Neben dem Fenster, verdeckt mit Brettern, ist ein Loch in der Wand. Unregelmäßige Form, groß wie ein Käfer oder kaum größer. Eine Handvoll Sonnenstrahlen sickert durch das Loch und zeichnet eine Linie, die mit dem Verstreichen der Stunden tanzt und sich bewegt. Sie erleuchtet das wenige, das es zu erleuchten gibt. Schränke ohne Türen, das Skelett eines Feldbetts, einsam in einer Ecke.
Staub, viel Staub und Putzteilchen.
Unter dem rostigen Bettgestell, zugedeckt mit einer alten Decke, um nicht zu frieren, verstecken sich Ogi und Elma. Auf der Decke ist ein Eisbär mit schielenden Augen, sie hat Kaffee- und Schokoladeflecken.
(Sie verliert Federn.)
Die beiden flüstern. Sie wissen, wenn die Lichtlinie die Tür erreicht, können sie hinuntergehen und nach Essen fragen. Sie werden leise sein müssen, sich an der Wand die Treppe hinuntertasten, eine Stufe nach der anderen, denn sie dürften um nichts in der Welt hier sein.
Elma versucht, etwas in ihr Heft zu schreiben, klebt aus alten Zeitungen ausgeschnittene Figuren auf die linierten Seiten. Köpfe von Models, Brillen, die sie gerne tragen würde. Eine Torte.
Um zu sehen, was sie schreibt, muss sie eine kleine Taschenlampe anmachen, die ihr die Eltern geschenkt haben.
Morgen hat sie Geburtstag.
(Die Batterien in der Taschenlampe sind die letzten.)
Das Tagebuch führt sie, seit Alles angefangen hat, und es stehen schon drei Geburtstage und ein paar Weihnachten darin. Sie zeichnet alles auf. Schreibt, was sie macht und was sie sieht, wer sie besucht. Die Zahl der Schüsse. Wie oft sie sich versteckt, hier unten oder im Keller. Listen.
Die Freunde, die weggegangen sind: Amar, Amina, Ahmed. Faris. Ana, Naida, Petar. Mikac, genannt das Huhn. Darko. Die niedergebrannten Häuser in der Stadt: die Bibliothek, die Molkerei von Ogis Onkel, das Wäschegeschäft am Fluss. Die Schule. Wie ihr die Mutter fehlt: sehr, viel zu sehr, ich kann nicht mehr. Was sie ihr zu den Geburtstagen geschenkt haben: ein Shampoo und eine Handcreme. Die größte Orange, die sie je gesehen hat. Zwei Haarspangen und ein rot-schwarz gestreiftes T-Shirt. Siebenundsiebzig Küsse.
Sie hat sie gezählt. Die meisten vom Vater und von Ogi, von den Nachbarn, die vorbeikamen, um ihr alles Gute zu wünschen. Ein paar Schulfreunde.
(Seit Alles begonnen hat, sind es 9143.)
Ogi hingegen bekam an den letzten drei Geburtstagen: einen schwarzen Pullover ohne Kapuze und ein Heft, das er Elma geschenkt hat. Ein Poster von U2 und zwei Tischtennisschläger. Nur einen Ball.
Der Ball ging kaputt, als der Vater sich eines Tages daraufsetzte. Es tut mir leid, hat er gesagt, Ich werde versuchen, einen neuen aufzutreiben. Mach dir keine Sorgen, hat Ogi ihm geantwortet, ich konnte eh nie spielen.
Der Tischtennistisch steht im Hof, und dorthin kann er auch in der Nacht nicht gehen, wenn es bewölkt und so dunkel ist, dass nicht einmal die Sterne ausreichen. Einen schlechteren Ort für einen Hof könnte es gar nicht geben, und der Tisch steht genau dort, in der Mitte, blau, voller Löcher, durch die das Wasser rinnt, wenn es regnet.
Was wünschst du dir zum Geburtstag, fragt er Elma.
Dass wir wieder Licht haben, sagt sie. Und ein Fest.
Du machst die Taschenlampe besser aus, wenn du nicht willst, dass die Batterien leer werden.
Ein Klick, und im Zimmer ist nur mehr das Licht, das durch die Wand sickert.
Ogi spielt mit Gummiringen. Er hat ein ganzes Schächtelchen davon, in allen Größen und Farben. Er nimmt eines nach dem anderen heraus, legt es um eine Stiftkappe und spannt es mit Zeigefinger und Daumen der rechten Hand. Er zielt. Lässt los, und der Gummiring schnellt davon. Manchmal trifft er das Ziel, oft schießt er sogar richtig weit.
Er ist leise, so leise wie möglich.
Hör auf, sonst entdeckt er uns, sagt Elma.
(In Wirklichkeit würde sie es auch gerne versuchen.)
Ein Schuss. Ein plötzliches Pfeifen und dann wieder Stille. Sie hören jemanden, der draußen auf der Straße läuft. Das Geräusch einer zuschlagenden Tür. Dann noch ein Schuss.
Das muss der Blonde sein, sagt Elma und öffnet die Augen wieder.
Schon seit Monaten kann sie erkennen, wer den Abzug drückt. Sie weiß, wenn das Pfeifen gedämpft durch das Zimmer der Eltern kommt, ist es Sinisa, genannt der Bär. Wenn es aber direkt ins Haus zu dringen scheint, ist es der Blonde. Sie haben dort oben auf dem Hügel Stellung bezogen, unter demselben Baum, sie hat sie noch nie gesehen, weiß aber, dass sie dort sind. Alle wissen es.
Der dritte Schuss.
Sie halten den Atem an.
Wo würdest du das Fest machen wollen?
Vielleicht will ich es gar nicht mehr machen, antwortet Elma.
Beim vierten Schuss erkennen sie das Geräusch des Vaters, der aus dem Sessel aufsteht, dem einzigen, der noch im Haus ist. In ihm versunken, verbringt der Vater die Tage und betrachtet die Familienfotos an der Wand. So zugerichtet hat ihn der Blonde, an einem eiskalten Morgen im Vorjahr, als seine Frau aus dem Haus gegangen war, um das Hilfspaket zu holen. Verschiedene kleine Kartons und Reis. Seife. Eigentlich hätte er gehen müssen, aber er hatte sich in den Kopf gesetzt, alle Löcher im Haus zu reparieren.
Eine Handvoll Mut und ein bisschen Beton.
Er hatte sie fast alle zugemauert. Für ein paar Stunden hatte Licht gebrannt, dann war es wieder ausgefallen. Es hatte Granaten gehagelt und war still geworden. Elmas Mutter kam nicht mehr zurück, und seitdem okkupierte er den Sessel und stand nicht mehr auf.
Beim fünften Schuss beginnt er sie zu rufen, Elma, wo bist du, fragt er. Seine Stimme ist müde. Er geht hinunter, öffnet und schließt die Kellertür. Er findet sie nicht. Macht sich Sorgen.
Jetzt erwischt er uns, sagt sie.
Ja, sagt Ogi.
Als der Vater vor der Tür auftaucht, hallt der sechste Schuss durch die Luft. Näher als die anderen. Er geht hinter der Wand in Deckung, die beiden unter dem Bett umarmen sich.
Sie bleiben still, am Boden liegend, schauen sich an und warten, dass der Vater wütend wird.
Die Schüsse beginnen wieder, und er sagt nichts.
Die Brille ist ihm zu groß, rutscht ihm auf die Nase, und so schiebt er sie mit einer schnellen Handbewegung wieder nach oben.
(Er kaut an den Fingernägeln, das ist offensichtlich.)
Er legt sich auf den Boden und kriecht in ihre Richtung, während draußen die Schüsse immer häufiger werden. Der Fußboden ist kalt. Er legt sich zu ihnen, deckt sich ebenfalls mit der Decke zu. Schüsse.
Ihr dürftet nicht hier sein, sagt er.
Das wissen wir, sagt Ogi.
(Sie lächeln.)
Er passt nur mit Müh und Not unter das Bett. Das Gestell sticht ihm in den Rücken, krallt sich in sein Flanellhemd. Das hier ist das Verbotene Zimmer, das Böse Zimmer, das Dunkle Zimmer.
Seit wann seid ihr hier?
Den ganzen Tag.
Sie liegen da, und für einen Augenblick hören sie die Schüsse nicht mehr. Sie liegen da und schauen einander an. Ogi spielt weiter mit dem Gummiring, bis dieser davonschnalzt und ihn am Mund trifft, und er schreit, Au, und sie lachen.
Hast du dir wehgetan?
Ein bisschen, sagt er.
Es ist schon das zweite Mal, sagt Elma und lacht noch lauter.
So eng nebeneinander wärmen sie sich und stimmen ihren Atem, ihre Angst bei jedem Schuss aufeinander ab.
Machen wir doch etwas, sagt Elmas Vater.
Was?
Was habt ihr vorher gemacht?
Wir haben gewartet, sagt Elma.
Uns die Zeit vertrieben, fügt Ogi hinzu.
Wieder ein Schuss. Ganz nah. So nah, dass noch ein Loch entsteht und das Licht mehr wird, trotz des Staubs und der Putzteilchen. Ohne Unterbrechung. Man hört Schreie auf der Straße und in den Nachbarhäusern, dann Schüsse und wieder Schreie. Granaten.
(Die Härchen auf den Armen werden winzige Nadeln.)
Ich weiß was, sagt Elmas Vater.
Der Vater streckt die Hand aus und nimmt das Schächtelchen mit den Gummiringen, nimmt ein paar heraus.
Warum machen wir nicht den längsten Gummiring der Welt?
Stille.
Seit Alles angefangen hat, kommen Elmas Vater manchmal seltsame Ideen. Einmal hat er sich in den Kopf gesetzt, das tiefste Loch der Stadt zu bohren, ein andermal, immer weiterzulaufen, bis er sterben würde. So lang im einzigen Sessel zu sitzen, bis alles vorbei wäre.
Er setzte sich in den Kopf, einen Tunnel unter dem Haus zu graben, der aus der Stadt hinausführt. Einen Hubschrauber zu bauen. Eine Rakete.
Ja, machen wir den längsten Gummiring der Welt, wiederholt er.
Elma schaut ihn an, während er einen Gummiring in den Mund nimmt und entzweibeißt, dann macht er dasselbe mit einem anderen. Spuckt ein paar Stückchen aus. Meinst du das ernst, fragt sie, als er die beiden Teile zusammenknotet.
Er nickt. Ein Schuss und wieder ein Loch in der Wand. Staub und ein bisschen mehr Licht. Ogi und Elma schauen ihn an, er nimmt das Schächtelchen und gibt es ihnen, Kommt, sagt er, Nehmt eins und reißt es auseinander. Sie lächeln.
(Die Schüsse dauern an.)
Was er da macht, überzeugt sie nicht so ganz, wie sie da unter dem rostigen Bett liegen und draußen die Schüsse immer mehr, immer heftiger werden. Wozu, fragt Ogi, während Elmas Vater einen zu zerbeißen versucht, der widerspenstiger scheint als die anderen.
Wenn ich einen Grund finde, helft ihr mir dann, fragt er die beiden.
Kommt drauf an, sagt Elma.
Er reißt einen weiteren Gummiring entzwei. Den längsten Gummiring der Welt braucht man, um ihn um einen Menschen zu binden, sagt er. Und bindet den gerade auseinandergebissenen Gummiring an das Ende des anderen. Ein noch heftigerer Schuss schlägt in die Wand ein, und es ist Zeit für ein weiteres Loch.
Vielleicht sollten wir weggehen, sagt Ogi.
Du bindest ein Ende um den Bauch eines Menschen und das andere Ende um deinen, sagt Elmas Vater, Und dann gehst du so weit weg, wie du kannst, Kilometer um Kilometer. Durch die Stadt, die Berge, die Ebenen. Und wieder die Berge. Vorbei an Wäldern, Seen, und du gehst immer weiter und weiter. Ganz weit.
Er reißt einen Gummiring auseinander und redet weiter. Er sagt, Mit dem längsten Gummiring der Welt kannst du auch bis zur anderen Seite der Erdkugel gehen. Versteht ihr?
(Sie schauen ihn eine Zeitlang an und verstehen nicht allzu viel.)
Alle drei halten sich die Ohren zu, als die Schüsse von viel näher her zu kommen scheinen als gewöhnlich. Sobald sie enden, fährt Elmas Vater fort, die Gummiringe zu zerreißen.
Also, du gehst so weit, wie du nur kannst, sagt er, Sehr, sehr weit, gehst immer weiter. Du gehst so lang, bis du ganz vergisst, dass du einen Gummiring um den Bauch hast, der dich an einen anderen Menschen bindet, und du bist so weit weg und so lang gegangen, dass du gar nicht mehr weißt, an wen du gebunden bist. Du erinnerst dich nicht mehr an sein Gesicht und an den Grund, warum ihr aneinandergebunden seid. Ihr seid an einen Gummiring gebunden und an einen Menschen und erinnert euch nicht mal daran. Das ist absurd, was?
Elma nickt und lächelt ein wenig. Der Vater fährt fort.
In der Zwischenzeit fallen weitere Schüsse.
Dann hört ihr plötzlich einen Riss, es ist der Gummiring, der sich nicht mehr dehnen will. Er will nicht zusehen, wie du dich immer weiter von dem anderen Menschen entfernst, und er will nicht mehr der längste Gummiring der Welt sein.
Ogi nimmt einen Gummiring und reißt ihn entzwei, er reicht ihn Elmas Vater, der nun nichts mehr erzählt, weil es pausenlos Kugeln hagelt und auch er plötzlich eine seltsame Angst bekommt, er hat ein Herz, das wie ein Maschinengewehr rattert, und spürt die Kälte des Fußbodens nicht mehr. Er atmet.
Red weiter, sagt Elma.
Und er redet weiter.
So bringt euch der Gummiring plötzlich an den Ort zurück, von dem ihr weggegangen seid. Denn der Gummiring dehnt sich, aber früher oder später lässt die Spannung nach und ihr geht den ganzen Weg rückwärts, und ihr seht alles Gesehene wieder, und ihr geht all die Kilometer zurück, und ihr kommt immer näher und steht plötzlich vor dem Menschen, mit dem ihr die ganze Zeit verbunden wart, über den Gummiring, und ihr könnt gar nicht anders, als euch zu umarmen, ganz fest, denn der Gummiring ist so lang, dass er sich um euch gewunden hat. Er hat sich so verwickelt, dass es unmöglich ist, euch zu trennen, es ist unmöglich, verstehst du?
Elma und Ogi sind still. Sie streckt die Hand aus und nimmt einen Gummiring. Sie kann ihn nicht zerreißen, sooft sie es auch versucht. Sie nimmt ihn in den Mund, um ihn zu zerbeißen, nach und nach.
Versteht ihr? Ihr seht das Gesicht dieses Menschen wieder, nachdem ihr es schon vergessen hattet, nachdem ihr das ganze Leben nicht mehr an ihn gedacht habt, und ihr könnt euch nicht mehr von ihm trennen, und alles dank des Gummirings.
Elma ist still, beobachtet die Lichtlinie, aus der nun drei Linien geworden sind. Sie sieht den Staub im Gegenlicht. Es kommt ihr nicht einmal mehr kalt vor, so eng, wie sie beim Vater und bei Ogi liegt. Nach Hunderten Schüssen kommen von draußen nur mehr Schreie und das Geräusch von Sirenen.
Sie sagen nichts.
Er legt den Gummiring auf den Boden.
Und küsst Ogi auf den Kopf und küsst Elma auf die Wange.
(übersetzt von Julia Dengg)