Antje Rávic Strubel

Hotel Advokat


Sie ging zuerst an die Minibar. Dann sah sie die Preisliste und machte die

Minibar wieder zu. Auf dem Kopfkissen lag ein frischer Apfel. Auf dem

Nachttisch der schmale Gedichtband zum Mitnehmen.

Sie hatte ein Hotelzimmer gebucht, das sie sich nicht leisten konnte. Sie

öffnete ein Fenster, das keine Aussicht hatte.

Im Nebenzimmer hatten sie Sex.

Nur der Apfel war eine (allerdings fragwürdige) Einladung. Unter seiner

Hochglanzschicht zeigte sich das Einstiegsloch einer Made.

Christiane pulte die Schnürsenkel auf, zog die Schuhe aus und legte sich

quer. Sie hatte seit Tagen nicht mehr gelegen. Sie war auch nicht mehr

verliebt. Nur ein bißchen verschwommen im Kopf. Als wäre ihr Kopf ein

Glas, in das jemand Wasser aufgoß bis an den Augenrand.

So fühlt sich ein Kopf an, der versucht, mit einem Flug über den Atlantik

mitzuhalten, der kaum einen Tag zurückliegt, dachte sie. Nicht jeder Kopf,

dachte sie, nur meiner.

Dann klingelte das Telefon. Es klingelte eine ganze Weile. Sie hob

vorsichtig den Kopf in Richtung Tür, als gäbe es zwischen dem

Telefonklingeln und der Tür einen Zusammenhang. Der Apfel rollte gegen

ihre Kehle.

Als Kind hatte sie sich oft gewünscht, jemand anders geworden zu sein,

wenn über dem Abspann im Kino das Licht anging. Durchgeschüttelt.

Fallengelassen und ausgetauscht. Aber das hier war nur ein Hotelzimmer.

In das hinein ein Telefon ununterbrochen klingelte. Wo klar war, daß

niemand hinter der Tür stand und es niemanden gab, der sie hätte

anrufen können, die Dame an der Rezeption ausgenommen - Not I.

Was lächerlich war.

Als das Telefon zum zweiten Mal anfing zu klingeln, nahm sie ab.

Hello?“

Haven´t you heard anything?“ fragte unverkennbar die Rezeptionsdame. Sie war zu jung für diese Art Hotel. Sie bemühte sich zu sehr, korrekt zu

sprechen.

Yeah. You´ve called me before.“

„Nein, ich meine Mrs. Meldorf. Die alte Dame aus Hamburg. Es ist ihre

letzte Nacht bei uns, und sie macht Lärm unten in der Halle. Sie sagt, es

wäre eine Party. Die aber nicht angemeldet ist.“

„Tut mir leid.“

„Ich habe die Polizei gerufen.“

„Warum, fürchten Sie sich?“

„Nein, ich habe ja die Polizei gerufen.“

„Aha“, sagte Christiane und betrachtete das Loch im Apfel. „Warum

erzählen sie mir das dann?“

„Ich wollte Sie nur darüber informieren, und ich bin ganz allein hier,

und was würden Sie denn an meiner Stelle tun,“ sagte die Stimme

überakzentuiert.

„Mitfeiern!“ Aber bevor sich die Rezeptionsdame künstlich am anderen

Ende des Telefonhörers hochschrauben konnte, sagte Christiane: „Wo

Sie mich schon angerufen haben; könnten Sie mich morgen früh um acht

wecken?“

Christiane lag auf dem Rücken. Wenn sie die Augen zumachte, sah

sie den goldenen Streifen, mit dem auf der rechten Flugzeugseite die

Sonne aufgeleuchtet hatte. Das Aufleuchten der Sonne hatte den ganzen

Flug über nicht nachgelassen. Die Sonne hatte aufgeleuchtet und

aufgeleuchtet und -

Sie machte die Augen nicht zu.

Sie stand auf, ging auf Strümpfen über den unglaublich weichen Teppich

noch einmal hinüber zur Minibar und vergewisserte sich, daß der Whisky

wirklich so teuer war. Dann ließ sie die Jalousie runter, draußen fing es an,

dunkel zu werden.

Wie dreißig Stunden zuvor auch. Es hing der gleiche fahle Streifen am

Horizont, dabei lag der Horizont auf der anderen Seite des Atlantik.

Dreißig Stunden zuvor war eine Tür zugefallen, eine andere tat sich

auf, Flughafengeräusche, Airportbetrieb, nur die Straßen würden

danach dieselben geblieben sein, die Stechpalmen auch. Unter

dem aufsteigenden Flugzeug ging das Land in die Schräglage, der

ganze gewienerte Küstenverlauf, die hellblauen Swimmingpools der

Hollywoodhills, die von oben aussahen wie vom Himmel gefallener Putz.

In die Schräglage gingen auch die letzten fünf Jahre, plus minus null und

ein Journalistenvisum, auf dem immer schon der Abflugtermin stand.

„Freitag!“ hatte jemand gerufen, hochaufgerichtet unter der Sonne wie

in diesem oder jenem Film. „Freitag!“ rief Denys Finch Hatton auch Tanja

Blixen zu, Tanne genannt, aber sein Flugzeug stürzte ab, bevor es Freitag

geworden war, irgendwo in der Serengeti.

„Freitag!“, rief sie, als wäre das übermorgen, als lägen nicht fünftausend

Meilen dazwischen, blond und mit Kurzhaarschnitt, vielleicht verliebten

sich alle zuerst in ihre Höhe, in diese beachtliche Körpergröße. Eine Frau,

die einszweiundachtzig war, mußte angehimmelt werden; ein dämlicher

Witz (Christiane ging fast in die Knie, sie brauchte unbedingt was zu

trinken).

Venice Beach und Perückenpalmen taugten nur noch für eine Woge aus

Alkohol, auch der Pier und wie sie bis an seine Spitze gelaufen waren,

Hand in Hand, als ginge es zum Altar, aber heiraten, hatten sie kurz vorher

in den Nachrichten gesagt (es war ein konservativer Sommer), heiraten

werden die nicht. Der Kuß am Ende vom Pier, wo nur noch Kälte war und

stiebendes Meer, und Christianes Lachen, das von einer Träne kam, die

der Wind ihr ins Ohr trieb, was kitzelte.

Sie erinnerte sich sehr gut an die Farbe des Wassers unter den stählernen

Pfosten des Piers. Das Wasser hatte ausgesehen wie manchmal die

Schatten vom Weinglas auf einem vertrauten nackten Bauch.

Die Erinnerungen waren klar und noch nicht durch mehrmaliges Benutzen

verfälscht worden, und immer noch nahm Christiane Telefonanrufe aus

Versehen in Englisch entgegen.

Alles war in Ordnung.

In der Lounge gab es kostenlos Sherry.

In der Lounge saß die Witwe Meldorf mit behandschuhten Händen, die

das einzige Weiß an ihrem sonst schwarz gekleideten Körper waren.

Sie hatte einen Jungen dabei, der vor Freundlichkeit Flecken auf der

Stirn bekam. Christiane stellte sich vor, im Alter der Witwe zu sein und

von dort aus zurückzugucken zum Pier, zum dahinter abfallenden Land,

dieser Landschaft mit Frau, auf der Suche nach einem Zeichen (ein

stürzender Bussard, ein falscher Schritt auf die Teerstriche zwischen den

Gehwegplatten); nach einem Hinweis auf den Wendepunkt im Leben,

nach dem erstmal nichts kam.

Ein blankgespülter Strand. Himmel ohne Licht. Leere Bikinis (eine Zeile

aus dem Nachttisch-Band).

Jede Menge Nichts, und danke (!), danach vielleicht ein

zivildienstleistender Junge, der einen mit schwitzenden Händen auf dem

Weg ins Grab stützte. Christiane sah auf die Uhr. Statt sich etwas vorzustellen, hatte sie nur das

ungleiche Pärchen da unten in der Lounge gesehen. Beim Einchecken

hatten sie sich aufgeführt wie Verliebte. Das wirkte billig wie jedes

vorhersagbare Verhalten (und ähnelte doch unverkennbar dem eigenen

nur wenige Stunden zuvor).

„Freitag!“ rief Denys Finch Hatton, während ihr Körper auf der Rolltreppe

immer kürzer geworden war, und gewinkt hatten sie, als würden sie sich,

statt sich zu verabschieden, gerade auf den Weg zueinander machen.

Stattdessen der letzte Kuß und noch einmal liebevoll Tanne (zuerst

Ausdruck ironischer Distanz, später Kosename für beide).

Im Flugzeug hatte Christiane Tomatensaft getrunken, während im Fenster

permanent die Sonne aufleuchtete. Schlafen konnte sie nicht. Aber sie

liebte und saß auf einem Fensterplatz.

Alles war in Ordnung.

Am Schalter in Frankfurt mußte sie wegen einer Nachlässigkeit des

amerikanischen Reisebüros erneut einchecken. Am Schalter in Frankfurt

sagte sie: „Munich“.

Die Dame vom Bodenpersonal war gerade dabei, die Schildchen an ihrem

Gepäck festzuzurren, das auch neu eingecheckt werden mußte.

Christiane sagte: „Munich. I need to go to Munich.“

But your ticket says Berlin.“

Munich“, sagte sie, „didn´t I make myself clear?“

Christiane hatte seit vierundzwanzig Stunden nicht geschlafen. Aber

das spielte keine Rolle, der schlaf ist ein leerer bruder, er zeigt uns im

rückspiegel, klarer als wir je gewesen sind, auf (irgend)einer autobahn, das

radio abgeschaltet, die ganze nacht auf glatteis - (dasselbe Gedicht aus

dem Nachttisch-Band, der Autor hieß Gumz, was Christiane sich merken

wollte).

Am Schalter in Frankfurt hatte sie sich sehr deutlich sprechen gehört,

keine Verschleifungen, sie war korrekter als je zuvor, jedenfalls, was das

Englisch betraf.

„Okay“, sagte die Dame am Schalter. „Wir machen hier jetzt keinen Streß.

Sie haben einen Flug nach Berlin gebucht, aber jetzt wollen Sie nach

München, richtig? Gut. Sekunde bitte. Ich muß das mit dem Chef klären.“

Und der Chef, der anzüglich fragte: „Warum sollte jemand, der nach Berlin

bucht, plötzlich nach München wollen?“

Als Christiane in der Boing Richtung München saß, auf Höhe der

Tragfläche und hinter einer Frau, die nicht älter sein konnte als Tanne,

dachte sie: Nicht jemand. Nur ich.

Sie kam nicht drauf.

Sie lag rücklings auf dem Bett. Die Bettwäsche war steif. Es war

unmöglich, einen Duft in sie hineinzuphantasieren, die Erinnerung an

ein leichtes Parfüm, das vielleicht nur eine Gesichtscremé war, an den

Mandelgeruch des Haars.

Dann dachte sie ausführlich an diese Frau, die Richtung München im

Flugzeug vor ihr saß, als wäre das die einzig vernünftige Beschäftigung

für den Rest der Nacht.

Das war es auch, weil der Whisky genauso teuer war, wie Whisky in dieser

Art Hotel war.

Nebenan hatte der Sex aufgehört.

Unten lief die Party. Die hohen Töne der Witwe Meldorf waren bis ins

Zimmer hinauf zu hören. Vielleicht war auch der Sherry längst alle.

Sie fischte ihre Schuhe vom Boden.

Auf dem Flur war niemand.

Der Österreicher nebenan hatte das `Bitte nicht stören´- Schild an

die Türklinke gehängt. Sie ging auf Zehenspitzen daran vorbei. Der

Österreicher war einer von denen, die beim Frühstück die Gabel auf

Kante legten.

Aber wäre sie im Kopf dieses Österreichers gewesen, wäre sie nach

Berlin geflogen und nicht nach München. München war eine Stadt für

Fortgeschrittene. Es gab keinen Grund hier zu sein. Sie hätte nicht in

einem Hotel eingecheckt, das sie nicht bezahlen konnte. Sie hätte sich als

erstes um Kontakt zu ihrem Sender gekümmert.

Um einen Anruf in L.A. Bin da, alles gut, keine Sorge, ich vermisse dich

(was die Wahrheit war und nicht im Gedichtband stand).

Sie wäre einer Fremden nicht erst durch den Zoll und die Flughafenhalle

und dann in die U-Bahn gefolgt. Sie wäre ihr nicht in ein Hotel

nachgegangen, das aussah wie ein Designerstudio, und hätte sie nicht

auf Englisch angesprochen, ohne zu wissen, was sie überhaupt sagen

wollte. Aber mit dieser Frau im Flugzeug von Frankfurt nach München

vor ihr, hatte es den Eindruck gemacht, als gäbe es für ihre Entscheidung

einen vernünftigen Grund.

Munich, dachte sie. Warum nicht gleich Kairo oder Buenos Aires oder

Nowosibirsk?

Hello, Mrs.- Sorry. I´m Ines, you remember?“ Die Treppe zur Lounge,

falscher Mamor, weiß und abgeflacht, die Fremde stand, die Daumen

in einen breiten Gürtel gehakt, am oberen Absatz. Im Flugzeug hatte

Christiane sie nicht weiter angesehen, auch auf der Straße nicht, oder im Hotel, wo sie an der Tür gewartet hatte, bis diese Fremde, nachlässig

und unwahrscheinlich jung (und seit soeben also Ines), im Fahrstuhl

verschwand.

Ines.

Sie war kein Grund, hier zu sein. Sie trug Hüfthosen, die ihre Knochen

unvorteilhaft betonten. Sie war fast anämisch, nicht groß, sie hatte

mehlbraunes Haar.

„Christiane. Sie können auch deutsch mit mir sprechen.“

„Ach. Sie sprechen deutsch?“ Ihr Parfüm war heftig, kostbar und

stark, ein teures Parfüm (mit ein bißchen Geduld hätte sich vielleicht

überzeugend darstellen lassen, daß sie dieser Frau wegen ihres Parfüms

gefolgt war).

„Es klingt doch deutsch, oder?“

Natürlich, dachte Christiane, es war nur ihr Kopf, der immer noch nicht

mitkam. Als wäre ihr Kopf ein Glas. Und jetzt war gerade jemand dabei,

es auszutrinken.

Ines lächelte, sie tat gewitzt, klar, daß man als Jüngere immer überlegen

ist, hatte Tanne gesagt, man gewinnt ja viel schneller an Tempo.

Im Moment raste die Umgebung, zogen die Witwe mit ihren weißen

Plastikhandschuhen und der kostenlose Sherry und die hochgeschraubte

Dame von der Rezeption mit einer Düsenjetgeschwindigkeit an Christiane

vorbei.

Zurück blieb eine Frau in Hüfthosen, die lächelte, daß einem das Lächeln

wehtat. Nicht einem, dachte Christiane. Sondern mir.

„Hey, warten Sie. Wollen Sie nicht was trinken? Geht auf Kosten der alten

Dame da.“ Ines flüsterte. „Da sitzt richtig Kohle. Was man ihr gar nicht

ansieht in dieser Scheißkleidung.“

„Kennen Sie sie?“

„Kennen?!“ Ines war lässig, sie warf den Kopf zurück, was die Witwe

veranlaßte, nach ihrem Jüngling zu greifen. Sie zog ihn zu sich herunter

und hielt ihre Wange an sein Ohr. „Ich habe die letzten sechs Jahre mit

der verbracht und mit ihr´m Mann, Mr. Obercool, jedenfalls solange er

gesund war.“

Christiane ließ sich von Ines zu einem Tisch in der Ecke führen, wo der

Sherry stand. Es waren noch mehr Flaschen da. Und Erdnüsse und

Eiswürfel in einer Kühlbox und sorgfältig gefaltete Servietten.

Sie tat, als müßte sie sich entscheiden. Dann ließ sie sich von Ines einen

Whisky mit Eis machen, weil Ines das Hantieren mit den Flaschen zu

gefallen schien, Tanne jedenfalls hätte es gefallen (so begannen schon

Vergleiche die Erinnerung zu ersetzen).

Fast alle Gäste in der Lounge standen. Es gab ein paar Sitzgelegenheiten

aus weißem Leder, die aber so weit

voneinander entfernt waren, daß man sich nur entweder unterhalten oder

getrennt voneinander in ihnen sitzen konnte.

„Wir können versuchen, ob wir zu zweit da reinpassen“, sagte Ines. „Ich

habe ihr gleich gesagt, was für eine Scheißidee, das ausgerechnet hier

zu machen.“ Sie warf ein Bein über die Armlehne, schlenkerte es, bis

Christiane sich gesetzt hatte, und stützte dann den rechten Arm auf dem

Oberschenkel ab. Sie lehnte den Kopf an ihre Faust und sah von unten her

Christiane an. Beim Trinken stießen ihr die Eiswürfel an die Zähne.

„Also“, sagte sie. „Warum reden Sie wie eine Amerikanerin, wenn Sie keine

sind?“

„Warum wohnen Sie in einem Hotel, in dem nur Geschäftsleute oder

Witwen absteigen?“

„Die ist meine Tante. Auch wenn sie mich nicht mal angucken kann. Sie

fühlt sich nämlich dann erinnert“, sagte Ines mit abschätzig hochgezogem

„I“. „Aber Sie sind ja auch hier abgestiegen!“

„Ich bin Witwe.“ Christiane stellte das Glas auf den Boden. Dann nahm sie

das Glas wieder hoch und ließ die Eiswürfel klingen. Es hörte sich gut an.

„Klar“, sagte Ines. „Er ist Ihnen wohl durchgebrannt.“

„Nein. - Ich.“

„Wow! Tatsache? Wie lange hat es gedauert?“

„Zehn, elf Stunden.“

„Ich meine, bis Sie´s wirklich gemacht haben.“

„Solange es dauert von L.A. nach Frankfurt nonstop.“

„Da wird jetzt aber einer unglücklich sein.“

„Ja“, sagte Christiane. „Ich.“

Ines klopfte ihr auf die Schulter, sie nickte (was wahrscheinlich ihr

weltweisestes Nicken war): „Klar, unglücklich ist meine Tante auch. Aber

sie macht ständig Parties. Sie versucht nämlich, ihn zu vergessen. Und ich

stör sie dabei. Ich mach ihr das gar nicht zum Vorwurf. Sie durchschaut´s

eben nicht.“

Fernbeziehungen waren immer was für andere Leute, hatte Christiane vor

mehr als 30 Stunden gesagt, ich wollte das nie. Tanne rauchte. Wenn das

überhaupt noch eine Fernbeziehung ist. Ab wieviel Entfernungskilometern

Wasser gelten da eigentlich andere Gesetze? Was, wenn wir ozeanisch

verbunden sind? Wasser leitet auch besser als Luft. Oder? Aber vielleicht

warte ich einfach auf dich, du bist sowieso die Schnellere von uns. Dann kam Wind, oder Tanne drehte sich weg, so daß unkontrolliert Asche abfiel.

Gesetze. - Wo sie von ihrer Geliebten jetzt kaum noch die Linien

zusammenbekam; sie verschwammen, sie wurden vom Umriß eines

mehlbraunen Ponies gestreckt.

Durchgeschüttelt. Fallengelassen und ausgetauscht.

Alles wie gewünscht.

Ines, auf der Armlehne ein Stück oberhalb von ihr, beugte sich vor;

ein teures, aufgebügeltes Gesicht, das näher kam, ohne schöner zu

werden und also nicht mal für schuldig an der Sache zu erklären war,

so ein Herzogin-Face, ein von-und-zu-Püppchen, solche Leute hatte

Christiane früher pausenlos interviewt: wie sie eine Hand mit gestrecktem

Zeigefinger anhoben. Wie der Kopf beteiligt war, weil alle ihre Begriffe

stimmten. Wie man ist, dachte Christiane, bevor man feststellt, daß es gar

nichts zu durchschauen gibt.

Guck dich doch an! (Das ist Tanne. Solange sie hier noch was zu

sagen hat.) Am Ende steckt der Virus vielleicht im eigenen System,

Verarbeitungsfehler, die pure Psycho-Schlamperei.

„Was schade ist. Ich mag sie ja wirklich“, sagte Ines. „Auch wenn sie

mich nicht hier haben will. Dann versuche ich halt, sie mit Kleinigkeiten

zu überraschen. Aber wer achtet da schon drauf. Auf die Kleinigkeiten.

Vorhin haben Sie englisch gesprochen und jetzt sprechen Sie deutsch.

Das merkt jeder. Aber was Sie mit dem Glas machen? Sehen Sie. Das

merken Sie nicht mal selbst.“

„Ich mach doch gar nichts -“

„Nein?“ Sie zögerte. „Sie beißen darauf herum.“

Das war lächerlich.

Die Rezeptionsdame setzte soeben ihre Unterschrift unter die Anzeige.

Es sah endgültig aus, wie sie das tat, aber daran konnte es nicht liegen.

Schließlich war nichts endgültig. Alles war irgendwie auf Rückgängigkeit

angelegt. Auch eine Unterschrift war ungeschehen zu machen. Die

Rezeptionsdame konnte ihre Anzeige widerrufen. Sie konnte so tun, als

hätte man sie zum Unterschreiben gezwungen.

Es war lächerlich. Das Hotel lag nicht in Nowosibirsk, jede Stunde ging

eine Maschine nach Berlin, es war der Jahrhundertsommer für Handys.

Unglaublich lächerlich, dachte Christiane. Und brach in Tränen aus, was

noch lächerlicher war.

„Gott, was haben Sie denn?“

Ines saß mit riesigen Augen da und schaute sie von der Seite an.

„Nichts“, sagte Christiane. „Wirklich. Wir sind nur zu dumm. So wie Ihre

Tante. Wir durchschauen nichts. Wir wissen ja noch nicht mal, ob wir

noch von früher her verschuldet sind. Wenn wir nicht so dumm wären,

wüßten wir das doch.“

„Früher? Sie meinen, zur Zeit der Flugsaurier -“ Ines grinste, den Körper

auf eine Sehne gespannt, als müsse sie sich fanatisch amüsieren, von

ihrer Tante wurde sie weiterhin ignoriert, es war unklar, ob die beiden sich

überhaupt schon begrüßt hatten.

„Vielleicht haben wir früher etwas gemacht, woran wir uns dann nicht

mehr erinnern“, sagte Christiane, „wir wiederholen es nur pausenlos.“

„Oh Mann“, sagte Ines. „Sie haben da drüben aber echt was Esoterisches

abgekriegt. - Wollen Sie noch was trinken?“

„Auf die Witwen!“ sagte Ines, als sie mit neuen Gläsern zurück war.

„Auf München“, sagte Christiane. Der Whisky schmeckte nach Apfel.

Es war kein Whisky. Es war Calvados. Aber das war egal. Auch der

Calvados war kostenlos.

Ines stülpte die Unterlippe nach vorn. Ihre Augen wurden schmal, und

darin lag irgendeine Art von Bewunderung, die Christiane gern auf sich

bezogen hätte. Aber es ging nicht, und so blieb die Bewunderung nur

naiv.

Sie lehnte sich zurück und schloß die Augen. Dahinter war es dunkel.

Nichts leuchtete auf, nichts hatte je aufgeleuchtet.

Nur Tanne.

Sie stand da. In hellblau, im halboffenen Hemd (und erneut eine vom

Calvados hochgespülte, kitschige Himmelsassoziation, der an dieser

Stelle nicht nachgegeben wird).

Ich lebe gern hier, hatte Tanne gesagt, die Palmen warfen die länglichen

Schatten des Nachmittags, verstehst du, ich kann hier nicht so einfach

weg.

Und Denys Finch Hatton, der auch diesmal eine Antwort fand: Du hast es

mir verdorben, weißt du, das Alleinsein. Bevor er nicht zurückgekehrt war

an diesem Freitag, und alle sagten, es wäre sein Flugzeug, das abgestürzt

sei, irgendwo in der Serengeti.

Dann wurde es dunkel. Ein langer Abend in der Steppe,

Sonnenuntergang, ein Abspann am Nachmittag in einem Hollywoodkino,

zwei hielten sich an der Hand.

„... falls Sie hier niemanden kennen“, sagte Ines in die Dunkelheit. Sie

sprach leise, die Stimme der Witwe echote von drüben zurück, vom

anderen Ende der Lounge. „Ich meine, wir könnten - Ich würde Sie gern

wiedersehen.“ Irgendwo in der Nähe gab es einen Körper; ein Knie unter

 Hüfthosen und spätestens in einer halben Stunde eine sich unachtsam

anschmiegende, anämische Brust; eine Geste, die vom Alkohol kam oder

auch nicht. „Bitte.“

Es gab Lücken im System und Spalten, und jederzeit bestand (vorsicht!)

Absturzgefahr.

Ein ausgeblendeter Pier. Ein nackter Strand.

„Yeah“, hörte Christiane, der schlaf ist ein leerer bruder, er zeigt uns im

rückspiegel, klarer als wir je gewesen sind „why not.“ Es kam von weit her.

„Vielleicht Freitag.“

Man konnte sich in jedem Moment mit sich selbst täuschen.

Nicht man, dachte Christiane. Ich.

Ich aber war aus Sprache, die Sprache kam vor dem Kopf, und der Kopf

war nicht das Glas, sondern der Eiswürfel, der vor den eigenen Augen

verschwamm.

Dann rutschte sie vom Sessel und bemerkte gerade noch, wie die Witwe

lachend ihren höchsten Ton traf.