Es war der Wind, den ich immer vergaß, und die salzige Luft, die er mit sich brachte. Und auch eine andere Art von Stille, eine Ruhe, die wirkte, als käme sie von weit her. Gesunde Luft, dachte ich, bevor ich den Gedanken abtat. Jedes Mal, wenn ich heimkehrte, bekam ich es über, dieses leise Unbehagen und die Frage, warum ich von hier weggegangen war. Niemand hatte mich gezwungen zu gehen, und niemand zwang mich nun, mich fernzuhalten. Ich zog mir den Mantel über und kramte im Kofferraum nach meinen Handschuhen, und dann entfernte ich mich westwärts von der Stadt und folgte dem Ufer zu einer kleinen, Foryd Fach genannten Einbuchtung.
Ich hatte es mir zur Gewohnheit gemacht zu überwintern, indem ich Weihnachten nach Hause fuhr und dort stur ein wenig länger ausharrte, bis die heftigsten Januarstürme vorüber waren. Der sumpfige Boden der Mittzwanzigerjahre, in denen man sich ein Nest nicht vorstellen konnte oder wollte. Es lief sich gut mit dem Wind im Rücken. Regen war angesagt, aber bis jetzt hatte er nicht eingesetzt, und durch die Wolken schien fahles Sonnenlicht. Der Wind wehte stark, doch mein Schal schützte mich vor der schärfsten Kälte, und hin und wieder vernahm ich den Schrei eines Austernfischers zwischen dem Knirschen der Kieselsteine zu meinen Füßen. In der Forydbucht gab es keinen Sand, nur Mäwen natürlich. Mäwen immer.
***
Mehr als einmal kam ich im „Kormoran“ an und begann meine Schicht mit Mäwenkot auf den Schultern oder schlimmstenfalls auf den Haaren.
Ich versuchte, mir die Sauerei auf der Herrentoilette abzuwaschen, bevor ich meine Arbeit hinter der Bar aufnahm. Nicht, dass es im Bili“, wie die Einheimischen es nannten, eine große Rolle gespielt hätte.
Selbst an Samstagabenden oder Feiertagen war es im „Bilidowcar“, so das walisische Wort für Kormoran, dunkel, still und verschlafen.
Der Pub befand sich in einer Reihe von georgianischen Häusern hoch über der Kaimauer in einer ruhigen Straße und in großer Entfernung vom Schloss.
Eines Abends in den beschaulichen ersten Tagen des neuen Jahres kam eine Frau dorthin und bestellte einen Sherry in einem Walisisch, das zu geschliffen für diese Gegend klang. Sie setzte sich an einen Tisch am Fenster, als ob sie nie etwas anderes getan hätte. Sie lächelte, als sie eine Pause beim Trinken einlegte und hinaus über den Fluss schaute, der unten in der Dämmerung zur Meerenge floss. Als sie den Kopf zum Fenster wandte, wirkte sie auf eigenartige Weise wie ein Vogel, vielleicht ein Habicht, und vor dem orangefarbenen Abendglühen glich ihre gebogene Nase einem Schnabel, als hätte sie sich eine hohe Stelle gesucht, um nach Beute Ausschau zu halten.
Auch ihr Schal war wie Flügel um die Schultern drapiert. Ich überlegte mir, was sie wohl in diesen verlassenen Pub geführt haben mochte, doch bevor ich weitere Beobachtungen oder Vermutungen anstellen konnte, hatte sie das Glas geleert und war in die Nacht hinausgeflogen. Im Nachhinein versuchte ich, ihr Alter zu schätzen. Vor meinem inneren Auge konnte ich noch immer ihr drahtiges, graues, schlicht nach hinten gebundenes Haar sehen, das sie wie Federn umwehte, als sie durch die Tür schritt.
An den Abenden darauf kam sie wieder und saß jedes Mal an ihrem Tisch am Fenster, lauschte den leisen Glocken der Boote, die unten auf den Wellen schaukelten, und den Schreien der Austernfischer und Mäwen, bevor sich die Vägel schlafen legten. Eines Abends war ihr Tisch schon besetzt. Ihr Blick bekam kurz etwas Habichtartiges, bevor sich ihre Miene glättete und sie sich an die Bar setzte.
Erst als ich sie nun von Nahem betrachtete, nahm ich die Fältchen auf ihrem Gesicht wahr und wie fein ihre grauen Haarsträhnen waren, die sie so sorgfältig zurückgesteckt hatte. Am deutlichsten zeichneten sich ihre Falten um die Augen herum ab, wo ihr Lächeln Spuren hinterlassen hatte. Und doch brauchte ich eine Weile, bevor ich den
Mut aufbrachte, sie anzusprechen.
Sie lächelte. Sie war froh, dass ich die Stille gebrochen hatte.
Im Lauf der Jahre war sie häufig nach Wales gekommen und fand es in dieser Stadt am schänsten, wo die Menschen vom Salz beherrscht waren und an jeder Ecke ein walisisches Schimpfwort fiel. Ursprünglich stammte sie aus der Gegend um Toulouse. Sie war hierhergekommen, um über einen unserer Dichter zu promovieren, hatte die Sprache gelernt und war dem Land verfallen, wie es manchmal Menschen geschieht, die mit keinem anderen Ort recht verbunden sind. Wales, sagte sie, fasziniere sie seit Jahrzehnten, und hin und wieder ziehe es sie hierher zurück, dann fliege sie, einer Gewohnheit folgend, die sie als Instinkt bezeichnen würde, vom europäischen Festland hierher.
Wir sprachen über die Werke des Dichters, die sie kannte und studiert hatte. Eines Abends wagte ich mich an ihren Stammtisch am Fenster, und weil kaum etwas los war, erlaubte mir Steven, der Besitzer des „Kormoran“, mich zu ihr zu setzen, solange ich mich von Zeit zu Zeit um die anderen Gäste kümmerte. Staunend lauschte ich ihren Erzählungen davon, wie sie den Dichter in seinem Haus nahe unserer Stadt besucht und wie herzlich man sie dort immer wieder aufgenommen hatte.
Ein oder zwei Jahre nach dem Abschluss ihres Studiums hatte der Dichter darauf bestanden, dass sie bei ihm und seiner Frau vorbeischaute. Die beiden vermissten sie schrecklich, schrieb er in seinem Brief, und sie müsse den Sommer bei ihnen verbringen. Sie versetzte dem Dichter einen ziemlichen Schock, als sie fragte, ob sie ihren Verlobten mitbringen dürfe. Der Dichter war sofort einverstanden, aber er empfing sie und ihren Verlobten Arnaud ein wenig kühler als sonst.
Als der Sommer zu Ende ging, brachten die beiden es kaum übers Herz abzureisen, und in einem plätzlichen Anfall von †bermut beschlossen sie, noch im selben Monat zurückzukommen. Ihre Eltern gerieten in Rage,
als sie von dem Plan erfuhren, aber das Paar konnte sich von Arnauds Eltern ein bisschen Geld leihen und eräffnete damit ein winziges Restaurant in dieser Straße, ein paar Häuser neben dem „Bilidowcar“.
Ihr Lächeln breitete sich Falte um Falte auf ihrem Gesicht aus.
Ich wollte unbedingt mehr erfahren, doch urplätzlich war es Zeit für die letzte Runde, und am darauffolgenden Morgen würde sie nach Paris zurückkehren. Ich fragte sie nach ihrem Namen: Eloïse Bertrand.
Als die Bar schloss, wünschte ich ihr eine gute Heimreise, und sie sagte, wenn sie in ein oder zwei Jahren wieder nach Wales und in diese Stadt komme, werde sie gern wieder einen Sherry bei mir bestellen.
Doch keiner von uns glaubte so recht an ein Wiedersehen.
***
Das war fast ein Jahrzehnt her, damals, als ich noch abends im „Kormoran“ bediente und tagsüber zur Schule ging. Ob ich wohl immer noch dort arbeiten würde, wenn ich nicht weggezogen wäre? Den Laden mittlerweile führen, ärmer, beschäftigter, glücklicher vielleicht?
Der Wind peitschte mir die Gischt ins Gesicht, und ich lief den Strand hinauf zur schützenden Ufermauer. Draußen im Schlamm sah ich jemanden gebückt nach Muscheln suchen. Ich konnte nur die Umrisse erkennen. Als er sich aufrichtete, um sich einen Moment auszuruhen, stand er sehr still, und durch den schmalen Schatten seiner Beine auf dem Boden wirkte er wie ein Reiher, der auf seine Gelegenheit wartete.
Je länger ich von zu Hause fort war, umso äfter wiederholte ich bestimmte Rituale, wenn ich hier überwinterte, als ob ich dadurch meine abrupt beendete Jugend wiederauferstehen lassen kännte. Ich traf mich mit alten Freunden, trank in unseren ehemaligen Stammkneipen.
Und eines der Rituale bestand darin, allein in der Forydbucht spazieren zu gehen. Das wollte ich unbedingt noch vor meiner Rückkehr in den Süden erledigen.
Ich ging in Richtung einer Salzwiese, die zur Meerenge mäandrierte. Die Wassersträme umschlossen kleine Inselchen, auf denen Schilf und Zwergseegras wuchsen. Normalerweise beobachtete ich die Foryd Fach von der anderen Seite der Bucht aus, vermied es dabei sorgfältig, auf die benutzten Kondome im Beobachtungsstand zu treten, und äffnete die Luke, um die Vägel in der Ferne zu erspähen. Doch dieses Mal wollte ich unbedingt näher heran, ihr Gefilde betreten, und daher hatte ich diesen Weg zur Landzunge eingeschlagen und dabei vermutlich unbefugt Ackerland betreten.
Ich hätte mir natürlich ebenso gut wünschen kännen, selbst ein Vogel zu sein: Aber ich war keiner, und meine ungelenken Spuren im Matsch zeugten davon. Ich hatte Angst, auszurutschen oder in eine Schlammlache zu treten oder vielleicht sogar auf ein Nest voller Eier am Boden. Vägel konnte ich nirgendwo entdecken. Ich sah einen großen Stein an der Hecke und setzte mich darauf, weil ich nicht wusste, ob ich mich weiter in das Sumpfgebiet hinauswagen oder mich in die Wärme des Autos flüchten sollte. Ich konnte sehen, wie hinter der Bucht Wolken aus Irland und Anglesey aufzogen.
Dann blitzten etwas Schwarz-Weißes und ein orangefarbener Funken auf. Es war ein Austernfischerweibchen, das mich mit roten Augen anblickte.
Ich rief es, aber es wandte sich ab und schaute auf die Meerenge.
Ich rief es noch einmal, und da erhob es sich, breitete die Flügel aus und stieg hoch. Es beschrieb langsam einen Kreis in der Luft und landete ein paar Meter näher zu mir. Es schaute mich direkt an und hielt den Kopf dabei schräg. Als Kind hatte ich von Vägeln, die sprechen, und Menschen, die sich mit ihnen unterhalten konnten, gelesen. „Warum liegt ein solches Verlangen in deinem Schrei? Wen vermisst du?“ Der Vogel blickte mich unverwandt an. „Nistest du nicht jedes Jahr mit demselben Partner und kehrst getreu zu ihm zurück?“
„Oder hast du Heimweh?“, forschte ich weiter. „Sehnst du dich nach einem bestimmten Ort?“, und ich konnte in den roten Augen des Tieres erkennen, dass ich damit der Wahrheit näher kam. Aber es antwortete mir nicht, sondern erhob sich einfach nur wieder und flog langsam im Kreis, bevor es zur anderen Seite der Bucht entschwand, wohin ich ihm nicht folgen konnte.
***
Im Jahr darauf sah ich Eloïse nicht, denn ich war schon in den Süden gezogen. Im zweiten Studienjahr wurde das Geld knapp, und Steven war einverstanden, dass ich Weihnachten und Ostern wieder im Pub bediente, und was im Sommer werden würde, müsse er sehen. An einem kalten Januarabend in der letzten Woche, bevor ich zurück zu den Prüfungen musste, tauchte Eloïse wieder auf, mit ihrem Lächeln auf den Lippen und dem Schal wie Flügel um die Schultern.
Nach unserem Gespräch zwei Jahre zuvor hatte ich meinen Vater nach dem kleinen franzäsischen Bistro gefragt, das Eloïse und Arnaud betrieben hatten. Obwohl er selbst nie da gewesen war, konnte sich mein Vater schwach an das CafŽ erinnern. Die Stadtbewohner waren an italienische Einwanderer gewähnt, und an warmen Samstagnachmittagen strämten
alle zur Eisdiele auf dem großen Platz. Aber ein franzäsisches Paar, noch dazu ein Unverheiratetes, das in der Stadt ein Bistro führte, war eine ziemliche Sensation.
„Nun ja, nicht jeder war gewillt, einen Fuß über unsere Schwelle zu setzen, obwohl das Essen sehr gut war“, antwortete Eloïse schelmisch, als ich ihr davon berichtete. „Aber wir waren glücklich, sehr glücklich. Wir standen im Morgengrauen auf und gingen auf den Markt,
und dann schufteten wir den ganzen Tag. Ich servierte, Arn kochte, und am Ende hatten wir auch ein paar Angestellte. Doch ich fand es am schänsten, wenn wir beide allein waren. Wir fielen ins Bett über dem Bistro, verschwitzt, nach Knoblauch riechend und vällig erschäpft, aber zufrieden. Ich betrachtete den Mond über dem Schloss und die kleinen roten und grünen Lichter, die sich auf dem Wasser spiegelten, während er mir den Rücken streichelte. Dann liebte er mich, und wir lagen beisammen und warteten auf den Schrei der Mäwen und Austernfischer. Und wir waren dankbar, dass wir uns nicht mehr nach etwas sehnten, wie die Vägel. Wir hatten keine andere Heimat.“
Sie erzählte mir von den langen Nächten, die fast schon legendär geworden waren, wenn der Dichter und seine Freunde zum Essen kamen. Sie reservierten einen langen Tisch in der Mitte des kleinen Raumes, und wenn die anderen Gäste einer nach dem anderen allein oder zu zweit gegangen waren, hatten sie das Bistro für sich.
Dann ging es erst richtig los, Geschichten, Gedichte und Lieder wurden vorgetragen, und immer übergab sich jemand in der Ecke, weil er es nicht auf die Toilette schaffte.
„Montags hatten wir geschlossen und gingen spazieren, manchmal den Hügel hinauf über die Stadt, manchmal zu dem kleinen Turm auf der anderen Flussseite, zur Forydbucht, wo es nach fauligen Algen roch, oder zur Foryd Fach, wenn wir uns mit den Vägeln unterhalten wollten. Arnaud sagte neckend, meine Vogelsprache sei besser als mein Walisisch ... Er konnte natürlich kein Walisisch und wusste auch nicht, wozu er es lernen sollte. Ich war es ja, die einkaufen ging, mit den Gästen redete und bediente. Er stand immer nur in der Küche.“ Dann, eher zu sich selbst als zu mir: „Häckerschwan, Seidenreiher, Brandente, Austernfischer und Brachvogel. Und andere Vogelarten
im Winter. Sandregenpfeifer, Steinwälzer und Rotschenkel im Sommer. Und hin und wieder einen Kiebitz, wenn man Glück hatte. In der Ferne an der Mündung der Bucht Schwärme von Pfeifenenten, die hier überwinterten.“
Arnaud, fuhr sie fort, musste aus gesundheitlichen Gründen am Ende des dritten Jahres nach Frankreich zurück. Und sie folgte ihm im Frühling darauf, nachdem sie alles mit dem Vermieter geregelt und sich von dem einen oder anderen verabschiedet hatte. Wieder ließ Eloïse den Blick aus dem Fenster schweifen, an den Booten unten auf dem Fluss vorbei zu den Bäumen auf dem Hügel gegenüber und weiter bis zu den Bergen.
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An der Spitze der Landzunge frischte der Wind jetzt auf, und der Berg Eifl hatte sich in der Ferne bereits zugezogen. Seit der Austernfischer zur Bucht geflogen war, hatte ich reglos dagesessen und begann nun zu frieren. Dann erblickte ich auf einem der Inselchen vor mir ein Büschel Schlickgras, das sich entgegengesetzt zu all den anderen Büscheln bewegte. Bei näherer Betrachtung sah ich das gesprenkelte Muster des Brachvogels, den ich sofort an seinem langen Schnabel erkannte. Er wühlte im Schlamm zu seinen Füßen nach einem Wurm oder einem schmackhaften Krebs.
Ich fragte ihn, woher er gekommen sei. Aus Skandinavien, Schottland oder womäglich aus Sibirien? Ich wollte von ihm wissen, was ihn Jahr für Jahr in diese Gegend trieb. War an diesem Ort irgendetwas Besonderes? Oder war es einfach das Ritual der Rückkehr, das ihn beruhigte?
Der Wind musste meine Fragen davongetragen haben, oder vielleicht hatte ich auch meine Vogelsprache vergessen, denn er zog nicht einmal den Schnabel aus dem Schlamm. Schließlich hatte er die Suche satt und erhob sich in die Lüfte. Er sang beim Aufstieg, und daran, wie er rief, wie sich sein Ruf am Ufer brach und immer schwächer wurde, je weiter er davonflog, konnte ich die Entfernung ermessen, die nun wie die Gezeiten zwischen mir und meiner Kindheit lag.
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Im Lauf der Jahre unterhielt ich mich ein paarmal mit Eloïse, da es sie immer noch in unsere Stadt zog und da ich mir dank der Freundlichkeit von Steven immer noch im „Kormoran“ etwas dazuverdiente, obwohl das zunehmend seltener wurde. Sie war seit einigen Jahren verwitwet, lehrte an einer Universität in Paris und kümmerte sich dort um die Austauschstudenten. Sie berauschte sie an Verlaine und Rimbaud und Baudelaire. Und sie brachte ihren franzäsischen Studenten Wales durch †bersetzungen nahe, die gräßtenteils aus ihrer Feder stammten. Sie zeigte ihnen, was sie hier gelernt hatte, nämlich dass Sprache Ankommen und Aufbrechen bedeutet.
Einmal war eine Studentin wie besessen von Eloïse und folgte ihr überall hin auf dem Campus. Sie fing an, Eloïse Briefe zu schreiben, bis sie schließlich Eloïse’ Telefonnummer herausfand und sie daheim nachts anrief. Eloïse informierte natürlich sofort die Verwaltung, doch dort glaubte man ihr nicht. Die Studentin beschwerte sich über sie. Die Institutsleiterin hegte zwar Zweifel, stellte Eloïse jedoch vorsichtshalber vom Unterricht frei. Und weil sie Eloïse kannte, legte sie ihr nahe, an ihren Lieblingsort in Wales zu fahren. Eloïse kam direkt hierher.
„Wenn mir etwas Schlimmes widerfährt, häre ich Wales nach mir rufen“, sagte Eloïse ruhig und versähnlich.
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Kiebitze konnte ich nirgendwo ausmachen, obwohl ich mir einbildete, ihren Schrei aus der Ferne vernommen zu haben. Genau weiß ich es nicht. Es heißt, Kiebitze würden immer seltener und es gebe kaum noch einen Grund für sie, jedes Jahr zurückzukehren, da ihr Lebensraum zerstärt sei. Ich wollte weitergehen, doch in der Mitte des Weges entdeckte ich einen halben toten Vogel, wahrscheinlich eine Mäwe, der so deformiert war, dass ich nicht sagen konnte, was vorn und was hinten war. Darum verstreut lagen ein paar Knochenreste und Federn, aber Sehnen waren kaum noch erkennbar, und es stank auch nicht. Er musste schon seit Tagen hier liegen, doch es reichte, um mich zur Rückkehr zu bewegen.
Der Wind blies mir nun entgegen, und schließlich setzte der Regen ein und wurde zu Hagel. Ein Wetter zum Davonfliegen. Die Hagelkärner knallten mir auf Stirn und Ohren, und ich stellte den Kragen hoch und vergrub die Hände in den Taschen. Die Flut kam schnell; ich musste nun geschwind zwischen Ufermauer und Wellen laufen und versuchte, mein Gesicht vom Hagel abzuwenden. Der Muschelsammler war verschwunden.
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Danach begegnete ich Eloïse nur noch ein einziges Mal. Das war am Ende des Sommers, und es war mein letzter Abend hinter der Bar.
Im Jahr darauf hatte ich eine Festanstellung in meiner Universitätsstadt. Sie bestellte wie gewähnlich einen Sherry, aber ihr Lächeln war nun gedämpfter, die Falten in ihrem Gesicht hatten sich tiefer eingegraben, und die sorgfältig frisierten Haare waren weißer geworden. Sie sagte, sie freue sich, mich zu sehen, und bat mich, sich zu ihr an den Tisch am Fenster zu setzen.
Eine Weile unterhielten wir uns über dies und jenes. Der Dichter war kurz zuvor gestorben, und sie hatte seine Ehefrau kontaktiert, aber keine Antwort bekommen. Ich hatte Eloïse altersmäßig nie auf eine Stufe mit dem Dichter gestellt – sie erschien mir viel jünger als er –, aber tatsächlich lagen nicht mehr als fünf Jahre zwischen ihnen.
Sie fand, Wales sei einsamer ohne ihn, obwohl sie seit über einem Jahrzehnt nicht mehr mit ihm gesprochen hatte. Eine Zeit lang saßen wir schweigend, während draußen die Mäwen lärmten.
„Wenn mir etwas Schlimmes widerfährt, häre ich Wales nach mir rufen“, murmelte Eloïse plätzlich. „Und hier bin ich also wieder. Aber vielleicht kann ich den Ruf nicht mehr lang hären.“
Seit einiger Zeit schon hatte sie die Anzeichen bemerkt: Sie suchte nach ihrer Brille und stellte dann fest, dass sie säuberlich auf ihrem Schopf thronte; sie rief ihren Neffen an und vergaß dann den Grund dafür; am schlimmsten aber war wohl, dass sie am Ende des Satzes nicht mehr wusste, was sie hatte sagen wollen. Das war ihre gräßte Sorge, die Angst davor, nicht mehr sprechen zu kännen.
In diesen Zwischentänen hatte sie mir ihr Leben offenbart. Aus irgendeinem Grund konnte sie sich nur noch an ihre Aufenthalte in Wales genau erinnern. Es fiel ihr mittlerweile beinahe leichter, Walisisch zu sprechen als Franzäsisch. Sie behauptete, dass sie, wenn ich sie darum bäte, auch heute Abend noch alle Namen von denen aufzählen känne,
die vor Jahrzehnten an jenen berühmten Gelagen teilgenommen hatten.
„Dann bleib doch hier“, schlug ich vor. „Offensichtlich tut es dir gut.
Es wird sich doch einrichten lassen, oder?“
„Hm. Die Witwe wird mich nicht mehr bei sich aufnehmen. Und keiner begleitet mich. Es sei denn, du hast vor, hierher zurückzukommen, um dich um eine betagte Eule wie mich zu kümmern?“
Bei dieser scherzhaften Frage sah ich den Vorwurf in ihren alten Habichtaugen. Und dennoch konnte ich nicht glauben, dass dies unsere letzte Begegnung sein sollte. Sie hier anzutreffen war eines der Rituale meiner Heimkehr geworden. Sie gehärte zum †berwintern.
Wir redeten die ganze Nacht, und weder in ihrer Kärpersprache noch
in ihrem Verhalten, noch in ihrer Stimme oder ihren Habichtaugen nahm ich den leisesten Hinweis auf den dicken Nebel wahr, der sich über sie senken sollte. Ruhig verabschiedete ich mich von ihr, und ruhig sah ich zu, wie sie ihr Glas leerte und in die Nacht hinausflog. Vor meinem inneren Auge konnte ich noch immer ihr drahtiges, weißes, schlicht nach hinten gebundenes Haar sehen, das sie wie Federn umwehte,
als sie durch die Tür schritt.
***
Endlich gelangte ich zum Auto, aber ich war nass bis auf die Knochen.
Ich wechselte die Hose und fuhr näher an die Fußgängerbrücke heran. Ich überlegte, direkt nach Hause zu fahren, aber parkte dann doch das Auto an der Kaimauer. Es hatte keinen Sinn.
Ich entschied mich nicht für den „Bilidowcar“, sondern für einen Pub am Wasser mit poliertem Messing und Schmugglerlaternen über der Bar und kleinen Schiffen in Flaschen auf den Fenstersimsen, wo ich den Sonnenuntergang über der Meerenge verfolgen konnte, anstatt dass die Dunkelheit ohne Vorwarnung über den Bergen und Bäumen hereinbrach. Dort würde ich die Austernfischer nicht hären, nur die Mäwen, und dort, das wusste ich, würde ich ein paar Freunde aus Schulzeiten treffen und konnte mich in ihrer Gesellschaft hemmungslos betrinken, bevor ich das Auto am Morgen zurück in den Süden lenkte, zurück in den Frühling, wohl wissend, dass mit jedem gefahrenen Kilometer das Schuldgefühl und die Fremdheit von mir abfallen würden, während ich mich in die Lüfte erhob und davonflog.