Gaute Heivoll

Doktor Gordeau


I

Als das Flugzeug schon fast stillsteht, sieht er einen Engel. Der Engel sitzt

ganz hinten auf dem kleinen Zug von Gepäckanhängern, der sich über

das Rollfeld bewegt. Ein junger Mann. Oder eine Frau? Halblange Haare.

Die Augen. Ängstlich? Fröhlich? Hebt er die Hand?

Als er das nächste Mal hinausschaut, ist der Koffer, auf dem der Engel

saß, heruntergefallen, der Gepäckanhänger setzt seine schlenkernde

Fahrt einfach fort. Der Koffer ist schwarz. Geschlossen. Als enthielte er

ein Instrument.

Das Flugzeug manövriert nach Vorgabe der roten und gelben Streifen

auf dem Rollfeld, kurz darauf steht es endgültig still. Das Herz schlägt

mit neuer Kraft. Einen Augenblick zuvor war er noch in der Luft, er glitt

bei minus vierzig Grad über die säbelförmigen Strände Sardiniens. Er

versank in dem Gespräch zweier französischer Frauen einige Sitzreihen

hinter ihm, während er in seinen Kaffeebecher starrte und sah, wie

sich die Milch im Schwarzen wie Wolken ausbreitete. Das Mittelmeer,

das auf der Karte begrenzt erschien, in Wirklicheit jedoch, als es unter

ihm lag, unüberschaubar war. Totenstill, eiskalt, stumm glitzernd wie

Glasscherben, verstreut auf dem Boden eines Ballsaals. Er schlief ein.

Einen kurzen Moment hockte er am Karpfenteich hinter dem Haus

daheim in Dänemark. Er sah die trägen roten Fische unter der Schicht

aus Seerosen und grünen Algengewächsen. Einen an der Oberfläche

treibenden Frosch. Die Froschaugen, unnatürlich groß, vorquellend.

Dann hört er Vivian vom Haus rufen: Wo bist du? Wir müssen jetzt los!

Er hört Vivians Schritte auf dem Kies, dem Rasen. Der Frosch hört sie

auch, taucht und schwimmt mit menschenähnlichen Tritten unter die

Rasenkante.

Noch ist er angeschnallt. Er schwitzt unter den Armen, im Schritt. Schon

bald stehen die Leute um ihn auf, sein Herz schlägt schneller. Draußen

sind es einunddreißig Grad Celsius, informiert der Kapitän. Bald wird er

aufstehen, auch er. Jetzt ist er hier. Er hat Angst. Ein rotes Licht blinkt. Er

steht, das Blut steigt ihm zu Kopf. Den Koffer in der Hand, die Schlange

durch den Flugzeugrumpf, Schritt für Schritt die Treppe hinab, über das

Rollfeld zu den Glastüren. Einen Fuß vor den anderen setzen. So. Die

Hitzewand. Undefinierbarer Lärm zu allen Seiten um ihn herum. Er ist hier.

Er geht. Er hält nach dem Koffer Ausschau, der von dem Gepäckanhänger

gefallen ist. Nach dem Engel. Er sieht niemanden.

 

Der Beamte starrt ihn an, wie man den Inhalt einer Flasche mustert.

Anschließend fällt sein Blick auf das Passbild. Der Strom der Reisenden

streicht unruhig an ihnen vorbei, er erkennt das eine oder andere Gesicht

vom Flughafen in Rom. Warum ist er herausgewunken worden und sie

nicht? Wirkt er irgendwie verdächtig? Hat sich sein Gesicht tatsächlich

so verändert, seit das Passbild aufgenommen wurde? Der Mund? Die

Augen? Die Haare. Natürlich. Die Haare.

Tourist?

Der Beamte starrt auf einen Punkt etwa dort, wo die Wange ins Kinn

übergeht. Er spürt den Schweiß unter den Armen, das Gewicht des

Geldgürtels um den Bauch, stellt sich vor, dass die Scheine von Schweiß

durchdrungen, zerstört und entwertet werden. Er nickt eifrig, sodass seine

halblangen Haare tanzen. Doch der Beamte scheint nicht überzeugt, statt

ihm den Pass auszuhändigen, zeigt er auf eine blaue Tür.

Zwei neue Beamte, der eine wirkt gereizt, als hätte man ihn bei einer

Arbeit gestört, die größte Sorgfalt und Ruhe erfordert. Der andere trägte

weiße Gummihandschuhe an den Händen. Sie bekommen den Pass

gezeigt. Sie starren das Passbild an, anschließend ihn, fast synchron,

als könnte der eine nichts unternehmen, ohne dass der andere es ihm

nachtäte. Please open. Mit pochendem Herzen legt er den Koffer auf

den stählernen Tisch. Das Rauschen in den Ohren, als er geöffnet wird,

die behandschuhte Hand des Beamten, die unter der obersten Schicht

aus alltäglichen Kleidern verschwindet. Hemden, Hosen. Ein kleines

Reisehandtuch, das Vivian säuberlich zusammengefaltet und in den

Koffer gelegt hat, ohne dass er davon wusste. Die Hand, die umhertastet,

zum Boden des Koffers abtaucht. Die Blusen. Die Schminkutensilien. Die

Unterwäsche dort unten. Plötzlich hält der Beamte einen der dünnen Slips

zwischen den Fingern, unmittelbar darauf zieht er einen Büstenhalter

heraus. Einige Sekunden hört er alles außer dem, was im Raum

vorgeht. Er hört die Geräusche des Flugplatzes; den Menschenstrom,

die blecherne Stimme, die in der Ankunfthalle ertönt. Die unzähligen

Gespräche, das Säuseln und Murmeln. Der Blick der Beamten. Er ist

auf dem Grund des Karpfenteichs, die roten Fische schweben über

ihm wie mächtige Luftschiffe vor der Sonne. Die Froschaugen, die in

der Dunkelheit vor ihm wachsen. Dann ist er zurück. Der Büstenhalter

baumelt am Finger des Beamten, als handelte es sich um stinkenden

Müll. Der Beamte, der anfangs gereizt gewirkt hatte, ruft etwas auf

Arabisch aus. Triumphierend, höhnisch, unmöglich zu entscheiden.

Anschließend wechseln beide zu Französisch. Der Koffer wird mit einem

lauten Knall geschlossen. Er erhascht noch einen letzten Blick auf den

Slip und den Büstenhalter, ehe der Beamte sie in seine eigene Tasche

stopft.

 

Doktor George Gordeau, Clinique, Rue Lupebé 24. Er legt den Koffer

auf das Bett, öffnet ihn, betrachtet das Chaos, das die Hand des

Beamten hinterlassen hat. Aus irgendeinem Grund atmet er mit offenem

Mund, wie nach dem Joggen. Es ist Abend geworden. Er stellt sich ans

Fenster. Der Schacht zu einem Hinterhof, Fernsehantennen, die in den

letzten Sonnenstrahlen von den Häuserdächern aufragen, zitternde

Fühler riesiger Insekten, die auf den Tod warten. Eine Mauer. Er starrt

ein weiteres Mal auf den Zettel, ehe er ihn vorsichtig zusammenfaltet

und zwischen die Geldscheine in seiner Brieftasche legt. Gordeau, er

spricht den Namen mehrmals aus, ohne dass seine geheimnisvolle und

undurchdringliche Aura verschwindet. Nie zuvor ist er so nahe dran

gewesen. Irgendwo da draußen in dieser Stadt ist Doktor Gordeau. Was

macht er jetzt? Schlafen? Essen? Lesen? Was weiß er eigentlich über

Gordeau? Ausgebildet in Frankreich, Militärarzt. Später Chirurg. Und

jetzt. Ja. Jetzt ist Gordeau hier. In dieser Stadt. Höchstwahrscheinlich

lebt er allein. Ja. Militärarzt. Hat er vielleicht am Krieg teilgenommen? An

mehreren Kriegen? Abgetrennte Gliedmaßen angenäht. Was hat Gordeau

nicht alles gesehen! Ein Mann wie Gordeau lebt mit Sicherheit allein. Ein

Mann, der zu viel vom Leben gesehen hat, um mit jemandem zusammen

zu leben.

Er legt sich aufs Bett, denkt an den Engel, den er auf dem Flugplatz

gesehen hat. An den Koffer, der liegen blieb. Den Gepäcktransporter, der

einfach weiterfuhr. Die Haare des Engels im Wind. Die Gedankenkette

führt zu nichts. Alles dreht sich in großen Kreisen über dem Bett. Wieder

denkt er an Doktor Gordeau, er kann es nicht lassen, sich sein Leben

vorzustellen. In einer der weißen Steinvillen an der Straße vom Flughafen,

wohnt in einer von ihnen vielleicht Gordeau? Vielleicht zusammen

mit einem kleinen weißen Hund, einer Haushälterin, einem Chauffeur.

Ansonsten jedoch allein. Und seine Klinik, liegt sie vielleicht in einem

abgetrennten Teil der Villa? Helle, gemütliche Räume, geschmackvolle

Kunstwerke an den Wänden, und Fenster zum leuchtend blauen Meer.

Alle Eingriffe werden dort vorgenommen.

Er ruft in der Rezeption an und bestellt etwas zu trinken. Als nach einer

Viertelstunde immer noch nichts passiert ist, verlässt er das Zimmer

und geht hinunter. Der Portier sieht ihn verständnislos an, nach einigem

Hin und Her bekommt er schließlich eine Flasche und einen Becher aus

dünnem, sprödem Plastik. Als er in den Hotelflur hinaufkommt, schiebt

sich ein kleiner Araber aus seinem Zimmer. Unbändige Wut wallt in ihm

auf, er nähert sich ihm mit festen Schritten, aber der Araber eilt vorüber,

hastet mit einem blassen, ausweichenden Lächeln zum Aufzug. Wo

wollen Sie hin! He, Sie! Doch der Araber ist stumm wie ein Gespenst. Die

Aufzugtür wird von einem Stuhl offen gehalten, blitzartig wird der Stuhl in

den Aufzug gezogen, die Türen gleiten zu und der Araber sinkt durch die

Etagen nach unten.

 

II

Es herrscht ein grauenvoller Lärm. Er steht am Eingang zu einem ovalen

Marktplatz, wird vorwärts geschoben, der Rücken eines Esels streift

ihn, Fliegensummen, Apfelsinenstände, Blechschmiede, Schuhputzer,

kleine Cafés. Die sengende Sonne. Er weiß nicht, wohin er sich wenden

soll. Augenblicklich wird er von einem Schuhputzer bedrängt, der ihm

seine Dienste anbietet. Ein zweiter taucht aus dem Nichts auf und

schreit ihm ins Ohr, durch ihn hindurch: You want to see the sea! You

want to see the sea! Er versucht über den Platz zu manövrieren, aber

eine Art Unterwasserströmung zwingt ihn in eine andere Richtung. Er ist

einen Kopf größer als alle anderen und hat das Gefühl, stetig weiter zu

wachsen, Zoll für Zoll, ein weißer Riese. Tausende schwarzer Augen. Was

glauben sie, wer er ist? Plötzlich erblickt er eine kleine schmutzige Hand,

die gleich oberhalb des Geldgürtels über seine Hüfte tastet, er schlägt

nach der Hand, sieht zu, dass er fortkommt. Schließlich sackt er an einem

Cafétisch in sich zusammen und bestellt ein marokkanisches Bier. Er leert

es fast in einem Zug. Aus etwas Distanz betrachtet wirkt der Marktplatz

weniger bedrohlich. Er bestellt ein zweites Glas. Endlich findet er die

Ruhe, den Besuch in Doktor Gordeaus Klinik Revue passieren zu lassen:

Das Taxi hielt in der Rue Lupebé, und er ging mit klopfendem Herzen, bie

er schließlich vor Hausnummer 24 stand. Eine hohes Backsteingebäude,

fast so, wie er es sich vorgestellt hatte. Am Ende der Straße rollte dichter

Verkehr auf einem Boulevard. In der Gegenrichtung glitzerte blau der

Atlantik. Er war sich nicht ganz sicher, wo er sich befand, möglicherweise

irgendwo am Rande des Stadtzentrums. Das Taxi hatte zahlreiche

Umwege genommen, diverse enge Gassen durchfahren, die zunächst

Sackgassen zu sein schienen, dann aber doch miteinander verbunden

waren. Er starrte auf das goldene Schild an der Türklingel. Clinique. Er

atmete tief durch und drückte den Knopf. Eine hohe Tür. Ein schlichter

Raum, kühl, eine Pflanze in einer Ecke, eine Treppe höher linkerhand ein

Empfangsschalter, ein junges Mädchen, das den Kopf hob und ihm in die

Augen sah. Ich möchte gerne zu George Gordeau. Das Mädchen lächelte

zurückhaltend, als wäre sein Anliegen ein Scherz, dann aber glitt ihr

Gesicht in eine blanke und dunkle Kühle zurück, und sie bat ihn, auf einer

gepolsterten Lederbank gleich neben ihrem Schalter zu warten. Als er

dort saß, öffnete sich die Tür zur Straße und eine hochschwangere Frau

kam mit einem älteren Mann herein, beide grüßten, ehe sie die Treppe

hinauf verschwanden. Zehn Minuten vergingen. Eine Viertelstunde. Eine

halbe Stunde später öffnete die Tür sich ein zweites Mal und eine junge

Frau trat mit einem kleinen Jungen an der Hand ein. Auch sie grü.ten und

verschwanden die Treppe hinauf. Er wand sich auf seiner Bank, schwitzte

trotz des Ventilators an der Decke. Das Mädchen hinter dem Schalter

stand da und notierte handschriftlich etwas. Als das Kratzen ihres Stifts

aufhörte, drehte er sich um, und sie senkte sofort den Blick. Nach fast

einer Stunde sagte sie monoton, gleichsam aus dem Nichts: Sie können

hinaufgehen. Er hatte kein Telefon klingeln gehört oder, dass sie mit

jemandem gesprochen hätte, und stand verwirrt auf. Sie meinen die

Treppe hinauf? Er zeigte. Sie nickte, und das gleiche schelmische Lächeln

wie vorhin ließ ihr Gesicht aufreißen.

 

III

Doktor George Gordeau? Der Mann mit dem Mundschutz dreht sich

um, antwortet jedoch nicht sofort. Seine Augen sind von einer Art Rauch

erfüllt. Er nickt in Richtung des Stuhls. Sie sind Anders Nimb? Er nickt.

Ja. Trotz des offenen Fensters ist es heiß in dem Zimmer, weiße Gardinen,

weiße Wände, ein Behälter für medizinische Abfälle. Ich bin nicht George

Gordeau, sagt der Arzt und zieht den Mundschutz unter das Kinn.

Nehmen Sie Platz. Ich werde Sie untersuchen. Aber ...Ich hätte gerne mit

Gordeau persönlich gesprochen, er hat keinen Preis genannt ...Machen

Sie sich keine Sorgen, es gibt immer eine Einigung, man findet immer eine

Lösung. Sind Sie sicher? Sollte ich nicht erst die Papiere unterzeichnen?

Welche Papiere? Sehen Sie hier irgendwelche Papiere? Der Arzt streift die

Einmalhandschuhe ab und wirft sie wie ein Musketier in den Behälter, holt

ein Paar neue hervor, zieht sie an und zeigt mit einem behandschuhten

Finger. Er denkt an die Hand des Beamten auf dem Flugplatz. Plötzlich

veranstalten zwei Hunde vor dem Fenster ein Heidenspektakel. Beeilen

Sie sich, es warten noch mehr Patienten. Sie können sich hinter dem

Wandschirm dort ausziehen.

Das intensive Unbehagen, wenn er nackt vor einem Mann steht. Setzen

Sie sich bitte auf den Stuhl. Legen Sie die Beine auf die Bügel. Er spreizt

die Beine und schließt die Augen. Spürt eine stechende Wärme dort

unten, als der Arzt aus nächster Nähe eine Lampe auf ihn richtet. Wann

kann ich Gordeau sprechen? Er spürt die Hände des Arztes behutsam auf

seinen Eiern. Er ist im Moment anderweitig beschäftigt. Aber es ist doch

Gordeau, der den ...Eingriff vornehmen wird? Ja, natürlich. Die Hand hält

den ganzen Hodensack in der Hand, hebt und zieht vorsichtig. Wie lange

sind Sie schon in Hormonbehandlung? Plötzlich öffnet sich die Tür und

eine Arzthelferin tritt mit einer Aktenmappe unter dem Arm ein. Der Arzt

entfernt das grelle Licht. Wie lange hegen Sie bereits diesen Wunsch?

Wie lange? Ich weiß nicht ...schon immer, denke ich. Der Arzt nickt. Sie

können sich jetzt anziehen. Maria hat die notwendigen Papiere, nicht

wahr? Maria drehte sich um und lächelte erst den Arzt an, dann – anders

– den Patienten.

Eiligst zieht er sich an, auf der anderen Seite des Wandschirms

unterhalten sich der Arzt und Maria auf Arabisch. Als er sich angezogen

hat, ist der Arzt verschwunden, nur Maria sitzt mit ihrem dunklen Lächeln

noch da. Sie ähnelt der Frau unten am Empfang. Vielleicht sind die

beiden Schwestern. Sie sitzt über ein Formular gebeugt. Sexchange.

Operation. Yes ...Sobald sie das Wort erwähnt, scheinen seine Knie für

einen Moment nachzugeben, er wankt zu dem Stuhl. In seinen Gedanken

ist es nie eine Operation gewesen, eher ein Eingriff, aber plötzlich begreift

er, dass Operation das richtige Wort ist. Beruhigen Sie sich, Gordeau ist

sehr geschickt. Er ist der Beste. Was wird es kosten, wissen Sie das?

Sechstausend. Dollar? Ja, natürlich. So viel habe ich nicht. Sie blickt

einen Moment von ihren Papieren auf. Bitte, besteht denn gar keine

Möglichkeit, mit Gordeau persönlich zu sprechen. Tut mir Leid, Gordeau

ist erst morgen wieder zu sprechen. Wo ist er denn jetzt? Im Urlaub? Zu

Hause? Wissen Sie, wie weit ich gereist bin, um hierher zu kommen?

Wissen Sie, wie lange ich schon gelebt habe ...als ...! Er sieht an sich

herab und sie mustert ihn, offenbar ohne etwas Besonderes an ihm finden

zu können. Nein, Sir, das weiß ich nicht. Ich habe keine sechstausend

Dollar ...aber ich habe ...ich habe vielleicht ...vier. Wie gesagt, Gordeau

wird morgen hier sein. Kommen Sie dann zurück. Aber die Operation

...Gordeau kann operieren, aber das kommt darauf an ...Worauf denn!

Tut mir Leid, Sir, aber ich habe jetzt leider keine Zeit mehr für Sie, wir

haben noch mehr Patienten. Wenn Sie das Geld haben, wird Gordeau Sie

genauso bewerten wie alle anderen. Die Hunde geraten sich unten auf

der Straße in die Haare, menschenähnliches Jaulen wirft sich die Fassade

hinauf, er hört das schneidende Geräusch ihres Stifts und entdeckt erst

jetzt den Tischventilator, der sich langsam von einer Seite zur anderen

dreht und die Blätter, auf denen sie schreibt, aufflattern lässt.

  

IV

Er steht von seinem Cafétisch auf. Es ist Wind aufgekommen, die

Zeltbahnen über den Marktständen flattern und schlagen wie die Segel

eines Vollschiffs, wenn auf offener See der Wind dreht. Ohne dass er es

bemerkt hätte, sind weniger Menschen auf den Straßen unterwegs. Eine

magerer Hund trottet an ihm vorbei und verschwindet in einer schmalen

Gasse. Er geht den gleichen Weg zurück, vorbei an dem Mann, der ihm

eben noch die sonnengereiften Apfelsinen hingehalten hat. Jetzt wendet

der Mann ihm den Rücken zu und ist dabei, die Früchte in große Kisten

zu legen. Eine nach der anderen, vorsichtig, als wären sie aus Glas. Er

stößt auf die große Avenue. Hier ist der Wind stärker. Das Hemd zittert auf

dem Bauch und bläst sich am Rücken auf wie ein Ballon. Es ist dunkel

geworden, obwohl es erst kurz nach zwei ist, eine Art Nebel treibt am

Himmel und verschleiert die Sonne. Er geht in Richtung seines Hotels,

denkt daran zurück, was geschah, ehe er die Klinik verließ. Er hatte sich

umgedreht und wollte das Büro schon verlassen, als er spürte, dass

ihn jemand ansah. Im Vorbeigehen warf er einen Blick nach rechts, zu

einem Vorhang aus kleinen Bambusstücken. Die Umrisse eines Manns.

Ganz schwarz und still. Ein kalter Schauer durchfuhr ihn. Der Mann stand

einfach nur da. Der Vorhang bauschte sich zwischen ihnen. George

Gordeau? Sagte er mit belegter Stimme. Daraufhin glitt der Schatten zur

Seite und verschwand.

Er geht an den Häuserfassaden vorbei und denkt an Vivian; Vivian zu

Hause im Bett mit schweren Lidern, Vivian am Steuer, als sie ihn zum

Flugplatz fuhr, Vivian, die über den Rasen ging, zum Karpfenteich, wo

er hockte und die Fische, den Frosch anstarrte. Ihre Schritte, die seine

vorquellenden Augen sinken und verschwinden lassen. Hast du Angst?

Möchtest du nicht fahren?

Von einem Augenblick zum anderen ist die Sonne verschwunden. Der

Himmel hat sich verdunkelt. Direkt über ihm ist er fast schwarz. Sein Herz

schlägt schneller. Ein Schild mit einem riesigen weißen Pfeil schwankt

heftig im Wind. Ihm schwant, dass er in die falsche Richtung gegangen

ist. Er passiert ein eingestürztes Gebäude, an das er sich nicht erinnern

kann, ein Junge steht auf dem Ruinenhügel und zeigt mit einem Stock auf

ihn. Er dreht sich um, geht den gleichen Weg zurück, schnelleren Schritts,

die Autos streichen mit langen Staubschleiern hinter sich vorbei. Der

Eingang zum Marktplatz, er zögert, betritt ihn dann doch. Der Mann mit

den Apfelsinen ist fort, nur das Skelett seines Verkaufsstands steht noch

da und schwankt im Wind, einige schwarz gekleidete Frauen stehen in

einer Türöffnung, ziehen sich jedoch zurück, als sie ihn sehen. Ein leiser,

säuselnder Laut wie von einem Feuer. Etwas in der Luft. Sand. Er starrt in

seine Handfläche. Winzige, rötliche Sandkörner.

 

Ist er hier schon einmal gewesen? Er bleibt stehen, wird unsicher. Ein

Schild in der Form eines Schnabelschuhs. Nein. Er macht kehrt, geht

den gleichen Weg zurück. Der Sand umbraust seine Ohren, dringt in

Nase, Ohren, Mund. Er atmet durch das Hemd. Der Himmel ist über den

Häuserdächern rötlich, fast violett, als wäre auf dem Meer ein Tanker

in Flammen aufgegangen. Allmählich bekommt er wirklich Angst. Kein

Mensch hält sich im Freien auf, alle müssen von dem Sandsturm gewusst

haben, nur er nicht. Die Nacht aus Sand wirbelt vorbei und direkt durch

ihn hindurch, legt sich als feiner Staub in seine Lunge. Eine Straßenecke

gleicht der anderen, die Häuserfassaden gleiten ineinander. Eine Tür, und

ein paar Minuten später eine andere, mit der gleichen Klinke. Am Ende

einer engen Straße erblickt er schemenhaft den Rücken eines Mannes.

Ein Tourist? Waren dort hinten noch mehr? Er hat das Gefühl, dass

Englisch gesprochen wurde. Er geht schneller, aber der Mann bewegt sich

mindestens ebenso schnell. An der nächsten Straßenecke sieht er den

Rücken an einem Fenster vorbeigehen. He, Sie! Warten Sie! Der Mann

hört nichts, verschwindet nur tiefer in dem rötlichen Gewebe aus Sand.

Ihm fliegen Sandkörner in den Mund, als er ruft. Warten Sie! Er läuft, so

schnell er kann. Um eine Straßenecke. Eine Toreinfahrt. Ein offener Platz.

Ein Markt? Er hält die Hände schützend über die Augen. Niemand. Leere

Verkaufsstände, wo immer er sich hinwendet. Leinwände im Wind, wie

die vergessenen Kriegsflaggen einer Armada, die in alle Winde zerstreut

wurde. Dann steht er dort. Ein Stück weiter rechts, eine schwarze Kontur

vor einer bleichen Wand. Kaum mehr als fünf Meter entfernt. Er ist außer

Atem, muss sich aber sein Hemd vor das Gesicht halten, um keinen Sand

in die Lunge zu bekommen. George Gordeau? Sind Sie es? Die Gestalt

antwortet nicht, tritt stattdessen einen Schritt vor, und dann noch einen.

Der Sand heult um die Häuserecken, er sieht feinen rötlichen Staub vor

sich, der sich auf die Windungen des Gehirns legt. Ein Kopf. Halblange

Haare. Ein Mann? Ja. Noch einen Schritt näher. Wie alt? Gordeau? sagt er

erneut, diesmal jedoch eher zu sich selbst. Ein Araber? Nein, seine Haare

scheinen blond zu sein. Oder täuscht einen nur der Sand? I AM LOST!

schreit er. DO YOU KNOW WHERE WE ARE?? Noch ein Schritt. Die

Gestalt wirkt auf einmal wesentlich größer. DO YOU KNOW ...Ein Riese.

Dann sieht er undeutlich das Gesicht durch den Sand.

 

V

Als er erwacht, liegt er auf einem harten Fußboden. Alles ist hell und weiß.

Wie im Himmel oder in einem Operationssaal. Er zuckt zusammen. Dann

beugt sich ein Araber über ihn. You ok? You sleep in sand. I found you.

No good. No good. Sekundenlang sieht er doppelt, das dunkle Gesicht

löst sich, und ein identisches, fast durchsichtiges Antlitz, gleitet zur Seite,

ehe es wieder mit dem alten verschmilzt. Die Geräusche um ihn werden

deutlicher, Musik. Stimmen aus einem Fernseher oder einem Radio. Ein

weinendes Baby. Dann fällt ihm alles wieder ein. Wo er ist. Wohin er will.

Der Sandsturm. Der Mann, dem er gefolgt ist. Der sich umdrehte. Den

er wiedererkannte. Den er bei der Landung auf dem Flugplatz gesehen

hatte, ganz hinten auf einem Gepäckanhänger sitzend.

Draußen hat es aufgeklart. Der Sand liegt auf den Straßen wie verfärbter

Schnee, ein paar letzte Staubkörner tanzen im Wind. Die Menschen

sind wieder auf den Straßen, es knirscht unter ihren Sandalen, wenn

sie vorbeigehen. Die Sonne wärmt. Jetzt weiß er wieder, wo er ist. Er

steht auf dem gleichen Marktplatz, nur am anderen Ende. Jetzt sieht er

das Café, in dem er gesessen hat, die Marktstände, den Mann mit den

Apfelsinen, und die enge Gasse, die zur Avenue führt.

Zurück im Hotel bleibt er einige Sekunden vor seinem Zimmer stehen,

ehe er mit einer abrupten Bewegung den Schlüssel umdreht und die Tür

aufreißt. Niemand. Was hatte er erwartet? Das Geld trägt er noch in dem

Gürtel um den Bauch, zusammen mit seinem Pass und der Brieftasche.

Es fehlt nichts. Er setzt sich auf die Bettkante, legt den Koffer auf den

Schoß, greift nach dem Briefpapier, das er an der Rezeption bekommen

hat und schreibt:

 

Liebe Vivian,

jetzt bin ich hier. Ich kann es kaum glauben, dass es bald geschehen

soll. Ich bin in der Klinik gewesen und untersucht worden, aber George

Gordeau kommt erst morgen. Ich habe Angst. Ich habe mich in einem

heftigen Sandsturm verirrt und bin bewusstlos geworden. Jemand hat

mich gefunden und in ein Haus getragen, wo ich wieder zu mir gekommen

bin. Manchmal denke ich, dass ich Halluzinationen habe. War es falsch

von mir zu fahren? Wirst du mich lieben, wenn ich zurückkomme? Wie ich

dann bin? Ich weiß nicht mehr, was oder wer ich bin. Die Leute starren

mich an. Ich bin so froh, wenn das alles überstanden ist! Hoffentlich darf

ich morgen mit Gordeau reden, hoffentlich will er operieren. Hoffentlich

darf ich Gordeau sehen. Plötzlich habe ich das Gefühl, dass er der Einzige

ist, dem ich vertrauen kann. Wird jetzt vielleicht alles gut? Zwischen uns.

Mit mir. Ich habe solche Angst, dich zu verlieren. Ich weiß nicht, was

ich tun soll. Ich bete zu Gott, glaubst du, er hört mich? Liebe Vivian, ich

liebe dich so sehr. Grüße die Fische und den Frosch im Karpfenteich von

mir! Schreib oder ruf an! Adresse: Rue d’Azial 63, Dar el Beida, Telefon

3074173057001

Dein A

 

Vollkommen dunkel. Oder einen Hauch grauer ein wenig voraus? Er

nähert sich, oder das Grau nähert sich. Seegras. Wehend in einem

unmerklichen Unterwasserwind. Aus irgendeinem Grund kann er atmen.

Er gleitet durch die schwerelose Dunkelheit, vorbei an riesigen Stielen,

die sich hinab und hinauf erstrecken, ohne dass er ihr Ende erkennen

könnte, er schwebt unter den Seerosen, streift die Oberfläche und

sinkt zum schwarzen, morastigen Grund herab. Dann ist es hell, und er

schwebt weiterhin. Die Sonne schaukelt im Wasser über ihm. Unter dem

Rasendunkel leuchtet es in den schwarzen Froschaugen. Der Frosch ist

größer als er selbst, aber er bekommt keine Angst, schwimmt nur ein

wenig fort und sieht den Frosch mit zwei trägen Tritten an die Oberfläche

steigen. Dann ein Gesicht dort oben. Neben der Sonne. Die Haare

wogend, verwischt und sich wie Milch mit dem Wasser vermischend.

Er schwebt ganz still im Schatten eines Seerosenblatts, starrt hinauf.

Es vergeht viel Zeit. Das Gesicht weht wie eine Fahne im Wind. Dann

plötzlich begreift er.

  

VI

Das Zimmer ist ganz hell. Draußen wimmelt es von Straßengeräuschen.

Sein erster Gedanke ist: George Gordeau. Er steht auf, geht in das

primitive Bad, zieht sich aus, schaut an sich herab und denkt; es ist das

letzte Mal. Er lässt ein Bad einlaufen, das Wasser hat eine rostrote Farbe,

es wird nicht richtig heiß, er sinkt hinein, auf dem Boden spürt er, was es

ist; feinkörniger Sand.

 

Das Taxi durch die Straßen, an einer Straßenkreuzung sieht er eine ganze

Weile das Meer, grauer Dunst hängt über ihm, so weit man sehen kann.

Sein Herz hämmert, als er an den Fassaden der Rue Lupebé vorbeigeht,

seine Haare sind an den Spitzen noch nass. Der weiße Steinbau, die

vollkommen schwarzen Fenster oben in der Wand. Dort.

Diesmal muss er nicht warten. Das Mädchen am Empfang zeigt zur

Treppe. Sie lächelt nicht. Jetzt geht alles so schnell. Die Treppe hinauf.

Was hat er Vivian eigentlich geschrieben? Hat er an die Adresse gedacht?

Die Telefonnummer, war sie richtig? Aber die Telefonnummer der Klinik,

die hatte weder sie noch er. Den Korridor hinab. Und wenn er jetzt ...und

wenn sie es versuchte und ihn nicht erreichen konnte? Und wenn ...Er

kannte die Tür noch von seinem letzten Besuch. Das Messingschild:

Doktor Gordeau. Die Tür öffnet sich, noch ehe er anklopfen kann. Maria

steht vor ihm. Er ist froh und erleichtert, sie wieder zu sehen, hinter ihr, am

Vorhang steht der Arzt, der ihn untersucht hat. Die Enttäuschung ist wie

ein Stich in der Brust. Wo ist Gordeau? Er kommt, antwortet Maria. Der

Arzt verschwindet wie ein Gespenst in dem knisternden Bambusvorhang.

Dann ist er heute also da? Aber ja! Plötzlich verspürt er trotz allem einen

gewissen Widerwillen, Gordeau zu treffen. Wäre es unter Umständen

nicht besser, den Termin zu verschieben? Verschieben? Maria erstarrt

mitten in einer Bewegung und sieht ihn erstaunt an. Dazu ist es jetzt

zu spät. Zu spät, wie meinen Sie das? Gordeau ist doch gekommen.

Wegen Ihnen. Heißt das, er akzeptiert ein niedrigeres Honorar? Wollen wir

doch mal sehen, wie viel Sie haben. Er löst den Geldgürtel und legt alle

Geldscheine auf den Tisch. Sie zählt das Geld, während er auf Stimmen

hinter der anderen Seite des Vorhangs lauscht. Es ist genug, sagt sie

kurz. Genug? Das bedeutet ...? Ja, Gordeau ist bereit. Jetzt? Wenn Sie

sich bitte auf den Stuhl setzen würden. Der Tischventilator dreht sich

von Seite zu Seite und lässt die Geldscheine flattern wie welkes Laub.

Aber ...ich hatte keine Ahnung, dass es so schnell gehen würde ...soll

ich ihn denn nicht erst einmal begrü.en? Gordeau stattet den Patienten

erst hinterher einen Besuch ab. Hinterher? Wenn Sie sich bitte ausziehen

würden. Man zieht ihm ein grünes Hemd über. Sie bekommen zunächst

etwas zur Beruhigung. Ehe er weiß, wie ihm geschieht, gibt sie ihm die

Spritze. Eine Schmerzfontäne breitet sich im Oberschenkel aus, danach

wird er taub. So, dann wollen wir mal hineingehen. Sie nimmt seine Hand

und schiebt den Vorhang zur Seite. Ein kleiner Operationssaal. Weiße

Wände, eine runde Uhr über einem kleinen Wagen mit Instrumenten. Ein

stählener Tisch mitten im Raum wie ein Altar. Er muss blinzeln, aber der

Schleier vor den Augen verschwindet nicht. Ein Nebel vor den Lampen.

Maria. Maria. Er hört sich selber reden, während sie ihn wankend über

den Boden geleitet. Als hätten sie die ganze Nacht getanzt und wären

nun kaum mehr fähig zu gehen. Dann liegt er auf dem Tisch. Er spürt ein

überwältigendes Licht, ohne es zu sehen. Jetzt schlafen Sie bald. Doktor

Gordeau, hört er eine Stimme sagen, er versucht die Augen zu öffnen,

begreift jedoch im nächsten Moment, dass sie bereits offen sind. Sind

Sie es? Sind Sie hier? Sind Sie hier? So antworten Sie doch! Er ruft. Oder

flüstert. Er atmet. Das ist alles. Dann verläuft das Gesicht über ihm im

Wasser wie Milch.