um mich kümmerte.

 

Einmal zog ich mir die dicke Hose und die Winterjacke an, ging hinaus

und setzte mich auf einen Gartenstuhl, den ich aus dem Schuppen

herausgeholt hatte. Dann saß ich da und starrte hinauf. Das Fenster

da oben war geöffnet und ich konnte hören, dass sie Musik spielte.

Wahrscheinlich auf dem alten Plattenspieler, der früher im Wohnzimmer

gestanden hatte, denn der war verschwunden. Aber ich ging nicht hoch

und klopfte an, schließlich war sie Mama. Wenn sie mich sehen wollte,

dann müsste sie sich nun einmal aus ihrem Versteck herausbegeben.

Ich saß da und wurde richtig wütend. Konnte sie nicht einen Blick aus

dem Fenster werfen und merken, dass ich hier saß? Mich zu sich rufen,

damit ich sehen konnte, was sie das trieb? Zumindest hätte sie Hallo

rufen können und fragen, ob ich nicht friere, und warum ich da ganz allein

sitze! Aber sie schaute nicht heraus.

An einem Freitagabend beim Essen klopfte es an der Tür und einige von

Vaters alten Freunden kamen ins Haus. Mama verschwand so schnell

wie immer, nachdem sie Vater einen Kuss auf den Mund gegeben und

die Gäste begrüßt hatte. Kurz bevor sie die Treppe hinaufging, trafen sich

zufällig unsere Blicke und in ihren Augen blitzte es auf, ich kann nicht

sagen, was das bedeuten sollte. Sie sah verschmitzt aus, als hätte sie

einen Streich gespielt, von dem nur ich und sie etwas wussten.

Am liebsten hätte ich den Abwasch Jimmy überlassen, diesem Faulpelz,

und wäre hinter ihr die Treppe hinaufgelaufen. Aber trotz allem fing ich an,

das Geschirr abzuwaschen.

Vaters Freunde klopften Jimmy auf den Rücken und boxten zum Spaß mit

ihm, begrüßten mich und ließen sich am Küchentisch nieder.

„Dann stimmt es also, was wir gehört haben“, sagte einer von ihnen, er

hieß Jörgen. „Dass deine Ehefrau sich einen Liebhaber oben auf dem

Dachboden genommen hat?“

Dröhnendes Gelächter brach aus und Vater holte Gläser aus dem

Schrank mit dem guten Geschirr und lachte mit, aber ich konnte sehen,

dass er etwas genervt war. Jimmy, der sitzen geblieben war, schien von

der fröhlichen Stimmung angesteckt zu werden und antwortete an Vaters

Stelle: „Ja, wir glauben, sie macht da oben so eine Art Voodoozauber

oder hat einen geheimnisvollen Frauenclub.“

Worüber sie noch mehr lachten, und Jörgen wandte sich an mich:

„Dann müsstest du doch zumindest reingehen dürfen!“

„Vielleicht will ich gar nicht in irgend so einem komischen Club

mitmachen“, sagte ich laut.

Dann tat es mir aber gleich leid und ich bereute meine Worte. Ich hätte

mich auf Mamas Seite stellen sollen, denn ich hatte fast das Gefühl, sie

würden über sie lachen. Aber eigentlich hatte Jörgen ja recht, ich sollte

hineingehen dürfen.

„Du siehst wirklich schlimm aus“, sagte ein anderer der Freunde zu Vater,

„hat dich so ein Virus erwischt oder was?“

Vater ließ sich an der Stirnseite des Tisches nieder.

„Das ist irgend so eine Allergie“, sagte er. „Ehrlich gesagt verstehe ich es

selbst nicht, ich war noch nie hier bei uns allergisch.“

„Vielleicht bist du gegen all die Hausarbeit allergisch“, meinte Jörgen und

da fingen wieder alle an zu lachen, Jimmy auch.

Ich trocknete mir die Hände am Küchenhandtuch ab und verließ die Küche.

Alle Hausarbeiten für das ganze Wochenende waren bereits erledigt, was

an ein kleines Wunder grenzte. Ich hatte alle Zeit der Welt, konnte tun,

was ich wollte. Ich wusste, Vater und seine Freunde würden den ganzen

Abend Karten spielen und Bier trinken. Außerdem wollten noch zwei von

Jimmys Freunden später vorbeischauen und im Keller ein Videospiel

spielen, also wären alle mit sich beschäftigt. Niemand würde mich stören.

Ich holte meinen tragbaren CD-Player hervor und setzte mich aufs

Bett. Bald war das gesamte Universum von The Cure erfüllt, nicht der

geringste Laut aus der Küche drang durch die Musik. Ich legte mich

lang hin, die Hände auf dem Bauch, und schloss die Augen. Begann mit

dem Yogaatmen, wie Mama es mir beigebracht hatte, und versuchte in

diesen ganz besonderen, fast meditativen Zustand zu kommen, den ich

manchmal erreichen konnte, wenn ich eine bestimmte Musik hörte.

Bevor ich es selbst bemerkte, war ich eingeschlafen.

 

Als ich aufwachte, war die Musik zu Ende. Es war nach ein Uhr. Durch die

Wand hörte ich, dass immer noch Leute in der Küche waren, obwohl ich

wusste, dass Vater am nächsten Morgen früh aufstehen musste, weil er

mit dem Wagen in die Werkstatt fahren wollte. Ich musste pinkeln, also

schaltete ich die Nachttischlampe ein, nahm die Ohrstöpsel heraus und

legte den CD-Player auf den Nachttisch. Nachdem ich gepinkelt und mir

die Zähne geputzt hatte, ging ich in die Küche, um mir ein Glas Wasser

zu holen. Alle waren noch da, Jimmy auch.

„Hallo“, sagte Jörgen, als ich hereinkam.

Sie waren betrunken, das erkannte ich daran, dass sie irgendwie unscharf

in ihren Konturen waren und Vater ganz zerzauste Haare hatte. Ich lächelte

ihnen zu und fragte blödsinnigerweise, „was sie denn so machten“, mit

einer merkwürdig kecken Stimme, die ich kaum wiedererkannte.

„Wir hocken hier zusammen und reden über das Leben, Kleines“, sagte

Jörgen.

„Wollten deine Freunde nicht herkommen?“, fragte ich Jimmy.

Er hatte ein Bier vor sich stehen und sah unglaublich zufrieden aus.

„Ist nichts draus geworden“, sagte er.

„Jimmy sitzt bei uns und bekommt von uns, die wir schon länger dabei

sind, einiges an Lebensweisheiten eingetrichtert“, erklärte Jörgen.

„Und Bier auch“, sagte ich, während ich mir ein Glas aus dem Schrank

holte und es mit Wasser füllte.

„Ein bisschen Bier kann er wohl vertragen“, sagte Vater. „Er ist ja fast

achtzehn.“

„Bist du eine Spionin der großen Schwester da oben?“, neckte mich einer

der anderen von Vaters Freunden, an dessen Namen ich mich nicht mehr

erinnere.

Ich wollte gerade sagen, dass „ich gar nichts bin“, aber Vater unterbrach

mich.

„Solange sie da oben ist, bin ich derjenige, der hier unten bestimmt“,

sagte er. „Und ich bin der Meinung, dass ein oder zwei Bier nichts ist,

worüber man sich aufregen sollte.“

„Ach so“, sagte ich und verließ die Küche.

„Hoho!“, riefen sie mir nach. „Hauptsache, sie verpetzt uns nicht!“

Dann lachten sie wieder.

 

Zurück in meinem Zimmer, musste ich feststellen, dass ich auf die ganze

Bande wütend war. Ich hatte nichts mit Mamas Geheimniskrämerei zu tun.

Nur weil ich ein Mädchen war, bekam ich die Schuld, dass sie die ganze

Familie im Stich gelassen hatte! Vater hätte ja zumindest fragen können,

ob ich mich nicht für eine Weile zu ihnen setzen wollte, vielleicht sogar

auch mir ein Bier anbieten, aber nein, das war nur für Jimmy bestimmt.

Nicht, dass ich überhaupt ein Bier hätte haben wollen.

Ich kroch ins Bett und zog mir die Decke bis ans Kinn, merkte aber

sofort, dass ich nicht würde einschlafen können. Stattdessen las ich

in meinem Buch, eine Geschichte von Kafka über einen Käfer. Nach

ungefähr zwanzig Minuten hörte ich, wie die Küchenstühle über den

Boden scharrten. Kurz danach hörte ich Jörgen und die anderen vor dem

Fenster, ihre Stimmen wurden leiser, bis sie schließlich ganz verklangen.

Dann war es für eine Weile still. Niemand ging ins Bad, um sich die Zähne

zu putzen oder so, offenbar saßen Vater und Jimmy immer noch in der

Küche. Ein paar Minuten später wurde die Haustür geöffnet und wieder

geschlossen. Ich setzte mich im Bett auf, löschte die Nachttischlampe,

sodass ich in der Dunkelheit sehen konnte. Es war Jimmy, auf dem Weg

zum Gartenschuppen. Ich sah, dass die Tür ein wenig klemmte, als er an

der Klinke zog, wie sie es im Winter immer tat, weil der Bodenfrost die

Schwelle hochdrückte. Er zog mit einem Ruck, sodass sie sich öffnen

ließ, dann verschwand er im Schuppen. Nach einer Weile kam er wieder

zum Vorschein, mit etwas Langem, Dünnem in der Hand. Ich trat ans

Fenster und schaute hinter der Gardine hervor, konnte aber nicht sehen,

was es war. Er kam wieder ins Haus und ich hörte ihn mit Vater reden,

konnte aber nicht verstehen, was sie sagten. Sie lachten leise.

Jimmy ist bestimmt auch betrunken, dachte ich und wurde noch wütender,

während ich da in der Dunkelheit stand. Es wurde wieder still. Dann hörte

ich, wie die Treppenstufen knarrten. Plötzlich begriff ich. Es war das

Brecheisen, das Jimmy im Schuppen geholt hatte, und ich spürte, wie

mein Herz hart in der Brust pochte.

Sie wollen die Tür aufbrechen.

Fast rannte ich zur Tür, wusste, ich musste mich beeilen. Ich drückte die

Klinke hinunter, doch dann hielt ich inne. Warum sollte ich? Es spielte

doch wohl keine Rolle, ob sie die Tür aufbrachen, um Mama einen

Streich zu spielen, oder was sie mit ihren nächtlichen Aktivitäten nun

bezweckten. Doch dann fühlte ich, dass es einfach falsch war, und öffnete

meine Zimmertür. Merkwürdigerweise hatte ich das Gefühl, ich müsste

all meinen Mut zusammennehmen, um hinter ihnen herzulaufen, und ich

könnte nicht einfach nur rufen, damit Mama aufwachte, was immer das für

eine Rolle spielen würde. Wenn sie überhaupt schlief. Wer weiß, vielleicht

war sie ja wach und malte Bilder, sprach mit Geistern oder tanzte die

ganzen Nächte nackt dort oben herum. Aber irgendwie war mir klar, dass

es gar keine Rolle spielte, ob ich nun rief oder nicht, das wäre den beiden

sowieso egal, sie würden die Tür trotzdem aufbrechen. Um sie daran zu

hindern, müsste ich ihnen das Brecheisen eigenhändig wegnehmen.

Gerade als ich die Treppe hinauflaufen wollte, hörte ich, wie sie, mit

einem Geräusch, das an das Jammern eines gequälten Tieres erinnerte,

die Tür aufbrachen und anfingen, zu lachen, zu johlen und Mama etwas

zuzurufen. Ich erstarrte in der Bewegung, wie ein Kurzstreckenläufer, der

von der Sonne versteinert wird. Plötzlich wurde es vollkommen still. Eine

Art Panik überrollte mich wie eine Tsunamiwelle, mir wurde am ganzen

Körper eiskalt. Da hörte ich jemanden schluchzen und weinen.

Mama.

Das Weinen wurde lauter, sie heulte und fing an, fast wie ein Wolf zu

jaulen, nein, nicht jaulen, sie klang eher wie eine Katze. Sie miaute.

Lange, klagende Laute, die sich in mein Ohr schlichen und sich in mir

wanden, dass es wehtat. Sie wurden immer lauter, so laut, dass ich nicht

einmal hörte, wie Vater und Jimmy die Treppe wieder herunterkamen.

Sie sagten nichts, als sie an mir vorbeigingen, auf dem Treppenabsatz,

immer noch bereit zum Sprung. Ihre Augen sahen ganz leer aus, als sie

in ihren Zimmern verschwanden, wie beschämte kleine Jungs nach einer

Schimpftirade. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Mama weinte und

miaute immer noch oben auf dem Dachboden, während ich nur dastand,

anstatt hinaufzugehen und sie zu trösten. Ich fühlte mich scheußlich,

aber ich war einfach nicht in der Lage, die Treppe hinaufzugehen. Was

erwartete mich eigentlich dort oben? Eine verzweifelte Henne, der alle

Eier zerbrochen worden waren? Ein kleines Mädchen, das nach ihren

Eltern rief? Eine Fremde?

Schließlich verstummte sie. Da erwachte ich aus der merkwürdigen Starre

und ging in mein Zimmer. Ich verschloss die Tür hinter mir, war ich sonst

nie tue. Dann legte ich mich ins Bett und schlief sofort ein.

 

Am nächsten Tag wachte ich erst spät auf. Es graute mir davor, in die

Küche zu gehen und mit Vater oder Jimmy über den gestrigen Tag reden

zu müssen, aber das Haus war vollkommen still. Da fiel mir ein, dass Vater

sicher immer noch in der Werkstatt war, also stand ich auf. Nachdem ich im

Bad gewesen war, ging ich an Jimmys Zimmer vorbei und sah, dass seine

Tür offen stand. Das Bett war nicht gemacht. Offenbar war er mit Vater

in die Autowerkstatt gefahren, auch wenn es merkwürdig war, dass er so

etwas tat. Und das auch noch an einem Samstagmorgen. Einige Sekunden

lang stand ich einfach nur da. Dann ging ich hoch auf den Dachboden.

Die Tür zur Bodenkammer war angelehnt, die Spuren vom Brecheisen
waren deutlich zu erkennen. Tageslicht strömte auf meine Füße. Mein

Puls war ungewöhnlich hoch.

„Mama“, sagte ich, bekam aber keine Antwort.

Ich nahm all meinen Mut zusammen und schob die Tür auf.

Es war unglaublich, wie viel sie hatte wegräumen können.

Das letzte Mal, dass ich hier oben gewesen war, da war ich ungefähr

zehn Jahre alt gewesen, aber ich erinnerte mich noch, wie überladen

und schmutzig der Raum gewesen war. Abgesehen von Kartons, die

in einer Ecke hinten unter der Dachschräge standen, gab es jetzt hier

einen Schreibtisch, einen Sessel, ein Bett und es lag ein Teppich auf dem

Boden – genau wie in jedem anderen Zimmer.

Mama saß in der Fensternische, die Beine angezogen, den langen

Schwanz um die Füße geringelt. Im Gegenlicht konnte ich sehen, wie

ihre Ohren auf mich gerichtet waren und dass das silberschwarze Fell

glänzend und frisch geputzt aussah. Sie schaute mich an und ließ

unbekümmert ihre nadelscharfen Krallen ausfahren, als sie die Zehen

spreizte, um sich die Zehenballen lecken zu können. Ich starrte sie eine

ganze Weile an, aber sie schien vollkommen damit beschäftigt zu sein,

sich zu putzen.

Als sie fertig war, gähnte sie plötzlich und sprang behände auf den

Boden. Sie drückte die Zunge auf die Innenseite der Unterlippe, schielte

und sagte mit einer Stimme voller Lachen:

„Undwasismitdirlos?“