Mein Verlobter sollte eigentlich wissen, dass ich rohen Schinken
hasse, denke ich und streiche die Stoffserviette auf meinem Schoß
glatt; wir stoßen an, es klirrt; heute sind wieder viele Menschen ums
Leben gekommen, „Prost“, aber wer wann auf wen mit Atom schießen
wird, kann ich auch nicht beurteilen, „Auf uns!“, Europa lässt vor
seinen Festungsmauern Flüchtlinge sterben etc. etc., und das alles
auf dieser Erde, einmal hin und wieder zurück bis zur Mitte, kartiert
und aufgespannt, tausend kleine Explosionen ohne Geruch und Hitze,
gemeldet und nicht verstanden, und das geht auch im nächsten Jahr
so weiter, aber, denke ich, und bekomme von meinem Verlobten den
Schinken gereicht, der heute im Kreise seiner Liebsten mit mir Silvester
feiert und unsere Verlobung bzw. meine Schwangerschaft bekannt geben
will, aber, denke ich, das alles interessiert mich nicht, Tier–, Vaginal– und
Menschenrechtsverstümmelung interessieren mich nicht, wenngleich
mich das Weltunglück natürlich interessieren sollte, es sollte mich als
Pressesprecherin einer Menschenrechtsorganisation interessieren, aber
das tut es nicht, obwohl ich in der Regel auch am Wochenende arbeite,
jedenfalls bin ich immer erreichbar, und jetzt steht schon wieder der
Jahreswechsel bevor, aber das Einzige, was mich wirklich interessiert,
denke ich und reiße mir ungelenk noch ein Stück von dem Schinken ab,
ist dieser Mann, mein Verlobter, von dem ich schwanger bin und den ich
nicht, auf keinen Fall, heiraten sollte, und das weiß ich, aber ich werde
ihn heiraten und das Kind werde ich auch kriegen, warum, frage ich
mich, warum nur und was für eine Scheiße, denke ich. Ich sehe nach
links, da sitzt mein Verlobter. Liiiieeebt rohen Schinken. Kommt abends
spät nach Hause, stellt sich noch im Mantel mit Akten unter dem Arm
vor den Kühlschrank, isst aus dem Kühlschrank rohen Schinken, stopft
sich vollkommen selbst– und mitmenschenvergessen den Schinken in
den Mund, für dessen Dasein ich sorge, und sagt: „Ich liiiieeebe rohen
Schinken!“ Er kann nichts dafür und tatsächlich beneide ich ihn um seine
Selbst– und Mitmenschenvergessenheit. Der Mann kann geradeaus
gehen und lässt sich nicht stören. Bohrt ohne Zweifel sein Sein in den
Boden und sucht bei sich nicht die Schuld, wohingegen ich mich ständig
entschuldigen möchte, ganz egal wo, nur entschuldigen möchte ich
mich, geradeaus gehen kann ich folglich also nicht und ich hätte es nicht
ertragen, meinem Verlobten die Wahrheit zuzumuten, nämlich, dass ich
rohen Schinken hasse, ich haaassse rohen Schinken, aber das habe ich
ihm nie gesagt, ich habe im Gegenteil immer behauptet, ich würde rohen
Schinken lieben, aufrichtig lieben. Ich liiiieeebe ihn.
„Willst du noch etwas von dem Schinken? Oliven?“, fragt mein Verlobter.
Ich schüttele lächelnd den Kopf, er behandelt mich wie ein Kind und
das liegt an den Antidepressiva, und seit ich schwanger bin, ist es
noch schlimmer und es wird noch viel schlimmer werden. Ich bin jetzt
fünfunddreißig. „Der Schinken ist so köstlich!“
Das Lebensbuffet ist angerichtet, denke ich noch immer lächelnd den Kopf
schüttelnd, das habe ich selbst so zugerichtet und das wird jetzt gegessen.
Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt, es sind immerhin Gäste
gekommen und die haben Hunger: Die Mutter bedient sich. Die Mutter und
der Vater meines Verlobten sind um die siebzig und Anwalt und Hausfrau
und die Hausfrau war gerettet als sie mit 30 endlich doch schwanger
wurde und sich nicht mehr nur Hausfrau, sondern auch Mutter nennen
durfte. Gegenüber sitzen Christina, die Schwester meines Verlobten und
Redakteurin bei einem Psychologiemagazin, daneben ihr Mann Christian,
der beste Freund meines Verlobten, auch Anwalt, wie mein Verlobter
auch und sein Vater auch, drei Anwälte, gleiche Sprache, gleiche Anzüge,
Gesichter auch gleich. Die Anwälte verwalten das Wort am Tisch, denn
sie haben von Natur aus lautere Stimmen und darauf, auf die lautere
Männerstimme, bin ich sauer, seit ich mit meinem Vater kämpfe, der immer
gesagt hat: Lern endlich was Vernünftiges und schlag dir die Malerei
aus dem Kopf, und das habe ich ja dann auch gemacht und vertrete nun
stattdessen die Anderen, die Entrechteten, täglich, jeden Tag kümmere ich
mich um ihr Recht, telefoniere und tippe ich für das Recht der Entrechteten.
Meine Haut ist aus Glas, da kann man durchgucken und sich nehmen, was
man braucht, denke ich und Christina sagt am Anwaltsgespräch vorbei
zu mir, sie fände acht Euro die Stunde für einen Babysitter total okay, da
bezahle sie lieber etwas mehr und habe ein gutes Gefühl für sich und
ihr Kind, sagt sie und guckt Christian an, der nichts gehört hat und das
Strafgesetzbuch zitiert, aber die Mutter meines Verlobten, das monströse
Mutterschiff, wie ich bei deren Ansicht regelmäßig denken muss, hat
Christina gehört und nickt zustimmend in ihre Richtung und ganz besonders
in meine, denn ich soll, so hofft sie, bald auch in den Mutterhafen
einlaufen, als dickbäuchiges Frachtschiff meinen Anker auf den Erdboden
herabsinken lassen und bleiben und sorgen und aufnehmen; immer neue
Kinder in mich aufnehmen und immer mehr von meiner Körpersubstanz
hergeben, bis sie alle ist, so wie die hier am Tisch anwesende Verlobten-
Mutter es getan hat, diese Mutter hat wirklich alles gegeben, so eine
Mutter müsste man sein, meine Mutter ist tot, und deswegen, so meine
Psychologin, habe ich mich anfangs so unbedingt in die Arme der hier am
Tisch anwesenden Mutter geworfen, aber ich weiß es besser, ich habe es
wegen meines Verlobten getan, denn wenn man ordentlich mit der Mutter
vertäut ist, schwimmt einem der Verlobte nicht so leicht weg. Die Mutter
und ich haben uns geküsst. Wir ließen uns zusammen im Wellnessbereich
die Fußnägel lackieren und wir haben zusammen den Teppichboden für
mich und meinen Verlobten ausgesucht und wir haben zusammen über
Kinder gesprochen. Ich liiieeebe Kinder, haben wir uns gegenseitig immer
wieder gesagt.
Christina betont die Wichtigkeit eines guten Babysitters, die Vereinbarkeit
von Kind und Karriere, die Unerlässlichkeit der Unterstützung besonders
durch den Ehemann und allgemein das Familienglück; Christian nickt ihr
lächelnd zu und sagt „Schatz“ oder irgend so etwas, dann führt er weiter
das Anwaltsgespräch und die Mutter lächelt zufrieden. Mein Verlobter und
ich kennen uns seit 18 Monaten und ich war es, die schnell heiraten wollte,
schon nach einer Woche habe ich auf Hochzeit spekuliert, denke ich und
leere den Rotwein meines Verlobten, der sich vom Tisch entfernt hat, um
einen Gesetzestext zu holen. Ich fülle das Glas auf, er kommt wieder, den
Gesetzestext in der Hand, ich setze mich gerade hin, er hat nichts bemerkt
und ich streiche mir die Haare hinter meine Ohren, an denen jeweils
eine Perle festgeschraubt ist. Die Mutter trägt ebenfalls Perlen, Christina
auch, und so wurden auch mir Perlen überreicht, schon zwei Mal, denn
beim ersten Mal habe ich sie nie angezogen, auch nicht in Gegenwart
der Mutter meines Verlobten, und zwar weil ich mich gegen die Perlen-
Familien-Zwangsmarkierung sträubte. Ich konnte nicht.
Gebe ich der Perlen-Familien-Zwangsmarkierung statt, habe ich gedacht,
ziehe ich gleichermaßen in das Familienzwangslager ein, dessen
Aufseherin die Perlen-Mutter ist, deren Lebensüberwachungscharakter
schon bei der ersten Begegnung unübersehbar war, wie ich feststellte,
als ich vor ihr stand und mit flinken Augen von oben bis unten vermessen
wurde, wie das Schlachtvieh, das den Schinken hergibt, den ich
ununterbrochen gegen meinen Willen in mich hineinstopfe, so musterte
mich einst die Perlen-Aufseherin und sie muss damals zu dem Ergebnis
gekommen sein, dass mein Ohr sich für ihre Markierungs-Maßnahme
eignet, und ich war dankbar, überglücklich war ich und damit endgültig
familienverhaftet. Nachdem die Perlen-Mutter die Perlen an meinem Ohr
aber einige Male vermissen musste, rief sie meinen Verlobten an und
fragte, wo die Perlen an meinen Ohren blieben, der mich zur Rede stellte,
den ich über meinen Unwillen aufklärte, der sich entsetzt zeigte und
daraufhin lächerlich log, sie seien mir bei einem Auslandsaufenthalt von
den armen unterernährten Kindern, die ich regelmäßig besuche, direkt
vom Ohr weggeklaut worden, was diese Perlen-Mutterbestie geglaubt
oder nicht geglaubt haben mag, jedenfalls musste sie für den schlimmen
Weltzustand zumindest offiziell Verständnis aufbringen, sie ist nämlich im
Kirchenvorstand; sie macht sich ein schlechtes Gewissen, um ein besseres
zu haben, wie ich auch, nur, dass ich nicht in die Kirche gehe, sondern
bei einer Menschenrechtsorganisation arbeite. Ich bekam dann von der
Perlen-Aufseherin bei der nächsten Gelegenheit ein neues Paar Perlen
überreicht bzw. verordnet und die sind jetzt beim Silvesteressen auch an
meinem Ohr, meinem Verlobten zum Gefallen und sehr zur Zufriedenheit
der Perlen-Mutter meines Verlobten, der christlichen
Perlen-Zwangsvollstreckerin.
Meine Psychologin schreibt mir immer in Druckbuchstaben auf das
Flipchart „ICH SELBER BLEIBEN“, was zu den dümmsten aller
therapeutischen Schwachsinnigkeiten gehört, denke ich jedes Mal, wenn
sie den Satz aufschreibt und ich nickend vor ihr sitze, denn um ich selber
zu bleiben, muss ich ja irgendwann mal ich gewesen sein, ich aber habe
von diesem Ich keine Ahnung, nie gehabt, ich war immer mein Vater,
meine Schulnoten, mein Stipendium, mein Studium, meine Doktorarbeit,
mein Gehalt, die Menschenrechtsorganisation, das Menschenleid – und
inzwischen bin ich eben die Verlobte meines Verlobten, mehr kann ich
gegenwärtig nicht zu mir sagen, weil ich mehr nicht weiß, nur, dass das
aufhören muss, so kann ich nicht weitermachen, warum, weiß ich nicht,
aber ich liebe ihn.
Die Frauen haben sich gerade nichts zu sagen. Die Mutter räuspert
sich, stellt fest, dass es Zeit für den Hauptgang ist, und begibt sich in die
Küche. Christina folgt ihr, ich auch, wir stehen zu dritt in meiner Küche
bzw. in der meines Verlobten, kurzes Fachgespräch über das Zubereiten
von Lammbraten und welcher Feinkostladen den besten Bratenfond
führt, eine Zumutung, diese Zutaten-Gespräche, denn die einzigen
Gesprächszutaten, die dieser Mutter ihrerzeit zugänglich waren und die
sie bis heute vorrätig hat, sind Kochzutaten und Kinder und die Kirche,
und sie bewirft damit ausschließlich Frauen, die Männer würde sie damit
nicht beschmutzen, aber die Frauen fangen ihren Zutatenmist bis heute
bereitwillig auf und verrühren ihn und backen einen ungenießbaren
Gesprächskuchen, einen, von dem mir schlecht wird, den ich aber wieder
und wieder gelangweilt esse und somit diese grauenhaft unerträgliche,
nichtige, geistlose, geistestötende Unkultur der Küchengespräche
unterstütze, in der Küche stehend, von Frauen umgeben, die den Herren
der Welt, welche, über die Weltlage und Gesetzestexte beratend, auf
das Essen warten, gerecht werden, ihnen aber in Wahrheit nur unrecht
tun, bis heute, wie die Männer auch, sie tun den Frauen unrecht, wir
leben in einem gewaltigen Unrechtsstaat und eine seiner Schaltzentralen
sind die Küchen, hier werden klassischerweise die geistestötenden
Küchengespräche geführt, bis heute, unter Frauen selbstverständlich,
und von hier aus ermöglichen die Frauen den Männern das Existieren,
das Existieren in sauberen Räumen, das Existieren ohne Störung, ohne
zeitverschwendende Küchengespräche, das Existieren zum Führen von
Weltberatungsgesprächen unter Ausschluss der Hälfte der Öffentlichkeit,
die Öffentlichkeit halbiert sich, die Öffentlichkeit trennt sich von sich selbst.
Die Mutter gibt Anweisungen an Christina, die Mutter fuhrwerkt durch mein
Gerät, Christina will helfen, ist aber keine Hilfe, weil sie angetrunken ist,
„Du bist ja betrunken“, sagt die Mutter, ich habe keinen Platz, die Mutter
sagt: „Lasst nur, ich mache das schon“, schiebt mich sanft beiseite und
Christina bittet mich flüsternd, mit ihr auf den Balkon zu gehen, um eine
Zigarette zu rauchen. Draußen riecht die Luft nach Angezündetem, auf
den Straßen knallen sie schon, was ich nicht verstehe, warum knallen sie,
warum freuen sie sich auf das neue Jahr, frage ich mich.
Es ist kalt, der Atem dampft. Christina kichert und zündet uns feierlich zwei
Zigaretten an. Ihr Mann sollte das besser nicht sehen, sagt sie. Meiner
auch nicht, sage ich. Wir stehen an der Brüstung, Christina seufzt: der
Job und das Kind und der Mann, ich bin ihre Verbündete, ihre Rauch- und
Verhaftetenverbündete, mir wird schwindelig, sie gießt sich ihr Glas in den
Mund, ich reiße es ihr weg und gieße mir lachend den Rest in den Mund,
sie lacht schrill, kommt mir näher, mit rasenden Augen, und fasst mich am
Arm, immer fester, so eine Scheiße, sagt sie, wir lachen, wir kreischen,
und ihre Fingernägel bohren sich in meine Haut, sei froh, hast du es gut,
sagt sie und mach es bloß nicht, keine Kinder und keinen Mann, meiner
ist nicht mal am Wochenende da, da bleibt nichts mehr übrig von einem,
und ich sage, mir ist schwindelig, da zieht sie mich an sich ran, drückt und
quetscht und hält sich an mir fest, und von drinnen ruft die Mutter zum
Essen und unsere Augen trennen sich und wir gehen hastig wieder rein.
Der Lammbraten steht dampfend auf dem Tisch, die Männer sagen:
„Oh, sieht das gut aus“, die Mutter sagt, das liege an dem speziellen
Bratenfond. Alle sitzen wieder, allen wachsen inzwischen Hörner aus
dem Kopf. Das Lamm weint und spricht zu mir: Das Leben ist sinnlos und
alles vergeht, Alkohol und Kinder sind keine Lösung, aber immerhin eine
Ablenkung. Auch mir kommen die Tränen. Christina versucht Christian zu
küssen, stürmisch, so wie man das am Anfang macht, wenn man verliebt
ist. Die Gesichter sitzen einander verlöscht gegenüber, in regelmäßigen
Abständen wird sich, weil Worte fehlen, blödsinnig zugeprostet und auch
ich brauche nun etwas zu trinken, es geht einfach nicht mehr.
Ich entschuldige mich und gehe in die Küche.
Ich hole Wodka aus dem Kühlschrank, den ich unter meinem Kleid
verschwinden lasse, und flüchte eilig über den Flur. Mehrmals schließe
ich die Badezimmertür zu und setze mich auf den Wannenrand, wo
mein ganzer Körper zu zittern und meine Augen zu weinen anfangen.
In unserem Spiegelschrank sind auf meiner Spiegelschrankseite meine
Beruhigungsmittel. Ich drehe den Wasserhahn auf, das Wasser läuft
mir warm und gleichmäßig über die Finger, aus meinen Augen tropft
es stetig, wir haben ein sehr schönes modernes Badezimmer, denke
ich und nehme meine Tabletten, vier, nein besser sieben Stück, die
ich mit Wodka herunterspüle. Die Farbe der Handtücher passt zu dem
dunklen Holz, in das der Waschtisch eingelassen ist. Wir haben eine
sehr schöne Wohnung, wir sind sehr gut eingerichtet, die Farbauswahl
ist sehr harmonisch aufeinander abgestimmt. Ich trinke weiter, der
Magen sperrt sich, ich trinke weiter und das Wasser läuft mir so warm
und gut über die Hände. Ich glaube, ich werde jetzt baden. Den Kopf
unter Wasser, da ist es still und der Wodka wattiert mir das Hirn, die
warme Badewanne ist der Mutterbauch, in den wir alle zurück wollen
und den wir nie hätten verlassen sollen, niemand sollte den Mutterbauch
jemals mehr verlassen, damit endlich Schluss ist, denke ich, ziehe
mich aus und lege mich in die Badewanne. Einen Mann zu finden, der
einen heiratet und Kinder will, ist schwer, alles andere läuft auf die totale
gesellschaftliche Besitzlosigkeit hinaus, weswegen ich will, was mein
Verlobter will, ich will, dass er bei mir bleibt, und mache deswegen, was
er will, denn ich will auf Gesellschaftsfesten nicht mitleidig angesehen
werden, weil ich keinen Verlobten habe, das ertrage ich nicht mehr. Zu
einer Frau gehören Kinder und ein Mann, die Frauen der Gesellschaft
treiben wie Bienen durch die Gesellschaft, fleißig und gefährlich, sie
schwärmen aus, um sich zu verloben, und bei ihren Erkundungsflügen
überprüfen sie nervös summend den Erfolg der anderen Bienen: Bist du
verlobt, hast du einen Mann, wirst du einen haben, willst du einen Sekt,
hast du den Unverheirateten da hinten gesehen, hast du Kinder, bist du
schwanger, wirst du schwanger sein, viele Stiche in die Haut und ich
trinke weiter. Mein Besitz ist also: der Verlobte, die Schwangerschaft, der
Beruf, folglich bin ich gut aufgestellt, wenn ich nur genug Wodka trinke,
werde ich das auch so sehen und das Malen und mein Vorhaben, die
Welt zu umreisen, schmerzlos vergessen haben. Gut, viel ist unterwegs
verloren gegangen, das Malen, meine Möbel und mein Willen, aber
wenn ich hier unter Wasser mal ehrlich bin, habe ich den nie gehabt,
ich habe meinen Willen in Menschengegenwart seit jeher kampflos
aufgegeben, weswegen Menschengegenwart für mich immer tödlich
war, schon immer wusste ich, Menschen töten mich, und auch als ich
mich verlobte, wusste ich, mein Verlobter wird mich töten, weil ich ihn
liebe. Bin ich von meinem Verlobten umgeben, kann ich nicht malen, bin
ich von Menschen umgeben, will ich nichts mehr, ich will nur erfüllen,
was die anderen wollen, denn dann wird man belohnt, so kriegt man es
beigebracht und Schleifchen ins Haar gebunden von ehrgeizzerfressenen
perlenbesessenen Mutterbestien mit Gefallsucht, die ihre tödliche
Gefallsucht weiter verbreiten und also Schleifchen verteilen, welche im
Vorbeigehen von mitmenschenvergessenen Vätern mit Erfolgssucht
goutiert werden, und das macht die Schleifchenträgerinnen zu etwas
anderem, zu dem Anderen, nämlich dem Teil, der will, was der andere
will, und folglich nur noch existiert, wenn der Andere existiert, und also
ausgelöscht ist, wie auch mein Verlobter mich, eine Schleifchenträgerin
von Geburt an, ausgelöscht hat, was ihm überhaupt nicht vorzuwerfen ist.
Ich liebe meinen Verlobten, mein ganzes Denken geht durch ihn, ohne
ihn sterbe ich, so ist es und dafür hasse ich ihn, so ist es. Ich führe die
Wodkaflasche zum Mund, schon halb leer, an der Tür klopft es. „Alles in
Ordnung?“. Ich steige aus der Badewanne, taumele, betätige tropfend die
Toilettenspülung, verliere das Gleichgewicht und liege auf dem Boden.
Es klopft immer heftiger. Ich höre, dass mein Verlobter Verstärkung
geholt hat. Die Männer beraten, der Vater meines Verlobten schlägt vor,
die Tür aufzubrechen, Christina vermutet einen Kreislaufzusammenbruch
und wird von der Mutter getadelt, erhält dann aber von ihrem Bruder,
meinem Verlobten, doch Unterstützung, der seine Mutter anbrüllt, das
könne „durchaus“ sein, ich sei schwanger und es wäre das Beste, jetzt
die Tür aufzubrechen. Ich ziehe mich torkelnd an, das Kleid leider falsch
rum, egal, die Badewanne, der Mutterbauch muss ausgelassen und
die verlaufene Schminke aus dem Gesicht gewischt werden, die Tür
bekommt von den Männern jetzt Stöße versetzt, Christina sagt, das
dauernde Kotzen am Anfang sei wirklich furchtbar, sie frage sich, warum
die Frauen das schon seit Jahrtausenden immer wieder mitmachen,
die Mutter zischt, dann freut sie sich, „Schatz“, nennt sie mich durch die
Tür rufend, und dem schwangeren Schatz ist es inzwischen tatsächlich
gelungen, sich anzukleiden und die Wodkaflasche im Klo zu verstauen.
„Ich komme“, lalle ich so laut ich kann über die Männerstöße an der Tür.
„Alles in Ordnung, mir war nur schlecht, ich bin schwanger, verdammte
Scheiße.“ Vor meinen Augen verschwimmt die Türklinke, an der ich
mich abstütze, den Schlüssel drehe und dann falle ich durch die offene
Tür nach vorne und liege zwischen den Füßen der Liebsten meines
Verlobten. Ich werde aufgehoben, begutachtet und beglückwünscht.
Die Mutter weint vor Freude, Christina sagt, sie müsse jetzt unbedingt
eine Zigarette rauchen, ausnahmsweise. Mein Verlobter und sein Vater
tragen mich ins Wohnzimmer, wo sie mich vor dem Lammbraten auf
einen Stuhl setzen. Mir ist schlecht, ich kann nicht anders, ich würge
und übergebe mich auf den Lammbraten, wofür ich mich vielmals
entschuldige, aber ich bringe hier immerhin große Opfer, denke ich und
entschuldige mich weiter, vor dem Lammbraten mit dem Erbrochenen
darauf sitzend, welcher mit einigen noch unaufgelösten Tabletten
gespickt ist. Die Mutter klatscht in die Hände, noch immer Tränen des
Glücks in den Augen, und sagt, ihr wäre es ja damals nicht anders
gegangen. Ich fange auch an zu weinen und schluchze: „Ich will nicht.“
Die Mutter sagt: „Das kann doch jedem mal passieren, ich zaubere uns
einfach schnell was Neues.“ Mein Verlobter: „Bitte beherrsche dich,
du weißt doch, ich liebe dich.“ Die Mutter transportiert den zerstörten
Lammbraten in die Küche, wo sie ein Lied anstimmt und sich ans Kochen
macht. Auf dem Balkon stehen Christian und Christina und streiten, weil
Christina raucht und Christian eine Affäre hat. Bereits 35 Minuten später
hat die Mutter einen adäquaten Lammbratenersatz gefunden, wofür sie
allseits gelobt wird. Ich habe mich äußerlich wiederhergestellt, wofür ich
ebenfalls allseits gelobt werde.
Um zwölf ist der Himmel lila. Wir stehen draußen und stoßen auf das
neue Jahr an, was ich nach wie vor nicht verstehe. Mein Verlobter muss
mich festhalten, weil ich so betrunken bin, dass ich nicht selbstständig
stehen kann, und ich sage ihm, dass ich ihn wirklich liebe, liiieebe.