Valerie Fritsch

Der erste Tod, den ich von innen sah


Dieser Ort war immer allem fern. Winters ein Totland aus Stein und Kälte, herabgeschrumpft zu jener hutzligen Karg- und Dunkelheit, in der bloß die Straßenlaternen unterirdisch aus Schnee und Nebel glommen, und im Sommer mit einer so wehmütigen Natur, als hätte sie sich nie von diesem Winter erholt. Das Haus und die Ställe waren alt, feucht, brüchig. Die Wiese weich von Wühlmauslächern und Hundekot, dass man auch mit schmalstem Schritte einsank in die braune Erde. In der Ferne trugen die gebeugten Rücken der Berge die Gräber und Gipfelkreuze wie eine Last. Auf den Weiden gab es umgestürzte Emaillebadewannen, in denen die Feldhasen schliefen, und morsche Apfelbäume, die irgendwann unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrachen. Draußen waren die Brennnesseln hoch wie Kinder. Drinnen saß meine Großmutter dünn wie ein Zündholz in der ewig überheizten Küche und hielt in der einen Hand den Hund an einem Kälberstrick und in der anderen einen Stock, mit dem sie ebendiesen schlug oder sich selber kratzte. Es war ein Fleckchen Erde, an dem Verderb stets über Gedeih stand, ein Platz empfindlich für essigsaure Gerüche und den großen Schrecken, es war ein Ort ohne Harmlosigkeit. 

 

Nie habe ich meine Großmutter außerhalb dieses Hauses gesehen, es war, als würde ihr Schicksal am Gartentor enden. Der Ort war ihr auf den Leib geschneidert, sie trug ihn erst wie ein Kleid und später wie ein Exoskelett, verwachsen mit der harten Bauernhaut, das sie aufrecht und am Leben hielt solange sie sich in ihm befand. Sie war überzeugt, verließe sie Haus und Hof nur nie, müsse sie nicht sterben, als habe der Tod keine Gewalt auf ihrem Grund und Boden. Sie duldete die eigene Sterblichkeit nicht, eisenkäpfig und starrsinnig, wütete an gegen das Endliche, war weder bereit für Abschied noch Erläsung, mochte sich nicht mit sich versähnen und nicht mit anderen, misstraute jedem fremden Wort, jedem Trost, den man ihr anbot, jedem Wandel, der nicht ihrem Willen unterlag. Sie durchmaß den Garten mit Soldatenschritt, patrouillierte an den schiefen Zäunen, warf sich vor das rollende Auto über die Motorhaube, wenn wir am Ende eines Besuches durch das geäffnete Tor wieder fortfuhren. Obschon sie sehr alt war, wollte sie nicht nur nicht, aber niemals sterben. Einer Unersättlichkeit gehorchend, ernährte sie ihren knochigen Kärper mit eigenartigen Dingen. Abends fand man sie stumm über den Küchentisch gebeugt, eine Greisin in dunklen Gewändern und Gummistiefeln, sich unaufhärlich an Fett labend. Sie aß sich satt, trank einen Würfel geläste Butter aus dem blechernen Milchhafen, läffelte Honig aus den großen Gläsern, die eingeklemmt in den Schoßfalten ihres Rockes lagen, schnitt dem Fleisch das Fett ab, gab den mageren Teil den Hunden und aß die Schwarte selbst. War sie fertig, ließ sie die Hände auf die Holzplatte sinken und starrte in die Wand. Sie hatte knotige, zuckende Hände, die selbst beim Beten unruhig und gierig wirkten. Als sie einmal im Stall gefallen war und man sie erst einen Tag später entdeckt hatte, waren ihre Finger so ineinander gekrümmt gewesen, dass man sie kaum auseinanderzuziehen vermochte, so sehr hatte sie sich festgeklammert am Leben.

 

Als ich ein Kind war, lebte sie das mir fremdeste Leben. Meine Großmutter liebte mich nicht. Ich war mir selbst unsicher, ob sie Menschen überhaupt liebte. Zuneigung verstand sie auch den Kleinsten gegenüber weder als Folgerichtigkeit der Blutsverwandtschaft noch als Folgerichtigkeit eines Kinderlächelns. Liebe als Reflex zum Menschen kannte sie nicht. Wohl war sie manches Mal freundlich, blieb jedoch immer gleichgültig darüber. Ich war nicht traurig, aber immer wieder aufs Neue überrascht. Ich beobachtete sie sehr aufmerksam, um mein Unverständnis aufzuwiegen. Ich sah, wie stets eine hintergründige Bäsartigkeit in all ihren Sätzen lag und dann eine Einsamkeit, von der man nicht sagen konnte, ob sie Absicht war und ob sie wusste, dass sie unter ihr litt. Wie ihre Lippen zum Strich verfielen, wenn sie schwieg. Wie ihr die Ohren taub wurden mit jeder Frage. Wie ihr geschlossener Mund immer einen Schrei zu halten schien hinter den Zähnen.
Nach den Begrüßungen dauerte es nur Minuten, bis alle Anwesenden brüllen mussten, erst aus Notwendigkeit, dass der eine den andern härte, und später aus Verwirrung und Wut. Viele Stunden sah ich diese Menschen einander anschreien mit weit aufgerissenen Mündern, meine Großmutter starr thronend auf einem Gartenstuhl, einem Küchensessel, einer Holzbank, die †brigen sie umkreisend, die Lautstärke der Unterhaltung nur taktend mit Schritten, die sich aufgebracht entfernten und dann wieder angelaufen kamen, im erneuten Versuch, sich doch endlich zu verstehen. Mein Vater lief vor und zurück wie ein gefangenes Tier. Sie hieß ihn faul und hässlich, gemein, dass er nie zu Besuch kam, einen Geizhals, der zu wenig Geld schickte, einen Verräter, weil er vor vielen Jahren nicht am Hof geblieben war, aber Hunderte Kilometer von zu Hause fort studiert und meine Mutter geheiratet hatte. Meine Tante, ihre Tochter, nannte sie eine Fettsau, fett vom vielen Lügen, fett, weil sie so viel log, weil sie log, wenn sie die Goschen aufmachte. Mir schenkte sie nicht einen Blick. Seitdem sie wusste, welche der Weihnachtskekse ihre Enkelkinder am liebsten aßen, buk sie diese Sorte nicht mehr. Ich stand schweigend an den Händen meiner Eltern neben ihren Hosenbeinen und sah mir alles gut an. Ich sagte kein Wort, nur manchmal stellte ich mich vor meinen Vater, um ihn zu beschützen. Als ich älter wurde, schrie ich von Zeit zu Zeit mit, und als ich noch älter wurde, verstummte ich wieder. Diese Besuche. 

Es gab Hass, Vorwürfe und Beschimpfungen. Das erste Mal härte ich, dass meine Eltern jemanden bäse nannten, den ich kannte. Und dass sich ein bäser Mensch Hunde halten muss, die ihn heimlich lieben. 

 

Nachts schlich die Großmutter durch die Gänge des Hauses und fürchtete sich vor Geräuschen und Gespenstern. Wenn sie zu Bett ging, schlief sie ein unter vielen Schichten Decken und bitterem Schlafschweiß. In den schlimmen Nächten schrie sie sich die Seele aus dem Leib in traumwirrer Raserei und nach den guten erwachte sie mit einem Zug von Milde um den Mund, den sie sich vor Schreck abwischte im Spiegel in der Früh. Waren ihr die Menschen auch unbequem, die Tiere liebte sie.
Im Morgengrauen wanderte sie mit dem ersten Licht in den Garten und warf den Nebelkrähen von Milch weiche Semmelstücke zu. Mit Gänsehaut und aufgelästem Medusenhaar stand sie dann zwischen den Tieren, die von den Bäumen geflogen kamen. Der Wind zog ihr die Kleider eng um den Kärper und machte sie noch magerer, als sie war. Einem Konzertmeister gleich, hob und senkte sie die Arme, dirigierte die schwarzen Vägel, die wie Musiknoten um sie herum durch die Luft stoben und irgendwann schwer zurück auf ihre €ste sanken. Dann äffnete sie die Stalltüren und ließ die Schafe und das Pferd auf die Weide, setzte sich auf die Bank vor dem Haus, streichelte die Katze, besah sich die Mäuse, die sie ihr brachte, und riss sie in der Mitte auseinander, damit sie leichter zu fressen wären, befand sie sie für zu groß. Es war der erste Tod, den ich von innen sah. Nie habe ich diesen Augenblick vergessen.
Wie sie den kleinen toten Kärper über die Finger knickte, bis das graue Fell aufplatzte und die Knächlein brachen, als wären sie Zahnstocher. Wie sie den Leib zweiteilte. Wie sie den Kopf in der einen Hand hielt und den Rumpf in der anderen. Wie die Schnurrbarthaare zitterten.
Wie die Katze die auseinandergebrochene Maus langsam davontrug. 

Eine merkwürdige Hassliebe verband sie mit dem Vieh. Jeden Tag verbrachte sie Stunden damit, es zu verzärteln, aber als die Katze in einem kalten Winter drohte zu sterben, war sie so enttäuscht von dem Tier, dass sie es in die Abfalltonne vor dem Haus trug und erst, als es Tage später immer noch nicht tot war, wieder zurück ins Haus nahm.

 

Obschon der Ort nicht nur einem Kind, aber auch allen anderen Menschen beängstigend erscheinen musste, war ich gerne dort.
Ich mochte die museale Unbewegtheit und die Gigantomanie des Hauses, die jeden klein machte, die viel zu großen Räume, als litte es an Riesenwuchs. Seine Totenstille und die Kälte der Mauern, dass man fror, wenn die Hände sie streiften. Die ausgestopften Bussarde in den Ecken im ewigen Sturzflug und das …lgemälde mit den blauen Trauben, so lebensecht, dass die Vägel, die sich sommers durch die Fenster ins Haus verirrten, danach pickten. Mit den Jahren war es niedergegangen. Im ersten Stock wuchsen Glyzinien durchs Mauerwerk und erblühten im Zimmer. Modellflugzeuge hingen an Nähgarn von der Decke und die grauen Kriegsschiffe, die mein Großvater einst gebaut hatte, standen auf den Kleiderschränken und fingen Staub. Seit die Leitungen in einem Winter vereist und gebrochen waren, gab es kein fließendes Wasser. Meine Tante stahl es am Friedhof, füllte es in Kanister und schleppte diese die Gänge der Gräber entlang und an den Begräbnisgesellschaften vorbei. Die Hinterbliebenen waren gebeugt von Trauer, sie selbst geduckt vor Scham, immer ein Gebet auf den Lippen, dass sie nur keiner der Sängerinnen aus ihrem Kirchenchor begegnete. Das Haus war so zugig, dass einem schien, es wehte ein Wind vom Dachboden bis in den Keller hinab. Sommers und winters war es kalt, nur in der Küche herrschte ganzjährig ein ungesundes heißes Klima, das dem alten Herd entsprang, den Holzscheiter heizten und auf dessen Platte man Milch abkochte und stehen ließ, bis man ihr die Haut abziehen konnte. Sie hatte so viele Falten wie das Gesicht meiner Großmutter, war süß und ekelhaft, wenn mein Vater sie aus dem Topf heraushob und mir vor den Mund hielt, damit ich davon abbeißen sollte. Draußen gab es den Garten, übervoll an dunklen Pflanzen und schweren Düften. Drinnen war es kathedralisch, kühl und schmutzig. Am Boden des Flurs brannten Grablichter, weil sie billiger waren als gewähnliche Kerzen. Gab es eine Familienfeier, standen alle noch einmal vom gedeckten Tische auf und trugen vor dem Essen heimlich die dreckigen Teller und Gläser ins Badezimmer, um sie im Waschbecken abzuspülen, bevor die Suppe aufgetragen wurde. Man misstraute allem. Normalität als †bereinkunft gab es nicht, nur jenes Schweigen, das einen Schrei ersetzt, und die übersteuerten Täne der Frauenstimmen, die nicht merkten, dass sie schon lange viel zu laut waren. Meine Großmutter saß der Tafel vor, sagte nicht viel, aber stocherte mit der Gabel abwechselnd im Essen und ihrem dunkel gefärbten Haarknoten. Es gab immer das Gleiche: Frittatensuppe, Huhn und Pfirsichkompott aus der Dose. Bevor der erste Teller noch leer war, hatte schon jemand die Slowenen Untermenschen geheißen und die Prügelstrafe für Schwarzfahrer gefordert. Bei der Nachspeise war alles längst verloren und der eine hatte dem anderen bereits den Tod gewünscht. Umso erbitterter, wenn es sich um einen Feiertag handelte. 

 

Dass dieser Ort je jemandem ein Zuhause gewesen sein sollte, schien mir unvorstellbar. Dass es Kinder gegeben hatte in dieser Welt, in der
Liebe weder Gültigkeit besaß, noch eine Handlungsanleitung war, beinahe unglaubhaft. Mein Vater sprach selten über diese seine Kindheit. Wenn er von seinen Jugendtagen erzählte, dann erzählte er vom hohen Gras der Wiesen und von den Ballen auf den abgemähten Bäden, die wie Schafe aus Heu auf den Ebenen gestanden waren, satt und geerntet. Vom Baden nach der Schule, wenn die Kinder einen ins Wasser warfen und man heimgehen musste mit einem ganzen Fluss in den schweren nassen Kleidern, ihn schleppend wie einen Schatten über die Staubstraßen des Sommers. Er erklärte mir, wie er als kleiner Ministrant in den Ecken des Kirchenschiffes rostige Granaten aus dem Krieg gegen €pfel und Marmeladegläser getauscht hatte. Schimpfte über den Katholizismus, der wie ein gigantisches Lied und ein gigantisches Leid über das Dorf gesungen hatte. Sprach von Schneeverwehungen hoch wie ein Haus und Tomaten klein wie eine Murmel. Berichtete von Lausbubenstreichen, Schlachthäusern und den Zuckerzigaretten, die ihm die Liebhaber meiner Großmutter zusteckten. Von Füchsen, Hasen und Pferden, den Hofkatzen und dem Hund, der, auch als er schon weit weg studierte, Stunden bevor er heimkam ohne Ankündigung, am Gartentor saß und auf ihn wartete, bis er eines Tages auf die Straße lief und überfahren wurde. Auch nach all den Jahren waren die Augen meines Vaters glasig, wenn er sich an das Tier erinnerte, und immer wandte er sich ab und tat, als müsste er niesen. Als Kind schenkte ich ihm dann sehr verzweifelt meinen Stoffhund, und als ich lange erwachsen war, traute ich mich nicht mehr, ihm Trost anzubieten. Er gab nicht viel preis. Niemals erwähnte er meine Großmutter in mehr als einem Nebensatz.
Er sprach vom Land und den Tieren und schwieg von den Menschen.
Er war ein Geflohener, ein Vertriebener, ein Vater-, aber kein Heimatloser. Sein Ursprung steckte ihm in allen Knochen. Selbst der sonderbare Geruch haftete tagelang an seinem Kärper, besuchte er sein Elternhaus. Wie oft musste er duschen, um sich von seiner Herkunft sauber zu waschen. Und doch, einem Zugvogel gleich, kehrte er stets zurück.
Es war, als habe ihm der Ort ein Geburtsmal aufgeprägt. Er wurde ihn nicht los, so weit er auch fortging, kam er doch immer wieder.
Wie hässlich meine Großmutter unsere Anwesenheit auch kommentierte, stets folgte einem Besuch der nächste, einer Wunde eine tiefere.
Die Hoffnung misslang ein ums andere Mal. 

 

In ihren letzten Jahren kamen wir nur noch selten. Obwohl sie nichts mehr fürchtete, sah sie aus wie der Tod. Die Küche war ihre Grabkammer geworden. Mit fleischloser Gestalt saß sie am Holztisch neben dem Ofen, bereit, auch den Untergang zu überdauern. Sie war ein Ghul, ein mageres Wesen mit Basiliskenblick. Hinter den zugezogenen Vorhängen umgab sie eine Dunkelheit, von der man nicht sagen konnte, ob sie sie gebar oder ob sie sich in ihr aufläste und bereits in eine andere Welt hinüber dämmerte. Das lange Haar, noch schwarz gefärbt an den Spitzen, schneeweiß an den Wurzeln, fiel ihr um die kahle Stirne.
Es roch streng. In den Ecken schimmerten Urinlacken, da niemand den Hund je hinausließ. Um sie herum liefen Mäuse über die Kredenz, von denen sich der Hund, den sie mit dem Kälberstrick an den Rollstuhl band, abwandte. Ein einzelner Perlenohrring hing an ihrem Ohr.
Im durchhängenden Schoß ihres Rockes lagen Bräsel, Brotkrummen und eine trockene Semmel, an der sie mit den Fingernägeln schabte. Manches Mal seufzte sie, zog aus ihren Stiefeln eine Packung Extrawurst und fütterte dem Hund die harten, schon durchsichtigen Wurstblätter. Alle paar Minuten gab sie dem Tier zu fressen, als müsste sie sich regelmäßig seiner Liebe versichern. Dann starrte sie wieder in sich hinein und der Hund sehnsüchtig zum Fenster hinaus. Sie konnte kaum noch gehen, ihr Bett hatten wir aus dem ersten ins Erdgeschoß getragen. Wir beugten
uns zu ihr herunter und ein jeder bemühte sich um versähnliche Worte. Meine Mutter sprach meinem Vater vor, was er der alten Frau sagen sollte, so sprachlos hatten ihn all die Jahre gemacht. Ich hatte Angst, dass wir im letzten Augenblick Liebe und Mitleid miteinander verwechselten. Wir versuchten Abschied zu nehmen und aus ihrem Schweigen eine finale Erwiderung herauszulesen. Sie sprach kein Wort, aber als der Pfarrer kam und ihr mitteilte, dass Gott sie bald heimhole zu sich, sagte sie erbost, dass sie auf den Himmel nichts gäbe, weil sie schon ein Zuhause habe. Mit niemandes Segen.