Kirsten Fuchs

... dass ich dich liebe


In Berlin liegt Schnee. Er legt sich einfach überall hin und steht nie wieder

auf, wie ein faules Kind lümmelt er herum und ist zu nichts, rein gar

nichts nütze. Niemand verlangt von ihm, dass er endlich wieder aufsteht,

dass er etwas lernt, dass er es zu etwas bringt. Der Schnee liegt wie die

Markierung eines größenwahnsinnigen Hundes in jeder Straße. Die Stadt

gehört ihm. Ich kann dem angeblich schönen Weiß nichts abgewinnen,

und auch nicht dem Knirschen unter den Schuhen, dem Brechen der

dünnen oberen Schicht.

Ich gehe zum Bus, um zum Flughafen zu fahren. Ich hinterlasse meine

Spuren im Schnee, aber weil es weiter schneit, hinterlasse ich auch keine

Spuren. Meine Fußstapfen werden zugeweht und verschwinden. Kein

Grund, traurig zu sein oder zu heulen. Ich hab früher nie geheult. Ich habe

bei dem Film Casablanca geheult, aber erst beim zweiten Mal. Lange

Geschichte, aber der Weg zum Flughafen ist lang, lang genug für eine

lange Geschichte.

 

Ich habe Casablanca das erste Mal mit meiner Freundin gesehen, meiner

damaligen Freundin. Ina. Sie wollte den Film unbedingt mit mir zusammen

ansehen, obwohl sie ihn schon oft gesehen hatte, aber eben ohne mich,

vielleicht ja mit jedem Typ, mit dem sie vorher zusammen war. Aber

das machte mir nichts aus. Es gibt Sachen, die habe ich auch mit jeder

Freundin gemacht, küssen, über meine Schulzeit reden, rauchen.

Ina und ich sahen zusammengekuschelt den Film an, und siehe da: Er

war langweilig. Ina weinte am Ende, weil sie bei dem Film immer weint,

als wäre das ein Reflex, wie der im Knie, wo das Bein vorschnellt, wenn

man draufhämmert. Wenn man Ina mit dem Casablancahämmerchen

aufs Herz klopft, dann schnellen die Tränen vor. Ich hielt sie im Arm und

fand es schön. Dann schaute Ina mich mit ihren Tröpfeläuglein an, und

ich sagte, um die Stimmung zu lockern: “Na, wenn ich mal ein Visum

brauche, dann seh ich doch als erstes im Klavier nach!” Das war nicht der

Trennungsgrund, aber der Anfang vom Trennungsgrund. Ina war entsetzt,

als ich ihr sagte, ich würde nie heulen, oder flennen, wie Männer dazu

sagen, jedenfalls nicht weinen, wie Frauen dazu sagen. Ich sagte ihr, ich

hätte geheult, als ich eingeschult wurde, weil mein rechter Lackschuh

zu eng war, und dann hatte ich noch geheult, als mein erstes Auto

verschrottet wurde. Darin wollte Ina unbedingt eine völlige Unfähigkeit

für Gefühle sehen, emotionslos, unromantisch, verkopft sei ich, und so

jemand, sagte Ina, könne doch gar nicht lieben. Ich versicherte ihr, dass

ich sie liebe. Ich sagte: “Ich versichere dir, dass ich dich liebe!”, und sie

fand den Satz scheußlich.

“Aber ich habe dir doch gesagt, dass ich dich liebe und jetzt schon

wieder. Ich kann dir auch nochmal sagen, dass ich dich liebe, kein

Problem.”

Ina regte sich auf, weil “dass ich dich liebe” und “ich liebe dich” nicht

dasselbe wäre.

“Aber, dass ich dich liebe, ist doch die Hauptsache!”, fand ich.

“Dass ich dich liebe...”, wiederholte sie. “Du kannst es einfach nicht

sagen, wie?”

Dann schaute sie mich herausfordernd an. Ich hatte eigentlich gar keine

Lust mehr, es ihr zu sagen, aber ich tat es trotzdem. Ein Mann muss tun,

was ein Mann tun muss.

“Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich!”, leierte ich herunter. Damit

war sie auch nicht zufrieden. Ich kam mir vor wie bei einer Prüfung, in

der die Aufgabenstellung völlig unklar ist. Lösen Sie irgendeine Aufgabe,

nennen Sie irgendwelche Stichpunkte, rechnen Sie irgendwas aus.

“Ich liebe dich. Bumms, aus die Maus!”, sagte ich. Ina war verärgert

und blieb es auch. Sie stichelte bei jeder Gelegenheit wegen meiner

fehlenden Romantik herum. Ich sei gefühlsbehindert, emotionshinkend

und romantikblind. Sie packte bei Freunden das Thema aus und knallte

es gut sichtbar auf den Tisch, wenn wir Raclett machten: “Jaja, der Mann,

der wegen einem verschrotteten Auto weint...”. Als hätte ich geweint, ich

hab geheult wie’n Kerl.

Eigentlich hätte ich mit ihr streiten müssen, aber ich wollte lieber glücklich

mit ihr sein. Ich hätte ja sagen können: “Jaja, die Frau, die wegen jedem

Scheiß rumflennt...”, aber ich ließ es. Stattdessen überlegte ich, wie

ich Ina davon überzeugen konnte, dass ich doch romantisch sei, total

empfindsam, aber hallo, der totale Schlaffi. Da ich all das gar nicht

war, hieß das eigentlich, dass ich meine Freundin belügen wollte, aber

auf jeden Fall wollte ich sie behalten. Ina war witzig, klug, auf eine irre

rührende Art vergesslich und vom Aussehen her total pfiffig irgendwie.

Sie flocht sich Zöpfchen und trug Der-Rosarote-Panther-Haarspangen.

Bitte, wer kann zu so einer Frau was Romantisches sagen? Also schrieb

ich einen Brief, mit meiner eingerosteten Handschrift, die dafür taugt,

Lebensmittel, die ich einkaufen muss, auf Zettelchen zu krakeln. Ich

schrieb den schönsten Liebesbrief der ganzen Welt, mehrere Seiten

voll, behauptete viel und meinte alles davon ernst. Ich schmückte

es nur pompös aus. Meine Gefühle für Ina waren wie ein schönes

Tannenbäumchen, und extra für sie machte ich einen Weihnachtsbaum

draus, behängte das Tannenbäumchen mit Sternen, Kugeln, Lametta,

Kerzen und kleinen Figuren.

Ich weiß nicht mehr, was ich alles schrieb, die Anrede war: Mein herrliches

Mädchen!

Außerdem hatte ich einen Gutschein für eine Reise nach Casablanca

dazugelegt. Dafür hatte ich Geld zusammengeliehen, damit wir sofort

losfliegen könnten, wenn sie es so wollte. Es war gerade Winter, Berlin

verschneit.

Den Brief versteckte ich in einem Klavier in einem Restaurant. Ich musste

eine Weile suchen, bevor ich ein Restaurant mit Klavier fand. Dann

führte ich Ina dorthin zum Essen aus, schaute sie glücklich an, wollte sie

natürlich einladen, bestellte gro.zügig gleich eine ganze Flasche Wein

und spielte mit ihren Fingern in meiner Hand. Sie setzte irgendwann

wieder diesen Prüfungsblick auf, der mir das “Ich liebe dich!” abpressen

wollte. Ich sagte: “Schau doch mal ins Klavier!”

“Ach, lass den Scheiß!”, polterte sie, fühlte sich wohl irgendwie verarscht.

“Du mit deinen Witzen!”

Sie knallte Geld auf den Tisch. “Du sollst doch nur ‘Ich liebe dich’ sagen!”

Sie zog sich an, viel zu hektisch, verhedderte sich dabei in ihren

Mantelärmeln, was ihr noch mehr Zeit gab, mich wie ein wildgewordener

Ochse anzustarren, als hätte ich ein rotes Tuch im Gesicht.

“Ich liebe dich!”, sagte ich schnell. Ich habe ja viele solche

Computerspiele gespielt, wo drei Antworten angegeben sind, um z.B.

einen Türsteher zu überreden, einen einzulassen, oder um einen Professor

dazu zu bewegen, die Unterlagen rauszurücken, irgendwie sowas. Ich

war gut darin. In dem Moment, wo Ina auf hundertachtzig kurz vorm

Abzischen war, dachte ich kurz nach, ob ich “Bleib doch!” oder „Beruhige

dich!” oder “Ich liebe dich!” sagen sollte. Ich entschied mich für Antwort

c. Ich liebe dich.

“Kannst du dir in die Haare schmieren!”

Weg war sie. Draußen war es kalt, drinnen wurde es kalt. Ich soff den

Wein aus. Davon wurde mir auch nicht wärmer. Als ich das Restaurant

verließ, waren die Fußspuren von Ina schon wieder zugeschneit. Deshalb

kann ich Schnee nicht leiden.

 

Der Bus ist am Flughafen angekommen. Endstation. Ich bin der einzige

ohne Gepäck. Ich stecke meine Hände in die Taschen und gehe durch

die automatische Tür, die wie ein Schaufelrad die Menschen in den

Flughafen reinbaggert. Eine Frau hat es so eilig, dass sie versucht, die

träge Tür zu schieben. Direkt vor ihrer Nase, wenn sie hinsehen würde,

ist ein Aufkleber, auf dem steht, dass man nicht mit der Hand schieben

soll, aber sie sieht eben nicht hin. Die automatische Drehtür blockiert

und bleibt stehen. Ich und die Frau stehen in unseren Plexiglaszellen und

warten, dass es weitergeht. Die Frau schaut mich an, und wenn ich es

ebenfalls eilig hätte, dann könnte ich jetzt stinkig sein. Ich lächle. Die Tür

dreht sich wieder. Der, der es eilig hat, wird davon aufgehalten, dass er es

zu eilig hatte. Ich mag das. Es kommt mir gerecht und böse vor. Vielleicht

ist gerecht immer auch böse, aber eben gerecht. Ich finde es nicht

gerecht, dass Ina mich verlassen hat, nur böse. Sie hat mich am Telefon

abgewimmelt, nur mit der Erklärung, dass es nicht passt. Das hat sie mir

hinterlassen wie Schulden einem Erben, der sich jetzt damit herumquält.

Ein Jahr her. Ich habe in dieser Zeit das zusammengeborgte Geld für die

zwei Casablancaflüge abgearbeitet. Ich kann zweimal alleine hinfliegen,

oder einmal mit jemand anders, aber ich will mit Ina.

Ich gehe zum Terminal acht. Das Rattern der Rollkoffer, das Gongen der

Ansagen, die flatternden Schals von Eilenden.

Ich gehe in das Bistro, von dem aus man aufs Rollfeld sehen kann.

Am Fenster ist ein Platz frei. Ich ziehe im Sitzen meinen Mantel aus,

weil es sicher noch eine Weile dauert, bis Ina kommt. Nachdem sie

mich verlassen hatte, habe ich mir den Film nochmal angesehen und

angefangen zu heulen, meinetwegen auch zu weinen. Den Film fand

ich immer noch langweilig, aber geheult hab ich trotzdem. Dabei muss

sich ein Stöpsel gelöst haben, denn seitdem hab ich immer mal wieder

geheult. Aber heute ist es vorbei damit. Heute kommt Ina.

Ich habe schon häufig hier gesessen und zugesehen, wie Flugzeuge

starten und landen. Der Kaffee ist teuer und mies, die Bedienung sehr

nett. Antje und Herr Tesch. Antje arbeitet hier, weil sie Stewardess

werden wollte. Herr Tesch, weil er Pilot werden wollte. Antjes Mutter

war Stewardess und Antje hat sie sehr selten gesehen. Als Antje mir

das erzählte, musste ich heulen. Herr Teschs Vater war nicht Pilot. Herr

Tesch wollte Pilot werden, weil er von Frauen nicht beachtet wurde und

sich sicher war, dass ein Mann, der fliegen kann, beachtet wird. Er kann

fliegen. Er hat die Ausbildung. Er hat die Prüfung bestanden, aber dann

keine Stelle gefunden. Eine Frau hat er auch nicht. Er ist, um ehrlich zu

sein, kein schöner Mann, eher unharmonisch geschnitten. Er hat ganz

weiche Züge um den Mund herum, aber nicht sanft, sondern schwabblig.

Ich finde, er sollte einen Bart haben. Das habe ich ihm auch gesagt, aber

ihm wächst kein Bart, hat Herr Tesch erklärt. Da musste ich heulen.

“Na, Dirk? Einmal unseren feinen Kaffee?”, fragt mich Antje. Ich nicke.

“Und einen Aschenbecher!”, rufe ich ihr hinterher. Ich zünde mir

schon mal eine Zigarette an, im Vertrauen darauf, dass Antje einen

Aschenbecher bringt, bevor die Asche, selbst bei ruhiger Hand, von

allein abfällt. Ich mag diesen Ort, weil er kein richtiger Ort ist. Die meisten

Menschen, die sich hier aufhalten, kommen von einem anderen Ort oder

sind auf dem Weg zu einem anderen Ort. Eine unruhige Mischung aus

Wegwollen, Wegmüssen, Ankommen und schon wieder Wegwollen oder

Wegmüssen. Ich warte auf Ina.

Erstmal kommt Antje mit dem Aschenbecher. Vielleicht ist Antje hübsch,

aber es fällt ihr leichter, so zu tun, als wäre sie es nicht. Sie bewegt sich

nicht bewusst, nur so nebenbei, und sie schaut auch nicht einladend, nur

freundlich.

Antje bleibt noch kurz an meinem Tisch stehen und erzählt mir, dass

Hermann seit mehreren Tagen nicht mehr da war. “Tja, vielleicht hat

er‘s geschafft”, sage ich. Antje glaubt es nicht. Dann muss sie sich um

die anderen Gäste kümmern, Gabi ist da, die will immer viel reden. Und

Jan ist auch da, der braucht jede Viertelstunde eine neue Cola. Und

dann gibt es ja noch die Gäste, die wirklich geflogen sind oder gleich

fliegen werden, die nur ganz kurz hier sind. Aber Hermann ist nicht da.

Hermann hat Angst vorm Fliegen. Er sitzt hier immerzu rum und starrt

aus dem Fenster. Mir hat er noch nicht verraten, warum er Angst hat

vorm Fliegen. Immer wenn ich mir einen Grund ausgedacht habe, musste

ich heulen. Seine Eltern sind abgestürzt, er hat selbst knapp überlebt,

seine große Liebe wohnt in Australien und er kann nicht hin. Vielleicht hat

er vor Schiffen ebenfalls Angst, und darum ist er auf diesem Kontinent

gefangen, den er als Insel begreift, wie ihn kein normaler Mensch begreift,

weil der Kontinent so groß ist, sogar Asien ist ja noch die selbe Insel. Ich

weiß nicht, was mit Hermann ist. Alle, die hier herkommen, nur um hier

zu sein, haben ein Rad ab, nicht alle Schüsseln im Schrank und da auch

noch einen Sprung drin. Ich warte auf Ina.

Jan will nach Amerika, so sehr, dass er immer einen Cowboyhut trägt, als

ob er durch das Tragen des Hutes schon die Hälfte der Strecke geschafft

hätte. Er will ein Star werden. Er hat eine CD aufgenommen, die er mir

ständig zum Verkauf anbietet. “Jan, ich hab doch schon eine!”, sag ich

dann, und Jan erklärt mir, dass er nur noch tausend verkaufen muss. Er

sucht einen Manager und einen Produzenten. “Aber dann geht’s los!”,

strahlt Jan. Er hat ein charmantes Lächeln mit Grübchen. Ich könnte

ihn mir gut als Star vorstellen, aber er singt leider so unbedeutend wie

ein Straßenspatz. Jans Künstlername ist Little Jimmy. Ich nenne ihn

Jan. Antje ist nett, sie nennt ihn Little Jimmy, sie würde mich auch Rick

nennen, wenn ich es wollte. Als Jan mir total aufgedreht erzählt hat, dass

er in der Schule seines Neffen ein Konzert geben darf, im Zeichensaal,

hab ich geheult.

Außer Hermann sind heute alle da. Jan, Antje, Herr Tesch, Gabi und mich

zähle ich nicht mit. Ich warte nur auf Ina.

Gabi war mal verrückt danach, durch diese Piepsschleuse zu gehen und

sich abtasten zu lassen. Im Gegensatz zu Hermann erzählt Gabi jedem

alles und allen jedes. Früher ist Gabi viel mit Billigfliegern innerhalb

Deutschlands herumgeflogen. Sie hat extra metallische Gegenstände

an sich versteckt, sogar im Schlüpfer. Wäre sie deshalb nicht angezeigt

worden, von einem jungen Sicherheitsmann, der sich sexuell belästigt

fühlte, dann wäre sie wahrscheinlich pleite gegangen. Sie sagt, sie ist

davon runter, aber trotzdem kommt sie zum Flughafen, sieht ein bisschen

dabei zu, wie andere durchsucht werden und kommt dann ins Bistro, um

sich zu schämen. Ich musste heulen, als sie mir das erzählt hat, und dann

musste ich mich schnell von Gabi wegsetzen, weil sie versuchte, mich auf

die Toilette zu locken, um wenigstens Sex auf dem Flughafen zu haben.

Vielleicht hätte ich dabei piepsen müssen.

Bis Ina kommt, muss ich meinen Kaffee austrinken. Er ist wie immer mies.

Vom Zucker wird er nicht besser, eher wird der Zucker davon schlechter.

Am Nachbartisch telefoniert jemand sehr laut. Verspätung, Abholen, Taxi,

Anschlussflug, Gepäck, Pass. Ich könnte Wortbingo spielen. Ich würde

immer genau auf diese sechs Wörter tippen. Dann würde ich warten und

die Telefonate belauschen, und wenn ich meine sechs Wörter zusammen

habe, springe ich vom Stuhl auf und schreie “Bingo!”. Wahrscheinlich

würde ich verrückt wirken, dabei bin ich von den etwas anderen Gästen

hier der einzig Normale. Antje ist, glaube ich, auch nicht verrückt, aber der

Rest ist doch hoffnungslos verloren. Ich warte auf Ina, und da kommt sie.

Sie trägt einen schwarzen Mantel mit grauem Kunstfellbesatz, einen

schwarzen Rock, schwarze Schuhe und ihr graues Haar offen. Die Haare

sind nass vom Schnee. Sie ist hierher gelaufen. Sie friert. Ich kann ihre

Beine in den Feinstrumpfhosen zittern sehen. Einige Schneeflocken haben

den Weg durch den Flughafen bis ins Bistro überstanden und glitzern

überall auf Inas Mantel. Sie hat sich geschminkt, etwas, das sie früher nie

gemacht hat. Ein dunkler Lippenstift auf den geöffneten Lippen. Sie sieht

sich nach mir um, ihre Augen weit aufgerissen. Die Schneeflocken tauen,

Wassertropfen sitzen auf dem Kunstpelz ihres Mantels und funkeln. Ina

steht da mit meinem Brief in der Hand. Die Blätter sind nass und zerknüllt

und beben, weil Ina so zittert. Ina trägt schwarze Lederhandschuhe, die

sie langsam abstreift. Sie wischt sich Haarsträhnen aus dem nassen

grauen Gesicht, wobei sie sich weiter nach mir umsieht, ängstlich, ich

könnte nicht da sein und ihr nicht vergeben, hoffnungsvoll, ich könnte da

sein und ihr vergeben, bebend vor Aufregung, mich gleich zu küssen, zu

mir zu stürmen, vor mir auf den Boden zu fallen und zu weinen, meine

Hand zu ergreifen und zu stammeln, dass sie nun weiß, dass ich sie liebe,

dass sie sich daran erinnert hat, was ich gesagt habe und dann hat sie in

das Klavier im Restaurant gesehen und den Brief gefunden, sie hat mich

immer geliebt, immer an mich gedacht, mich nie vergessen können, und

natürlich kommt sie mit mir nach Casablanca. Dort, wo sie hockt, entsteht

eine Pfütze, weil es von ihren Haaren tropft und weil sie weint und weint.

Ihre Augen schwer wie der Himmel vor einem Gewitter, ihre grauen

Augen, die mich anblicken, um Vergebung bittend.

“Ina, steh auf!”, sage ich und hebe sie zu mir hoch. Ihr Gesicht ist ganz

weiß, unter ihrer Nase ist ein schwarzer Schatten vom Oberlicht. So

schön sah sie noch nie aus. “Ina, ich liebe dich!”, sage ich. “Ich weiß”,

sagt sie. Dann sage ich: “Ina, ich konnte dich damals nicht zum Essen

einladen, wollen wir noch etwas essen, bevor wir nach Casablanca

fliegen? Ich bezahle.”

“Küss mich!”, haucht Ina und öffnet ihre grauen Lippen.

Ich seufze. Wie immer habe ich mir alles in Schwarz-Weiß vorgestellt.

Wer weiß, ob der Brief noch im Klavier ist. Vielleicht sollte ich einen neuen

schreiben und ins Klavier legen. Mein Kaffee ist alle, ich bestelle noch

einen.

“Sie kommt heute nicht mehr, oder?”, fragt Antje. Ich zucke die Schultern.

“Warum nicht?”, frage ich. “Wenn sie nicht kommt, wäre ich ja nicht hier.”

Ich zünde mir eine neue Zigarette an und ein Flugzeug landet.

“Und es wäre schade, wenn du nicht mehr herkommen würdest”, sagt

Antje zu den Servietten und schaut mich dann an. Für einen Moment sieht

sie mehr als nur freundlich aus. Ihre Haare streift sie aus dem Gesicht,

und dann kommt Hermann rein. Er hat es auch nicht geschafft. Ich warte

auf Ina.