Das Bett, ein riesiges Himmelbett, nimmt die ganze Mitte der Bühne ein.
Zu seinen beiden Seiten warten rund zwanzig Darsteller schweigend auf
den Beginn. Sie sind müde vom langen Stehen, lehnen sich mit dem
Ellbogen gegen die kulissenhaften Wände des prunkvollen Gemachs
oder setzen sich in gespielter Gleichgültigkeit auf einen der in den
Bühnenecken herumstehenden Stühle. Die Zaubergeister der Requisite
haben es sich einfallen lassen, sie alle in historische Kostüme aus
schwarzem Samt und Brokat zu stecken. Ihre Gesichter sind trotz Puder
und Schminke gerötet, und in diesem Augenblick flüstert irgendwo im
Publikum jemand seinem Sitznachbarn aufgeregt zu, dass die roten
Flecken auf Stirn und Wangen der Männer nicht nur von der Hitze der
Scheinwerfer herrühren, in deren Licht der Staub von Jahrhunderten
schwebt, sondern hauptsächlich von der Erwartung eines nahen
Todes. Der Sitznachbar nickt bedeutungsvoll, aber in der gespannten
Stille dieses Beginns und der Anwesenheit so vieler Mikrofone und
Kameras wagt er es nicht, ihm auch nur mit einer Silbe zu antworten.
Stattdessen tippt er dem anderen aufs Handgelenk und macht ihn nun
seinerseits mit einer stummen Geste auf ein rotes Gewand aufmerksam,
ein Kardinalsornat, das hinter all den schwarz kostümierten Männern
im Bühnenhintergrund aufgetaucht ist. Vom Publikum nicht bemerkt,
aber vom Kamerazoom erfasst und für die technische Regie auf einen
Monitor übertragen, zupft der Kardinal am linken Ärmel seines Gewands
und wirft einen verstohlenen Blick auf seine Armbanduhr. Zufrieden
sieht er wieder auf, nickt in die Runde und hebt die rechte Hand. Fast
gleichzeitig kommt Bewegung in die bisher so stille Szene: Das laute
Knarren von schwerem Holz ist zu hören, und im Glauben, es käme
vom Himmelbett, beginnen die umstehenden Männer zu tuscheln,
drängen sich dichter ans Bett heran und geraten kaum merklich ins
Wanken, denn unter ihren Fü.en dreht sich die Bühne im Uhrzeigersinn
und bleibt erst wieder stehen, als das Fußende des Bettes auf die
jetzt murmelnden und klatschenden Zuschauer weist. Sie sehen nun
geradewegs ins Gesicht des Todkranken, der so tief versunken in die
Kissen seines gewaltigen Himmelbetts liegt. Das Gesicht ist bleich,
schweißnass und aufgedunsen vom Überdruss und der Langeweile, die
dem Kranken inzwischen selbst das Sterben bereitet. Wirre schwarze
Strähnen kleben ihm auf der Stirn, der Bart ist struppig und verfilzt, und
seine Augen sind so leer, wie sie es immer waren, wenn nicht blanker
Zorn oder die Glut eines Liebesakts in ihnen glimmte. Er wird sterben,
schon sehr bald, denn das Skript sieht für ihn die Rolle des Vincenzo
Gonzaga vor, Herzog von Mantua, und für den heutigen Tag seinen
Sterbetag, den 18. Februar des Jahres 1612.
Erlöst von der Frage, mit welcher Vergangenheit sie es hier zu tun
haben, erlöst auch von der Verwirrung über das Fehlen eines ersten
Vorhangs, eines eindeutigen Beginns, applaudieren die Zuschauer
ausgelassen über das, was sie für den eigentlichen Anfang der
Aufführung halten. In der linken Loge nutzt der Regisseur die allgemeine
Unruhe, um auf einen asketisch hageren Mann zu deuten, der in der
gegenüberliegenden rechten Loge ganz in seinen Sitz versunken ist und
finster aufs Bühnengeschehen herabschaut. Mit zur Seite gebeugtem
Kopf raunt der Regisseur seinem Sitznachbarn zu: Da, das ist er, dieser
Morowski. Er weiß genauso wie ich, dass die scheinbar so raffinierte
Inszenierung von Stille und Laut, Leere und Geschichte im Grunde
nichts als ein Trick ist: denn Greuthers Orpheus hat keinen Beginn. Das
alte Theater, die staubige Bühne, die kostümierten Darsteller und die
Gegenwart eines Publikums – alles das täuscht darüber hinweg, was
Greuthers Orpheus eigentlich ist: nur ein Wust von Skizzen, Notizen und
Kompositionsentwürfen, die Greuthers Biograph Blohm im Nachlass des
Komponisten entdeckt hat. Die drei kleinen Kartons mit der Aufschrift
„Orpheus“ gelangten auf unbekannten Wegen in Morowskis Hände,
der in zwei Jahren versessener Arbeit über alle Lücken und Brüche
hinweg eine spielbare Fassung für die heutige Uraufführung erstellte.
Dabei hat sich Morowski so intensiv in die Klang- und Vorstellungswelt
des Komponisten versetzt, dass er eines Morgens, als er aus unruhigen
Träumen erwachte, die darin skizzierten Figuren samt Bühne und
Publikum so deutlich vor Augen hatte, als seien sie genauso wirklich
wie er selbst. Zunächst war da die Figur des Vincenzo Gonzaga, Herzog
von Mantua, der sterbenskrank in einem großen Bett liegt. Es wird
von rund zwanzig Hofleuten umstellt, die der nahe Tod des Herzogs
herbeigelockt hat. Sie sind müde vom langen Stehen und der stickigen
Luft, denn ein Fenster zu öffnen ist ihnen unter Androhung schwerer
Strafe verboten. Andächtig die Hände vorm Bauch verschränkt,
steht am rechten Kopfende des Bettes der Kardinal. Er beugt sich zu
Vincenzo hinunter und flüstert ihm zwar leise, aber durchdringend scharf
etwas zu. Morowski versteht nicht, was der Kardinal sagt, aber aus
Greuthers Notizen weiß er, dass er den Herzog um Reue beschwört, um
Bereuung seines ausschweifenden Lebens. Statt einer Antwort dringt
nun aus der Ferne, von irgendwo hinter den Kulissen oder jenseits
der Bühne, ein langer, entsetzlicher Schrei, den niemand hören kann
außer Vincenzo in seinem Bett, seinem gewaltigen Sterbebett, das
der Schauplatz etlicher Qualen, Laster und unruhiger Träume war. Die
Umstehenden drängen sich dichter ans Bett heran und beobachten jede
Regung in Vincenzos plötzlich so aufgewühltem Gesicht. Er wendet es
von den Zuschauern ab, dreht sich seufzend zur linken Seite und starrt
nun in eine Ecke seines Gemachs. Wieder hört er den Schrei. Er presst
eine Hand aufs linke Ohr, das rechte ist ins Kissen vergraben, und im
Fieberschauer glaubt er, dort in der Ecke sich selbst in seinem Bett zu
sehen und neben sich seine erste Gemahlin, Margherita Farnese, die
er über Jahre etliche Male gewaltsam zu schwängern versucht hat. Sie
war erst vierzehn, als Vincenzo sie heiratete, und für die körperliche
Liebe aufgrund einer Behinderung, einer Verengung in der Anatomie
ihres Beckens nicht geeignet. Die Schreie, die sie im qualvollen
Liebesakt in sein Ohr gellte, waren im ganzen Palast zu hören und der
Anlass für ein Getuschel, das Vincenzo überallhin begleitete. Er sieht
sie dort in der Ecke der Bühne nur als einen Schatten, aber um so
deutlicher hört er ihre ununterbrochenen Schreie, vor denen er damals
floh. Während sich Margherita etlichen ärztlichen Untersuchungen
ihrer Fruchtbarkeit hingeben musste, Nachforschungen, bei denen sie,
umringt von rund zwanzig Männern, nackt und mit gespreizten Beinen
in einem schmalen Bett liegen musste, und während die Männer ihr
Becken, ihr Schambeim, ihre Vagina betasteten und einen chirurgischen
Eingriff erwogen, der ihren Tod bedeutet hätte, ritt Vincenzo, noch
Margheritas Schreie im Ohr, nach Ferrara, um sich den wegen ihrer
Originalität weithin gerühmten Orgien der Gräfin Torelli hinzugeben.
Diese wochenlangen Ausschweifungen hatte ihm seine Geliebte
Barbara vermittelt, mit der er über eine Mantuaner Zwergin, die Barbara
für die Rolle der Botin angestiftet hatte, über die Hochzeit hinaus in
Briefkontakt stand. All das sieht Vincenzo Gonzaga, Herzog von Mantua,
in der Ecke der Bühne als geisterhaft vorüberflackernde Bilder, und zu
ihrem Befremden bemerken die umstehenden und unter der Hitze der
Scheinwerfer leidenden Männer, dass der Leib des fiebernden Vincenzo
bebt, dass der Herzog erst leise wimmert und dann plötzlich lacht, ein
Anzeichen für Irrsinn oder den Teufel. Aber er hat dort in der Ecke nur
Barbaras Zwergin gesehen und sich dabei an eine Bosheit erinnert, die
er eines Morgens, als er von ihr geweckt worden war, im Bett liegend
ersonnen hatte. Sein eigener Vater, Guglielmo, den er brennend hasste,
war von buckliger Missgestalt, und um ihn zu demütigen, ließ Vincenzo
im Palazzo Ducale von seinem prächtigen Theater im Beisein seines
Vaters ein Stück aufführen, in dem alle Darsteller Bucklige waren.
Guglielmo, der die Farce der Buckligen mit einer Maske der Höflichkeit
hinnahm, ließ nach beendeter Vorstellung, um seiner Ehre genüge zu
tun und Herr seiner Wut zu werden, alle beteiligten Darsteller unter
Androhung von Folter und Tod aus Mantua verbannen. Vincenzo lachte
über das Geschrei seines verkrüppelten Vaters, lief, berauscht vom
Hass und vom Wein, von den Knaben und Damen im Publikum, in sein
Gemach und machte sich dort über Margherita her, die unter der wilden
Manneslust ihres Gatten vor Schmerzen zu sterben glaubte. Sie schrie
aus Leibeskräften, und jetzt, nach so vielen Jahren, hört Vincenzo
das späte Echo ihrer Schreie. Er dreht sich in seinem Bett wieder den
Zuschauern zu und öffnet den Mund, als wolle er etwas sagen, aber
aus seiner Kehle dringt, vom Galgenmikrofon eingefangen, nur ein
entsetzliches Röcheln. Er winkt den Kardinal heran, und als der sich
über ihn beugt, flüstert er ihm etwas ins Ohr. Über die Lautsprecher hört
das gebannte Publikum den Herzog murmeln, aber was er dem Kardinal
sagt, ist trotz der sensiblen Technik weder zu verstehen, noch kann es
Morowski aus Greuthers Nachlass erschließen. Aber aus Vincenzos
Gesicht liest das Publikum den Wunsch nach Musik ab, dieses
drängendste Begehren in einem Leben voll Unersättlichkeit und Gier.
Im Bett liegend, in einer Flut von Papieren aus Greuthers Nachlass
versunken, beobachtet Morowski zwischen Wachen und Traum
Vincenzos Augen, die streng und herrisch dem befohlenen Eintritt der
Musiker folgen. Vom Applaus der Zuschauer begleitet, betritt als letztes
eine Gestalt das Gemach, deren langes schwarzes Ornat mehrmals
geflickt wurde und an den Nähten doch wieder aufgeplatzt ist. Sie hält in
der linken Hand eine Viola, in der rechten einen Bogen. Es ist
Monteverdi. Sein Gang ist schleppend und erdenschwer von nie
versiegender Trauer, der Trauer um seine Frau Claudia, die heute noch
so an ihm zehrt wie nach ihrem Tod vor viereinhalb Jahren.
Sterbenskrank von ihrem unwiederbringlichen Dahin und den
Überlastungen der ihm aufgebürdeten Arbeit, flüchtete er sich damals
aus Vincenzos Diensten ins Haus seines Vaters nach Cremona und blieb
dort wochenlang im Bett liegen wie in einer dahintreibenden Barke von
brennender Trauer. Und während er siech lag vor Liebe zu einer Toten,
hatte er unentwegt den Klageruf seines Orfeo im Ohr, den er erst kurze
Zeit vorher im Palazzo Ducale uraufgeführt hatte. Es war ihm nun, als
habe er sein eigenes Leid vorausgehört in Orfeos Wehklagen über den
Tod der Euridice, dem Ohi mè che odo? Ohi mè!, auf das nichts mehr
folgt, nur Stille, nur Pause, das Aussetzen aller Musik. Doch ohne
Rücksicht auf diesen Zustand riss ihn Vincenzo in seiner Gier nach
immer neuer, immer ungezügelterer Musik aus dem Trauerbett mit dem
Befehl, unverzüglich nach Mantua zurückzukehren, um in kürzester Zeit
bis zum Karneval für die Hochzeit seines ältesten Sohns Francesco ein
Ballett, eine neue Oper zu komponieren. Ach, und trotz der Trauer, der
Erschöpfung, der Kürze der Frist strömte Musik aus Monteverdi wie
reine Klage. Und dann, bei der Aufführung seines traurigen Werks, der
Oper Arianna, deren Lamentationen das Publikum zu Tränen
erschütterte, geschah es, dass Monteverdi, ans Ende seiner Kräfte
gekommen, seine Claudia in einer Ecke des Saals sah. Im gleichen
Augenblick schon verdunkelte sich ihre Gestalt zu einem Schatten. Am
ganzen Leib zitternd, befahl er der Sängerin Caterina Martinelli, ihren
Gesang mit größter Leidenschaft und tiefster Rührung vorzutragen, in
der irren Hoffnung, durch seine Musik Claudias Schatten zu lösen. Ach,
obwohl Caterinas Gesang zum Sterben schön war und um sich herum
alle Bögen auf den Saiten, alle Hände auf den Instrumenten ruhen ließ
und die Musiker mitten im Satz zum Verstummen brachte, blieb Claudias
Schatten. Auch jetzt, bei der Aufführung von Greuthers Orpheus, ist er
gegenwärtig, nur nimmt ihn niemand wahr außer Monteverdi. Er sieht
Claudias Gesicht neben der Bühne so dunkel und stumm wie einst, als
sie sich nur wenige Tage nach ihrer Hochzeit im größten Liebesglück auf
Befehl Vincenzos trennen mussten, denn der Herzog konnte selbst auf
einer Kurreise, die über Basel und Nancy zu den Bädern von Spa führte,
nicht darauf verzichten, jederzeit seine Musiker um sich zu haben.
Gedunsen lag Vincenzo im Wasser von Spa und ließ, nachdem er in
einem Anfall von plötzlicher Wut alle Kurtisanen und Knaben fortgejagt
hatte, seine Musiker kommen, denen er, mit geschlossenen Augen im
Wasser treibend, so lange lauschte, bis alle Kerzen erlöschten und es
vollkommen dunkel geworden war. Selbst auf seinen Türkenfeldzügen,
die Vincenzo, von Tassos Kreuzzugsepos getrieben, gegen jede
politische Wirklichkeit als heiligen Krieg gegen die muslimischen Heiden
inszenierte, selbst auf diesen theatralischen Feldzügen umgab sich
Vincenzo Gonzaga mit einer Schar von Musikern. Wie im Traum erinnert
er sich nun, in der Stunde seines Todes, an seinen dritten Auszug, der
eine Reise in den Regen, die Kälte, den Schlamm war. Vor der
ungarischen Festung Kanisza hing er mit verletztem Knie in den
herbstlichen Sümpfen Südungarns fest und lauschte dem aufs Zeltdach
trommelnden Regen. Er lag auf einer durchweichten Matratze, und
während er im Schein von hunderten Kerzen Madrigale von Liebe und
Krieg singen ließ, diktierte er, fiebrig von den Dämpfen der Sümpfe,
einen Brief an die Schar seiner Hofalchimisten, die er zur Herstellung
einer Kanonenkugel voll Giftgas drängte. Als er den Brief beendet hatte
und sich ganz der Musik hingab, kam ihm auf seiner klammen Matratze
sein Bett, sein heimisches Himmelbett in den Sinn, und er war froh, es in
so weiter Ferne zu wissen. Es war ihm ungeheuer geworden, seit es
damals, als nach zweijähriger Ehe mit Margherita Farnese noch immer
kein Nachkomme gezeugt worden war, zum Gegenstand des Klatschs
aller Höfe Italiens geworden war. Margheritas Bruder Ranuccio, in
seinem Familienstolz heftig verletzt, bezichtigte Vincenzo als Ehebrecher
und Sodomit, als einen syphilitischen, impotenten Narren mit einem zu
kurzen Schwert. Der Aufruhr drang bis zum Papst, der, als die Gonzagas
die Scheidung von Margherita bei Einbehaltung ihrer Mitgift erwogen,
Kardinal Carlo Borromeo für Ermittlungen in dieser Angelegenheit nach
Mantua entsandte. Während sich Vincenzo auf dessen Geheiß etlichen
ärztlichen Untersuchungen seiner Mannbarkeit hingeben musste,
Nachforschungen, bei denen er, umringt von rund zwanzig Männern, in
einem Bett in Venedig vor aller Augen eine florentinische Jungfrau
namens Giulia zu befriedigen hatte, und während die Männer vor dem
ersten Versuch seine Genitalien betasteten und ihn der Arzt Belisario
Vinta über sein Recht informierte, eine Hand zwischen die beiden
Gesäße zu schieben und zu ertasten, ob sich das Schwert in der
Scheide befindet, ritt Guglielmo, Vincenzos buckliger Vater, nach Florenz
zum Hofe der Medici, um sich nach einer geeigneteren Braut für seinen
Sohn umzusehen. Er brachte ihm Eleonora, aufgewachsen am Hofe der
Großherzogin Bianca Capello, einer venezianischen Kurtisane und
Zauberin, die satanische Praktiken in Florenz eingeführt hatte. Doch
immer, wenn sich Eleonora de´ Medici Vincenzo hingab, waren es nicht
ihre Lustschauer, die er hörte, sondern Margheritas Schreie, und er ließ
in später Nacht seine Musiker ins Gemach rufen, wo sie sich um sein
Bett oder hinter den Kulissen versammeln sollten, um den Lärm der
Vergangenheit mit Musik auszutreiben. Morowski sieht, wie sie auf
Vincenzos Befehl das Gemach betreten, in dem es immer heißer und
stickiger wird von so viel Unruhe und Andrang, und als er zuletzt
Monteverdi erblickt, verflucht er dessen Kostüm mit den
spitzenbesetzten Ärmelaufschlägen und dem blütenweißen Stehkragen.
Bei den Proben hat Morowski dem Regisseur vorgehalten, dass die
akkuraten Kostüme nichts zu tun haben mit der historischen Wirklichkeit
einer von Schmutz, Gestank und Aussatz geprägten Gesellschaft. Aber
der Regisseur zeigte nicht das geringste Interesse an diesem Einwand
und murmelte nur, Morowski habe seinen Teil der Arbeit an Greuthers
Orpheus erbracht, jetzt dürfe doch wohl er, Palzhoff, mit seiner Arbeit
beginnen, die letztendlich er allein vor den Auftraggebern in Mantua zu
verantworten habe. Und wie Morowski aus der Arbeit mit dem von
Greuther nachgelassenen Chaos wohl am besten wisse, handle es sich
bei der Aufführung im Grunde um die Vorstellung eines an sich gar nicht
existierenden Werks. Aber das ist doch Unsinn, denkt Morowski jetzt,
denn wie könnte etwas nicht existieren, das ich in diesem Augenblick
erlebe? Wie sollte etwas keine Realität haben, das im Publikum
Leidenschaften hervorruft? Mit geschlossenen Augen lauscht er dem
Applaus, mit dem die Zuschauer den Beginn der Vorstellung begrüßen.
Aufgeregt recken sie den Hals nach Vincenzo Gonzaga, dem sie nun
geradewegs ins Gesicht sehen können. Er hebt mühsam den Kopf,
winkt den Kardinal zu sich heran und flüstert ihm etwas ins Ohr. Und
jetzt, da es auf der Bühne wieder vollkommen still ist und der bleiche
Vincenzo die umschatteten Augen schließt, tritt Monteverdi vors Bett.
Hasserfüllt blickt er in Vincenzos Gesicht, hasserfüllt neigt er das Haupt
und hebt seinen Bogen, um Musik anzustimmen, die den Herzog zu
Tode aufwühlen wird. Und jetzt dringt aus leiser Ferne, von irgendwo
neben der Bühne oder aus einem verborgenen Lautsprecher, der erste
artikulierte Laut, ein aus dem Nichts anschwellender Celloton; und jetzt
setzt auch eine Violine ein, deren Phrase, um einen Halbton abwärts
versetzt, sofort von einer zweiten Violine aufgegriffen wird, und eine
dritte und vierte vermehren das in die Tiefe führende Echo, und kaum
jemand im Publikum käme auf die Idee, dass dieses sich über ihn
herabsenkende Tongewölk eine Phrase aus Monteverdis Orfeo zitiert. In
der rechten Loge ist ein asketisch hagerer Mann inmitten der
aufkommenden Unruhe mit geschlossenen Augen ganz in seinem Sitz
versunken. Es ist Morowski, der Greuthers Musik ganz genau kennt und
weiß, dass sie im Kern Orfeos Klage über Euridices Tod enthält: Ohi mè
che odo? Ohi mè! Und weit über allem setzt nun in hellen, merkwürdig
fahlen Flageoletttönen ein wirres Gerede zweier Violen ein, aus dem er
den Prolog des Orfeo heraushört: Ich bin die Musik, die mit sü.en Tönen
dem verwirrten Herzen Ruhe schenkt. Wenn ich singe, soll alles
schweigen. Dann ist mit einem Mal alles still; nur in Vincenzo Gonzaga,
dem Herzog von Mantua, klingt ein Echo aus längst vergangenen Zeiten
nach: clamore – amore – more…