Du hast alles weggeworfen, wie Knochen vor die Hunde. Unser
gemeinsames Leben verfaulte in der Alltäglichkeit, weil wir zu Sklaven
eines idyllischen Lebens geworden waren, eines freistehenden Hauses,
das vom Eingangstor durch eine gewundene Einfahrt abgeschirmt wurde
und das wir nur meiner brillanten Anwaltskarriere verdankten. Und die
ganze Zeit starrst du einfach durch mich hindurch, während ich jedes Mal
die Beherrschung verliere... Bis bald.
Noch ein Dienstagmorgen, noch ein anstößiges Lied der Krähen, die die
Kiefern um unser Haus flankieren, noch eine Tasse meines geliebten Earl
Grey, ein halbes Stück Zucker, um den Geschmack zu mildern. Als ich
aus dem Bett stolpere und mich zur Dusche schleppe, bemerke ich, dass
du wieder einmal meine Socken gestopft und meine Hosen so flach wie
Belgien gebügelt hast. Diese fürchterliche Zwangsjacke von einem Hemd
hängt an der Tür und wartet auf mich. Der erfolgreichste Anwalt, der es
je aus dem Rhondda und Wales herausgeschafft hat, was für ein Glück!
Das schnellste Hirn im Westen, das jeden Kriminellen im Nullkommanichts
austrickst. Ein Hüter der Gerechtigkeit und der Moral, der Faden in den
Nähten des Systems.
Die Fäden in unseren Nähten waren schon lange verschlissen, können
nichts mehr zusammenhalten, und unser Duschvorhang hat auch
schon bessere Zeiten erlebt. Ich möchte nicht heraussteigen, möchte
unter dem Schwall dampfenden Wassers meinen Rücken hinab und
dem Sprühregen, der meine Haut umhüllt, verweilen, solange es mir
der Himmel vergönnt, nur nicht weitermachen, sich abtrocknen, dieses
zeitweilige Eden verlassen und hinuntergehen müssen, um meine
Schüssel Früchtemüsli zu mampfen; die dünne, fade Konsistenz der
entrahmten Milch verbündet sich mit den matten Farben in meiner
Schüssel, um mich zu Tode zu langweilen. Ein Löffelchen Stumpfsinn als
Vorgeschmack auf den Stumpfsinn des restlichen Tages.
Nachdem ich genug gelitten habe unter deinem belanglosen Gerede
über das endlose Staubwischen, das dich erwartet, deine anstrengenden
Einkaufstouren, um mir mein Lieblingsessen zu besorgen, und natürlich
darüber, dass du meine Zwangsjacke und meine Socken bügeln musst für
einen morgigen Tag voller Ignoranz und Dummheit der Trinker, Schläger
und Kleinkriminellen, die kaum ihren Namen aussprechen, geschweige
denn die Geschworenen davon überzeugen können, dass sie nichts
anderes als einen schönen Urlaub im Gefängnis verdienen, wird mir klar,
dass jedes Gefängnis meinem Leben vorzuziehen wäre. Lebenslänglich
einschließlich Folter durch Konversation... Du richtest meine Krawatte,
nachdem du mir den Mantel über meine breiten Schultern geworfen
hast. Dein strahlendes Lächeln lässt die Zeit stillstehen, während du
dich reckst und meine Lippen küsst, es bringt den Zauber unseres
ersten Kusses zurück und sogar der vielen anderen, die in unseren
Anfangsjahren folgten, bevor du dir den Ring angesteckt hast und der
Alltag schnell in Wahnsinn mündete. Was für eine Geldverschwendung!
Mit diesem bitteren Beigeschmack und begleitet von einem Krähenchor,
der mich krächzend verspottet, fahre ich unsere gewundene Einfahrt
hinab, fühle mich wohl und eins mit meinem schwarzen BMW, bereit, der
Gerechtigkeit zu dienen...
Es wird mir gut gehen, wenn ihr mich herauslasst, zeigt mir ein Loch in
der Hecke oder gebt mir eine Zange, damit ich den Zaun durchschneiden
kann, dieser Glanz, der mich ständig behelligt, sogar in der Nacht, diese
weißen, gepolsterten Wände, die nicht wissen, wann sie den Mund halten
sollen. Es ist ein Skandal, meinem Bett und mir sollte es gestattet sein,
sich ungestört zu unterhalten, ohne dass die höhnischen Wände all unsere
Angelegenheiten kommentieren. Ein Gefängniswärter erlaubt seinen
Insassen hin und wieder vertrauliche Gespräche, warum diese verfluchten
Wände nicht auch?
Es ist ein typischer Donnerstag, er ähnelt sehr dem gestrigen Tag und
ganz unheimlich dem einlullenden Rhythmus des Dienstags. Dein Kuss
auf meine Lippen stößt mich wie gewöhnlich ab, bevor ich zu einem
Krähenkonzert, das die Schlagzeilen im Radio übertönt, davonfahre.
Wieder ein paar Faulenzern den Kopf geraderücken.
Aber dieser Tag verläuft anders, sobald ich sie erblicke. Meine neue
Sekretärin, Naomi. Ich ziehe sie mit Blicken aus und werde wahnsinnig
erregt, als ich ihr tief in die Augen schaue, schlucke, als mir der Mund
wässerig wird angesichts ihrer endlos langen Beine in schwarzen
Strumpfhosen, die zu ihren Brüsten führen, die man seitlich sehen kann,
weil ein Knopf geöffnet ist.
„Hallo, ich bin Naomi, heute ist mein erster Tag, ist das mein
Schreibtisch? Möchten Sie einen Kaffee? Entschuldigung, ich werde
leicht nervös, ich möchte Sie nicht enttäuschen, Mr. Wilkins...“
„Nennen Sie mich Dan, ich bin Daniel Wilkins, aber Dan reicht, ich
möchte, dass meine Angestellten sich wohl fühlen, so lässt es sich besser
arbeiten, oder? Meine persönliche Assistentin muss in Topform sein,
sonst unterlaufen uns vielleicht Irrtümer! Aber das wird natürlich mit einer
jungen, talentierten Frau wie Ihnen an meiner Seite nicht passieren, soll
ich Ihnen das Gerichtsgebäude zeigen?“
Naomi lächelt eifrig, natürlich möchte sie herumgeführt werden, sie kann
dir nicht widerstehen, das ist dir klar, sie ist das Mädchen deiner Träume,
dein Fahrschein in die Freiheit, ein Ausweg aus deiner zerrütteten Ehe.
Stopp mal! Ich habe sie eben erst kennen gelernt, warum denke ich das,
sie ist so sexy, deshalb denke ich das. Wir nehmen den Fahrstuhl und
fahren hoch in den Hauptgerichtssaal, es ist noch früh, die Verhandlungen
werden donnerstags nicht vor 10.30 Uhr beginnen. Als sich die Türen des
Fahrstuhls schließen, wenden wir uns voneinander ab und starren die
Wände an, dann, als unsere Blicke schweifen, vereinen wir uns, und du
bringst mich innerlich zum Schmelzen, die Lust nagt an meinen Muskeln
und fließt durch meine Adern.
Was versteht ihr schon von unserer Ehe? Wir waren unzertrennlich, dafür
bestimmt, zusammen alt zu werden wie ein guter Rotwein, warteten
darauf, dass die Zeit und ihre Wechselfälle uns aufzehren. Ihr Wände
wisst nichts über mich, über die Erinnerungen, die Ziegel in den Wänden
des Verstandes sind und mein Zuhause zusammenhalten. Ich erinnere
mich an die Nächte, in denen... Wirklich, ich schwöre es, wir haben uns
immer aneinander gekuschelt... was soll das heißen, ob ich mir sicher
bin, natürlich bin ich mir sicher, ich erinnere mich daran, als ob es gestern
gewesen wäre...
Verdammt, ich will dich, Naomi ist der einzige Satz, der durch mein
Hirn tönt, dann, dass sie einverstanden zu sein scheint, weil ihre Zunge
meine Sinne belebt und es sich toll anfühlt, wie sie sich leidenschaftlich
gegen meine drängt, unsere Lippen bewegen sich harmonisch, während
eine höhere Macht von unseren Händen Besitz ergreift, ein Verlangen,
das Nirwana zu erreichen und entzückt zu einem orgastischen Lied zu
schreien... Der Fahrstuhl klingelt, wir sind bereits im fünften Stock, wo der
Hauptgerichtssaal unseren Besuch erwartet. Wir springen auseinander
und richten unsere Sachen, frustriert und nervös, niemand wartet im
Gang, aber wir fühlen uns trotzdem bloßgestellt. Ich schlage vor, in den
Gerichtssaal zu gehen, Naomi lächelt unschuldig und folgt mir.
Als wir drinnen sind, ist der Saal so leer, dass wir unsere Herzen klopfen
hören können, ich beginne, die Abläufe zu Verhandlungsbeginn zu
erklären, erläutere ziemlich ausführlich, wie ich die Geschworenen
ausgewählt habe aus anfänglich 15 Kandidaten, die dem Gericht
zur Verfügung stehen, von denen drei nach dem Zufallsprinzip in
den Warteraum zurückgeschickt werden, wo Kippen geraucht und
Freundschaften geschlossen werden, während man in der Vorwochen-
Ausgabe des Jagdmagazins Hunting Lifestyle schmökert... Die
ganze Zeit sieht Naomi mich unverwandt an und zieht mich mit ihrem
durchdringenden Blick aus, in meinem eigenen Revier, in dem ich sonst
Respekt einflöße und Autorität ausübe. Und heute ist das nicht anders.
.bermütig befehle ich Naomi, sich auszuziehen. Überrascht, jedoch
erregt, lässt Naomi ihre Hüften kreisen, während sie an die Rückseite
ihres Rockes fasst und ratsch, schon fällt er zu Boden, und ihr BH und
die Bluse folgen gleich darauf, während sie in ihrer Strumpfhose vor mir
steht. Ich hebe sie hoch und trage sie zum Richterstuhl, dann zerreiße ich
ihre Strumpfhose, und ihre Schönheit verschlägt mir den Atem, während
die Lust nun beide ergreift und sich zur Ekstase steigert, als wir uns auf
dem Richterstuhl vereinen und aufeinanderprallen wie zwei Sonnen,
deren Energie verschmilzt. Die Säfte wallen, als wir lauter werden, viel zu
laut für meinen Geschmack, aber diese Lust hat mich fest im Griff wie
eine Würgeschlange mit der Kraft von zehn wilden walisischen Drachen,
Naomi beisst sich auf die Lippen und gräbt ihre Nägel in meine Schultern,
ihr Schreie werden immer lauter...
„Jesusmaria, das ist ja abartig... Mr. Wilkins, sind Sie das? Du liebe
Zeit, Sie sind es, also ich... was zum Teufel ist hier los? Sind Sie
übergeschnappt? Das ist unerhört und widerwärtig, ausgerechnet Sie, Mr.
Wilkins, und wer ist eigentlich diese Schlampe?!“
Fred. Fred, die Putze, ein Junggeselle in den Fünfzigern, die Obertunte,
oder sagen wir, ein Mann, der seiner weiblichen Seite sehr nahe steht,
obwohl das nichts zur Sache tut, ich habe ihn jedoch noch nie so
wütend erlebt, er klingt sogar recht männlich, wenn ich das sagen darf,
er hat mich definitiv überrascht, ich bin mir sicher, dass es ihm genauso
geht. Wie wirr man in solchen Momenten wird. Naomi ist mittlerweile
weggelaufen, um sich hinzukauern und weinend unter der Anklagebank
zu verstecken. Mir ist auch zum Heulen zu Mute.
Allgegenwärtig, schmierig und höhnisch. Spielen auch meine kleinsten
Fortschritte herunter. Vier Wände, die mich wie Schlägertypen umringen,
mich hin- und herschubsen, von links nach rechts, mir die Knochen
durcheinanderschütteln, bis ich nicht mehr weiß, wohin ich gestoßen
werde, und die die ganze Zeit lachen. Dieses Weiß, das mich umgibt und
zermürbt, während die Wände mich mit ihrem hinterhältigen Gelächter
betäuben. Nicht einmal die Dunkelheit der Nacht vermag es, den Glanz
dieser Wände zu dämpfen. Sie blenden mich und betäuben meine Ohren
und verbrennen meinen Körper, während ich mich in meinem Bett winde,
gefesselt und einsam, von den Wänden, die sich gegen mich verbündet
haben, bis zur Raserei gepiesackt...
Fred läuft hinaus, und ich verfalle in eine fieberhafte Aktivität, renne
splitterfasernackt in all meiner Pracht durch den Gerichtssaal, um meine
Schuhe und Socken aufzulesen, während ich gleichzeitig versuche, mir
meine anderen Sachen wieder anzuziehen, mein Hemd sich um meinen
Oberkörper verheddert und teilweise mein Gesicht verdeckt, so dass es
einer schrecklichen Zwangsjacke mehr denn je ähnelt, in genau diesem
Augenblick betritt Lord Anthony, Anwalt der Krone, den Saal und blickt
verblüfft auf meine verborgenen Talente, die ihm bisher entgangen
waren...
„Daniel“, flüsterte Lisa...
Ah, jetzt willst du also doch reden, ja? Wenn mein Prachtstück ins Spiel
kommt, kannst du letztendlich nicht widerstehen, na los, lass uns schnell
eine Nummer schieben, gleich hier, wie in alten Zeiten.
„Daniel“, sagte Lisa nun eindringlicher. „Daniel, ich möchte die
Scheidung, ich habe jemand kennen gelernt, er heißt Diego, er ist mein
Spanischlehrer an der Abendschule.“
„Abendschule? Spanisch? Diego?! Seit wann?!“
„Ist doch egal, du wirst ihm sowieso nie begegnen, wir ziehen nach
Spanien, wir wollen ein Haus in Oviedo kaufen, das ist eine hübsche
Stadt, wir wollen eine Sprachschule aufmachen, sobald ich als
Englischlehrerin zugelassen bin... Daniel?“
„Die Besuchszeit ist abgelaufen, alle Besucher verlassen nun bitte das
Gebäude. Bis wahrscheinlich bald“, tönte eine herausfordernde Stimme
aus dem Lautsprecher.
„Daniel, ich muss gehen, ich komme bald wieder, so dass wir alles
Notwendige veranlass... en... können... Tschüss, Dan“, und Lisa trabte
von dannen und drehte sich noch einmal um, um einen letzten Blick auf
das zu werfen, was einmal ihr Fels in der Brandung gewesen war, der jetzt
teilnahmslos von zwei Wärtern in göttlichem Weiß zu einer wachsenden
Schlange Patienten geführt wurde, die auf ihre Medikamente warteten,
von denen die Hälfte kaum laufen, geschweige denn eine Tablette
schlucken konnten, die armen hirnamputierten Teufel...
Ich starrte nur vor mich hin. Die Leere war angenehm. Alles war
angenehm verglichen mit dieser weichen, weißen Zelle, den ledernen
Bettriemen, den Kunststofflaken, den sprechenden Wänden...