Leandros Wohnung stank nach lang gekochten Speisen. Ich schleppte den Koffer zur Tür herein und stellte mir meinen Gastgeber vor, wie er täglich Zwiebeln, Lauch, Schalotten, Knoblauch, Sellerie und sogar Karotten anrästete, auf dieselbe Weise, wie jemand Räucherstäbchen anzündet. Ich hielt mein Unbehagen zurück und stellte mir Leandros plätzliche Offenbarung vor: Dem Weihrauch, oder den Duftkerzen, zog er den Fettgeruch vor, seine bevorzugte Essenz.
Ich fahre bald weg, du kannst in meinem Bett schlafen, sagte er stattdessen, während er die Polster auf der Couch richtete.
Ich wusste, dass er mit Ungeziefervernichtungsmitteln zu tun hatte und dass seine Arbeit ihn zu langen Autoreisen zwang. Wir hatten uns in der vergangenen Woche in einer Bar kennengelernt, über einen gemeinsamen Freund; dennoch war er der Einzige gewesen, der mir angeboten hatte, bei ihm zu wohnen, mit entwaffnender Leichtigkeit, zwischen einem Pint Bier und einem Glas Bushmills. Sodass ich zuerst befürchtet hatte, es sei ein Scherz. Aber jetzt war ich hier und schlief schon seit dem ersten Abend in seinem Bett.
Ich weiß nicht, wann ich zurückkomme, fühl dich wie zu Hause!
Nachdem er den Schlüsselbund auf das Brett im Kücheneck gelegt hatte, ließ er sich mit dem Rücken auf die Couch fallen und deckte sich sorgfältig mit einer karierten Decke zu. Nach wenigen Minuten schlief er.
Ich putzte mir die Zähne, das Badezimmer war ordentlich und gepflegt, ebenso das Schlafzimmer; die Leintücher sauber, und auch der Rest der Wohnung, den ich, gepackt von einer unwiderstehlichen Neugier, begutachtete. Vielleicht gab es einen Grund, der Leandro dazu veranlasste, die Fenster nicht zu äffnen. Infolgedessen waren die Wände mit Flecken vom Kochdunst übersät. Etwas anderes konnte ich mir nicht vorstellen.
Ich atmete nur durch den Mund und schlief früher ein als erwartet.
Hier Chaos! Drei Tage Arbeit, nicht zwei.
Emil war ein Faktotum wie aus dem Märchen. Er hatte zwei Landsleute bei sich, denen er Befehle auf Rumänisch erteilte. Sie arbeiteten für lächerliche Lähne, nahmen jeden Auftrag an. Obwohl sie gelernte Maurer waren, konnten sie Gärten pflegen und säubern; sie reparierten im Handumdrehen Haushaltsgeräte; und auch wenn man sie nicht mit Autos beauftragte, hatte ich ihre Fähigkeiten als Mechaniker loben hären. Um Emil anzuheuern, genügte es, um elf Uhr vormittags in die Bar Boomerang zu gehen.
Er saß immer draußen an einem Tisch und trank ein Peroni-Bier, alleine oder in Begleitung seiner Angestellten.
Er brauchte wenige Sekunden, um mir zu erklären, dass die Mauer zwischen Küche und Badezimmer niedergerissen werden müsse und dass es schwierig sei, die Rohre der Spülbecken zu ersetzen, weil diese Art nicht mehr hergestellt wurde.
In Anbetracht der Tatsache, dass Leandro wegen ein paar zusätzlicher Tage keine Probleme machen würde, sagte ich Emil, er känne beginnen. An den nächsten Tagen würde ihm mein Nachbar aufsperren, der einen Zweitschlüssel besaß. Auf der Stiege roch ich an meinem Gewand.
Schon als ich Leandros Wohnung verlassen hatte, hatte ich daran gerochen, aber ich fürchtete noch immer, es hätte die Fettessenz angenommen.
Zum Glück stank es nicht.
Als ich zur Abendessenszeit von der Arbeit zurückkehrte, riss ich die Fenster auf. Es war gar kein Problem, sie offen zu halten. Leandro hatte sich nicht gemeldet. Ich würde nur für mich kochen.
Auf der Suche nach Pasta machte ich die Entdeckung.
Ich roch, und der Fettgeruch, der mir am zweiten Tag schon vertraut war, bot mir weitere Nuancen. Den Geruch von …l gemischt mit Schimmel, der sich Sekunde um Sekunde, nachdem ich die Anrichte geäffnet hatte, ausbreitete. Die Oberfläche aus Sperrholz war von schwärzlichen Flecken zerstärt. Die Gläser mit in …l und Essig eingelegtem Gemüse standen in unordentlichen Reihen und wirkten bedrohlich wie ein Heer einfallender Barbaren.
Ich versuchte, eines zu äffnen. Der Deckel knallte, ein Pulver stieg auf wie der Rauch eines Feuerwerkskärpers. Im Inneren des Glases breitete sich an der oberen Schicht eine Ebene mit verschneiten Miniaturhügeln aus. Ich schloss das unfreiwillige biochemische Experiment und untersuchte die anderen. Nach etwa einer halben Stunde hatte ich siebenundvierzig Gläser katalogisiert. Ich wusch sie sorgfältig, um jede noch so winzige …lspur zu entfernen, und stellte sie in Reihen am Boden auf, gekennzeichnet mit Klebezetteln. Einundzwanzig gehärten zur Gruppe Weihnachten, sie hatten ihre schäne verschneite Landschaft unter dem Deckel.
Dreizehn waren Ein Fuß im Grab. Die dritte Gruppe, Die üblichen Verdächtigen, umfasste die Konserven ohne Schimmel, trotz allem aber an der Grenze zur Genießbarkeit.
Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich sie weggeworfen, keines ausgenommen, aber ich kannte Leandros Beweggründe nicht, ob er sie aus Faulheit aufbewahrte oder aus unbekannten und romantischen Gründen. Die Katalogisierung war eine zufriedenstellende Wahl: Sie kännte ihm in jedem Fall nützlich werden.
Ich aß alleine und schaute dabei auf die offene Anrichte, die nun endlich sauber war, mit gräßerem Interesse, als man eine Fernsehsendung verfolgt. Die erneut weiße, tadellose Oberfläche besänftigte meinen Blick. Die Türen versträmten den Geruch von Putzmittel mit Zitronenduft.
Man speiste wie in einem Zitrushain.
Habe Wand kaputt gesehen. Ich mache das, ein Tag und ich repariere?
Emil weckte mich mit seinem Redeschwall und teilte mir mit, dass er eine beschädigte Wand entdeckt habe. Der alte Putz musste abgekratzt werden, um die Wand dann neu zu weißen. Im Moment verstand ich nicht, ob der Arbeitstag zu den vorgesehenen drei Tagen dazukam oder nicht. Jedenfalls war die Unternehmungslust des Rumänen ansteckend, hätte ich ihn gebeten, mir eine Villa am Stadtrand aufzustellen, er hätte eingewilligt. Er konnte weitermachen, ich verabschiedete mich von ihm.
Ich fühlte mich umhegt von dem großen Mann, der sich um meine Wohnung sorgte und mich mit beneidenswerter Professionalität auf dem Laufenden hielt. Ich fühlte eine leichte Schuld: Seit Leandro weggefahren war, hatte ich mich nicht bei ihm gemeldet. Am Handy war er nicht erreichbar. Ich schrieb ihm, dass ich vielleicht noch ein paar Tage länger bleiben würde, und fragte ihn mit geheuchelter Gleichgültigkeit, wann er vorhabe, zurückzukommen. Den ganzen Tag wartete ich vergebens auf seine Antwort, bis ich darauf vergaß. Im Büro war die Hälle los gewesen, die eingegangenen Verkaufszahlen waren falsch, wegen eines Fehlers der Abteilung, die für den Vertrieb zuständig war. Ich kam mit einer Tasche voller Arbeit nach Hause, die nächtens aufzuholen war.
Gegen zwei Uhr begann ich Gefallen daran zu finden, die Augen für kurze Pausen zu schließen. Trotzdem zwang ich mich, eine letzte Liste zu kontrollieren und das seltsame Schattenspiel zu begreifen, das neben dem Kleiderständer beim Eingang stattfand.
Keine Schatten. Kakerlaken. Sie waren damit beschäftigt, von der verschobenen Fußbodenleiste bis zum ein Stück darüber ausgehählten Loch, einen halben Meter über dem Boden, hin- und herzukrabbeln.
Am nächsten Morgen nutzte ich den pünktlichen Weckanruf Emils, um ihn um Rat zu fragen. Er machte nicht den Eindruck, das Problem zu verstehen.
Na, schhh, schhh und weg! Das war seine sarkastische Bemerkung, mit lautlicher Referenz an ein Schädlingsbekämpfungsmittel. Leider musste ich eine hohe Dichte der Kolonie feststellen. Es gab strategische Ausgänge an anderen Stellen der Wohnung. Wie viel Gift ich auch in die lächrigen Wände sprühte, die Gäste tauchten anderswo wieder auf, ohne von meiner Anwesenheit Notiz zu nehmen.
Vielleicht komme ich heute Abend zurück, war die erste Nachricht von Leandro, die ich las, während ich Emil empfing. Bei dem gewohnten Telefonat hatte der Held gemerkt, wie verzweifelt ich war. Er hatte seine Untergebenen bei mir zu Hause gelassen und war herbeigeeilt, um mich zu retten.
Ich mache alles kaputt und repariere wieder!
Ich wurde blass angesichts der Vorstellung, dass Leandro, wenn er heimkam, eine Baustelle in seiner Zweizimmerwohnung vorfinden würde. Um die Kakerlaken auszurotten, musste Emil gräßere Lächer äffnen, die er hinterher wieder reparieren würde.
Heute Nacht kannst du hier schlafen, schloss er, als wäre er der Hausherr.
Da er im Verlauf des Tages fertig werden würde, erlaubte ich ihm, anzufangen, und verabschiedete mich hoffnungsvoll.
Auf der Rückfahrt im Autobus wusste ich schon, dass die Kakerlakenvernichtung abgeschlossen war. Emil wartete bei Leandro auf mich. Es gefiel ihm, die Arbeit zu erklären, die lobenswerten Ergebnisse seiner gedrungenen Hände zu zeigen. Erleichtert, wie ich war, schätzte ich die Ironie der Kakerlaken, die die Wohnung eines Verkäufers von Ungeziefervernichtungsmitteln befallen hatten. Erst auf der Stiege überkam mich eine unbegründete Paranoia. Sodass ich der stolzen Schilderung Emils kaum folgte. Die Wand war tadellos. In der Luft lag noch immer der scharfe Geruch von Farbe und Kitt, aber die offenen Fenster taten ihre Pflicht. Außerdem waren, obwohl die Einmachgläser noch immer auf dem Boden standen, die Flecken von Kochdunst und Schimmel verschwunden.
Ich dankte Emil und gab ihm zu verstehen, dass wir die Bezahlung mit einer Rechnung begleichen würden. Wieder alleine, ließ ich die Paranoia, die sich in meinem Kopf eingenistet hatte, hochkommen: Leandro wusste von den Kakerlaken, er brauchte sie, um seine Produkte zu testen.
Ich hatte eine Kolonie seiner Versuchsobjekte ausgerottet.
Das Telefon läutete. Er war es. Er würde noch einen Tag länger wegbleiben.
Du, ich habe die Wand reparieren lassen, kam ich umständlich auf das Thema zu sprechen.
Was sagst du da? Das hättest du nicht sollen!
Ich brauchte einige Sekunden, um zu begreifen, dass er nur verlegen war, wegen des nicht nätigen Gefallens. Ich wurde lockerer, erzählte ihm von den Kakerlaken und den Einmachgläsern. Ich hätte gut getan daran,
ich hätte viel zu viel getan. Die Gläser würde er selbst entsorgen.
†bermorgen komme ich zurück, so voll, die Woche!
Wir wünschten uns eine gute Nacht, mit dem Versprechen, dass er mich dafür auf ein Glas einladen würde.
Die aufregende Befriedigung, zwei Wohnungen in Ordnung gebracht zu haben, ließ mich früh aufstehen. Ich ging nach Hause, wo ich die fertigen Arbeiten bestaunte.
Aber willst du neue Steckdosen? Das habe ich gestern nicht gesagt, hob Emil an.
Er meinte die Steckdosen bei Leandro. Tatsächlich hatte ich das Handy in diesen Tagen immer mit Besorgnis aufgeladen: Manchmal zischte das Ladegerät.
Du kannst das auch, ich sage dir wie. Aber besser, ich mache das, unterstrich er mit der †berlegenheit dessen, der sich an einen Unfähigen wendet.
Ich nahm es ihm nicht übel. Ich begleitete ihn zu Leandro, wo ich noch einen weiteren Tag für den Generalputz bleiben würde. Den Schlüssel würde ich ihm in einer Bonbonniere überreichen. Es war genau die richtige Gelegenheit, um Ginevra anzurufen, gemäß unserem gewohnt improvisierten Ritual.
Ein Jahr lang waren wir zusammen ausgegangen. Es ging uns gut miteinander, es ging uns gut getrennt. Es konnte auch ein Monat vergehen, bis wir uns wiedersahen. Einen Winter lang hatten wir versucht, ein lineares Leben als Paar zu führen. Aber die Schwierigkeiten hatten sich sofort eingestellt.
Treffen wir uns ... Wann?
Die Frage, mit der wir uns verlegen abwechselten. Die auferlegten Fristen stärten unbewusst unsere Spontanität. Mit der Zeit war unsere Beziehung wieder ins anfängliche Gleichgewicht zurückgekehrt: Wir wussten nie, wann wir uns treffen würden, und wir wussten trotzdem, dass wir uns treffen würden.
Beim Läuten der Gegensprechanlage betrachtete ich Leandros Wohnung. Die neuen Steckdosen, die Wand, die nicht mehr das letzte Bollwerk der Wirbellosen war. Ich schnupperte. Der Zitronengeruch war dezent,
nicht zu stark, genug, um geschätzt zu werden.
Was zum Teufel ist das? Ginevra war neugierig wegen der katalogisierten Gläser auf dem Boden. Ich geriet nicht aus der Fassung, denn nach Leandros Rückkehr würden sie im Müll verschwinden, und die Zweizimmerwohnung hätte sodann die Perfektion erreicht.
Ein wissenschaftliches Experiment, mein Freund ist Wissenschaftler, sagte ich voller Ernst. Sie schien es zu glauben, und ich zog es vor, mich nicht Lügen zu strafen. Ich würde den Scherz bis zum Morgen aufrechterhalten.
Wir zogen uns langsam aus, das war eine stillschweigend vereinbarte Regel. Ich beugte sie langsam auf das Bett und legte mich auf sie.
Wir stähnten beide gerade, als ich sah, wie sich auf der Mauer über dem Kopfende des Bettes eine leichte Beule bildete. Die Tapete platzte mit einem schwachen Riss, der vielleicht gar nie stattgefunden hatte,
eine akustische Halluzination meines Trommelfells.
Eine Kakerlake steckte ihren Kopf durch die …ffnung, zappelte mit den Vorderfüßchen, um herauszukommen. Als sie draußen war,
verschwand sie in der Zimmerecke.
Hallo, bist du da?, fragte Ginevra.
Ich war nicht da. Nicht mehr. Ich war gelähmt, wie das Universum, eingeschlossen in dem kleinen Loch in der Wand. Ein bedrohliches schwarzes Loch, in dem sich meine Augen verloren.