Als der Silvesterabend herannahte, hatten wir es uns bereits zwei
Tage und die drei dazugehörigen Nächte richtig gut gehen lassen. Wir
waren nach Westen in die Gegend um C. gefahren und hatten uns dort
in einem Häuschen auf dem Familienhof unseres Freundes Bleddyn
verschanzt. Wir hatten den Kühlschrank gefüllt und das Gelage, aus dem
unser Leben zu diesem Zeitpunkt bestand, mit nahezu professioneller
Leichtigkeit gen Westen verlagert. Der Hof gehörte Bleddyns Onkel und
Tante. Der Bruder von Bledds Mutter hatte ihn unter der Auflage geerbt,
dass er ihn im Auftrag der Geschwister und deren Ehemänner, Ehefrauen
und Kinder führte. Im Vergleich zu anderen Besitztümern war der Hof
jedoch nie eine wirkliche Erbschaft, sondern eine lebenslange Einladung
zu Schinderei und Sorge gewesen. Das behauptete jedenfalls Bledd.
Sein Onkel hatte diese Einladung angenommen, bis er ihr leider nicht
mehr Folge leisten konnte.
Das Häuschen, das wir ein paar Tage lang während den nicht zum Tag
gehörenden Stunden (also den Nächten) nutzten, war eines der alten
Nebengebäude, nämlich die ehemalige Molkerei. Bleddyns Onkel und
Tante hatten einige Jahre zuvor damit begonnen, das Gebäude zu
renovieren, als immer offensichtlicher wurde, dass zwar die geneigten
Ahnen ihr täglich Brot mit den alten Bräuchen verdienen konnten, sich
diese jedoch kaum dazu eigneten, die ebenso geneigten Mäuler der
Lebenden zu stopfen. So wurde die Molkerei Stück für Stück, je nach Zeit
und Geld, restauriert. Auch Bledd hatte seinen Anteil geleistet. Er erzählte
uns, wie sie am Weihnachtstag die alte Veranda abgerissen und sich
dabei den Truthahnbauch mit kräftigen Hammerschlägen abgearbeitet
hatten. Nach der Fertigstellung sollte das Häuschen an Urlauber oder
künftige Zweithausbesitzer verpachtet werden, die nur in der Gegend
weilten, wenn der Winterregen nachließ, und um zu entscheiden, ob
die nun sumpfigen, erbsengrünen Felder malerisch genug und es wert
waren, das fein säuberlich angehäufte Kapital auszugeben. Bledds Onkel
war verstorben, bevor das Häuschen vollständig renoviert war, und die
Tante, plötzlich zu gleichen Teilen von Arbeit und Trauer überw.ltigt,
hatte es einfach so belassen, wie es war. Dabei kümmerte es sie herzlich
wenig, dass damit der Traum ihres Mannes, die reichen Städter auf
seinem Land umherstreifen zu sehen, nie erfüllt werden würde.
Das Gebäude hatte jedoch etwas charmant Unvollendetes, und nachdem
uns Bledds Tante am Abend der Ankunft uns selbst überlie., machten
wir uns die Hände mit Holz und Kohlen schmutzig und wurden mit dem
Häuschen warm. Bald darauf hatten wir uns sogar eingeredet, dass nicht
nur das zusammengewürfelte Ambiente besonders reizvoll war, zumal
man das Häuschen ja auch hätte todsanieren können, sondern dass es
auch ausnehmend gut zur Zusammensetzung unserer Gruppe passte.
Bleddyn beispielsweise kannte ich bereits seit der elften Klasse, und
er war in vielerlei Hinsicht ebenso schlicht und hoffnungslos unmodern
wie die Messingplaketten, die den alten Kamin im Wohnzimmer
schmückten. Aber nach nahezu zehn Jahren enger Verbundenheit war
seine Anwesenheit auch genauso angenehm wie die der abgewetzten
Sessel, die im Häuschen zu neuen Ehren gekommen waren, nachdem
man sie im Haupthaus nicht mehr brauchte. Die anderen der Gruppe -
wir waren sieben an der Zahl - fanden ebenfalls eine Entsprechung im
und um das Gebäude, wie in den farbenfrohen und hübschen Fliesen im
Badezimmer des Erdgeschosses oder der funkelnagelneuen Küchenzeile
oder sogar im elektrischen Rührger.t, das es in funktionstüchtigem
Zustand aus den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts ins neue
Jahrtausend geschafft hatte. Die unwirtlichen Ecken des Häuschens, wie
die hier und da frei liegenden Rohre oder der Wind, der durch eine kleine
Ritze über dem nicht ganz perfekt eingepassten Badezimmerfenster
piff, waren Eindringlinge der „Wirklichkeit“, an die wir uns auf unserem
Weg durchs Leben mit unterschiedlichem Erfolg an unterschiedliche
Erfolgsdefinitionen angepasst hatten.
Die letzten Tage waren alle gleich verlaufen - wir gingen spazieren,
aßen, tranken, spielten etwas und unterhielten uns. Wir blieben
lange auf, was dazu führte, dass wir nur während eines späten,
ausgedehnten Frühstücks etwas Tageslicht zu sehen bekamen und
in ziemlich anarchistischen Zuständen lebten. Doch zum Mittagessen
am Silvestertag waren wir alle anwesend, in guter Verfassung und
versammelten uns im Haupthaus, um mit Bleddyns Tante zu speisen.
Sie hatte darauf bestanden, und wir nahmen die Einladung gern an. Sie
hatte Pasteten, Kuchen und Brot gebacken und servierte Unmengen
Käse. JJ (der diesen Namen aufgrund seiner Ähnlichkeit mit dem
jungen, backenbärtigen J. J. Williams trug) übernahm den Großteil der
Konversation. Er war ein heller Kopf aus Prestatyn an der Nordküste,
und sein Englisch hatte fast schon einen Liverpooler Einschlag. Er
war ein angenehmer Zeitgenosse und konnte zu Fremden oder, wie
in diesem Fall, Älteren freundlich und höflich sein, ohne sich selbst
dabei im Mindesten zu verbiegen. Er sprach in einem leicht neckenden
Tonfall, der ihm ganz natürlich zufiel und zu einer ebenso natürlichen
und geistreichen Antwort einlud. Ich glaube nicht, dass er es hätte
überspielen können, wenn seine Art gekünstelt gewesen wäre, und
ich erinnere mich daran, dass ich ihn um seine Begabung beneidete.
Bleddyn sagte nicht viel während des Essens. Ich schrieb das einem
Unbehagen zu, das ich selbst schon bei mehreren Anlässen gespürt
hatte, bei denen sich zwei Kreise schlossen, die normalerweise nichts
miteinander zu tun hatten. Es war merkwürdig, das Verbindungsglied
zwischen zwei Welten zu sein. Wenn man nicht aufpasste, konnte man
leicht glauben, zu keiner von beiden zu gehören.
Als wir Bledds Tante verließen, stand die Sonne tief und leuchtend
am Himmel. Die Strahlen schienen sich uns über eine etwas entfernt
liegende, mit Bäumen gesäumte Hügelkuppe entgegenzuneigen, und
überall dort, wo kein langer schwarzer Schatten hinfiel, glühte ein
weihnachtliches Orange. Trotzdem war es kalt, und obwohl wir nur fünf
Minuten über das Feld zu unserem Häuschen laufen mussten, waren wir
froh, als wir dort ankamen und die Tür fest hinter uns schließen konnten.
Wir fingen unverzüglich mit den Vorbereitungen für die Abendgestaltung
an, was uns ehrlicherweise nicht viel abverlangte. Gareth, ursprünglich
einer von Bledds Freunden von der Universität, war ein ziemlich
talentierter Koch, und so überlie.en wir diese Aufgabe größtenteils
ihm und füllten ihn mit Bier ab, wann immer uns unsere mangelnde
Kooperation ein schlechtes Gewissen bereitete. Bledd und ich räumten
ein wenig auf, dann schleppten wir den Küchentisch ins Wohnzimmer
und deckten ihn mit Knabbergebäck und rosafarbenen Disney-Princess-
Plastikbechern, die wir für ein paar Cent im Hyper Value im Zentrum von
C. gekauft hatten. Wir entfachten ein Feuer im Kamin, mixten ein paar
Cocktails und machten uns schließlich doch noch nützlich, indem wir sie
tranken.
Der erste Teil des Abends schien außerordentlich schnell zu verstreichen.
Daran hatten zweifelsohne die Cocktails ihren Anteil. Das Abendessen
war festlich - im altmodischen Sinne des Wortes. Die Mädchen hatten
sich für den Anlass hübsch gemacht, und die Jungs hatten sich
Krawatten über die T-Shirts oder Pullover gebunden. JJ erzählte uns
von einem Freund, der gerade aus Peking zurückgekommen war,
wo sich ein gekreuzigter Weihnachtsmann unter den übereifrigen
Weihnachtsschmuck im Hotel gemischt hatte.
Die aufgeräumte Stimmung erreichte wohl gegen elf ihren Höhepunkt.
Wir waren eben mit dem Nachtisch fertig und hatten das rechte Maß
gegessen und getrunken, um eine gelöste Atmosphäre entstehen zu
lassen. Will heißen, wir hatten gerade so viel intus, dass unsere Sinne
leicht benebelt waren und alles nicht mehr so rasend komisch wie
anfangs mit nüchternem Magen, dafür aber rundum angenehm war.
Viertel vor zwölf war es mit dem „Feiern“ jedoch definitiv vorbei. Manch
einer schaute bereits auf die Uhr, wartete auf den Countdown zur
Mitternacht und darauf, dass der offizielle Teil vorüberging und wir einfach
weitermachen konnten. Alle zwanzig Sekunden rief jemand „Zehn! Neun!
Acht!“, als ob er die Grenzen zwischen Wiederholung, Komik und Trance
ausloten wollte, und schließlich verpassten wir den Jahreswechsel. (Ich
muss sagen, dass ich das schade fand, auch wenn es zweifelhaft ist,
eine ganze Feier um einen Moment herum zu bauen. Ich würde ihn nicht
unbedingt mystisch nennen, aber der Augenblick, in dem die Zeiger der
Uhr sich im Norden vereinen oder die Zahlen auf 00:00 springen, schien
für mich immer mit einem tieferen Geheimnis verbunden zu sein - eines,
das wir vielleicht einstmals kannten, aber inzwischen vergessen haben.)
Etwa eine Stunde später, nachdem wir in Zweier- oder Dreiergrüppchen
geredet und verdaut hatten, begannen wir ein Spiel. Joni hatte ein zu
Weihnachten geschenkt bekommenes Pokerset mit dazugehörigem
grünen Tuch mitgebracht, und wir setzten uns bei gedämpftem Licht um
den Tisch. Erst jetzt wurde die Stimmung leicht gereizt. Gareth gewann,
als er hätte verlieren müssen, er spielte mit hohem Einsatz und trumpfte
sehr zum Leidwesen der anderen mit zwei Paaren auf. JJ verlor, als
er hätte gewinnen müssen, ein Flush mit der letzten Karte brach ihm
das Genick, und plötzlich entstand inmitten der geselligen Runde eine
angespannte Atmosphäre. Zu diesem Zeitpunkt mag es nicht mehr als
eine zunehmende Müdigkeit oder die Reaktion unseres methodistischen
Unterbewusstseins auf das zügellose Leben gewesen sein - trotzdem ließ
es sich nicht wegwischen.
Das Spiel schritt schnell voran. Mererid gab zuerst auf. Am Ende hatte
es ihr Spaß gemacht, ihre Chips zu verschleudern, die letzten warf sie
mit einer masochistischen Freude in die Mitte. Es folgte Gareth, dessen
Abstieg ebenso kometenhaft wie sein anfänglicher Aufstieg war. JJ
hatte es satt, mit vorsichtigen Einsätzen wenig oder keinen Gewinn zu
erwirtschaften, und riskierte alles auf einen gut gespielten, aber schlecht
getimten Bluff. Dann stieg der frustrierte Luned aus, dem Joni es kurz
darauf nachtat. Er blieb noch eine Weile im Zimmer, verfolgte das Spiel
und gab hin und wieder einen Kommentar ab, aber schließlich hatte er
auch davon genug und ging wie die anderen nach oben ins Bett. So
blieben nur Bledd und ich zurück.
Am Anfang spielten wir anständig, als ob wir demonstrieren wollten, dass
ein solch armseliges, gekränktes Verhalten unter unserer Würde war.
Wir spielten mit kleinen Einsätzen und schoben eine zeit lang, sobald
einer von uns gewann, den Chipsstapel sofort wieder zurück für die
nächste Runde. Doch die schwere Stille der Morgenstunden legte sich
über uns und verlieh der Situation eine unpassende Gewichtigkeit. Die
Angespanntheit war immer noch spürbar, jetzt sogar sehr deutlich. Da
Joni und JJ im Bett waren, sprachen wir Walisisch.
„Was hast du?“
„Eine Queen High.“
„Und damit wolltest du gewinnen.“
„Ich habe auf eine Straße gewartet.“
Es war nicht ungewöhnlich, dass Bleddyn und ich am längsten
aufblieben. Wir tranken meistens weiter, auch nachdem es weder klug
noch der vorherrschenden Stimmung zuträglich war. Wir wuchsen
fünfzehn Kilometer voneinander entfernt auf, er hier am Ende der
Straße, nicht direkt auf dem Hof, aber so gut wie, ich in C., einem Dorf
mit einem Rugby Club, einer Post und oft sehr schrägen Einwohnern.
Unsere gegenseitige Zuneigung war stetig gewachsen in all den Jahren,
in denen wir zusammen wohnten, an den Wochenenden gemeinsam die
lange Reise nach Hause zurücklegten und um den Bauch in gleichem
Maße zulegten. Mit Bledd wurde man nicht gleich warm. Doch wenn
man ihm seine unnachgiebigen, aber stets durchdachten und aufrichtig
empfundenen Ansichten ließ, stellte man mit der Zeit fest, dass er einer
der liebenswertesten Menschen war, denen man über den Weg laufen
konnte.
An diesem Abend ging er mir nicht einfach nur auf die Nerven. Er hatte
mich im Laufe der Jahre wahrscheinlich schon öfter verärgert, als ich
mir dessen bewusst war, ich hatte mich an seine Macken gewöhnt.
Manchmal schaffte er es jedoch, einen wirklich gegen sich aufzubringen.
Als ob er hin und wieder auf Gesellschaft verzichten konnte. Ich weiß
nicht, ob er es merkte, aber er ließ einen dann einfach im eigenen
Saft schmoren - und jetzt schien er in solch einer Stimmung zu sein.
Fairerweise muss ich ihm zugestehen, dass es vielleicht auch am Spiel,
einer unbewussten Taktik oder meiner Wahrnehmung von ihm als Gegner
gelegen haben konnte. Was auch der Grund war, er wurde mir plötzlich
unsympathisch, und je mehr ich über die sture Gestalt mir gegenüber
nachdachte, umso unsicherer wurde ich. Ich erinnere mich noch genau
daran. Alles kam zusammen, als mein Blatt gegen einen glücklich
erspielten Drilling verlor. Zum ersten Mal in all den gemeinsamen Jahren
konnte ich mir vorstellen, dass wir nicht mehr zusammen wären.
Das Spiel ging weiter, und ich legte eine härtere Gangart ein. Während
die Stille tiefer wurde und die Nacht ihren Lauf nahm, konnte ich
spüren, wie ich mich immer mehr zurückzog, wie mein Bewusstsein
sich abschirmte, als ob es sich vor Angriffen schützen wollte - sowohl
innerhalb als auch außerhalb des Spiels. Kurz darauf nahm meine
Trennung von Bledd und der Gruppe klare Gestalt an; ich bereitete mich
auf die Zeit vor, in der es keine funktionierende Gemeinschaft mehr
geben würde. Oder mir war - zweifelsohne durch die dunklen Geister -
klar geworden, dass wir uns am Ende doch nur gegenseitig enttäuschen
würden. Ich konnte fühlen, wie sich mein Rücken zusammenkrümmte
und stellte mir vor, wie mein Kopf zwischen den Schultern hervorragte
und meine Nase dem Schnabel eines besonders gefährlich aussehenden
Raubvogels glich. Ich gewann mit einer starken Hand und einem brutalen,
aggressiven Spiel, und mir gefiel die selbstzerstörerische Kraft, die damit
einherging.
Ein paar Runden später gewann Bleddyn selbst. Seit Stunden hatte ich
das grüne Tischtuch fixiert, und nun sah ich zu ihm auf, um zu prüfen,
ob sich die Situation klärte, wenn ich ihn anschaute, ob sie dadurch
weniger befremdlich wäre oder uns daran erinnerte, dass wir trotz allem
langjährige Freunde waren und diese Tatsache doch augenscheinlich zu
würdigen wussten.
Sobald sich unsere Blicke trafen, wurde ich ruhiger und wollte ihm
unbedingt mitteilen, was in mir vorgegangen war. Ich dachte, wenn
ich nur erklären könnte, was über mich gekommen war, könnte ich es
zurückdr.ngen, obwohl es sich einen Weg an die Oberfläche bahnen
wollte. Irgendetwas hielt mich jedoch davon ab. Ich ahnte wohl bereits,
dass Bledd die Lage anders beurteilen würde als ich es wollte oder
gewollt hätte. Oder dass er sogar meine Worte absichtlich so auslegen
würde, dass sie zu einem absoluten Missverständnis führen mussten. So
verstrich etwa eine Sekunde, in der wir uns und etwas anderes, räumlich
nicht genau Definierbares anschauten. In diesem Moment veränderte
sich meine Gemütslage ein wenig und wich einem vorsichtigen Zögern.
Ich war mir jetzt darüber im Klaren, dass sich, wenn ich diese neuen,
unterschwelligen Regungen in Worte fassen würde, ehe ich genau
wusste, was sie eigentlich bedeuteten, die Dinge selbst ändern könnten.
Außerdem war es spät, das Ticken der Uhr zeigte nicht mehr die
verstreichende Zeit an, sondern wirkte als dramatisierender Katalysator.
Die Vorzüge des Schweigens lagen auf der Hand, und vor allem wollte
ich Bleddyn damit einen Dämpfer versetzen.
Bledd beugte sich vor und strich einen großen Stapel Chips ein, den ich
einerseits aufgrund meiner neuen Einsichtigkeit und andererseits, weil ich
nur eine Neun auf der Hand hatte, gerade abgegeben hatte. Nachdem er
die Chips sortiert und aufeinandergetürmt hatte, lehnte er sich im Sessel
zurück. Als er sprach, schien es, als ob er meine Gedanken gelesen
hätte, um sie mir nun wiederzugeben.
„Ich werde wohl bald hierher zurückziehen müssen … Ich kann nicht
mehr ewig in Cardiff leben … Ich muss zurück. Vor Ort sein. Du weißt
schon.“
Er hielt inne.
„Für mich ist es etwas anderes. Der Hof, weißt du …“
Ein entschuldigender Ausdruck breitete sich auf seinem Gesicht aus
und nahm von seinem Körper Besitz, so dass er sich wieder im Sessel
aufrichten musste. Er war plötzlich ein ganz anderer Mensch. Gewöhnlich
war ich anfangs immer geteilter Meinung mit Bledd und überlegte erst
danach, ob an seinen Ansichten etwas dran war. Dieses Mal erwischte er
mich jedoch eiskalt, und allein beim Klang der Namen derer, die mit mir
um seine Gesellschaft buhlten, wurde ich ganz kleinlaut. Da waren die
Menschen (ich dachte an seine Tante allein in ihrem Haus) oder auch das
Land, sie alle würden sich wieder an seine Anwesenheit gewöhnen und
die große Gnade, die ihnen zuteil wurde, nicht zu würdigen wissen. Und
ich hatte keine Wahl mehr, ob ich meine Gefühle in Worte kleidete oder
nicht, oder ob ich ihm gar sagte, dass ich genau verstand, was er meinte
und dass es mich auch traurig machte.
Danach lehnten wir uns eine Weile im Sessel zurück und beugten uns nur
hin und wieder vor, um das Glas an die Lippen zu heben, ohne wirklich
daraus zu trinken. Das Spiel näherte sich dem Ende. Ich war nun eher
erschöpft als betrunken, und mein Kopf wurde schwer. Ich fühlte mich
haltlos.
Als ich Bledd die letzten Chips abnahm, als er sich fast widerstandslos
ergab, fiel mir etwas ein, das ich in der ersten, heißen Phase unseres
Zweikampfes hatte sagen wollen. Ich wollte vorschlagen, dass der
Verlierer ein Pfand einlösen müsse: am Morgen in Unterhosen ins Meer
rennen und einmal untertauchen, bevor er wieder herauskam. Das schien
jetzt nahezu absurd, da wir die letzten Stunden wie gelähmt verbracht
hatten und ein solches Pfand der Einsatz für ein viel größeres Spiel
gewesen wäre. Trotzdem brachte ich es zur Sprache.
„Wir sollten morgen ein kurzes Bad im Meer nehmen. Das neue Jahr
sauber beginnen. Was meinst du?“
Er sah zu mir auf und lächelte.
„Warum nicht.“
Das schmerzhafte Gefühl, das mich ins Bett und schließlich in den Schlaf
begleitete, ging über Nacht nicht weg. Wenn überhaupt etwas passierte,
kam noch die Resignation hinzu, und als ich aufwachte, fühlte ich mich,
als ob mein Lebenswillen gebrochen wäre. Es war fast Mittag, als ich
nach unten ging.
Bleddyn war schon auf den Beinen und hatte bereits allen berichtet, was
wir in den frühen Morgenstunden beschlossen hatten. Darauf begannen
alle sofort, sich zu schütteln und zu japsen. Aber die Scherze der anderen
verstärkten nur mein Gefühl, auf eine unumkehrbare Veränderung
zuzusteuern. Das Essen, das wir vorm Strand zu uns nahmen, erschien
mir wie eine Henkersmahlzeit.
Wir parkten ein paar hundert Meter vom Meer entfernt und trabten über
die schlammigen Felder. Im Gegensatz zum Nachmittag des vorherigen
Tages war es ein walisischer Wintertag, wie er im Buche steht - der
Nebel war so feucht wie der Regen dicht war. Wir konnten das Grau fast
berühren.
Doch sobald wir zum Strand kamen, überfiel uns das Dröhnen des
Meeres, und zumindest während der kurzen Zeit, in der wir uns diesem
Klang überlie.en, schien uns der Regen kaum zu stören. Das kurze Bad
war ein solches; nicht mehr und nicht weniger, wir brachten es schnell
hinter uns. Bledd und ich zogen uns aus, und da wir nicht wollten, dass
uns die anderen zu lange in Unterhosen bewundern konnten, rannten
wir schreiend und mit Karacho den Strand hinunter. Das Schlimmste
war der erste Schritt ins Wasser, aber unser Schwung half uns, und
sobald wir bis zu den Knien im Wasser waren, fielen wir vornüber und
merkten zu unserer großen Verwunderung, dass es im Wasser warmer
als draußen war. Trotzdem wollten wir das Bad nicht ausdehnen, und
nachdem wir uns von dem überw.ltigenden, befremdlichen Gefühl, also
der Erkenntnis, im Meer zu sein, erholt hatten, rappelten wir uns wieder
auf und kämpften uns nach draußen. Dabei versuchten wir, unsere Beine
schneller als die brechenden Wellen durch das Wasser zu bewegen.
Die anderen empfingen uns mit Kameras und Handtüchern. Bledd
merkte, dass er seine Brille im Meer verloren hatte und nicht viel
erkennen konnte - aber wir waren trotz allem äußerst beschwingt. Eine
Weile rannten wir wie die Verrückten umher, klatschten die Hände ab
und freuten uns darüber, dass wir nur spärlich bekleidet waren und
kurzzeitig den Elementen getrotzt hatten. Als wir uns beruhigt hatten und
nebeneinander zur Gruppe zurückliefen, die sich wie eine Herde Schafe
zusammengedrängt hatte, legte er mir den Arm um die Schultern.
Auf Mererids Fotos sieht man uns lächelnd und vor Energie strotzend.
Das pulsierende Blut scheint unsere Körper zum Leuchten zu bringen.
Wir spürten die Kälte erst wieder, als wir auf einem Bein herumhüpften
und versuchten, die Hosen über die feuchten Schenkel zu ziehen.
Danach begaben wir uns schnurstracks zu einem kleinen Pub mit
Blick auf den Strand. Da gab es einen Billardtisch und Bier aus einer
einheimischen Brauerei, also fühlten wir uns auch dort bald zu Hause.
Wir verbrachten einen wunderschönen Nachmittag und schwelgten
förmlich im Walisischen - dem Regen, dem Bier und der Art, wie sich die
Landspitze zu beiden Seiten des Strandes klaglos dem Meer hingab.