Aneirin Karadog

Casablanca


Du hast alles weggeworfen, wie Knochen vor die Hunde. Unser

gemeinsames Leben verfaulte in der Alltäglichkeit, weil wir zu Sklaven

eines idyllischen Lebens geworden waren, eines freistehenden Hauses,

das vom Eingangstor durch eine gewundene Einfahrt abgeschirmt wurde

und das wir nur meiner brillanten Anwaltskarriere verdankten. Und die

ganze Zeit starrst du einfach durch mich hindurch, während ich jedes Mal

die Beherrschung verliere... Bis bald.

 

Noch ein Dienstagmorgen, noch ein anstößiges Lied der Krähen, die die

Kiefern um unser Haus flankieren, noch eine Tasse meines geliebten Earl

Grey, ein halbes Stück Zucker, um den Geschmack zu mildern. Als ich

aus dem Bett stolpere und mich zur Dusche schleppe, bemerke ich, dass

du wieder einmal meine Socken gestopft und meine Hosen so flach wie

Belgien gebügelt hast. Diese fürchterliche Zwangsjacke von einem Hemd

hängt an der Tür und wartet auf mich. Der erfolgreichste Anwalt, der es

je aus dem Rhondda und Wales herausgeschafft hat, was für ein Glück!

Das schnellste Hirn im Westen, das jeden Kriminellen im Nullkommanichts

austrickst. Ein Hüter der Gerechtigkeit und der Moral, der Faden in den

Nähten des Systems.

 

Die Fäden in unseren Nähten waren schon lange verschlissen, können

nichts mehr zusammenhalten, und unser Duschvorhang hat auch

schon bessere Zeiten erlebt. Ich möchte nicht heraussteigen, möchte

unter dem Schwall dampfenden Wassers meinen Rücken hinab und

dem Sprühregen, der meine Haut umhüllt, verweilen, solange es mir

der Himmel vergönnt, nur nicht weitermachen, sich abtrocknen, dieses

zeitweilige Eden verlassen und hinuntergehen müssen, um meine

Schüssel Früchtemüsli zu mampfen; die dünne, fade Konsistenz der

entrahmten Milch verbündet sich mit den matten Farben in meiner

Schüssel, um mich zu Tode zu langweilen. Ein Löffelchen Stumpfsinn als

Vorgeschmack auf den Stumpfsinn des restlichen Tages.

Nachdem ich genug gelitten habe unter deinem belanglosen Gerede

über das endlose Staubwischen, das dich erwartet, deine anstrengenden

Einkaufstouren, um mir mein Lieblingsessen zu besorgen, und natürlich

darüber, dass du meine Zwangsjacke und meine Socken bügeln musst für

einen morgigen Tag voller Ignoranz und Dummheit der Trinker, Schläger

und Kleinkriminellen, die kaum ihren Namen aussprechen, geschweige

denn die Geschworenen davon überzeugen können, dass sie nichts

anderes als einen schönen Urlaub im Gefängnis verdienen, wird mir klar,

dass jedes Gefängnis meinem Leben vorzuziehen wäre. Lebenslänglich

einschließlich Folter durch Konversation... Du richtest meine Krawatte,

nachdem du mir den Mantel über meine breiten Schultern geworfen

hast. Dein strahlendes Lächeln lässt die Zeit stillstehen, während du

dich reckst und meine Lippen küsst, es bringt den Zauber unseres

ersten Kusses zurück und sogar der vielen anderen, die in unseren

Anfangsjahren folgten, bevor du dir den Ring angesteckt hast und der

Alltag schnell in Wahnsinn mündete. Was für eine Geldverschwendung!

Mit diesem bitteren Beigeschmack und begleitet von einem Krähenchor,

der mich krächzend verspottet, fahre ich unsere gewundene Einfahrt

hinab, fühle mich wohl und eins mit meinem schwarzen BMW, bereit, der

Gerechtigkeit zu dienen...

 

Es wird mir gut gehen, wenn ihr mich herauslasst, zeigt mir ein Loch in

der Hecke oder gebt mir eine Zange, damit ich den Zaun durchschneiden

kann, dieser Glanz, der mich ständig behelligt, sogar in der Nacht, diese

weißen, gepolsterten Wände, die nicht wissen, wann sie den Mund halten

sollen. Es ist ein Skandal, meinem Bett und mir sollte es gestattet sein,

sich ungestört zu unterhalten, ohne dass die höhnischen Wände all unsere

Angelegenheiten kommentieren. Ein Gefängniswärter erlaubt seinen

Insassen hin und wieder vertrauliche Gespräche, warum diese verfluchten

Wände nicht auch?

 

Es ist ein typischer Donnerstag, er ähnelt sehr dem gestrigen Tag und

ganz unheimlich dem einlullenden Rhythmus des Dienstags. Dein Kuss

auf meine Lippen stößt mich wie gewöhnlich ab, bevor ich zu einem

Krähenkonzert, das die Schlagzeilen im Radio übertönt, davonfahre.

Wieder ein paar Faulenzern den Kopf geraderücken.

 

Aber dieser Tag verläuft anders, sobald ich sie erblicke. Meine neue

Sekretärin, Naomi. Ich ziehe sie mit Blicken aus und werde wahnsinnig

erregt, als ich ihr tief in die Augen schaue, schlucke, als mir der Mund

wässerig wird angesichts ihrer endlos langen Beine in schwarzen

Strumpfhosen, die zu ihren Brüsten führen, die man seitlich sehen kann,

weil ein Knopf geöffnet ist.

„Hallo, ich bin Naomi, heute ist mein erster Tag, ist das mein

Schreibtisch? Möchten Sie einen Kaffee? Entschuldigung, ich werde

leicht nervös, ich möchte Sie nicht enttäuschen, Mr. Wilkins...“

„Nennen Sie mich Dan, ich bin Daniel Wilkins, aber Dan reicht, ich

möchte, dass meine Angestellten sich wohl fühlen, so lässt es sich besser

arbeiten, oder? Meine persönliche Assistentin muss in Topform sein,

sonst unterlaufen uns vielleicht Irrtümer! Aber das wird natürlich mit einer

jungen, talentierten Frau wie Ihnen an meiner Seite nicht passieren, soll

ich Ihnen das Gerichtsgebäude zeigen?“

 

Naomi lächelt eifrig, natürlich möchte sie herumgeführt werden, sie kann

dir nicht widerstehen, das ist dir klar, sie ist das Mädchen deiner Träume,

dein Fahrschein in die Freiheit, ein Ausweg aus deiner zerrütteten Ehe.

Stopp mal! Ich habe sie eben erst kennen gelernt, warum denke ich das,

sie ist so sexy, deshalb denke ich das. Wir nehmen den Fahrstuhl und

fahren hoch in den Hauptgerichtssaal, es ist noch früh, die Verhandlungen

werden donnerstags nicht vor 10.30 Uhr beginnen. Als sich die Türen des

Fahrstuhls schließen, wenden wir uns voneinander ab und starren die

Wände an, dann, als unsere Blicke schweifen, vereinen wir uns, und du

bringst mich innerlich zum Schmelzen, die Lust nagt an meinen Muskeln

und fließt durch meine Adern.

 

Was versteht ihr schon von unserer Ehe? Wir waren unzertrennlich, dafür

bestimmt, zusammen alt zu werden wie ein guter Rotwein, warteten

darauf, dass die Zeit und ihre Wechselfälle uns aufzehren. Ihr Wände

wisst nichts über mich, über die Erinnerungen, die Ziegel in den Wänden

des Verstandes sind und mein Zuhause zusammenhalten. Ich erinnere

mich an die Nächte, in denen... Wirklich, ich schwöre es, wir haben uns

immer aneinander gekuschelt... was soll das heißen, ob ich mir sicher

bin, natürlich bin ich mir sicher, ich erinnere mich daran, als ob es gestern

gewesen wäre...

 

Verdammt, ich will dich, Naomi ist der einzige Satz, der durch mein

Hirn tönt, dann, dass sie einverstanden zu sein scheint, weil ihre Zunge

meine Sinne belebt und es sich toll anfühlt, wie sie sich leidenschaftlich

gegen meine drängt, unsere Lippen bewegen sich harmonisch, während

eine höhere Macht von unseren Händen Besitz ergreift, ein Verlangen,

das Nirwana zu erreichen und entzückt zu einem orgastischen Lied zu

schreien... Der Fahrstuhl klingelt, wir sind bereits im fünften Stock, wo der

Hauptgerichtssaal unseren Besuch erwartet. Wir springen auseinander

und richten unsere Sachen, frustriert und nervös, niemand wartet im

Gang, aber wir fühlen uns trotzdem bloßgestellt. Ich schlage vor, in den

Gerichtssaal zu gehen, Naomi lächelt unschuldig und folgt mir.

 

Als wir drinnen sind, ist der Saal so leer, dass wir unsere Herzen klopfen

hören können, ich beginne, die Abläufe zu Verhandlungsbeginn zu

erklären, erläutere ziemlich ausführlich, wie ich die Geschworenen

ausgewählt habe aus anfänglich 15 Kandidaten, die dem Gericht

zur Verfügung stehen, von denen drei nach dem Zufallsprinzip in

den Warteraum zurückgeschickt werden, wo Kippen geraucht und

Freundschaften geschlossen werden, während man in der Vorwochen-

Ausgabe des Jagdmagazins Hunting Lifestyle schmökert... Die

ganze Zeit sieht Naomi mich unverwandt an und zieht mich mit ihrem

durchdringenden Blick aus, in meinem eigenen Revier, in dem ich sonst

Respekt einflöße und Autorität ausübe. Und heute ist das nicht anders.

.bermütig befehle ich Naomi, sich auszuziehen. Überrascht, jedoch

erregt, lässt Naomi ihre Hüften kreisen, während sie an die Rückseite

ihres Rockes fasst und ratsch, schon fällt er zu Boden, und ihr BH und

die Bluse folgen gleich darauf, während sie in ihrer Strumpfhose vor mir

steht. Ich hebe sie hoch und trage sie zum Richterstuhl, dann zerreiße ich

ihre Strumpfhose, und ihre Schönheit verschlägt mir den Atem, während

die Lust nun beide ergreift und sich zur Ekstase steigert, als wir uns auf

dem Richterstuhl vereinen und aufeinanderprallen wie zwei Sonnen,

deren Energie verschmilzt. Die Säfte wallen, als wir lauter werden, viel zu

laut für meinen Geschmack, aber diese Lust hat mich fest im Griff wie

eine Würgeschlange mit der Kraft von zehn wilden walisischen Drachen,

Naomi beisst sich auf die Lippen und gräbt ihre Nägel in meine Schultern,

ihr Schreie werden immer lauter...

„Jesusmaria, das ist ja abartig... Mr. Wilkins, sind Sie das? Du liebe

Zeit, Sie sind es, also ich... was zum Teufel ist hier los? Sind Sie

übergeschnappt? Das ist unerhört und widerwärtig, ausgerechnet Sie, Mr.

Wilkins, und wer ist eigentlich diese Schlampe?!“

 

Fred. Fred, die Putze, ein Junggeselle in den Fünfzigern, die Obertunte,

oder sagen wir, ein Mann, der seiner weiblichen Seite sehr nahe steht,

obwohl das nichts zur Sache tut, ich habe ihn jedoch noch nie so

wütend erlebt, er klingt sogar recht männlich, wenn ich das sagen darf,

er hat mich definitiv überrascht, ich bin mir sicher, dass es ihm genauso

geht. Wie wirr man in solchen Momenten wird. Naomi ist mittlerweile

weggelaufen, um sich hinzukauern und weinend unter der Anklagebank

zu verstecken. Mir ist auch zum Heulen zu Mute.

 

Allgegenwärtig, schmierig und höhnisch. Spielen auch meine kleinsten

Fortschritte herunter. Vier Wände, die mich wie Schlägertypen umringen,

mich hin- und herschubsen, von links nach rechts, mir die Knochen

durcheinanderschütteln, bis ich nicht mehr weiß, wohin ich gestoßen

werde, und die die ganze Zeit lachen. Dieses Weiß, das mich umgibt und

zermürbt, während die Wände mich mit ihrem hinterhältigen Gelächter

betäuben. Nicht einmal die Dunkelheit der Nacht vermag es, den Glanz

dieser Wände zu dämpfen. Sie blenden mich und betäuben meine Ohren

und verbrennen meinen Körper, während ich mich in meinem Bett winde,

gefesselt und einsam, von den Wänden, die sich gegen mich verbündet

haben, bis zur Raserei gepiesackt...

 

Fred läuft hinaus, und ich verfalle in eine fieberhafte Aktivität, renne

splitterfasernackt in all meiner Pracht durch den Gerichtssaal, um meine

Schuhe und Socken aufzulesen, während ich gleichzeitig versuche, mir

meine anderen Sachen wieder anzuziehen, mein Hemd sich um meinen

Oberkörper verheddert und teilweise mein Gesicht verdeckt, so dass es

einer schrecklichen Zwangsjacke mehr denn je ähnelt, in genau diesem

Augenblick betritt Lord Anthony, Anwalt der Krone, den Saal und blickt

verblüfft auf meine verborgenen Talente, die ihm bisher entgangen

waren...

 

„Daniel“, flüsterte Lisa...

Ah, jetzt willst du also doch reden, ja? Wenn mein Prachtstück ins Spiel

kommt, kannst du letztendlich nicht widerstehen, na los, lass uns schnell

eine Nummer schieben, gleich hier, wie in alten Zeiten.

„Daniel“, sagte Lisa nun eindringlicher. „Daniel, ich möchte die

Scheidung, ich habe jemand kennen gelernt, er heißt Diego, er ist mein

Spanischlehrer an der Abendschule.“

„Abendschule? Spanisch? Diego?! Seit wann?!“

„Ist doch egal, du wirst ihm sowieso nie begegnen, wir ziehen nach

Spanien, wir wollen ein Haus in Oviedo kaufen, das ist eine hübsche

Stadt, wir wollen eine Sprachschule aufmachen, sobald ich als

Englischlehrerin zugelassen bin... Daniel?“

„Die Besuchszeit ist abgelaufen, alle Besucher verlassen nun bitte das

Gebäude. Bis wahrscheinlich bald“, tönte eine herausfordernde Stimme

aus dem Lautsprecher.

 

„Daniel, ich muss gehen, ich komme bald wieder, so dass wir alles

Notwendige veranlass... en... können... Tschüss, Dan“, und Lisa trabte

von dannen und drehte sich noch einmal um, um einen letzten Blick auf

das zu werfen, was einmal ihr Fels in der Brandung gewesen war, der jetzt

teilnahmslos von zwei Wärtern in göttlichem Weiß zu einer wachsenden

Schlange Patienten geführt wurde, die auf ihre Medikamente warteten,

von denen die Hälfte kaum laufen, geschweige denn eine Tablette

schlucken konnten, die armen hirnamputierten Teufel...

 

Ich starrte nur vor mich hin. Die Leere war angenehm. Alles war

angenehm verglichen mit dieser weichen, weißen Zelle, den ledernen

Bettriemen, den Kunststofflaken, den sprechenden Wänden...