Florian Kessler

Hello


Er blickte wieder mich an, dann das Kennzeichen. Die Männer vom Kleinbus kamen jetzt zu uns nach hinten, alle gegen die nächsten Regenböen in ihre Jacken gehüllt. Einer von ihnen hatte irgendeine Plastikhülle in der Hand, das musste das Warndreieck sein. Der Tramper lachte mit seiner hellen Stimme, blickte auf das verbogene Nummernschild, winkte ab. „Das ist doch nur ein Kennzeichen“, sagte er. „Aber wo sind wir eigentlich, ich meine, in welchem Land?“

Den Kleinbus habe ich schon vor dem Unfall gesehen. Spät am Abend war das, schon hinter der tschechischen Grenze. Eine Weile folgte ich ihm, einfach so. Es war ein Seat, ein neues Modell. Er fuhr nicht schnell. Sein Nummernschild war weder tschechisch noch deutsch. Einfach nur Buchstaben. Es musste ein kleiner Staat sein, oder ein neuer, ich kam nicht auf das Land. Dabei fahre ich viel mit dem Auto herum, ich kenne mich aus mit solchen Dingen. Auf dem Busdach war etwas befestigt, keine Kiste und kein Sarg, dafür war es zu unförmig, auch wenn ich mir kurz vorstellte, die Reisenden brächten einen gestorbenen Landsmann zurück nach Hause. Aber es war bloß irgendein Sperrgut. Zum Teil hatten sie es in diese genoppten Schutzfolien gewickelt, die es in Deutschland im Baumarkt gibt. Die Folien waren schlecht befestigt, sie lösten sich bereits und flatterten im Fahrtwind, dort über dem Kleinbus, am Anfang der Nacht.

Später wollte ich überholen und blieb dann zuerst auf gleicher Höhe. Hinten im Seat war das Deckenlicht an. Die Männer starrten zu mir herüber. Sie sahen aus wie Arbeiter, ich dachte: Das sind osteuropäische Handwerker, die nach ein paar Wochen Arbeit zurück zu ihren Familien fahren. Einer von ihnen lehnte seine Stirn an die Scheibe und schirmte sein Gesicht mit den Händen ab, als wolle er mich in der Dunkelheit möglichst genau erkennen. Er sagte etwas zu den anderen, die anderen lachten. Ich beschleunigte.

Später in der Nacht stand ich auf einem großen Rastplatz hinter Prag, viel weiter südöstlich an der D1. Es war nichts los auf dem Platz. Ein Dutzend Lastwagen mit zugehängten Fenstern, und drüben vor der Tankstelle so etwas wie ein leeres tschechisches Baustellenauto, oder jedenfalls war es orangelackiert. Alle paar Minuten raste ein einzelner Wagen vorbei. Irgendwann muss so auch der Kleinbus mit den Männern und dem Dachgepäck und dem fremden Kennzeichen wieder vorbeigekommen sein. Es war kein Mond am Himmel. Ich stellte den Sitz nach hinten, versuchte zu schlafen.  

Ein Mann kam den Platz entlang. Er sah merkwürdig aus mit seinen wippenden, beschwingten Wanderschritten, dem Pappschild in seinen Händen, dem riesigen Rucksack. Er sah mein Auto zwischen den Lastwagen, stutzte, kam näher, entdeckte mich hinter dem Steuer. Er passte um diese Uhrzeit nicht auf den Rastplatz, mit seinem harmlosen rundem Studentengesicht, seiner Nickelbrille, den gewissenhaft geschlossenen Rucksackgurten über seiner Outdoordjacke. Er hob grüßend die Hand, zeigte mir sein Tramp-Pappschild. Mit schwarzem Edding hatte er SARAJEVO darauf geschrieben. Er schüttelte das Schild ein wenig, lächelte mir aufmunternd durch das Autofenster zu. Ich ließ die Scheibe hinunter. Der Tramper sagte nichts, ich sagte auch nichts, ich wusste gleich, dass er auch Deutscher war.

Später hatte ich noch ein wenig gedöst, während der Tramper in der Tankstelle wartete, seinen unförmigen Rucksack draußen gegen die Fensterfront gelehnt. Wir fuhren los. Es war noch immer Nacht. Es fühlte sich seltsam an, plötzlich nicht mehr alleine zu sein. Er saß mit seinen geöffneten Händen im Schoß, als wollte er nichts berühren und dadurch abnutzen. Er hatte eine bemühte, an allem freundlich interessierte, mich irgendwie ärgernde Stimme. Mühsam, immer auf meine seltenen Antworten wartend, redete er lange über seinen Rucksack und über Gepäck überhaupt, und über die Vorzüge seiner Outdoorjacke und die Vorzüge meiner Outdoorjacke, die beide nebeneinander auf der Rückbank lagen.

Nachts bin ich gerne auf Autobahnen, man sieht dann fast nichts, folgt einfach nur dem Lichtkegel der Scheinwerfer, erkennt nichts als die paar Meter Straße vor sich. Der Tramper blickte kaum hinaus, das störte mich, selbst wenn es nichts zu sehen gab. Er konnte nicht lange stillsein, fing bald schon wieder von Kleidungsstücken an, erzählte irgendetwas von Socken, warum einzelne Socken immer in der Waschmaschine verschwinden würden, in jedem Haushalt gebe es eine riesige Ansammlung einzelner Socken. Das sei wie mit der Verteilung der Schuhe auf der Welt. An der Atlantikküste etwa würden jedes Jahr viel mehr rechte Schuhe als linke Schuhe angeschwemmt, es gebe darüber Statistiken, ob ich davon schon einmal gehört hätte?

Wir fuhren und schwiegen. In die Stille hinein fragte ich ihn, was er in Sarajevo vorhatte, warum er gerade dorthin trampte. Er schien sich über meine Frage zu freuen, lachte, sagte dann, das sei doch klar, warum denn nicht Sarajevo als Reiseziel, von Berlin aus seien das nur vierzehn Fahrtstunden quer durch Europa, und überhaupt, Sarajevo läge doch allein schon aus historischen Gründen nahe.

Ich weiß nicht, ob wir noch in Tschechien oder schon in der Slowakei waren, als wir das nächste Mal länger sprachen. Jedenfalls war es noch vor Bratislava, als der Tramper schon wieder über Schuhe und Anziehsachen überhaupt redete. „Die polnischen Secondhandläden heißen Lumpex“, erzählte er. „Ein Freund von mir hat seinen Freiwilligendienst in Lodz gemacht. Er geht in einen Lumpex und stöbert dort in den Klamotten herum. Er findet eine Jacke, die seinem Gefühl nach einmal ihm gehörte. Er hat sie die ganze Studentenzeit über getragen, er hat nämlich zuerst Geschichte studiert und dann erst das Freiwilligenjahr gemacht, aber das ist eine komplizierte Geschichte. Der Freund von mir ist sich nicht sicher: Hat er seine Jacke in Deutschland überhaupt in die Altkleidersammlung gegeben, oder ist es bloß die gleiche Jacke? Die gut erhaltenen Altkleider aus Deutschland gehen ja alle nach Osteuropa. Und in Deutschland hängen in den Secondhandläden die Altkleider aus Schweden. Die eigentliche Frage ist also, was in Schweden in den Lumpex-Läden verkauft wird, eigentlich müssten das doch die Sachen aus Osteuropa sein.“

Es regnete, hörte wieder auf zu regnen. Von der Uhrzeit her musste die Morgendämmerung da sein, aber wirklich heller wurde es noch nicht. Der Tramper sagte, dass sein Rucksack bloß nach viel Gepäck aussehe, für eine gründliche Europareise sei ein einzelner Rucksack aber niemals viel Gepäck. In Sarajevo sei gutes Wetter, er habe das im Internet nachgeguckt. „Es regnet dort viel seltener. Wirklich, ganz sicher. Ich habe sogar kurze Hosen dabei. Ich habe sie zusammen mit der Jacke und noch mehr Ausrüstung extra bei einem deutschen Wanderausrüster bestellt. In Luxemburg, wegen den Steuern kommen die ganzen Onlinebestellungen nämlich in Wahrheit aus Luxemburg, selbst wenn andere Absender auf den Paketen stehen. Ich will von Sarajevo aus wandern gehen, ich gehe gerne wandern. So richtig wandern darf man dort natürlich nicht, das Gelände ist oft noch nicht geräumt. Aber“, er zeigte aus dem Fenster hinaus, „das Wetter wird sehr gut sein, nachher in Sarajevo werden wir fast schon wieder Sommerwetter haben.“  

Es regnete schwach, den Kleinbus hatte ich fast schon vergessen. Wir schwiegen. Wir mussten die Grenze zu Ungarn überquert haben. Später irgendwann redeten wir noch ein letztes Mal über das Trampen selbst, wie man das ja meistens als Gesprächsstoff mit Trampern macht, was hätte man sich auch sonst zu erzählen. Ich sagte, dass ich Tramper fast immer mitnehme, einfach so, so kommt man an Geschichten heran. „Und warum fahren Sie so viel durch Europa“, fragte der Tramper und gähnte. Auch ich gähnte, inzwischen war auch ich sehr müde. „Es klingt, als wären Sie schon überall gewesen.“ Und dann, als ich nicht antwortete, noch einmal eine Weile später, inzwischen drang etwas Morgensonne durch die Wolken: „Wie weit ist es noch bis Sarajevo? Wo sind wir, ich meine, in welchem Land?“

Dann schlief er schließlich, und ich fuhr weiter und immer weiter. Der Tramper murmelte im Schlaf. Die Hände hielt er noch immer weich offen, als wollte er etwas hineingelegt bekommen. Es waren fast keine anderen Autos unterwegs. Ich drehte mich halb um, wollte unsere beiden fast identischen Outdoorjacken betrachten. Ich hatte meine Jacke auch im Internet bestellt, ebenfalls bei einem deutschen Onlinehändler. Über die Schulter sah ich, dass auch das Tramp-Pappschild mit der SARAJEVO-Aufschrift hinten auf der Rückbank lag. Es lag verkehrtherum, ich sah, dass der Tramper mit seinem schwarzen Edding auch auf die Rückseite ein Ziel geschrieben hatte. Ich hielt das Lenkrad nur mit einer Hand fest, beugte mich noch weiter nach hinten und zog das Schild ganz unter den Jacken hervor. Auf der Rückseite stand einfach nur HELLO, und dahinter ein Ausrufezeichen und ein Smiley. Ich starrte auf das Schild hinunter, rieb mir vor Müdigkeit über die Augen, überlegte, was der Tramper damit wem im europäischen Straßenverkehr hatte sagen wollen. Ich stellte mir vor, wie er damit wandern gehen wollte, in seinen kurzen Hosen im Regen an irgendwelchen Straßen bei Sarajevo. Ich ... Die quietschende, sich überschlagende Stimme des Trampers riß mich zurück.

„Oh – Nein! Nein!“

Ich wurde nach vorn geworfen, ich wurde nach hinten gepresst. Ich schleuderte, das Auto schleuderte. Ich sah den Airbag, ich dachte sehr langsam und immer noch wie schlaftrunken: Das ist also mein Airbag. Mein Airbag ist also weiß. Etwas war vor dem Wagen. Der Wagen stand. Es war jetzt wirklich Morgen, es war sogar hell. Neben mir lachte der Tramper. Seine Tür war geöffnet, irgendwie hing er neben seinem Airbag aus der Tür hinaus.  Ich saß einfach nur da, genau wie vorher. Das Auto machte ein piepsendes Geräusch, das musste die Elektronik sein, dann war es kurz vollkommen still, dann sagte das GPS in ganz gewöhnlichem Tonfall, dass wir uns wieder auf die Straße begeben sollten, es sagte: „Folgen Sie“, Pause, „82,5 Kilometer der Straße“, Pause, „M6. Abzweigung an der“, Pause, „Grenzübergangstelle Kroatien“, es folgte ein langes, schlecht ausgesprochenes ungarisches Wort, dann noch: „Auf dieser Route fallen Mautgebühren an.“ Ich fragte mich, ob der Tramper wirklich richtig bei Bewußtsein war, er lachte immer weiter. Ich griff nach hinten und zog meine Outdoorjacke hervor. Ich öffnete meine Wagentür.

Sofort richtete sich der Tramper auf. Er hielt sich am Fenster fest, das Fenster öffnete sich elektronisch, er sah mich an. Er blutete überhaupt nicht, er war nur sehr blaß.

„Was ist denn“, fragte ich.

„Da vorne sind andere Leute. Wir sind in ein Auto mit anderen Leuten hineingefahren.“

„Bestimmt geht es ihnen gut“, sagte ich, obwohl ich noch keinen Blick nach draußen geworfen hatte.

Ich stieg aus. Natürlich regnete es wieder. Wahrscheinlich hatte ich noch lange gebremst, aber wir hatten ein anderes Auto gerammt. Das andere Auto und mein Auto standen dort an einer Stelle mit einer Art Lärmschutzwand, wegen der man nicht runter von der Straße konnte. Man konnte nach vorn und nach hinten nichts sehen als die leere Autobahn und unsere zwei Wagen.

Der Tramper stieg jetzt auch aus. Ich wollte nach vorne laufen, schaffte aber nur ein paar Schritte. Ich war sehr erschöpft. Der Wagen gleich vor uns war der Kleinbus von gestern Abend. Der Seat, ein neues Modell, seine gesplitterten Rücklichter leuchteten noch. Das Nummernschild war ganz verbogen, es musste ein Staat wie Kosovo oder Moldawien sein, ich hatte keine Ahnung, die Buchstaben ergaben keinen Sinn. Der Tramper hatte auch seine Outdoorjacke von der Rückbank geholt. Er stand auf der anderen Wagenseite, schwankte wie kurz vor dem Umfallen, zog mühselig die Jacke an, lächelte mir schon wieder zu, kämpfte wie ein Betrunkener mit dem Reißverschluss. „Ich gehe gucken“, rief er und lachte beflissen.

Er wankte nach vorne, in einem Halbkreis über die Autobahn. Ich blieb, wo ich war. Manchmal wurde der Regen heftiger. Ich setzte mich auf die Fahrbahn, rückte ein paar Zentimeter nach rechts, falls ein Auto käme. Ich betrachtete eine Distel am Rand der Straße. Sie war grau und in sich verkrümmt, mit Blüten, sie wippte im Wind. Gleich bei ihr lag eine Verschalung aus grauem Plastik, vielleicht vom Kleinbus, und einen halben Meter weiter ein langer, großer Fetzen schwarze Plane, an der der Wind zerrte. Es war diese genoppte Schutzfolie, wie es sie in Deutschland im Baumarkt gibt. Die Folie hing an einem Bündel, einer Pappschachtel. Das musste die Ladung vom Dach des Seat sein, das Sperrgut, da lagen Skistöcke und bunte Skier mit ihren Bindungen, und ein paar Meter weiter, wie vom Unfall an den Straßenrand gespült, ein einzelner rechter Skischuh.

Der Tramper kam mitten über die Fahrbahn zurück getorkelt, auf halber Strecke noch einmal innehaltend, um langsam und behutsam den Reißverschluss seiner Jacke einzufädeln, sein Gesicht leuchtete vor Konzentration. Hinter ihm waren andere Männer, die Männer aus dem Bus. Der Tramper setzte sich neben mich auf den nassen Asphalt, auch für ihn rückte ich ein paar Zentimeter nach rechts, falls ein Auto käme. Der Tramper rieb über seine Nickelbrille. Er zeigte auf die Skier, sagte auf seine eifrige Weise etwas über Skitourismus und dass er selbst sich doch extra kurze Hosen bestellt habe, schwieg dann. Ich deutete auf das Nummernschild vor uns, die unbekannten Buchstaben. Ich fragte, was das für ein Land sei, woher die Leute im Seat kämen. Der Tramper blickte mich verständnislos an, lächtelte dann schon wieder freundlich interessiert. „Die sind in Dresden losgefahren“, sagte er, „die wollen in Sarajevo Skifahren. Skifahren, in dieser Jahreszeit!“

„Aber das Kennzeichen“, sagte ich.