Antonia Baum

Kurz vor zwölf


Mein Verlobter sollte eigentlich wissen, dass ich rohen Schinken

hasse, denke ich und streiche die Stoffserviette auf meinem Schoß

glatt; wir stoßen an, es klirrt; heute sind wieder viele Menschen ums

Leben gekommen, „Prost“, aber wer wann auf wen mit Atom schießen

wird, kann ich auch nicht beurteilen, „Auf uns!“, Europa lässt vor

seinen Festungsmauern Flüchtlinge sterben etc. etc., und das alles

auf dieser Erde, einmal hin und wieder zurück bis zur Mitte, kartiert

und aufgespannt, tausend kleine Explosionen ohne Geruch und Hitze,

gemeldet und nicht verstanden, und das geht auch im nächsten Jahr

so weiter, aber, denke ich, und bekomme von meinem Verlobten den

Schinken gereicht, der heute im Kreise seiner Liebsten mit mir Silvester

feiert und unsere Verlobung bzw. meine Schwangerschaft bekannt geben

will, aber, denke ich, das alles interessiert mich nicht, Tier–, Vaginal– und

Menschenrechtsverstümmelung interessieren mich nicht, wenngleich

mich das Weltunglück natürlich interessieren sollte, es sollte mich als

Pressesprecherin einer Menschenrechtsorganisation interessieren, aber

das tut es nicht, obwohl ich in der Regel auch am Wochenende arbeite,

jedenfalls bin ich immer erreichbar, und jetzt steht schon wieder der

Jahreswechsel bevor, aber das Einzige, was mich wirklich interessiert,

denke ich und reiße mir ungelenk noch ein Stück von dem Schinken ab,

ist dieser Mann, mein Verlobter, von dem ich schwanger bin und den ich

nicht, auf keinen Fall, heiraten sollte, und das weiß ich, aber ich werde

ihn heiraten und das Kind werde ich auch kriegen, warum, frage ich

mich, warum nur und was für eine Scheiße, denke ich. Ich sehe nach

links, da sitzt mein Verlobter. Liiiieeebt rohen Schinken. Kommt abends

spät nach Hause, stellt sich noch im Mantel mit Akten unter dem Arm

vor den Kühlschrank, isst aus dem Kühlschrank rohen Schinken, stopft

sich vollkommen selbst– und mitmenschenvergessen den Schinken in

den Mund, für dessen Dasein ich sorge, und sagt: „Ich liiiieeebe rohen

Schinken!“ Er kann nichts dafür und tatsächlich beneide ich ihn um seine

Selbst– und Mitmenschenvergessenheit. Der Mann kann geradeaus

gehen und lässt sich nicht stören. Bohrt ohne Zweifel sein Sein in den

Boden und sucht bei sich nicht die Schuld, wohingegen ich mich ständig

entschuldigen möchte, ganz egal wo, nur entschuldigen möchte ich

mich, geradeaus gehen kann ich folglich also nicht und ich hätte es nicht

ertragen, meinem Verlobten die Wahrheit zuzumuten, nämlich, dass ich

rohen Schinken hasse, ich haaassse rohen Schinken, aber das habe ich

ihm nie gesagt, ich habe im Gegenteil immer behauptet, ich würde rohen

Schinken lieben, aufrichtig lieben. Ich liiiieeebe ihn.

„Willst du noch etwas von dem Schinken? Oliven?“, fragt mein Verlobter.

Ich schüttele lächelnd den Kopf, er behandelt mich wie ein Kind und

das liegt an den Antidepressiva, und seit ich schwanger bin, ist es

noch schlimmer und es wird noch viel schlimmer werden. Ich bin jetzt

fünfunddreißig. „Der Schinken ist so köstlich!“

Das Lebensbuffet ist angerichtet, denke ich noch immer lächelnd den Kopf

schüttelnd, das habe ich selbst so zugerichtet und das wird jetzt gegessen.

Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt, es sind immerhin Gäste

gekommen und die haben Hunger: Die Mutter bedient sich. Die Mutter und

der Vater meines Verlobten sind um die siebzig und Anwalt und Hausfrau

und die Hausfrau war gerettet als sie mit 30 endlich doch schwanger

wurde und sich nicht mehr nur Hausfrau, sondern auch Mutter nennen

durfte. Gegenüber sitzen Christina, die Schwester meines Verlobten und

Redakteurin bei einem Psychologiemagazin, daneben ihr Mann Christian,

der beste Freund meines Verlobten, auch Anwalt, wie mein Verlobter

auch und sein Vater auch, drei Anwälte, gleiche Sprache, gleiche Anzüge,

Gesichter auch gleich. Die Anwälte verwalten das Wort am Tisch, denn

sie haben von Natur aus lautere Stimmen und darauf, auf die lautere

Männerstimme, bin ich sauer, seit ich mit meinem Vater kämpfe, der immer

gesagt hat: Lern endlich was Vernünftiges und schlag dir die Malerei

aus dem Kopf, und das habe ich ja dann auch gemacht und vertrete nun

stattdessen die Anderen, die Entrechteten, täglich, jeden Tag kümmere ich

mich um ihr Recht, telefoniere und tippe ich für das Recht der Entrechteten.

Meine Haut ist aus Glas, da kann man durchgucken und sich nehmen, was

man braucht, denke ich und Christina sagt am Anwaltsgespräch vorbei

zu mir, sie fände acht Euro die Stunde für einen Babysitter total okay, da

bezahle sie lieber etwas mehr und habe ein gutes Gefühl für sich und

ihr Kind, sagt sie und guckt Christian an, der nichts gehört hat und das

Strafgesetzbuch zitiert, aber die Mutter meines Verlobten, das monströse

Mutterschiff, wie ich bei deren Ansicht regelmäßig denken muss, hat

Christina gehört und nickt zustimmend in ihre Richtung und ganz besonders

in meine, denn ich soll, so hofft sie, bald auch in den Mutterhafen

einlaufen, als dickbäuchiges Frachtschiff meinen Anker auf den Erdboden

herabsinken lassen und bleiben und sorgen und aufnehmen; immer neue

Kinder in mich aufnehmen und immer mehr von meiner Körpersubstanz

hergeben, bis sie alle ist, so wie die hier am Tisch anwesende Verlobten-

Mutter es getan hat, diese Mutter hat wirklich alles gegeben, so eine

Mutter müsste man sein, meine Mutter ist tot, und deswegen, so meine

Psychologin, habe ich mich anfangs so unbedingt in die Arme der hier am

Tisch anwesenden Mutter geworfen, aber ich weiß es besser, ich habe es

wegen meines Verlobten getan, denn wenn man ordentlich mit der Mutter

vertäut ist, schwimmt einem der Verlobte nicht so leicht weg. Die Mutter

und ich haben uns geküsst. Wir ließen uns zusammen im Wellnessbereich

die Fußnägel lackieren und wir haben zusammen den Teppichboden für

mich und meinen Verlobten ausgesucht und wir haben zusammen über

Kinder gesprochen. Ich liiieeebe Kinder, haben wir uns gegenseitig immer

wieder gesagt.

Christina betont die Wichtigkeit eines guten Babysitters, die Vereinbarkeit

von Kind und Karriere, die Unerlässlichkeit der Unterstützung besonders

durch den Ehemann und allgemein das Familienglück; Christian nickt ihr

lächelnd zu und sagt „Schatz“ oder irgend so etwas, dann führt er weiter

das Anwaltsgespräch und die Mutter lächelt zufrieden. Mein Verlobter und

ich kennen uns seit 18 Monaten und ich war es, die schnell heiraten wollte,

schon nach einer Woche habe ich auf Hochzeit spekuliert, denke ich und

leere den Rotwein meines Verlobten, der sich vom Tisch entfernt hat, um

einen Gesetzestext zu holen. Ich fülle das Glas auf, er kommt wieder, den

Gesetzestext in der Hand, ich setze mich gerade hin, er hat nichts bemerkt

und ich streiche mir die Haare hinter meine Ohren, an denen jeweils

eine Perle festgeschraubt ist. Die Mutter trägt ebenfalls Perlen, Christina

auch, und so wurden auch mir Perlen überreicht, schon zwei Mal, denn

beim ersten Mal habe ich sie nie angezogen, auch nicht in Gegenwart

der Mutter meines Verlobten, und zwar weil ich mich gegen die Perlen-

Familien-Zwangsmarkierung sträubte. Ich konnte nicht.

Gebe ich der Perlen-Familien-Zwangsmarkierung statt, habe ich gedacht,

ziehe ich gleichermaßen in das Familienzwangslager ein, dessen

Aufseherin die Perlen-Mutter ist, deren Lebensüberwachungscharakter

schon bei der ersten Begegnung unübersehbar war, wie ich feststellte,

als ich vor ihr stand und mit flinken Augen von oben bis unten vermessen

wurde, wie das Schlachtvieh, das den Schinken hergibt, den ich

ununterbrochen gegen meinen Willen in mich hineinstopfe, so musterte

mich einst die Perlen-Aufseherin und sie muss damals zu dem Ergebnis

gekommen sein, dass mein Ohr sich für ihre Markierungs-Maßnahme

eignet, und ich war dankbar, überglücklich war ich und damit endgültig

familienverhaftet. Nachdem die Perlen-Mutter die Perlen an meinem Ohr

aber einige Male vermissen musste, rief sie meinen Verlobten an und

fragte, wo die Perlen an meinen Ohren blieben, der mich zur Rede stellte,

den ich über meinen Unwillen aufklärte, der sich entsetzt zeigte und

daraufhin lächerlich log, sie seien mir bei einem Auslandsaufenthalt von

den armen unterernährten Kindern, die ich regelmäßig besuche, direkt

vom Ohr weggeklaut worden, was diese Perlen-Mutterbestie geglaubt

oder nicht geglaubt haben mag, jedenfalls musste sie für den schlimmen

Weltzustand zumindest offiziell Verständnis aufbringen, sie ist nämlich im

Kirchenvorstand; sie macht sich ein schlechtes Gewissen, um ein besseres

zu haben, wie ich auch, nur, dass ich nicht in die Kirche gehe, sondern

bei einer Menschenrechtsorganisation arbeite. Ich bekam dann von der

Perlen-Aufseherin bei der nächsten Gelegenheit ein neues Paar Perlen

überreicht bzw. verordnet und die sind jetzt beim Silvesteressen auch an

meinem Ohr, meinem Verlobten zum Gefallen und sehr zur Zufriedenheit

der Perlen-Mutter meines Verlobten, der christlichen

Perlen-Zwangsvollstreckerin.

Meine Psychologin schreibt mir immer in Druckbuchstaben auf das

Flipchart „ICH SELBER BLEIBEN“, was zu den dümmsten aller

therapeutischen Schwachsinnigkeiten gehört, denke ich jedes Mal, wenn

sie den Satz aufschreibt und ich nickend vor ihr sitze, denn um ich selber

zu bleiben, muss ich ja irgendwann mal ich gewesen sein, ich aber habe

von diesem Ich keine Ahnung, nie gehabt, ich war immer mein Vater,

meine Schulnoten, mein Stipendium, mein Studium, meine Doktorarbeit,

mein Gehalt, die Menschenrechtsorganisation, das Menschenleid – und

inzwischen bin ich eben die Verlobte meines Verlobten, mehr kann ich

gegenwärtig nicht zu mir sagen, weil ich mehr nicht weiß, nur, dass das

aufhören muss, so kann ich nicht weitermachen, warum, weiß ich nicht,

aber ich liebe ihn.

Die Frauen haben sich gerade nichts zu sagen. Die Mutter räuspert

sich, stellt fest, dass es Zeit für den Hauptgang ist, und begibt sich in die

Küche. Christina folgt ihr, ich auch, wir stehen zu dritt in meiner Küche

bzw. in der meines Verlobten, kurzes Fachgespräch über das Zubereiten

von Lammbraten und welcher Feinkostladen den besten Bratenfond

führt, eine Zumutung, diese Zutaten-Gespräche, denn die einzigen

Gesprächszutaten, die dieser Mutter ihrerzeit zugänglich waren und die

sie bis heute vorrätig hat, sind Kochzutaten und Kinder und die Kirche,

und sie bewirft damit ausschließlich Frauen, die Männer würde sie damit

nicht beschmutzen, aber die Frauen fangen ihren Zutatenmist bis heute

bereitwillig auf und verrühren ihn und backen einen ungenießbaren

Gesprächskuchen, einen, von dem mir schlecht wird, den ich aber wieder

und wieder gelangweilt esse und somit diese grauenhaft unerträgliche,

nichtige, geistlose, geistestötende Unkultur der Küchengespräche

unterstütze, in der Küche stehend, von Frauen umgeben, die den Herren

der Welt, welche, über die Weltlage und Gesetzestexte beratend, auf

das Essen warten, gerecht werden, ihnen aber in Wahrheit nur unrecht

tun, bis heute, wie die Männer auch, sie tun den Frauen unrecht, wir

leben in einem gewaltigen Unrechtsstaat und eine seiner Schaltzentralen

sind die Küchen, hier werden klassischerweise die geistestötenden

Küchengespräche geführt, bis heute, unter Frauen selbstverständlich,

und von hier aus ermöglichen die Frauen den Männern das Existieren,

das Existieren in sauberen Räumen, das Existieren ohne Störung, ohne

zeitverschwendende Küchengespräche, das Existieren zum Führen von

Weltberatungsgesprächen unter Ausschluss der Hälfte der Öffentlichkeit,

die Öffentlichkeit halbiert sich, die Öffentlichkeit trennt sich von sich selbst.

Die Mutter gibt Anweisungen an Christina, die Mutter fuhrwerkt durch mein

Gerät, Christina will helfen, ist aber keine Hilfe, weil sie angetrunken ist,

„Du bist ja betrunken“, sagt die Mutter, ich habe keinen Platz, die Mutter

sagt: „Lasst nur, ich mache das schon“, schiebt mich sanft beiseite und

Christina bittet mich flüsternd, mit ihr auf den Balkon zu gehen, um eine

Zigarette zu rauchen. Draußen riecht die Luft nach Angezündetem, auf

den Straßen knallen sie schon, was ich nicht verstehe, warum knallen sie,

warum freuen sie sich auf das neue Jahr, frage ich mich.

Es ist kalt, der Atem dampft. Christina kichert und zündet uns feierlich zwei

Zigaretten an. Ihr Mann sollte das besser nicht sehen, sagt sie. Meiner

auch nicht, sage ich. Wir stehen an der Brüstung, Christina seufzt: der

Job und das Kind und der Mann, ich bin ihre Verbündete, ihre Rauch- und

Verhaftetenverbündete, mir wird schwindelig, sie gießt sich ihr Glas in den

Mund, ich reiße es ihr weg und gieße mir lachend den Rest in den Mund,

sie lacht schrill, kommt mir näher, mit rasenden Augen, und fasst mich am

Arm, immer fester, so eine Scheiße, sagt sie, wir lachen, wir kreischen,

und ihre Fingernägel bohren sich in meine Haut, sei froh, hast du es gut,

sagt sie und mach es bloß nicht, keine Kinder und keinen Mann, meiner

ist nicht mal am Wochenende da, da bleibt nichts mehr übrig von einem,

und ich sage, mir ist schwindelig, da zieht sie mich an sich ran, drückt und

quetscht und hält sich an mir fest, und von drinnen ruft die Mutter zum

Essen und unsere Augen trennen sich und wir gehen hastig wieder rein.

Der Lammbraten steht dampfend auf dem Tisch, die Männer sagen:

„Oh, sieht das gut aus“, die Mutter sagt, das liege an dem speziellen

Bratenfond. Alle sitzen wieder, allen wachsen inzwischen Hörner aus

dem Kopf. Das Lamm weint und spricht zu mir: Das Leben ist sinnlos und

alles vergeht, Alkohol und Kinder sind keine Lösung, aber immerhin eine

Ablenkung. Auch mir kommen die Tränen. Christina versucht Christian zu

küssen, stürmisch, so wie man das am Anfang macht, wenn man verliebt

ist. Die Gesichter sitzen einander verlöscht gegenüber, in regelmäßigen

Abständen wird sich, weil Worte fehlen, blödsinnig zugeprostet und auch

ich brauche nun etwas zu trinken, es geht einfach nicht mehr.

Ich entschuldige mich und gehe in die Küche.

Ich hole Wodka aus dem Kühlschrank, den ich unter meinem Kleid

verschwinden lasse, und flüchte eilig über den Flur. Mehrmals schließe

ich die Badezimmertür zu und setze mich auf den Wannenrand, wo

mein ganzer Körper zu zittern und meine Augen zu weinen anfangen.

In unserem Spiegelschrank sind auf meiner Spiegelschrankseite meine

Beruhigungsmittel. Ich drehe den Wasserhahn auf, das Wasser läuft

mir warm und gleichmäßig über die Finger, aus meinen Augen tropft

es stetig, wir haben ein sehr schönes modernes Badezimmer, denke

ich und nehme meine Tabletten, vier, nein besser sieben Stück, die

ich mit Wodka herunterspüle. Die Farbe der Handtücher passt zu dem

dunklen Holz, in das der Waschtisch eingelassen ist. Wir haben eine

sehr schöne Wohnung, wir sind sehr gut eingerichtet, die Farbauswahl

ist sehr harmonisch aufeinander abgestimmt. Ich trinke weiter, der

Magen sperrt sich, ich trinke weiter und das Wasser läuft mir so warm

und gut über die Hände. Ich glaube, ich werde jetzt baden. Den Kopf

unter Wasser, da ist es still und der Wodka wattiert mir das Hirn, die

warme Badewanne ist der Mutterbauch, in den wir alle zurück wollen

und den wir nie hätten verlassen sollen, niemand sollte den Mutterbauch

jemals mehr verlassen, damit endlich Schluss ist, denke ich, ziehe

mich aus und lege mich in die Badewanne. Einen Mann zu finden, der

einen heiratet und Kinder will, ist schwer, alles andere läuft auf die totale

gesellschaftliche Besitzlosigkeit hinaus, weswegen ich will, was mein

Verlobter will, ich will, dass er bei mir bleibt, und mache deswegen, was

er will, denn ich will auf Gesellschaftsfesten nicht mitleidig angesehen

werden, weil ich keinen Verlobten habe, das ertrage ich nicht mehr. Zu

einer Frau gehören Kinder und ein Mann, die Frauen der Gesellschaft

treiben wie Bienen durch die Gesellschaft, fleißig und gefährlich, sie

schwärmen aus, um sich zu verloben, und bei ihren Erkundungsflügen

überprüfen sie nervös summend den Erfolg der anderen Bienen: Bist du

verlobt, hast du einen Mann, wirst du einen haben, willst du einen Sekt,

hast du den Unverheirateten da hinten gesehen, hast du Kinder, bist du

schwanger, wirst du schwanger sein, viele Stiche in die Haut und ich

trinke weiter. Mein Besitz ist also: der Verlobte, die Schwangerschaft, der

Beruf, folglich bin ich gut aufgestellt, wenn ich nur genug Wodka trinke,

werde ich das auch so sehen und das Malen und mein Vorhaben, die

Welt zu umreisen, schmerzlos vergessen haben. Gut, viel ist unterwegs

verloren gegangen, das Malen, meine Möbel und mein Willen, aber

wenn ich hier unter Wasser mal ehrlich bin, habe ich den nie gehabt,

ich habe meinen Willen in Menschengegenwart seit jeher kampflos

aufgegeben, weswegen Menschengegenwart für mich immer tödlich

war, schon immer wusste ich, Menschen töten mich, und auch als ich

mich verlobte, wusste ich, mein Verlobter wird mich töten, weil ich ihn

liebe. Bin ich von meinem Verlobten umgeben, kann ich nicht malen, bin

ich von Menschen umgeben, will ich nichts mehr, ich will nur erfüllen,

was die anderen wollen, denn dann wird man belohnt, so kriegt man es

beigebracht und Schleifchen ins Haar gebunden von ehrgeizzerfressenen

perlenbesessenen Mutterbestien mit Gefallsucht, die ihre tödliche

Gefallsucht weiter verbreiten und also Schleifchen verteilen, welche im

Vorbeigehen von mitmenschenvergessenen Vätern mit Erfolgssucht

goutiert werden, und das macht die Schleifchenträgerinnen zu etwas

anderem, zu dem Anderen, nämlich dem Teil, der will, was der andere

will, und folglich nur noch existiert, wenn der Andere existiert, und also

ausgelöscht ist, wie auch mein Verlobter mich, eine Schleifchenträgerin

von Geburt an, ausgelöscht hat, was ihm überhaupt nicht vorzuwerfen ist.

Ich liebe meinen Verlobten, mein ganzes Denken geht durch ihn, ohne

ihn sterbe ich, so ist es und dafür hasse ich ihn, so ist es. Ich führe die

Wodkaflasche zum Mund, schon halb leer, an der Tür klopft es. „Alles in

Ordnung?“. Ich steige aus der Badewanne, taumele, betätige tropfend die

Toilettenspülung, verliere das Gleichgewicht und liege auf dem Boden.

Es klopft immer heftiger. Ich höre, dass mein Verlobter Verstärkung

geholt hat. Die Männer beraten, der Vater meines Verlobten schlägt vor,

die Tür aufzubrechen, Christina vermutet einen Kreislaufzusammenbruch

und wird von der Mutter getadelt, erhält dann aber von ihrem Bruder,

meinem Verlobten, doch Unterstützung, der seine Mutter anbrüllt, das

könne „durchaus“ sein, ich sei schwanger und es wäre das Beste, jetzt

die Tür aufzubrechen. Ich ziehe mich torkelnd an, das Kleid leider falsch

rum, egal, die Badewanne, der Mutterbauch muss ausgelassen und

die verlaufene Schminke aus dem Gesicht gewischt werden, die Tür

bekommt von den Männern jetzt Stöße versetzt, Christina sagt, das

dauernde Kotzen am Anfang sei wirklich furchtbar, sie frage sich, warum

die Frauen das schon seit Jahrtausenden immer wieder mitmachen,

die Mutter zischt, dann freut sie sich, „Schatz“, nennt sie mich durch die

Tür rufend, und dem schwangeren Schatz ist es inzwischen tatsächlich

gelungen, sich anzukleiden und die Wodkaflasche im Klo zu verstauen.

„Ich komme“, lalle ich so laut ich kann über die Männerstöße an der Tür.

„Alles in Ordnung, mir war nur schlecht, ich bin schwanger, verdammte

Scheiße.“ Vor meinen Augen verschwimmt die Türklinke, an der ich

mich abstütze, den Schlüssel drehe und dann falle ich durch die offene

Tür nach vorne und liege zwischen den Füßen der Liebsten meines

Verlobten. Ich werde aufgehoben, begutachtet und beglückwünscht.

Die Mutter weint vor Freude, Christina sagt, sie müsse jetzt unbedingt

eine Zigarette rauchen, ausnahmsweise. Mein Verlobter und sein Vater

tragen mich ins Wohnzimmer, wo sie mich vor dem Lammbraten auf

einen Stuhl setzen. Mir ist schlecht, ich kann nicht anders, ich würge

und übergebe mich auf den Lammbraten, wofür ich mich vielmals

entschuldige, aber ich bringe hier immerhin große Opfer, denke ich und

entschuldige mich weiter, vor dem Lammbraten mit dem Erbrochenen

darauf sitzend, welcher mit einigen noch unaufgelösten Tabletten

gespickt ist. Die Mutter klatscht in die Hände, noch immer Tränen des

Glücks in den Augen, und sagt, ihr wäre es ja damals nicht anders

gegangen. Ich fange auch an zu weinen und schluchze: „Ich will nicht.“

Die Mutter sagt: „Das kann doch jedem mal passieren, ich zaubere uns

einfach schnell was Neues.“ Mein Verlobter: „Bitte beherrsche dich,

du weißt doch, ich liebe dich.“ Die Mutter transportiert den zerstörten

Lammbraten in die Küche, wo sie ein Lied anstimmt und sich ans Kochen

macht. Auf dem Balkon stehen Christian und Christina und streiten, weil

Christina raucht und Christian eine Affäre hat. Bereits 35 Minuten später

hat die Mutter einen adäquaten Lammbratenersatz gefunden, wofür sie

allseits gelobt wird. Ich habe mich äußerlich wiederhergestellt, wofür ich

ebenfalls allseits gelobt werde.

Um zwölf ist der Himmel lila. Wir stehen draußen und stoßen auf das

neue Jahr an, was ich nach wie vor nicht verstehe. Mein Verlobter muss

mich festhalten, weil ich so betrunken bin, dass ich nicht selbstständig

stehen kann, und ich sage ihm, dass ich ihn wirklich liebe, liiieebe.