Susanne Heinrich

Faces and names


Faces and names

I wish they were the same

Faces and names

Only cause trouble for me

[Lou Reed & John Cale]

 

Ich wache von einem Knall auf. Die Jugendlichen, die sich vor dem

Spätkauf nebenan treffen, haben immer noch Silvesterknaller übrig, sie

werfen sie auf die Straße und freuen sich, wenn die Leute erschrecken.

Ich sehe auf mein Handydisplay. In zwei Stunden wird es dunkel.

Als ich aus meinem Zimmer trete, schleicht gerade ein Mann über den

Flur. Er tut so, als ob er mich nicht gesehen hätte, aber er bekommt die

Wohnungstür nicht auf. Hallo, sage ich, und er sagt verlegen: Hallo. Ich

ziehe den Riegel auf und sehe ihm nach, höre die Haustür hinter ihm

zuschlagen. Ich gehe in die Küche, stelle das Radio an und fange an

abzuwaschen.

Irgendwann kommt Hanna in die Küche und brät sich ein Ei. Sie sieht

missmutig aus, als hätte sie schlecht geschlafen, aber so sieht sie

eigentlich immer aus. War der Mann von dir?, frage ich. Welcher Mann?,

fragt Hanna. Der auf dem Flur, sage ich. Nein, sagt sie, das muss Peter

gewesen sein. Peter?, frage ich, welcher Peter? Oder Martin, sagt sie,

irgendwie so hieß der. Aber ich sehe ja eh nicht mehr durch bei den

ganzen Männern. Ich auch nicht, sage ich und lache. Wir sollten von

jedem, der hier übernachtet, fünf Euro nehmen, sagt Hanna, davon

könnten wir die Gasrechnung fürs ganze Jahr bezahlen. Sie setzt sich

neben mich und fängt an, ihr Ei zu essen. Ich trinke einen Kaffee und

rauche und sage: Kannst du vielleicht mal aufhören zu essen, während

ich rauche? Wirklich, das ist doch eine Zumutung. Ich weiß nicht, wie

alt dieser Witz ist, ich glaube, er existierte schon, bevor ich eingezogen

bin. Wir lachen immer noch drüber, nicht mehr so schrill, eher leise und

komplizenhaft. Als Hanna aufgegessen hat, kommt Tim in die Küche.

Guten Morgen, sagt er und lässt sich auf einen Stuhl fallen. Willst du ein

Brötchen?, frage ich. Gerne, sagt Tim. Während er isst, muss ich immer

auf dieses Gedicht starren, das Tim unter die Fotos von Björk und Jean

Reno an die Wand gehängt hat. Es ist eins der schlechteren von Rilke, es

fängt so an: Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort, sie sprechen alles

so deutlich aus, und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus, und hier ist

Beginn und das Ende ist dort. Hanna dreht sich eine Zigarette. Tim beißt in

sein Brötchen.

 

Am Abend ruft Amir endlich an. Was machst du gerade?, fragt er. Nichts

Wichtiges, sage ich. Kommst du vorbei?, fragt er. Ich werfe mir die

Jacke über, rufe: Bis später, und ziehe die Tür ins Schloss. Ich gehe mit

gesenktem Kopf die Sonnenallee entlang, die Hände in den Taschen

zu Fäusten geballt. Der Schnee ist fast ganz geschmolzen, nur ein paar

dreckige Eishaufen sind noch übrig. Ich drücke auf die Klingel und steige

die Treppe hoch. Die Wohnungstür steht offen. Ich durchquere den Flur

und gehe in Amirs Zimmer. Er gibt mir einen Kuss auf den Mund. Na?,

sagt er und nimmt mir meine Jacke ab. Möchtest du einen Tee und ein

Schokoladenherz? Ja, sage ich. Amir geht in die Küche. Ich setze mich

aufs Bett und probiere verschiedene Positionen aus. Schließlich lege ich

mich seitlich hin, mit ausgestreckten Beinen und aufgestütztem Kopf. Als

Amir hereinkommt, lächele ich. Er drückt mir den Tee und das Schokoherz

in die Hand und sieht mir zu, wie ich trinke. Willst du was Lustiges sehen?,

fragt er. Ich nicke. Er nimmt den Laptop von seinem Schreibtisch und setzt

sich neben mich aufs Bett. Er öffnet eine Website, auf der eine tanzende

Comicfigur zu sehen ist. Anstelle des gezeichneten Kopfes hat Amir ein

Foto von seinem Gesicht eingesetzt. Passt zu dir, sage ich. Was, der Tanz?,

fragt Amir. Ja, und so was überhaupt zu machen, auf eine Website gehen

und dein Foto da einsetzen und so. Amir sieht einen Moment lang irritiert

aus, dann sagt er: Hilfst du mir, das Regal aufzubauen? Ich habe es mir

gestern gekauft. Klar, sage ich. Wir setzen uns auf den Boden, er drückt mir

die Anleitung in die Hand. Wir bauen zusammen das Regal auf und stellen

seine Bücher hinein, die er vorher in einer Zimmerecke gestapelt hat. Amir

steht davor, dreht sich um und lächelt. Schön, sagt er. Wir legen uns wieder

ins Bett und gucken einen Film. Amir legt seinen Kopf auf meine Schulter

und streichelt meine Hand. Als der Film vorbei ist und ich schon beinahe

eingeschlafen bin, spielt er mir ein Lied auf der Gitarre vor. Der Refrain

geht: You belong to me, you belong to me, you always belonged to me. Als

er die Gitarre wegstellt, ziehe ich mich bis auf die Unterhose aus. Amir legt

sich nackt an meinen Rücken. Davon werde ich wieder wach. Amir schiebt

seine Hand auf meine linke Brust und drückt leicht zu. Ich drehe meinen

Kopf zu ihm um und küsse ihn. Die Kondome liegen direkt neben dem

Bett. Amir reibt meine Klitoris, während wir miteinander schlafen. Er kennt

alle möglichen Stellungen, die ich vor ihm nicht kannte, es ist wie Tango

tanzen, ich lasse mich einfach führen. Wir kommen beinahe gleichzeitig,

und Amir streichelt noch lange meine Hand, bis ich einschlafe.

Am Morgen weiß ich kurz nicht, wo ich bin. Amir hat mich die ganze Nacht

gehalten, er hält mich auch jetzt noch. Als er merkt, dass ich wach bin,

sagt er: Wollen wir uns ein Glas Wasser herzaubern? Ja, sage ich. Ok,

du sagst ein Zauberwort, dann ich. Mein Zauberwort klingt wie Finnisch,

Ärekättönen. Seins heißt Lalula. Er beugt sich über den Bettrand und hebt

ein volles Glas Wasser in die Höhe. Wir trinken es gierig aus. Amir turnt

nackt auf dem Fensterbrett herum, stolz und geschmeidig wie ein Panther.

Er zieht die Gardinen auf, und die Sonne bringt seine Umrisse zum

Leuchten. Ich muss jetzt gehen, sage ich.

 

Ich mache Sportübungen und gucke VIVA Get the clip, und Amir ist schon

seit zwei Stunden online, als er mich endlich anchattet. Er schreibt: Ich

mache mir Sorgen, dass ich zu lieb zu dir war, du weißt schon. Ich lege

meine Finger auf die Tastatur, antworte aber nicht. Sie spielen ein Lied

von Diddy Dirty Money. Hieß der nicht gerade noch P. Diddy? Unter

dem Musikvideo läuft dieses Liebesbarometer-Programm. Man schickt

seinen Namen und den seines Partners als SMS und bekommt eine

Prozentzahl und eine Prognose. Gerade steht da: Anna und Falk, 10 %,

Falk liebt dich nicht, Anna. Er würde dich nicht mal nehmen, wärst du

die letzte Frau auf der Welt. Es kommt oft vor, dass das Programm nicht

erkennt, welcher Name männlich und welcher weiblich ist. Dann steht

da: Tobi wird Ja sagen, Jule. Frag sie endlich! Ich bewege meine Finger.

Ach, schon ok, tippe ich in die Tastatur. Amir schickt mir ein Muster aus

Grafik-Emoticons zurück. Ich erinnere mich, wie wir zusammen an der

Bushaltestelle gestanden haben und diese perfekte Schneeflocke neben

mir gelandet ist. Amir hat mich gefragt, ob ich mit zu ihm kommen würde,

und ich habe Ja gesagt. Wir warteten auf den Bus, und plötzlich nahm

Amir meine Hand und sagte: Ich bin aber kein Mann zum Heiraten. Ich

lachte. Sehe ich so aus, als würde ich jeden gleich heiraten wollen?, fragte

ich zurück, und Amir schüttelte den Kopf. Als wir in den Bus stiegen, fragte

ich: Bist du ein Hallodri? Amir überlegte kurz, dann nickte er. Später, in

seinem Bett, erzählte ich ihm, dass ich in letzter Zeit andauernd Männern

begegnete, die seit Jahren nicht geweint hatten und auch zu keinem

großen Hochgefühl fähig waren, so, als hätten sie gar keine emotionalen

Höhen oder Tiefen, sondern nur Mitten. Ich glaube, ich bin einer von

denen, sagte Amir. In der selben Nacht sagte er noch, dass es für ihn

nur Liebe auf den ersten Blick gebe, und wenn in diesem ersten Moment

nichts passiere, passiere es nie. Er schlafe mit keiner Frau öfter als ein

paar Mal, denn wenn der Reiz des Neuen vorbei sei und er keine Gefühle

habe, fühle sich jede Nähe nur noch so an, als würde er sein eigenes Herz

verarschen. Das ist drei Wochen her. Aber warum schläfst du dann immer

noch mit mir?, möchte ich fragen. Aber ich halte meine Finger still, und

zehn Minuten später ist Amir offline. Ich mache mir in der Küche einen Tee

und klopfe an Tims Zimmertür. Ja?, ruft Tim. Darf ich reinkommen?, frage

ich. Tim dreht sich auf seinem Schreibtischstuhl um. Gucken wir Arielle?,

frage ich. Gute Idee, sagt Tim, ich kann sowieso gerade nicht arbeiten. Wir

setzen uns eng nebeneinander auf Tims Couch und essen Süßigkeiten aus

angebrochenen Packungen. Das Lied, das Arielle in ihrer Schatzkammer

singt, singen wir laut mit: Sieh dich nur um, ist das nicht schön, hast du so

was denn schon einmal geseh’n? Wir können jeden Seufzer auswendig

und hauchen leise und mit brüchiger Stimme die letzte Zeile: Heute und

hier wünsche ich mir, ein Mensch zu sein. Am Ende des Films weine ich,

wie jedes Mal, und Tims Augen sind auch glasig. Als ich schon fast an

der Tür bin, fragt Tim: Wie geht es dir eigentlich? Ich drehe mich um. Ach,

nicht so gut, sage ich. Und dir? Auch nicht so gut, sagt Tim. Treffen wir uns

nachher in der Küche auf eine Zigarette? Ein paar Freunde von mir wollen

wahrscheinlich noch kommen, und Jessica ist wohl auch da. Gerne, sage

ich. Bis dann.

 

Tim und ich tanzen in der Küche zu Paul Kalkbrenner und warten auf die

Gäste und darauf, dass die Lasagne fertig wird. Wo ist eigentlich Hanna?,

frage ich. Ich habe sie heute schon wieder den ganzen Tag nicht gesehen.

Tim zuckt die Schultern. Sie kommt in letzter Zeit oft tagelang nicht aus

ihrem Zimmer. Ich frag sie dauernd, ob sie mit irgendwohin kommt, aber sie

kommt nie mit. Sie trifft auch immer nur die gleichen Leute. Ich mach mir

langsam echt Sorgen.

Als Erstes kommt ein Amerikaner, den Tim von früher kennt. Er gibt mir

die Hand. Claus, sagt er, like Santa Claus. Nacheinander kommen noch

zwei Freunde von Tim, einer ist Grieche. Es klingelt schon wieder. Tim

tänzelt zur Tür und nimmt den Hörer der Gegensprechanlage ab. Jessica?

Antjes Schritte kommen näher. Ich höre, wie sie Tim im Flur begrüßt.

Jessica! Dann kommt sie in die Küche. Jessica, ruft sie, du bist ja auch

da! Wir umarmen uns, und als die anderen komisch gucken, lacht Tim und

sagt: Wenn Antje zu Besuch ist, heißen wir alle Jessica. Ich schneide die

Lasagne an, Tim verteilt die Teller. Dann kommt auch Hanna und setzt sich

mit mürrischem Gesichtsausdruck dazu.

Später trinken wir Pfefferminzlikör und drehen die Musik lauter. Unsere

Sätze werden kürzer, fast alles, was wir sagen, sind Witze. Wir stoßen

auf das Leben an, auf diese Küche und darauf, dass ich hier eingezogen

bin, und Tim erzählt noch einmal die Geschichte, wie Hanna und er die

Namen der drei Kandidaten, die in der engeren Auswahl waren, auf

Facebook allen ihren Freunden geschickt haben, mit der Frage: Wer

wird der neue Mitbewohner? Fast alle waren für Adina, aber am Ende

haben sich die beiden doch für mich entschieden. Auf dich, sagt Hanna.

Auf uns, sage ich. Ich behalte den Likör so lange im Mund, bis sich der

Pfefferminzgeschmack überall ausgebreitet hat, erst dann schlucke ich ihn

herunter.

Ich unterhalte mich mit dem Griechen. Er erzählt mir von Athen, wo

Polizisten mit Gewehren an den Straßenecken stehen, von dem Essen,

das seine Mutter ihm kocht, wenn er zu Besuch ist. Er sei gerade für ein

paar Tage dort gewesen, und er habe bei der Rückkehr festgestellt, dass

Berlin keine Stadt zum Altwerden sei. Ich nicke. Es ist ein guter Ort, wenn

man zwischen zwanzig und vierzig ist, sage ich. This city is like a one-night

stand, sagt er. Like a love affair, sage ich. Like a love affair, sagt er, you

are so right. Einmal begegnen wir uns im Flur, als ich gerade aus dem Bad

komme und er ins Bad will. Er sagt: I like you, und dann fängt er an, mich

zu küssen. Ich habe nicht die geringste Lust dazu, aber ich will keine große

Sache daraus machen, also lasse ich es geschehen. Bevor er geht, fragt

er mich, wie ich heiße, um mich auf Facebook zu finden. Sorry, sagt er, I

am bad with names. Ich schreibe ihm meinen Namen auf einen Zettel, und

er gibt mir lächelnd die Hand.

Am Ende sind nur noch Hanna, Tim und ich da. Als alle Flaschen leer

sind, legen wir die traurige Musik auf und singen leise einzelne Wörter mit.

Draußen hat die Nacht ihr tiefstes Schwarz erreicht.

 

Ich wache auf, als Hanna gegen meine Tür klopft. Ja?, frage ich. Ich

habe Fisch gemacht, sagt sie. Du musst doch auch was essen. Wie spät

ist es?, frage ich. Kurz nach drei, sagt Hanna. Okay, sage ich, ich stehe

jetzt auf. Sie hat mir den Teller vor die Tür gestellt, ich setze mich auf den

Schreibtischstuhl und esse. Später beobachte ich, wann Amir online geht.

Tim chattet mich aus dem Nebenzimmer an: Kann ich mir eine Zigarette

von dir drehen? Klar, schreibe ich, komm rüber. Er klopft leise und tritt ein,

und ich sehe ihm zu, wie er geübt eine Zigarette dreht. Hast du Lust, heute

mit mir wegzugehen?, fragt er. Ich muss heute Abend jemanden finden,

wenigstens zum Knutschen. Ich fühle mich so einsam gerade, vielleicht ist

es der Winter. Ich kann einfach so schlecht allein sein. Was ist mit Peter?,

frage ich. Du meinst Martin?, sagt Tim. Ach, nichts irgendwie.

Mein Telefon klingelt. Amir fragt heiter, ob wir uns heute sehen. Ja, sage

ich, aber am Abend habe ich schon was vor. Dann komm doch jetzt gleich

vorbei, sagt er. Ich stehe auf und sage: Ich muss noch mal los. Amir?, fragt

Tim. Ich nicke.

 

Vor der Haustür ist die Welt feindselig wie immer. Ich nehme alles

persönlich, auch den Schneeregen, der mir in den Nacken fällt. Ungefähr

auf der Hälfte der Strecke kommt mir das Gesicht des Griechen in den

Kopf, der mich gestern geküsst hat, und ein Satz von Hanna: Du bist zu,

wie sagt man, gefällig. Nein, habe ich gesagt, ich habe einfach so viel

Verständnis. Und zu wenig Talent, auf dich selbst zu achten, erwiderte

Hanna. Ach, sagte ich, ich bin bloß nicht cool genug.

Amir öffnet lächelnd die Tür und nimmt mir die Jacke ab. Wollen wir ein

Bier mit meinen Mitbewohnern trinken?, fragt er. Wir setzen uns zu ihnen in

die Küche. Sie mustern mich, ich mache geistreiche Witze, und nach fünf

Minuten prosten sie mir zu und tätscheln meine Schulter. Amir steht abrupt

auf und sagt: Komm, gehen wir auf mein Zimmer.

Ich nehme ein Buch aus dem Regal und setze mich aufs Bett. Amir setzt

sich neben mich und faltet etwas aus Aluminiumfolie. Es wird ein Ring, er

schiebt ihn mir auf den Finger und lacht. Ich habe nachgedacht, sagt er.

Ich glaube, ich bin gar nicht beziehungsunfähig. Aber das hieße ja, dass

das nicht der Grund ist, warum du keine Gefühle für mich hast. Das hieße,

dass ich einfach nur die Falsche bin. Das ist wohl so, sagt Amir und nimmt

seine Gitarre auf den Schoß. Er spielt dasselbe Lied wie vorgestern: You

belong to me, you belong to me, you always belonged to me. Ich stelle mir

vor, dass er einen Ordner mit Liebesliedern auf seinem Rechner hat, für

gewisse Momente, so, wie er diesen Frauenschlafanzug neben dem Bett

liegen hat, nur für den Fall. Amir legt sich an mich und schiebt ein Bein

zwischen meine Beine. Eine Stunde lang bleiben wir so liegen. Dann sage

ich: Ich gehe jetzt. Ich weiche seinem Blick aus, der so eindeutig zu sein

scheint, und empfange seinen Kuss mit geschlossenen Augen.

 

Ich stehe im Spätverkauf, als ich eine SMS bekomme: Es war wirklich eine

angenehme Zeit mit dir. Bis dann, Amir. Ich schiebe das Handy zurück

in die Tasche und fühle mich seltsam erleichtert. Vor einem Zoogeschäft

bleibe ich stehen und zünde mir eine Zigarette an. Eine Schildkröte im

Schaufenster reckt ihren Hals und starrt mich an, ohne sich zu bewegen.

Keiner von uns lässt den Blick fallen. Ich gehe in den Laden und kaufe die

Schildkröte mitsamt Terrarium und trage sie nach Hause.

Als ich den Schlüssel im Schloss herumdrehe, höre ich, wie Hanna

und Tim in der Küche reden. Gerade sagt Tim: Aber sie macht sich

unglücklich, und Hanna sagt: Lass sie doch, wir sind doch alle nicht die

Glücklichsten. Ich schließe die Tür geräuschvoll, und Hanna und Tim

verstummen. Hallo, rufe ich. Hallo, rufen sie. Ich setze mich zu ihnen und

stelle das Terrarium mit der Schildkröte auf den Tisch. Tim beugt sich

vor und tippt gegen das Glas. Oh, ist die süß. Hanna lächelt. Ist die für

uns? Ich nicke. Sie hat noch keinen Namen. Ist es ein Er oder eine Sie?,

fragt Tim. Ich weiß es nicht, sage ich. Tim hebt sie vorsichtig heraus und

dreht sie auf den Rücken. Es ist eine Sie, sagt er. Wie wäre es mit Heidi?,

fragt Hanna. Nein, sage ich, da muss ich immer an die Fernsehserie

denken. Emma?, fragt Tim. So heißt meine Oma, sagt Hanna. Jenny?,

frage ich. Tussig, sagt Hanna. Warum nennen wir sie nicht einfach Frau

Schildkröte? Frau Schildkröte, sage ich, das gefällt mir. Mir auch, sagt

Tim. Wir stoßen an. Ich dachte, ich gehe heute Abend doch nicht weg,

sagt Tim. Wir könnten einen Film gucken, sage ich. Ja, sagt Hanna, da

wäre ich dabei.

 

Wir sitzen auf Tims Couch und schauen Der König der Löwen. Unsere

Knie berühren sich. Wir reichen die Weinflasche hin und her. Neben uns

auf dem Fußboden kriecht Frau Schildkröte langsam um ein auf dem

Boden liegendes Blatt Papier herum. Das Fernsehbild hat einen leichten

Blaustich. Wir singen mit: Und das Leben … ein ewiger Kreis. Als der Film

vorbei ist, sehe ich, dass Tim auch weint. Hanna ist eingeschlafen, ihr

Kopf liegt auf meiner Schulter. Tim und ich rauchen noch eine Zigarette.

Ich habe mir vorgenommen, eine Pause zu machen, sagt Tim leise. Ich

muss mal eine Weile für mich sein, glaube ich. Ich habe alle Kontakte

aus meinem Handy gelöscht, wo mir die Namen nichts mehr sagen.

Es ist still. Der Fernsehbildschirm leuchtet blau ins Zimmer. Hanna hat

mir heute erzählt, dass sie seit fünf Jahren in den Freund ihrer besten

Freundin verliebt ist. Krass, oder? Ja, krass, sage ich. Wir drücken unsere

Zigaretten aus. Das mit Amir und mir ist vorbei, sage ich. Ist es ok?, fragt

Tim und legt seine warme Hand auf meine. Ja, sage ich. Gut, sagt Tim.

Komm, wir tragen Hanna ins Bett.