Jemma L. King

Die weiße Fee


Das Asphaltviereck mit den Kreidefeldern des Leiterspiels, den Talismanen von „Himmel und Hölle“ und den konzentrischen Kreisen färbte sich bläulich, als sich die Dunkelheit über den Spielplatz senkte. Isabel starrte in den strömenden Regen, die letzten Blätter an der Eiche tanzten nach der Laune des Sturms. Im Klassenzimmer war sie sicher und erfreute sich an dem nassen Wetter, das Erwachsene als „furchtbar, trostlos, scheußlich“ abgetan hätten. Auch wenn sie erst fünf Jahre alt war, hatte ihr Gehirn die Blätter, die sich am Boden ansammelten, bereits mit der bevorstehenden Ankunft des Weihnachtsmanns in Verbindung gebracht. Des Überbringers von Barbiepuppen, Teddybären und in diesem Jahr, so hoffte sie, eines Spielzeug-Wohnwagens in sattem Bonbonrosa. Ihre Mutter war dazu übergegangen, Isabel auf dem Schoß reiten zu lassen und zu rufen: „Wer kommt bald? Der WEIHNACHTSMANN!“ Und Isabel juchzte jedes Mal laut und wünschte sich, er käme sofort. Sie liebte dieses Wetter auch deshalb, weil ihr Vater sie nun vielleicht in den Attingham Park, zum Haughmond Hill oder zu einem der anderen Orte mitnehmen würde, die er gern aufsuchte, und sie dort mit ihren Greenclaws-Gummistiefeln durch die Pfützen hopsen konnte, während ihre braunen Zöpfchen im Wind flatterten. Greenclaws war ihre Lieblingssendung. Greenclaws war eine Riesenraupe mit großem, rundem Gesicht. Sie lebte in einem Gewächshaus und besaß einen Zauberbaum. Dessen Stamm hatte eine Tür, und jede Woche befand sich dahinter ein neues Wundergewächs. (Eine Eiscreme-Pflanze! Eine Wollpullover-Pflanze!) Issy gefiel das. Ihre Mutter schmierte ihr immer ein Schmelzkäse-Sandwich, und Issy saß vor dem Fernseher, quetschte das Brot zusammen und sagte genau im richtigen Moment tonlos: „Welche Pflanze ist es?“ Weihnachten nahte. Der Weihnachtsmann nahte. Sie kämpfte die Aufregung nieder, die sich plötzlich in ihrem Magen ausbreitete. Sie sah auf den großen Berg mit den verzierten Schuhkartons, um die Mrs. Richardson die Kinder gebeten hatte. Isabel hatte von ihren Eltern nur einen Karton bekommen, die aus Angst vor drohendem Chaos alles wegwarfen. Ordentlich und sauber, ordentlich und sauber. Sie hatte nur den einen. Ihr Vater hatte Deckel und Unterteil getrennt in rotes Papier eingeschlagen, das mit Gesichtern von Rudolf, dem Rentier, bedruckt war. Zudem hatte die Klasse 1b die letzten Monate damit zugebracht, einen Einkaufswagen mit Schokolade, Spielzeug, Nudeln und Zahnbürsten zu füllen, der nun stolz inmitten der Tische stand. Das, so hatte Mrs. Richardson ihnen gesagt, sei für die „Waisenkinder in Sarajevo“. Isabel hatte eine ungefähre Vorstellung davon, was das war, nämlich Mädchen und Jungen ohne Mamas und Papas. Obwohl sie nicht wusste, wo es herkam, hatte sie auch ein einzelnes Bild im Kopf von Reihen mit Metallgitterbetten und Kindern, die in der hinteren Ecke der kleinen Käfige kauerten wie misshandelte Hunde in Tierheimen. Vielleicht hatte ihnen Mrs. Richardson ein Foto davon gezeigt. Am Morgen darauf sollten die Kinder sich aus dem Einkaufswagen Sachen für ihre Schuhkartons nehmen. Isabel ging als Erste und entschied sich für ein kleines Netz mit Schokoladenweihnachtsbäumen in Alufolie, einen fliederfarbenen Waschlappen, eine Dose Pfirsiche und das begehrteste Stück – eine weiche Filzpuppe. Die Puppe trug ein langes weißes Kleid und hatte langes blondes Haar. Sie hatte Flügel, und an ihre Handfläche war ein kleiner Zauberstab mit Sternenspitze genäht. Issy legte die Sachen in ihren Karton und machte ihn zu, bevor sie ihn Mrs. Price überreichte, die den Inhalt prüfte und die Kisten aufeinanderstapelte. Als Issy ihr den Karton gab, stellte sie sich vor, wie ein ärmlich gekleidetes kleines Mädchen in einem Metallgitterbett ihn an sich nahm. Issy war hin- und hergerissen. Sie war glücklich, etwas Gutes getan zu haben, gleichzeitig war ihr nach Weinen zumute. Sie dachte an die Schokolade im Netz und hätte sie jetzt gern gegessen. Sie fragte sich, ob denn nun bald Weihnachten sei.

*

Josip erwachte in der Ecke an einer Betonwand, deren Kälte ihm in die Glieder fuhr. Seine Kehle fühlte sich hart an durch die Weinkrämpfe, die seinen Körper ein paar Stunden zuvor geschüttelt hatten. Sein Schlafanzug war nass, aber er machte sich nicht die Mühe, nach der Ursache zu suchen. Der Lärm von der Straße sechs Stockwerke tiefer klang ungewöhnlich nah. Er hörte Stimmen in einer Sprache, die er nicht verstand, und das Geräusch von großen Gegenständen, die gezogen und bewegt wurden. Rufen, Weinen, Sirenen, Alarmanlagen von Autos. Er öffnete die Augen und stellte fest, dass es noch dunkel war, doch ein staubiger Nebel durch den Raum wogte, der von einer schwachen Lichtquelle erhellt wurde. Josips Mund und Nase waren von einer feinen, körnigen Schicht bedeckt, die nach modriger Gasse schmeckte. Als sich seine Augen an die fahle Dämmerung gewöhnt hatten, konnte er die Umrisse von Draganas kleinem Körper ausmachen, der auf dem Boden neben dem Wohnzimmertisch ausgestreckt lag. Nun erkannte er das glänzende Riemchen an ihrem Schuh und die Form ihres Fußes und Beins. Er konnte deutlich sehen, dass ihr Kopf nach oben gerichtet war und ihre Lockenpracht von der dicken Staubwolke eingehüllt wurde, die noch immer im Raum lag. Irgendetwas stimmte nicht, und Josips betäubtes Hirn versuchte die Tatsache zu verarbeiten, dass die Unterseite des Fußes seiner Schwester auf ihren Ellbogen zeigte. „Dragana!“, rief er und spürte plötzlich, wie der Staub ihm die Kehle wund scheuerte. Im bläulichen Licht des anbrechenden Tages konnte er sehen, dass ihr linkes Auge zur Seite verdreht war. Es war glanzlos, und das trübe Licht spiegelte sich kaum in ihnen. Das Auge starrte reglos auf die nackte Glühlampe, die an der Decke hing und nicht eingeschaltet war. Seine Gedanken waren zu verworren, um ihnen nachzugehen, und verschwammen müde ineinander. Er versuchte, sich auf den Dunstschleier zu konzentrieren. Das schwache Licht dahinter gewann an Kraft und ließ die Bewegungen der größeren Staubkörner sichtbar werden. Das erinnerte ihn an die Zeit, als sein Vater ihn auf die Ziegenbrücke am Fluss Miljacka mitgenommen hatte, um die Rosenstare zu beobachten, wie sie umherwirbelten und ausschwärmten wie ein riesiges Magnetfeld, das von unsichtbaren Kräften gelenkt wurde. Wenn er ihnen zuschaute, war er in einen meditativen Zustand verfallen. Man konnte nicht vorhersehen, welche Richtung der Schwarm einschlagen würde, doch er flog in perfekter Synchronizität, mit spektakulären Talfahrten und kunstvollen Aufstiegen. Der Staub machte es ihnen nach, erhob sich in Wellen und fiel in Spiralen herab, die sich verdichteten und sich schließlich auf den harten Lehnen der Polstersessel und der glatten Oberfläche des Küchentischs auflösten. Als Josip seine Aufmerksamkeit wieder dem Raum zuwandte, bemerkte er den skurrilen Anblick hinter dem wogenden Dunst. Die vordere Wand ihrer Wohnung, die mit der orangefarbenen Tapete, die mit den Schulfotografien darauf, die mit der Antennenbuchse für den Fernseher, die mit dem großen Fenster zur Straße hinaus? Sie war weg. Er wollte sich bewegen, doch seine Arme und Beine fühlten sich bleiern und schwer an. „Dragana!“ Nichts.

Josip war hysterisch, als man ihn fand. Bevor sie gekommen waren, hatte er sich mühsam von der Stelle hochgerappelt, auf der ihn die Druckwelle zurückgelassen hatte. Mit seinem wiedererwachenden Bewusstsein war auch die Angst gewachsen – eine Angst der Art, die wirklich, greifbar und unerträglich ist. Er hatte seine Eltern gefunden, und dann fing das Schreien an. Der Arm seiner Mutter lag auf dem Boden neben der eingestürzten Vorderwand. Er zog daran, doch der Arm war grau und regte sich nicht. Josips Schreie durchdrangen den Raum und seinen Kopf. Er stand mit vornübergebeugtem Oberkörper inmitten der Trümmer und des Chaos, hatte die Augen fest geschlossen und zitterte und zitterte und zitterte. Sein Professor-Balthazar-Schlafanzug war dünn und von Urin durchnässt, aber er spürte die Kälte nicht. So verharrte er und sandte, ohne es zu merken, einen unablässigen Sirenengesang um Hilfe aus, bis die Tür aufflog. Er spürte, wie man ihn hochhob, als wäre er ein Plüschteddy. Er federte im Rhythmus der Schritte eines rennenden Manns, der ihn durch die Betonflure und die Betontreppe hinab auf die Straße trug.

*

Marija betrachtete Josips glatte Augenlider. Zum Glück hatte er die Weinphase gleich zu Anfang durchlebt. Einen Monat darauf war er trübselig geworden, doch damit konnte sie zumindest etwas anfangen. Das Waisenhaus war wirklich ein Albtraum, wie hätte er anders darauf reagieren sollen? Das Gebäude stand auf einem Hügel und wirkte verlassen und verwunschen. Die Wände waren schwefelgelb gestrichen, doch die Farbe war an einigen Stellen abgeblättert, und die meisten Fenster waren Löcher ohne Scheiben. Einige waren mit Brettern vernagelt worden, doch andere waren nur von scharfen Zacken gesäumt. Marija sah sich im Raum um und seufzte. Allein in diesem Zimmer standen zwölf Betten. Vier Babys, acht kleine Kinder. Die Feuchtigkeit hatte sich rasant ausgebreitet, und so waren die Wände des provisorischen Kinderheims mit Flecken übersät, die bei näherer Betrachtung wie Millionen flacher schwarzer Seeanemonen aussahen. Kolonien winziger, pelziger Kreise. Sie wohnte mit den größeren Kindern im Schlafraum nebenan. Die Erwachsenen waren geflohen, als sich die Belagerung verschlimmert hatte, und nun mussten Jugendliche wie Marija stehlen, um die anderen zu ernähren. Es gab eine Mahlzeit am Tag – gewöhnlich trocken Brot und Mayonnaise –, die sie schweigend in einer schäbigen Küche ohne Fenster einnahmen. Marija blickte hinab auf das Päckchen in ihrem Schoß. Wieder erschütterte der laute Knall einer explodierenden Granate die Wände. Marijas Herzschlag verdoppelte sich für einen Augenblick, aber nichts passierte. Dieses Mal nicht. Josip öffnete wimmernd die Augen und gähnte Marija an. „Josip!“, begrüßte sie ihn. „Josip, rate mal, was ich für dich habe.“ Sie hielt ihm das Päckchen hin und schüttelte es vorsichtig, um seine Neugier zu wecken. „Sankt Nikolaus war da, als du geschlafen hast. Der laute Schlag eben? Das waren die Hufe seiner Rentiere auf dem Dach.“ Der Junge musterte sie skeptisch. „Ich schwör’s!“, protestierte sie. „Mach das Päckchen auf, Josip.“ Josip setzte sich abrupt auf, und das erste Mal nach dem „Vorfall“ waren seine Gedanken mit etwas anderem beschäftigt. Er griff nach dem Päckchen und erkannte an dem sich verlagernden Gewicht sofort, dass es viele Sachen enthielt. Mit den Fingern fuhr er zögernd das Muster auf dem Papier nach. Rudolf, Rentier, Weihnachten. Er schluckte unsicher. War wirklich Weihnachten? War Weihnachten nicht die Zeit, in der ihn Papa auf einen Stuhl stellte, damit er die Zutaten für das Česnica-Brot zusammenrühren konnte, wenn der Engel mit den Geschenken kam? Seine Unterlippe zitterte. „Na los“, sagte Marija sanft. „Mach es auf.“ Um sich abzulenken, dachte er an den Inhalt des Päckchens. Aber er hatte sich ja gar nichts gewünscht, warum bekam er dann etwas? Er wünschte sich einen Ball, mit dem er spielen, und ein Auto, das er umhersausen lassen konnte. Nervös und langsam nahm er den Deckel ab, und da lag sie. Er schaute Marija fragend an, die seine Verwirrung fälschlich für Enttäuschung über die Puppe hielt. Sie hob sie hoch und schnappte theatralisch nach Luft. „Das ist unglaublich, Josip, das ist, ist … die weiße Fee von Bosnien. Ein gutes Zeichen, da hast du großes Glück gehabt!“

„Die weiße Fee?“

„Ja, die weiße Fee. Hat deine Mutter dir Geschichten von der weißen Fee erzählt?“ Er schüttelte traurig den Kopf. „Gut, dann erzähl ich dir eine“, sagte sie und beugte sich verschwörerisch zu ihm. „Es war einmal eine schöne Königin, ihr Name war Katarina, und sie war die Königin von ganz Bosnien. Sie hatte langes blondes Haar und das hübscheste Gesicht, das man je gesehen hat. Ein Krieg brach aus, die Königin fürchtete sich und floh, und niemand wusste, wohin.“ Josip fixierte Marijas Sommersprossen, von denen sich seltsamerweise sogar einige auf ihre Lippen verirrt hatten. „Manche sagen, sie sei nach Italien gegangen, andere, sie sei in Bosnien gestorben; aber willst du wissen, was so merkwürdig daran ist?“ Der Junge nickte. „Selbst Hunderte Jahre nachdem all das geschehen ist, will man sie gesehen haben, im Wald, zwischen den Bäumen, wie sie umherwandert …“

„Wie schaut sie aus?“

Marija war zufrieden, dass sie den Jungen aus der Reserve gelockt hatte, und legte ihre Hand auf die Puppe. „Sie ist in Weiß gekleidet, ganz in Weiß, mit Pelz und Spitze, und ihr Gewand ist mit feinem Gold bestickt. Sie hat einen Zauberstab und reitet auf einem wilden Schimmel. Wenn man ihr begegnet, erfüllt sie einem einen Wunsch. Bauern und Schafhirten haben sie gesehen und davon erzählt. Es gab zum Beispiel mal einen Mann, auf dessen Feld nichts wuchs. Er begegnete ihr im Wald. Zunächst fürchtete er sich vor ihr, weil sie scheinbar aus dem Nichts erschienen war. Aber dann sagte sie ihm, er habe einen Wunsch frei, und so wünschte er sich, dass die Pflanzen auf seinem Feld gedeihen mögen. Am nächsten Tag stand das Getreide auf seinem Feld so hoch, dass er und seine Familie sehr reich davon wurden. Und sie schenkt den Kindern Süßigkeiten – Süßigkeiten, in deren Genuss nicht einmal die Königsfamilie gekommen ist.“

„Einen Wunsch?“

„Ja, einen Wunsch. Vielleicht kannst du dir ja etwas von der Puppe wünschen? Möglichweise besitzt sie auch die Zauberkräfte der weißen Fee, hm?“

Josip umarmte die Puppe, kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich.

*

Später an jenem Tag gingen die Kinder im Alter von sieben bis fünfzehn Jahren auf den Markt. Wenn sie zurückkehrten, waren ihre dünnen Nylontaschen und das Futter ihrer Jacken gewöhnlich ausgebeult von Brot, Holz und Zigaretten. Wenn sie Glück hatten, konnten sie eine Fleischpastete oder ein Stück Käse von den Straßenverkäufern auf dem Basar ergattern, aber das geschah nur sehr selten. Inzwischen gab es nur noch wenige Stände, und die Auswahl war eingeschränkt. Selbst Erwachsene mit Geld hatten Schwierigkeiten, das Nötigste für ihre Familien aufzutreiben, denn die Hauptversorgungswege von Sarajevo waren alle zerstört. Die UNO hatte an die bedürftigsten Familien Mehl verteilt, und für viele war es auf dem stark geschrumpften Markt zur Währung geworden. Trotz der schlimmen Not von Kunden und Verkäufern erbarmten sich einige Händler der Gruppen dürftig bekleideter Kinder, von denen einige trotz des Schnees und sichtbaren Atems nur ein T-Shirt trugen. Sie schoben die ältesten Brotlaibe näher an den Rand des Verkaufstischs und schauten weg, wenn schmale Hände mit dreckigen Fingernägeln blitzschnell hervorschossen und das Brot rasch in abgewetzten Geheimfächern verschwinden ließen. Mit sieben Jahren war Josip nun alt genug, um mit auf Beutefang zu gehen, und er wurde von Marija und den anderen im Handwerk unterrichtet. Noch hatte er nichts gestohlen, sondern schaute nur sehr ängstlich zu, als die anderen ihm zeigten, wie er es anstellen musste. Mama und Papa hatten ihm beigebracht, nicht zu stehlen. Er erinnerte sich daran, wie er mit ihnen auf den Markt gegangen war. Damals war er geschäftiger gewesen, voller Stände und Menschen, die redeten, lachten und stritten. Es hatte nach Muskatnuss gerochen, die er auch manchmal in seinen Schlummertrunk bekommen hatte, und nach rohem Fleisch. Man hatte die blutigen Stücke schon meilenweit vorm Fleischerstand riechen können. Und Fisch. Er hatte gern die Reihen mit Kabeljau und deren leopardenhaft dicht gesprenkelte, gelbgraue Leiber betrachtet, die vereinzelten Haare auf der Unterlippe, die blassgoldenen, auf die Ewigkeit gerichteten Augen. Die Familie war in ein Café am Ende der Baščaršija gegangen, an all den kleinen steinernen Torbogen und Läden vorüber, die Teppiche oder fein gedrechselten Schmuck verkauften. Dann hatten sie Pita Sirnica bestellt, eine Käse-Blätterteigpastete, die überall auf Josips Kleidung Fettflecken hinterlassen hatte.

„Der dort“, flüsterte Suljo und reckte seinen Kopf nach einem Obststand. Eine leise Gewehrsalve entlud sich in einer nicht weit entfernten Straße. Der Verkäufer unterhielt sich gerade angeregt mit zwei seiner Kunden, und alle schauten auf und um sich, bevor sie sich einen kurzen, vielsagenden Blick zuwarfen. Drei weitere Kunden musterten die spärliche Auslage auf dem Tisch – weiße Bohnen und Tomaten, die ausgebreitet waren, um den falschen Anschein von Warenfülle zu erwecken. Er wusste, dass er es tun musste. Die Kinder bewegten sich auf den Stand zu, ohne einander oder den Verkäufer anzuschauen. Josip folgte ihrem Sog.

Seine Sinne waren geschärft, und er beobachtete, wie zwei katholische Chorknaben scheinbar in Zeitlupe durch die Straße rannten und ihr sandblonder Schopf mit jedem Schritt wippte. Ihre verzierten weißen Gewänder bauschten sich kunstvoll auf und fielen dann in sich zusammen, wie die Flügel eines Vogels im Flug. Sie liefen schnell auf das Holzportal ihrer Kirche zu, und nun konnte Josip sehen, dass einer der Flügel verletzt war und warmes Purpurrot durch den Stoff drang und zum Ärmel hinaustroff. „Jetzt!“, zischte Suljo. Josip streckte die Hand aus, und als seine Handfläche sich der größten Tomate näherte, zögerte er und blickte den Verkäufer an. Josip erwachte aus der Trance und ließ seine Hand sinken. Er hatte den Blick noch immer auf den Verkäufer gerichtet, und sein Adamsapfel zuckte unwillkürlich. Doch es war zu spät, der Händler griff nach seinem Arm. „Was zum Teufel soll das werden?“ Ein Trommelfeuer von Gewehrschüssen durchpeitschte die Luft, als die Angreifer um die Ecke auf den Marktplatz rasten. Der übliche Wirrwarr aus den Schreien der Frauen, den Rufen der Männer, aus Menschen, die sich hinter Autos und Stände duckten. Die Kugeln krachten wie Feuerwerkskörper, drangen zeitgleich ins Gehör und verwirrten den Instinkt, einem lauten Geräusch auszuweichen. Josip spürte, wie er hochgewirbelt und zurück auf den Gehweg geschleudert wurde. Sein Hinterkopf kam auf einem glatten, seltsamen Kissen aus Pflastersteinen zu liegen, und deren Kälte fuhr ihm wie der Nordwind in die Glieder. Seine rechte Hand lag im Rinnstein, der voller Schneematsch war. Es fühlte sich so an, als ob einer der Männer auf seinem Bauch stünde, aber er hatte gesehen, wie sie an ihm vorübergelaufen und ihre rauchenden, knallenden Gewehre wie bionische Armprothesen ausgestreckt waren und auf Menschen jenseits seines Gesichtsfelds zielten. An diesem Ende der Straße wurde es ruhig, als sich die dramatischen Ereignisse nach Süden verlagerten. Der Junge konnte den Händler unter dem Tisch kauern sehen, der ihn mit Sorge oder Mitleid oder einer Mischung aus beidem anschaute. Josips Atmung wurde flach und schwer, seine Gliedmaßen schienen nicht mehr mit seinem Körper verbunden zu sein, und nur in der Brust spürte er noch Wärme. Der Schneematsch im Rinnstein färbte sich rosa. Josip lag nah genug, um zu sehen, wie sich die Farbe langsam den Weg bahnte und das Rot durch spitze Eiskristalle sickerte. Dann breitete sich das Blut in all seiner Pracht aus, ein sattes, dickes Zinnoberrot. Auf der Straße wurde es totenstill, die Luft wurde dünn und heller. Hinter den verdorbenen Lebensmitteln und den Zeitungsseiten, die hilflos auf der nassen Straße klebten, sah er Hufe. Sie schritten ruhig, doch entschlossen auf ihn zu. Er wagte einen Blick nach oben, über die schöne, herrliche Flanke der Brustmuskeln, über die glänzende Mähne und über den stolzen, abgewandten Blick des Pferds hinaus. Er konnte die Silhouette einer Frau vor dem sie umgebenden Lichtschein sehen. Sie stieg von ihrem Pferd und kam auf ihn zu, die zarten Schichten ihres Gewands wallten im Mikrokosmos ihrer zauberhaften Erscheinung. Sie kniete sich neben ihn, und die Symmetrie ihres Elfengesichts wurde nur von einer Eisträne durchbrochen, die ihr über die glatte weiße Wange rann.

Übersetzung: Christiane Wagler