Seit Tagen sehe ich auf den roten Bus. Wenn ich nachhause
komme, koche ich mir einen Kaffee, lehne mich ans Fenster
und beobachte den roten Bus, auf dessen Lenkrad manchmal
ein kleiner brauner Hund mit zottigem Fell schläft. Der Bus auf
dem Platz vor der Tankstelle gehört einem Mann, der offenbar
nirgendwohin gehört. Dem Augenschein nach ist er alt. Er
trägt ein braunes Jackett, schlingt sich den Schal eng um den
sehnigen Hals und verlässt aller zwei Stunden den Bus, um eine
Zigarette zu rauchen. Er wartet an der Seitentür auf seinen in den
Pfützen umher tapsenden Hund, zieht den Rauch ein, sieht nach
oben in den Himmel und ist tief beeindruckt von dem flimmerndvioletten
Abendlicht. Ungewöhnlich lange steht er da und sieht
nach oben. Manchmal spielt er mit sich selbst Boule, indem er
alle Kugeln alleine wirft. Allerdings stören ihn dabei die Wagen,
die aus der Tankstelle herausfahren. Wenn sie hupen, reißt er
lächelnd die Arme hoch, als wolle er sich ergeben.
Das Kennzeichen des Buses stammt aus einer kleinen Stadt in
Mitteldeutschland. Ich kenne diese Stadt. Ich habe dort einmal
ein Buch gekauft, es war “Onkelchens Traum” von Dostojewski.
Auf der Durchreise im Winter entdeckte ich in der Auslage
des Ladens das Buch, ich weiß es noch genau. Außer einem
palastartigen Gebäude, dem Namen des Dichters und dem
Namen des Buches war nichts weiter darauf zu sehen. Ich las das
Buch in einer Nacht und ich fand, es war ein ausgezeichnetes
Buch über einen sonderbaren Menschen. Daher habe ich mich
entschlossen, den Mann, der vor dem Bus so genüsslich seine
Zigaretten raucht, Onkelchen zu nennen. Ich sehe hinunter und
sage mir, ah, Onkelchen raucht wieder oder, ach, Onkelchen
streichelt wieder seinen Hund. Oder ich denke: wann wird wohl
Onkelchen mit seinem Bus verschwinden. Gestern habe ich
sogar einmal das Fenster geöffnet, um ihn zu fotografieren. Er
sah kurz nach oben und winkte mir zu. Ich bin sofort ins Zimmer
zurückgetreten. Nicht dass ich Angst vor einer Bekanntschaft
gehabt hätte, aber dieses Winken brach aus dem Mann hervor
wie eine herausfordernde Geste. Als ob er sagen wollte: was
machen Sie da, geben Sie Auskunft. Ich war demnach mit dem
Fotografieren eindeutig zu weit gegangen.
Bald wird er wieder verschwinden. Das ist einer, der über Land
zieht. Jedenfalls stelle ich mir vor, dass er Zeit hat, zu reisen.
Kann man das aber reisen nennen? Und warum kommt er in
unsere Stadt? Gewiss, es gibt hier einen herrlichen Fluss, ein
Museum mit einem Nationaldenkmal (ein Gemälde, das eine
Schlacht im Wald zeigt, Kämpfer mit silbernen Helmen, Gesichter,
die vor Erschöpfung kaum noch die Augen aufhalten können,
und langsam zu Boden sinkende Pferde). Man kann eine alte
Backsteinkirche besichtigen, auf deren Altar ein breites Kreuz
steht, das wie aus einer Pfanne herausgeschnitten zu sein
scheint. Aber sind das ausreichende Gründe? Ich wollte immer
gern in einer anderen Stadt leben. Zum Beispiel in Rom. Oder
in Madrid. Auch die Stadt Prag mit ihrer schwebenden Burg
über der Moldau hätte mir gefallen. Stattdessen lebe ich hier, in
einem gut ausgeleuchteten, sauberen Zimmer mit Schreibtisch,
auf dem sich ein flacher, zusammenklappbarer Computer
befindet. Ich koche gern Nudeln, trinke viel Kaffee, lese gern
stundenlang und schreibe eine Menge Briefe mit dem Computer.
Meistens enthalten diese Briefe Mitteilungen aus meinem Tag.
Dabei erzähle ich nicht so viel von mir, mehr von den Dingen,
die ich sehe. Aus diesem Grund kennen mittlerweile eine Menge
Leute Onkelchen, der in einem roten Bus lebt. Ich bin geradezu
neugierig auf alles, was er macht. Und ich stelle mir vor, wie er
weiter reist in eine der Städte, die ich bewundere.
Heute kam Onkelchen mit einem blauen Plastiksack
anmarschiert; darin steckten zwei Bretter. Zum Glück hatte ich
schon am Nachmittag frei, denn so konnte ich sehen, wie er in
der zaghaften Frühlingssonne die Bretter zersägte. Das Zersägen
zog sich hin. Ich ging in die Küche und kochte mir Nudeln. Ich
zündete mir eine Zigarette an und las in einer Zeitschrift die
Nachricht, dass die Stadt, in der ich geboren wurde, eine Menge
Schulden hat. So stand es da. Ich fragte mich, ob man aus
diesem Satz folgern konnte, dass eine Stadt wie ein Mensch
sei. Sie wacht, sie schläft, sie macht Schulden, sie streckt sich
aus, sie bückt sich und sie geht spazieren, eben dann, wenn
man an sie denkt. Das waren natürlich ganz kindliche Gedanken,
aber vor dem Topf mit den heißen Nudeln sitzend, gefiel es mir,
solche Gedanken zu haben. Als ich mein Essen beendet hatte,
trat ich wieder an das Fenster. Der Mann hatte nun eines der
Bretter zu einer kleinen Tischplatte zurechtgesägt. Das andere
Brett lag wie ein nutzloses Stück Abfall neben den Vorderreifen
des Bus’. Auf die Platte, die er nun auf seinen Knien hielt, legte
er ein Blatt Papier, er zog einen Bleistift aus seinem Jackett und
begann zu zeichnen. Freilich konnte ich nicht erkennen, was er da
zeichnete. Ich sah nur, wie er sich ab und zu den Nacken kratzte,
eine Zigarette rauchte und sich auf das Brett stützte. In dieser
Jahreszeit war es fraglos viel zu kalt für solche Beschäftigungen
im Freien. Nach einer halben Stunde stand Onkelchen auf,
verstaute das Brett unter dem Bus, und verschwand im Inneren
des Gefährts. Ich legte mich auf die Couch, döste ein wenig
vor mich hin und fragte mich, was er da gezeichnet hatte. Die
Tankstelle, den Platz, das Haus oder ein Bild aus der Phantasie,
eine Erinnerung? Wahrscheinlich letzteres, da er nicht ein einziges
Mal aufgesehen hatte. Schließlich schlief ich ein; ich träumte
wirres Zeug. Ein Tier wurde mir geschenkt. Es erinnerte mich an
einen Koala, war aber kein solches Tier, sondern vielmehr eine
Mischung aus einem Koala und einem Hund oder einer Katze.
Jedenfalls war das Fell des Tieres sehr weich, ein hellgraues,
zartes Fell, das sanft durch die Finger glitt. Ich streichelte das
Tier, schmiegte es an meine Brust und plötzlich wurde mir von
einer Hand ein Messer gereicht. Das zitternde Wesen sollte
geschoren werden. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, denn
ich hatte Angst davor, die warme pulsierende Haut zu verletzen.
Es war aber ein Drängen aus der Richtung der Hand, ich solle
endlich mit der Schur beginnen. Schließlich ließ ich das Tier fallen
und erwachte mit einem komischen Gefühl im Magen. Draußen
war es dunkel. Ich ärgerte mich, weil ich das Dämmerungslicht
verpasst hatte. Wahrscheinlich lag es an dem Unwohlsein, dass
ich beschloss, noch einmal nach draußen zu gehen.
Auf dem Parkplatz warfen die Bogenlampen ihre Kreislichter
auf den Platz. Die Luft war angenehm mild, versehen mit einem
nächtlichen Geruch nach Frühling. Durch die Frontscheibe
des Buses versuchte ich den Hund zu erspähen, der meistens
zu bellen begann, wenn sich jemand dem Fahrzeug näherte.
Diesmal blieb alles ruhig. Ich erinnerte mich, dass Onkelchen
ein eigenes System mit dem Hund hatte. Wenn er nur kurz in
die Stadt ging, blieb der Hund im Bus. Machte er sich zu einem
längeren Gang auf, nahm er ihn mit. Ich weiß nicht mehr, warum
ich nun die Hand auf den Türgriff legte, um zu prüfen, ob der Bus
verschlossen war. Als ich merkte, dass die Tür nachgab, ergriff
mich ungeheure Neugierde.
Es roch in der Fahrerkabine nach Nelken und Bier. Statt der
Sitze im Fond war eine Couch zu sehen, auf der Zeitungen,
Nägel, Zangen und Scheren lagen. Die Fensterscheiben
waren mit grünen Vorhängen verdeckt. Im Mittelgang lagen
zerdrückte Gummibälle herum, offenbar Spielzeug für den Hund.
Trotz der Unordnung hatte die Einrichtung des Buses etwas
Überschaubares.
Durch die Ritzen der Vorhänge drang das Licht der Bogenlampen.
Ich entdeckte das Brett. Es lag auf einem Stuhl neben einem
Schränkchen. Die Krümel des Radiergummis waren wie winzige
Brotreste auf dem Holz verstreut. Ich hob das Brett an in der
Hoffnung, darunter würde sich das Papier mit Onkelchens
Zeichenkünsten befinden. Was würde geschehen, wenn der
Mann unvermittelt eintreten würde. Hätte der struppige Hund
gar die Kraft mich zu verletzen? Zugleich dachte ich, dass für
den Fall bereits genügend Rechtfertigungen in meinem Kopf
herumkreisten. Immerhin war nicht einmal sicher, ob Onkelchen
überhaupt die Erlaubnis hatte, hier mit dem Bus zu stehen. In
unseren Zeiten ist alles Unbeaufsichtigte eine potentielle Quelle
von Gefahren. Anteilnahme an den Dingen kann daher keinesfalls
in einen Vorwurf umgedreht werden. Ich öffnete das Schränkchen.
Bücher und Zeitschriften fielen mir entgegen, darunter alte
Ausgaben von Frauenmagazinen aus dem Jahre 1986. Sogar ein
paar Kugelschreiber purzelten auf den Teppichbelag. Im obersten
Fach lag eine schwarze Mappe. Ich erinnerte mich, während
Onkelchens künstlerischer Sitzung im Freien diese Mappe
gesehen zu haben. In der Mappe lag nur ein einziges
welliges Blatt.
Da es zu dunkel war, um die feinen, verwischten Linien und
Umrisse der Zeichnung genau zu erkennen, zog ich einen der
Fenstervorhänge zurück und betrachtete das Blatt im Licht der
Bogenlampen. Was für einen verschwommenen Zeichenstil
hatte Onkelchen bloß! Dichtes Gebüsch, die Andeutung einer
Plakatsäule, zwei Bäume, parkende Wagen, dahinter ein Haus,
vier Stockwerke hoch, überall Schraffuren, eine Art Nebel, als ob
es früher Abend sei. In einem der Fenster, im dritten Stockwerk,
war ein Mann zu sehen, vielmehr der schwarze schmale
Schemen eines Mannes. Er lehnte an der einen Fensterhälfte,
den Kopf angestrengt nach vorn geneigt. Die Gardine schien er
leicht mit den Händen zurückzuziehen. Die Wohnung hinter ihm
war hell erleuchtet, so dass seine Gestalt noch merkwürdiger
hervortrat. Fast schien es, als wäre er mit einer Schulter am
Fenster festgewachsen. Je genauer ich mir das Bild ansah,
desto unabweisbarer stand mir die Tatsache vor Augen, dass
Onkelchen ein Portrait von mir angefertigt hatte.
Ohne Zweifel: Meine Wohnung liegt im dritten Stock, ich
lehne mich gern an eine Fensterseite und ich beobachte
leidenschaftlich, was um mich herum vorgeht. Aber so ein
unheimlicher, dunkler Strich bin ich unter keinen Umständen!
Am unteren Bildrand waren noch ein paar winzige Buchstaben
hingekritzelt. Ich dachte zuerst, es handle sich um seine
Unterschrift. In Wirklichkeit stand dort aber das Wort “Monster”.
Nichts weiter. Nur dieses Wort.
Ich wurde nervös. Auf was bezog sich das? Außer der Gestalt
im Fenster war kein anderes Lebewesen zu sehen. Hatte sich
Onkelchen selbst diesen Namen gegeben oder war es vielmehr
so, dass er mich als Monster bezeichnete? Ich sah auf den Platz
hinaus. Nichts rührte sich. Nur eine der Leuchtreklamen an der
Tankstelle war ausgefallen. Mich überkam eine sonderbare Wut.
Was fiel dem Mann ein, von mir solche Zeichnungen zu machen.
Wie stark musste sich ihm mein Umriss im Fenster eingeprägt
haben, dass er das Gesehene, wenn auch freilich verzerrt, so
wiedergeben konnte. Ich feuchtete meinen Daumen an und
verwischte langsam das Wort Monster. Es war ein Genuss.
Aus den Buchstaben formte sich unter meinen reibenden
Daumenbewegungen eine kleine, schmutzig-graue Wolke, die nun
wie ein in Nebel gehülltes Schiff am Bildrand entlang segelte.
Ich stopfte rasch das Blatt wieder in die Mappe, kramte die
Zeitungen zusammen, verstaute alles in dem Schränkchen und
verließ den Bus.
Auf dem Weg in meine Wohnung überkam mich ein leichter
Schwindel. Noch nie in meinem Leben hatte ich in den Sachen
eines anderen Menschen gewühlt und geschnüffelt. Nicht zu
fassen, ein alter Mann und ein roter Bus hatten dieses Verhalten
hervorrufen! Ich ging in die Küche und trank einen Schnaps. Die
Flasche stand seit einem Jahr unangerührt im Kühlschrank.
Seitdem ist genau eine Stunde vergangen.
Nun sitze ich hier an meinem Schreibtisch und bin einigermaßen
beunruhigt. Vor wenigen Augenblicken habe ich gehört, wie
die Tür des Buses mit lautem Knall zugeschlagen wurde. Ich
wage nicht, ans Fenster zu gehen. Weniger, weil der Alte mich
dann entdecken und mir drohen könnte. Vielmehr fürchte
ich mich davor, wieder derjenige zu werden, den ich auf der
Zeichnung gesehen habe. Jener komische Schatten in einem hell
erleuchteten Fenster im dritten Stockwerk eines Hauses neben
einer ausladenden Tankstelle, die seit zwei Jahren den Bezirk
verschandelt. Was für ein Glück: der Motor springt an! Die Reifen
knirschen über den Kies der Ausfahrt. Ich höre es! Onkelchen
fährt weg. Was für ein plötzliches Geschenk, es ist kaum zu
glauben.