Clemens Setz

Das Herzst├╝ck der Sammlung


Ein Dichter kann sich seinen eigenen Tod leicht vorstellen. Er braucht nur

zwei und zwei zusammenzuzählen. Allerdings – falls das Ergebnis am

Ende tatsächlich VIER sein sollte, hat er irgendetwas falsch gemacht.

Ernst Mauser, Tagebuch 1997–1999

 

For whatever we lose (like a you or a me)

it’s always ourselves we find in the sea.

e. e. Cummings

 

 

– Und da hinten schließlich das Spätwerk, sagte der junge Mann und

deutete auf ein langes Regal voller dunkler, teilweise zerfallener Bücher.

Der ganze späte Setz. Der Warteschlangen-Zyklus. Enkel und Asteroiden.

Alles aus seiner Nach-Meer-Periode. Aus der Vor-Meer-Periode haben wir

nur die Romane, die meisten anderen Sachen von damals sind verloren.

Aber wir haben immerhin einige seltene Exemplare von seinem längst

vergriffenen Kinderbuch Miau, die kleine Totenglocke.

– Glocke, aha.

Die Frau, die ihm folgte, sprach sehr langsam und mit unmodulierter

Stimme, als hätte sie Mühe bei der Aussprache. Unpassend zu ihrer

eleganten Lederjacke, trug sie einen kurzen Rock und Turnschuhe, die

wie kleine aufgeplusterte Tiere aussahen. In ihrer Hand hielt sie einen

weißen Kugelschreiber und hin und wieder ließ sie ihn durch die Finger

gleiten. Als sie an einem großen Metallschrank vorbeikamen, legte sie

den Kugelschreiber darauf und beachtete ihn nicht weiter.

– Und hier haben wir das Allerheiligste, sagte der junge Mann und

tat so, als spucke er nach Handwerkerart in seine Hände. Voilà, der

Zettelkatalog.

– Wie nennen sie ihn?, fragte die Frau.

- Nein, ich habe nur gesagt Voilà. Das heißt so viel wie Hier oder Bitte

sehr. Eine abgeschwächte Form von Dadada-DA-da-DA!

Die Frau lachte unsicher, wie ein Kind, das einen Erwachsenenwitz nicht

verstanden hat, und sah zu Boden. Dort standen ihre Turnschuhe, bunt

und dick. Sie stellte sie, als fahre sie Pflugski, und wippte auf und ab.

– Ach so, ich hab geglaubt, Sie haben dem Schrank vielleicht einen

Namen gegeben, sagte sie und blickte mit etwas belämmertem

Gesichtsausdruck zu ihm auf.

Der junge Mann fragte sich – bereits zum dritten Mal an diesem

Nachmittag –, ob sie nicht vielleicht betrunken war oder wenigstens unter

dem Einfluss irgendwelcher Substanzen stand. Er wischte sich mit dem

Ärmel den Schweiß von seiner Wange – die Führung durch das Archiv

dauerte nun schon eine halbe Stunde – und bedeutete der Frau, ihm

in den nächsten Raum zu folgen. Dort befand sich ein Tisch mit einer

großen Kaffeemaschine. Ein paar ungemahlene Kaffeebohnen kugelten

auf dem Fußboden herum.

– Da Sie vermutlich der letzte Besucher sind, sagte er und korrigierte sich

gleich: die letzte Besucherin, lade ich Sie vielleicht zu einem Kaffee ein,

was sagen Sie?

– Gern, sagte die Frau. Die Auflösung der Sammlung … ist also

unumkehrbar?

– Unum … Na ja, sie ist definitiv, würde ich sagen. Es war ja von Anfang

an eine Schnapsidee, aber immerhin habe ich jetzt von sehr vielen

Leuten die Bestätigung bekommen, dass ich meine Arbeit so gut gemacht

habe, wie es nur gegangen ist. Das tröstet ein wenig.

– Und wo kommen diese ganzen Dinge jetzt hin?

– Na ja, es ist ja Gott sei Dank nicht so, dass alles verbrannt –

Bei diesem Wort zuckte die Frau zusammen und zerknüllte dabei aus

Versehen ihren noch leeren Kaffeebecher. Der junge Mann nahm ihn ihr

sanft aus der Hand, warf ihn weg und gab ihr einen neuen.

– Alles bleibt natürlich bestehen, sagte er. Bloß an einem anderen Ort

und nicht mehr mit mir als Betreuer, sondern als Teil einer größeren

Bibliothek, einer privaten Sammlung.

– Wer?, fragte die Frau.

– Das … Ich weiß nicht, ob ich das sagen darf, ich meine … Es ist

natürlich kein Geheimnis oder so irgendetwas, aber …

– Schon in Ordnung, sagte sie.

– Ein privater Sammler. Mehr kann ich nicht sagen.

– Okay.

Der junge Mann öffnete mit den Fingerspitzen einen weißen Kaffeefilter,

bildete daraus einen hübschen, breiten Schnabel und pflanzte ihn in den

Nähmaschinenkopf der Kaffeemaschine. Dann füllte er Wasser aus einer

Flasche und etwas Kaffeepulver ein.

– Und sind Sie jetzt enttäuscht deswegen?, fragte die Frau.

– Ach, na ja.

Der Mann legte den Stromschalter um. Die Kaffeemaschine erwachte

schnaubend und knurrend aus ihrem Schlaf, der – der Staubschicht nach

zu urteilen – sehr lange gedauert haben musste. Aus ihrem metallenen

Rüsselchen kam ein einsamer brauner Tropfen und platzte auf die blanke

Oberfläche des Tisches. Ein fiebriges Glühen erfüllte den Stromschalter,

das eingravierte Wort POWER flackerte und flimmerte unregelmäßig.

Dann wurde er plötzlich dunkel.

– Was denn jetzt wieder, sagte der junge Mann und tippte mit dem

Zeigefinger auf den toten Schalter.

Er bewegte ihn hin und her. Nichts geschah.

– Tut mir leid, sagte er zur Maschine.

– Ist schon in Ordnung, sagte die Frau. Perfektes Timing, oder?

Der Mann atmete tief aus und drehte sich zu ihr um.

– Das Timing ist irgendwie immer perfekt, murmelte er, finden Sie nicht

auch?

– Wie?

– Ach, egal. Außerdem hat diese Kaffeemaschine noch nie richtig

funktioniert, sagte er mit einem Kopfschütteln. Na ja, gehen wir halt

wieder zurück …

Er ging voran. Sie folgte ihm. Seine Schuhe machten beim Gehen

schmatzende Geräusche, während ihre völlig lautlos waren.

Zurück im sogenannten Empfangszimmer, das aus dem einfachen

Grund so hieß, weil es das erste Zimmer war, das ein Besucher betrat,

setzte sich der junge Mann kurz hinter seinen Schreibtisch (der aus

ähnlichen Gründen Empfangstisch genannt wurde) und wühlte in einer

großen Schublade. Er hätte es beinahe vergessen. Er sah auf die Uhr.

Tatsächlich, schon so spät. Die Frau sah ihm bei seiner Arbeit zu, dann

wurde ihr langweilig und sie schaute aus dem Fenster.

– Steht dieses Hochhaus schon lange da?, fragte sie.

Der Mann raschelte zu Ende, dann blickte er auf, seine Hand steckte

immer noch in der Schublade, und er sagte:

– Nein, erst seit Kurzem. Dieser elende Betonklotz …

Die Frau trat näher ans Fenster und stützte sich mit den Händen

aufs staubige Fensterbrett. Auf ihrem Hintern spannte sich der Stoff

ihres Rocks. Eine einzelne horizontale Falte blieb bestehen, wie ein

geschlossenes Augenlid. Der junge Mann zog die Lippe unter die

Schneidezähne und atmete ein und aus.

– Ich mag Hochhäuser, sagte die Frau. Man hat immer das Gefühl,

es könnte sich alles Mögliche hinter ihnen befinden. Wüsten. Meere.

Reiterarmeen. Eben Dinge, die unbemerkt näher kommen, während man

nur das Haus anblickt.

– Es frisst hauptsächlich das Licht, sagte der junge Mann. An bestimmten

Tagen steht die Sonne den ganzen Nachmittag hinter diesem hässlichen

Monolithen. Äh, dem Monolith. Oder, wie … dem Monol …

Er drehte den Kopf zur Seite, zwinkerte nachdenklich. Wie hieß der dritte

Fall von Monolith? Monolith, Monolithen. Doch je öfter er das Wort leise

für sich wiederholte, desto sinnloser wurde es. Er blickte wieder auf die

Frau, die in der Zwischenzeit eine Hand auf die Fensterscheibe gelegt

hatte, eine Geste, die an Sehnsucht erinnerte.

Endlich fand er in der Schublade, was er gesucht hatte. Eine Türklinke,

weißgolden und schwer, hockte unter einem Stapel Briefpapier. Er

bewahrte sie immer hier auf, musste aber jedes Mal wieder nach ihr

suchen, weil sie, wenn die Schublade geschlossen war, auf eigene Faust

darin umherwanderte und sich unter allerlei nebensächlichen Dingen

verbarg. Er nahm sie und steckte sie ein.

Als er aufstand, drehte sich die Frau wieder zu ihm um. Er erwartete, dass

sie sich nun verabschieden würde. Mehr hatte das Archiv beim besten

Willen nicht zu bieten. Das Sonnenlicht lag, in fächerförmige Streifen

zerschnitten, im Zimmer.

– Vielen Dank für die Führung, sagte die Frau.

Der junge Mann nickte erleichtert.

– Jetzt habe ich wirklich das Gefühl, fuhr sie fort, dass ich mich hier

bereits ein wenig auskenne. Danke. Ich komme dann allein zurecht.

Sie ging an ihm vorbei ins nächste Zimmer, wo ein Haufen alter

Zeitschriften und ein paar zerfallene Erstausgaben lagerten, und stellte

sich zwischen den metallenen Regalen auf, beide Hände in die Hüften

gestemmt, als erwarte sie demnächst einen Wink, in welche Richtung sie

laufen sollte.

Der junge Mann folgte ihr. In Gedanken bereitete er einen äußerst

höflichen Satz vor, der die Frau auf die Öffnungszeiten hinwies, die schon

um etliche Minuten überschritten waren. Als er näher kam, bemerkte er,

dass die Muskeln auf ihrem Rücken sich bewegten. Sie trug sehr enge

Kleidung, das war ihm schon bei der Begrü.ung aufgefallen. Etwas

verwirrt starrte er auf ihre Schulterblätter.

– Ich …, begann er.

Sie ignorierte ihn. Sie nahm eines der Bücher in die Hand und blätterte

darin. Auf dem Umschlagbild sah man einen Mann mit Brille und

Dreitagebart, der einer altmodischen Bibliotheks-Leselampe einen

Ausschnitt aus seinem neuesten Buch vorlas. Und obwohl es eine

Schwarzweißaufnahme war, konnte man erkennen, dass das Buch

genau jenes war, das die Frau in der Hand hielt. Eine merkwürdige

Endlosschleife, wie die schwindelerregenden Spiralen rückgekoppelter

Kamerabilder.

Lächelnd legte die Frau das Buch zurück.

– Und Sie haben das alles im Alleingang bewerkstelligt, sagte sie.

Das letzte Wort sprach sie so langsam aus, dass der junge Mann sich

zuerst gar nicht angesprochen fühlte.

– Äh, nein, sagte er. Natürlich nicht. Allein geht so was nicht. Da braucht

es Leute, die Räumlichkeiten zur Verfügung stellen und einem das

Recht einräumen, die Unmengen von Papieren, die dieser Mensch

vollgeschrieben hat, zu sichten und dann natürlich systematisch

durchzulesen und –

Er brach ab, weil die Frau sich in ein anderes Buch vertieft hatte. An ihren

Lippenbewegungen sah er, dass sie las.

– Aber ich bin zumindest derjenige, der immer hier ist, sagte er. Oder war,

je nachdem. Aber wissen Sie …

Mit großer Geste hob er den Unterarm und sah auf die Uhr, in der

Hoffnung, die Frau würde es bemerken. Aber natürlich ließ sie sich nicht

aus der Ruhe bringen. Ihre Lippen buchstabierten einen Satz zu Ende. Ihr

Gesicht verzog sich zu einem kindlichen Lächeln.

– Hihi, sagte sie. Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis. Hat er das

geschrieben?

– Ich fürchte nicht, sagte der junge Mann und bückte sich, um zu sehen,

welches Buch die Frau genommen hatte.

– Aber es geht ja noch weiter, sagte sie. Stockend und mit dem

Zeigefinger der Zeile folgend las sie langsam vor: Alles Vergängliche ist

nur ein Gleichnis. Aber wofür? Für noch mehr Vergängliches. Haha …

Ihre Stimme war immer leiser geworden. Nicht einmal richtig lesen kann

sie, dachte der junge Mann und spürte, wie ihm noch heißer wurde. Zur

Beruhigung griff er in seine Hosentasche und umklammerte die Türklinke.

Das kühle Metall in seiner Hand verlieh ihm ein wenig Mut und er sagte:

– Ja, also … Leider sperren wir dann ab, so leid es mir tut …

Die Frau blickte zu ihm auf. Der lesende Zeigefinger blieb mitten auf der

Seite stehen.

– Schade, dass Sie nicht früher vorbeigekommen sind, sagte er. Ich

meine, schade, weil das der letzte Tag sein wird … Aber ich vermute,

dass die ganzen Notizbücher und Papiere bald wieder öffentlich

zugänglich sein werden. Sicher sogar. Wie gesagt, der private Sammler

hat …

Die Frau verschränkte beide Arme vor der Brust, obwohl ihr Finger

immer noch im Buch steckte. Der junge Mann sah entschuldigend zur

Zimmerdecke und zuckte mit den Schultern.

– Ich habe Ihnen alles gezeigt, sagte er. Aber leider …

Er deutete vage im Kreis herum, als wollte er sagen: die Umstände, die

widrigen Umstände. Die Frau zog den Finger aus dem Buch, die Wunde

der weißen Buchseiten verheilte sofort und sie stellte das Werk zurück ins

Regal. Da es auf einer Seite keine Nachbarbücher hatte, fiel es sofort um.

– Natürlich nicht, sagte sie.

– Was?

– Natürlich nicht, wiederholte sie. Nicht alles.

Der junge Mann schaute sie so verständnislos an, wie es nur ging, aber

er konnte ihrem Blick nicht standhalten. Der Blick ließ seine Gesichtszüge

schmelzen und er begann zu weinen.

– Ich, ich …, schluchzte er und hielt sich eine Hand vors Gesicht, die

angenehm nach dem Metall der Türklinke roch. Es ist doch nur … zu

seinem eigenen …

Die Frau war ganz nahe an ihn herangekommen. Sie nahm sein

bebendes Kinn zwischen zwei Finger. Er versuchte zu nicken, aber es

ging nicht, sie hielt ihn fest.

 

Er knüllte das feuchte Taschentuch zusammen und steckte es ein. Er

dachte an die vielen Tage, die er hier allein verbracht hatte, die Zeit

totschlagend mit Papierfliegern aus unleserlichen Zetteln und einsamen

Yogaübungen auf dem Empfangstisch.

Die Frau und er gingen jetzt durch den Raum mit der dahinvegetierenden

Kaffeemaschine. Hier hingen an den Wänden einige Werkzeuge:

Schraubenschlüssel, Hämmer, Drahtspulen und Sägeblätter in

verschiedenen Größen, wie das bizarre Essgeschirr einer außerirdischen

Zivilisation. Am Ende des Raumes befand sich eine hohe, unbeschriftete

Tür, die man für auf die Wand gemalt hätte halten können. Der Mann

holte die Türklinke aus seiner Tasche und schraubte sie auf ein kleines,

viereckiges Metallstück, das aus einem Loch in der Tür hervorstand.

Vorsichtig betätigte er die Klinke, ein Klicken wie beim Brechen eines

Wunschknöchelchens war zu hören und ein dämmeriges Zimmer öffnete

sich vor ihm. Der Geruch von allerlei Menschlichem schlug ihm entgegen

und er atmete durch den Mund.

– Herr Setz?, rief er mit sehr leiser Stimme.

Im Halbdunkel regte sich eine Gestalt, die in einem großen gelben

Gitterbett lag, welches unterhalb eines kreisrunden, mit weißen Ziegeln

verbauten Fensters stand. In einer Ecke des Zimmers, an der Stelle, wo

sonst bisweilen ein Kreuz hängt, befand sich ein kleiner Lampion, der

ein lachendes Gesicht trug und der von einer sehr schwachen Glühbirne

mit melancholischem Licht ausgefüllt wurde. Sonst war der Raum über

und über mit größtenteils beschädigten oder verbogenen Regenschirmen

angefüllt. In einer Ecke plätscherte ein kleiner Zimmerbrunnen, der wie ein

Strandabschnitt modelliert worden war, mit winzigen Umkleidekabinen und

einem noch winzigeren Sonnenuntergang am fingerbreiten Horizont.

– Herr Setz, wiederholte der junge Mann. Ich wollte Ihnen nur sagen, dass

wir dann abschließen.

Ein Grunzen war zu hören und eine Hand, die eine Füllfeder hielt, erhob

sich aus dem Bett, fiel aber gleich wieder zurück auf die weiche, federnde

Matratze.

Maah, sagte die Gestalt sehr leise.

Es war die Stimme eines Greises. Das Bett knarrte. Der junge Mann fühlte

sein Herz schlagen.

– Ich schalte dann das Meer am besten auch aus, Herr Setz, sagte er mit

einem leichten Zittern in der Stimme und machte einen vorsichtigen Schritt

in den Raum, in Richtung Zimmerbrunnen.

– Nein, lassen Sie ihm das Meer, sagte die Frau. Lassen Sie es

eingeschaltet.

Und sie legte ihm von hinten eine Hand auf die Schulter.

Maah, bestätigte die Gestalt im Bett.

 

Als die Tür geschlossen, die schweißnasse Klinke abgepflückt und der

Hals des Schlüssels zweimal umgedreht worden war, gingen sie zurück.

Die Frau schwebte auf ihren Turnschuhen dahin, streifte nirgends an

und gab auch sonst kaum einen Laut von sich. Der junge Mann musste

andauernd an den Blick des verwitterten Greises denken, der ihm in der

Dunkelheit begegnet war. Der private Sammler wird, sagte er sich immer

wieder. Der private Sammler wird schon. Der unfertige Satz brachte ihm

ein wenig Beruhigung.

– Hat er etwas gesagt?, fragte die Frau.

Der Mann räusperte sich ausführlich, obwohl es da nichts zu räuspern gab.

– Na ja, sagte er, er hat sich kurz aufgerichtet, glaub ich, und nach seiner

Brille getastet. Er hat mich mit Sicherheit für den Postboten gehalten.

– Den Postboten?

– Und gestrahlt hat er, sagte der junge Mann etwas wehmütig. Übers

ganze Gesicht. Er liebt es, wenn er Briefe bekommt, müssen Sie wissen.

Sie gingen schweigend nebeneinander her und kamen zum

Empfangstisch, auf dem ein kleiner Umzugskarton stand. Ein zur

Hälfte aufgeschlagener Terminkalender ragte aus einem Müllkorb. Die

Schublade präsentierte immer noch breit grinsend ihren Inhalt. Als sie

bei der Eingangstür angekommen waren, drehte sich die Frau um, ließ

ihn stehen und ging zurück zum Eingang des zweiten Raumes. Sie

zog ihre Lederjacke aus und legte sie sich über einen Arm. Sie trug ein

helles T-Shirt, auf das ein Bild von ein paar Palmen an einem stillen

Meeresstrand gedruckt war.

– Wahrscheinlich wird er bald merken, sagte der junge Mann, dass keine

Post mehr kommt. Er ist ja nicht dumm, was das betrifft.

– Sperren Sie gut ab, sagte die Frau. Um den Rest kümmere ich mich.

Ihre zierliche Hand wanderte auf einen der Lichtschalter und blieb dort,

bis der junge Mann die Tür aufgemacht, das Archiv verlassen und es

von außen abgesperrt hatte. Ein leises Klicken aus Plastik war zu hören,

dann lagen die drei Zimmer, die Umgebung und das große monolithische

Bürogeb.ude am anderen Ende der Straße in völliger Dunkelheit da.