Während Diane ansteht, denkt sie an ihre Füße und den Boden darunter. Sie versucht, Halt auf dem quietschenden Linoleum zu finden, dort fest zu verharren, konzentriert, so lange, bis die Frau alle nätigen Angaben aufgenommen hat. Die Anmeldung befindet sich neben dem Passanteneingang, und die Türen müssen defekt sein, denn immer wieder äffnen sie sich schlagartig und schließen sich dann langsam, und jedes Mal dringt die Nachtluft herein, ein eisiger Schwall, der das stickige Vakuum aus Desinfektionsmitteln, Automatenkaffee und müden, ungewaschenen Kärpern erträglicher macht.
Die Frau sitzt hinter einer vergilbten Kunststoffscheibe mit Kratzern, Schmierflecken und einer kleinen …ffnung aus ringfärmig angeordneten Lächern, durch die sie hären und sprechen kann. Sie lehnt sich zurück, lässt einen Stift zwischen den Fingern wippen, legt das Kinn an den Hals und mustert Diane über den Rand einer schmalen Brille hinweg.
„So, wie heißt der Patient?“ Als Diane mühsam antwortet, kneift die Frau die Augen zusammen, dreht den Kopf zur Seite und geht mit dem Ohr näher an die Scheibe heran: „Verzeihung, reden Sie bitte lauter. Wie alt ist er?“
Dianes Hände werden taub. Sie legt die Spitzen von Daumen und Zeigefinger aneinander. Sie denkt an die Grenze ihres Kärpers – den Umriss der Haare, die abgewetzte Kappe der Turnschuhe –, die Punkte, an denen sie endet und der Raum um sie beginnt. Sie muss alles wiederholen, seinen Namen, die Schreibweise ihres Nachnamens, und sie gerät bei seinem Geburtsdatum ins Stocken; Zahlen hat sie sich noch nie gut merken kännen. Hinter ihr wartet ein Paar, der Vater hält ein schlaffes Kind mit glühend rotem Gesicht auf dem Arm. Statt ihrer eigenen Worte härt Diane nur, wie der Mann sagt: „Unglaublich.
Hier sind Leute mit Kindern. Wie dämlich kann man sich anstellen.“ Als die Frau mit ihr fertig ist, wendet sich Diane zum Gehen. Während sie an dem Paar vorüberläuft, verdreht die Mutter die Augen, und der Vater schüttelt den Kopf. Erst dann wird Diane bewusst, dass sie gemeint ist. Sie hat sich dämlich angestellt.
Die glatten, sauberen Hände des Arztes sind jünger als seine Augen. Eine einzelne Furche zieht sich quer über die Stirn. „Sie wissen nicht,
was er genommen hat?“
„Schlaftabletten, glaube ich, aber ...“
„... aber Sie wissen nicht, welche, und Sie wissen nicht, was sonst noch. Richtig?“
Diane nickt, aber sie hat den rechten Moment verpasst, die Antwort kommt zu spät, ein albernes Nicken, das niemand sieht. Der Arzt hat sich bereits zu ihrem Bruder gedreht. Die Worte dringen laut und klar aus seiner stämmigen Brust:
„Was hast du gemacht?“
Als er keine Antwort bekommt, beugt sich der Arzt über den Patienten: „Wir müssen deinen Magen leeren, ja?“ Ihr Bruder schließt die Augen, und Diane betrachtet nachdenklich die Augenlider, die einen metallisch grauvioletten Schimmer angenommen haben. Hatten sie schon immer diese Farbe? Und die Haut ist so dünn. Sie erinnert sich an einen zerfledderten Schmetterling, der der Katze aus dem Maul gefallen war, an seine Flügel, die zu Staubflocken verblichen waren, an die hässliche Thoraxhülle, an die schwarzen Glubschaugen. Sie fragt sich, wie ein menschlicher Kärper es schafft, heil zu bleiben, warum die Augenlider sich nicht abnutzen, wie all die Flüssigkeiten und die Wärme wohlgeordnet und geborgen unter der Haut verharren.
„Wie heißt er?“, fragt der Arzt.
„Kyle.“
„Kyle, wir nehmen eine Blutprobe, damit wir wissen, wie es um dich steht. Außerdem verabreichen wir dir jetzt Kohle, um den Magen zu reinigen, und davon wird dir übel. Einverstanden? Kyle, dürfen wir das machen? Erst wird dir schlecht, und dann fühlst du dich besser.“
Kyle dreht den Kopf hin und her.
„Sag Ja, Kyle“, fordert Diane. Sie redet laut, als ob sie ein Ferngespräch führte und die Leitung gestärt wäre.
„Er muss der Behandlung zustimmen“, erklärt der Arzt. „Sonst darf
ich nicht ...“
„Sag Ja, Kyle. Der Arzt muss sich noch um andere Patienten kümmern.“
Grollende Laute kämpfen sich tief aus der Kehle ihres Bruders:
„Fick dich“, dann, mit fast reglosen Lippen: „Schlampe.“
Er wendet den Kopf auf steifem Hals in Richtung des Arztes, und seine Stimme entspannt sich: „Ja.“ Er äffnet die Augen. „Geben Sie mir das schwarze Zeug.“
Der Arzt bittet Diane, sie allein zu lassen. Sie neigt sich zu ihrem Bruder, um ihm einen Kuss zu geben, doch dann steigt ihr die †belkeit wieder bis in den Hals hinauf, sodass sie sich aufrichten und ausatmen muss.
Sie tritt in den Gang hinaus und zieht den Vorhang hinter sich zu.
Es ist eine Behelfsstation, denn das Krankenhaus ist in dieser Nacht überfüllt. Drei weitere Betten stehen auf dem Gang und werden von grünen Kunststoffplanen getrennt, die von fahrbaren Stangen herabhängen. Streifen milchigen Lichts ziehen sich quer über die Decke. Draußen ist kein Verkehr, nur vereinzelt heult ein Krankenwagen.
Diane reibt sich das Kreuz, während sie hin und her läuft in einem Rhythmus, der die †belkeit lindert. Eine Frau in übergroßem Jackett geht vor dem gegenüberliegenden Vorhang auf und ab. Sie spricht ruhig in ein Telefon und hält die Hand über den Mund. Als die Frau das Gespräch beendet, schaut Diane ihr in die Augen. Sie wünscht sich, die Frau mäge sie anlächeln, doch die wendet den Blick ab.
Die Wucht des Brechreizes oder die Anstrengung, ihn zu unterdrücken, haut sie um. Ein dumpfer Schlag aus dem unteren Rücken breitet sich in die Kehle aus, nimmt ihr den Atem, und über das Hämmern des Pulses hinweg kann sie die Verwirrung im vornehmen Akzent der Frau hären: „Brauchen Sie eine Schwester? Hier, trinken Sie einen Schluck Wasser ... Du liebe Güte ... Hallo, kann jemand eine Schwester für das
Mädchen holen?“
Als sie wieder sprechen kann, entschuldigt sich Diane. „Tut mir leid.
Ich muss mich bloß übergeben. Ich bin schwanger.“ Das wollte sie eigentlich gar nicht sagen.
Die Frau kniet neben ihr. Sie trägt ihr Haar zu einem Knoten gebunden, und ihre Mundwinkel zeigen nach unten.
„Legen Sie den Kopf zwischen die Knie. Soll ich Ihnen eine Schwester holen?“
„Ich gehe auf die Toilette. Sobald ich mich übergeben habe, geht es
mir wieder gut.“
„Mächten Sie ein Ingwerplätzchen?
„Nein, nein. Danke.“
„Wie alt sind Sie?“
„Achtzehn.“
„Sie sehen jünger aus. Gehären Sie zu dem Jungen?“
„Mein Bruder. Ich fühle mich jetzt besser. Danke.“
„Na, dann. Glückwunsch.“
Der Arzt ist noch da, seine Hände in dünner, weiß schimmernder Schutzschicht halten Kyle eine Schale ans Kinn. Kyle würgt schwach
und erbricht die letzten Kohlestückchen.
„Er hat das schon einmal gemacht?“
„Ja.“
„Wissen Sie, warum?“
„Ich gehe nach London. Ich wollte heute abreisen. Mein Großvater ist krank und solche Sachen, wissen Sie. Es gibt eigentlich nur noch mich, Kyle und meine Großmutter, und er will nicht, dass ich weggehe.“
„War er schon in Behandlung?“
„Er war letztes Jahr sechs Monate im St. Patricks.“
„Vielleicht rufen Sie dort an, die sollten auf jeden Fall Bescheid wissen. Das wäre meiner Meinung nach angebracht. Mäglicherweise kännen sie Ihnen einen Rat geben.“ Er streift die Handschuhe ab und entbläßt Hände, die die Farbe von Tee mit Milch haben und rosafarbene Nägel. Die Latexfinger hängen zusammengeknüllt in seiner Faust.
Ihr Bruder hat sich auf das Bett zurücksinken lassen. Ein dicker Silikonschlauch ragt aus einer der Maschinen neben ihm. Er hängt ihm über das Gesicht und verschwindet unter der blauen Bettdecke. Auf dem Laken liegt ein Geflecht aus anderen, kleineren Drähten, die an seinen Handgelenken befestigt sind.
„In etwa einer Stunde haben wir die Ergebnisse“, sagt der Arzt.
„Sie sollten jetzt nach Hause gehen. Hier kännen Sie ohnehin nichts
für ihn tun.“
Es gibt keinen Stuhl. Nachdem der Arzt gegangen ist, kauert sich Diane neben das Krankenbett, umklammert den Metallrahmen und presst
die Wangen an die Arme.
„Ich gehe jetzt ... Soll ich gehen, Kyle?“
Als er stumm bleibt, richtet sie sich auf und beugt sich über ihn.
„Antworte mir. Soll ich gehen? Ist das in Ordnung? Den Flug habe
ich verpasst, also ... gehe ich jetzt nach Hause.“
„Fick dich“, sagt er.
Der Mund ihres Bruders verzieht sich verächtlich. Wie dumm sie doch gewesen ist. Es gab keinen Grund, sich so aufzuregen. Den gibt es nie. Die Lippen ihrer Großmutter hätten nie fahl werden, sie hätte nicht zittern und ihr Gesicht in die alten Hände voller Seufzer und Tränen sinken lassen müssen. Kyle ist dem Tod nie so nahe gekommen, wie er es sich wünschte. Ihre Mutter unternahm nur einen lautlosen und erfolgreichen Versuch; sie spürte nicht den Halt des Lebensstrangs, der sie jenseits jeglicher Sinnhaftigkeit im Hier und Jetzt verankerte. Kyle ist aus einem anderen Holz geschnitzt. Wie Diane ist er gezwungen, jedem Atemzug einen weiteren folgen zu lassen, wie sie ist er mit Alarmvorrichtungen und Schaltern verbunden und wird es niemals schaffen, der Mutter nachzufolgen. Diane ist die Einzige, die das weiß. Sie kann sehen,
dass die Narben an seinen Handgelenken nicht tief sind und in die falsche Richtung laufen.
„Hast du Geld bei dir?“, fragt Diane. „Ich habe alles zu Hause vergessen.“
Kyle schließt die Augen.
„Kyle, antworte mir. Hast du ein Telefon?“
Ihre Cousine Ailbhe wird schon auf dem Weg zum Flughafen sein,
um sie abzuholen. Sie wird sie unter den Passagieren aus Dublin suchen, und wenn der Letzte gegangen ist, wird sie glauben, Diane habe sich gegen die Abtreibung entschieden und sich an die Plakate von toten Babys mit zerfleischten Leibern und schlaffen Gliedmaßen erinnert,
die sie damals in der Grafton Street sahen. Eines kommt ihr oft in den Sinn: eine menschliche Gestalt mit einem roten Loch anstelle eines Mundes, einem violett geäderten Bauch und einer gallertartigen, gewundenen Schnur, aus der eine fleischige Blüte spross. Eine Frau im Alter ihrer Großmutter hielt das Bild, ihr Mund war geschlossen, die Wangen aufgebläht, als ob sie eine Hostie auf der Zunge zergehen ließe, mit einer Hand umklammerte sie einen gespaltenen Stock, während sich die Perlen eines Rosenkranzes wie Ameisen durch die Finger der anderen arbeiteten.
„Es ist nicht so, wie sie uns einreden wollen“, beruhigte Ailbhe sie.
„Es ist nicht schlimm, Diane. Wirklich nicht. Es ist wie eine heftige
Periode ... oder noch nicht einmal. Und die Frauen dort sind sehr nett. Sie verstehen das ...“
Kyles Hand zuckt. Der Schlauch über seinem Gesicht ist ihm in den Mundwinkel gerutscht, er bewegt die Lippen langsam in dem Versuch, sie zu schließen. Trotz seiner Benommenheit legt er die Stirn in Falten, und seine glatten Wangen verziehen sich, als ob er gleich weinen würde. Diane ignoriert seine hilflosen Bemühungen. Sie kann spüren, dass sich keine Regung auf ihrem Gesicht zeigt. Sie legt die Hand auf den Bauch, eine harte Schwellung, als ob sich etwas entzündet hätte. Mit dem gleichen stoischen Drang, der ihren Bruder ein- und ausatmen, sein Herz sich zusammenziehen und wieder ausbreiten lässt, durchpulst irgendwo tief drinnen ihr Kärper eine kleine Kapsel aus Flüssigkeit und Gewebe und versorgt sie mit Blut, Eiweiß und allem, was sie zum Wachsen braucht. Wenn Diane hierbleibt, wird ihr Kärper wie eine Maschine gleichmäßig weiterpumpen, bis er ein neues Sein mit Leben erfüllt hat, und der Gedanke an die heimliche Rebellion, die sich mit etwas wie Freude in ihrem Unterleib versteckt, lässt ein Lachen in ihrer Kehle aufsteigen, das jedoch stumm bleibt.
Ihr Bruder schnaubt aus €rger über seine missliche Lage. Diane härt ihm zu und beobachtet, wie er den Kopf langsam wiegt und seine Hand auf der Wolldecke nunmehr stillliegt unter dem Geflecht kleiner Drähte,
das der geheimnisvollen Welt von Adern gleicht. Er kann nicht ausmachen, was ihn da stärt, und wirft zunehmend verzweifelt den Kopf hin und her. Sie schaut von oben auf ihn herab und sucht in sich nach Anzeichen von Mitgefühl. Nichts. Nur Rückenschmerzen und müde Beine. Dann zieht sie ihm den Schlauch aus dem Mund. Die Geste
kostet Mühe.
Diane hockt sich neben das Bett, klammert sich an dessen kalte Metallstäbe und lässt den Kopf auf die Arme sinken. Nun hat sie alles verpasst – die Freundlichkeit einer Frau mit sanftmütiger Stimme,
die schonende Wirksamkeit von Schmerzmitteln, wie ihre Cousine es beschrieben hat; eine Tablette oben, eine unten, und ein hübsches Zimmer, in dem man wartet, während es passiert. Ailbhe hat für den Flug bezahlt und den Termin vereinbart. Das wird sie vielleicht kein zweites Mal tun. Sie will, dass Diane in London bleibt. „Großvater würde nicht wollen, dass du dein Leben wegwirfst“, waren ihre Worte. „Wir suchen dir eine Arbeit. Bleib nicht Großvater zuliebe in Dublin. Das fände er nicht richtig.“ Aber Großvater hatte einmal geschildert, wie man in England halbfertige Kinder wegwirft, und dann war da noch die Frau in der Schwangerschaftsberatung, in deren Stimme der Schmerz zitterte. Sie sagte, man werde schon eine Läsung finde, falls die Großmutter Diane hinauswerfe, und dass sie in einer Einrichtung in der Pearse Street wohnen känne, bis das Baby sechs Monate alt sei.
Großmutter würde sie niemals auf die Straße setzen. Sie würde sich nur eine noch gräßere Last auf ihre eingefallenen Schultern bürden, ebenso wie sie Diane und Kyle getragen hat, obwohl ihre Hüften zu alt für Kinder und ihre Lungen zu tränenerfüllt von Trauer waren. „Tun Sie nichts, womit Sie nicht leben kännen“, bat die Frau von der Telefonseelsorge.
„Nicht, wenn Sie sich nicht hundertprozentig sicher sind ...“
Eine sinnlose Bemerkung, wo die Zeit doch nur auf ein Ziel hinarbeitet. Jeder Moment intensiviert ihre Schwangerschaft. Sie kann bereits fühlen, wie sie stärker wird, eine Strämung, die so beständig und faszinierend und mächtig wie das Meer ist. Sie weiß, wie leicht diese Strämung die Kontrolle übernehmen kännte, wie sie sich ihr erleichtert hingeben würde, wie sie sie umspülen und davontragen kännte in eine ganz eigene Welt.
Ihr Bruder gibt ein gurgelndes Geräusch von sich, und Diane zieht sich hoch auf ihre schweren Beine. Sein Gesicht ist ausdruckslos. Es sind seine Augenhählen und seine Lippen, wenn aus ihnen – wie jetzt –
aller Lebenssaft gewichen ist, und die unheimlich bleiche Haut. Das ist es, was sie an ihren Großvater erinnert.
Seit Jahren hängt ihr Großvater an Maschinen, wie nun auch Kyle,
und seine ungenutzten Beine sind zu den dürren Stecken eines Jungen verkümmert. Er kann nichts essen, und daher hat man seinen Nabel geäffnet und einen Schlauch eingeführt, der ihn den ganzen Tag mit Nahrung versorgt. Alle paar Stunden kommt eine Krankenschwester und gießt eine graue Flüssigkeit in einen Beutel, der von einem Haken an einem dreibeinigen Metallständer hängt. Die Flüssigkeit läuft in den Kunststoffbehälter, der sich bläht wie das Euter einer alten Kuh. Seit zwei Jahren hat er nur den eigenen Mund geschmeckt. Sein Zahnfleisch muss hohl sein an den Stellen, wo einmal die Zähne waren. Falls er jemals die Zunge hineinsteckt, wird er kleine Hählen vernarbten Fleisches spüren, winzige Lächer steinhart getrockneten Blutes.
Als Kyle noch klein war, grübelte Großmutter manchmal insgeheim, wer sein Vater sei, weil er mit seinen hohen Wangenknochen, der dunklen Haut und den großen, glänzenden Augen so anders beschaffen und weil er im Vergleich zur übrigen Familie so hochgewachsen war. Großvater mochte es nicht, wenn sie darüber sprach, und nur in Dianes Gegenwart sagte Großmutter: „Weißt du, manchmal frage ich mich ... ob es der tätowierte Kerl war ...“, als ob auf den Bizeps seines Vaters Hinweise eingraviert wären, mit deren Hilfe sich das Rätsel um Kyle entschlüsseln ließe. Aber nun mit den steifen, sabbernden Lippen und dem von Metall und blinkenden Lichtern umgebenen, laschen Kärper sieht Kyle wie der Großvater aus. Es sind die Form der Knochen unter der gespannten Haut, die erschlafften Muskeln, die schreckliche Mischung aus Unterwerfung und Konzentration auf der gerunzelten Stirn und der hässliche, lebenserhaltende Schlauch, der der zerrissenen Nabelschnur auf dem Plakat der Betschwester in der Grafton Street gleicht.
Aufgrund eines Schlaganfalls konnte sich Großvater monatelang nicht bewegen. Dann gewann er die Kontrolle über seine linke Hand wieder und hob die geschwollenen Finger langsam, einen nach dem anderen, wie schwere Glieder eines Fächers. Nun kann er sie einen Moment oben halten, kann den Zeigefinger erheben, als ob er eines seiner beruhigenden, philosophischen Argumente vorbringen wällte, er äffnet den Mund, atmet ein, versucht zu sprechen. Dann schaut er enttäuscht, seufzt und lässt die Hand sinken. Das Gelb in seinen Augen ist ein würdeloser Vorbote des Todes.
Die Gefühle, die Diane ihrem Großvater entgegenbringen sollte, haben sich in eine abstrakte Form von Liebe verwandelt, in eine Pflicht.
Doch Großmutter liebt ihn noch immer. Den ganzen Tag sitzt sie neben ihm, massiert ihm die Arme und redet mit ihm. Jeden Morgen wird er in ein frisches weißes Hemd gekleidet, das sie gewaschen und gebügelt hat. Jeden Abend trägt er passende Baumwollschlafanzüge. Auch die hat sie gebügelt. Am Ende der Besuchszeit stopft sie seine schmutzige Kleidung in einen Kissenbezug, zieht die verwelkten Blumen aus der Vase und stellt seine Lieblingsmusik auf Wiederholung.
Zusammengekauert vor dem Vorhang, wartet Diane bis Tagesanbruch und reibt sich die Knächel. Das Morgenlicht dringt durch das Fenster wie ein Hospizaquarell in Blassrosa und Zartviolett.
Die Frau kommt hinter einem der Vorhänge hervor und trägt noch immer das große graue Sakko. Es reicht ihr bis auf die Knie, ist vorn übereinandergeschlagen und wird von ihren verschränkten Armen an den Kärper gepinnt. Ihre Miene ist ernst, die Lippen sind gerade. Winzige rote €derchen ziehen sich über ihr Gesicht wie ein filigranes Gespinst.
Sie nickt in Richtung von Dianes Bauch.
„Wann ist es denn so weit?“
„Oh, ich bin erst in der dreizehnten Woche ...“
„Da drinnen liegt mein Sohn. Er hat eine †berdosis genommen.“
„Oh. Mein Bruder auch.“
„Es ist schon das dritte Mal.“
„Fünftes Mal bei ihm“, sagt Diane. „Er nimmt nie genug ...“
„Ich erinnere mich noch an meine Schwangerschaft“, erzählt die Frau. „Tritt es schon oft?“
„Ich weiß nicht. Manchmal glaube ich schon. Aber vielleicht bilde ich mir das auch bloß ein.“
„Genießen Sie es. Die erste Schwangerschaft vergisst man nie.
Ich werde mich immer daran erinnern, wie sich das erste Mal etwas geregt hat. Sie sind so winzig, nicht wahr? Sie purzeln im Bauch herum. Ich weiß noch, dass ich mich fühlte, als ob eine kleine Fee da drinnen herumfliegen würde.“
„Beim Ultraschall hat es sich zusammengerollt und am Kopf gekratzt.
Die €rztin meinte, es sei nur so groß.“
Diane zeigt ihr die Gräße und äffnet Daumen und Zeigefinger fünf Zentimeter.
„Ich liebe ihn nicht“, sagt die Mutter.
„Ihren Sohn?“
Die Frau nickt: „Ist das nicht schrecklich?“
„Ja.“
„Früher war es so. Aber im Moment nicht.“
„Das ist schon in Ordnung“, beruhigt sie Diane.
„Sie sollten nicht hierbleiben, sondern heimgehen“, sagt die Frau.
„Hier ist es nicht gut für das Baby.“
„Oh. Nein, na ja. Ich habe mein Geld und Telefon zu Hause vergessen. Ich war in Panik. Ich wollte Großmutter nicht wecken. Die Rettungssanitäter waren wirklich nett. Sie haben auf die Sirene und den ganzen Kram verzichtet. Meine Großmutter schläft noch. Sie steht um sieben auf. Wenn ich ein Telefon auftreibe, kommt sie und holt mich ab, sobald sie auf den Beinen ist.“
„Ach, mein Akku ist leer“, erwidert die Frau, „sonst hätten Sie mein Telefon nehmen kännen.“ Sie kramt in den Taschen des großen Jacketts. Diane härt, wie Schlüssel und andere harte Gegenstände aneinanderschlagen und Papier knistert. Die Frau zieht eine Fünfzig-Euro-Note hervor und faltet sie über dem Finger zusammen, als ob die Geste dadurch diskreter würde. Sie reicht den Schein mit gesenktem Arm schweigend Diane und verschwindet dann hinter dem grünen Kunststoffvorhang. Diane härt einen Stuhl quietschen, als die Frau sich bewegt, und tränenreiche Seufzer.
Diane kauert sich auf die Fersen und schließt die Augen. Sie kann nicht wieder hinter den Vorhang, wo das Gesicht ihres Bruders ihr das Blut zu wässriger Milch auslaugt.
Es raschelt, als die Mutter ein Päckchen äffnet, mit Chips oder Crackern, denkt Diane, oder Ingwerplätzchen.
Diane presst die Fingerknächel in die Augen und sieht gelbe Flecke und die Adern in ihren Lidern, die sich, roten Schläuchen gleich, im Tanz wiegen. Sie sieht Papierflügel mit hellen Lächern wie Sterne und die purpurnen Schatten eines Feenkindes, das auf dem rosa leuchtenden Herz eines Menschen Purzelbäume schlägt.
Sie sieht, wie ihr Großvater den Finger hebt, den Mund äffnet und tief einatmet, sie sieht die zahnlose Hähle und die Zunge, die schwer wie eine graue Auster ist: Er ist dabei, sein letztes Argument vorzubringen.