„Ich verstehe einfach nicht, wie dir sowas gefallen kann. Und
bestimmt nicht, weil Du ein Mädchen bist und das Spielsachen
für Jungs sind, ist das klar? Du stehst eben auf Jungssachen,
aber das habe ich dir nie zum Vorwurf gemacht ... nur diesmal
finde ich es schrecklich. Ich verstehe einfach nicht, wie dir sowas
gefallen kann.“
Irene tippelte mit schnellen Schritten neben ihrer Mutter her.
Am Ende hatte sie ihre Bitte ohne Umschweife vorgebracht, und
sie hatte weniger Mut gebraucht als sonst, weniger Hartnäckigkeit
als sonst, um das Ding tatsächlich zu kriegen.
Gesehen hatte sie es am Tag zuvor, auf dem Flur vor dem
Klassenzimmer der Fünften. Der kleine Junge weinte, während
er mit der rechten Hand eines bearbeitete. Durch den Druck
verformte es sich und sonderte eine klebrige, phosphoreszierende
Flüssigkeit ab. Es war genial.
„Wein nicht“, hatte Irene angesetzt, „du hast doch so ein tolles
Monster ...“
Beim Mittagessen hatte sie den Vorfall ihrer Mutter erzählt,
und die fand es gro.zügig und geradezu pädagogisch, wie ihre
Tochter versucht hatte, dem Kind die gute Seite an der Situation
zu zeigen.
Aber Irene dachte längst nicht mehr an das Kind. Was sie wirklich
interessierte, war das Monster. Am Anfang war sie nicht einmal
auf die Idee gekommen, dass sie selber vielleicht auch eines
kriegen könnte: In ihren Gedanken war es in ein traumhaftes Licht
getaucht, das mit den realen Möglichkeiten wenig zu tun hatte.
In ihren Gedanken war es einfach nur genial. Es war
megagalaktisch. Wenn man es quetschte, traten die Augen aus
den Höhlen, und sobald man es losließ, flutschten sie wieder
zurück. Außerdem war es zu grün für ein irdisches Wesen. Und
die schleimige Flüssigkeit zu phosphoreszierend für Blut.
Ihre Mutter hatte sie missverstanden und ihr damit gezeigt, in
welche Richtung ihr nächster Schritt gehen musste. Sie hatte
gesagt: „Das hast du dir wohl in den Kopf gesetzt? Denk bloß
nicht, ich kaufe dir alles, was du haben willst: Damit verzieht
man euch nur, und wenn die anderen Mütter das so machen,
interessiert mich das noch lange nicht, verstanden?“
Und ob Irene verstanden hatte: Ihr war klargeworden, dass sie
sehr wohl auch so ein Ding kriegen konnte, selbst wenn das auf
lange Sicht ihre gute Erziehung ruinieren würde.
Am Nachmittag ballte sich ihre rechte Hand immer wieder
langsam zur Faust, ohne dass sie dies, in ihre Gedanken vertieft,
bemerkt hätte. Der kleine Junge hatte ihr das Monster kurz
gegeben, hatte es aber nie ganz losgelassen, sondern immer
noch an einer Pfote festgehalten. Irene zog die anderen vier in
entgegengesetzte Richtungen, fasziniert von den Gelenken, die
sich dehnen ließen, bis sie durchsichtig wurden, ohne dass sie
jemals abrissen. Der Junge hatte aufgehört zu weinen.
„Das ist für Jungs“, hatte er erklärt, aber Irene ging nicht darauf
ein.
„Es ist einfach genial“, hatte sie erwidert und dabei wie ihre
Mutter mit dem Kopf genickt, dann war sie in ihr Klassenzimmer
zurückgekehrt.
Der Rest des Tages war irgendwie vorbeigegangen, bis es dann
zur Abendessenszeit direkt vor den Nachrichten in der Werbung
gekommen war.
„Mach aus“, hatte die Mutter gesagt, „beim Essen schaut man
nicht fern.“
Der Vater hatte ausgeschaltet und bemerkt, dass Irene vor
Aufregung ganz rote Backen bekommen hatte.
„Papa, es ist in den Pausensnacks drin.“
„Was denn?“
„Das Monster.“
Nun tippelte sie mit schnellen Schritten neben ihrer Mutter her.
„Du denkst natürlich, es ist gratis ... aber die Pausensnacks muss
ich dir immerhin kaufen ... wehe, sie schmecken dir nicht und du
lässt sie liegen.“
Jetzt waren sie zwar noch unterwegs und ihre Mutter spulte sich
auf, aber gleich würden sie in der Kaffeebar sein und Mamas
Freundin schon an der Kasse, um die beiden ersten Espresso des
Tages zu zahlen, und an der Wand in dem großen Schaufenster
die Pausensnacks, und in der Packung mit den Pausensnacks ihr
Monster. Ein gelbes, ein orangefarbenes oder ein grünes.
Beim Espresso war diese Woche Marika mit Zahlen dran.
Marika hieß Maria, aber das wusste nur ihre Mama, die eng mit
ihr befreundet war: Von den anderen Kollegen durfte es keiner
erfahren. Den Espresso tranken sie immer zusammen, dann
setzten sie Irene an der Schule ab und gingen ins Büro.
An diesem Morgen war Marika nervös: Anstatt wie sonst an
der Kasse oder an der Theke zu warten, stand sie am Eingang
der Bar und fuchtelte ungeduldig mit den Händen. Irgendetwas
stimmte nicht an diesem Morgen. Unter den Gästen herrschte
eine eigenartige Unruhe: der Mann hinter der Theke konzentrierte
sich nicht auf die Espressomaschine, sondern sah ständig zur
Tür, und der Mann an der Kasse schnaubte unverhohlen.
„Guten Tag, Giovanni: zwei Espresso. Seid ihr jetzt schon zu
einem Diebesnest geworden, Giovanni?“ Marika sprach mit
gedämpfter Stimme. Giovanni ebenso.
„Aber Frau Doktor, was sagen Sie da? Das hier sind Polizisten ...
eben nur in Zivil: Es sind Falken. Sie kümmern sich um die Fälle
von Handtaschenraub auf dem Gehweg gegenüber und müssen
sich auf die Lauer legen, weil sie die Kerle nur festnehmen
können, wenn sie sie auf frischer Tat ertappen, verstehen Sie?
Aber ausgerechnet mich müssen sie damit belästigen, unsere
Gäste sind schon ganz nervös.“
Irene begann sich ernsthaft um ihre Pläne zu sorgen.
„Mama, die Pausensnacks ...“
„Aber Irene, was sagst du da? Soll Marika die etwa bezahlen?
Giovanni, eine Packung Pausensnacks bitte, auf meine
Rechnung.“
„Oho, seit wann möchte das Fräulein denn am frühen Morgen
Pausensnacks?“
„Seit Monster drin sind ... ihr gefallen Spielsachen für Jungs.“
„Naja, Signora, ob Junge oder Mädchen, in dem Alter läuft das
aufs selbe hinaus.“
Doch Irene war in diesem Moment weder Junge noch Mädchen.
Sie war ein orangefarbenes Monster, das senkrecht an der Theke
der Bar hochkletterte, mit den Pfoten auf den nassen Marmor
klatschte, sich hinter der Zuckerdose versteckte, den Untertassen
auswich, runterfiel. Es rappelte sich wieder auf und reckte, mit
einer Pfote noch am Boden, den Kopf bis zum Knie ihrer Mama
hoch. Im Spiegel behielt es die Falken im Auge, die sich zwischen
der Toilettentür und der Kühltruhe mit dem Eis verschanzt hatten.
Aus den Augen spie es eine schleimige, phosphoreszierende
Flüssigkeit.
„Ich weiß ja nicht, aber für mich hat solches Spielzeug etwas
Gewalttätiges. Ich versteh das nicht: Man reißt und quetscht an
den Dingern herum ... alles Sachen, die man mit Puppen nicht
macht ...“
„Schon gut, Simo‘, jetzt übertreib mal nicht, mich haben Puppen
auch gelangweilt, ich hab immer mit Bauklötzen gespielt.“
„Eben, da sagst du es ja selber: Bauklötze sind kreativ, du musst
Regeln beachten, damit der Turm stehen bleibt, sie sind ... sie
sind ... pädagogisch wertvoll. Kannst du mir vielleicht erklären,
Marika, was an diesem Horror pädagogisch wertvoll sein soll?“
Gerade als sie die leeren Tassen auf den Untertassen abstellten,
schossen die Falken aus ihrem Versteck heraus und stürzten auf
die Straße.
Während auf dem Gehweg gegenüber gerade ein
Taschendiebstahl im Gange war, hatten die Falken den
Jugendlichen, der bei laufendem Motor in der Nähe der Bar auf
das Ende des Coups wartete, um gleich danach abdüsen zu
können, auch schon von seinem Moped heruntergezogen.
Nun zerrten sie ihn mit Gewalt über die Schwelle.
Der Dieb auf der anderen Straßenseite bemerkte die Gefahr und
versuchte noch, sich in eine Seitenstraße zu verdrücken, doch er
wurde von zwei weiteren Falken, die in einem anderen Versteck
postiert gewesen waren, festgenommen.
Der Mann an der Kasse schrie:
„Nicht hier rein, um Gottes willen, bloß nicht hier rein.“
Auch der Jugendliche, der anscheinend nicht begriff, was
vorging, schrie:
„Ich hab doch bloß auf meine Freundin gewartet, was habt ihr
denn gedacht ...“
Einer der Falken brachte ihn mit einem Faustschlag in die
Magengrube zum Schweigen, so dass er sich nun auf dem
Fußboden zusammenkrümmte.
Der Jugendliche gab keinen Laut von sich. Beim zweiten Versuch,
etwas zu sagen, hatten sie ihn ins Gesicht getreten, und während
seine Braue anschwoll, tropfte ihm dunkles Blut aus dem rechten
Nasenloch und von den Lippen. Nun drehte er das Gesicht dem
Inneren des Lokals zu, um sich mit dem Blick an irgendjemandem
festzuhalten. Bis zu diesem Moment waren die Gäste von dem
Schauspiel wie hypnotisiert gewesen, aber nun wandten sie sich
ab, auch ihre Mama und Marika; selbst der Mann hinter der Theke
beobachtete ihn nicht mehr, sondern wischte mit einem Tuch über
den Marmor und sagte dabei leise zu ihm:
„Du hältst jetzt besser den Mund, sonst geht‘s dir noch wie im
letzten Jahr.“
Nur Irene starrte ihn unverwandt an, beobachtete, wie Blut eines
irdischen Wesens Flecken auf seine Jacke machte, und verbarg
das orangefarbene Monster unter dem Revers ihres Mantels, um
es nicht zu erschrecken. „Schau bloß nicht hin“, sagte sie ganz
leise, „kannst du mir vielleicht erklären, was an diesem Horror
pädagogisch wertvoll sein soll?“