Faces and names
I wish they were the same
Faces and names
Only cause trouble for me
[Lou Reed & John Cale]
Ich wache von einem Knall auf. Die Jugendlichen, die sich vor dem
Spätkauf nebenan treffen, haben immer noch Silvesterknaller übrig, sie
werfen sie auf die Straße und freuen sich, wenn die Leute erschrecken.
Ich sehe auf mein Handydisplay. In zwei Stunden wird es dunkel.
Als ich aus meinem Zimmer trete, schleicht gerade ein Mann über den
Flur. Er tut so, als ob er mich nicht gesehen hätte, aber er bekommt die
Wohnungstür nicht auf. Hallo, sage ich, und er sagt verlegen: Hallo. Ich
ziehe den Riegel auf und sehe ihm nach, höre die Haustür hinter ihm
zuschlagen. Ich gehe in die Küche, stelle das Radio an und fange an
abzuwaschen.
Irgendwann kommt Hanna in die Küche und brät sich ein Ei. Sie sieht
missmutig aus, als hätte sie schlecht geschlafen, aber so sieht sie
eigentlich immer aus. War der Mann von dir?, frage ich. Welcher Mann?,
fragt Hanna. Der auf dem Flur, sage ich. Nein, sagt sie, das muss Peter
gewesen sein. Peter?, frage ich, welcher Peter? Oder Martin, sagt sie,
irgendwie so hieß der. Aber ich sehe ja eh nicht mehr durch bei den
ganzen Männern. Ich auch nicht, sage ich und lache. Wir sollten von
jedem, der hier übernachtet, fünf Euro nehmen, sagt Hanna, davon
könnten wir die Gasrechnung fürs ganze Jahr bezahlen. Sie setzt sich
neben mich und fängt an, ihr Ei zu essen. Ich trinke einen Kaffee und
rauche und sage: Kannst du vielleicht mal aufhören zu essen, während
ich rauche? Wirklich, das ist doch eine Zumutung. Ich weiß nicht, wie
alt dieser Witz ist, ich glaube, er existierte schon, bevor ich eingezogen
bin. Wir lachen immer noch drüber, nicht mehr so schrill, eher leise und
komplizenhaft. Als Hanna aufgegessen hat, kommt Tim in die Küche.
Guten Morgen, sagt er und lässt sich auf einen Stuhl fallen. Willst du ein
Brötchen?, frage ich. Gerne, sagt Tim. Während er isst, muss ich immer
auf dieses Gedicht starren, das Tim unter die Fotos von Björk und Jean
Reno an die Wand gehängt hat. Es ist eins der schlechteren von Rilke, es
fängt so an: Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort, sie sprechen alles
so deutlich aus, und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus, und hier ist
Beginn und das Ende ist dort. Hanna dreht sich eine Zigarette. Tim beißt in
sein Brötchen.
Am Abend ruft Amir endlich an. Was machst du gerade?, fragt er. Nichts
Wichtiges, sage ich. Kommst du vorbei?, fragt er. Ich werfe mir die
Jacke über, rufe: Bis später, und ziehe die Tür ins Schloss. Ich gehe mit
gesenktem Kopf die Sonnenallee entlang, die Hände in den Taschen
zu Fäusten geballt. Der Schnee ist fast ganz geschmolzen, nur ein paar
dreckige Eishaufen sind noch übrig. Ich drücke auf die Klingel und steige
die Treppe hoch. Die Wohnungstür steht offen. Ich durchquere den Flur
und gehe in Amirs Zimmer. Er gibt mir einen Kuss auf den Mund. Na?,
sagt er und nimmt mir meine Jacke ab. Möchtest du einen Tee und ein
Schokoladenherz? Ja, sage ich. Amir geht in die Küche. Ich setze mich
aufs Bett und probiere verschiedene Positionen aus. Schließlich lege ich
mich seitlich hin, mit ausgestreckten Beinen und aufgestütztem Kopf. Als
Amir hereinkommt, lächele ich. Er drückt mir den Tee und das Schokoherz
in die Hand und sieht mir zu, wie ich trinke. Willst du was Lustiges sehen?,
fragt er. Ich nicke. Er nimmt den Laptop von seinem Schreibtisch und setzt
sich neben mich aufs Bett. Er öffnet eine Website, auf der eine tanzende
Comicfigur zu sehen ist. Anstelle des gezeichneten Kopfes hat Amir ein
Foto von seinem Gesicht eingesetzt. Passt zu dir, sage ich. Was, der Tanz?,
fragt Amir. Ja, und so was überhaupt zu machen, auf eine Website gehen
und dein Foto da einsetzen und so. Amir sieht einen Moment lang irritiert
aus, dann sagt er: Hilfst du mir, das Regal aufzubauen? Ich habe es mir
gestern gekauft. Klar, sage ich. Wir setzen uns auf den Boden, er drückt mir
die Anleitung in die Hand. Wir bauen zusammen das Regal auf und stellen
seine Bücher hinein, die er vorher in einer Zimmerecke gestapelt hat. Amir
steht davor, dreht sich um und lächelt. Schön, sagt er. Wir legen uns wieder
ins Bett und gucken einen Film. Amir legt seinen Kopf auf meine Schulter
und streichelt meine Hand. Als der Film vorbei ist und ich schon beinahe
eingeschlafen bin, spielt er mir ein Lied auf der Gitarre vor. Der Refrain
geht: You belong to me, you belong to me, you always belonged to me. Als
er die Gitarre wegstellt, ziehe ich mich bis auf die Unterhose aus. Amir legt
sich nackt an meinen Rücken. Davon werde ich wieder wach. Amir schiebt
seine Hand auf meine linke Brust und drückt leicht zu. Ich drehe meinen
Kopf zu ihm um und küsse ihn. Die Kondome liegen direkt neben dem
Bett. Amir reibt meine Klitoris, während wir miteinander schlafen. Er kennt
alle möglichen Stellungen, die ich vor ihm nicht kannte, es ist wie Tango
tanzen, ich lasse mich einfach führen. Wir kommen beinahe gleichzeitig,
und Amir streichelt noch lange meine Hand, bis ich einschlafe.
Am Morgen weiß ich kurz nicht, wo ich bin. Amir hat mich die ganze Nacht
gehalten, er hält mich auch jetzt noch. Als er merkt, dass ich wach bin,
sagt er: Wollen wir uns ein Glas Wasser herzaubern? Ja, sage ich. Ok,
du sagst ein Zauberwort, dann ich. Mein Zauberwort klingt wie Finnisch,
Ärekättönen. Seins heißt Lalula. Er beugt sich über den Bettrand und hebt
ein volles Glas Wasser in die Höhe. Wir trinken es gierig aus. Amir turnt
nackt auf dem Fensterbrett herum, stolz und geschmeidig wie ein Panther.
Er zieht die Gardinen auf, und die Sonne bringt seine Umrisse zum
Leuchten. Ich muss jetzt gehen, sage ich.
Ich mache Sportübungen und gucke VIVA Get the clip, und Amir ist schon
seit zwei Stunden online, als er mich endlich anchattet. Er schreibt: Ich
mache mir Sorgen, dass ich zu lieb zu dir war, du weißt schon. Ich lege
meine Finger auf die Tastatur, antworte aber nicht. Sie spielen ein Lied
von Diddy Dirty Money. Hieß der nicht gerade noch P. Diddy? Unter
dem Musikvideo läuft dieses Liebesbarometer-Programm. Man schickt
seinen Namen und den seines Partners als SMS und bekommt eine
Prozentzahl und eine Prognose. Gerade steht da: Anna und Falk, 10 %,
Falk liebt dich nicht, Anna. Er würde dich nicht mal nehmen, wärst du
die letzte Frau auf der Welt. Es kommt oft vor, dass das Programm nicht
erkennt, welcher Name männlich und welcher weiblich ist. Dann steht
da: Tobi wird Ja sagen, Jule. Frag sie endlich! Ich bewege meine Finger.
Ach, schon ok, tippe ich in die Tastatur. Amir schickt mir ein Muster aus
Grafik-Emoticons zurück. Ich erinnere mich, wie wir zusammen an der
Bushaltestelle gestanden haben und diese perfekte Schneeflocke neben
mir gelandet ist. Amir hat mich gefragt, ob ich mit zu ihm kommen würde,
und ich habe Ja gesagt. Wir warteten auf den Bus, und plötzlich nahm
Amir meine Hand und sagte: Ich bin aber kein Mann zum Heiraten. Ich
lachte. Sehe ich so aus, als würde ich jeden gleich heiraten wollen?, fragte
ich zurück, und Amir schüttelte den Kopf. Als wir in den Bus stiegen, fragte
ich: Bist du ein Hallodri? Amir überlegte kurz, dann nickte er. Später, in
seinem Bett, erzählte ich ihm, dass ich in letzter Zeit andauernd Männern
begegnete, die seit Jahren nicht geweint hatten und auch zu keinem
großen Hochgefühl fähig waren, so, als hätten sie gar keine emotionalen
Höhen oder Tiefen, sondern nur Mitten. Ich glaube, ich bin einer von
denen, sagte Amir. In der selben Nacht sagte er noch, dass es für ihn
nur Liebe auf den ersten Blick gebe, und wenn in diesem ersten Moment
nichts passiere, passiere es nie. Er schlafe mit keiner Frau öfter als ein
paar Mal, denn wenn der Reiz des Neuen vorbei sei und er keine Gefühle
habe, fühle sich jede Nähe nur noch so an, als würde er sein eigenes Herz
verarschen. Das ist drei Wochen her. Aber warum schläfst du dann immer
noch mit mir?, möchte ich fragen. Aber ich halte meine Finger still, und
zehn Minuten später ist Amir offline. Ich mache mir in der Küche einen Tee
und klopfe an Tims Zimmertür. Ja?, ruft Tim. Darf ich reinkommen?, frage
ich. Tim dreht sich auf seinem Schreibtischstuhl um. Gucken wir Arielle?,
frage ich. Gute Idee, sagt Tim, ich kann sowieso gerade nicht arbeiten. Wir
setzen uns eng nebeneinander auf Tims Couch und essen Süßigkeiten aus
angebrochenen Packungen. Das Lied, das Arielle in ihrer Schatzkammer
singt, singen wir laut mit: Sieh dich nur um, ist das nicht schön, hast du so
was denn schon einmal geseh’n? Wir können jeden Seufzer auswendig
und hauchen leise und mit brüchiger Stimme die letzte Zeile: Heute und
hier wünsche ich mir, ein Mensch zu sein. Am Ende des Films weine ich,
wie jedes Mal, und Tims Augen sind auch glasig. Als ich schon fast an
der Tür bin, fragt Tim: Wie geht es dir eigentlich? Ich drehe mich um. Ach,
nicht so gut, sage ich. Und dir? Auch nicht so gut, sagt Tim. Treffen wir uns
nachher in der Küche auf eine Zigarette? Ein paar Freunde von mir wollen
wahrscheinlich noch kommen, und Jessica ist wohl auch da. Gerne, sage
ich. Bis dann.
Tim und ich tanzen in der Küche zu Paul Kalkbrenner und warten auf die
Gäste und darauf, dass die Lasagne fertig wird. Wo ist eigentlich Hanna?,
frage ich. Ich habe sie heute schon wieder den ganzen Tag nicht gesehen.
Tim zuckt die Schultern. Sie kommt in letzter Zeit oft tagelang nicht aus
ihrem Zimmer. Ich frag sie dauernd, ob sie mit irgendwohin kommt, aber sie
kommt nie mit. Sie trifft auch immer nur die gleichen Leute. Ich mach mir
langsam echt Sorgen.
Als Erstes kommt ein Amerikaner, den Tim von früher kennt. Er gibt mir
die Hand. Claus, sagt er, like Santa Claus. Nacheinander kommen noch
zwei Freunde von Tim, einer ist Grieche. Es klingelt schon wieder. Tim
tänzelt zur Tür und nimmt den Hörer der Gegensprechanlage ab. Jessica?
Antjes Schritte kommen näher. Ich höre, wie sie Tim im Flur begrüßt.
Jessica! Dann kommt sie in die Küche. Jessica, ruft sie, du bist ja auch
da! Wir umarmen uns, und als die anderen komisch gucken, lacht Tim und
sagt: Wenn Antje zu Besuch ist, heißen wir alle Jessica. Ich schneide die
Lasagne an, Tim verteilt die Teller. Dann kommt auch Hanna und setzt sich
mit mürrischem Gesichtsausdruck dazu.
Später trinken wir Pfefferminzlikör und drehen die Musik lauter. Unsere
Sätze werden kürzer, fast alles, was wir sagen, sind Witze. Wir stoßen
auf das Leben an, auf diese Küche und darauf, dass ich hier eingezogen
bin, und Tim erzählt noch einmal die Geschichte, wie Hanna und er die
Namen der drei Kandidaten, die in der engeren Auswahl waren, auf
Facebook allen ihren Freunden geschickt haben, mit der Frage: Wer
wird der neue Mitbewohner? Fast alle waren für Adina, aber am Ende
haben sich die beiden doch für mich entschieden. Auf dich, sagt Hanna.
Auf uns, sage ich. Ich behalte den Likör so lange im Mund, bis sich der
Pfefferminzgeschmack überall ausgebreitet hat, erst dann schlucke ich ihn
herunter.
Ich unterhalte mich mit dem Griechen. Er erzählt mir von Athen, wo
Polizisten mit Gewehren an den Straßenecken stehen, von dem Essen,
das seine Mutter ihm kocht, wenn er zu Besuch ist. Er sei gerade für ein
paar Tage dort gewesen, und er habe bei der Rückkehr festgestellt, dass
Berlin keine Stadt zum Altwerden sei. Ich nicke. Es ist ein guter Ort, wenn
man zwischen zwanzig und vierzig ist, sage ich. This city is like a one-night
stand, sagt er. Like a love affair, sage ich. Like a love affair, sagt er, you
are so right. Einmal begegnen wir uns im Flur, als ich gerade aus dem Bad
komme und er ins Bad will. Er sagt: I like you, und dann fängt er an, mich
zu küssen. Ich habe nicht die geringste Lust dazu, aber ich will keine große
Sache daraus machen, also lasse ich es geschehen. Bevor er geht, fragt
er mich, wie ich heiße, um mich auf Facebook zu finden. Sorry, sagt er, I
am bad with names. Ich schreibe ihm meinen Namen auf einen Zettel, und
er gibt mir lächelnd die Hand.
Am Ende sind nur noch Hanna, Tim und ich da. Als alle Flaschen leer
sind, legen wir die traurige Musik auf und singen leise einzelne Wörter mit.
Draußen hat die Nacht ihr tiefstes Schwarz erreicht.
Ich wache auf, als Hanna gegen meine Tür klopft. Ja?, frage ich. Ich
habe Fisch gemacht, sagt sie. Du musst doch auch was essen. Wie spät
ist es?, frage ich. Kurz nach drei, sagt Hanna. Okay, sage ich, ich stehe
jetzt auf. Sie hat mir den Teller vor die Tür gestellt, ich setze mich auf den
Schreibtischstuhl und esse. Später beobachte ich, wann Amir online geht.
Tim chattet mich aus dem Nebenzimmer an: Kann ich mir eine Zigarette
von dir drehen? Klar, schreibe ich, komm rüber. Er klopft leise und tritt ein,
und ich sehe ihm zu, wie er geübt eine Zigarette dreht. Hast du Lust, heute
mit mir wegzugehen?, fragt er. Ich muss heute Abend jemanden finden,
wenigstens zum Knutschen. Ich fühle mich so einsam gerade, vielleicht ist
es der Winter. Ich kann einfach so schlecht allein sein. Was ist mit Peter?,
frage ich. Du meinst Martin?, sagt Tim. Ach, nichts irgendwie.
Mein Telefon klingelt. Amir fragt heiter, ob wir uns heute sehen. Ja, sage
ich, aber am Abend habe ich schon was vor. Dann komm doch jetzt gleich
vorbei, sagt er. Ich stehe auf und sage: Ich muss noch mal los. Amir?, fragt
Tim. Ich nicke.
Vor der Haustür ist die Welt feindselig wie immer. Ich nehme alles
persönlich, auch den Schneeregen, der mir in den Nacken fällt. Ungefähr
auf der Hälfte der Strecke kommt mir das Gesicht des Griechen in den
Kopf, der mich gestern geküsst hat, und ein Satz von Hanna: Du bist zu,
wie sagt man, gefällig. Nein, habe ich gesagt, ich habe einfach so viel
Verständnis. Und zu wenig Talent, auf dich selbst zu achten, erwiderte
Hanna. Ach, sagte ich, ich bin bloß nicht cool genug.
Amir öffnet lächelnd die Tür und nimmt mir die Jacke ab. Wollen wir ein
Bier mit meinen Mitbewohnern trinken?, fragt er. Wir setzen uns zu ihnen in
die Küche. Sie mustern mich, ich mache geistreiche Witze, und nach fünf
Minuten prosten sie mir zu und tätscheln meine Schulter. Amir steht abrupt
auf und sagt: Komm, gehen wir auf mein Zimmer.
Ich nehme ein Buch aus dem Regal und setze mich aufs Bett. Amir setzt
sich neben mich und faltet etwas aus Aluminiumfolie. Es wird ein Ring, er
schiebt ihn mir auf den Finger und lacht. Ich habe nachgedacht, sagt er.
Ich glaube, ich bin gar nicht beziehungsunfähig. Aber das hieße ja, dass
das nicht der Grund ist, warum du keine Gefühle für mich hast. Das hieße,
dass ich einfach nur die Falsche bin. Das ist wohl so, sagt Amir und nimmt
seine Gitarre auf den Schoß. Er spielt dasselbe Lied wie vorgestern: You
belong to me, you belong to me, you always belonged to me. Ich stelle mir
vor, dass er einen Ordner mit Liebesliedern auf seinem Rechner hat, für
gewisse Momente, so, wie er diesen Frauenschlafanzug neben dem Bett
liegen hat, nur für den Fall. Amir legt sich an mich und schiebt ein Bein
zwischen meine Beine. Eine Stunde lang bleiben wir so liegen. Dann sage
ich: Ich gehe jetzt. Ich weiche seinem Blick aus, der so eindeutig zu sein
scheint, und empfange seinen Kuss mit geschlossenen Augen.
Ich stehe im Spätverkauf, als ich eine SMS bekomme: Es war wirklich eine
angenehme Zeit mit dir. Bis dann, Amir. Ich schiebe das Handy zurück
in die Tasche und fühle mich seltsam erleichtert. Vor einem Zoogeschäft
bleibe ich stehen und zünde mir eine Zigarette an. Eine Schildkröte im
Schaufenster reckt ihren Hals und starrt mich an, ohne sich zu bewegen.
Keiner von uns lässt den Blick fallen. Ich gehe in den Laden und kaufe die
Schildkröte mitsamt Terrarium und trage sie nach Hause.
Als ich den Schlüssel im Schloss herumdrehe, höre ich, wie Hanna
und Tim in der Küche reden. Gerade sagt Tim: Aber sie macht sich
unglücklich, und Hanna sagt: Lass sie doch, wir sind doch alle nicht die
Glücklichsten. Ich schließe die Tür geräuschvoll, und Hanna und Tim
verstummen. Hallo, rufe ich. Hallo, rufen sie. Ich setze mich zu ihnen und
stelle das Terrarium mit der Schildkröte auf den Tisch. Tim beugt sich
vor und tippt gegen das Glas. Oh, ist die süß. Hanna lächelt. Ist die für
uns? Ich nicke. Sie hat noch keinen Namen. Ist es ein Er oder eine Sie?,
fragt Tim. Ich weiß es nicht, sage ich. Tim hebt sie vorsichtig heraus und
dreht sie auf den Rücken. Es ist eine Sie, sagt er. Wie wäre es mit Heidi?,
fragt Hanna. Nein, sage ich, da muss ich immer an die Fernsehserie
denken. Emma?, fragt Tim. So heißt meine Oma, sagt Hanna. Jenny?,
frage ich. Tussig, sagt Hanna. Warum nennen wir sie nicht einfach Frau
Schildkröte? Frau Schildkröte, sage ich, das gefällt mir. Mir auch, sagt
Tim. Wir stoßen an. Ich dachte, ich gehe heute Abend doch nicht weg,
sagt Tim. Wir könnten einen Film gucken, sage ich. Ja, sagt Hanna, da
wäre ich dabei.
Wir sitzen auf Tims Couch und schauen Der König der Löwen. Unsere
Knie berühren sich. Wir reichen die Weinflasche hin und her. Neben uns
auf dem Fußboden kriecht Frau Schildkröte langsam um ein auf dem
Boden liegendes Blatt Papier herum. Das Fernsehbild hat einen leichten
Blaustich. Wir singen mit: Und das Leben … ein ewiger Kreis. Als der Film
vorbei ist, sehe ich, dass Tim auch weint. Hanna ist eingeschlafen, ihr
Kopf liegt auf meiner Schulter. Tim und ich rauchen noch eine Zigarette.
Ich habe mir vorgenommen, eine Pause zu machen, sagt Tim leise. Ich
muss mal eine Weile für mich sein, glaube ich. Ich habe alle Kontakte
aus meinem Handy gelöscht, wo mir die Namen nichts mehr sagen.
Es ist still. Der Fernsehbildschirm leuchtet blau ins Zimmer. Hanna hat
mir heute erzählt, dass sie seit fünf Jahren in den Freund ihrer besten
Freundin verliebt ist. Krass, oder? Ja, krass, sage ich. Wir drücken unsere
Zigaretten aus. Das mit Amir und mir ist vorbei, sage ich. Ist es ok?, fragt
Tim und legt seine warme Hand auf meine. Ja, sage ich. Gut, sagt Tim.
Komm, wir tragen Hanna ins Bett.