In Berlin liegt Schnee. Er legt sich einfach überall hin und steht nie wieder
auf, wie ein faules Kind lümmelt er herum und ist zu nichts, rein gar
nichts nütze. Niemand verlangt von ihm, dass er endlich wieder aufsteht,
dass er etwas lernt, dass er es zu etwas bringt. Der Schnee liegt wie die
Markierung eines größenwahnsinnigen Hundes in jeder Straße. Die Stadt
gehört ihm. Ich kann dem angeblich schönen Weiß nichts abgewinnen,
und auch nicht dem Knirschen unter den Schuhen, dem Brechen der
dünnen oberen Schicht.
Ich gehe zum Bus, um zum Flughafen zu fahren. Ich hinterlasse meine
Spuren im Schnee, aber weil es weiter schneit, hinterlasse ich auch keine
Spuren. Meine Fußstapfen werden zugeweht und verschwinden. Kein
Grund, traurig zu sein oder zu heulen. Ich hab früher nie geheult. Ich habe
bei dem Film Casablanca geheult, aber erst beim zweiten Mal. Lange
Geschichte, aber der Weg zum Flughafen ist lang, lang genug für eine
lange Geschichte.
Ich habe Casablanca das erste Mal mit meiner Freundin gesehen, meiner
damaligen Freundin. Ina. Sie wollte den Film unbedingt mit mir zusammen
ansehen, obwohl sie ihn schon oft gesehen hatte, aber eben ohne mich,
vielleicht ja mit jedem Typ, mit dem sie vorher zusammen war. Aber
das machte mir nichts aus. Es gibt Sachen, die habe ich auch mit jeder
Freundin gemacht, küssen, über meine Schulzeit reden, rauchen.
Ina und ich sahen zusammengekuschelt den Film an, und siehe da: Er
war langweilig. Ina weinte am Ende, weil sie bei dem Film immer weint,
als wäre das ein Reflex, wie der im Knie, wo das Bein vorschnellt, wenn
man draufhämmert. Wenn man Ina mit dem Casablancahämmerchen
aufs Herz klopft, dann schnellen die Tränen vor. Ich hielt sie im Arm und
fand es schön. Dann schaute Ina mich mit ihren Tröpfeläuglein an, und
ich sagte, um die Stimmung zu lockern: “Na, wenn ich mal ein Visum
brauche, dann seh ich doch als erstes im Klavier nach!” Das war nicht der
Trennungsgrund, aber der Anfang vom Trennungsgrund. Ina war entsetzt,
als ich ihr sagte, ich würde nie heulen, oder flennen, wie Männer dazu
sagen, jedenfalls nicht weinen, wie Frauen dazu sagen. Ich sagte ihr, ich
hätte geheult, als ich eingeschult wurde, weil mein rechter Lackschuh
zu eng war, und dann hatte ich noch geheult, als mein erstes Auto
verschrottet wurde. Darin wollte Ina unbedingt eine völlige Unfähigkeit
für Gefühle sehen, emotionslos, unromantisch, verkopft sei ich, und so
jemand, sagte Ina, könne doch gar nicht lieben. Ich versicherte ihr, dass
ich sie liebe. Ich sagte: “Ich versichere dir, dass ich dich liebe!”, und sie
fand den Satz scheußlich.
“Aber ich habe dir doch gesagt, dass ich dich liebe und jetzt schon
wieder. Ich kann dir auch nochmal sagen, dass ich dich liebe, kein
Problem.”
Ina regte sich auf, weil “dass ich dich liebe” und “ich liebe dich” nicht
dasselbe wäre.
“Aber, dass ich dich liebe, ist doch die Hauptsache!”, fand ich.
“Dass ich dich liebe...”, wiederholte sie. “Du kannst es einfach nicht
sagen, wie?”
Dann schaute sie mich herausfordernd an. Ich hatte eigentlich gar keine
Lust mehr, es ihr zu sagen, aber ich tat es trotzdem. Ein Mann muss tun,
was ein Mann tun muss.
“Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich!”, leierte ich herunter. Damit
war sie auch nicht zufrieden. Ich kam mir vor wie bei einer Prüfung, in
der die Aufgabenstellung völlig unklar ist. Lösen Sie irgendeine Aufgabe,
nennen Sie irgendwelche Stichpunkte, rechnen Sie irgendwas aus.
“Ich liebe dich. Bumms, aus die Maus!”, sagte ich. Ina war verärgert
und blieb es auch. Sie stichelte bei jeder Gelegenheit wegen meiner
fehlenden Romantik herum. Ich sei gefühlsbehindert, emotionshinkend
und romantikblind. Sie packte bei Freunden das Thema aus und knallte
es gut sichtbar auf den Tisch, wenn wir Raclett machten: “Jaja, der Mann,
der wegen einem verschrotteten Auto weint...”. Als hätte ich geweint, ich
hab geheult wie’n Kerl.
Eigentlich hätte ich mit ihr streiten müssen, aber ich wollte lieber glücklich
mit ihr sein. Ich hätte ja sagen können: “Jaja, die Frau, die wegen jedem
Scheiß rumflennt...”, aber ich ließ es. Stattdessen überlegte ich, wie
ich Ina davon überzeugen konnte, dass ich doch romantisch sei, total
empfindsam, aber hallo, der totale Schlaffi. Da ich all das gar nicht
war, hieß das eigentlich, dass ich meine Freundin belügen wollte, aber
auf jeden Fall wollte ich sie behalten. Ina war witzig, klug, auf eine irre
rührende Art vergesslich und vom Aussehen her total pfiffig irgendwie.
Sie flocht sich Zöpfchen und trug Der-Rosarote-Panther-Haarspangen.
Bitte, wer kann zu so einer Frau was Romantisches sagen? Also schrieb
ich einen Brief, mit meiner eingerosteten Handschrift, die dafür taugt,
Lebensmittel, die ich einkaufen muss, auf Zettelchen zu krakeln. Ich
schrieb den schönsten Liebesbrief der ganzen Welt, mehrere Seiten
voll, behauptete viel und meinte alles davon ernst. Ich schmückte
es nur pompös aus. Meine Gefühle für Ina waren wie ein schönes
Tannenbäumchen, und extra für sie machte ich einen Weihnachtsbaum
draus, behängte das Tannenbäumchen mit Sternen, Kugeln, Lametta,
Kerzen und kleinen Figuren.
Ich weiß nicht mehr, was ich alles schrieb, die Anrede war: Mein herrliches
Mädchen!
Außerdem hatte ich einen Gutschein für eine Reise nach Casablanca
dazugelegt. Dafür hatte ich Geld zusammengeliehen, damit wir sofort
losfliegen könnten, wenn sie es so wollte. Es war gerade Winter, Berlin
verschneit.
Den Brief versteckte ich in einem Klavier in einem Restaurant. Ich musste
eine Weile suchen, bevor ich ein Restaurant mit Klavier fand. Dann
führte ich Ina dorthin zum Essen aus, schaute sie glücklich an, wollte sie
natürlich einladen, bestellte gro.zügig gleich eine ganze Flasche Wein
und spielte mit ihren Fingern in meiner Hand. Sie setzte irgendwann
wieder diesen Prüfungsblick auf, der mir das “Ich liebe dich!” abpressen
wollte. Ich sagte: “Schau doch mal ins Klavier!”
“Ach, lass den Scheiß!”, polterte sie, fühlte sich wohl irgendwie verarscht.
“Du mit deinen Witzen!”
Sie knallte Geld auf den Tisch. “Du sollst doch nur ‘Ich liebe dich’ sagen!”
Sie zog sich an, viel zu hektisch, verhedderte sich dabei in ihren
Mantelärmeln, was ihr noch mehr Zeit gab, mich wie ein wildgewordener
Ochse anzustarren, als hätte ich ein rotes Tuch im Gesicht.
“Ich liebe dich!”, sagte ich schnell. Ich habe ja viele solche
Computerspiele gespielt, wo drei Antworten angegeben sind, um z.B.
einen Türsteher zu überreden, einen einzulassen, oder um einen Professor
dazu zu bewegen, die Unterlagen rauszurücken, irgendwie sowas. Ich
war gut darin. In dem Moment, wo Ina auf hundertachtzig kurz vorm
Abzischen war, dachte ich kurz nach, ob ich “Bleib doch!” oder „Beruhige
dich!” oder “Ich liebe dich!” sagen sollte. Ich entschied mich für Antwort
c. Ich liebe dich.
“Kannst du dir in die Haare schmieren!”
Weg war sie. Draußen war es kalt, drinnen wurde es kalt. Ich soff den
Wein aus. Davon wurde mir auch nicht wärmer. Als ich das Restaurant
verließ, waren die Fußspuren von Ina schon wieder zugeschneit. Deshalb
kann ich Schnee nicht leiden.
Der Bus ist am Flughafen angekommen. Endstation. Ich bin der einzige
ohne Gepäck. Ich stecke meine Hände in die Taschen und gehe durch
die automatische Tür, die wie ein Schaufelrad die Menschen in den
Flughafen reinbaggert. Eine Frau hat es so eilig, dass sie versucht, die
träge Tür zu schieben. Direkt vor ihrer Nase, wenn sie hinsehen würde,
ist ein Aufkleber, auf dem steht, dass man nicht mit der Hand schieben
soll, aber sie sieht eben nicht hin. Die automatische Drehtür blockiert
und bleibt stehen. Ich und die Frau stehen in unseren Plexiglaszellen und
warten, dass es weitergeht. Die Frau schaut mich an, und wenn ich es
ebenfalls eilig hätte, dann könnte ich jetzt stinkig sein. Ich lächle. Die Tür
dreht sich wieder. Der, der es eilig hat, wird davon aufgehalten, dass er es
zu eilig hatte. Ich mag das. Es kommt mir gerecht und böse vor. Vielleicht
ist gerecht immer auch böse, aber eben gerecht. Ich finde es nicht
gerecht, dass Ina mich verlassen hat, nur böse. Sie hat mich am Telefon
abgewimmelt, nur mit der Erklärung, dass es nicht passt. Das hat sie mir
hinterlassen wie Schulden einem Erben, der sich jetzt damit herumquält.
Ein Jahr her. Ich habe in dieser Zeit das zusammengeborgte Geld für die
zwei Casablancaflüge abgearbeitet. Ich kann zweimal alleine hinfliegen,
oder einmal mit jemand anders, aber ich will mit Ina.
Ich gehe zum Terminal acht. Das Rattern der Rollkoffer, das Gongen der
Ansagen, die flatternden Schals von Eilenden.
Ich gehe in das Bistro, von dem aus man aufs Rollfeld sehen kann.
Am Fenster ist ein Platz frei. Ich ziehe im Sitzen meinen Mantel aus,
weil es sicher noch eine Weile dauert, bis Ina kommt. Nachdem sie
mich verlassen hatte, habe ich mir den Film nochmal angesehen und
angefangen zu heulen, meinetwegen auch zu weinen. Den Film fand
ich immer noch langweilig, aber geheult hab ich trotzdem. Dabei muss
sich ein Stöpsel gelöst haben, denn seitdem hab ich immer mal wieder
geheult. Aber heute ist es vorbei damit. Heute kommt Ina.
Ich habe schon häufig hier gesessen und zugesehen, wie Flugzeuge
starten und landen. Der Kaffee ist teuer und mies, die Bedienung sehr
nett. Antje und Herr Tesch. Antje arbeitet hier, weil sie Stewardess
werden wollte. Herr Tesch, weil er Pilot werden wollte. Antjes Mutter
war Stewardess und Antje hat sie sehr selten gesehen. Als Antje mir
das erzählte, musste ich heulen. Herr Teschs Vater war nicht Pilot. Herr
Tesch wollte Pilot werden, weil er von Frauen nicht beachtet wurde und
sich sicher war, dass ein Mann, der fliegen kann, beachtet wird. Er kann
fliegen. Er hat die Ausbildung. Er hat die Prüfung bestanden, aber dann
keine Stelle gefunden. Eine Frau hat er auch nicht. Er ist, um ehrlich zu
sein, kein schöner Mann, eher unharmonisch geschnitten. Er hat ganz
weiche Züge um den Mund herum, aber nicht sanft, sondern schwabblig.
Ich finde, er sollte einen Bart haben. Das habe ich ihm auch gesagt, aber
ihm wächst kein Bart, hat Herr Tesch erklärt. Da musste ich heulen.
“Na, Dirk? Einmal unseren feinen Kaffee?”, fragt mich Antje. Ich nicke.
“Und einen Aschenbecher!”, rufe ich ihr hinterher. Ich zünde mir
schon mal eine Zigarette an, im Vertrauen darauf, dass Antje einen
Aschenbecher bringt, bevor die Asche, selbst bei ruhiger Hand, von
allein abfällt. Ich mag diesen Ort, weil er kein richtiger Ort ist. Die meisten
Menschen, die sich hier aufhalten, kommen von einem anderen Ort oder
sind auf dem Weg zu einem anderen Ort. Eine unruhige Mischung aus
Wegwollen, Wegmüssen, Ankommen und schon wieder Wegwollen oder
Wegmüssen. Ich warte auf Ina.
Erstmal kommt Antje mit dem Aschenbecher. Vielleicht ist Antje hübsch,
aber es fällt ihr leichter, so zu tun, als wäre sie es nicht. Sie bewegt sich
nicht bewusst, nur so nebenbei, und sie schaut auch nicht einladend, nur
freundlich.
Antje bleibt noch kurz an meinem Tisch stehen und erzählt mir, dass
Hermann seit mehreren Tagen nicht mehr da war. “Tja, vielleicht hat
er‘s geschafft”, sage ich. Antje glaubt es nicht. Dann muss sie sich um
die anderen Gäste kümmern, Gabi ist da, die will immer viel reden. Und
Jan ist auch da, der braucht jede Viertelstunde eine neue Cola. Und
dann gibt es ja noch die Gäste, die wirklich geflogen sind oder gleich
fliegen werden, die nur ganz kurz hier sind. Aber Hermann ist nicht da.
Hermann hat Angst vorm Fliegen. Er sitzt hier immerzu rum und starrt
aus dem Fenster. Mir hat er noch nicht verraten, warum er Angst hat
vorm Fliegen. Immer wenn ich mir einen Grund ausgedacht habe, musste
ich heulen. Seine Eltern sind abgestürzt, er hat selbst knapp überlebt,
seine große Liebe wohnt in Australien und er kann nicht hin. Vielleicht hat
er vor Schiffen ebenfalls Angst, und darum ist er auf diesem Kontinent
gefangen, den er als Insel begreift, wie ihn kein normaler Mensch begreift,
weil der Kontinent so groß ist, sogar Asien ist ja noch die selbe Insel. Ich
weiß nicht, was mit Hermann ist. Alle, die hier herkommen, nur um hier
zu sein, haben ein Rad ab, nicht alle Schüsseln im Schrank und da auch
noch einen Sprung drin. Ich warte auf Ina.
Jan will nach Amerika, so sehr, dass er immer einen Cowboyhut trägt, als
ob er durch das Tragen des Hutes schon die Hälfte der Strecke geschafft
hätte. Er will ein Star werden. Er hat eine CD aufgenommen, die er mir
ständig zum Verkauf anbietet. “Jan, ich hab doch schon eine!”, sag ich
dann, und Jan erklärt mir, dass er nur noch tausend verkaufen muss. Er
sucht einen Manager und einen Produzenten. “Aber dann geht’s los!”,
strahlt Jan. Er hat ein charmantes Lächeln mit Grübchen. Ich könnte
ihn mir gut als Star vorstellen, aber er singt leider so unbedeutend wie
ein Straßenspatz. Jans Künstlername ist Little Jimmy. Ich nenne ihn
Jan. Antje ist nett, sie nennt ihn Little Jimmy, sie würde mich auch Rick
nennen, wenn ich es wollte. Als Jan mir total aufgedreht erzählt hat, dass
er in der Schule seines Neffen ein Konzert geben darf, im Zeichensaal,
hab ich geheult.
Außer Hermann sind heute alle da. Jan, Antje, Herr Tesch, Gabi und mich
zähle ich nicht mit. Ich warte nur auf Ina.
Gabi war mal verrückt danach, durch diese Piepsschleuse zu gehen und
sich abtasten zu lassen. Im Gegensatz zu Hermann erzählt Gabi jedem
alles und allen jedes. Früher ist Gabi viel mit Billigfliegern innerhalb
Deutschlands herumgeflogen. Sie hat extra metallische Gegenstände
an sich versteckt, sogar im Schlüpfer. Wäre sie deshalb nicht angezeigt
worden, von einem jungen Sicherheitsmann, der sich sexuell belästigt
fühlte, dann wäre sie wahrscheinlich pleite gegangen. Sie sagt, sie ist
davon runter, aber trotzdem kommt sie zum Flughafen, sieht ein bisschen
dabei zu, wie andere durchsucht werden und kommt dann ins Bistro, um
sich zu schämen. Ich musste heulen, als sie mir das erzählt hat, und dann
musste ich mich schnell von Gabi wegsetzen, weil sie versuchte, mich auf
die Toilette zu locken, um wenigstens Sex auf dem Flughafen zu haben.
Vielleicht hätte ich dabei piepsen müssen.
Bis Ina kommt, muss ich meinen Kaffee austrinken. Er ist wie immer mies.
Vom Zucker wird er nicht besser, eher wird der Zucker davon schlechter.
Am Nachbartisch telefoniert jemand sehr laut. Verspätung, Abholen, Taxi,
Anschlussflug, Gepäck, Pass. Ich könnte Wortbingo spielen. Ich würde
immer genau auf diese sechs Wörter tippen. Dann würde ich warten und
die Telefonate belauschen, und wenn ich meine sechs Wörter zusammen
habe, springe ich vom Stuhl auf und schreie “Bingo!”. Wahrscheinlich
würde ich verrückt wirken, dabei bin ich von den etwas anderen Gästen
hier der einzig Normale. Antje ist, glaube ich, auch nicht verrückt, aber der
Rest ist doch hoffnungslos verloren. Ich warte auf Ina, und da kommt sie.
Sie trägt einen schwarzen Mantel mit grauem Kunstfellbesatz, einen
schwarzen Rock, schwarze Schuhe und ihr graues Haar offen. Die Haare
sind nass vom Schnee. Sie ist hierher gelaufen. Sie friert. Ich kann ihre
Beine in den Feinstrumpfhosen zittern sehen. Einige Schneeflocken haben
den Weg durch den Flughafen bis ins Bistro überstanden und glitzern
überall auf Inas Mantel. Sie hat sich geschminkt, etwas, das sie früher nie
gemacht hat. Ein dunkler Lippenstift auf den geöffneten Lippen. Sie sieht
sich nach mir um, ihre Augen weit aufgerissen. Die Schneeflocken tauen,
Wassertropfen sitzen auf dem Kunstpelz ihres Mantels und funkeln. Ina
steht da mit meinem Brief in der Hand. Die Blätter sind nass und zerknüllt
und beben, weil Ina so zittert. Ina trägt schwarze Lederhandschuhe, die
sie langsam abstreift. Sie wischt sich Haarsträhnen aus dem nassen
grauen Gesicht, wobei sie sich weiter nach mir umsieht, ängstlich, ich
könnte nicht da sein und ihr nicht vergeben, hoffnungsvoll, ich könnte da
sein und ihr vergeben, bebend vor Aufregung, mich gleich zu küssen, zu
mir zu stürmen, vor mir auf den Boden zu fallen und zu weinen, meine
Hand zu ergreifen und zu stammeln, dass sie nun weiß, dass ich sie liebe,
dass sie sich daran erinnert hat, was ich gesagt habe und dann hat sie in
das Klavier im Restaurant gesehen und den Brief gefunden, sie hat mich
immer geliebt, immer an mich gedacht, mich nie vergessen können, und
natürlich kommt sie mit mir nach Casablanca. Dort, wo sie hockt, entsteht
eine Pfütze, weil es von ihren Haaren tropft und weil sie weint und weint.
Ihre Augen schwer wie der Himmel vor einem Gewitter, ihre grauen
Augen, die mich anblicken, um Vergebung bittend.
“Ina, steh auf!”, sage ich und hebe sie zu mir hoch. Ihr Gesicht ist ganz
weiß, unter ihrer Nase ist ein schwarzer Schatten vom Oberlicht. So
schön sah sie noch nie aus. “Ina, ich liebe dich!”, sage ich. “Ich weiß”,
sagt sie. Dann sage ich: “Ina, ich konnte dich damals nicht zum Essen
einladen, wollen wir noch etwas essen, bevor wir nach Casablanca
fliegen? Ich bezahle.”
“Küss mich!”, haucht Ina und öffnet ihre grauen Lippen.
Ich seufze. Wie immer habe ich mir alles in Schwarz-Weiß vorgestellt.
Wer weiß, ob der Brief noch im Klavier ist. Vielleicht sollte ich einen neuen
schreiben und ins Klavier legen. Mein Kaffee ist alle, ich bestelle noch
einen.
“Sie kommt heute nicht mehr, oder?”, fragt Antje. Ich zucke die Schultern.
“Warum nicht?”, frage ich. “Wenn sie nicht kommt, wäre ich ja nicht hier.”
Ich zünde mir eine neue Zigarette an und ein Flugzeug landet.
“Und es wäre schade, wenn du nicht mehr herkommen würdest”, sagt
Antje zu den Servietten und schaut mich dann an. Für einen Moment sieht
sie mehr als nur freundlich aus. Ihre Haare streift sie aus dem Gesicht,
und dann kommt Hermann rein. Er hat es auch nicht geschafft. Ich warte
auf Ina.